Christian Wach
(sitzt lesend am Fenster, von der Vormittagssonne beglänzt)
— — Also auch der Galneggy hat seine Milliarde mit Menschenschinderei erworben — eh er Millionen verschenken konnte — (nickt vor sich hin und klappt das Buch zu) — schauerlich! — —
Die alte Anne
(tritt ins Zimmer, einen hellroten Rosenstrauß in der einen Hand, in der andern eine weiße Serviette und schlichte blaue Glasvase)
So, Herr Christian, wenn Sie auch schelten, ich gratuliere zum fünfzigsten Geburtstag. Kostet nur dreißig Penning bitte; der ganze Markt war voll Bauernrosen, ich konnt der Sommerfreude nit widerstehn, und dem erquickenden Geruch. (Sie legt die Serviette auf den Tisch, setzt die Vase mit dem Strauß darauf.) Nun machen Sie mal ein helles Gesicht, wie sich’s gehört zu den schönen Blumen und dem Geburtstagssonnenschein!
Christian
(ist aufgestanden und hat das Buch in den Wandbord gestellt)
Ich danke dir, Anne, du meinst es gut; aber du weißt, mich peinigt solche Verschwendung. Für die dreißig Pfennige hättest du besser einem Bettelkind etwas zu essen gekauft.
Anne
Ja, das hätt sich wohl mehr gefreut als Sie. Ach, Herr Christian, geb Ihnen Gott ein bißchen Kindersinn zurück! Dann würden Sie bald auch wieder gesund werden.
Christian
(unruhig hin und her, Kopf gesenkt, Hände auf dem Rücken, in der Erregtheit zuweilen stotternd, aber stets mit Zurückhaltung)
Lala-laß das Gerede, ich bin nicht krank; ich spüre blos, daß ich alt werde.
Anne
Weil Sie nicht auf mich hören, Sie junger Mann. Mich drücken meine Jahre nicht; und könnt doch fast Ihre Mutter sein, mit meinen beinah sechsundsechzig. Nehmen Sie sich ein Kind ins Haus, wenn Sie durchaus keine Frau nehmen wollen!
Christian
Bist doch auch ledig geblieben, alte Anne.
Anne
Ich — was wissen denn Sie davon? Blos daß mich leider keiner heiraten wollt, mit meinem Huckepack auf’m Rücken; da hab ich halt Kinder und Kranke gepflegt.
Christian
Dein Rücken ist nicht viel krummer als meiner. Was siehst du mich wieder so auffällig an?!
Anne
Ja, nehm Ihnen Gott Ihren Huckepack von der Seele —
Christian
(heftig)
Lala-laß mich in Ruhe mit deinem Gott! (sich bezwingend) sein Reich ist nicht von dieser Welt. — (Nach dem Porträt hinüberdeutend) Geh, stell den Strauß da auf den Sims.
Anne
Was! meine Rosen da unter das Bild?
Christian
Geh, tu mir die Liebe, ich bitte dich.
Anne
Neun Jahre liegt sie nun unter der Erde, und immer noch spukt sie Ihnen im Hirn, als hätten Sie Angst vor ihrem geizigen Blick. Das ist ja Narrheit, Herr Christian!
Christian
Nein, das ist Dankbarkeit, Anne, versteh doch! Du weißt, ich habe seit Tante Brigittens T-Tod über das menschliche Elend nachdenken lernen; und wenn ich nun die v-vielen Millionen, die sie mir hinterlassen hat, nicht grade in ihrem sparsamen Sinne verwende.
Anne
Gott sei Dank —
Christian
dann muß ich ihr doch tatsächlich im stillen gewissermaßen Abbitte leisten; sozusagen als ihr Scha-Schuldiger, wie’s im Vahaha-haterunser heißt.
Anne
Spotten Sie nicht, Herr Christian! Und meinen Rosenstrauß stell ich nicht da hinüber. Hab ihn auch garnit blos Ihnen zulieb gekauft. Wenn nachher die Herrn gratulieren kommen
Christian
Was soll das heißen! ich hab dir ausdrücklich gesagt, daß du niemand vorlassen sollst!
Anne
Doch nur die Herren von der Regierung; die kann man doch nit vor den Kopf stoßen. Und dann muß es hier doch ein bißchen freundlich aussehn. Auch ein Fläschchen Tokayer hab ich noch mitgebracht; man muß doch ein Gläschen Wein anbieten.
Christian
(mit dem Fuß aufstampfend)
Du wirst mich w-wirklich noch krank machen, Anne! Du trägst die Faffa-Falasche zum Krämer zurück! (Da Anne Miene zum Widerspruch macht) Du trägst sie zurück! ich will’s, sag ich dir!
Anne
Wenn ich Sie damit beruhigen kann —?
Christian
(wieder durchs Zimmer wandernd)
Wenn ich mir selber keinen W-Wein spendiere, bin ich dem Bürgermeister auch keinen schuldig! — Kannst die Flasche aber für Dich dabehalten. Hast wenig genug vom Leben bei mir.
