ALS NORWEGEN NICHT HELFEN WOLLTE
(Osterabend 1864)
Und segelst im Kattegatt du umher
Und durch den Belt,
Du findest die Dänenfregatte nicht mehr
Mit rotweißem Feld;
Hörst nicht mehr Wessels Stimme beim Klang
Vom Kommandowort,
Nicht hinter dem Danebrog mehr den Sang,
Den frischen, an Bord,
Du hörst kein Lachen, du siehst keinen Tanz
Unterm Segelweiß,
Um Spiegel und Mast nicht den leuchtenden Kranz,
Der Künste Preis.
Denn alles, was unser war, ertrank
Auf dem Meeresgrund,
Jedwedes Erinnerungsbild versank
Im nächtlichen Schlund,—
In der Winternacht, da bei Sturmeswut
Unter Norwegens Strand
Notschüsse krachten und brandende Flut
Tang anwarf und Sand;
Ein Boot fuhr vom Hafen zur Hilfe aus,
Doch wandt' es in Hast,—
Da trieb die Fregatte gen Deutschland hinaus
Mit zertrümmertem Mast!
Da flog unsre Blutsverwandtschaft vom Bord,
Mit Stumpf und Stiel,—
Gepackt, gewirbelt, trieb fluchend sie fort,
Ein Wellenspiel!
Der nordische Leu am Gallion, durch Sturm,
Durch Alter so grau,—
Er ward zerstückt; ein zerschossener Turm,
Lag das Schiff zur Schau.
Sie flickten es wieder, sie machten es klar
Am deutschen Strand;
Schwarzgelb war die Flagge, es spreizt sich ein Aar,
Wo der Löwe stand.
Wir segeln im Kattegatt; wie leer,
Wie still ist es nun!
Nur ein deutsches Schlachtschiff sahn wir im Meer
Vor Schonen ruhn.
AN DEN DANEBROG
(als Düppel fiel)
Danebrog, in alten Tagen,
Schneeweiß, rosenrot
Sah man, Sohn des Lichts, dich ragen
Über Nacht und Not,
Reif wie schwere Fruchtgehänge,
Hehr wie Heldengrabgesänge,
Frei, mit Geistes Wandervögeln
Durch die Welt dich segeln.
Danebrog, ach, heute steigst du
Todbleich, blutigrot,
Wund wie eine Möwe neigst du
Dich, verletzt zu Tod.
Heiligen Blutes Purpurlache
Zeugt für die gerechte Sache.
Fallend Volk, nun trag die schwere
Kreuzeslast der Ehre!
DER NORRÖNASTAMM
(4. November 1864)
Es zog Norrönas Söhne
Zum freien Meergestad';
Ihr Ziel war Kampfgedröhne
Und hehre Mannestat.
Ihr Geist, in Surtrs Feuer
Sich senkend wurzelfest,
Trieb Schossen ungeheuer
Zu Ygdrasils Geäst.
Ging zu der Brüder Schaden
Oft jeder eigne Spur,
Gab's auf getrennten Pfaden
Doch eine Ehre nur.
Die Zeit schuf Platz für jeden:
Erst Norge, Dänemark;
Kam auch danach erst Schweden,
So wuchs es doppelt stark.
Vom Stern des dänischen Drachen
War Ost und West entbrannt;
Normannengeists Erwachen
Drang bis zum heiligen Land.
Sowie von Sveas Stamme
Die Polnacht ward erhellt,
Gibt Lützens Siegesflamme
Noch Licht der halben Welt.
Es schweißten harte Tage
Norges und Dänmarks Band;
Den größern Sinn der Saga
Hat kleine Zeit verkannt.
Dann trat, sich zu verbinden,
Norge zu Schweden hin,
Und nie mehr soll verschwinden
Der Saga größrer Sinn.
Der Volksgeist birgt im Schoße
Weissagung wundersam:
Die Zukunftstat, die große,
Eint den Norrönastamm.
Ein jedes Fest entfache
Des heiligen Schwures Klang:
Für unsres Blutes Sache
Sieg und nicht Niedergang.
GESANG DER PURITANER
(Aus dem Drama "Maria Stuart")
Gib mir Stärke, reich' mir Waffen,
Halt meinem Notschrei den Himmel offen!
Herre, ist sie dein, mein' Sach',
Schenk' ihr du den Siegestag!
Stürz' deine Feinde!
Stürz' deine Feinde!
Roll' vor dein Zorngewölk, schmettre hinab sie,
In ihrer Sünden Abgrund begrab' sie,
Seng' ihre Saat,
Zertritt ohne Gnad'!
Dann laß auf schneeweißen Taubenschwingen
Dem Gläubigen Tröstung herniederbringen,
Das Ölblatt des Friedens, der deinem Frommen
Nach der Strafen Sündflut dereinst wird kommen!
JAGDLIED
(Aus dem Drama "Maria Stuart")
Hinter uns steigt Heidedampf,
Heidedampf,
Vor uns fliegt der Falk zum Kampf,
Vor zum Kampf.
Birkenduft erfüllt den Hang,
Füllt den Hang,
Felswärts stürmt der Hörnerklang,
Hörnerklang.
Durch die klare Luft dahin!
Durch! Dahin!
Voran eilt sie! Die Königin!
Königin!
Jagt ihr nach! Hei, Jagd voll Glut!
Jagd voll Glut!
Nach—bis in die Todesflut!
Todesflut!
TAYLORS LIED
(Aus dem Drama "Maria Stuart")
Auf Erden jede Freudenstund
Bezahlest du mit Sorg',
Und wird dir mehr als eine, glaub',
Du hast sie nur auf Borg.
Bald fordert eine Schmerzenszeit
In Seufzern streng zurück
Für jedes Lächeln Zinseszins,
Abschlag für jedes Glück.
Mary Anne, Mary Anne,
Mary Anne, Mary Anne,
Du, hätt' ich dich nicht lächeln sehn,
Müßt' ich nicht weinend stehn.
Gott helfe dem, der's nicht vermag,
Zu geben halb sein Herz;
Es kommt die Zeit, sie kommt, da ganz
Er nehmen muß den Schmerz.
Gott helfe dem, der nicht vergißt,
Daß er so froh einst war;
Gott helfe dem, dem alles bricht,
Dem nur der Geist blieb klar.
Mary Anne, Mary Anne,
Mary Anne, Mary Anne,
All, was ich je gepflanzt, erfror,
Nun, da ich dich verlor.
HOCHZEITSLIED
Du standest vorm Altar in weißem Kleide,
Und Ewigkeiten lauschten deinem Eide;
Dein banges Denken schwebte
Um ihren tiefen Grund,
Und was dein Herz durchbebte,
Das betete dein Mund.
Da ward dein Blick von hellem Glanz umwoben,
Denn deine Mutter betete dort oben
Mit dir zugleich.
Nun fühltest du, die Hand, die dir gegeben,
Festhalten werde sie fürs ganze Leben;
Dir wurde leichter, freier,
Dein Herz schlug nicht mehr bang;
Du sahst durch Tränenschleier
Die Zukunft hell und lang!
Betaut von milden Liebestränen deuchte
Das Leben dir ein Lenz, der ewig leuchte;
Du faßtest Mut.
Ihm, der die Eltern deinen Kindertagen
Ersetzte, galt es Lebewohl zu sagen.
Sein Werk war nun geschehen:
Du standest froh verklärt
Und, wie's ersehnt sein Flehen,
Warst deiner Mutter wert.
Er sah dein Aug' voll Dank emporgehoben,
Und Dank schien ihm zu tönen von dort oben,
Dank für sein Werk.
Von den Geschwistern, denen Kinderpflege,
Selbst Kind, du gönntest, scheiden deine Wege.
Den besten Lohn von allen,
Sie geben heut ihn drein;
Einst in die Wage fallen
Wird er am Tag der Pein!
Dank und Gebet ist deines Glücks Geleite,
Dank und Gebet sei stetig ihm zur Seite,
Dank und Gebet!
LEKTOR THÅSEN [Symbol: gestorben]
Von einer Blume las ich einst, die stand,
Bebend und bleich, abseits vom Wegesrand;
Denn der Gebirgsnatur geringe Kraft
Gab sparsam Saft
Und kaum noch Farbe.
