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Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) cover

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)

Chapter 25: Kultur und Rasse
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About This Book

This volume assembles short prose novellas, critical essays, and stage plays that shift between intimate domestic observation and broader cultural reflection. The narratives dwell on family relations, memory, rural childhood, and everyday psychology through concentrated scenes and interior detail. The essays examine art, national culture, reading, and a philosophical-poetic outlook, often linking aesthetic experience to social questions. The plays stage interpersonal conflicts and ethical dilemmas in contemporary settings. Recurring motifs include nature and pastoral reminiscence, tensions between individual feeling and social convention, and a mix of lyrical description with argumentative prose.

Kultur und Rasse

Ein Gespräch zwischen Künstlern

Ein deutscher Dichter und ein jüdischer Maler waren einander in Verehrung zugetan, trotz oder wegen ihrer sehr verschiedenen Begabung. Den Maler reizten simple Motive, die er mit räumlich packender Rhythmik in verwickeltem Lichtspiel zu zeigen verstand; der Dichter ließ sich umgekehrt meistens von komplizierten Impulsen anregen, die er bei rhythmisch lebhaftestem Tempo in unvermutet einfachen Zusammenklang zu setzen wußte. Gemeinsam war ihnen also nur, was allen vollkommenen Künstlern gemeinsam ist: ein stark beweglicher Scharfsinn bei gründlicher Gemütsruhe. Das gab dem persönlichen Charakter des Juden eine sprunghafte Schlagfertigkeit, die sich mit Vorliebe hinter der Maske berlinischer Fopperei versteckte; an dem Deutschen dagegen prägte es sich in einer hartnäckigen Spannkraft aus, die sich nach Art des märkischen Landvolkes gern etwas nückeboldig stellte.

Als Leute, deren Zeit kostbar war, sahen sie einander nur selten; aber jeder verfolgte des Andern Arbeiten mit angelegentlicher Aufmerksamkeit. Nun hatte der Maler ein Bild ausgestellt, dessen dramatisches Pathos beträchtlich von seiner sonst mehr lyrischen Verve abstach und infolgedessen viel Kopfschütteln erregte; da konnte der Dichter nicht unterlassen, ihn doch einmal wieder zu besuchen, um ihm für diesen neuen Beweis seiner rastlosen Entwicklungskraft ein respektvolles Kompliment zu sagen.

Das Gemälde zeigte ein nacktes Weib von mänadischer Gelenkigkeit, wie es sich auf verwühltem Lager über einem stiernackigen, wollustgeschwächten Kerl hochreckt, in der Rechten irgend etwas Blankes wie eine sieghafte Waffe hebend, bis zu den Hüften vom Zwielicht des Morgens und einer Kerzenflamme beglänzt, während sich der schlaftrunkene Mann an ihrem Schooß im Halbschatten wälzt. So nahm sich die Geberde des Weibes wie ein geschmeidiger Hohn auf die rohe Kraft aus, wie ein Sieg wachsamer Geistesgegenwart über plump verschlafene Sinnlichkeit, ein fleischgewordener Triumph der raffinierten Intelligenz über den brutalen Instinkt, mit einfachster Wucht in feinste Beleuchtung gerückt. Der Maler hatte das große Werk „Judith und Holofernes“ getauft, obwohl es lediglich durch die Idee auf die biblische Legende zurückwies. Kein orientalischer Teppich verliebreizte das Lager, und die Mänade konnte nach ihrem Typus irgendeine zigeunernde russische Fürstin oder deutsche Prinzessin sein, der Mann ein x-beliebiger braver Zirkusathlet. Der deutsche Dichter wollte jedoch von diesem Gesichtspunkt nichts merken lassen, sondern sprach vor allem seine Bewunderung über die schwungvolle Raumwirkung aus; worauf sich folgende Unterhaltung entspann.

Der Jüdische Maler: Na ja, sehr schön. Aber nicht wahr, die Hauptsache ist doch: das Ding hat Rasse von oben bis unten!

Der Deutsche Dichter: Wenn Sie also doch davon sprechen wollen, dann muß ich Ihnen offen gestehen, ich sehe eher etwas allgemein Menschliches.

D. J. M. Sie sind wohl allgemein übergeschnappt? So’was kann doch blos einer, der Jude ist, machen!

D. D. D. In der Tat blos Einer, nämlich Sie.

D. J. M. Na ja, weil ich eben noch Vollblut bin; die Andern sind meistenteils schon alle so ins allgemein Menschliche vermanscht.

D. D. D. Ich glaube nicht mehr an das Rassendogma; wenigstens nicht, soweit es seelische Werte und geistige Leistungen begründen soll. Bei den künstlichen Tierrassen ist das von selbst ausgeschlossen, denn die züchtet ja erst der menschliche Geist. Aber auch die natürliche Rasse kann höchstens für körperbauliche Eigenschaften eine Grundbedingung sein, eine neben mancherlei andern; vielleicht aber gar keine Grundbedingung, sondern immer nur ein Endergebnis aus langen seelischen Sonderbestrebungen einer Gemeinschaft beliebiger Einzelkörper gegen die gefährliche Umwelt, eine Art Schutzmarke auf Gegenseitigkeit, die dann wieder neue Arten herbeiführen kann, durch neue Anlässe zur Gemeinschaftsbildung. Wie soll denn durch Rasse, dies allerallgemeinste Merkmal oberflächlicher Unterscheidung, die künstlerische Begabung erklärt werden, die allereigentümlichste Sonderlichkeit, die nur von den gründlichsten Kennern geistiger Werte vollkommen erkannt und gewürdigt wird, gleichviel von welchem Rassekörper!

D. J. M. Sie haben sich da ’ne lange Strippe von Geist und Seele zusammengedreht. Aber ich will Ihnen mal was sagen, ganz einfach, ohne Textilapparat: Dumm muß der Künstler sein, dumm und geil! und das kann blos ein Rassekerl! Ich meine, so richtig dumm und geil; cum grano salis, wissen Sie.

D. D. D. Und wahnsinnig! Gleichfalls cum grano salis.

D. J. M. Und ein Frechdachs! Sie wollen mich wohl uzen, Verehrter?

D. D. D. Ich wollte Ihrer gesalzenen Weisheit blos einen rassepsychologischen Wink geben, aus welchem Pökelfaß sie stammt. Dumm, geil und verrückt — das ist der Künstler, wie er heute bei allen Professoren der höheren Zoologie im Buch steht.

D. J. M. Na, ich meinte natürlich nur: während er Kunst macht! Im Leben kann er der klügste Geschäftsmann und bravste Familienvater sein; je klüger und braver, umso besser für ihn.

D. D. D. Also während er Kunst macht, soll er gewissermaßen seine besseren menschlichen Qualitäten an den Nagel der Theoretik hängen. Ich fürchte nur, daß er dann zugleich seine besseren Rassequalitäten mit weghängt.

