DAS LIED
Das Lied hat Leuchtkraft; drum über die grauen
Werktage gießt es Verklärung hin.
Das Lied hat Wärme; drum läßt es tauen
Den Frost und die Starrheit in deinem Sinn.
Das Lied hat Dauer; drum was vergangen
Und was zukünftig, es flicht's dir zum Kranz,
Entzündet in dir unendlich Verlangen
Und bildet ein Lichtmeer von Sehnsucht und Glanz.
Das Lied vereint; denn es läßt entschwinden
Den Mißton und Zweifel in strahlendem Gang;
Das Lied vereint; denn es weiß zu verbinden
Kampflustige Kräfte in friedlichem Drang:
Im Drang zur Schönheit, zur Tat, zum Reinen!
Es lädt uns, zu schreiten auf schimmerndem Steg
Stets höher und höher, empor zu dem Einen,
Das nur für den Gläubigen öffnet den Weg.
Die Sehnsucht der Vorzeit im Vorzeitsgesange
Glänzt wehmutsvoll wie der Abendflor;
Die Sehnsucht der Gegenwart halten im Klange
Wir fest für der Zukunft lauschendes Ohr.
Es trifft sich im Liede der Lenz der Geschlechter
Und tummelt sein Leben im tönenden Wort;
Die Geister der Ahnen wie mahnende Wächter,
Sie rauschen heut festlich in jedem Akkord.
AUF N.F.S. GRUNDTVIGS TOD
(1872)
Gleichwie der Urzeit Wala hehr
Aufstieg über den Wassern der Sagen,
Kündend, was Himmel verbarg und Meer,
Dann, wieder sinkend hinabgetragen,
Ließ die Kunde zu Lehr' und Ehr'
Spätesten Tagen:
Also ließ uns, der unser war,
Schwindend Gesichte, die nicht entschwanden,
Die noch schweben, leuchtend und klar,
Sonnenwolken ob Meer und Landen,
Unsern Ausblick auf tausend Jahr'
Hell zu umranden.
AUS DER KANTATE FÜR N.F.S. GRUNDTVIG
(1872)
Sein Lebenstag, der größte, den Norden je gekannt,
Der mitternächtigen Sonne war wunderbar verwandt.
Das Licht, in dem er wirkte, von "Gottes Frieden" war,
Das nimmer untersinket, nie neuen Tag gebar.
Im Licht von Gottes Frieden Geschichte er uns gab,
Als Geistesschritt auf Erden, hoch über Zeit und Grab.
Im Licht von Gottes Frieden hat er der Väter Bahn,
Zur Warnung und als Beispiel, klar vor euch aufgetan.
Im Licht von Gottes Frieden folgt' er mit Wachsamkeit
Dem Volke, wo es baute, der großen Geister Streit.
Im Licht von Gottes Frieden Aufklärungsmacht er sah,—
Wo seinem Wort man glaubte, Volksschulen blühten da.
Im Licht von Gottes Frieden stand für ganz Dänemark
Sein Trost, wie eine Schildburg hellschimmernd, trutzig-stark.
Im Licht von Gottes Frieden erobert werden soll
Verlornes und was brach liegt, mit tausendfachem Zoll.
Im Licht von Gottes Frieden steht heut sein Greisentum
Als Amen seines Lebens voll Manneskraft und Ruhm.
Im Licht von Gottes Frieden, wie strahlte er so rein,
Wenn am Altar er schenkte des Herrn Versöhnungswein.
Im Licht von Gottes Frieden gehn über Meer und Land
Die Worte und die Psalmen, die er uns hat gesandt.
Das Licht von Gottes Frieden, sein Sonnenstrahlenhort,
Umglänzte still sein Leben—: so lebt er in uns fort.
BEI EINEM FEST FÜR LUDV. KR. DAA
Junge Freunde im innigen Kreis,
Alte Feinde kommen;
Fühle dich sicher, denn freundschaftsheiß
Sind dir die Herzen entglommen.
Wieder gab's hier einen ernsten Tag,
Wieder schlugst du mit Reckenschlag:
Jeder bekam wie stets seinen Hieb,
Doch jetzt sei lieb!
Nicht mit Hallo und mit Handschuhen nicht,
Noch mit Sektglasklingen,—
"Alter Forscher", herzenschlicht
Wollen wir Dank dir bringen.
Ziehen die Wasser in stillem Lauf,
Steigt unser Lotse selten hinauf,
Türmt sie zu Wellen des Sturmes Braus,
Segelt er aus!
—Segelt er aus als Bergungspilot,
(Gekannt ist das Auge des Alten),
Lacht in den Bart, wenn ein Wetter droht
Und zagend die anderen halten.
Dank trug er nicht, das weiß ich, nach Haus;
Denn er schimpfte die Schiffer aus,
Wandte den Rücken, ging heim voll Kraft,
Das Werk war geschafft!
Er hat erprobt, was es heißt, zu gehn
Gehaßt, bis die Wahrheit am Tage;
Er hat erprobt, was es heißt, zu stehn
Nach beiden Seiten dem Schlage.
Er hat erprobt, was es kostet an Leid,
Voranzuschreiten seiner Zeit,
Er, den so Hohes wir wirken sahn,
Ward in Bann getan!
Wirst du nicht, Norge, endlich ihr Recht
Jenen Helden gewähren,
Die mehr vollbrachten, als beim Gefecht
Nachzuhinken den Heeren?
Soll es denn immer so kläglich gehn,
Wollen wir stets um das Kleine uns drehn,
Stilliegen, spähn, bis ein Fehler erkannt?—
Nein, Segel gespannt!
Segel zu größrer Fahrt gespannt,
Wozu uns die Kräfte gegeben—
Leben, dem Alltag nur zugewandt,
Das ist nicht wert, es zu leben;
Leben, dem höheren Kampf geweiht,
In Gottvertrauen und Einigkeit,
Von Ehren und Sangesflagge umweht,—
Seht: das besteht!
NEIN, WO BLEIBST DU DOCH?
(1872)
Nein, wo bleibst du doch, du, der besitzet die Macht,
Zu zertreten dies Lügengezwerg,
Das mein Haus mir umlagert und tückisch bewacht
Jeden Weg, den zum Ziel ich mir ausgedacht,
Und bricht mir nun ein,
Zu belauern voll Haß
Meinen Sinn, zu entweihn
Mir jedes Gelaß
Meines traulichen Heims, wo so harmlos ich saß.
Nein, wo bleibst du doch! Jahrelang hat mich der Troß
Besudelt, dem Volk mich entstellt;
Lügennebel umhüllt meiner Dichtung Schloß,
Als lag' da ein Sumpf, dem der Brodem entfloß,
Und ein Halbtier, ein Faun
Bin ich selbst, den mit Graus
Die "Gebildeten" schaun—
Oder ziehn weidlich aus
Zur Hatz auf den Keiler, zum lustigen Strauß.