Ein Blumenfreund sah sie im Schatten stehn;
Froh brach er aus: du sollst nicht so vergehn!
In sonnenwarmem Grund sollst du hinfort
Ein fruchtbar Lebenswort
Für viele werden!
Als er sie samt dem Erdreich hebt und hält,
Blinkt's seltsam ihm entgegen,—denn ihm fällt
Goldstaub von ihrer Wurzel in die Hand:
Die Blume stand
Auf reichen Gruben.
Von ringsher eilt der Jugend rasche Schar
Zur Wunderstätte—und sie wird gewahr:
Hier liegt des Landes Zukunftsschacht;
Ein Blick in Nacht
Von Gott war die Blume.
Ach, daran dacht' ich, als die Kunde kam—
Als ihn der Herr des Lebens sänftlich nahm
Aus kaltem Felsgrund und des Winters Wehn,
Dort aufzugehn
In ewiger Wärme.
Denn wo sein Sehnen sich hinabgesenkt,
Da blinkt es! Diese Lebenswurzel lenkt
Dem Weisheitshort entgegen, der da reich,
Goldadern gleich,
Ruht in den Tiefen.
Nun, da er fort ist, wird ans Licht gebracht
Die Herrlichkeit, von ihm so treu bewacht.
Gedankenschatz der Vorzeit glänzt herauf,
Und es blitzt auf
Der Zukunft Reichtum.
Nach dem Metall, ihr Jungen, grabet jetzt,
Des Staub die Blume trug, von Gott versetzt.
—Euch gilt die Botschaft! Schürft es aus dem Grund!
Ihm ward's nur kund
In Sehnsuchtsträumen.
AUF EINER REISE DURCH SCHWEDEN
Von Kind auf war ich dir verschrieben,
Denn Größe lehrtest du mich lieben,—
Und rufe laut als Mann dir zu:
Des Nordens Sache führe du!
So reich an Land und Gaben bist du,
Doch deines großen Ziels vergißt du.
Eh' du den Norden nicht geeint,
Bleibst du dir selber fremd und feind!
Es webt ein Sehnen und ein Singen
Durch all dein Volk, doch ohne Schwingen.
Wohl stehst du da, vor vielen stark,
Doch deinen Taten fehlt das Mark.
Zu vieles wird von dir begonnen,
Zu viele Kraft zu Wind versponnen;—
An Herzensfülle mangelt's nicht,
Doch Treue fehlt und Ernst der Pflicht.
Du kannst nicht ohne Kampf gedeihen,
Ein Sinn muß deine Tage weihen,
Ein heldisch Wollen, daß die Welt
Vor Schwedens Namen inne hält.
Aus Eignem wirst kein Glied du rühren,
Der Ehre Stern muß dich verführen,
Aus Taten wird dir erst und Mühn
Die rechte Freudigkeit erblühn.
Denn deines großen Einst Versprechen Sind allzu strahlend, sie zu brechen. So schmiede denn des Nordens Glück! Er gibt es doppelt dir zurück!
Du kannst kein größer Werk beginnen,
Kein heiliger Gebot ersinnen:
Dies Werk schließt deine Zukunft ein
Und macht dich aller Sünden rein!
Du Volk von Schwärmern und Propheten,
Du Volk von Träumern und Poeten!
Der Unkraft lähmend Joch zerbrich!
Des Nordens Fahne harrt auf dich!
STELLDICHEIN
Still ist der Abend;
Selbst sich begrabend,
Rollen die Stunden und scheidet das Licht.
Nur die Gedanken
Lauschen und schwanken:
Ob sie heut kommt oder nicht?
Frostiges Dämmern;
Wolken gleich Lämmern
Ziehen vorüber; der Sterne Heer
Zaubert im Glänzen
Liebe und Lenzen;
Kennt sie den Weg denn nicht mehr?
Sehnsuchtsleise
Unter dem Eise
Seufzt das Meer in wegmüder Ruh.
Schiffe vor Anker—
Ach, und ein Kranker
Fragt: wo verweilest du?
Schneeflocken stieben,
Bergwärts getrieben,
Märchenhaft wirbelnd zum dunkelen Hain;
Nachtvögel schwirren,
Schlagschatten irren;
War das ihr Schritt?—Ach nein!
Bist du so feige?
Sehnende Zweige
Starren von Reif; du wurdest verhext.
Doch ich bin stärker,
Sprenge den Kerker,
Wo du dich träumend versteckst.
LIED DES STUDENTENGESANGVEREINS
Auf, Brüder, stimmt an ein Lied!
Im Lichtgeleit dahin es zieht,
Hell flammt es in Liebessonne,
Voran eilt des Sieges Wonne,
Und ringsum träufelt Blütensaat
Auf junger Willenskräfte Pfad!
Weithin unser Sang schon fuhr,
Und ruhmreich leuchtet seine Spur
In Fahnen und Freundschaftsspenden,
In Kränzen aus Frauenhänden,
In Festen voller Jugendschaum,
In Volkes Vorzeit, Volkes Traum.
Nach Halden ging unser Zug,
Die Fahne hing zerfetzt genug;
Sie wehte durch unsre Sänge,
Sie mahnte durch Liederklänge,
Erglühend in dem mächtigen Brand
Des Heldentods fürs Vaterland.
Gen Arendal die Sommerfahrt
Zu "Macht und Ruhm", sei treu bewahrt.
Inmitten der Flotte zogen
Wir Sänger auf blauen Wogen
Zu Norges Schiffs- und Handelsflor,—
Da sangen wir den Jubelchor.
In Bergen, am Meeresstrand,
Wo Altes sich mit Neuem band,
Von Lurklang die Berge hallen;
Held Sverre lebt noch bei allen;
Doch frisch und voll von Lebenslust
Entstieg das Lied der Volkesbrust.
Upsala, Kopenhagen, Lund, Wie zündend klingt's aus Herz und Mund! Da banden wir in Akkorden Im Dreiklang den ganzen Norden. In vollem Chor zum Himmel klang Norrönastammes Einheitssang.
Frischauf in die Welt hinaus!
Wo's Echo gibt, sind wir zu Haus.
Im Lied unsre Zukunft winket,
Im Lied die Vorzeit nicht versinket,—
Wir wandern weiter Hand in Hand,
Und singen Sommer unserm Land.
AN DEN BUCHHÄNDLER JOHAN DAHL
(Zu seinem sechzigsten Geburtstag)
Herr Wirt, dir sei dies Hoch gebracht!
—"Hurra!"
Doch während wir singen, so gebt fein acht!
—"Ja ja!"
Zuerst müßt von schrecklichen Leiden ihr wissen,
Als in unsern Wirrwarr sein Los ihn gerissen
Zu Adlern und Schären,
Zu Wergelands Bären,
—Au ja!
Er kam als ein unschuldig Lämmelein,
—O je,
So niedlich, appetitlich und sauber und rein
Wie Schnee.
Das köstliche Fleisch ließ zu Füllsel man hacken
Und später in Teig von Herrn Wergeland backen
Und munter zerbeißen,
Die Knochen verschleißen
Im Ramsch.
Doch hei! wie ein Böcklein des göttlichen Tor
Er sprang,
Und stieß ihnen kräftiglich hinter das Ohr,—
Das klang!
Da schmunzeln die Kerle in vollem Behagen:
"Jetzt hat der Gesell sich zum Bruder geschlagen,"
Und balde war keiner
Beliebter und feiner
Als Dahl.
Das Licht aus der Bude dort konnt' wohl erhellen
Das Land.
Dort hat sich gar mancher zum Spießgesellen
Bekannt;
Dort machte man Mode und kritische Normen,
Und wollt' ein gut Stückchen Norwegen formen.
Das wird die Geschichte
Schon bringen zum Lichte
Dereinst!
Für das, was du littest, entflammtest und strebtest,
Hab' Dank!
Für alle die Kraft, die du freudig belebtest,
Hab' Dank!
