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Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) cover

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)

Chapter 15: Fünfter Traum
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About This Book

This volume assembles short prose novellas, critical essays, and stage plays that shift between intimate domestic observation and broader cultural reflection. The narratives dwell on family relations, memory, rural childhood, and everyday psychology through concentrated scenes and interior detail. The essays examine art, national culture, reading, and a philosophical-poetic outlook, often linking aesthetic experience to social questions. The plays stage interpersonal conflicts and ethical dilemmas in contemporary settings. Recurring motifs include nature and pastoral reminiscence, tensions between individual feeling and social convention, and a mix of lyrical description with argumentative prose.

Fünfter Traum

Ja, meine Verfolger, ich lache euer! Denn ich kann fliegen, wenn ich will; ich kann aus eigener Willenskraft fliegen! Sie rasen hinter mir her wie gehetzt, eine Meute tobsüchtiger Jäger und Hunde. Aber hier, ich spanne nur meinen Mantel, dann bin ich ihrem Wahnsinn entrückt. Schon schwebe ich über den Eichenwipfeln und lache Halalî auf sie nieder. Ich höre sie brüllen: du Mörder, Mörder! und würden mich alle doch selbst gern morden. Nackt sind sie auf die Jagd ausgezogen, aber dennoch war ich schneller als sie. Wie sie rachekeuchend mir nachstarren, durch die kahlen Eichen die fahlen Gesichter, während ich höher und höher entschwinde! Halalî Hallelûja lache ich nieder und werfe ihnen Handgrüße zu: Ja, ihr seid auferstanden zum jüngsten Gericht, ich aber fliege ins ewige Leben! —

Wie sie kleiner und kleiner schrumpfen, die schreckbefallenen bleichen Leiber: wie Würmer wimmeln sie durcheinander zwischen dem welkbraunen Laubwerk unten, wie ausgegrabene Engerlinge. Ich lasse breit meinen Mantel fallen, um ihre klägliche Blöße zu decken. Schwer schwebt er hinab, denn ich schwebe hinan; mit schwimmenden Armen zerteil ich die Wolken. Was glänzt da her aus dem stahlblauen Äther? ist es ein unbekannter Stern? — Halalî Hallelûja jauchzt mein erkennendes Herz: es ist eine weltbestrahlende Stirn! Sei mir gegrüßt, pfadkundiger Wildrer, du Jagdherr der Frevler, Shakespear, Erhabener! — Er schlägt die entschlafenen Augen nicht auf; traumselig lächelt sein Geisthaupt nur und grüßt mich stumm und bestrahlt meine Bahn. Es grüßen noch manche entschlafene Geister mit sternengleich aufstrahlenden Stirnen und beleuchten meine erhabene Bahn. Es grüßen Rembrandt und Lionardo, und Dante und Goethe, Beethoven, Bach. Es grüßt auch mein Vater und meine Mutter; und fern strahlt ein dornenkranztragendes Haupt.

Wo hab ich dies rührende Haupt schon gesehen? dies schmerzverklärend verzeihende Antlitz? in meiner Kindheit war es wohl. Ich möchte vorüber an diesem Antlitz jetzt; aber dahinter ist alles schwarz. Ich möchte dennoch vorüberschweben; aber es zieht mich näher und näher. Es zieht mich mit seinem Dornenkranz an, der noch heller strahlt als die träumende Stirn. Er strahlt wie ein großes verzweigtes Nest; das Gezweig wächst immer größer ins Weite. Ich möchte dies wachsende Lichtnest umkreisen; aber es weitet sich kreisend um mich. Es wirbelt mich hoch wie einen Funken ins schwarze Unermeßliche. Ich blicke hinab, ich will’s überschauen: ich sehe ein unermeßliches Helles. Ich sehe ein grenzenlos schwebendes Lichtreich: ein tiefes, ringshin ruhendes Nest von unzähligen kreisenden Sternenreihen, endlos verzweigt durch den schwarzen Raum. Mich weht ein Grausen an, ich erkenne: ich bin in einer anderen Welt.