Wenn ein Buch ich schreibe, "just sieht es mir gleich";
Wenn ich spreche—ist's Eitelkeit.
Wenn ich zimmre und baue fürs Bühnenreich,
Mein Dünkel nur führt jeden Hammerstreich.
Und schlag' ich mich treu
Für altheimische Art
Auf der Väter Bastei,
Umtobt und umschart,—
Kämpf' ich nur, weil mit Orden zu sehr man gespart.
Nein, wo bleibst du doch, du, der mit eins kann zerhaun
Dies umstrickende Lügengewirr—
Der verjagt aus den Köpfen dies krankhafte Graun
Vor enschlossenem Wollen, begeistertem Schaun—
Und hat Trost für den Mut,
Der in Frost und in Nacht
Seine Waffenpflicht tut
Und die Runde macht,
Bis das Heer sich erhebt, wenn der Tag erwacht.
Komm, Volksgeist, du, gottgeboren—entstammt
Dem riesenbezwingenden Tor.
Fahr auf Donnern einher und von Blitzen umflammt,
Daß die Furcht dies Gezüchte zum Schweigen verdammt;
Du kannst wecken im Land
Die schlummernde Kraft,
Du kannst stärken das Band,
Das in Blutsbrüderschaft
Uns eint, wo dein Banner je flattert am Schaft.
Hab' Dank, unser Volksgeist!—denk' ich nur dein,
Wird alles zum Nichts, was ich litt.
Deinem Kommen nur weih' ich mich, dir allein,
Deinem Angesicht beug' ich mich, dein, nur dein,
Und erfleh' einen Sang,
Du liedreicher Mund,
Daß in Not und Drang,
In entscheidender Stund'
Ich dir Kämpen erweck' auf der Väter Grund.
WECKRUF AN DAS FREIHEITSVOLK IM NORDEN
Der "vereinigten Linken"
(Tirol 1874)
Verachtet von den Großen, nur von den Kleinen geliebt,
Den Weg geht alles Neue,—sag', ob's einen andern gibt?
Von denen, die schützen sollten, verraten und gehetzt,—
Sag', ob je eine Wahrheit sich anders durchgesetzt?
Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag
Und wächst zu einem Brausen hin über Wald und Hag,—
Bis es, vom Meer empfangen, in Donnern rollet fort
Und alles überdröhnet, dies Wort, dies Losungswort.
Im Gotenkampfe nordwärts verschlagen wurden wir;
"Leben in Freiheit und Glauben!" ist unser Volkspanier.
Der Gott, der Land und Sprache und alles hat verliehn:
In Werken, die er uns heischet, in Taten finden wir ihn!
Der Vielen und der Kleinen Pflichteifer soll er sehn,
Kampf gilt es gegen alle, die da nicht wollen verstehn.—
Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag
Und geht nun schon als Brausen hin über Wald und Hag.
Es wird zum Sturme wachsen, eh's einer noch erkannt,
Mit Donner in seiner Stimme weit über Meer und Land.
Ein Volk, dem Ruf gehorsam, ist der Erde größte Kraft,
Hat je noch Hoch und Nieder geworfen und hingerafft.
OFFNE WASSER
Offne Wasser, offne Wasser!
Sehnsucht,—bange, winterlange,—
Wird nun gar zum heftigen Drange.
Blaut ein Streifchen kaum im Sunde,
Dehnt zum Monat sich die Stunde.
Offne Wasser, offne Wasser!
Sonne lächelt, nascht vom Eise
Schamlos bald nach Prasserweise.
Läßt sie ab: zur Nacht geschwinde
Trotzig härtet's neu die Rinde.
Offne Wasser, offne Wasser!
Sturm muß her!—er kommt, der Wandrer,
Bringt herauf vom Sommer andrer
Freie Wogen, starke Wellen,—
Krach folgt nach und Sturz und Schnellen.
Offne Wasser, offne Wasser!
Wieder Luft und Berg sich spiegelt,
Schiffen ist die Bahn entriegelt:
Botschaft braust herein von draußen—
Kampffroh steuern wir nach außen.
Offne Wasser, offne Wasser!
Sonnengluten, kühlem Regen
Jauchzt die Erde nun entgegen:
Seele tönet mit und zittert—
Neugeschaffen, kraftumwittert.
FREIHEITSLIED
An "die vereinigte Linke"
(1877)
Freiheit! bist der Volkskraft Kind,
Zorn und Sang dir Mutter sind!
Kämpenstark als Junge schon
Rangst du früh um Kampfeslohn;
Warst umkreist allermeist
Von Gesang und Witz und Geist;
Freudig ist dein Tun, voll Macht
So beim Pflug wie in der Schlacht.
Feinde stets und überall
Lauerten auf deinen Fall;
Fanden dich zu grob bei Tag,
Führten, als du schliefst, den Schlag;
Banden sacht dich bei Nacht.
Du sprangst auf,—die Fessel kracht…
Weiter schrittst du froh und stark,
Du hast Schwung und du hast Mark!
Wo du wandelst, blüht der Pfad,
Schwillt aus deinem Mut die Tat,
Facht Gedanken deine Glut:
Doppelst Kraft in Hirn und Blut.
Landesrecht ist dein Knecht;
Selber schufst du's, wahrst es echt.
Nicht durch "wenn" und "ach" beschränkt,
Fällst du jeden, der es kränkt.
Freiheitsgott, bist Lichtesgott,—
Nicht der Knechte Schreckensgott,—
Liebe, Gleichheit, Vorwärtsdrang,
Frühlingsbotschaft sät dein Sang.
Freiheitshort! Friedensport
Winkt den Völkern durch dein Wort:
"Einer nur ist Herre hier;
Keine Götter neben mir!"
AN MOLDE
Molde, Molde,
Treu wie ein Sang,
Wogende Rhythmen mit lieben Gedanken,
Farbige Bilder, die spielend sich ranken
Um meines Lebens Gang.
Nichts ist so schwarz, wie dein Fjord, wenn er fauchend
An dir vorbeifegt, meersalzig rauchend,
Nichts ist so sanft, wie dein Strand, deine Inseln,
Ja, deine Inseln!
Nichts ist so stark wie dein bergiger Kranz,
Nichts ist so zart wie der Sommernacht Glanz.
Molde, Molde,
Treu wie ein Sang
Summst du auf meinem Gang.
Molde, Molde,
Blumiger Ort,
Häuslein im Gärtchen, Freunde dort weilen!
Bin ich auch ferne wohl hundert Meilen,
Steh' ich im Rosenschutz dort.