D. J. M. Nanu, so plötzlich? Sie haben doch eben ganz deutlich gesagt, Sie glauben an solche Qualitäten nicht!

D. D. D. Ich nicht; aber Rassetheoretiker glauben, daß Familiensinn und Lebensklugheit die besonderen jüdischen Tugenden sind.

D. J. M. Ja natürlich! Was blieb uns denn auch weiter übrig, solange wir im Ghetto hockten —

D. D. D. und nachdem in aller Herren Ländern aus einigen tollkühnen Nomadenstämmen, die wahrscheinlich auch bereits nur zur Hälfte echte Semiten gewesen sind, allmählich eine brave Sippschaft von allerlei Krethi und Plethi geworden war.

D. J. M. Also Karnickel- und Hasen-Hecke. Na ja, das stimmt, da haben die Antisemiten ganz Recht: das ist heute genau solche jüdische Spezialität, wie’s auch deutsches Vettermichelpack gibt. Aber was hat das speziell mit Kunst zu tun? Die verdolmetscht doch eben das Generelle! Da entpuppt sich das ursemitisch Rassige wieder.

D. D. D. Merkwürdig nur, daß das alte Volk Israel, solange sein Hauptstamm wirklich noch reinrassig war, d. h. längstens bis etwa zur Zeit Samuelis, fast gar keine Kunst hervorgebracht hat; die spärlichen religiösen Psalmen, die vielleicht in die Zeit vor David zurückreichen, sind doch wohl erst embryonische Dichtkunst.

D. J. M. Nebbich! Das war ihnen doch verboten! Siehe Moses: Ihr sollt euch kein Bildnis noch Gleichnis machen.

D. D. D. Mir deucht, in einem kunstfähigen Volk hätte solch Verbot garnicht erst laut werden können. Was meinen Sie wohl, was die Griechen gesagt hätten, wäre Solon ihnen mit so’was gekommen! Das haben sich nicht mal die Deutschen bieten lassen, die doch, solange sie reine Germanen waren, gleichfalls kein nennenswertes Kunstvolk gewesen sind; und dasselbe gilt von den alten Römern. Überhaupt: betrachten Sie’s mal historisch! Die sogenannte reine Kunst entsteht überall erst in Mischvölkern, also wo mehrere Rassen einander kreuzen und — mag man das nun einen günstigen Zufall oder „Ergänzung passender Anlagen“ nennen — eine neue zu bilden beginnen. Da tritt dann die Kunst gleichsam vorbildnerisch auf, aus Verlangen nach neuem Menschentum.

D. J. M. Meschugge ist Trumpf! Oder sind Sie wirklich verrückt?

D. D. D. Ja, ich will wirklich einmal so verrückt sein, die physische Rasse als Element für psychische Phänomene gelten zu lassen. Dann wüßte ich nicht, wodurch aus so einfacher Ursache ein so mannigfach lebensvolles Ding, wie es jedes starke Kunstwerk doch ist, auf natürliche Weise entspringen sollte, es müßten denn mehrere solche Elemente in dem Künstler verbunden sein. Der machtvollste Künstler wäre dann der, in dessen Familie sich nach und nach alle Kulturrassen abgelagert hätten. Aber Sie sehn mich ja weiß-Gott an, als ob Sie mich für irrsinnig hielten.

D. J. M. Nein, dichten Sie nur ruhig so weiter! Ich habe mir blos Ihr Gesicht angesehn. Ich werde mal fix ’ne Skizze von machen; Sie sehn ganz apart aus, wenn Sie so dichten. Und das mit der Rassenablagerung, das kann ja auf Ihr Gesicht ganz gut stimmen.

D. D. D. Ahah, Sie meinen, ich rede pro domo?

D. J. M. Na, ich habe neulich mal wo gelesen, Sie sollen ja so’ne Art Slawe sein, aus Wendisch-Buchholz oder so her.

D. D. D. Da könnte ich Ihnen nun leicht beweisen, daß ich ein waschechter Deutscher bin, bis ins 17. Jahrhundert zurück. Meine väterlichen Vorfahren waren niederschlesische Handwerker, ein paar Schmiede, ein Zimmermeister, ein Seiler, ein Tierarzt und ein Laborant; meine mütterlichen teils märkische Bauern, teils thüringische Beamten und Fabrikanten, mit einem rheinischen Nebenzweig. Die Familiennamen haben in allen Linien den sogenannten reinen Klang: außer meinem eignen deutschdämligen Namen noch Fließschmidt, Hillmann, Weidner, Zahn, Oehme, Eule und Eyle. Nur in dritter Linie, von Vaters Seite, kommt der slawisch klingende Name Tschorsch vor; doch ist er wahrscheinlich aus deutschem Georg oder Jörge vertschechisiert, oder vielleicht aus französischem George verdeutscht. Ich könnte mich also vor jedem Teutobold mindestens ebenso gut als Germanen aufspielen, wie man Luthers böhmakisches Gesicht oder Bismarcks wendischen Rundschädel ins Germanische umdichten will; bin aber trotzdem überzeugt, daß ich — wie mehr oder weniger jeder Deutsche seit der Völkerwanderung — nicht blos slawisches und keltisches, sondern wahrscheinlich auch romanisches und vielleicht sogar mongolisches Blut in meinen werten Adern beherberge.

D. J. M. Da säße ich also da „mit’s Talent“, als so’n kümmerliches semitisches Inzuchtgewächs.

D. D. D. Ja, wenn Sie wirklich ein echter Hebräer wären?

D. J. M. Na, hören Sie mal, erlauben Sie mal, ich soll Sie wohl wegen Verleumdung verklagen?! Wollen Sie etwa meine leiblichen Urgroßmütter für lauter Herodiäser erklären?

D. D. D. Oh, zwei bis dreie genügen wohl schon; und wenn ihre Gatten Herodesse waren, werden Sie’s ihnen wohl nicht verdenken.

D. J. M. Na, Spaß beiseite! Ihr Schädel wirkt propper; Sie sitzen faktisch briljant Modell. Sitzen Sie jetzt mal ein bißchen stille! Sehn Sie sich mal derweil meine Augenbrauen und Nasenwurzel und Stirnbogen an! Sehn Sie: so’was, das gibts nicht bei allgemeinem Menschmansch, das ist ganz apartes Rasseprodukt.

D. D. D. Mag schon sein; die Oberstirn scheint mir vlämische Rasse, die Augenknochen spanische. Ihre Familie ist ja wohl zum Teil aus Spanien über Holland gekommen; und der belgische Architekt Van de Velde hat einen ganz ähnlichen Gesichtsschnitt, obgleich er wahrhaftig kein Jude ist.

D. J. M. Nein, wahrhaftig nicht. Aber apart ist er auch. Faktisch ’n ganz famoses Kerlchen; rassig bis in die Fingerspitzen. Wer weiß, vielleicht ist er doch ’n Jude!