Anne
Ihr gutes Herz in Ehren, Herr Christian; ich hab noch nichts entbehrt bei Ihnen. Aber trotz all Ihrer Wohltätigkeit: manchmal scheint’s fast, die selige Tante hat Ihnen auch was von ihrem Geiz vererbt.
Christian
Scheint’s fast? Ha-hat sie? Was scheint dir denn sonst noch?
Anne
Wenn ich denk, wie Sie früher mitteilsam waren! Der Herr Sanitätsrat ist auch der Meinung: wenn Sie ab und zu ein Gläschen sich gönnen wollten, das würd Sie wieder umgänglich machen. (Auf die Bibliothek weisend) Ihre Bücher machen Sie blos immer menschenscheuer; Sie sprechen ja manchmal Tagelang kein überflüssiges Wörtchen mehr.
Christian
Also meine einzige Freude gönnst du mir nicht; die l-letzte, die ich mir noch erlaube!
Anne
Aber nein, wie Sie reden — ich mein doch blos: Sie holen sich keine Freude draus. Über Büchern läßt man den Kopf hängen; man holt sich blos seine eignen Grillen draus.
Christian
(wieder aufstampfend)
Schweig! — Schweig, sag’ ich dir, ich hab genug! — Ich hab mir das l-l-längst schon selber gesagt; ich werde morgen die Bücher verkaufen.
Anne
Aber liebster bester Herr Christian!
Christian
Ich werd’s, sag ich dir!
Anne
Jaja doch, gewiß doch. Aber bitte, lieber Herr Christian, quälen Sie nicht mich dumme Person; nehmen Sie mir zuliebe Ruh an! Kommen Sie, setzen Sie sich in den Lehnstuhl; rennen Sie nicht so herum immerfort. Glauben Sie mir, ich kenn Ihre Nerven; wozu war ich denn Krankenschwester.
Christian
Du sollst mich nicht so a-ansehn, Anne!
Anne
Kommen Sie, sein Sie nit so verbiestert — der Herr Sanitätsrat hält’s auch nit für gut — (nötigt ihn währenddem in den Korbstuhl). So, jetzt hole ich Ihnen ein Buch — (draußen elektrisches Klingelzeichen). O schad, da sind die Herren wohl schon — nehmen Sie Ruh an, Herr Christian — (ab nach links) —
Christian
(allein)
— — Schauerliche Komödie — —
Anne
(läßt zwei Herren eintreten)
Bitte, Herr Oberbürgermeister — bitte, Herr Oberregierungsrat — (dann wieder ab.)
Christian Wach
(hat sich erhoben, weist auf die Stühle am Mitteltisch)
Willkommen, meine Herren, nehmen Sie Platz; was verschafft mir die ungewöhnliche Ehre?
Bürgermeister
(stehen bleibend)
Die Ehre liegt ganz auf unserer Seite, verehrter Herr Kommerzienrat.
Regierungsrat
(ebenso)
Heute tatsächlich auf unsrer Seite; tatsächlich, Herr Kommerzienrat.
Bürgermeister
Ich habe den angenehmen Auftrag, Ihnen im Namen der Bürgerschaft und der übergeordneten Ratspersonen die ergebensten aufrichtigsten Glückwünsche zu Ihrem fünfzigsten Jahrestag auszusprechen. In der festen Hoffnung, daß es Ihnen, hochzuverehrender Herr Kommerzienrat, noch Jahrzehnte lang beschieden sein werde, Ihre gemeinnützige Gesinnung mit unverminderter Kraft zu betätigen, und um die Dankbarkeit öffentlich kundzutun, mit der wir zu dem selbstlosen Menschenfreund aufblicken (Christian Wach zuckt merklich zusammen, stützt sich auf die Stuhllehne rechts des Tisches) — zu dem Stifter sovieler Wohlfahrts- und Bildungs-Anstalten —: haben wir einstimmig beschlossen, Sie am heutigen Tage zum Ehrenbürger unserer Haupt- und Residenzstadt zu ernennen. In Rücksicht aber auf Ihre bekannte Abneigung gegen persönliche Celebrationen, glaubten wir Abstand nehmen zu sollen von den üblichen Förmlichkeiten, und ich erlaube mir deshalb, die Ernennungsurkunde hiermit in denkbar einfachster Form zu Ihren Händen gelangen zu lassen. (Er überreicht ihm eine Rolle und schüttelt ihm gewichtig die Rechte.)
Regierungsrat
Im Namen nicht nur der Regierungsorgane, sondern auch Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs, darf ich Sie, Herr Kommerzienrat, als Erster zu dieser Ernennung beglückwünschen. Seine Königliche Hoheit haben zugleich geruht, Ihnen in Anerkennung Ihrer Verdienste um das allgemeine Wohl den Kronenorden der obersten Klasse mit der Kette zu verleihen. Sie wissen, wieviel Aufmerksamkeit unser gnädiger Herr den sozialen Bestrebungen widmet, und daß es mehr als eine Förmlichkeit ist, wenn jemand in unserem Staatswesen einen solchen Ansporn zu weiterer Betätigung seiner Menschenfreundlichkeit empfängt. (Er überreicht ihm ein Kästchen und verneigt sich.)
