Erster Traum
Ich spürte, ich würde gleich einschlafen. Und ich wünschte es sehr nach den tristen Gedanken, die wegen der abends empfangenen Todesnachricht seit Stunden in mir rumorten. Ich sann noch über den Eigensinn nach, mit dem sich die junge Selbstmörderin die langsamste Todesart ausgesucht hatte; doch ich war schon erlöst von dem Sinn in den Worten, die durch mein müdes Gehirn schossen. Ich hörte beseligt den Drosselgesang, der aus dem Wort Erdrosselung klang, und wunderte mich über die Bilder, die sich aus jedem Satzglied entpuppten. Da stand sie auf einmal deutlich vor mir: die rätselhafte Gliederpuppe.
Wie war sie nur in mein Zimmer gekommen? Da stand sie zwischen Tür und Schrank mit ihrem wachsbleichen Gesicht wie eine Auferstandene. Die großen gläsernen goldbraunen Augen starrten mir so bekannt ins Herz, als hätten sie schon in früher Kindheit über meinen Spielen gewacht. Und ein Schmelz war darin, als ob sie lebten; als ob sie mich liebten; fast mütterlich. Aber natürlich, das schien nur so; ich mußte mich nur recht erinnern. Denn ja, meine Mutter hatte sie ja meinen Kindern zu Weihnachten geschenkt, diese lebensgroße Gliederpuppe; und das Lächeln um die schmalen Lippen blieb immerfort so unbeweglich, wie die Falten des steifen brokatenen Mantels um ihre sanftgeschwungenen Achseln. Ja, sie war tot; tot wie die schönen phantastischen Blumen dieses alten indischen Tempelmantels, der sie bis zu den Füßen hinab verhüllte. Zwischen solchen Blumen spielte ich einst und pflückte einen Strauß davon; für ihre bleichen gefalteten Finger. Damals hatte ich sie noch angebetet. Denn sie thronte auf einem vergoldetem mit Rubinen und Perlen geschmückten Altar und war die Göttin der Barmherzigkeit; das war wohl viele hundert Jahre her. Warum sah sie mir nun so starr ins Herz, als ob ich sie getötet hätte? Sie hatte sich doch selbst entleibt! Ich träumte wohl?
Nein, sie hielt ja noch immer die Finger gefaltet und stand groß zwischen Tür und Schrank. Wenn ich nun mit ihr betete, ob sie sich dann vielleicht rühren würde? Denn sie war doch früher beweglich gewesen; wenn ich an ihre Gelenke rührte, dann klirrten noch die zersprungenen Drähte, bis in den hohlen Brustkorb hinein. Ich seufzte auf, da klirrten sie wieder; und ihre Arme zuckten ein wenig. Ob sie mich niemals mehr anrühren würde? mich immer blos so unverwandt ansehn? Ich spürte ein Stechen in meiner Brust, als ob aus den Drähten elektrische Funken herzuckten. Ich hörte wieder das leise Klirren; oder klang noch immer der Drosselgesang? Ich wollte beschwörend die Hände ausstrecken, aber das Stechen in meiner Brust drang mir bis in die Fingerspitzen. Ich wollte wegblicken — da blickt sie mir nach.
Ich träume ja nur! will ich mir einreden; aber sie blickt auf meine Hände. Auf den Rubinring an meiner Linken; der beginnt zu glühn wie ein Altarlämpchen. Auf den Trauring an meiner Rechten; der beginnt zu glänzen wie Tränenperlen. Und auf den Ring, den mein Vater mir schenkte, als ich noch keinem Weibe gehörte. Warum quälst du mich, Mutter? will ich stöhnen; aber ihr Blick verschließt mir den Mund. Ich will mich aufrichten; ich liege gebannt.
Ihre Augen beginnen zärtlich zu leuchten, und der Glanz der Ringe wird funkelnder. Ihre Augen funkeln begehrlich mit; der Glanz der Ringe erlischt auf einmal. Das sind nicht meiner Mutter Augen! meine Mutter blickt sanft, meine Mutter ist fromm! Das sind auch nicht mehr die goldklaren Augen, die ich einst angebetet habe, weil die Mutter meiner Kinder so blickt. Diese Augen sind schwarz, nein dunkelgrau, und kennen nicht Treue noch Gottesfurcht; es sind die Augen der Selbstmörderin. Warum hast du dich aber töten müssen? will ich sie fragen und höre entsetzt: du hast es doch gewollt, mein Geliebter! —
Ich will es leugnen und sehe ihr Lächeln. Vielleicht hat sie garnicht die Worte gesprochen. Oder vielleicht verstand ich den Sinn nicht; sie sprach von jeher so doppelsinnig. Doch sie läßt den Kopf so sonderbar hängen. Ach ja: ich wollte sie ja erdrosseln. Ich höre wieder den Drosselgesang; aus dem Wald meiner Heimat kommt er her. Gleich wird mein Vater zwischen den Bäumen erscheinen. Nein, es ist ferner Flötenklang. Nein, eine Geige jubelt bang. So hat mein toter Freund einst gespielt, als wir noch kindisch durchs Haidekraut liefen und hinter den Birken die Waldfee suchten. Ach, ein König der Geiger wollte er werden, und kommt jetzt gramvoll dahergeschritten im Gefolge der Königin. Am Waldrand macht der Jagdzug Halt; und wir beugen alle das Knie vor ihr.