Heiß brennt die Sonne auf Berglands Weite,
Fort muß der Mann zum ernsten Streite.
Sanft nur die Freunde entgegen mir gehen
Und mich verstehen—
Kampf schlichtet einzig der Tod allein,—
Hier sei dem Denken ein heiliger Hain!
Molde, Molde,
Blumiger Ort,
Kindheiterinnerungs-Hort.
Und wenn einmal
Im letzten Kampf ich liege,
Mein Heimattal,
In deinem tiefen Abendrot
Lag meiner Gedanken Wiege,—
Dort nahe ihnen der Tod.
DIE REINE NORWEGISCHE FLAGGE
I
Dreifarbig reines Panier,
Norwegens schwer errungne Zier!
Tors Eisenhammer hält
Im Bann das christlich weiße Feld.
Und unser Herzensblut
Strömt hin als rote Flut.
Hoch über der Erdenschwere
Du jubelst, in Sehnsucht, zum Meere;
Der Freiheit Lenzkraft gewähre
Dir Kraft, uns zu speisen Seele und Mund
Fahr hin übers Erdenrund!
II
"Die reine Flagge ist Torheit",
So raunen die "Weisen" allhier.
Nein, Poesie ist die Flagge,
Und die Toren, ihr Guten, seid ihr.
Es schwingt in der Poesie sich
Der Volksgeist himmelan,
Als Führer geht die Fahne
Ihm unsichtbar lenkend voran.
Und was er erkämpft und errungen,
Und was ihn an Sorgen bewegt,
Das tönt jetzt in ewigen Liedern,
Die Flagge den Takt dazu schlägt.
Wir halten sie hoch, umbrauset
Von Sehnsucht, meersturmgleich,
Von vollen Erinnerungschören,
Von Worten, so flüsternd weich.
Sie kann nicht schwedisch plappern,
Wie ein zierlicher Schwadroneur,
Sie kann sich nicht sperren und spreizen,
Drum weg mit der fremden Couleur.
III
Die Sünden, die wir begangen,
Die gab's in der Flagge nicht,
Denn die Flagge das Ideal ist
In ewig harmonischem Licht.
Die besten Taten der Vorzeit,
Der Gegenwart bestes Gebet
Umhüllt sie und trägt sie weiter,
Daß vom Vater zum Sohn es geht.
Trägt es rein und ehrlich
Und nicht mit Versuchers List,
Denn unserem jungen Willen
Sie Führer und Schirmer ist.
IV
"Den Brautring nehmt nicht aus der Flagge",
So rufen sie allerwärts,
Doch Norge hat nimmer versprochen
Einer andern Braut sein Herz.
Es teilt mit keinem sein Wohnhaus,
Sein Bett, seinen Tisch, seine Ehr',
Sein Bräutigam ist sein Willen,
Selbst herrscht es auf Feld und Meer.
Es ehrt unser Bruder im Osten
Die Kraft, die nach Freiheit ringt,
Er weiß, daß sie alleine
Uns Ruhmeskränze erzwingt.
Er weiß, warum unsrer Flagge
Der Pomp seiner Farben nicht steht:
Weil unsre eigene Ehre
Uns über die seine geht.
Und niemand, der Ehre im Leib hat,
Nennt andre Freundschaft ein Glück.
Wir opfern ihm gern unser Leben,
Doch von unsrer Flagge kein Stück.
V
An Schweden
Voll Ehrerbietung ich nahe,—
Ich weiß, du trägst hohen Sinn,—
Und lege in schlichten Worten
Vor dich meine Sache hin.
Wärst du der Kleinere, Schweden,
Und jüngst erst durch Freiheit beglückt,
Und trüg' deine Flagge ein Zeichen,
Das dich tiefer und tiefer drückt,
Und behauptete, du seist der Kleine,
An des Größeren Tisch gesetzt,
(Denn also deuten die Völker
Dies Flaggenzeichen jetzt)—
Und wäre deine Freiheit
Nicht alt,—nein—wie unsre jung,
Und hundertjährige Ohnmacht
In deine Erinnerung
Mit frischen Furchen gegraben
Von altem Unrecht und Blut,
Von ziellosen Sehnsuchtsklagen,
—Ja wüßtest du, wie das tut,
Und solltest dein Volk erziehen
Zu neuer Freiheit Ehr',
Zu neuen Freiheitsgedanken,
Und die Flagge dein Dolmetsch wär',
Ob du dir wohl ließest rauben
Aus der Flagge das eine Feld?
Ob du wohl ertrügst das Zeichen,
Das die Freiheit dir vorenthält?
Ob du dir nicht selber sagtest:
"Je älter des ändern Rang,
Je größer der Ruhm seiner Farben,
Um so lockender ist sein Sang.
Versuche nicht den, der gefallen
Und der jüngst sich erst wieder befreit.
Mit reinen Zeichen deute.
Empor zur Unsterblichkeit."
So sprächest du, alter Recke,
Wenn du wohntest in unserm Land,
Denn dir sind die Pfade der Ehre
Von altersher wohlbekannt.
Seit achtzehnhundertvierzehn
Und bis auf den heutigen Tag,
So oft unsre Freiheitssehnsucht
Qualvoll in Fesseln lag.
Gab es Männer in deiner Mitte,
Die trotz deiner Halsstarrigkeit
Für unsere Sache sprachen,
Wie Torgny in alter Zeit.
VI
Antwort an den alten Ridderstad
Im Kampf um die reine Flagge
Schwatzt du von "Ritterpflicht"?
Mein Bester, ich achte dich höchlich,
Doch wisse, die schert dich nicht.
Denn grade weil uns Verleumdung
Bewirft mit Ruß und Dreck,
Ist's "Ritterpflicht", aus unsrer Flagge
Zu wischen den Anfechtungsfleck.
Die Gleichheit, die dieser predigt,
Die lügt er mit frechem Gesicht;
Ein großskandinavisches Schweden,
Das nämlich mögen wir nicht.
Nein, "Ritterpflicht" ist's für den Kleinen,
Zu sagen: "ich bin kein Teil,
Ich will das Selbständigkeitszeichen
Ganz haben zu eignem Heil."
Und "Ritterpflicht" ist's für den Großen,
Zu sagen: "der falsche Schein
Gereicht mir ja doch nicht zur Ehre,
Der soll meine Waffe nicht sein."
Und "Ritterpflicht" ist's für beide,
In streitender Völker Gemisch,
Zu sein mit gereinigtem Banner
Ein Beispiel, stolz, wacker und frisch.
AN DEN MISSIONAR SKREFSRUD IN SANTALISTAN
Ich ehre dich, weil du, verschmäht, geschändet,
Der Stimme lauschend, doch den Sieg errafft,
Und neuer Lästrung Antwort nur gesendet
Mit Wundern deines Glaubens, deiner Kraft.