Christian Wach
Meine Herren, ich danke untertänigst. Ich fühle mich in Wahrheit beschämt und b-bitte es als einen Beweis meiner Ergriffenheit anzusehen, wenn ich diese hu-hu-huldvollen Ehrenzeichen vor dem Bilde derjenigen Person niederlege, auf deren wirtschaftliche Tüchtigkeit ich meine sogenannten Verdienste zurückführen muß — (er legt beides auf den Bücherbord unter das Porträt). M-M-Menschenfreunde sind wir wohl alle nur, soweit es unsre Selbstsucht zuläßt; und was bedeutet ein bißchen Wohltäterei in der ungeheuren W-Wüste des menschlichen Elends! Sie hat höchstens den Wert eines Grashälmchens, an das sich die Hoffnung klammern kann, daß mehr Haha-Halme nachwachsen werden.
Regierungsrat
Also ein vorbildlicher Wert, der immer weiter und höher zunehmen kann, und somit der höchsten Beachtung aller Strebsamen würdig.
Christian Wach
(sich wieder auf die Stuhllehne stützend)
Ich verstehe, Herr Oberregierungsrat — und das wird mir ein Ansporn, wie Sie gütigst sagten, zu weiterer Betä-tä-tätigung sein; obgleich die unverminderte Kraft, von der Sie, Herr Oberbürgermeister, mit Ihrer bekannten Freundlichkeit sprachen, leider an die selbstsüchtigen Schranken meiner angegriffenen N-N-Nerven gebunden ist. Bitte, wollen wir uns nicht setzen?
Bürgermeister
In Rücksicht auf Ihre werte Gesundheit möchte ich meinerseits vorziehen, mich jetzt ergebenst zu empfehlen; nicht ohne dem herzlichen Wunsche Ausdruck zu geben, daß es Ihnen bald wieder vergönnt sein möge, an den geselligen Freuden Ihrer Mitbürger einigermaßen teilzunehmen. Ich habe im Anschluß an die Sitzung, in der wir Ihre Ehrung beschlossen, die Gelegenheit wahrgenommen, einen neuen Verein zu gründen, der alle wohlgesinnten Elemente unserer strebsamen Landeshauptstadt allmählich konsolidieren soll: die Gesellschaft der Menschenfreunde! Ich gebe mich der Hoffnung hin, auch Sie, verehrter Herr Ehrenbürger, demnächst als Mitglied begrüßen zu dürfen.
Christian Wach
Außerordentlich schmeichelhaft. Aber verzeihen Herr Oberbürgermeister: meine N-Nerven erlauben mir wirklich nicht, an solchen m-menschenfreundlichen Sitzungen mit der nötigen Ausdauer teilzunehmen.
Bürgermeister
Nun, wenn auch nicht im Augenblick, es wird uns jederzeit aufrichtig freuen, einen so würdigen Mitbürger in unserem Bunde willkommen zu heißen. Und deshalb bleibt es mein inniger Wunsch, der allseits mitempfunden wird, Ihre baldige Wiederherstellung im engeren Kreise feiern zu können. (Er schüttelt ihm abermals die Hand.)
Regierungsrat
Ich schließe mich diesem Wunsche an, unbeschadet der hohen Achtung, die Ihre stoischen Lebensgrundsätze jedem eifrigen Staatsbürger abnötigen. (Er verneigt sich.)
Christian Wach
(die Herren zur Tür geleitend)
Ich danke ebenso aufrichtig, meine Herren, und wiederhole die ehrer-b-bietige Bitte, auch bei den zuständigen Stellen meinen Dank auszurichten. Ich werde wiegesagt bestrebt sein, mich in der „allseits“ gewünschten Weise nach wie vor zu betä-hä-hä-hätigen. (Er verneigt sich gleichfalls und schließt die Tür hinter ihnen, setzt sich dann matt an den Mitteltisch) — — Grauenhaft — — (Er nickt vor sich hin, blickt zu dem Porträt empor) Du rächst dich gut — — (Es klopft, er schrickt auf) —
Die alte Anne
(behutsam näher tretend)
Es ist noch jemand draußen, Herr Christian.
Christian
Was soll das! Untersteh dich nicht —
Anne
(verhalten)
Der Herr Justus! Er wollt sich nicht abweisen lassen.
Christian
Was! Vetter Justus? der Leu-te-tenant?
Anne
(wie vorher)
Ja. Das heißt: er ist doch jetzt Polizeikommissar — (sie drehn sich beide prall um, da die Tür aufgeht) —
Justus Wach
(tritt gelassen ein, mit einer Aktenmappe unterm Arm)
Du mußt mir schon einmal erlauben —
Christian Wach
(während Anne beklommen hinausgeht und die noch offene Tür wieder schließt)
Du bist mir natürlich durchaus willkommen —
Justus
(lächelnd)
So? — Ich erhebe nicht den Anspruch.