Für all dein gutmütig Eifern und Zanken,
Dein goldnes Gemüt, deine Freundschaft, wir danken,
Du seltsamer Falter,
Du Lieber, du Alter,
Hab' Dank!
DIE SPINNERIN
Ach, was fragte er mich,
Eh' er jetzt vom Fenster schlich?
"Du, ein Band, das knüpf' ich still,
An den Tag soll's im April.
Traust du dich?—dann gib mir dein
Gespinst hinein."
Wie soll ich's wohl verstehn?
Wer hat je ihn weben sehn?
Und mein Gespinst so rein,
Will er in sein Band hinein?
Und so eilig webt er's hin,—
Bis—Lenzbeginn?
Und wie lacht' er dabei!
Ach! Stets treibt er Narretei.
Gebe mein Gespinst ich hin,
Ihm, der also leicht von Sinn?—
Füge du es, Gottes Hand,
Fest zum Band!
DIE WEISSE UND DIE ROTE ROSE
Die weiße und die rote Rose,
So hießen der Schwestern zwei—ja, so!
Die weiße, die war stumm und still,
Die rote allzeit froh.
Doch umgekehrt ging's seither, ja,
Da kamen die Freier weit her, ja.
Die weiße ward so rot, so rot,
Die rote ward so weiß.
Der, den die rote liebte,
Den wollt' der Vater nicht han, nicht han.
Doch den die weiße liebte,
Den nahm er glattweg an.
Die rote, ach, bleicht in Tränen, ja,
Vor Seufzen, Sorgen und Sehnen, ja.
Die weiße ward so rot, so rot,
Die rote ward so weiß.
Da, Wetter, wird dem Alten bang,
Er rückt heraus mit: ja doch—ja!
Und Hochzeit gab's mit Sang und Klang
Und Böllerschuß, hurra!
Bald kamen auch Röschen nun, o ja,—
Röschen in Strümpfen und Schuhn, o ja.
Die der roten waren weiß, doch—hm!—
Die der weißen alle rot.
IN DER JUGEND
Jugendmut,
Jugendmut,
Wie der Falke kühn und leicht
Hebt er sich im Blau und steigt,
Bis er alle Höhn erreicht.
Jugendblut,
Jugendblut,
Braust wie Dampf durch Meer und Nacht,
Sprengt das Stromeis, daß es kracht,
Trotzt dem Sturm und jauchzt und lacht.
Jugendtraum,
Jugendtraum,
Schleicht sich wie ein Schelm hinein
In schön Mägdleins Kämmerlein;
Aller Duft und Glanz des Lenzen
Seine leichten Wellen kränzen.
Jugendlust,
Jugendlust,
Sprudelt aus der Felsenbrust,
Schleudert noch im Sturz zum Grabe
Lachend seine Strahlengabe.
Jugendlust,
Jugendtraum,
Jugendblut,
Jugendmut
Streun auf unsern Erdenwegen
Singend ihren goldnen Segen.
DAS BLONDE MÄDCHEN
Ich weiß, sie wird sich von mir wenden,
So scheu, wie je ein Traum entwich—:
Und doch, ich kann nur immer enden:
Du blondes Kind, ich liebe dich!
Ich liebe deiner Augen Träume:
So weilt auf Schnee der Mondnacht Ruh
Und tastet sich durch steile Bäume
Nur ihr verschlossnen Tiefen zu.
Ich liebe diese Stirn: ein Siegel
Der Reinheit, blickt sie sternenklar
In der Gedankenfluten Spiegel,
Der eignen Fülle kaum gewahr.
Ich liebe dieses Haar, sich drängend
Aus seines Netzes strengem Band:
Voll kleiner Liebesgötter hängend,
Verlockt es Auge mir und Hand.
Ich liebe diese schlanken Glieder
Mit ihrem Rhythmus wie Gesang.
Hell klingt des Lebens Wonne wieder
Aus ihrer Pulse dunklem Drang.
Ich liebe diesen Fuß, dich tragend
In deiner Herrlichkeit und Kraft,
Durchs muntre Land der Jugend wagend
Den Weg zur ersten Leidenschaft.
Ich liebe diese Lippen, Hände,
In Amors eifersüchtiger Pacht;
Des Würdigsten als Siegesspende
Gewärtig und für ihn bewacht.
Ja, schürze nur die schönen Brauen
Und wende dich zur Flucht und sprich:
Kein Mädchen dürfe Dichtern trauen.
Ich liebe dich! Ich liebe dich!
MEIN MONAT
Ich lobe mir April,
In dem das Alte fällt,
Das Neue Kraft erhält;
Wohl liebt er Friede selten,—
Doch soll wohl Friede gelten?
Nein: daß man etwas will.
Ich lobe mir April,
Weil er, der Stürmer, Feger,
Der Eis- und Herzbeweger,
Weil er, der Kräftereger,
Des Sommers Kommen will!
HOCHZEITSLIED
(Zu Ditmar Meidells Hochzeit, den 21. Juli 1868)
Blick' auf, o Braut, er naht
An Freundeshand zum Buchtgestad',
Ein wenig kahl und träg',
Doch frisch und herzensreg'.
Hier kommt er treu und grad'—
Der alte braune Kreuzeraar,
Erprobt in Sturmgefahr,
Mit Augen kindlich klar.
Er war ein Bursch so keck,
Lag gern auf seines Boots Verdeck
Und ließ vom Wogenschaum
Sich wiegen in den Traum.
Der Segel breite Last
Schlug sonnbeschienen an den Mast,
Und ohne Ruder glitt
Der Kiel im Strome mit.
Doch als er müßig da
Sein Bild im tiefen Blau besah,
Getrieben ward sein Kahn
Zum offnen Ozean.
Hei, wie er munter sprang
Zum Steuer unter Flutgesang;
Die erste harte Not
War ihm wie Morgenrot.
Er kehrte nicht nach Haus,—
Fuhr in der Freiheit Reich hinaus,
Wo alles ringsumher
Unendlich wie das Meer.
Hinaus ins Flutgetos,—
Und ward das Boot auch steuerlos,
Hat kühne Manneskraft
Ihm doch den Sieg verschafft!
Da draußen stand er frisch;
Ihm wuchs der Mut im Sturmgezisch.
Sein Deck zerbarst; doch ihn
Konnt' es nicht niederziehn.
Nach oben kam er leicht,
Wie übers Meer ein Vogel streicht,
Dieweil manch stolzes Schiff
Zertrümmert ward am Riff.
Sein Kahn schwamm flott dahin,
Weil ihn gebaut ein freudiger Sinn,—
Der Sturm blieb ohne Macht:
Denn Jugend war die Fracht.
Und ein unbändiger Klang
Von Schüssen, Feuerwerk und Sang
War immerzu an Bord
Mit Echo über Nord.
Ein wenig müd' zuletzt,
Dacht' er der Kindheit sehnend jetzt,
Lag wieder friedlich-mild
Und sah sein Spiegelbild.
Er sah, der Schelm, er sah—
Sein eignes nicht, nein ihres da,
Als seiner Sehnsucht Fund
Lächelnd im Wellengrund.
Zum zweiten Mal zieht aus
Sein Leben in den Wogenbraus,
Und Sturm soll seinem Kahn
Zum zweiten Male nahn!
Zum zweiten, zweiten Mal hinfort
Soll tönen Schuß und Sang an Bord;
Denn diesmal mit ihm fährt
Der Glaub' an Weibes Wert!
NORWEGISCHES SEEMANNSLIED
(Zu einem Fest norwegischer Seeleute in Stavanger 1868)
Norwegisch Seevolk ist
Ein derber Schlag voll Kraft und List;
Wo Schiffszeug schwimmen kann,
Da ist es vorne dran.
Auf Meerfahrt und zu Haus,
Im Sund und bei den Schären draus,
Vertraut es Gottes Schutz
Und beut den Wogen Trutz.
Hier müht ein Volk sich ab
Fürs Leben ruhlos bis zum Grab,—
Des Todes Sense mäht
Sich Opfer früh und spät.
Was Tag um Tag geschieht,
Bewahrt nur selten Wort und Lied,
Und von so manchem Stück
Kehrt keiner mehr zurück.