Das Grausen weht inniger, es beseligt; ich fühle, es will mich zur Ruhe wehen. Es weht mich hinab auf das träumende Haupt; wer bist du, wer bist du, entschlafener Geist, auf dessen Haupt mich ein Lichtreich wiegt? — Ich lasse mich willig niederbewegen zu dem leuchtenden Scheitelpunkt in der Mitte; ich sinke mit heller Heimatswonne immer tiefer hinein in das weltweite Nest. Und was wie ein Punkt schien, ist eine Wölbung, eine milchweiß gestirnte unendliche Kuppel, auf deren Scheitelfläche der Nestkranz ruht. Ich staune hinab in den traumstillen Kuppelraum, hinab durch das schimmernde Scheitelgewölbe: das ist wohl Das, du erhabenes Haupt, was wir auf Erden die Milchstraße nannten? Ja, ich sehe sie kreisen in deinem Innern, die Sterne, die Sonnen und jene Erde, wie Blutzellkörperchen deiner Adern, du strahlendes, dornenkranztragendes Haupt! Wie sie zittern, die kleinen Seelchen alle, die sich Welten dünken in ihrem Dunstkreis: ich sehe sie deutlich erbeben im Nebel, vor Deiner weltbegrenzenden Stirn. Und sind meinem Blick doch alle so fern, so grenzenlos fern wie jener Erdball, dem ich durch Wolken entronnen bin in diese verklärte andere Welt. Die Augen fallen mir zu vor Bangen: wer bist du, wer bist du, verklärender Geist? —

Ein silberhell klingendes Lachen weckt mich; hab ich’s geträumt oder leben hier Menschen? Nein, eine Lichtgestalt weilt vor mir; ich schnelle auf, eine Geistin umschwebt mich. Hab ich sie schon auf Erden gekannt? Ihre Augen ermuntern mein Herz so vertraut, als hätten sie schon in früher Kindheit über meinen Spielen gewacht. Ihr Blick ist so innig silbergrau, nein lichtschwarz, nein tief von Herzen goldklar, ganz silber-und-gold-herzinnig klar; ist es die Göttin Barmherzigkeit? — Sie lächelt, sie läßt den Kopf etwas hängen; o süße Schelmin Barmherzigkeit! Sie nickt mir nochmals von Herzen zu; ich lausche, ich höre ihr Seelenspiel klingen.

Die Erde schläft in Nebelschleierschein;
doch kann ihr Atem nicht ihr Leid verdecken.
Ihr träumt, sie würde wach viel freier sein;
es ist wohl Zeit, daß wir sie wecken?!

Ich starre hinab, mir bangt aufs neue. Nein, steht mein Blick, laß die Erdseele ruhn! sie ist voll Rachsucht, sie will nur morden; laß uns den Geist dieses Lichtreiches wecken! — Die Geistin lächelt; weshalb nur wieder? aber ihr Lächeln ermutigt mich. Laß uns ihn wecken! verlangt mein Blick; Ihn, dessen Haupt diese andre Welt trägt, doch unter dessen träumender Stirn jene Erde uns noch immer bannt! Laß seine Augensterne erst leuchten, das wird uns erheben aus diesem Bann! —

Sie lächelt und nickt, ist nickend verschwunden; ich greife verdutzt in leeren Glanz. Ich schwebe wieder allein in den Weiten; nur ihr silberhelles Gelächter klingt noch. Nein, auch ihr Blick ist zurückgeblieben; wie ein goldenes Sternchen schwebt er vor mir, inmitten des silberweiß kreisenden Nestes. Oder nein, es ist ja ein Doppelsternchen! Ja, ein goldklar flimmerndes Zwillingssternchen! ein kleines wirbelndes Sternseelenpärchen! zwei kleine glitzernde Seelensternzellchen, die in eins zusammenzusprießen streben. Ich greife danach, ich schrecke zurück: das eine spiegelt deutlich mein Bild. Ich seh mich hinauf in den Nestkranz greifen, in das kreisende Spiel des Sternengezweiges; — und spielt nicht im andern das Bild der Geistin? — Nein, schon sind beide zusammengesprossen; ich weiß nicht, spielt da mein oder ihr Bild? Es spielt mit den kreisenden Neststernbällen, mit unzähligen, reihenweis wirbelnden, unendlich zellkleinen Zweigsternbällchen; und in jedem Zellstern spielt wieder solch Bildchen. Ich will es fassen; ich greife ins Unfaßbare. Ich merke, es schwebt weit über mir, unermeßlich weit, und sprießt weiter im Schweben, immer weiter in wirbelnden Sternbilderspielen; es scheint nur so klein, weil’s so grenzenlos fern ist. Es wirbelt mich hoch, schon entwirbelt’s dem Nestkranz; und sprießt immer wirbelnder über mir fort, und ein silberhelles Gelächter umstürmt mich.