Ich ehre dich, weil du nur stets gedürstet
Nach Gottes Taten unter Not und Streit;
Du Sohn des Gudbrandstales, geistgefürstet,
Der Heimat bester Mann in deiner Zeit.
Ich teile nicht dein glaubensstarkes Träumen,
Das scheidet nicht, wo Geist zum Geist sich kehrt;
Was groß und edel strebt zu höhern Räumen,
Verehrt mein Sinn, dieweil er Gott verehrt.
POST FESTUM
Ein Mann, bedeckt mit Schnee und Eis,
Stand einstmals auf am Eismeerstrande,
Da schallte laut durch alle Lande
Des Riesenrecken Lob und Preis.
Ein König klomm zu ihm hinan
Und reicht' ihm gnädig seinen Orden:
"Den tragen die, die groß geworden!"
"Stopp!" knurrte ihn der Recke an.
Der König wich verblüfft, entsetzt
Zurück mit bänglichem Gesichte:
"Mein Orden wird nach der Geschichte
Verschmäht von just den Größten jetzt.
"Nimm, nimm, mein Lieber; bitte schön,
Laß mich nicht in der Patsche stecken;
Du wirst mehr Größe ihm erwecken,
Uns, die ihn tragen, miterhöhn!"
Zu gut war unser Eismeerheld,
Wie oftmals Recken, will mir scheinen;
Die Narren werden sie der Kleinen,—
Er nahm ihn,—Hohngelächter gellt.
Da krochen alle Könige hin
Mit ihren Orden, sie zu heben
Und ihnen neuen Glanz zu geben:
Für arme Ritter zum Gewinn.
Honny soit … et caetera—
Bespickt mit Orden stand er da;
Doch größer ward der Orden keiner,
Der Recke nur verteufelt kleiner.
ROMSDALEN
Komm auf das Deck, der Morgen bricht an,—
Ob ich das Land wohl erkennen kann?
Sieh, wie die Inseln die Köpfe recken,
Frischgrün und felsig; Salzfluten lecken,
Mutwillig plätschernd, den steinernen Fuß.
Seevögel flattern mit kreischendem Gruß,
Heben sich, senken sich, geistergleich.
Hier ist ein Reich
Voll Sturmeserinnrung,—ganz für sich.
Wir sind auf Fischers gefahrvoller Bahn!
Draußen—erzählt der Kapitän—am Riffe
Drängt sich der Heringsschwarm. Segelschiffe
Schwärmen just eben von dort herein;—
Der Fang war fein!
Wahrlich,—ich habe euch gleich erkannt,
Knorrige Leute von Romsdalland,—
Ja, ihr könnt segeln, wenn es gilt.
Doch halt! Fast entschwand mir das herrliche Bild!
———Beim ersten Blick
Wirft's Blitze zurück,
So mächtig war's in der Erinnerung nicht.
Wohin auch meine Augen wandern,
Ein Bergesriese über dem andern,
Des einen Brust an des andern Lende,
Bis an des Himmels äußerste Säume.
Wir harren auf Donner und Weltenende;
Die ewige Stille weitet die Räume.
Blau sind die einen, andere weiß,
Mit ragenden, hitzigen, eifernden Zacken,
Andere packen
Fest sich beim Arm zu geschlossenem Kreis.
Den riesigen Berg dort heißt man das "Hemd",
Ein Prediger ist er, in hehrer Gemeinde,
Von Größen der Urzeit, erhaben und fremd.
Was predigt er wohl? Dem Kindheitsfreunde
Tat oft ich die Frage, und immer wieder
Lauscht' ich, in Andacht versunken ganz.
Auf meine Lieder
Fällt majestätisch sein weißer Glanz.
——Wie groß das ist! Ich werde nicht fertig.
Die größten Gedanken aus Leben und Sage
Strömen herbei, meines Winks gewärtig,
Mit all dem Großen sich eifrig zu messen,—
Dantes Hölle, indische Sagen,
Shakespearesche Dramen zum Himmel ragen,
Äschylos' Donnerwolken ziehen,
Beethovens mächtige Symphonien,—
Weiten sich, heben sich, dampfen, strahlen:
—Und schrumpfen zusammen zu Spatzengeschnack
Und Ameisenfleiß;—umsonst euer Plagen!
Es ist, als wollte ein Ballherr im Frack
Die Berge zum Tanze zu bitten wagen.
Versuche sie nicht! Nein, gib dich hin,
Dann wirst du spüren,
Wie all die Großen zum Größern dich führen.
Beug' dich in Demut; denn wer sie fragt,
Dem sagen sie: eines ist doch das Größte.
Sieh, wie der Bach durch den Spalt sich nagt;
Und denke, wie einst er vom Urfels sich löste
Und sich durch Eis und Klippen biß,
Um den Riesenleib zu durchfeilen.
Anfangs ein Ganzes, mußt' er sich teilen,
Als sich die Lenzfluten auf ihn ergossen;—
Doch Jahrmillionen verflossen,
Eh' der Gigant zerriß.
Jetzt stampft der Fjord in die Bande hinein,
Lüpft den Südwester mit keckem Gruße.
Wenn sie benebelt vom Kopf bis zum Fuße,
Zwickt sie der Bursch an der Nase gar gern,—
Der Fjord gehört nicht zu den höflichsten Herrn.
Ihm entgegen mit schaumweißem Kuß
Eilen Quelle, Gießbach und Fluß,
Das Lärmen der Sippe will nicht enden.
Oftmals treibt's ihm die Bande zu bunt,
Sperrt ihm den Weg, daß er halten muß.
Wie eine Muschel mit nassen Händen
Nimmt er den ganzen zudringlichen Schwarm
Frisch an den Mund und bläst darauf
Mit Westwindlungen—juchhei, pass' auf!
Dann heult es und tutet's, daß Gott erbarm'.
—Schwarzgrau ein Fjord die Küste jetzt teilt,
Schnell unser Boot ihn durcheilt;
Gießbäche donnern zu beiden Seiten.
Am Bergeskamm
Dampfende Regenwolken gleiten,
Voll wie ein Schwamm.
Ob Sonne, ob Sturm—das urewige Streiten.
Das ist des Romsdals trutzig Land!
Jetzt bin ich daheim.
Hier liegt des Volkes tiefster Keim.
Hier hat es Stimme und Herz und Verstand.
Jedweden Mann ich hier richtig deute:
Kennst du den Fjord, so kennst du die Leute.
Wild ist der Fjord in Sturm und Schlacht;
Ein anderer ist er in Sommerpracht,
In Mittsommersonne,
Wenn still er träumt in seliger Wonne,—
Was er nur sieht,
Innig und warm an sein Herz er zieht,
Spiegelt es, schaukelt es,—
War' es so arm wie das Moos am Fels,
Flüchtig wie Schaumesperlen des Quells.