Ja, schlichter Fischer Kiel,
Von Mut und Witz geführt zum Ziel,
Hat Werke viel erschaut,
Die niemals wurden laut.
Und manches Seemanns Haupt
Ward feucht mit Schilf und Tang umlaubt,
Statt daß ihn goldnes Reis
Gekränzt im Heldenkreis.
Des Olavkreuzes Ruhm
Hätt' manches Lotsen Heldentum
Verdient, der Schar um Schar
Gerettet aus Gefahr.
Und manchem Bürschchen auch,
Das heimritt auf der Jolle Bauch,
Stand Vater hoch an Bord,
Gebührte wohl ein Wort.
Doch Norges Küste ist
Des Landes Mutterbrust und mißt
Ihm Nahrung zu, wenngleich
Oft Nahrung tränenreich.
Sie hütet und bewacht,
Was ihre Söhne je vollbracht,
Vom großen Hafurstag
Bis auf das letzte Wrack.
Das fühlte, wer sein Land
Nach langem Fernsein wiederfand;
Das fühlte, wer es ließ,
Wann er vom Ufer stieß.
Das fühlten, die weit fort:
Der Heimat Glück war mit an Bord:
Der weißen Segel Fleiß
Gewann uns Macht und Preis.
* * *
Hurra, wer immer heut
Zur See sich unsrer Flagge freut!
Hurra, der Lotse brav,
Der sie zuerst heut traf!
Hurra, der Fischer, der
Sich rudernd wagt auf Fjord und Meer!
Hurra, im Schärenkranz
Die Küste unsres Lands!
HALFDAN KJERULF [Symbol: gestorben]
(1868)
Hart griff der Winter die jungfrohe Kraft,
Doch er griff fehl. Der lenzfrische Saft
Rettete sich in dem leidenden Stamme.
Hochsommer bracht' ihm der Blütezeit Flamme,
Spätherbst gab reifender Früchte Prangen,—
Wenige, doch süß und mit rosigen Wangen.
Sein ward die Frucht—und wird ewig gesät,
Da, wo man ewig im Sommer steht.
Er allein fand
Leidengebeugt sich an Todesstroms Rand.
Weiter kämpft' er mit Winter und Eis,
Kämpft' um den Sommer, des Sängers Preis,
Kämpfte im Sinken, noch demütig schön
In brünstigem Flehn.
Hat ihn der Sommer auch wirklich gefällt,—
Jetzt, da man's erntet, das goldene Korn,
Hat er gesiegt; unter Jagdruf und Horn,
Einzugsfeier er hält.
Er ist der Dichtkunst mächtiges Bild.
Winterlich herb und doch sommerlich mild.
Gleichwie die Lüfte in zitterndem Schein,
Rosige Gipfel und laubfrischer Hain,
Bäche, die blumige Wiesen durchgleiten,
Klingen und spielen in Sonnenlichts Saiten,
So soll die Dichtkunst erstehen aufs neu',—
Bleibt sie, selbst fallend, der Sache nur treu,—
Mächtig sich dehnen,
Bald ist hier Sommer mit Sommers Sehnen.
VORWÄRTS
"Vorwärts! vorwärts!"
Scholl der Ahnen Losungswort.
"Vorwärts! vorwärts!"
Pflanzen wir den Schlachtruf fort!
Was die Sinne flammen, die Herzen glauben heißt,
Auch uns, die Enkel, vorwärts reißt
In ihrem Geist.
"Vorwärts! vorwärts!"
Wer gern haust als freier Mann.
"Vorwärts! vorwärts!"
Freiheit ewiglich voran!
Was sie auch an Leiden und Opfern kosten mag,
Wer weiß noch vom empfangnen Schlag
Am Siegestag?
"Vorwärts! vorwärts!"
Wer da traut des Volkes Kraft.
"Vorwärts! vorwärts!"
Wer am Werk der Väter schafft.
Schätze schlafen tief noch in nordischer Berge Schoß:
Die lege treuer Spatenstoß
Von neuem bloß!
WIE MAN SICH FAND
(Zum Studententag 1869)
Träume, die zu Träumen drängen,
Finden bald ihr Reich;
Herzen, die sich suchen, sprengen
Alles lenzstrahlgleich.
Und je tiefre Leiden binden
Ihren jungen Drang,
Desto heller beim Sichfinden
Braust der Jubelsang.
Jeder von den Hochgemuten
Spornt zwar hundert an,
Doch wenn tausend auch verbluten,
Wär's doch nicht getan.
Nein, erst wenn der Volkslenz brausend
Stürmt durch Wald und Land,
Weckend all die Hunderttausend,—
Dann erst man sich fand.
Heil nun Norges jungem Tage,
Fern in Dunst versteckt.
Mit dem Dämmergrauen jage
Weg, was uns erschreckt.
Und des Schlachthorns hohle Lieder,
Tränen, Schmach und Blut,
Die beseelten immer wieder
Uns erst recht mit Mut.
Aus des Volkes Geist und Werken
Wächst er Tag für Tag,
Niederlagen ihn nur stärken
Zum Entscheidungsschlag.
Frühlingsahnen ist entglommen,
Spricht das Jubelwort
Von dem Lenz, der einst wird kommen,
Heil dir, Volk im Nord!
NORWEGISCHE NATUR
(Auf Ringerike während des Studententages 1869)
Wohlauf, ihr Wanderer, singt,
Von Norges Herrlichkeit umringt!
Laßt stille den Ton sich ranken,
Wie Farben vorüberschwanken
Zu Fjord und Strand, Gebirg und Flur
Und Wald im Borne der Natur.
Die Glut in des Volkes Drang,
Die tiefe Kraft in seinem Sang,
Hier hebt sie zu dir die Augen,
Um deine Schönheit zu saugen,
Und daß du dich vor ihr enthüllt,
Dankt dir ein Blick, von Lieb' erfüllt.
Hier kam die Geschichte zur Welt,
Hier träumte Halvdan als ein Held.
Er sah in Nebelgestalten
Das ganze Reich sich entfalten,
Und Nore stand und gab ihm Mut,
Und in die Weite wies die Flut.
Hier führe des Liedes Chor
Der Heimat ganzes Bild uns vor!
Es brause der Sturm in der Stille;
Ins Milde soll dringen der Wille:
Wenn sich das Land zusammenschart,
Erkennt ein jeder unsre Art.
Was immer als erstes sie will,
Sind hundert Häfen im April.
Da hebt sich das Herz zum Gotte,
Wenn Anker lichtet die Flotte;
Norges Gebete segeln fort
Mit sechzigtausend Mann an Bord.
Schau' felsigen Küstenhang
Mit Möwen, Walen, Platz zum Fang,
Fahrzeugen im Inselschutze,
Doch Boten im Wogentrutze
Und Garn im Fjord, Schleppnetz im Sund—
Von Rogen weiß den ganzen Grund.
Im wilden Lofotenschwarm
Umschlingt den Fels der Meeresarm;
Die Höhen hält Nebel umzogen,
Doch am Fuße keuchen die Wogen,
Und alles dunkelt, schreckt und droht;
Jedoch im Strudel Boot an Boot.
Den Eismeerfahrer dort schau'
Hinziehn durch Schnee und Dämmergrau.
Laut schallen Kommandoworte;
Durchs Eis wird gebrochen die Pforte,
Und Schuß auf Schuß die Seehundsjagd,
Doch Leib und Seele unverzagt.
Dann kommen wird abends zu Gast,
Wo das Gebirgsvolk weilt zur Rast,
Wo Kühe man melkt auf den Matten
In des dräuenden Felshangs Schatten,
Wo sehnsuchtsbangem Fragelaut
Natur die Antwort anvertraut.
Doch müssen wir weiter im Flug;
Denn unser wartet noch genug,—
Das Bergwerk, drin Erze wuchten,
Die Renntierjagd in den Schluchten,
Der schäumend weiße Strom, der stolz
Zu Tale trägt des Flößers Holz.
Und weilen wir wieder hier,
Die breiten Dörfer lieben wir,
Wo Bauern in treuem Walten
Hoch unsere Ehre halten;
Von ihrer Ahnen Glanz umloht
War unsres Aufgangs Morgenrot.