Ich muß mitlachen, ich blicke hinab; ganz zusammengeschnurrt in schwarzer Tiefe schwebt das weltweite Dornennest unter mir, nur wie ein flaches Korbflechtwerk noch, eine tellerförmige milchweiße Scheibe, auf der sich ein riesenhaft sprudelnder, goldklar von Sternzellen strudelnder, fort und fort wachsender Kreisel dreht. Er schleudert mich mit im sausenden Umschwung, immer höher den schwellenden Rand hinan; ich kann kaum noch das winzige Urzellbild ahnen, das in der Kreiselspitze da unten mit andern solchen Urbildern Ball spielt. Ich ahne nur, wie sich aus jedem Bildstrahl, den es hochsprudelt in den silbrigen Nebel, eine neue Schaar Goldstrahlenbilder entpuppt, aus jedem Weltsternchen eine Sternenwelt, immer riesenhafter emporgegliedert, ein unendlicher Springbrunn von Lichtpuppengliedern, und jedes Glied schon ein ganzes Wesen, ein ganzes Weltpuppengliederspiel, das andere spielende Weltgliederpuppen nach allen Seiten entspringen läßt. Ich möchte eins dieser Wesen betrachten; ich schwebe so nahe an seiner Seite, ich kann seinen Atemkreis brausen fühlen. Ich möchte erkennen, ob’s Mann ist, ob Weib; aber es dehnt seinen riesigen Lichtnebelkörper, den Sterne um Sterne wie Flugsaat durchwirbeln, so stürmisch ins Unermeßliche, daß ich wieder nichts weiter wahrnehmen kann als ein seelenvoll brausendes Gelächter. Und wieder muß ich voll Bangen mitlachen, denn in all meinem Bangen ahne ich jetzt: vielleicht ist dies unabsehbare Glanzspiel, dieser ganze erhabene Sternpuppenkreisel auch wieder nur ein kleines Glied, vielleicht nur die unterste Zehenspitze von einer noch größeren Spielgestalt, die wieder noch größere ausspielen kann — o laß dich erkennen, erhabenstes Wesen! —

Ich starre hinauf zu dem äußersten Lichtsaum: könnt ich nur Einmal ein einziges Leuchten seiner Augensterne aufschimmern sehn! Ich mühe mich, jäher emporzukreisen, dem Bannkreis des Strudels noch näher zu steuern; mir ist, ich tu’s schon seit Ewigkeiten. Ich blicke zurück auf meine Flugbahn; das Sternennest unten ist garnicht mehr sichtbar, es scheint nur die allerunterste Spitze dieses schwebenden Weltenkreisels zu sein. Mir wird so hinschwindend seelenweit, ich kann kaum mehr meine Bewegungen fühlen. Ich kann in dem wachsenden Lichtseelennebel auch nichts mehr von meinem Körper sehen; ich bin wohl selbst eine Lichtwelt geworden. O könnt ich nur endlich das Augenlicht sehen, dem all diese seligen Weltspielpuppen aus ihren Kreisen entgegenlachen! — Ich muß auf einmal auch selig lachen: ich sehe urplötzlich im Innern des Kreisels, rings unter mir, überallher aus den Nebeln, ganze Schwärme von Augenlichtern aufschimmern: alle die hohen entschlafenen Geister, die meine Bahn einst beleuchtet haben, sie erwachen aus ihren träumenden Tiefen und folgen mir höher mit lachenden Blicken. Es erwachen und lachen Rembrandt und Shakespear, Cervantes und Swift, Aristophanes, Nietzsche. Es lacht auch mein Vater, auch unsre Mütter, und jenes dornenumspielte Haupt. Ich will es begrüßen, mein Gruß erstarrt: aus seinem Blick lacht die Göttin Barmherzigkeit. Ich starre hinab von Blick zu Blick: in allen den schwärmenden Augensternen, selbst in Euern Gestirnen, Nietzsche, Rabelais, Shakespear, ihr wildesten Schwärmer, ihr Freunde der Frevler, spielt das Bild der Göttin Barmherzigkeit. Mir schwindelt; ich muß wieder aufwärts blicken! O erwache auch Du, erhabenstes Wesen, erwache aus deiner Gleichgiltigkeit! Erhebe mich endlich zu Deinem Blick! Entreiß mich all diesen wachsamen Augen: sie mahnen noch immer an jene Erde, die doch seit Ewigkeiten dahin ist! Entpuppe dich endlich: wer bist du, Du —