Sieh, welch ein Glanz! So offen und minnig
Bittet er, bis man ihm gerne entschuldigt,
Was er verbrach und bereute so innig!
Allen den Bergen in Demut er huldigt,
Spiegelt so kosend
Wider im Spiel ihr erhabenes Bild.
—Denken die Alten: er ist doch nicht schlecht;
Frohsinn und Zorn sind sein altes Recht;
Ist reicher als andre, ist nimmer falsch,
Nur rücksichtslos, launisch und—eben "romsdalsch".
Berge! Ihr wißt das. Ihr kennt das Geschlecht,
Ihr saht sich's plagen,
Kriechend am Felshang, das Wildheu zu schlagen.
Ihr saht es ringen
Beim Fischfang, in Sturmnot, mit wenig Gelingen,
Roden und hauen und pflügen und pflanzen,
In Moor und Geröll mit den Gäulen schanzen;
Maßlos zu Zeiten,
Trunkene Flegel,
Sich raufen und streiten,
Doch nimmer weichen,—zu Topp die Segel!
Weiler wechseln; doch tief gekerbt
In euch liegt Sehnsucht, die quellenreiche,
Singende Tiefe—die wellengleiche:
Windboenfjord hat den Sinn euch gefärbt.
Wikinggeschlecht, ich grüße dein Nest!
Tief liegt dein Grundstein, die Wölbung ist fest,
Sonnennebel erfüllt deine Halle,
Gischtschaum vom brausenden Wasserfalle.
Wikinggeschlecht, so sei mir gegrüßt!
Wo uns so hohe Wölbung umschließt,
Kostet's zwar Kampf, sich den Thron zu erringen—
Nicht allen wollte das leider gelingen—
Kampf kostet's, das Erbgut des Fjords zu heben
Aus wollüstigem Nichtstun zu fruchtbarem Streben,
Kampf kostet's;—doch der, der es wagt, wird Mann.
Ich weiß, daß er's kann.
HOLGER DRACHMANN
Lenzbote, sei gegrüßt! Kommst du vom Walde?
Denn du bist naß im Haar, belaubt, bestaubt…
Hast an deine Kraft geglaubt?
Schlugst dich auf der Halde?
Der Lärm um dich von fesselloser Flut,
Die deiner Ferse folgt—sei auf der Hut:
Sie spritzt nach dir!—schlugst du dich seinetwegen?
Du warst da drinnen zwischen Stumpf und Knorren,
Wo diese Wintergreise längst verdorren.
Sie geizten? Wollten dir den Weg verlegen?
Doch dir ward Kraft verliehn vom alten Pan!
Sie schrien wohl unheilkündend, wie besessen?
Sie nannten es wohl Raub, was du getan?
In jedem Lenz geschieht's, wird bald vergessen.
Du wirfst dich hin am Salzmeer; dir zur Labe
Hat sich's gelöst, sucht kräuselnd deine Gunst.
Du kennst den Takt; Pan wies dir seine Kunst
Zur Dämmerzeit an einem Wikinggrabe.
Doch von dem Arme der Natur umschlungen
Hörst du den feuchten Grund vom Kampftritt beben,
Siehst Dampfer mit der Freiheitsflagge streben
Nach Norden hin;—dein Name ist erklungen.
So zwischen zweien dich erschöpfest du:
Den Freiheitskämpfern, stolz geschart zum Streite,
Der Sagenwelt in ihrer Traumesruh';
Die ersten mahnen, und es lockt die zweite.
Bald tönt dein Lied wie Hörnerklang vorm Feind,
Bald zärtlich wie durch Schilfrohr schwebt's heran.
Du bist Naturmacht halb und halb ein Mann,
Und noch hast du die Hälften nicht vereint.
Jedoch wie du auch spielst und selber seist
(Faunartige Liebe mit dem Kraftakkord
Des Wikings wechselnd), heil dir, Feuergeist—
Trägst du die Tür auch mit der Angel fort.
Das eben war's, wonach wir uns gesehnt:
Auf, auf, es gilt dem Lenz! Der üble Duft
Von Königsweihrauch und von Mönchstabak,
Ja, diese Schwindsucht in romantischem Lack
Preßt wie Moral die Lungen: frische Luft!
Weit lieber venetianischen Gesang,
Des Südens Üppigkeit und Farbenwunder,
Lieber "zwei Schüsse" (machen sie auch bang),
Als all den marklos faden Bildungsplunder!
Gegrüßt, Lenzbote von dem schlanken Wald,
Vom Meeresrauschen und von Kampfgefahren!
Wenn oft dein Lied ein wenig lässig hallt—
Wo Reichtum ist, da braucht man nicht zu sparen.
Des Riesen Art weckt aller Zwerge Tadel,
Ich liebe dich; du bist von eignem Adel.
WIEDERSEHEN [Symbol: gestorben]
… Bergfrisch die Luft, Schneeflocken drin;
Gewundnen Weg rasch fuhr ich hin
Zwischen zarten Birken und Tannen.
Die Tannen grübelten einzeln; weiß
Und fröhlich lachte das Birkenreis:—
Ein Erinnern, ein Bild will mich bannen.
Und die Luft so harsch und frei und leicht,
Weil alles Schwere aus ihr weicht,
Das fächelt der Schnee von hinnen;
Und lebhaft hinterm dünnen Flor
Schimmert die Landschaft, drüber empor
Steigen beschneite Zinnen.
Doch:—wie unter braunweißem Mützenrand—
Wohin ich blicke—: unverwandt——
Wer ist's nur—wer schaut mir entgegen?
Flink starr' ich unter den Haubenschild—
In ein Schneegeflimmer, toll und wild;—
Ist jemand auf meinen Wegen?
Ein Sternchen fiel auf den Handschuh … da
Und da wieder … jedes verschieden ja,…
Wollen die Rätsel spielen?
Und wie Lächeln durchglänzt es die Luft ringsum
Von guten Blicken … ich seh' mich um…
Sind's Erinnrungen, die nach mir zielen?
Dies Sterngespinst, dies Filigran—
Ob sich wohl ein Geist drin bergen kann?
Ich fühl's nach mir tasten und greifen…
Du feine Birke, du Luft so rein,
Du muntrer Schnee,—wer haucht euch ein
Sein Wesen, wer sammelt im Schweifen
Sein Bild in den Zügen der Natur,
In diesem Behagen auf schneeiger Flur,
Im Flockenspiel, daß er mich necke,—
In diesem weißen, sanften Glanz,
In diesem schweigenden Rhythmentanz?
Nein, das bist du, Hans Brecke!