D. D. D. Sagen Sie mal, Sie Rassemensch: Sie haben doch englische Vollblutpferde gemalt. Halten Sie die etwa nicht für rassig?

D. J. M. Na, und ob! Ach so, Sie möchten mich wieder döppen?! Na aber, das hab ich doch gleich blos gemeint: da hat sich eben die angelsächsische mit arabisch-türkischer Zucht gekreuzt und schließlich ’ne neue Rasse gebildet. Aber sein Sie mal jetzt ’ne Sekunde lang stille; mir stimmt was nicht an Ihrer Stirn. Einen Moment blos, ich werds gleich haben. Faktisch ’ne ganz verflixte Stirne; von vorne breit wie’n heraldischer Bulle, und im Profil schlank retour wie’n Lämmergeier — Sie wollen gewiß auch ’ne neue Rasse gründen! — Bitte, blos’n Moment noch, dann bin ich so weit! — So: jetzt los auf die Weltgeschichte! Dichten Sie bitte ungeniert weiter!

D. D. D. Also — Tatsache ist doch Folgendes: Ob nun im alten Ägypten und Hellas, oder im mittelalterlichen China und Indien, oder im späteren Japan und Persien, oder in der europäischen Renaissance — eingerechnet die Vorstufen, byzantinische wie maurische, romanische wie gotische — überall sind die kurzen Epochen höchster künstlerischer Kultur erst dann reinlich hervorgetreten, wenn sich durch Kriegs- oder Handelszüge verschiedene Volksstämme oder Nationen innig miteinander befaßt und neue Staats- oder Standesformen, Herrschafts- oder Gesellschaftsklassen durch Mischheiraten angebahnt hatten. Sogar bei den verschollenen amerikanischen Kulturen ist von der Forschung festgestellt, daß die großen Tempel der Azteken und Inka erst nach langwierigen Eroberungskämpfen zwischen diversen indianischen Rassen entstanden. Und heute, wo sich in Nordamerika aus dem allgemeinen Menschmansch, wie Sie zu sagen belieben, eine neue weiße Rasse langsam herausschält: erst heute zeigen sich dort auch die Anfänge einer spezifischen Yankeekunst, recht respektabel bereits in der Poesie und in der profanen Architektur, passabel auch in der Malerei. Nun aber gar das moderne Europa! Woher denn auf einmal seit etwa 50 Jahren die Hochflut aller möglichen neuen oder doch neu-sein-wollenden Kunstrichtungen, von Skandinavien und Rußland bis Frankreich und Spanien?! Sollte es blos ein Zufall sein, was auch hier wieder unverkennbar vorausging: die Durcheinanderwürfelung aller Nationen durch die Napoleonischen Kriege, die Entfesselung internationaler Tendenzen durch Handel, Industrie und Technik, die enorme Steigerung des Völkerverkehrs durch die Eisenbahnen und andre Transportreformen, und zu alledem noch als wahrer Rassenextrakt eine Fülle nie dagewesener Mischungsversuche durch die Emanzipation der Juden!

D. J. M. Sieht ja ungeheuer verführerisch aus, Ihre Destille von Menschenblut. Aber wissen Sie: Kunstrichtungen, unter uns gesagt, das sind doch wohl eigentlich immer die Künstler. Na, und die Künstler, die Richtung machen, das sind eben die paar urigen Kerls, die sozusagen noch koscheres Blut genug haben. Sehn Sie sich doch mal selber im Spiegel! Haben ’ne richtige deutsche „Schusterneese“. Brauchen mir garkeine Flappe zu machen; Goethe hatte auch solchen Zinken.

D. D. D. Und hatte außerdem Augen und Lippen, wie man sie sonst nur an italiänischen Frauen sieht.

D. J. M. Sie, sagen Sie das blos nicht zu laut! Sonst steigen Ihnen die Deutschen aufs Dach.

D. D. D. Wie kommt es denn aber, daß die Deutschen, solange sie „sozusagen noch koscheres Blut genug“ hatten, also längstens bis etwa zur Zeit Karls des Großen, keinen einzigen namhaften Dichter gezeitigt haben, von anderen Künsten garnicht zu reden! Wo doch die Griechen schon vor der geschichtlichen Zeit mit Amphion, Eumolpos und Musäos, Orpheus, Homer und Hesiod paradieren. Sind das auch nur fingierte Namen, so beweisen sie doch das Volksbedürfnis nach vorbildlichen Kulturpersonen; nämlich die Griechen hatten sich damals schon mit allerhand fremdem Volk gemischt, von Illyrien bis Asien und Ägypten. Und wie kommt es, daß all die winzigen Rassen, die wir heute noch wirklich rein nennen dürfen, entweder weil sie von Hause aus keine Anlage zur Vermischung hatten, vielleicht auch blos keine Gelegenheit, oder weil sie erstarrte Mischrassen sind, also die sogenannten wilden Völker — vom Pescheräh bis zum Eskimo, vom Australneger bis zum kapländischen Buschmann, vom indischen Paria bis zum Sioux-Indianer — gar kein Kulturgenie im Leibe haben, geschweige hohe Kunstbegabung?

D. J. M. Na, Sie! das liegt doch klar auf der Hand. Wo alles die reine Unzucht ist, kann keine reine Zucht draus werden. Natürlich muß mal erst Mischung kommen, damit sich die bessere Rasse selbst auskennen lernt —

D. D. D. und dann dieselbe reine Unzucht weiter treibt?

D. J. M. Nein, Sie müssen mich nicht für’n Bählamm halten. Natürlich kapert sie dann allmählich auch die besseren Elemente der andern Rasse.

D. D. D. Sehr richtig! Was ich vorhin schon sagte.

D. J. M. Nanu? Das ist doch nichts allgemein Menschliches! Allgemein menschlich ist leider Gottes, daß sich auch schlechte Elemente mit einmischen.

D. D. D. Das würde ich lieber allgemein hündisch nennen.

D. J. M. Auch recht! Meinethalben! Sie müssen’s ja wissen. Sie sind ja wohl auf Erotik geaicht.

D. D. D. Ja; von den Rasseschweinen nämlich. Eigentlich kommt mirs auf bessere Leser an.

D. J. M. Na, sein Sie nur friedlich! Ich meinte ja grade: wenn der viehische Kuddelmuddel zu doll wird, dann gibts eben so’n paar bessere Menschen, wie die richtigen Künstler doch wohl sind, und in denen muckt was dagegen „uff“. Was muckt denn da uff, Sie Mann mit’s Talent? Doch wohl das Tröpfchen stärkere Rasse, das Sie noch irgendwo im Gemächte haben! Das nenne ich Reaktion der Persönlichkeit gegen das allgemein Menschliche! Da zeigt sich eben die reine Natur!