Christian
Nun, dann ist deine Aufrichtigkeit mir willkommen. Offne Arme kannst du wohl nicht erwarten, nachdem du damals unsern Verkehr, unser verwandtschaftliches Band, um Geldes willen zerschnitten hast.
Justus
Meinst du? — Aber du erlaubst wohl, daß ich mich setze. (Er nimmt Platz auf dem linken Stuhl, legt die Mappe auf den Tisch.)
Christian
Aber natürlich; b-bitte höflichst. (Sich gleichfalls setzend) Fühle mich heute auch etwas matt; ein außerordentlich warmer Tag.
Justus
Und obendrein deine Ehrenlast. Alle Zeitungen sind ja wieder des Lobes voll. Wird dir allmählich wohl doch etwas drückend?
Christian
Darf ich lieber fragen, w-was dich zu mir führt?
Justus
O, traust du mir also garnicht zu, daß ich blos die uneigennützige Absicht habe, dir auch mal wieder zu gratulieren, dem musterhaften Menschenfreund, der mich Schuldenmacher dazu gebracht hat, den schrecklichen bunten Rock auszuziehen und ein nützlicher Mitmensch in Schwarzgrau zu werden? — (Seine Hand auf die Mappe legend) Wirklich, ich habe jetzt allen Grund, der rühmlichen Betätigung deiner Nächstenliebe dankbar zu sein.
Christian
Bitte, laß das; mir sind diese Phrasen peinlich.
Justus
Mein Lieber, ich kenne deine Art Ehrgeiz. Du hast schon als Schuljunge Äpfel gestohlen, obgleich du dir aus Äpfeln nichts machtest, blos um uns Freunde damit zu begönnern und dich an deiner Großmut zu weiden; vielleicht auch an deiner Kühnheit und Schlauheit, denn erwischen ließest du dich ja nie. Ich habe dich schon damals durchschaut.
Christian
So? — Meinst du? (Lächelnd) Nun, vielleicht hast du Recht. Aber inzwischen wirst du wohl auch ein A-A-Andrer geworden sein.
Justus
Ja, seit neun Jahren ungefähr; dank deiner Betätigung wiegesagt.
Christian
Und hast du dich wirklich nun ausgesöhnt mit deinem b-bürgerlichen Beruf?
Justus
(legt lächelnd wieder die Hand auf die Mappe)
Ja, seit einem Monat etwa vollkommen. Und einigermaßen auch früher schon. Was blieb mir schließlich denn andres übrig; Schulden konnt ich doch keine mehr machen, nachdem du die ganze Erbschaft mir weggefischt hattest, kurz bevor ich zum Hauptmann aufrücken sollte.
Christian
Nun, ich habe a-auch nicht das werden können, wonach ich als Jüngling Verlangen trug; Geld hatte ich ja von Hause aus noch weniger zu erwarten als du. (Auf seine Bücher hinüberweisend) Du weißt sehr gut, wie ich drauf brannte, die Sta-taatswissenschaften zu studieren, Sozialpolitik, Nationalökonomie, und es sogar ein paar Semester lang durchhielt; bis Tante Brigittens harter Kopf mich zwang, mir als B-Bankbeamter mein Brot zu verdienen.
Justus
Ja, du warst ihrer Begönnerung würdig. Ich hab ihr die Faust unters Kinn gehalten, als sie ihren Mann zu Tode gepeinigt hatte und ihn dann einscharren ließ wie einen Bettler, den reichsten Grubenbesitzer des Landes; du zogst es vor, ihr die Krallen zu streicheln.
Christian
Sie hat sich selbst noch viel mehr gepeinigt; du solltest nicht über Handlungen urteilen, für die dir jedes M-Mitgefühl mangelt. Und notabene: auf ihr Testament konntest du doch im Ernst wohl nicht rechnen, nach deiner Gleichgiltigkeit — ge-l-linde gesagt — bei ihrem lalala-langen Krankenlager.
Justus
Nein, zum Erbschleicher war ich mir allerdings zu schade. Seit wann stotterst du übrigens?
Christian
(ist vom Stuhl aufgefahren)
Ich ver-b-bitte mir deine Brutalitäten! — (Sich bezwingend) Denkst du, es war mir ein Vergnügen, die Launen der alten ge-l-lähmten Person zu ertragen? ihre Heftigkeit, ihre Wutanfälle? dreizehn Jahre lang, Tag für Tag!
Justus
(lächelnd)
Nein, das denke ich keineswegs — bei deiner Art Menschenfreundlichkeit.
Christian
(fängt wieder an durchs Zimmer zu wandern)
Und deine Schulden hätt ich dir gern bezahlt, wärst du damit zufrieden gewesen, statt mir Millionen abpressen zu wollen, für die ich b-bessere Anwendung wußte. Bin auch jetzt noch bereit dazu, falls du nicht blos gekommen bist, um mir aufs B-Butterbrot zu streichen, daß du dich selber seit einem Monat von deinen Gläubigern befreit hast; (lächelnd) das wolltest du doch wohl andeuten.