DES DICHTERS SENDUNG
Dem Dichter ward Prophetenamt;
Zumal in Not und Gärungszeiten,
Wenn alle, die da leiden, streiten,
Sein Glauben stärkt, erhebt, entflammt.
Ein auferstandner Vorzeitheld,
Führt neuen Heerbann er ins Feld,
Und ihn umzieht
In weitem Raum
Mit Seherlied
Der Zukunft Traum;
Des Volkes ewige Frühlingssäfte
Macht frei das Lied durch seine Kräfte.
Er straft das Volk um eitlen Wahn
Und Heidentum und Molochschrecken,
Sieht unter herbstlich grauen Decken
Der Gotterkenntnis Triebe nahn.
Befreit pflanzt sich ihr Blütenschoß,
Gleich lichtem Kraft- und Liebessproß,
Dem Volke ein,
Erwärmt sein Herz,
Trägt Heil hinein
Und Zorn und Schmerz,
Läßt Mut und Klarheit kund ihm geben:
Wißt, Gott ist offenbart im Leben!
Den Königsmantel reißt er fort,
Um Volkesschultern ihn zu breiten,
Daß blind sich dies nicht lasse leiten
Von fremder Hoheit Wink und Wort,
Daß es als eigne Majestät
In eignen Amt und Würden steht,
Von Sagaruhm,
Von Mut entflammt,
Mit Heldentum
Ihm selbst entstammt,
Mit ungebrochner Willensstärke,
Mannhaft beim Worte, wie beim Werke.
Er zwingt das Volk zur Buße hin,
Ein grimmer Lug- und Trugverhöhner,
(Kein Sonntagsheld, ein Tagelöhner,
Dem seine Kühnheit kein Gewinn).
Aus trägem Frieden, Geistesnacht,
Aus Feigheit zwingt er's auf voll Macht;
Nicht Volkessinn,
Nicht Königsdank
Lenkt seinen Gang:
Frei zieht er hin;
Und wankt er, Schmerzen fühlt er gären,
Sein Herz durch läuternd Leid zu klären.
Er ist der Schwachen Hort und Held,
Kein Ritter dient den Frauen treuer.
Er führt des zagen Neulings Steuer,
Bis rechter Wind sein Segel schwellt.
Er wächst, halb wollend, halb verdammt,
Durch sein ihm auferlegtes Amt
Und fleht am Ziel:
"O Herr vergib!
Ich war nicht viel.
Ein bessrer Trieb
Aus reicherm Seelenfrühling mehre
Nach mir des Volks wie deine Ehre!"
PSALMEN
I
Ich fühl' in mir
Den Drang nach dir,
Du Harmonie, im All entfaltet.
Bin ich verbannt?
Hast du erkannt,
Daß ich mein Eigen schlecht verwaltet?
Denn ohne Kraft,
Bald feig erschlafft,
Bald in Verzweiflung sieh mich beten,
Daß Trost und Gnad',
Ein Ruf, ein Rat
Mich aufhebt, wo du mich zertreten.
Gott, hör' mein Wort!
Stoß mich nicht fort
Vom Hoffen auf mein Ziel und Streben!
Mein Stern lischt aus;—
Von nächtigem Graus
Sind meine Schritte nun umgeben.
Im öden Sinn
Wogt her und hin
Ein Schwarm von schreckensvollen Geistern.
Ihr, oft verjagt,
Was wollt ihr, sagt?
Nur heut kann ich sie nicht bemeistern.
Ach, Friede, komm!
Laß glaubensfromm
Des Lebens starkes Band mich tragen!
Laß nicht nach mir
Vergebens hier
Mich zweifelnd suchen, rufen, fragen!
II
Ehre dem ewigen Frühling im Leben,
Der alles durchweht!
Kleinstem wird Auferstehung gegeben,
Die Form nur vergeht.
Geschlecht auf Geschlecht
Müht sich empor zu schreiten;
Art bringt Art hervor
In unendlichen Zeiten;
Welten gehn unter und steigen empor.
Nichts ist so klein, daß nicht Kleinres bestünde
Unsichtbar.
Nichts ist so groß, daß nichts Größres bestünde
Ferne von ihm.
In der Erde der Wurm
Ist Berge zu bauen imstand'.
Der Staub im Sturm
Oder der rinnende Sand,
Reiche hat er gegründet einst.
Unendlich das All, und Großes und Kleines
Verschmelzen darin.
Kein Auge wird schauen das Ende—keines
Sah den Beginn.
Der Ordnung Gebot
Hat lebenerhaltend das All beseelt;
Furcht und Not
Zeugen einander; was uns quält,
Wird zum Born, der die Menschheit stählt.
Ewigkeitssamen sind wir, die leben.
Im Schöpfungstage
Wurzeln unsre Gedanken; sie schweben,
Antwort wie Frage,
Saatenvoll,
Über dem ewigen Grunde;
Frohlocken drum soll,
Wer in einer schwindenden Stunde
Mehrte die Erbschaft der Ewigkeit.
Tauch' in die Wonnen des Lebens, du Blüte
Im Frühlingsrain;
Genieße, preisend des Ewigen Güte,
Dein kurzes Sein.
Füg' auch du
Schaffend dein Scherflein hinzu;
Klein und zag,
Atme, soviel deine Kraft vermag,
Einen Zug in den ewigen Tag!
III
Chor
Wer bist du, von tausend Zeiten und Zungen
Mit tausend Namen genannt?
Du hieltst unsre Sehnsucht mit Armen umschlungen,
Warst Hoffnung den Vätern ins Joch gebannt;
Warst Ängsten des Todes der nachtdunkle Gast,
Warst Lebensfesten der Sonnenglast.
Noch bilden wir alle verschieden dein Bild,
Noch nennen wir jedes Offenbarung,
Und jedem seins für das wahre gilt—
Bis daß es zerbricht in bittrer Erfahrung.
Solo
Ach, wer du auch seist,
In mir ist dein Geist;
Meiner Seele ewiger Ruf—das bist du!—
Nach Licht und nach Recht,
Nach Sieg im Gefecht
Für den kommenden Tag, das bist du, das bist du!—
Ein jedes Gebot,
Das ins Aug' uns loht,
Oder das nie uns bewußt, das bist du!—
Mein Leben ruht
In schirmender Hut,
Und es jubelt in mir: das bist du, das bist du!
Chor
Da nimmer wir können dein Wesen erreichen,
Erdachten wir uns Vermittler von dir;
Sie alle ließ ein Jahrtausend erbleichen,
Und wieder stehen wir weglos hier.
Sind krank wir geworden und klammern uns an?
Wo winkt uns ein Trost für den Traum, der zerrann?