D. D. D. Schön; immerhin sind wir schon einig darüber, daß man mehrere Rassen im Blut haben muß, damit sich eine davon als die stärkere fühlen und mit ihrer „reinen Natur“ hervortun kann. Aber nun bitte, sagen Sie mal: es ist doch eine sehr seltsame „Reaktion“, daß z. B. Sie enragierter Jude die norddeutsche Landschaft samt ihrem Volksschlag, von Hamburg bis hinter Amsterdam, mit solcher natürlichen Kraft gemalt haben, wie bis jetzt noch kein holsteinscher oder friesischer Künstler. Warum hat denn Ihre Persönlichkeit, will sagen Ihre reine Natur, nicht lieber semitisch reagiert? Und warum hat z. B. der Holländer Rembrandt so wenig germanisch reagiert, daß er seine Motive und Modelle mit Vorliebe aus dem Judenviertel nahm?

D. J. M. Ja wissen Sie, wenn ich ehrlich sein soll: das hab ich mich auch schon manchmal gefragt. Auch warum ich blos blonde Weiber liebe.

D. D. D. Das ist nicht so sonderbar, wie es scheint; grade die sogenannten Kulturrassen sind seit jeher auf Weiberraub ausgegangen, offenbar weil eben nur durch Blutmischung Kultur entwickelt und fortgepflanzt werden kann. Übrigens ist Ihre Judith doch dunkelhaarig, wenn auch keineswegs von semitischem Typ.

D. J. M. Na, solch Biest, das soll man doch eben nicht lieben! das kann man meinthalben vor Haß bewundern!

D. D. D. Ja, und sehn Sie, mir gehts grade umgekehrt: Ich stamme aus durchweg blauäugigen und überwiegend blonden Familien und liebe die dunkeln jüdischen Frauen. Ich finde bei keiner andern Art Weib so viel hellen Geist mit seelischer Glut verbunden. Es gibt ja freilich auch da böse Kreuzottern und allerhand gute Gänse und Schäflein; aber die besseren sind doch geborene Heldinnen, Richterinnen und Priesterinnen, um nicht zu sagen Göttinnen.

D. J. M. Sie, jetzt schwärmen Sie aber, weiß der Herrgott, wie’n erotischer Muselmann!

D. D. D. Oder vielleicht, von christlichem Standpunkt betrachtet, wie ein heroischer Jesuit — blos daß ich keine himmlische Jungfrau, sondern möglichst viel irdische Musterweiber züchten möchte. Und da dürfte ein bißchen Menschenliebe doch vielleicht etwas fruchtbarer sein als der beliebte Rasseninstinkt, der sich meistens doch recht zuchtlos geberdet und in der Regel nur als Vorwand dient, um den gemeinen Menschlichkeiten des Hasses und Neides nach Willkür zu frönen.

D. J. M. Nun, bei Licht besehn, wird wohl jeder Künstler auf die Art Modelle versessen sein, die seinen Instinkt am kräftigsten auf sein Talent hindirigiert, also aufs rein Persönliche.

D. D. D. Und seine Phantasie aufs allgemein Menschliche; um nicht zu sagen Göttliche.

D. J. M. Ach was, Phantasie ist doch keine Kunst! Phantasie ist immer blos Notbehelf.

D. D. D. Sie wollen wohl sagen: noch keine Kunst, und auch blos immer ein Notbehelf! wie jeder naturelle Impuls bloßer Notbehelf zur Kunstschöpfung ist, z. B. auch der Rasseninstinkt. Kunst ist eben nur als Kulturprodukt schätzbar; und als solches will sie uns seelische Reize, die von Natur stets sehr mannichfaltig und herz-und-sinneverwirrend sind, in geistig beherrschter Einheit zeigen.

D. J. M. Na ja, das ist ja wohl selbstverständlich. Aber sein Sie mal wieder ’n Moment lang stille; Sie nickköppen immer, wenn Sie reden. Ihre Nase ist doch nicht ganz so einfach, wie sie von vorne besehen aussieht. Von links, das ist ja freilich wahr, ists ’ne richtige brave Schusterneese; aber von rechts, da könnte sie ebensogut einen spanischen Torero zieren, oder ’nen polnischen Insurgenten, oder sonst so’was Mannichfaltiges ..... So, bitte: phantasieren Sie weiter!

D. D. D. Mit der Nase, das wird wohl daran liegen, daß sie nicht mehr ihre natürliche Form hat; sie ist mir mehrmals in meiner Studentenzeit auf der Mensur zerhauen worden. Aber das soll ja wohl ebenfalls ein germanisches Rassemerkmal sein.

D. J. M. Sie, nun ulken Sie mal gefälligst nicht! Ich bin wirklich gespannt, ob Sie leugnen wollen, daß jedes Volk einen eignen Stil produziert; und den machen doch wohl die einzelnen Künstler, wenn auch jeder daneben noch seine aparte persönliche Manier kultiviert. Übrigens, unter uns gesagt, imponiert mir die primitive Kultur von irgend so’nem Kaffernstamm verhältnismäßig millionenmal mehr als unser europäischer Knaatsch; so’n Maori oder Botokude hat im kleinen Finger mehr Stilgefühl, als der ganze Michelangelo mitsamt der Sixtinischen Kapelle.

D. D. D. Verhältnismäßig ist das auch meine Meinung; nur taxiere ich, scheint’s, die Verhältnisse anders. Zunächst ist Volk und Rasse doch wohl Zweierlei. Jene Volkshorden, die noch reinrassig sind, haben’s leicht, einen reinen Stil zu bewahren, nicht wegen ihrer reinen Rasse, sondern bei ihren beschränkten Bedürfnissen, und weil wiegesagt in rein bleibenden Rassen die Nötigung zur Entwickelung ausbleibt. Lassen Sie solch ein simples Völkchen mit irgend einer Kulturnation in nähere Berührung kommen: was geschieht? Sofort entsagt es seinem natürlichen Stilgefühl und behängt sich mit importiertem Tand, genau wie der Bauer bei uns mit Stadtkram. Warum denn, trotz allem reinen Instinkt? Doch wohl nur aus der dumpfen Empfindung heraus, daß ihm da, im großen Ganzen genommen, etwas wesentlich Wertvolleres zuteil wird; blos vermag seine Unbildung nicht zu erkennen, daß es an ihm ein wertloses Einzelnes wird, zu seinem Wesen Unpassendes. Sehr Ähnliches aber vollzieht sich auch in den gebildeten Schichten der großen Völker, die wiegesagt durch Rassenmischung und andre natürliche Nötigungen in einer fortwährenden Entwickelung ihrer kulturellen Bedürfnisse leben. Da wird grade selbst das genialste Talent, weil es den geistigen Bedarf seiner Zeit bis in alle Seelengründe begreift, immerfort zwischen überlieferten und erst entstehenden Formtrieben pendeln, wird also wohl niemals im einzelnen Werk ein ganz vollkommenes Gleichgewicht zwischen traditionellem Stil und individueller Manier herstellen. Was soll uns da noch der Aberglaube, daß irgend ein besonderer Volksgeist diese fort und fort wechselnden Stile erzeugt, oder gar eine Extra-Rassenseele? Grade die Ornamentik der wilden Rassen zeigt ja sogar in getrennten Erdteilen eine oft auch Kenner täuschende Gleichförmigkeit; und die Stile der Kulturnationen sind nirgends blos in Einem Land, sondern jedesmal zu gleicher Zeit bei mehreren Völkern Brauch gewesen. Daraus folgt einerseits: Stil entsteht aus einem allgemein menschlichen Anpassungstrieb an bestimmte neue Lebensbedingungen, der sich am schnellsten, stärksten und deutlichsten eben immer in den Künstlern regt. Und andrerseits, mein verehrter Mitmensch: die stilistische Mißgeburt eines Michelangelo ist millionenmal wertvoller für die künftige Menschheit, d. h. geistvoller, seelenvoller, formvoller, als selbst die vollkommenste Tätowierung eines melanesischen Malermeisters.

