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Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3) cover

Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)

Chapter 31: Ein Grab
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About This Book

The volume gathers lyric poems ranging from intimate love meditations and psychological monologues to mythic and religious scenes, often balancing sensual longing with ethical or spiritual reflection. Imagery of nature, celestial light, dreams, and bodily sensation recurs, and many pieces stage inner dialogues or visionary awakenings that probe desire, guilt, and consolation. Formal variety includes short lyrics, ballads, dramatic monologues, and occasional longer sequences; a distinct section presents verse for children with playful, narrative vignettes. Overall the collection maps shifting moods—erotic intensity, existential unrest, tenderness, and resignation—through dense, image-driven language and recurring motifs of ascent, fall, and renewal.

Als Engel durch die Finsternis,
so wollten wir zu höhern Sonnen;
doch hab ich dich erst ganz gewonnen,
als Gott uns aus dem Traume riß.
Blau fuhr sein Blitzstrahl durch die Weiten
und zwang uns zur Hinunterschau;
da lag die Erde grell und grau
mit allen ihren Wirklichkeiten.
Wie lachte Satan auf zu mir,
als du mich zu verlieren meintest.
Wie schrie er selig, als du weintest:
Sie träumt nicht mehr, sie lebt mit dir!

Drückende Luft

Der Himmel dunkelte noch immer;
ich fühlte tief bis in mein Zimmer
der fahlen Wolken vollen Schooß.
Die Esche drüben drehte schwer
die hohe Krone um sich her;
zwei Blätter trieben wirbelnd los.
Laut tickte durch die schwüle Stube,
wie durch die stille Totengrube
der Holzwurm ticken mag, die Uhr.
Und durch die Türe hinter mir
klang dünn und schüchtern ein Klavier
über den Flur.
Der Himmel lastete wie Schiefer;
ihr Spiel klang immer trauertiefer,
ich sah sie wohl.
Dumpf rang der Wind im Eschenlaub,
die Luft war grau von Glut und Staub
und seufzte hohl.
Und blasser tönten durch die Wände
die tastenden verweinten Hände,
sie saß und sang;
sang sich das Lied, in sich gebückt,
mit dem sie mich als Braut entzückt;
ich fühlte, wie ihr Atem rang.
Die Wolken wurden immer dumpfer,
die wunden Töne immer stumpfer,
wie Messer stumpf, wie Messer spitz;
und aus dem alten Liebeslied
klagten zwei Kinderstimmen mit —
da fiel der erste Blitz.

Aufblick

Über unsre Liebe hängt
eine tiefe Trauerweide.
Nacht und Schatten um uns beide.
Unsre Stirnen sind gesenkt.
Wortlos sitzen wir im Dunkeln.
Einstmals rauschte hier ein Strom,
einstmals sahn wir Sterne funkeln.
Ist denn Alles tot und trübe?
Horch —: ein ferner Mund —: vom Dom —:
Glockenchöre ... Nacht ... Und Liebe ...

Stiller Gang

Der Abend graut; Herbstfeuer brennen.
Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei.
Kaum ist mein Weg noch zu erkennen.
Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen.
Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei.
Vorbei.

Ein Grab

Das sind die Abende, die bleich verfrühten.
Die Georginen, die im Sonnenscheine
wie rot und gelbe letzte Rosen glühten,
stehn fahl, Rosetten aus verfärbtem Steine.
Der Nebel klebt an unsern Hüten.
Komm, Schwester. Dort der Zaun von Erz
umgittert Eine, die zu früh verblich.
Komm heim; mich friert. Sie liebte mich.
Sie hatte nichts vom Leben als ihr Herz;
still tat sie wohl, still litt sie Schmerz.

Klage

In diesen welken Tagen,
wo Alles bald zu Ende ist,
sturmzerfetzte Sonnenblumen
über dunkle Zäune ragen,
Wolken jagen
und den Boden flammenfarbne
Blätterstürze schlagen:
da müssen wir nun tragen,
was wir uns mußten sagen
in diesen welken Tagen.

Einst im Herbst

Durch den Wald, den ernsten alten Wald,
sprangen drei Mädchenrangen;
hatten Flammen von Abendglanz im Haar,
schwangen Zweige mit rotem Herbstlaub,
ließen sie prangen, ja prangen.
Kam ein Herr, ein ernster alter Herr,
durch den Glanz gegangen;
bot ihm eine lachend ein Zweiglein dar,
schönes rotes Herbstlaubzweiglein,
lachend mit blutjungen Wangen.
Stand er lächelnd, lächelnd im ernsten Wald,
während sie weitersprangen;
schwang sein rostrot Zweiglein im Abendglanz,
sah die ihren drei flammengolden
fern noch prangen, ja prangen.