Justus
Nein. Aber ich danke für Gnadenbrocken von deinem Butterbrot, werter Vetter.
Christian
Ja, wozu reibst du dich dann an mir? Und worauf bist du eigentlich neidisch? — Was ha-habe ich denn von all meinem Reichtum? Hat er mich etwa davor bewahrt, v-vorzeitig graue Haare zu kriegen? Ich lebe wie ein Mönch in der Wüste, und trotzdem ist mein M-Magen krank, meine Milz beklommen, mein H-Herzschlag verhaspelt, meine Nerven von Schlaflosigkeit zerrüttet —
Justus
Dein Gehirn von Gewissensbissen zerfressen —
Christian
Deinetwegen? — (Stehen bleibend) Du dauerst mich —
Justus
(steht nun gleichfalls auf, tritt dicht an Christian heran)
Solltest du nie befürchtet haben, daß ein gewisser Brief entdeckt werden könnte? —
Christian
(weicht unwillkürlich etwas zurück — dann spottkalt)
Ah, Herr Polizeikommissar —
Justus
In der Tat — das ist mein Beruf — mit dem ich mich jetzt vollkommen ausgesöhnt habe — seit einem Monat wiegesagt, als ich in einer auswärtigen Chemikalienfabrik — (er unterbricht sich, greift nach der Mappe) — aber wollen wir uns nicht wieder setzen? an diesem „außerordentlich warmen Tag“? — (er nimmt Platz, während Christian stehen bleibt und sich fest auf eine Stuhllehne stützt, die er bei dem Wort „Chemikalienfabrik“ umklammert hat) — also als ich in einer Chemikalienfabrik einen ungetreuen Buchhalter festnehmen sollte und bei Durchsicht der Bureaupapiere zufällig einen Geschäftsbrief fand, worin ein gewisser Christian Wach, laut seiner aufgedruckten Adresse angeblich Apothekenbesitzer, eine Partie Medikamente bestellt hat, darunter auch einige heftige Gifte, etwa fünf Wochen vor dem Tode (auf das Porträt weisend) seiner teuren Erbtante Brigitte. (Wieder die Hand auf die Mappe legend) Hier hab ich das menschenfreundliche Schriftstück.
Christian
(lächelnd)
Sehr verbunden für dieses Geburtstagsvergnügen, auf das du dich also vier Wochen lang in aller Stille prä-pa-pariert hast.
Justus
Ja, zufällig ungefähr ebenso lange, wie du dich vor genau neun Jahren auf Dein Geburtstagsvergnügen „präpapariert“ hast.
Christian
Ja, es gibt spaßhafte Zufälle — (es klopft) —
Die alte Anne
(tritt ein und meldet)
Der Herr Geheime Sanitätsrat —
Sanitätsrat
(ihr ohne Umstände folgend)
Ja, Ihrem alten Hausfreund dürfen Sie nicht verwehren, Ihnen heute die Glückshand zu schütteln, verehrter Ehrenbürger und Ritter vom Kronenorden! — (Überrascht) Aber was seh ich? ist’s möglich? Herr Justus! — Pardon, Herr Leutnant, die alte Gewohnheit. Haben sich also zur Feier des Tages endlich ausgesöhnt mit dem reichen Herrn Vetter?
(Anne blickt forschend von einem zum andern.)
Justus
(ist aufgestanden, immer eine Hand auf der Mappe)
Schon möglich, Herr Geheimrat; zur Feier des Tages.
Sanitätsrat
(ihm die Rechte schüttelnd)
Na, das freut mich, freut mich; edel sei der Mensch! Haben schließlich doch wohl Respekt gekrigt (mit Verneigung zu Christian hin) vor der segensreichen Betätigung.
Christian
(aufstampfend)
Kommen Sie auch noch angequäkt mit dieser verfluchten (absichtlich) Be-täterä-tätigung? Das ist ja wirklich zum Krämpfekriegen! Wie kann ein Mensch mit etwas Geschmack dies Schandwort auf die Zunge nehmen! diesen A-Anschmierer-Ausdruck für alles Getue, das den Namen Tat nicht verdient!
Sanitätsrat
Aber mein lieber Kommerzienrat, was haben Sie denn, was erregen Sie sich? Denken Sie bitte an Ihre Nerven! Kommen Sie, setzen wir uns gemütlich, und geben Sie mir mal endlich die Hand! (Es geschieht, und auch Justus setzt sich.) So — ja aber, Sie zittern ja, als ständen Sie im Staatsexamen. Und was ist denn los mit Ihren Pupillen? Da muß ich doch gleich mal Reflexprobe machen. Schwester Anne, holen Sie mal einen Spiegel.
Anne
(hat inzwischen die Vase mit dem Rosenstrauß unter das Porträt gestellt)
Aber nein, Herr Geheimrat wissen doch: der Herr Kommerzienrat will keine Spiegel um sich.