D. J. M. Na ja selbstverständlich; alles was recht ist. Aber sagen Sie mal: hab ich Ihnen schon mal meine kleine Sammlung Nanking-Porzellan gezeigt?

D. D. D. Ja; es sind kostbare Stücke darunter.

D. J. M. Wunder! Hat auch ein kostbar Stück Geld gekostet. Aber was ich eigentlich sagen wollte: kennen Sie auch alte Delfter Fayencen?

D. D. D. Einigermaßen; und nun soll ich wohl eingestehen, der Holländer hab’s dem Chinesen nachmachen wollen und wegen seiner Rasse nicht fertig gekrigt?

D. J. M. Ach was, Blech! Fayence ist natürlich kein Porzellan. Aber daß er bei der Nachmacherei ganz was Anderes aus den Mustern gemacht hat, was in seiner Art ebenso kostbar ist, und daß nachher, als die Delfter Muster dann in Japan weiter nachgemacht wurden, ditto was Anderes draus geworden ist — was sagen Sie dazu, Sie deutscher Dichter?!

D. D. D. Darauf könnte ich erstens erwidern, daß es japanische Ornamente genug gibt, die man für holländische oder chinesische ansprechen würde, wenn man ihren örtlichen Ursprung nicht wüßte oder aus Nebenumständen erriete. Wie man z. B. auch das Buch Ruth, wenn es nicht in der Bibel stünde und hebräische Nomenklatur an sich trüge, für ein wahres Schatzkästlein altdeutscher Treuherzigkeit, Rechtschaffenheit und Innigkeit ausgeben dürfte. Und der im Schädelbau sehr germanische Schiller könnte nach seinem gesamten Sprachbau viel eher ein Landsmann von Racine, Rousseau und Victor Hugo sein, als von Hans Sachs, Grimmelshausen und Heinrich v. Kleist. Überhaupt: wenn man ohne Vorurteil nachprüft, beruht die ganze Beweismethode der rassendogmatischen Kunstgeschichte auf dem bekannten Fehlschluß post propter, oder sogar blos auf Tautologie. Eine konstant gewordene Verbindung gewisser Eigenschaften benamst man „Rasse“, und im Handumdrehn wird dann die Benamsung zur innersten Ursache dieser Konstanz und womöglich auch noch der Eigenschaften; also etwa wie nach Onkel Bräsig die große Armut der kleinen Leute von der großen Povertee herkommt.

D. J. M. Dadurch wird aber die Konstanz doch bestätigt, die Tatsache des Rassencharakters. Freilich gibts überall Ausnahmen; die beweisen aber bekanntlich die Regel.

D. D. D. Wenn sie nicht etwa auf anderweite, minder bekannte Regeln hinweisen! — Und deswegen möchte ich zweitens einwenden: weil Fayence „natürlich kein Porzellan“ ist, und weil der menschliche Kunstsinn aus zweierlei Stoff natürlich auch zweierlei Formen entwickelt, deswegen hat sich den Delfter Töpfermeistern trotz ihrer asiatischen Vorbilder schließlich von selbst ein neuer Stil aufgedrängt. Aber nicht blos deswegen allein, sondern jetzt will ich drittens gern zugeben: wenn ich auch nicht an einen beständigen Volksgeist auf Grund einer Rassenseele glaube, so doch an bestimmte zeitweilige Volksbedürfnisse, die sich auf die verschiedensten Ursachen, ideelle wie materielle, zurückführen lassen, z. B. moralische, religiöse, politische, ökonomische, klimatische, territoriale. Es wird noch viel zu wenig beachtet, und selbst Taine hat es nicht bis zu Ende gedacht, was Himmel und Erde, Luft und Licht, Landschaft und Witterung, Arbeit und Müßiggang, Reichtum und Armut, Freiheit und Knechtschaft aus der Menschenseele machen. Man verpflanze ein paar Millionen Britten nach Spanien und pferche sie in die katholische Kirche, und in 100 Jahren schon wird ihr Rassecharakter bis zur Unkenntlichkeit verwandelt sein; die Assyrer, Babylonier und Römer haben ja diese Art Politik an den Juden recht gründlich praktiziert. Aber auch im Gebiet seiner Heimat verändert der Mensch fortwährend den Erdboden, und der Boden rückwirkend ihn; wo einst Urwald war, ist heut Gartenland, oder wo Gärten waren, Wüste. Das geht freilich beträchtlich langsamer vor sich, als die seltene plötzliche Volksübersiedlung in ein ganz neues Wohngebiet; und da auf beständigem Heimatsboden auch die kulturelle Tradition beständiger bleibt, daher scheint das jeweilige Volksbedürfnis den Zeitgenossen so wunderbar urwüchsig, als stamme es von einem besondern, durchs Blut vererbten Rasseninstinkt. So mag denn mancher Stil in der Tat, obgleich auch er nur dem menschlichen Anpassungstrieb einiger weniger Künstler entsprang, einem alten Volksbedürfnis entsprechen. Ich sage absichtlich: mancher Stil, d. h. durchaus nicht all und jeder, der nachträglich eine populäre oder nationale Geltung erlangt. Denn in dem Kunstbedarf der Kulturnationen sind zwei sehr verschiedene Arten Kunst begehrt; da ist einerseits die große Masse — aber ich glaube, ich langweile Sie!

D. J. M. O bitte, wieso denn! Ich male ja. Und Ihr Mund sieht allemal sehr forsch aus, wenn Sie sich so für die Menschheit aufregen. Sie sollen mal sehn, Ihr Porträt wird gut.