Wohlauf, ihr Wanderer, singt,
Von Norges Herrlichkeit umringt!
Uns leiht unser Wirken Flügel,
Es grüßt uns die Vorzeit vom Hügel,
Und unsre Zukunft werd' erbaut
So stark wie Gott, dem sie vertraut.
ICH REISTE VORÜBER
—Ich reiste vorüber im Morgenrot:
Lautlos ein Hof noch im Lichte ruht,
Und wie die Scheiben brennen in Blut,
Loht auf in der Seele erloschene Glut:—
In Frühjahrsstunden
Dort war ich gebunden
Von lächelnden Lippen und feinen Händen,
Und das Lächeln mußte in Tränen enden.
Lang, bis der Hof meinem Blicke entschwand,
Schaut' ich hinüber, unverwandt.
Alles Vergangne erglänzte rein,
Alles Vergessne ward wieder mein:—
Gedanken wandern
Nun auch zu andern
Frühlingstagen, und Wonnen und Fehle
Wogen vor und zurück in der Seele.
Freudvoll damals und freudvoll nun,
Schmerzen damals und Schmerzen nun.
Sonne im Tau: wie das funkelt und weint—
Tränen und Lächeln verklärt und vereint.
Wenn Erinnerungswellen
Flutend erst schwellen
Über die Seele und ebben dann wieder,
Grünt sie und sprengt die Knospen der Lieder.
MEIN GELEIT
Durch strahlende Wonnen fahr' ich heut
In Sonntagsstille mit Glockengeläut.
Die Sonne, vom Saatfeld bis zu den Mücken,
Will alles alliebend, allsegnend beglücken.
Ich sehe das Volk in die Kirche wallen,
Hör' Psalmen aus offener Pforte hallen.—
Sei fröhlich! Nicht mir nur galt dein Gruß,
Wenngleich du's nicht merktest mit eiligem Fuß.
Ich habe das herrlichste Reisegeleit—
Zwar birgt es sich listig von Zeit zu Zeit;
Doch sahst du mich Sonntagsfreude bekunden,
So war's, weil mehrere mit mir verbunden,
Und hörtest du meinen gedämpften Gesang,
Sie saßen schaukelnd in jedem Klang.
Mir folgt eine Seele von solcher Macht,
Daß alles sie mir zum Opfer gebracht;
Ja, sie, die lachte, wenn umschlug mein Nachen,
Die nicht gebebt vorm Gewitterkrachen,
In deren weißen Arm ich geruht,
Erwärmt von des Lebens und Glaubens Glut.
Seht, hierin bin ich von Schneckenart:
Ich nehme das Haus mit auf die Fahrt,
Und wer da glaubt, daß die Bürde mich drücke,
Der sollte nur wissen, wie hold es beglücke,
Ein Obdach zu finden, wo himmlisch klar
Sie steht unter lachender Kinderschar.
Kein Denken, kein Dichten hat je ersonnen
So hohe Wölbung, so tiefen Bronnen,
Wie von der himmlischen Liebe der Schein
Hinabdringt bis in die Wiege hinein.
Nie leuchtet und taut dir die Seele so lind,
Wie wenn mit Gebeten du wiegst dein Kind.
Wer nimmer die Liebe gekannt für das Kleine,
Dem winkt nicht die große, die allgemeine.
Wer nicht sein eigenes Haus kann baun,
Wird auch seine Türme zertrümmert einst schaun;
Und zwingt er ganz Europa ins Joch,
Stirbt einsam er auf Sankt Helena doch.
Erbau' dir nur selbst eine Zufluchtsstätte;
Dann weiß auch dein Nächster, wohin er sich rette.
Obwohl von Kindern und Frauen geschaffen,
Birgt diese Festung so starke Waffen,
Daß heil sie bleibt in Kampf und Gefahr
Und Mut verleiht einer ganzen Schar.
Ein einzelnes Heim trug oft ein Land,
Wenn dessen Retter es ausgesandt,
Und wieder viel tausend Heime trug
Das Land erlöst aus dem Kriegeszug;
So trägt es auch auf des Friedens Wegen
Den Pulsschlag des Heims in emsigem Regen.
Trotz all dem Feinen im fremden Duft,
Ganz lauter allein ist die Heimatluft.
Nur dort stellt kindliche Wahrheit sich ein
Und wird von der Stirn dir geküßt der Schein.
Zur Heimat dort oben stehn offen die Türen;
Denn von dorten kam's, und dahin wird es führen.
Du Kirchenpilger, drum freue dich;
Du betest für deine, für meine ich;
Denn das Gebet läßt uns aufwärts wandern
Ein Stück von dem einen Heim zum andern.—
Ihr bieget hinein; im Weiterwallen
Hör' ich den Psalm aus der Pforte hallen.—
Sei fröhlich! Nicht mir nur gilt dein Gruß,
Wenngleich du's nicht merktest mit eiligem Fuß.
AN MEINEN VATER
(Als er Abschied nahm)
Unser Geschlecht sah einstmals stolze Tage.
Noch in geräumigen Weilern und auf breiten
Gehöften sitzt es; doch in harten Zeiten
Ward unser Zweig gebeugt in andre Lage.
Nun reckt er wieder sich zum Licht empor,
Und frische Knospen sprießen draus hervor:
Du stärktest ihn; dein Abend sieht aufs neue
Ihn blühn, gelabt vom Quickborn deiner Treue.
Wie das Geschlecht sich ausruht, um zu steigen
In seines Wesens Tiefe, still geschäftig
Dort einzusaugen, was erlösungskräftig
Die reichen Gaben aufweckt, die sein eigen—
So konnt' ich fühlen noch in dir die Spur
Der dumpfen, ungezügelten Natur;
Sie war so stark, daß ihre dunklen Mächte
Fortwirken bis zum spätesten Geschlechte.
Ein Funke fiel hinein vom warmen Herzen
Der Mutter, und der Bund, der euch beglückte,
Wird, wie er segnend euer Alter schmückte,
Noch leuchten nach dem Tod mit hellen Kerzen.
Wenn unser Volk einst recht versteht das Bild
Der Heimat, der mein ganzes Dichten gilt,
Des Glaubens und der Liebe stilles Walten,
Dann soll's auch euch für immer lieb behalten.
Wird Norges Bauer, wie ich ihn beschrieben
Aus Sagas oder bei des Pfluges Lenken,
Genannt,—muß, Vater, man auch dein gedenken:
Ich ahnt' ihn nur, weil dich ich lieben durfte.
Und wenn das treue Weib, das ich gemalt,
Mit wackrem Mut, von Glaubensglanz umstrahlt,
Von Fraun genannt wird, mag es leicht geschehen,
Daß meine gute Mutter sie erspähen.
Und nun in Abendrast mögt ihr verweilen
Nach schwerem Tagwerk und nach manchen Plagen,
Mögt euch erzählen von entschwundnen Tagen,
Von manchem müden Schritt die tausend Meilen—
Wie über Winterschnee der Sonnenschein
Blickt euch ins Fenster freudiger Dank herein,
Umwebend einstiges Leid mit goldner Hülle,
Und Leben quillt euch aus des Glaubens Fülle.
Doch niemand ist, der wärmer für euch betet
Als euer Sohn, den ihr in Angst und Beben
Gehegt vom ersten leisen Flügelheben,
Für dessen Wohl zu Gott ihr täglich flehtet.
Wißt, wenn das Blut zu wild mir schoß durchs Hirn,
War mir, als rührten Hände meine Stirn;
Und pochte Reue still an meine Schläfen,
War mir, als ob wir uns beim Höchsten träfen.
Seht, deshalb bitt' ich Gott, mir Kraft zu senden
(Fürs Leben werden wir uns neu begegnen,
Und Scherz wird Hoffnung und Erinnrung segnen),
Um einen heitern Abend euch zu spenden!
O laß die Enkel, wenn dein Arm sie hält,
Im Abend schaun die morgendliche Welt!
So wird einst tröstlich ihnen noch im Sterben
Das Morgenrot die blassen Häupter färben.