Sanitätsrat
(sich an die Stirn tippend)
Ja so — jawohl — Moralpsychose; hypochondria stoica sozusagen. Na, werde mal morgen genauer vorsprechen, bringe dann meine Lupe mit; die wird Ihrem strengen Gewissen nicht wehtun, Sie geschworener Feind aller Eitelkeit! — Was sagen Sie denn zu der neuen Gesellschaft, die der Bürgermeister zusammentrommelt? Mich hat er natürlich auch breit geschlagen; na, ein bißchen Menschenfreund ist ja Jeder.
Christian
Ich meinesteils bin nicht für Trommelreklame.
Sanitätsrat
Ja, Sie können sich’s leisten, drauf zu pfeifen. (Aufstehend) Dann also bis morgen, werter Freund; muß jetzt weiter zu meinen andern Patienten. Bitte Platz zu behalten, Herr Leutnant; wünsche allerseits Frieden auf Erden — (winkt heiter mit beiden Händen Abschied, und Anne begleitet ihn hinaus, während die Vettern sitzen bleiben, Justus links am Tisch, Christian rechts) — —
Justus
Du scheinst dein Gesicht nicht gern zu betrachten —
Christian
(die Arme verschränkend)
Ich habe in der Tat Bessers zu tun.
Justus
Du kannst ja niemand mehr grad in die Augen sehn.
Christian
Glaubst du, Herr Untersuchungsbeamter? (Er fixiert ihn, bis Justus beiseite blickt) — — Durchschaust du die Menschen immer so?
Justus
Ja, deine Selbstbeherrschungskunst — man könnte auch sagen: Verstellungskunst — war von jeher bewundernswert.
Christian
Und einer besseren Sache würdig.
Justus
Der Spott wird dir bald vergehn, teurer Vetter.
Christian
Es scheint, du legst enormen Wert auf dein pa-papierenes Dokument. Das hältst du wohl für einen Indicienbeweis?
Justus
Nein, das allein würde nur beinahe genügen. Aber (auf seine Mappe tippend) ich habe hier noch ein andres Papier; nämlich deinen Empfangsschein, Herr Apotheker, über die eingetroffene Giftsendung —
Christian
Du hast dich tatsächlich gut präpariert —
Justus
Es freut mich, daß du nicht länger heuchelst. Du darfst die Maske ungeniert lüften.
Christian
(immer sehr gemessen)
Du freust dich etwas vorschnell, mein Lieber. Du scheinst meine „Schlauheit“ trotz aller Anerkennung noch immer für recht kindlich zu halten. Vor neun Jahren, werter Herr M-Menschenkenner, war ich wohl doch nicht mehr Schulbub genug, mich dem Spiel des Zufalls so plump auszusetzen, wenn ich kein reines Gewissen hatte.
Justus
O, das Spiel des Zufalls ist allemal plump. Damals konntest du ja nicht ahnen, also auch noch nicht damit rechnen, daß dein Edelmut mich veranlassen würde, (spitzig) Detektivoffizier zu werden, geschweige (an seine Mappe tippend) daß dies für jeden andern Finder unscheinbare Wertpapier gerade mir in die Hand fallen könnte. Nur Das trieb dein feines Spiel in den Plumpsack der sogenannten Schicksalshand.
Christian
Nenn’s lieber gleich den Finger Gottes, dann kommst du dir noch wichtiger vor. Hähähä-hältst du mich im Ernst für so närrisch, daß ich mir solche Tat auf die Seele geladen hätte, blos um die Millionen unsrer alten Tante etwas früher unter die Leute zu streuen? Denn ihr Testament lag ja schon da für mich.
Justus
Blos: sie hätte es doch vielleicht ändern können. Und am Krankenbett warten, wer weiß wie lange, vielleicht nochmals „dreizehn Jahre lang“, ist in der Tat kein vergnügliches Geschäft, selbst für die edelsten Wohltäter nicht. Tante Brigitte war damals nur fünf Jahre älter, als du heute geworden bist, und hatte trotz ihrer Lähmung recht zähe Nerven.
Christian
Und deshalb soll ich so sinnlos gewesen sein, so sinnlos und so ruchlos zugleich, mir einen M-Mord aufs Gewissen zu wälzen? Und das, denkst du, wird dir irgendwer glauben?
Justus
O, das Gewissen beißt immer erst nachträglich; deine Frage klang ziemlich wund. Auch glauben die Schwurgerichte gern, daß ein Bankbeamter sich nicht ohne Zweck falsche Briefbogen drucken läßt und Apothekerwaaren bestellt.
Christian
Du hast dich wohl nie mit — Selbstmordgedanken getragen?
Justus
(scharf)
Vor meiner Enterbung nicht, lieber Vetter! — Übrigens kannst du dir deine verblüffenden Fragen für die Gerichtsverhandlung aufsparen; für das Zeugenverhör zum Beispiel.