Warum blickt sie uns so prüfend an mit ihren silbergrauen Augen? Das ist mein Freund nicht, das bin ich selbst — und die Königin Elisabeth winkt mir. Erhebe dich, Shakespear! flüstert sie; und ich fühle, wie wir uns aufrichten. Er trägt noch die schwarze Scholarentracht, worin er der Schule entlaufen ist, und einen verrückten alten Brokathut mit gelben Papageienflügeln. Denn ich weiß, wir müssen uns wahnsinnig stellen vor der treulosen Königin. Denn sie hat ihn begehrlich angeblickt, als ich gestern „Venus und Adonis“ beim Bankett der Jagdgäste deklamierte; er aber liebt ihre Kammerdame, die Augen wie eine Göttin hat, wie eine Waldfee, wie ein Reh. Das äugt in Todesangst durch die Büsche, und ich stehe und stiere es an wie ein Bluthund. O, wie gut wir uns wahnsinnig stellen können, wenn wir nichts als eine Göttin lieben und solchen verrückten Hut aufhaben! Und nun ahnt sie, wieso er Schauspieler wurde und den armen Hamlet gedichtet hat; und wir schwenken den Hut vor der treulosen Königin, und sie lächelt in Barmherzigkeit.
Sie lächelt immer barmherziger; es dringt uns stechend durch Brust und Gehirn. Ich will ihr den Hut vor die Füße werfen, und tue es, und stehe erstarrt: der Hut hat schwarze Drosselflügel und fliegt zurück auf meinen Kopf. Ihr Lächeln wird so grausam barmherzig, daß ich sie dafür umbringen möchte. Du hast es ja schon getan, mein Geliebter! raunt sie mir unbeweglich zu. Es ist nicht wahr! will ich aufstöhnen; doch sie läßt den Kopf so sonderbar hängen. Ist das die englische Königin noch, oder blos die indische Gliederpuppe? Wenn sie noch lange da bei der Tür steht, wird sie mich wirklich wahnsinnig machen. Warum quält sie den armen Hamlet so? sie ist doch seine leibliche Mutter! Sie hat doch Augen wie eine Gottheit und blickt mir stechend in mein Gehirn. Ob Gott überhaupt nur ein grausames Weib ist? in steter Verpuppung?! die Allmutter! — Aber sie hat ja zersprungene Drähte und läßt den Kopf so sonderbar hängen! — Ich glaube nicht mehr an Gottheiten! knirscht mein erstarrter Mund ihr entgegen. Und mit ungeheurem Triumphgefühl weiß meine Seele: ich träume nur! —
Wenn nur die Drähte nicht immerfort klirrten! das ist doch wirklich verwunderlich. Sie klirren lauter, und immer lauter; so laut wie die kleine alte Orgel in der Kirche meiner Vaterstadt. Ich lese die goldene Jahreszahl 1693 auf dem schwarzlackierten Täfelchen zwischen den elf Apostelbildern. Denn der treulose Judas fehlt natürlich; das habe ich schon als Kind begriffen. „Salvator Mundi“ steht unter dem zwölften Bild, auf klarem, himmelblauem Grund; und neben der eisenbeschlagenen Tür thront lächelnd die Mutter mit dem Kinde. Ich höre die Orgel ihr Lob anstimmen und weine vor Weihnachtsseligkeit. Die silbernen Fransen der Altardecke schwimmen in meinen perlenden Tränen. Ich spiele mit diesen schönen Perlen, und lächelnd sieht mir die Mutter zu. Ich bin wieder Kind auf ihrem Schooß, und wundre mich nun garnicht mehr. Ich bin blos im stillen ein bißchen erstaunt: der Apostel Thomas hat drei Hände. Zwei kleinere, die sind wohlgepflegt; aber aus seinem braunroten Mantel langt eine dritte, große, aussätzige. Die umklammert ein Buch und ist mir entsetzlich. Ich darf mich aber kein bißchen rühren, sonst würde sie nach mir herlangen. Ich starre das Buch an: ob Bücher krank werden können —
und atme plötzlich erleichtert auf: ich erkenne, es ist ja gar keine Hand: es ist nur eine Falte des Mantels, die über das Buch geschoben liegt. Ich möchte sie wegtun, ich darf aber nicht; sonst kommt der Küster und schlägt mir das Buch um die Ohren. Sie dröhnen mir schon; er schlägt immer dröhnender. Er schlägt mich wohl mit Glockenschlägen? Sie schallen mir donnernd ins Gehirn. Nein, Blitze schlagen wohl um mich ein; o Himmel, Hilfe, sie werden mich treffen! Ich will mich verstecken; o Mutter, wo bist du?! Ein blendender Strahl schließt mir die Augen; ich bin getroffen; der Strahl zerreißt mich. Ein unabsehbarer Farbenstrudel spritzt himmelansprühend aus meinem Kopf. Ich schreie vor Wonne: mein herrlich Gehirn! Und eine Stimme erwidert von oben: es ist bis über die Sterne gespritzt. Ich will ihm nach: o himmlisches Licht! Es scheint mir ins Auge; ich erwache.
Auf meinem Nachttisch brannte die Kerze noch, bei der ich, um meine Gedanken zu stillen, in Shakespears Sonetten geblättert hatte; und an der Wand zwischen Tür und Schrank blitzte der Rand des Spiegelglases über dem Bildnis meiner Mutter. Ich schlug das Buch zu und löschte die Kerze.