Der Ewigkeitshoffnungen leuchtend Verlangen,
Das hoch uns erhob aus des Lebens Jammer,
Soll's weichen in schauderndem Todesbangen,
Sich wandeln zum Wurm in unserer Kammer?
Solo
Er, der mich durchhaucht,
Nein, nimmer er braucht
Den Mittler; ich hab' ihn in mir: das bist du!
Ist mein Ewigkeitsflug
Sein Wille, und trug
Mich zur Taufe sein Geist—bist es du, bist es du.—
Werd' ich teilhaft, ich Nichts,
Des ewigen Lichts?
In Demut mich beug' ich; denn ich weiß, das bist du!
Still wart' ich und fromm:
Erwecker, o komm,
Wenn du willst, wie du willst—das bist du, das bist du!
FRAGE UND ANTWORT
Das Kind
Du, Vater! Ich sah mich im Walde um,
War alles stumm,
Kein einziger Vogel sang ringsum.
Der Vater
Er flog gen Süd übers Meer hinab,
Der Lieder uns gab;
Kann sein, er findet dort sein Grab.
Das Kind
Der Arme; warum denn blieb er nicht?
Der Vater
Er suchte mehr Wärme und mehr Licht.
Das Kind
Du, Vater, ist das auch recht getan?
Er denkt nicht dran,
Daß wir andern hier bleiben und frieren dann.
Der Vater
Ein neuer Frühling will neuen Sang
Aus Herzensdrang;
Den bringt er uns mit, es währt nicht lang.
Das Kind
Aber wenn er stirbt in den kalten Wellen?
Der Vater
So kommen wohl seine Weggesellen.
WECKLIED AN DIE NORWEGISCHE SCHÜTZENGILDE
(1881)
Zu den Fahnen, zu den Fahnen,
Junger Freiheit Chor!
Eure Fahnen, eure Fahnen,
Schützen, hebt empor!
Hinterm Stutzenringe
Unsrer jungen Schar
Soll der Greis im Tinge
Reden fest und klar.
In dem frischen
Kugelzischen
Liegt ein muntrer Klang;
Freiheitkündend,
Führt er zündend
Uns zum Königsrang.
In die Tingesrunde
Klingt aus Talesgrunde
Hell und freudig "ja" auf "ja",
Daß aus Stutzenröhren
Wir das Echo hören
Als ein tausendfältiges Hurra.
Hurra,
Hurra, hurra, hurra, hurra.
Mutter Norge lauscht so heiter
Auf des Widerhalles Töne,
Und durch ihre jungen Söhne
Erbt das Freiheitsgut sich weiter.
ARBEITERMARSCH
Takt! Takt! Auf Takt habt acht!
Der ist mehr als halbe Macht.
Formt aus vielen, vielen Einen,
Hebt den Mut der bangen Kleinen,
Läßt das Schwerste leicht erscheinen,
Zeigt die Ziele uns, die reinen,
Näher, schärfer ohne Schatten,
Als wir auf dem Korn sie hatten.
Takt! Takt! Auf Takt habt acht!
Das ist mehr als halbe Macht.
Nahn im Takt wir einige hundert,
Ist da keiner, der sich wundert;
Nahn im Takt wir einige tausend,
Wird sein Ohr schon mancher recken;
Nahn im Takt wir hunderttausend,—
Ja, dies Dröhnen wird sie wecken!
Takt! Takt! Auf Takt habt acht!
Der ist mehr als halbe Macht.
Wenn in solchem Takt wir schreiten
Fest von Norges Uferweiten
Bis zum höchsten Katarakte,—
Kommen alle wir im Takte,—
Schwinden Herren, schwinden Knechte,
Helfen jedem wir zum Rechte!
DER ZUKUNFT LAND
(Herman und M. Anker zu ihrer silbernen Hochzeit. 15. September 1888, zugeeignet)
Zukunftsland!
Dahin sich all unsre Sehnsucht schwingt,—
All unser Seufzen, das ziellos verklingt,
Formt sich zu Bildern in Wolkenrot
Jenseits der Not,—
Alles, was aus unserm Glauben sprießt,
Selig uns grüßt
Im Zukunftsland.
Zukunftsland!
All unsre Arbeit zu Nutzen und Frommen
Wächst in Geschlechtern, die nach uns kommen.
Sammelt für sie in verjüngendem Drang,
Was uns gelang;
Trägt voller Kraft unser Werk hinein,
Unfehlbar hinein
Ins Zukunftsland.
Zukunftsland!
Tränen, vergossen um all das Schlechte,
Blutschweiß vom Kampfe für höhere Rechte
Salben die Kraft, die den Sieg verspricht.
Uns es zwar bricht,
Schlechtes doch hindert es, Gutes es sät,
Das aufersteht
Im Zukunftsland.
Zukunftsland!
Dämmert in Farben und Melodien,
Die uns wie Sonnengold glitzernd umziehen,
Schimmert im Auge des Kindes und weht
Durch dein Gebet.
Siegen wir—und ist der Sieg gesund,
Stehn wir zur Stund
Im Zukunftsland.
EIN JUNGES VÖLKCHEN KERNGESUND
Ein junges Völkchen kerngesund
Wächst überquellend frisch empor
In Spiel und Sang und Blumenflor
Auf unsres Vätererbes Grund;
Es träumt von dem, was schon errungen,
Sehnt sich nach dem, was nicht bezwungen.
Ein junges Völkchen kerngesund,
Des ganzes Volkes Ehrenpreis,
Des Lebensfrühlings Edelreis,
Ein Osterfest auf Vätergrund
Für alle Alter. Neu entfalten
Im Lenz der Jungen sich die Alten.
Ein junges Völkchen kerngesund
Ist unser Können, doppelt stark,
Ist unsrer Hoffnung Lebensmark,—
Aus des Charakters tiefem Grund
Wächst unsrer Väter Geist auf Erden
Empor zu immer höherm Werden.
NORGE, NORGE
Norge, Norge,
Blauend empor aus dem graugrünen Meer,
Inseln ringsum gleich Vogeljungen,
Fjorde in Zungen
Dorthin, wo Stille sich breitet umher.
Ströme, Täler;
Felsen begleiten sie; Waldgipfel fern
Ragen dahinter. Wo Tore sie brechen,
Seen und Flächen,
Feiertagsfrieden und Tempel des Herrn.
Norge, Norge,
Hütten und Häuser und keine Burgen,
Hart oder weich,
Du bist unser, bist unser Reich,
Du bist der Zukunft Land.
Norge, Norge,
Schneeschuhlaufes leuchtendes Land,
Teerjackenhafen und Fischgehege,
Des Flößers Wege,
Bergecho der Hirten und Gletscherbrand.
Äcker, Wiesen,
Runen im Waldboden, Klüfte versprengt,
Städte wie Blumen, Flüsse verschäumend,
Wo sich bäumend
Aufblitzt das Meer, wo der Schwarm sich drängt!