Christian
Du denkst dir also, ich habe es fertig gebracht, den Sanitätsrat sowohl wie die alte Anne über die Todesursache zu täuschen, meinem Opfer kaltblütig die Augen zuzudrücken, die L-Leiche hohnlächelnd einzusargen, und dann hier in dem Haus, wo sie aufgebahrt lag, mich triumphierend festzusetzen — (er steht auf, mit Erregtheit um sich weisend) hier! sieh dich um! zwischen diesen öden Wänden, wo sie einst geatmet hat! hier seit neun Jahren es auszuhalten! immer von ihren Möbeln umgeben! immer ihr B-Bild vor meinem Blick! ihre Pflegerin mir zur Seite, eigens dabehalten zur steten Erinnrung! — Das, meinst du, habe ich auf mich genommen, ich maskierter Schurke, um einer Erbschaft willen, von der ich mir keinen Genuß vergönne, keine Annehmlichkeit, nicht die kleinste Erholung, blos Nahrung für meinen Großmutsdünkel! — Du traust mir wirklich merkwürdige Kunststücke zu. (Er ist hinter seinen Stuhl getreten und stützt sich wieder auf die Lehne.)
Justus
Ja, die Verbrecher halten sich gern für Helden, die ihrer Tat überlegen sind, und liebäugeln mit dem Erinnerungswurm. Manche brüsten sich so lange im stillen, bis sie sich schließlich laut verraten; fromme Leute nennen das Gottes Stimme. (Merkend, daß Christian nach dem Porträt starrt) Du redest wohl öfters mit dem Bild da? —
Christian
Du stellst starke Ansprüche an meine Geduld.
Justus
Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Immerhin scheinst du so geneigt zum Verhandeln, daß du darüber das Stottern verlernt hast.
Christian
(lächelnd)
Nun, vielleicht war auch das nur Maske; man lernt dabei seine Zunge hüten. — Wie hoch taxierst du denn deine Entdeckung? —
Justus
(lächelt ebenso)
Möchtest du nicht etwas deutlicher fragen? —
Christian
Nun, mein gesamter Vermögensrest beträgt noch etwa zwanzig Millionen, nach Abzug der Reservedepots für meine letzten Stiftungen. Um mir die Plackerei vom Ha-Halse zu halten, die du als A-A-A-Amtsperson (er stampft auf, dann wieder gemessen) mit dem Plunder da anzetteln könntest, und um meine innerste Menschlichkeit nicht vor dem Pöbel entblößen zu müssen, biete ich dir den vierten Teil; das sind also rund zwei Millionen mehr, als du mir damals abverlangtest.
Justus
Deine Menschlichkeit ist seitdem — beträchtlich großmütiger geworden; ich erkenne das an, obgleich ich’s erwartet habe. Aber du mußt mir schon erlauben, deine bekannte Opferwilligkeit
Christian
Gut, ich lege noch eine Million zu. Sechs Millionen — das ist mein letztes Wort! —
Justus
Du hast mich mißverstanden, mein Teurer; du mußt nicht denken, ich sei deinesgleichen, weil ich jetzt im schwarzen Rock vor dir sitze. Du hast mich aus meiner Bahn gestoßen, du opferwilliger Ehrenbürger! Du erntest den Lohn deiner Heldentaten, wenn ich dir nun dazu verhelfe, in der Sträflingsjacke vor mir zu stehn! Jawohl, edler Vetter: Gerechtigkeit will ich! die Welt von deinesgleichen säubern! das ist meine Art Menschenfreundlichkeit!
Christian
Deine Gerechtigkeit braucht sich nicht zu ereifern; ich begreife, daß du dich rächen willst.
Justus
Sehr scharfsinnig, dein Begriffsvermögen.
Christian
Willst du mich trotzdem noch ruhig anhören? Nur eine kleine Weile noch?
Justus
Bitte; ich habe warten gelernt. Außerdem zappelst du sehr ergötzlich im Netz.
Christian
Ich könnte sagen, mein Anerbieten sei nur eine Maske gewesen, um dein Pflichtgefühl auf die Probe zu stellen. Aber gesetzt, ich hätte w-wirklich die ungewöhnliche Tat vollbracht, deren du mich für fähig hältst: ich hätte eine bejahrte Person, die nichts mehr konnte als sich und andere quälen, mit ihrer Krankheit, mit ihrer Ha-Hartherzigkeit, mit ihrer hähähä-hämischen Habgier (er ballt die Fäuste, dann wieder ruhig) — die hätte ich aus dem Wege geräumt nach jahrelangem Gewissenskampf — hä-hätte dann wie ein Asket versucht, meine heimliche Gewalttat zu sühnen — hätte sie hier in meiner Einsamkeit, in der Nacht meines Schweigens schwerer gebüßt, als sich’s ein Schuldloser träumen läßt, — hätte immer weiter diese Erblast geschleppt, die ich nur für ein Hirngespinnst verwalte — für eine M-Menschheit, die ich zu spät durchschaute, die nichts ist als ein marternder Schemen —: verlangst du noch mehr Gerechtigkeit?
Justus
Du vergißt, ich bin nicht mehr Leutnant genug, um deiner heroischen Märtyrer-Pose einiges Verständnis zu widmen.