Der gesunde Mann

Meine Frau ist krank, sie
wird wohl bald sterben;
dann kann ich lachen,
dann werd’ich was erben.
O, wie lieb mir das Leben im Leibe schlägt,
wenn ihr Husten mir das Herz zersägt;
hilf Gott.
Da sitzt sie am Ofen
und lächelt ins Feuer;
die Flammen röcheln
so ungeheuer.
Es kocht die Glut, ein Scheit zerspringt,
und eine ferne Glocke klingt:
hilf Gott.

Befreit

Du wirst nicht weinen. Leise, leise
wirst du lächeln; und wie zur Reise
geb ich dir Blick und Kuß zurück.
Unsre lieben vier Wände! Du hast sie bereitet,
ich habe sie dir zur Welt geweitet —
o Glück!
Dann wirst du heiß meine Hände fassen
und wirst mir deine Seele lassen,
läßt unsern Kindern mich zurück.
Du schenktest mir dein ganzes Leben,
ich will es ihnen wiedergeben —
o Glück!
Es wird sehr bald sein, wir wissen’s Beide.
Wir haben einander befreit vom Leide;
so geb’ich dich der Welt zurück.
Dann wirst du mir nur noch im Traum erscheinen
und mich segnen und mit mir weinen —
o Glück!

Trost

Du sahst eine Sternschnuppe fallen;
was hebst du scheu die Hand?
Sieh, kein Stern verschwand:
alle leuchten noch allen.

Wunder

Niemals war es mir ein Wunder,
daß die Bäume, wenn die Blätter fallen,
all schon wieder voller Knospen stehn.
Immer wird nun, wenn die Blätter fallen,
deine Frage mich bewegen:
Kann man traurig auf dies Wunder sehn?

Kalte Frage

Wo bist du nun? Die Täler sind verschneit;
es starrt der Fluß, der gestern noch sich regte.
Ich staune in die bleiche Dunkelheit
wie dort das Licht, das ferne, unbewegte.

Winterwärme

Mit brennenden Lippen,
unter eisblauem Himmel,
durch den glitzernden Morgen hin,
in meinem Garten,
hauch ich, kalte Sonne, dir ein Lied.
Alle Bäume scheinen zu blühen;
von den reifrauhen Zweigen
streift dein Frühwind
schimmernde Flöckchen nieder,
gleichsam Frühlingsblendwerk;
habe Dank!
An meiner Dachkante hängt
Eiszapfen neben Zapfen,
starr;
die fangen zu schmelzen an.
Tropfen auf Tropfen blitzt,
jeder dem andern unvergleichlich,
mir ins Herz.

Kein Bleiben

Immer dichter
flüchtet der Schnee.
Ich steh und seh
die Flocken treiben,
um Straßenlichter,
stumme Gesichter,
immer dichter.
Nur nicht bleiben:
weiter, weiter,
einsamer Schreiter!

Heimweh in die Welt

O wie lange litt ich’s nun, wie stumm!
soll ich denn mein Herz, mein Herz noch töten?
War doch dein, nur dein, in Glut und Nöten;
weißt warum?
Weil mein Herz so wild,
weil es Meere braucht,
wenn der Sturm ins Blut mir taucht,
weil es deine Tiefen so gefühlt!
Doch wenn nun der Frühling wieder sprießt
— o, ich fühls, ich fühls, so stumm ich blieb —
und im warmen Sturm der junge Trieb
schwillt und schießt:
wird mein Herz so wild,
weil es Meere braucht,
wenn der Sturm ins Blut mir taucht,
weil es so in alle Weiten fühlt!
Hast es doch gewußt. Damals im Mai:
als uns auf der Bergwand der Blitz umlohte,
als ich jauchzte und dem Donner drohte,
adlerfrei:
gabst mir deine Hand,
mein in Glut und Schmerz,
sankest mir ans wilde Herz,
unten glänzte fern das deutsche Land.
Und wenn nun der Frühling blühen will
und die herrlichen Blitze wieder glühn
und im Sturm die Meere wieder sprühn:
dann — oh still —
gieb mir deine Hand,
Einmal noch ein Schmerz,
Einmal noch ein deutsches Herz,
dann leb wohl, mein Weib, mein Vaterland!

Über frei Feld

Über frei Feld, mein Hund und ich;
die Frühlingsluft ist dunkel.
Fern staut sich ein Gewitterstrich;
mein Teckel knurrt, er fürchtet sich.
Komm, Teckel.
Er will nicht sehn die Himmelswand,
die Sonne sticht durch Wolken;
blendende Streifen ziehn durchs Land,
ein Scherben blitzt wie Diamant.
Komm, Teckel.
Am Saum der Saat, von Stiel zu Stiel,
schleicht ungewiß sein Schatten;
ein Regen sprüht wie Mückenspiel,
die Tropfen flimmern ohne Ziel.
Komm, Teckel.
Da: jäh am Horizont hin zuckt
der erste Blitz im Jahre.
Ein kurz entschlossner Donner ruckt;
mein Teckel hat sich scheu geduckt.
Hundsseele!