D. D. D. Also einerseits, wollte ich sagen, die große Masse der allgemeinen Gebrauchsgegenstände, vom kleinsten Topf bis zum ganzen Wohnhaus: deren Formung unterliegt in der Tat mit ziemlicher Dauerhaftigkeit der populären Tradition. Und weil hier die Form ganz überwiegend von körperlichen Bedürfnissen abhängt, so mag dabei auch die physische Rasse einigermaßen merklich mitwirken, wenigstens in reinrassigen Völkern, oder wo vielleicht eine ältere Mischrasse noch die Oberhand hat über jüngeres Mischvolk, wie z. B. in Rußland und in Teilen von China. Ich freilich möchte auch das bezweifeln; denn wenn wirklich irgend eine Art Formtrieb auf spezifischem Rassetalent beruhte, dann wäre völlig unbegreiflich, wieso dieser Trieb in manchem Volk abstirbt, trotzdem die Rasse im Volke noch fortlebt. Wie kurzlebig war die Kultur der Hellenen, und doch gibt es heute noch griechische Bauern genug, deren Körperbau ganz den antiken Typ hat!

D. J. M. Blos leider mit türkischem Blut verkleistert! Und schließlich wird Jeder mal altersschwach.

D. D. D. Das sagt man ja freilich auch Völkern nach, und es würde vielleicht sogar ganz vernünftig sein, wenn wirklich jeder Grieche von heute schon als Greis aus dem Mutterleib käme. Aber dem Rassenelement soll doch seelische Urkraft innewohnen; und seit wann werden Urkräfte altersschwach? Der Kunsttrieb in einem Tizian ist erst zugleich mit ihm selber gestorben! Er hat mit 99 Jahren gewiß nicht mehr wie als Jüngling gemalt, aber gemalt hat er bis zuletzt.

D. J. M. Ja gewiß! Sehn Sie wohl! Was hab ich gesagt? Der war eben nicht vermuselmanscht!

D. D. D. Na, wer weiß! Venedig lag nicht so weit von den Harems. Und er soll ja, unter uns gesagt, ein halb Dutzend Gattinnen totgeliebt haben; mehr dürfte wohl auch kein Türke leisten! — Doch Spaß beiseite, und Schutt auf die Griechen! Aber die Araber und die Perser, die noch bis in die Renaissance hinein selbständige Kulturformen schufen und sich seitdem nicht mehr so reichlich wie früher mit anderen Rassen gekreuzt haben, sind heute gleichfalls barbarisiert. Es sind wirtschaftlich verlotterte Völker, infolge der Unzulänglichkeit ihrer humanen Ideale, denn die rächt sich stets auch sozialpolitisch. Solche Völker vermögen dann nicht einmal in den gewöhnlichsten Kunstgewerben ihre stilistische Tradition auf alter Höhe zu erhalten, geschweige daß sie die andre Art Kunst, die aus rein seelischen Bedürfnissen stammt, noch irgendwie schöpferisch betreiben. Und nun die Hauptsache: diese andre Art Kunst weist wiederum zwei durchaus verschiedene, zwar sinnlich vielfach verbundene, aber geistig ganz gesonderte Spielarten auf: die der Unterhaltung und die der Erhebung. Mag sein, daß die unterhaltenden Künste, die ja die eigentlich populären sind, noch Rückschlüsse auf die Rasse erlauben, zwar kaum des Künstlers, doch vielleicht seiner Kundschaft. Denn auch diese Künste wurzeln noch halb im Gewerbe, vom Volkslied der alten Bänkelsänger bis zum modernen Familienroman, vom Nationaltanz bis zur Salon-Akrobatik, vom Rüpelspiel bis zum ehrsamen Rührstück, vom ungeschlachten Jahrmarktsbild bis zum allerleckersten Eßzimmer-Stillleben. Sie hängen direkt vom Bedürfnis des Alltags ab, sie betreiben den Zeitvertreib als Geschäft, sie behandeln das sinnliche Leben als Selbstzweck, sie müssen gemeinverständlich sein, sie zielen mit einfachsten geistigen Reizen auf körperliche Erregungen, auf Augenweide und Ohrenschmaus, auf Zwerchfell- und Tränendrüsenkitzel, auf Herz- und Nieren- und Rückenmarksgruseln; also wird ihre Form wohl auch zum Teil von denselben Naturkräften mitbestimmt, die dem menschlichen Körper den groben Stempel einer beständigen Rasse aufdrücken.

D. J. M. Na, was Andres hab ich doch niemals behauptet!

D. D. D. Nun aber die freieren, reineren Künste, die ich vorhin die erhebenden nannte, weil sie höher hinauswollen als das sinnliche Dasein: was hat der Volkskörper damit zu schaffen? Er dient ihnen höchstens als Mittel zum Zweck; hier herrscht ganz und gar nur die Schöpfermacht der begeisterten und begeisternden Seele. Diese Künstler bewerben sich nicht um Volksgunst, sie betreiben das innere Wachstum der Menschheit. Da will der Geist die Nerven des Leibes nicht blos mit flüchtigen Reizen liebkosen, sondern innigst mit seinem Liebreiz befruchten, bis in die feinsten Gehirnzellenfasern, die kein Vivisektor je auskennen wird, weil immer noch welche nachwachsen werden. Da empfängt die Form kaum noch indirekt von der populären Tradition ihren Stil; denn das durch und durch Maßgebende ist da eben die befreiende Leidenschaft, die neues Menschentum schaffen will, dieselbe göttliche Leidenschaft, aus der auch die religiösen Visionen, die sozialen und nationalen Phantome, kurz alle Ideale entspringen. Sie tritt immer zuerst nur im Einzelgeist auf, ist nie und nirgends dem Volk gleich willkommen, muß überall erst im Kampf mit der Welt ihre rätselhafte Kraft erweisen, die an jedem Widerstand wächst und reift. Ja, sie stammt sogar aus dem Widerstand: aus dem Zwiespalt zwischen Mensch und Natur, den die Kultur überbrücken möchte, und der sich im schaffenden Einzelgeist als Konflikt mit den Masseninstinkten auftut. Oder meinen Sie etwa, daß Ihre Judith, an der Sie sich Jahrelang abgequält haben, sofort begeisterten Zuspruch fände, wenn Ihr verehrliches Publikum aus lauter koscheren Juden bestünde?

