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Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) cover

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)

Chapter 12: Zweiter Traum
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About This Book

This volume assembles short prose novellas, critical essays, and stage plays that shift between intimate domestic observation and broader cultural reflection. The narratives dwell on family relations, memory, rural childhood, and everyday psychology through concentrated scenes and interior detail. The essays examine art, national culture, reading, and a philosophical-poetic outlook, often linking aesthetic experience to social questions. The plays stage interpersonal conflicts and ethical dilemmas in contemporary settings. Recurring motifs include nature and pastoral reminiscence, tensions between individual feeling and social convention, and a mix of lyrical description with argumentative prose.

Zweiter Traum

Wir gingen die Wurzeltreppe des Hügels hinab, zehn zwölf Mann; oben lag die Försterei in tiefem Schnee. Die klare Kälte machte alle stumm; der Schnee verschluckte das Geräusch der Schritte. Die Teckel hielten sich, vor Frost humpelnd, sorgsam hinter uns im festgetretenen Wege. In dem rauhen Reif der Birkenreiser fingerte die Morgensonne; die starren Nadelbärte der Kiefernschonung sträubten sich aus ihren weißen Pelzen. Es sollte ein Dachs gegraben werden. Ich weiß nicht, wieso dabei schon wieder: mir kam der liebe Gott in Sinn.

Die Hunde gaben plötzlich Laut; Rädergeklapper kam. Um die Ecke aus einem Schleifweg bog die alte Semmelfrau vom Dorf drüben her, auf ihrem Köterkarren hockend; ein schußscheuer Jagdhund zog ihn, der einem Nachbarförster aus der Art geschlagen war. Unsre Teckel, keifend, auf ihn los. Der Hochbeinige weiß nicht, was er dazu sagen soll; den Schwanz eingeklemmt, setzt er sich in Trab. Die Kleinen blaffen lustiger. Er begreift; und hussa, alle Schwänze hoch, stiebt die wilde Jagd, schneeumspritzt, bellend und belfernd den Weg hinunter, die falsche Richtung für die gute alte Frau, die schimpfend und jammernd auf dem stuckernden Wagen sitzt, mit beiden Armen ihre Semmelkiepe umklammernd. Wir, lachend, hinterdrein mit langen Sätzen; am Bahndamm unten holen wir sie endlich ein. Die Teckel drücken sich beschämt zu ihren Herren; wir lohnen die Alte ab. Und ich denke wieder an den lieben Gott.

Schwitzend schreiten wir weiter. Der Schnee fängt an zu blenden und den Augen weh zu tun; die Bahnschienen flimmern. Von der andern Seite her taucht funkelnd ein Flintenlauf über den Damm, eine wohlbekannte Mütze aus Otterfell. „Der Nachbarförster“, sagt jemand scheu; Einer wird bleich wie der Schnee. Jetzt steht der Alte oben, straff, im grünen Galastaat, die nackte rote Faust auf der Krone des Hirschfängers. Sein grauer Kinnbart perlt von Eis, die große Hakennase wirft einen Schatten über die Backenfurchen bis zum Ohr; suchend brennen seine stahlblauen Augen. „Komm her!“ ruft er heiser. Der Bleichgewordene gehorcht. Nun stehn sie mitten auf dem Damm, im stechenden Licht. „Zieh den Handschuh ab!“ hör ich mit Grauen, fühlend, wie sich der Alte beherrscht. „Wo hast du den Ring?“ fragt er drohend. Keine Antwort. Der Alte zittert. Seine Finger spannen sich um den Hirschfängergriff. Ein Ruck: die Schneide blitzt. Bis zur Hälfte; hohnlachend stößt er sie zurück. Mit unsäglicher Verachtung speit er in den Schnee, zum Gehn gewendet. „Vater!“ schreie ich auf, in die Kniee stürzend. Er geht.

Ein Krampf schüttelt mich. Meine starren Augäpfel sehen mich zucken; in weiter Ferne. Sausend peitschen schwere spitze Büschel, Kiefernzacken, gegen meine Stirne. Sie verwandeln sich. Stecheichenzweige rauschen um mich her; ich sehe, wie die roten Beeren lange Kurven durch mein graues Atemnetz reißen. Aber eine weiche Hand legt mir immer wieder, schmeichelnd, ihre Finger durch die Haare. Die gepreßten Zähne lösen sich; ich glaube, ich werde ein Anderer. Der liegt zu ihren Füßen, den Kopf in ihren Schooß gedrückt. „Lebst du denn noch?“ fragt er verwundert. Sie läßt sich in den Lehnstuhl gleiten; das ferne Rot des Frühlingsabends vergoldet ihre hellbraunen Flechten. Neben ihr, auf meinem Schreibtisch, steht ein zartes venezianisches Kelchglas, purpurzart, ein Lilienkelch, golddurchrieselt, und ein meergrün schillerndes Schlänglein ringelt sich darum empor. Ein Stecheichenblatt starrt aus dem Kelch, und eine wachsbleiche Hyazinthe. Die hat sie mir eben gebracht; die üppige Blüte berauscht mich.