AN ERIKA LIE
Wer in Töne bände
Nordische Gelände,
Zeigte nicht nur rauhe Bergeswände,
Nein, auch ebne Auen,
Die gen Morgengrauen
Glitzerperlen frisch betauen.
Wälder, traumumflogen,
Die in schweren Bogen
Wie ein Meer das Glommental durchwogen,—
Lieblich grüne Weiten,
Die von allen Seiten
Leicht und licht zusammengleiten.
All den feinen, klaren
Reiz uns offenbaren
—Nordlands sonnbeglänzte Vogelscharen.
Und die Purpurspende
Ferner Nordlichtbrände—
Sieh, das müssen Mädchenhände.
Deine Hände schlagen
Töne an und jagen
Bilder auf aus langentschwundnen Tagen,
Die in Sehnsuchtstiefen
Unsrer Dichtkunst schliefen,
Bis dann deine Hände wach sie riefen.
Bald in leichten Ringen
Sehn wir blinkend schwingen
Funken, die aus Vaters Frohsinn springen;
Bald erhabnes Schauern,
Heiliges Bedauern
Aus der Mutter Wehmutsauge trauern.
Kinderseele, klinge
Reingestimmt und dringe
Gläubig durch das Sein und alle Dinge,
Rein wie Melodien,
Festsaalharmonien
Dich, du Kind des Glommentals, umziehen.
AN JOHAN SVERDRUP
Nicht war's zu rauhem Kriegeswerke,
Daß deines Namens Wunderstärke
Ich mir zum Losungswort erkor.
Kein Gassenkampf kränkt unser Ohr!
Soll denn der Dichtkunst Opferhain
Gefeit vor Meuchelmord nicht bleiben,—
Ist das das Neue, was sie treiben,
Dann mag ich nicht der ihre sein.
Dann sage ich, wie Ejnar sagte,
Als er um seinen König klagte
Und Harald mit Verheerung droht':
"Ich folge eher Magnus tot
Als Harald lebend;—" ja fürwahr,
Dann mache ich mein Langschiff klar.
Auch darum senkte nicht vor dir
Mein Lied sein flatterndes Panier,
Weil ich bei dir Erlösung wähnte
Für alles, was mein Herz ersehnte.
Nein, wo die größten Fragen brennen,
Da eben ist's, wo wir uns trennen—
Von des Gedankens Ursprung an,
Bis er sich formt zu Ziel und Plan.
Ich steh' auf Kinderglaubens Grund—
Er muß dem Volk die Freiheit geben,
Durch ihn kann es nach Gleichheit streben,
Nach freier Brüdervölker Bund.
Wohl heißest du gleich mir ein Christ,
Doch ist die Kluft so tief geblieben,
So tief, wie wir verschieden lieben
Dies Land, das uns gleich teuer ist.
Heut mögen wir am Sieg uns freun,—
Das Morgen wird uns neu entzwein.
Doch darum dich mein Sang erkor,
Weil eben das, was uns jetzt gilt,
Von allen dich am stärksten füllt,
Du hältst im Kampf es hoch empor.
Wenn graue Nebel uns umschlingen,
Nach Licht das trübe Auge lechzt,
Die Erde schlummermüde ächzt,
Und ängstlich wir nach Atem ringen,—
Dann weicht von dir die Erdenschwere,
Dann regt dein Geist die Donnerflügel,
Dann packt dein Blitz die Wolkenheere,
Und sonnenklar stehn Berg und Hügel.
Du bist der frische Regenguß
In unsres Alltags trägem Muß;
Du bist die Salzflut, die so wild
In unsre schwülen Fjorde quillt.
Dein Wort bricht durch wie Bergmannsgänge,
Wo Erz erglänzt in Felsenenge;
In deines Seherauges Flammen
Schmilzt Einst und Jetzt in eins zusammen.
Solang' du Sverres Klinge schlägst,
Macht sie dein Schlachtenhorn erzittern;
Solang' wir dich als Führer wittern,
Du Sieg auf Sieg von hinnen trägst.
Sie weichen unter deinen Hieben,
Verkriechen sich in scheuer Kluft,
Doch frei in des Gedankens Luft
Ist unversehrt dein Haupt geblieben.
Wir lieben deinen Löwenmut,
Der vor der Fahne kämpft voll Glut,
Die Fähigkeit, die unverzagt
Den eignen Stahl zu schmieden wagt,
Die wachsame Verwegenheit
In Not, Verachtung, Krankheit, Leid.
Wir lieben dich, weil alles du
Hingabst für uns—Ruhm, Zukunft, Ruh;
Wir lieben dich trotz Haß und Groll:
Du glaubtest an uns allezeit.
Wer wagt's, noch rückwärts jetzt zu zeigen?
Nein, aufwärts Jahr für Jahr wir steigen,
Aufwärts in Freiheit und in Sang
Und froh-norwegischem Eigenleben;
Wer wagt es noch, zu widerstreben
Befreitem hundertjährigen Drang?
Kein Zwiespalt mehr um Recht und Macht;
Ob Kriegstumult, ob Friedensstille,
Nur einer Freiheit Ehrenwacht,
Ein Volk nur und ein einziger Wille.
Der Geist, dem unsres Morgens Graun
Den Traum von freien Göttern brachte,
Der groß von allem Großen dachte,
Wird nimmer dem Unechten traun.
Der Geist, der Wikingschiffe baute,
Als er dem Königswort mißtraute,—
Der sich, bedroht, gen Island schwang
Auf Heldenruf und Heldensang,
Im Sturm dann Land und Zeiten nahm,—
Den macht ihr nicht so leicht mehr zahm.
Der Geist, dem einst am Hjörungsunde
Schlug langersehnter Freiheit Stunde,
Der keines Königs Macht gescheut,
Der selbst dem Papstspruch Trotz noch beut,
Der selbst in seiner Schwachheit Stunde
Frei saß auf freier Väter Grunde,
Und sich gewehrt mit Mund und Hand,
Wo fremdes Herrentum ihn band,—
Der Wessel führte Hand und Degen,
Der Holbergs Witz zu wetzen wagte
Und der Gedanken Funkenregen
Aus stillem Schlot gen Ejdsvold jagte,—
Der durch des Glaubens Machtgebot
Die Brücke über Odin spannte
Im Baldurmythus auf zu Gott,—
Der Geist, der sich aus tiefem Dunkel
Zu Gimles Klarheit durchgerungen,
Als Papstesspruch wie Mönchsgemunkel
Ihm allerwärts den Weg verrannte,—
Und abermals dann Brückenbogen
Zu sonnigen Freiheitshöhn gezogen,
So daß, als rings für Luthers Lehre
Des Schlachtfelds Opfer blutig rauchte,
Im Norden, an der Freiheit Wehre,
Nur eine Wand zu fallen brauchte,—
Der Geist, der auch die finstern Stunden,
Da man den Glauben abgeschafft,
Durch Brun und Hauge überwunden,
Und der mit unbeirrter Kraft
In pietistischer Nebelnacht
Bei Kerzenschein am Altar wacht,——
Glaubt ihr, den bringt man in die Mode
Durch die neumodische Synode?
Der ließe sich in Stücke feilen
Und in politische "Kammern" teilen,
Der ließe sich wie Schmugglerwaren
Über die Grenze heimlich fahren?
Und eben jetzt, da auf den Höhen
Die Feuerzeichen flammend rauchen,
Da Schulen für das Volk erstehen
Und nicht um Platz zu kämpfen brauchen,
Wo Mut und Sinne sich verjüngen,
Dieweil wir hören, glauben, singen;—
Jetzt, da mit dumpfen Wetters Macht
Sich Wellen aus der Tiefe heben,
Und drüber hell wie Nordlichtpracht
Der Jugend Sehnsuchtrufe schweben,—
Jetzt, da der Geist allüberall
Die alte, starre Form verschmähte,
Wo schmetternd mit der Kriegsdrommete
Der junge Wille stürmt den Wall!
Kampfgroße Zeit! Und wir mittinnen!