D. J. M. Gott der Gerechte! Dann doch schon lieber aus lauter gemischten ollen Hellenen.

D. D. D. Ja, die hättens Ihnen erst recht gesteckt; den Phidias wenigstens haben sie wegen Gottlosigkeit aus Athen weggegrault, und der Äschylos wurde so kujoniert, daß er ebenfalls ausgewandert ist. Die deutschen Schulmeister sind zwar der gütigen Meinung, daß jeder Spießbürger von Athen ein Zeitgenosse des Perikles war und begeistert in die Tragödie ging; er ging aber hin, weil’s Staatspflicht war, weil ihm das Eintrittsgeld ausgezahlt wurde, weil er den berühmten Obolus krigte, durch den ein paar raffinierte Patrizier die primitive Kirmeßbühne zur sozialpolitischen Anstalt entwickelten. Begeistert war man vielleicht für den Chortanz, für die bachantische Satyrposse, für die religiösen Prozessionen, und was sonst noch an festlichem Schaugepränge mit dem Drama seit Alters zusammenhing. Begeistert war man für alle Gymnastik, wie mans heute für Zirkus und Variété ist, oder in Spanien fürs Stiergefecht. Das Volk begeistert sich immer blos für panis et circenses von selbst; das war im antiken Athen und Rom ganz wie im modernen Paris und Madrid. Die Plebs will sich einfach delektieren; zwar möglichst variabel, doch immer simpel. Das Erhabene, wenn es nicht altersgrau war, beschmiß der athenische Bildungspöbel mit genau solchem kritischen Schnodderwitz, wie heute der berlinische; Beweis die Aristophanische Posse, die diesen Witz mit genialer Selbstironie in die poetische Sphäre erhob. Die Kunst des geläuterten Menschengeistes, die sich aus instinktiven Konflikten zu ästhetischen Harmonieen hinaufringt, liegt ursprünglich stets nur im Bedürfnis komplizierter Persönlichkeiten, schon dem Wesen der Motive nach; sie wird überall erst durch die Liebhaber dem Volksgeschmack allmählich vermittelt, und mit gründlichem Erfolg nur dann, wenn die Vermittler zur herrschenden Klasse gehören oder sonstwie in Amt und Würden sitzen, z. B. auf dem Schulmeisterthron. An Ihrer Judith hat sichs ja deutlich gezeigt; wer sieht denn da heute das geistige Pathos hinter der sinnlichen Attitüde? Selbst der gebildete Durchschnittskenner hat einstweilen noch keine leise Ahnung von dem allgemein menschlichen Wert dieser Geste; er besieht sich den naturalistischen Akt.

D. J. M. Ist mir ja ungemein schmeichelhaft alles; aber eigentlich muß ich ehrlich bekennen, ich hatte selber noch keine Ahnung davon. Ich denke beim Malen an nichts Allgemeines, ich will immer was ganz Besonderes machen. Sie sehn doch, ich zeichne hier Ihre Visage, und Sie reden das Blaue vom Himmel herunter. Kommt mir ja alles sehr gottvoll vor, und mein sogenannter Menschengeist denkt sich ja auch allerlei dabei; aber bilden Sie sich nun faktisch ein, davon soll was auf Ihr Porträt abfärben? Ich sage Ihnen, die Sorte Geist hat mir noch keinen Bleistiftstrich machen helfen!

D. D. D. Sie scheinen das sehr genau zu wissen. Aber Ihre Kohlenskizze da würde doch vielleicht etwas anders ausfallen, wenn ich hier stumm wie ein Fakir säße oder tragische Verse deklamierte.

D. J. M. Alles was recht ist: Sie döppen mich wirklich gut.

D. D. D. Man weiß nämlich nachträglich nie so genau, was man bei jedem Bleistiftstrich denkt. Ich habe Sie übrigens im Verdacht, Sie legen’s drauf an, sich döppen zu lassen; dann wäre also Ich der Gedöppte.

D. J. M. Ja, eigentlich gehts ja auf keine Kuhhaut, was einem beim Malen so durch den Grips geht. Ich hab’s auch wahrhaftig schon immer gesagt: ich pfeiff aufs Geschäft, ich bin Idealist!

D. D. D. Das ist wohl schließlich jeder Künstler, und sogar jeder echte Kunsthandwerker, auch wenn er nicht so laut pfeifen kann. Und das allein schon beweist zur Genüge, wie wenig im Grunde das Talent mit einer bestimmten Rasse zu tun hat. Der Rasseninstinkt, wenn er ehrlich ist, hat ja nicht das mindeste Interesse an irgend einem Ideal, das über die Reinrassigkeit hinausgeht; das ist ihm ja gradezu gefährlich. Selbst schon das nationale Ideal, das sich vielleicht noch am ehesten auf primitive Instinkte stützt, muß seinem politischen Wesen nach von Hause aus darauf bedacht sein, sich mit mehreren Rassen abzufinden; denn es gibt kein einziges Staatsgebilde, dessen Volkskörper nicht aus wenigstens zwei verschiedenen Stammvölkern aufgebaut ist, aus Eroberern und Unterworfenen. Und nun gar die humaneren Ideale; die entstehen doch eben aus der Sehnsucht, uns über die rohen Zwangsgewalten der Naturinstinkte hinwegzusetzen, und diese Sehnsucht stak schon im simpelsten Schnörkel, mit dem der Urmensch an seinem Beilgriff oder am Rand seines Trinkgefäßes den Zweck der Notdurft verkleidete. Wenn man also unsern höchsten Kulturprodukten wirklich noch Rassenelemente als Formkräfte unterlegen wollte, dann könnten es immer nur Mischungsverhältnisse sein, die grade den harmonischen Stil in die originale Manier hineinbrächten. Denn nur aus vielfachen Blutmischungen ließe sich allenfalls die Zeugung jener komplizierten Temperamente erklären, die überhaupt das Bedürfnis empfinden, die Dissonanzen, Kontraste und Konflikte ihres persönlichen Seelenlebens um der Menschheit willen zu harmonisieren. Das gilt sogar von dem populärsten, dem ökonomischen Idealismus, den man heute speziell den sozialen nennt; auch dessen Formen und Reformen sind ursprünglich immer nur Hirngespinnste von einigen wenigen Menschenfreunden, die das Volk bekanntlich zu kreuzigen pflegt, bevor es sie vergöttern lernt. Und wer hat denn die nationale Idee, die von Bismarcks Gnaden realisiert und dann von seinen Kreaturen zur patriotischen Phrase verpöbelt wurde, dem deutschen Michel eingetrichtert? Etliche edle Brauseköpfe des europäischen Völkerfrühlings, ein paar Poeten, Philosophen und Legislatoren, durch den Tyrannen Bonaparte zu glühender Freiheitsliebe erregt, die von den hohen Obrigkeiten so rasch wie möglich abgekühlt wurde, während der sogenannte Volksgeist von selber kalte Füße krigte! Lesen Sie nur nach, wie die Kleist und Arndt, die Fichte und Schleiermacher, die Jahn und Görres ihre Hoffnungen auf Deutschland zu Grabe trugen, wie die Scharnhorst und Gneisenau Undank ernteten, wie selbst der Freiherr vom Stein und Blücher um den Sinn ihrer Taten betrogen wurden! Oder wenn Sie noch mehr Beweise wünschen —

D. J. M. Nein, Gott soll schützen, ich schwitze schon! — Und überhaupt: ich bin nämlich fertig. Die Skizze ist wirklich gut geworden. Wenn Sie erlauben, möcht ich jetzt einpacken.