„Gieb mir den Ring!“ schmeichelt sie. „Ich kann nicht“, fleht er mühsam; und ich höre ihn mit beklommener Stimme die Geschichte des Ringes erzählen. Den hat der Urgroßvater seines Vaters, der Husarenwachtmeister, nach der Schlacht bei Torgau, für seine Tapferkeit und lange Treue, aus des alten Ziethens eigner Hand empfangen; vielleicht sogar vom großen Friedrich selbst. Er betrachtet das eingepreßte Eisenbild des Königs in dem dünnen goldenen Reifen: „und immer der Älteste erbt ihn.“ Ich höre seine Worte wie im Traum; es ist, als ob ich sie in einem Buche lese. „Gieb mir den Ring!“ schmeichelt sie. Er kämpft mit sich. „Hast du Gewissensbisse?“ flüstert sie; „Du —?“

Was! Will sie mich verspotten? Ich presse drohend meine Zähne an die Knöchel ihrer Hand. Sie nimmt sie lächelnd vom Knie, hält mir die Hyazinthe an die Lippen. Ich schlürfe den Geruch und erinnere mich; „du hast ihn ja schon“, entgegne ich und blicke auf ihre Finger nieder. „Den andern noch“, schmeichelt sie; „den Ring der Andren!“ Ihre grauen Augen werden immer bestrickender.

Ich fühle ein heftiges Zittern; am liebsten möcht ich sie wieder erwürgen. Dann könnte ich wieder der Andren treu sein, die meine Kinder geboren hat. Meine Blicke heften sich herzverwirrt auf den Rubin an meiner Linken; er perlt wie Blut aus einer frischen Wunde. „Gewissen ist der Spuk des toten Gottes“, spricht sie auf einmal meine Gedanken aus, mir ins Ohr. Ich weiß nicht, ob sie es höhnisch meint. Ich wills ihr erklären; sie erhebt sich. „Du bist zu gut,“ haucht sie gespenstisch — „nur gute Menschen haben ein schlechtes Gewissen; — ich hatte nie eins“ — und streift mir den Ring ab. Ich will es ihr wehren; sie entschwebt. Ich will ihr nachstürzen, vergebens; meine Kniee winden sich gebannt am Boden. Ich suche das Wort, das mich frei macht.

Ich stammle Verse, lange flehende Zeilen; sie verliert sich immer ferner in die Nacht. Ich sehe sie geisterbleich verschwinden; nur der Rubin glüht noch wie Blut im Mondlicht. Nein, wie ein Wundmal; der tote Freund! mit seiner Geige schwebt er herbei. Zu meinen Versen beginnt er zu spielen: ferne flehende Töne: von einer Seele, die ihm untreu ward. Die runde Wunde seiner Stirne tut sich auf; Blutstropfen perlen aus der kleinen Öffnung, bei jedem Bogenstrich, die bleiche Schläfe nieder, in den Schnee. Immer näher schwebt die rote Spur; die geschlossenen Augenlider zucken, bleicher als sein Sterbehemd, und ich suche das Wort, das Wort — in unsrer Kindheit wußten wir’s.

Er schlägt die Augen auf, der Geigenbogen stockt, ein Schrecken schlägt mich: das sind nicht seine Augen! das ist die „Andre“! — Meine Blicke erlahmen, mein Mund versagt; meine Finger krümmen sich, ihr Gewand zu betasten — hilf mir! das Wort! — Sie weist auf meinen starren Körper: lange Ketten Verse, wie Spruchbänder, umschnüren meine gezerrte Kehle. Ich lese und lese, mir graut:

Schwere Ringe ... wirb ... ich werbe ...
leere Schlinge ... deine Meinung —
dunkle Kammer ... uralt Erbe ...
Irrtum ... Jammer ... wird Erscheinung —

Wer sprengt die Ketten?! Die Tür springt auf. Lichtschein wie Nadelstiche prallt mir entgegen. Auf der Schwelle steht meine Mutter; mit unsäglichem Kummer blickt sie mich an. Meine Arme mühn sich nach ihr; vergebens. „Sünde an der Mutter deiner Kinder?!“ ringt es sich von ihren Lippen. Mutter! will ich sie anflehn; sie wehrt mir. „Das ist Sünde an Gott!“ flüstert sie weiter. Gott! ringt sich’s von meinen Lippen, laut, das Wort... ich bin wach.

Durch die dunkle Stube lag ein schmaler Streifen Mondlicht grell bis auf mein Bett; er zuckte. Ich sah zum Fenster; da war kein Spalt. Ich wandte den Blick ab; der Streifen glitt mit. Ich weiß nicht, was für ein Licht so zuckte.

Wenn dich zwischen Schlaf und Schlaf
um Mitternacht
dein rasend klopfendes Herz
aus deinen Träumen jagt
— furchtsam stockt dein Atem —
und sich durch dein finstres Zimmer
weiße Schatten vor dir flüchten:
kennst du dieses Grauen? —
Wenn dann aus dem toten Raum
mit starren Augen
ein geliebtes Gesicht
lautlos dir entgegenscheint
und leben möchte:
kennst du dieses Grauen? —
Mit eignen Händen
willst du nach dir greifen
und dich erwürgen
für eine Schuld ...