Der Erde Größtes ist's: zu sein,
Wo Kräfte gärend sich befrein
Und Formen und Gestalt gewinnen;
Von eignen Feuers Überfluß
Zu opfern für den großen Guß,
Den Abdruck seiner eignen Form
Zu sehn als der Geschlechter Norm,—
Zu hauchen in den Mund der Zeit
Den Geist, den Gott in uns geweiht.
* * *
Das war's, was ich dir sagen mußte,—
Just dir, der wach zu jeder Frist
Die Werkstatt seiner Zeit durchmißt
Und stets, was kommen würde, wußte;
Dir, der des Volkes Herz geweiht
Zu diesem neuen Freiheitsleben,—
Und dem dies Volk dafür gegeben
Sein Schöpfertum samt seinem Leid.
DAS KIND IN UNSRER SEELE
Zum Herrn im Himmelsraume
Blickt auf ein Knabe unschuldstraut,
Wie wenn zum Weihnachtsbaume,
Ins Mutteraug' er schaut.
Doch schon im Sturm der Jünglingsbahn
Trifft ihn der Edenschlange Zahn,
Und seines Glaubens Schranken,
Sie wanken.
Da winkt voll Sonnenschimmer
Sein Kindertraum im Myrtenkranz;
Im Liebesblick malt immer
Sich frommer Himmelsglanz.
Wie einst im Mutterarm so gern,
Preist wieder stammelnd er den Herrn
Und löst sein betend Sehnen
In Tränen.
Wenn dann zum Lebensstreite
Er zweifelnd eilt in jähem Lauf,
Steht lächelnd ihm zur Seite
Sein Kind und weist hinauf.
Mit Kindern wird er wieder Kind;
Wohin sein Herz auch trägt der Wind,
Gebet wird ihn vereinen
Den Seinen.
Der größte Mann auf Erden,
Das Kind in sich verlier' er nicht,
Und selbst in Sturmbeschwerden
Erlausch' er, was es spricht!
Oft, wenn ein Kämpe fiel mit Scham,
Das Kind war's, das als Retter kam;
Es läßt von allen Wunden
Gesunden.
Was Großes ward ersonnen,
Ist Werk des Kinderfreudenstrahls;
Was Starkes ward gesponnen,
Das Kind in uns befahl's.
Was schönheitsvoll in Herzen fiel,
Lebt in des Kindes Unschuldspiel,
Und Klugheit vollgewichtig
Wird nichtig.
Wohl dem, der sich hienieden
Wert zeigt, im eignen Heim zu ruhn;
Denn dieses nur gibt Frieden
Des Kindes mildem Tun.
Uns alle, die des Lebens Schlacht
Verhärtet hat und müd' gemacht,
Wird Kinderlachens Tönen
Versöhnen.
DER ALTE HELTBERG
Ich besucht' eine Schule—klein, doch geziert
Mit allem, was Kirche und Staat approbiert.
Sie drehte sich fügsam und honett
In der Staatsmaschine, freilich mit Knarren,
Denn geschmiert wurde selten mit Geistesfett.
Jedoch eine andre gab's dort mit nichten:
Und so mußten wir denn ins Geschirr vor den Karren,
Aber statt zu ziehn—las ich Snorres Geschichten.
Dieselben Bücher, dieselben Gedanken,
Die der Lehrer pflichtschuldigst jahraus, jahrein
In die Köpfe paukt ohne Wanken und Schwanken,
—Denn dies befohlne System allein
Bringt das Amt, nach dem Lehrer wie Schüler nur zielen!—
Dieselben Bücher, dieselben Gedanken,
Die einen machen aus noch so vielen,
Der auf einem Bein seine Lektion absurrt,
Der Tausendsassa, wie ein Ankertau schnurrt!—
Dieselben Bücher, dieselben Gedanken
Von Mandal bis Hammerfest—(ja, wie mit Planken
Umschließt uns der Staatspferch, darin alle feinen,
Korrekten Leute dasselbe stets meinen!)Die
nämlichen Bücher, die gleichen Gedanken
Sollt' ich schlucken; doch mir widert' der Brei,
Ich trotzt' mit der Schüssel und machte mich frei,
Froh überhüpfend der Heimat Schranken.
Was mir draußen begegnet und was ich dachte,
Was die neue Stätte mir Neues brachte,
Wo die Zukunft lag,—darauf will ich verzichten,
Um von der "Studentenfabrik" zu berichten.
Bärtige Gesellen, oft über die Dreißig,
Auf jedes Wort hungrig, büffelten fleißig
Neben mausigen Bürschlein von siebzehn Jahren,
Die sorglos närrisch wie Spatzen waren;—
Teerjacken, einst ins Abenteuerland
Keck aus der Schule durchgebrannt,
Dann reuig wieder und sehr erpicht,
Die Welt nun zu sehen im Weisheitslicht;—
Fallierte Kaufleute, die hinterm Pult
Mit den Büchern liebelten, bis die Geduld
Ihrer Gläubiger riß, und auf Pump jetzt studierten;—
Salonlöwen, faule, die hier noch sich zierten!—
Junge, halb ausgebackne Juristen
Und predigtlüsterne Seminaristen;—
Kadetten mit Schäden an Arm oder Bein,
Bauern, denen 's Lernen fiel allzuspät ein:—
Was andre in fünf Jahren nicht verschlingen
An Latein, in knapp zweien wollten sie's zwingen.—
Sie hingen über die Bänke, lehnten gegen die Wand,
Ein Paar hockt' in jedem Fenster, einer prüfte just am Rand
Eines tintenklecksigen Pultes, ob denn sein Messer schneide.
So füllten sie die zwei Stuben, zum Brechen voll beide.
Lang und hager, im Halbtraum, auf der äußersten Linie
Saß vor sich hinbrütend A.O. Vinje.
Angespannt und mager, die Gesichtsfarbe gipsen,
Hinterm kohlschwarz-unmenschlichen Bart Henrik Ibsen.
Ich, der jüngste, war damals noch nicht von der Partie,
Bis ein neuer Schub einrückte mit Jonas Lie.
Doch der Alte, der wackre Chef in dem Loch,
Heltberg war von allen der schnurrigste doch!
In Pelzstiefeln stand er, in Hundefell dicht
Vermummt (denn es beugten ihn Asthma und Gicht,
Den Riesen), doch barg uns die Pelzmütze nicht
Seine Stirne, das klassische Adlergesicht.
Nun schmerzgekrümmt, nun besiegend, was widrig,
Warf er starke Gedanken—und er warf sie nicht niedrig.
Kam der Schmerz unbändig und stieß zusammen
Mit dem starken Willen, der Sturm dann lief
Gen den Anfall, sahn wir sein Auge flammen
Und die Hände sich ballen, als schämt' er sich tief
Jeder Schwachheit. Wie uns da entgegenschlug
Das Große im Kampfe! Und jeder trug
Ein Bild mit sich fort jener stürmischen Zeiten,
Da durchs Land gebraust Wergelands wilde Jagd,
Welch ein Spiel der Kräfte im Toben und Streiten.
In der Kraft welch ein Wille unverzagt!
Nun stand er verlassen, der einzige noch,
Vergessen in seinem Winkel—und war ein Häuptling doch!
Los sprengt' er den Gedanken aus der Schule Zwang und Zucht,
Sein Eigen war die Lehre, seine Führung Geistesflucht,
Persönlich all sein Wesen: höchst ungeniert-anarchisch
Risch rasch! ging's in den Text; doch absolut monarchisch
War sein Grimm über Fehler;—zwar legte er sich bald
Oder stieg zu einem Pathos von edelster Gestalt,
Das in Selbstverhöhnung sich löste wieder
Und als Spottregen prasselt' auf uns hernieder.—
So führt' er seine "Horde", so ward im Flug durchbraust
Das klassisch schöne Land,—wo wir verdammt gehaust!
Entsetzt standen Cicero, Virgil und Sallust
Auf dem Forum und im Tempel, rasten wir Wilden just
Vorüber: Hie Tor, hie Odin! ein zweiter Gotenzug,
Der Jupiters Lateiner und die ewige Roma schlug.
Und es war des Alten Grammatik ein Hammer von Zwergen geschweißt,
Wenn er ihn schwang, da sprühte Flammen der nordische Geist.