D. D. D. Na, darf man sie denn nicht erst mal sehen?

D. J. M. Ja, wenn sie fertig ist, wissen Sie! Ich wollte blos sagen: für heut bin ich fertig. Wenn Sie wieder mal herkommen, mach ich sie weiter. Sie ist wirklich nicht schlecht; Sie können mirs glauben! — Na, wenns sein muß: bitte, treten Sie näher! —

D. D. D..... Da scheint unsre Disputation aber doch etwas heftig abgefärbt zu haben. Ich sehe ja aus wie’n Federvieh, das Ihr Teckel zwischen den Zähnen gehabt hat. Aber ich sag’s ja: schließlich bin Ich der Gedöppte.

D. J. M. Ja, nicht wahr? da merkt selbst ’n Kaffer die Rassenmischung! — Man kann’s auch von weiter weg besehn. „Is ’ne Nummer“, wie sie im Zirkus sagen; der reine „Kraftmélange-Akt“!

D. D. D. Mir deucht aber: mehr Mélange als Kraft. Sie wollen’s wohl in den Papierkorb packen?

D. J. M. Was? Wieso denn? Sie sind wohl nicht von hier, mein Herr?! Das verkauf ich an irgend ein Museum! Sie sollen mal sehn, Sie deutscher Dichter: wenn Sie erst in der Nationalgalerie hängen!

D. D. D. Nein, im Ernst: die Skizze scheint mir wirklich mißglückt. Sie haben zuviel an mein Geschwätz gedacht.

D. J. M. Ach ja richtig, Sie sind ja nicht fürs Nationale. Und nun denken Sie einfach, ich mache Spaß, weil Sie meinen, ich sei ein Franzosenschüler!

D. D. D. So einfach pflege ich nicht zu denken.

D. J. M. Na, oder ein allgemein menschlicher Jude! Ich habe doch ziemlich deutlich gehört, daß Sie aufs Nationale pfeifen.

D. D. D. Da haben Sie ziemlich vorbeigehört.

D. J. M. Nanu? Sie haben doch deutlich gesagt —

D. D. D. daß die Nation keine Kunst erzeugt. Damit ist doch aber durchaus nicht geleugnet, daß die Kunst nationalen Charakter annehmen kann. Selbst der weiseste Künstler bleibt der Narr seines Mitgefühls.

D. J. M. Die Logik ist mir etwas zu kringlig.

D. D. D. Nun, es ist doch dieselbe Leidenschaft, dieselbe schöpferische Begierde, derselbe göttliche Sinn oder Wahnsinn, woher die Menschennatur kulturelle Ideen und die Volksmasse nationale Tendenzen empfängt, überhaupt alle irgendwie universalen Illusionen und Phantasmen. Es ist immer wieder die ewig gleiche, Ungleiches einende Einbildungskraft, die auch im Kunstwerk dem Einzelwesen harmonischen Allgemeinwert verleiht; nur die Intressensphären liegen verschieden. Warum sollten sich die aber nicht berühren können und unter Umständen miteinander verbinden? Vielleicht ist sogar zu gewissen Zeiten die eine der andern Nothelferin. Wenigstens zeigt die Geschichte der Menschheit, daß immer, wenn in den rührigsten Völkern neue humane Ideale entstehen, daß dann zugleich auch die nationalen am ungestümsten aufbegehren; womit ich natürlich nicht sagen will, daß das nun ewig so bleiben muß.

D. J. M. Und da denken Sie also, die beiden Aale verwickeln sich so mit den Schwänzen zusammen, daß der Mensch die göttliche Sehnsucht krigt, einen einzigen Aal draus zu phantasieren?

D. D. D. Nein, so verwickelt denken wahrscheinlich blos Bandwürmer.

D. J. M. Na, wovon krigt man denn aber den dollen Gieper auf so’was allgemein Göttliches? Irgendwovon muß der doch kommen!

D. D. D. Ja, da müßten Sie mir schon wirklich erlauben „das Blaue vom Himmel herunter zu reden“. Von der Rasse kann doch wohl lediglich der Gieper auf allgemein Tierisches kommen; und von irgend sonstwelchen Formationen der irdischen Materie, ob’s nun klimatische Ortsumstände oder soziale Zeitumstände sind, werden Sie diese ewige Sehnsucht nach harmonischer Umformung der Natur erst recht nicht hinreichend ableiten können. Wenn sich die überhaupt noch logisch ergründen und mechanisch begreifen läßt, dann müssen wir schon den mystischen Äther der Herren Physiker psychisch ausdeuten: unsre Abstammung von der Sonnenmaterie, die rhythmodynamische Struktur der kosmischen Centralsysteme, die sogenannte Harmonie der Sphären, den Einfluß der schwingenden Sternenwelten auf unser eigenes kleines Gestirn, all die bewegten siderischen und planetarischen Konstellationen, die bis in den Erdball hinein vibrieren und sich als wechselnde Innervationspotenzen, als beseelende und begeisternde Kräfte, den Erdbewohnern einverleiben. Oder halten Sie’s etwa für Aberglauben, daß immer, wenn sich die Menschenwelt zu erhabenen Kraftanstrengungen aufrafft, zu Völkerwanderungen, Staatsumwälzungen, Befreiungskriegen, Entdeckungsfahrten, Glaubenskämpfen und andern Kulturekstasen, daß dann immer zugleich auch in der Naturwelt gewaltige Katastrophen ausbrechen, Erdbeben, Springfluten, Wirbelstürme, Heuschreckenschwärme, mikrobische Epidemieen, vulkanische Eruptionen und dergleichen, begleitet von seltsamen Himmelserscheinungen, ungewöhnlichen Meteoren, Kometen, Nordlichtern, Sonnenfinsternissen?!

D. J. M. Da’s faktisch so ist, wird’s wohl so sein. Es rumort ja auch jetzt wieder allenthalben.

D. D. D. Und also wird sich wohl auch kein Künstler, selbst wenn er’s mit stärkstem Eigensinn wollte, den jeweils zeitbewegenden Kräften, die sich als Ideale äußern, entziehen oder verschließen können. Und wenn in unserer ebenso stark nationalen wie internationalen Epoche ein schöpferischer Geist auf dem norddeutschen Weltteil mit seiner reichsdeutschen Staatsbürgerhand allgemein-menschliche Werte malt, und zwar aus rein malerischer Lust zur Sache: dann ist er nicht blos ein wertvoller Maler, sondern zugleich, auch wenn er ein Jude ist und in Paris auf die Schule ging, einer der reinsten deutschen Künstler, die sich je in der Nationalgalerie aufhängen ließen.

Der Jüdische Maler: Na sehn Sie, das freut mich! Und offen gesagt: das hab ich von Ihnen blos hören wollen!

Der Deutsche Dichter: Oh meine Ahnung! Ich Michel! Sie Schurke! — Das soll wohl heißen, der Mohr kann gehen?!

Der Maler: Blos, er muß versprechen wiederzukommen! Und das nächste Mal, da mal’ich ihn besser.

Der Dichter: Und ich singe ein Loblied aufs Rassige...