Ich horche erschrocken: was lacht da „Du!“? Und ein Echo lacht stürmisch abermals „Du!“ Will das erhabenste Wesen mich höhnen? O, nur höher! mir bangt nicht mehr! nur zu! — Ich steure noch jäher hinein in den Kreisel, ich lache stürmisch mit „Du, du, du!“ Ich lasse mich ganz in den Lachstrudel reißen: vielleicht kann selbst das erhabenste Wesen mich nur in seinem Innern erhören, da in der innersten Achse da! — Ja, ich höre, nun lacht es „Da, da, da“ —: und siehe, das ganze Weltpuppenspiel beginnt zu nicken, wild, fern und nah. Und immer wilder, mir stockt das Herz: will es mich aus dem Gleichgewicht nicken? Nein, in ganz gleichwilden Weltkreisen nickt es, kreisunter kreisüber mir — da, da, da — mit sternklar barmherzigen Geisteraugen — und lacht ganz gleichgiltig „Ha-ha-hah.“ Es will mich gewiß nur in Sicherheit lachen; ja, die Achse des Kreisels ist schon ganz nah. Ob sich’s da endlich entpuppen wird? Ja! All die Geister da lachen „Ja“ und nicken. Aber was ist das? Ah —: die Achse! — Sie dreht uns immer noch höher! aber mir stockt das Herz immer jäher: verliert sie nicht doch jetzt das Gleichgewicht? — Nein, sie verdreht wohl ihr Seelenlicht? Hahahah, sie verdreht uns die Übersicht! Sie beginnt zu wackeln! o all ihr Geister: das erhabenste Wesen scheint kopfstehn zu wollen! —

Ich höre entsetzt: Alles lacht wieder „Ja!“ — Ha-ha-halt! Barmherzigkeit! Wenn wir fallen: wir fallen ins Bodenlose da! — Da, was seh ich: allmächtiger Himmel, ja: es steht ja schon kopf! — es entpuppt sich! — Ah — —: himmelhoch über mir steht etwas da: mittenauf aus den wackelnden Seelenwelten steht die Kreiselkrone in Gloria — und ist eine — was? — eine Sohle?? — ja: eine riesige wacklige Weltseelensohle, von unzähligen Zehenspitzen umzappelt. Ich erkenne, sie will uns noch höher zappeln: sie beschirmt unsre Welt wie ein maßloser Fallhut: wir zappeln in einer ungeheuren, allweltenhütenden Urweltpuppe, die auf ihrer Hutspitze bodenlos kopfsteht, und deren Bauch sich vor Lachen schüttelt. Er schüttelt uns mit, immer mit, hahahah! Macht Halt, ihr Geister, sonst platzt er! Da —: er platzt — ich muß mich vor Lachen umdrehn. Hahahah, all die Weltgeister drehn sich mit um! Hahahah, sie verdrehn mir Hören und Sehen! Hahahah, das erhabenste Wesen rächt sich! Hahahah, es läßt mich vor Lachen sterben — mir gehn alle Augen über, nein auf! — ja auf! endlich auf! — Was? — bin ich denn wach? —

Ja, ich saß mit offenen Augen im Bett; und mittenher durch mein halbdunkles Zimmer langte ein goldheller Morgenstrahl, voll unzähliger wirbelnder Sonnenstäubchen. Es war also doch ein Spalt in dem Fenstervorhang. Ich stand auf, machte vollends hell und besann mich; dann warf ich die abends empfangene Todesnachricht aus meinem Shakespear in den Papierkorb. Ich wußte nicht: sollte ich wie ein Kind ein dankbares Morgengebet verrichten? oder Gott, Welt und Leben zum Teufel wünschen? Ich weiß es noch heut nicht, du himmlischer Quälgeist, o allbarmherzige Phantasie!

Wer bist du? „Wer du willst!“
Wo wohnst du? „Wo du’s fühlst!“
Lebst wohl im Lichtstrahl still?
„Wohl auch im Staubgewühl!
Bürst mein Hütlein,
klopf dein Kittlein,
so kannst du merken, wer ich bin,
wieviel goldne Wunderwelten in uns glühn!“