Doch die neue Barbarenhorde, die hinter ihm jagte dahin,
In Rom sich niederzulassen, hatten sie nicht im Sinn.
Sie wurden nicht "Lateiner", nicht fremden Denkens Knecht,
Sie lernten sich selber kennen auf der Fahrt als Herrengeschlecht.
Des Denkens hohe Gesetze erwies er uns am Worte,
Zu Wundern und zu Taten erschloß er uns die Pforte
Und schärft' uns, zu erobern, zu stürmen, den Mut,
Was unberührt gestanden in altersheiliger Hut.
Als schauten wir Gesichte, in atemloser Haft
Hielt uns des Alten Lehre und mehrte unsre Kraft.
Seine Bilder gaben Nahrung dem jungen Schöpferdrang,
Sein Witz war Stärkeprobe und stählte zum Waffengang;
Seine Macht war uns die Wage, die Kleines von Großem schied,
Sein Pathos zeugte vom Kampfe, der im Verborgnen glüht!
Wie sehnte der kranke Kämpe sich aus dem Winkel vor,
Nur einmal der Welt zu zeigen, was sie an ihm verlor,
Wenn er von seinem Besten nur wenigen Schülern gab.
Tagtäglich hißt' er die Segel, doch niemals stieß er ab.
Seine Grammatik erschien nicht! Er selbst ging in das Land,
Wo man des Denkens Gesetze nicht mehr in Bücher bannt.
Seine Grammatik erschien nicht! Aber ein Lebenswort,
Bedurft' es der Druckerschwärze? Es dauerte schaffend fort!
Aus seiner Seele strömt' es so mächtig, so warm,
Das Leben von tausend Büchern, wie scheint es dagegen arm!
In einer Schar von Männern, selbständig und stark,
Lebt weiter, was ihrem Denken Halt verliehn und Mark.
In der Schule und in der Kirche entfalten sie ihr Wirken,
Im Tingsaal und vor den Schranken, in allen Geistesbezirken,—
Und immer behält ihr Walten einen freien, starken Zug,
Seit Heltberg ihre Jugend in reinere Höhen trug.
FÜR DIE VERWUNDETEN
(1871)
Ein stiller Zug bewegt
Sich durch des Kampfs Getöse,
Das Kreuz am Arm er trägt.
Sein Flehn in tausend Zungen klingt,
Und den gefallnen Kriegern
Er Friedenskunde bringt.
Nicht nur auf blutigem Feld
Des Kriegs ist er zu Hause,—
Nein, in der ganzen Welt.
Was in der Welt an Liebe glüht
Aus edlen, guten Herzen,
Andächtig-still hier kniet.
Es ist der Arbeit Scheu
Vor Kriegesmord, die betet
Um Schutz vor Barbarei,
's sind alle, die das Leid durchwühlt,
Die ihrer Brüder Qualen
Je seufzend mitgefühlt.
Es ist das Schmerzgestöhn
Der Kranken und der Wunden,
Der Christen frommes Flehn,
Ist der Verlassnen bleiche Qual,
Ist der Bedrückten Klage,
Der Toten Hoffnungsstrahl;—
Der Wolken Nacht durchbricht
Als Friedensregenbogen
Des Heilands Glaubenslicht:
Daß über Leidenschaft und Streit
Die Liebe triumphiere,
So wie Er prophezeit.
LAND IN SICHT
Und das war Olav Trygvason,
Den sein Kiel durch die Nordsee trug
Heimwärts zu seinem jungen Reiche,
Wo noch kein Herz für ihn schlug.
Scharf späht' er aus nach dem Lande:
Dort—sind das Mauern am Meeresrande?
Und das war Olav Trygvason;
Wallgleich hob es sich himmelan;
All seine jungen Königswünsche
Wollten zerschellen daran,—
Bis ein Skald, wo der Nebel braute,
Türme und blasse Zinnen erschaute.
Und das war Olav Trygvason,
Deucht' ihn nun selbst, dort stiegen auf
Altersgrau ragende Tempelmauern,
Schneeweiße Kuppeln darauf.
Sehnt' er sich, wie sie herüber sehen,
Mit seinem jungen Glauben darinnen zu stehen.
AN H.C. ANDERSEN
(Bei einem Sommerfeste zu seinen Ehren, Kristiania 1871)
Willkommen hier am lichten Sommertag,
Da Kinderträume heimisch uns geworden
Und blühen, singen, spiegeln, schweben, fliehn;
Den sie umziehn,
Ein Märchen ist nun unser hoher Norden
Und nimmt dich an sein Herz zum Weihebund,
Und danket, jubelt, flüstert Mund zu Mund.
Und Engelslaut
Von Kinderherzen traut
Trägt dich empor für kurze Frist,
Wo unsrer Träume Born und Ursprung ist.
Willkommen! Unser ganzes Volk ist jung
Und steht im Märchenalter noch, dem schönen,
Das träumend eine Zukunft wirken kann.
Der geht voran,
Der fügsam hört den Ruf des Herrn ertönen.
Wer Kindes Sehnsucht so wie du verstand,
Botschaft vom Größten bringt er unserm Land:
Der Zauberstab,
Den Phantasie dir gab,
Hat spielend uns den Weg befreit,
Den wir entgegenwandeln großer Zeit.
BEI EINER EHEFRAU TODE
Sie kannte des Todes Auge seit jenem dunklen Tag,
Da ihr der Erstgeborne entseelt zu Füßen lag;
Und als sie's rief zur Mutter, zur fernen, die verschied,
Da folgte ihr dies Auge mit unbewegtem Lid;
Ihr ahnte, als am Grabe sie stand im Trauerflor:
Jetzt trifft es mehr als Einen, jetzt, Leben, sieh dich vor!
Und als ihr Gatte umsank, der starke Mann, da sprach
Sie schmerzlich: O, ich wußte, das Schwerste käme noch nach.
Sie dachte, ihn, ihn hätte gewählt des Schöpfers Grimm,
Und stemmte ihre Hände wider den Boten schlimm
Und wollte mit ihrem Leibe, schwach wie ein Birkenreis,
Ihn schirmen, ihren Helden—und gab sich selbst so preis.
Sie lächelte so selig: ihr Urteil war gefällt,
Ihr Opfer angenommen,—gerettet war ihr Held.
Bewundrung, Liebe wölbten ein strahlend Sternenzelt
Von Glück zu ihren Häupten in ihrer letzten Stund,
Bis schneeweiß sie entschwebte fort in der Engel Rund.
Es zieht solch eine Liebe wohl bis an Gottes Brust
Die Seelen mit sich, die sie umfängt voll Opferlust.
AN DER BAHRE DES KIRCHENSÄNGERS A. REITAN
(1872)
Sein lachend Auge durfte sich
An Land und Himmel weiden;
Denn beider Bildnis in ihm glich
Den ewigen Jubelfreuden.
Als "Quellchen" sprang
Sein Wort, sein Sang
Durch Täler grün und eng und lang,
Und fruchtbar sprießt's am Rande.
Beim armen Volk im Winter dann
Da litt er und da fror er.
Und doch stieg als der frohste Mann
Zur Orgel dann empor er.
"Die Achse, seht,
Um die sich's dreht,
Auch durch das ärmste Dörflein geht."
So sang vom hohen Chor er.
Ach, und als Krankheit jahrelang
Kam, um sein Lied zu prüfen,
Und all die Kleinen hilflos bang
Zutraulich nach ihm riefen,
Mit leisem Klang
Dem Staub entrang
Sich Äolsharfen gleich sein Sang
Den dumpfen Erdentiefen.
Sein Leben sagte uns voraus:
Wenn wir uns Gott ergeben,
Dann wird in Kirche, Schule, Haus
Das Volk im Liede leben:
In Volksgesang,
In Lustgesang,
Im Abglanz von des Herrn Gesang
Hoch überm Weltenweben.
Mein Land, o denk der Kleinen auch,
Die er ans Herz dir legte,
Und ärmer, als ein Rosenstrauch,
Selbst noch im Sterben pflegte.—
Ein Herz wie er
Darf nimmermehr
Dies Land verlassen freudenleer,
Das er so treulich hegte.