Christian
Aber vielleicht verstehst du, daß ich inzwischen manches anders ansehen lernte. Vielleicht war mein Abscheu gegen dein früheres Handwerk — deinen Beruf, wenn du das lieber hörst — nur Verbohrtheit eines B-Büchermenschen. Vielleicht ist mir die Erkenntnis gekommen, daß auch Nächstenliebe zur Hartherzigkeit führt, wenn sie die Allernächsten vergißt über ihrem fernen Ziel. Ich bin dein Schuldner, ich weiß es lange; deshalb empört mich deine Beschuldigung nicht. Und deshalb — nur deshalb, Justus! hörst du? — wiederhole ich mein Anerbieten.
Justus
Zu spät, Euer Gnaden; einen Monat zu spät.
Christian
Du irrst. Ich habe schon letzte Weihnacht — denn dies (auf sein Herz deutend) W-Wrack wird nicht lange mehr Stand halten — mein Testament beim Notar hinterlegt; darin stehst du mit dem Betrag verzeichnet, den du einst von mir gefordert hast. Ich biete dir jetzt das Doppelte, weil ich dir mehr verdarb, als ich ahnte.
Justus
(auf seine Mappe schlagend)
Zum Teufel, alles verdarbst du mir! Willst du mich jetzt noch mit Großmut beschwindeln? Dein Testament, wenn’s wahr ist, ist mir ein Wisch! Ein Verbrecher wie du hat sein Erbrecht verwirkt! Kein Pfennig von deinem Mammon gehört dir! Wo nimmst du die Stirn her, mich beschwatzen zu wollen; du verrätst dich ja selber mit jedem Wort!
Christian
(tritt ihm langsam näher)
Ah — du hoffst auf den ganzen Rest meiner Erbschaft. Verrechne dich nicht; nimm Vernunft an, Justus! Vergiß nicht, ich sprach nur bedingungsweise! Es hat sich schon m-mancher die Hand verstaucht, der zu sehr auf die Gerechtigkeit pochte.
Justus
Ich poche nur auf die Mappe hier. (Er nimmt sie unter den Arm und steht auf.)
Christian
Du kannst dir also garnicht die Möglichkeit denken, daß ich jene Giftsendung für mich selbst kommen ließ? daß ich mich wand vor Scham und Verzweiflung unter den frevelhaften Wünschen, die ich — jawohl, ich bekenn es dir — unablässig in mir w-wuchern fühlte am Krankenbett meiner Quälerin?
Justus
Eine Möglichkeit zieht die andere nach.
Christian
Und wenn nun die Zeugen für mich aussagen? — Willst du nicht wenigstens die Anne erst hören?
Justus
Der kannst du viel vorgemunkelt haben. Aber wenn dir’s Vergnügen macht, dich in ihrem Beisein verhaften zu lassen —
Christian
(nähert sich der Tür)
Ich tu’s um Deinetwillen, Justus —
Justus
Ich warne nur vor Fluchtversuch! Das Haus ist auf beiden Seiten umstellt —
Christian
(ruft zur Tür hinaus)
Anne — (tritt dann neben den Bücherbord, lehnt sich an und verschränkt die Arme) —
Anne
(kommt, macht die Tür zu, beklommen)
Was ist, Herr Christian?
Justus
Der Herr Kommerzienrat will verreisen.
Christian
Ich bitte dich nochmals: nimm Vernunft an.
Anne
(beide Hände hebend)
Oh, Herr Justus, wie schauen Sie drein! — (Ihm näher tretend) Ich beschwör Sie, was wollen Sie tun! — (Von ihm wegweichend) Einen Blutsverwandten ins Elend stoßen?
Justus
Ah, Sie wissen, worum es sich handelt?!
Anne
(noch weiter wegtretend, bis vor den Tisch)
Ich? was soll ich wissen? ich seh nur Ihr Auge drohn. Ich kenn Sie ja beide von Jugend auf. Ich weiß nur, was ich als Kind gelernt hab: Mein ist die Rache, spricht der Herr!
Justus
Verzeihung, Schwester Anne, der Herr ist mir fremd. Und dem grauen Sünder da wohl erst recht. Mein Herr ist der Staat! mit seinen Gesetzen!
Anne
Einen Leidenden wollen Sie quälen? Spüren Sie’s nicht, wie er bebt bis ins Herz?!
Christian
Laß gut sein, Anne; es ist genug. Zum letzten Mal, Vetter: ich biet dir die Hand.
Justus
Ich verbitte mir deine — bestechenden Gesten!
Christian
(sich reckend)
Nun, dann Kampf! Hüt dich! Ich bin bereit.
Justus
Sehr gnädig. Im Namen des Gesetzes: ich verhafte dich, Christian Wach. (Die Tür öffnend) Wenn’s gefällig, du hast den Vortritt — (sie schreiten beide langsam hinaus) — —
Anne
(die Hände faltend, leise)
Herr, erbarme dich seiner Seele — —
(Vorhang)