Norge, Norge,
Hütten und Häuser und keine Burgen,
Hart oder weich,
Du bist unser, bist unser Reich,
Du bist der Zukunft Land.
MEISTERN ODER GEMEISTERT WERDEN
Dieses Land, das trotzig schaut,
Meerumbrandet, bergumbaut,
Winterkalt und sommerbleich,
Kurzes Lächeln, niemals weich,—
Ist der Riese, der, gemeistert,
Fördern soll, was uns begeistert.
Er soll hämmern, er soll tragen,
Er soll singen, er soll sagen,
Er soll malen Glanz und Gischt:—
Was da donnert, tost und zischt
Zwischen Fjord und Bergeswacht,
Schaff' uns eine Schönheitsmacht.
IM WALDE
Der Wald gibt sausenden sachten Bescheid;
Was immer er sah in den einsamen Stunden,
Was immer er litt, als man doch ihn gefunden,
Das klagt er dem Winde; der trägt es weit.
DER SIEBZEHNTE MAI
(1883)
Wergelands Denkmal am siebzehnten Mai
Grüßte der Festzug. Und als die letzten,
Männer im Takt,
Frauen mit Blumen in ihrer Mitten,
Schritten die Bauern, die Bauern schritten.
Österdalswaldes mächtiger Häuptling
Trug ihre Fahne. Als wir sie sahen,
Über dem Purpur
Sich ein Gedanke in Tausenden malte:
Das ist die Alte, das ist die Alte!
Noch trug nicht fremden Volks Krone der Löwe,
Danebrog hat noch das Tuch nicht gespalten,
Zukunft erschien mir,
Sah dort um Wergelands Denkmal in Mengen
Bauern sich drängen, Bauern sich drängen.
Von den vergangnen Verlusten das Meiste,
Von dem Errungenen, von dem Ersehnten,
Ja, meist von allem:
Pflichten der Vorzeit, der Zukunft Ehre
Tragen der Bauern, der Bauern Heere.
Bitter sie sühnten, was einst gesündigt.
Doch sie erheben sich. Jüngst erst im Tinge
Kämpften sie mannhaft.
Von Süd, West und Norden, aus Trondhjemer Landen
Alle die Bauern, die Bauern erstanden.
Halten die Beute, da weiter sie wollen;
Ganz sei uns eigen der Freiheitsgedanke!
Alle wir wissen's:
Wenn einstmals Wergelands Sommer entglommen,
Mit ihm die Bauern, die Bauern kommen.
FREDERIK HEGEL
Die Lüfte liebe ich, die kühlen,
Erhaben rein,
Im Hoheitsschein,
Die mich wie Freiheitsflut umspülen.
Im Walde mich's am liebsten leidet,
Wenn Phantasie
Mit Herbsts Genie
Ihn malt, nicht wenn ihn Grünschmuck kleidet.
Ich kannte einen: seine Reinheit
War herbstlich mild,
Sein Ebenbild
War Herbsteshimmels Farbenfeinheit.
Sein Bild ist wie—wenn in frostigem Tanz
Des Winters Graus
Umstürmt das Haus,—
Meines Herdes erster erwärmender Glanz.
Und wenn das Sehnen nimmt ein Ende,
Wenn Sommers Lied
Nach innen zieht,
Hat Freundschaft Tempelsonnenwende.
UNSERE SPRACHE
(1900)
Nordischer Berge Widerhall,
Wiegengesang am dänischen Sunde,
Feuerglocke bei Fredrikshall,
Lerchenjubel aus Kindermunde,—
Du Herz der Herzen,
Mein norwegisch Wort,
Für Freuden und Schmerzen
Als Burg uns gebautes,
Du Gott vertrautes,—
Wir lieben dich!
Holbergs flüsternder Geisterchor,
Heim den Dichter und morgenwärts ladend,
Schärfend das Schwert ihm, hebend empor
Schätze, in klingendem Lachen sie badend,—
Du Heim der Bedrohten,
Mein norwegisch Wort!
Hier grüßen die Toten
Die Lebensroten,
Die Zukunftsboten,—
Wir lieben dich!
Kierkegaard warst du ein tiefes Meer,
Da er die Segel nach Gott hin spannte.
Wergeland warst du ein Adler hehr,
Der sich vor vielen zur Sonne wandte.
Du Herz der Herzen,
Mein norwegisch Wort,
Für Freuden und Schmerzen
Als Burg uns gebautes,
Du Gott vertrautes,—
Wir lieben dich!
Warst wie ein Maitag voll strahlender Zier
Für den Frühling der Freiheit im Norden.
Durch deine Lieder ist unser Panier
Weit auf Erden Sieger geworden.
Du Heim der Bedrohten,
Mein norwegisch Wort!
Hier grüßen die Toten
Die Lebensroten,
Die Zukunftsboten,—
Wir lieben dich!
Über die Wogen rollst du als Weg
Deinen Blumenteppich, es schreiten
Freunde zu Freunden auf diesem Steg,
Fühlen Himmel und Glaube sich weiten.
Du Herz der Herzen,
Mein norwegisch Wort,
Für Freuden und Schmerzen
Als Burg uns gebautes,
Du Gott vertrautes,—
Wir lieben dich!
Der beste Freund, den ich fand, warst du;
Im Aug' der Mutter harrtest du meiner.
Und wer mich am letzten verläßt, bist du;
Denn du nur sahst mir ins Herz, sonst keiner!
Du Heim der Bedrohten,
Mein norwegisch Wort!
Hier grüßen die Toten
Die Lebensroten,
Die Zukunftsboten,—
Wir lieben dich!
* * * * *
ERZÄHLUNGEN
* * * * *
THROND
Es war ein Mann mit Namen Alf, in den seine Mitbürger große Hoffnungen setzten; denn er war den meisten an Klugheit und Tatkraft überlegen. Doch als dieser Mann dreißig Jahr alt war, zog er hinauf ins Gebirge und machte sich dort, zwei Meilen von allen Menschen entfernt, ein Stück Land urbar. Manche wunderten sich, daß er diese Nachbarschaft mit sich selbst aushielt, aber sie wunderten sich noch mehr, als nach einigen Jahren ein junges Mädchen aus dem Tal sie mit ihm teilen wollte, und zwar gerade das Mädchen, das bei allen Festen und bei jedem Tanz die Fröhlichste gewesen war.
Man nannte sie die "Waldmenschen", und er war unter dem Namen "Alf vom Walde" bekannt; die Leute drehten sich lange nach ihm um, wenn er sich in der Kirche oder bei der Arbeit einfand; denn sie konnten nicht aus ihm klug werden, und er schien kein Interesse daran zu haben, sich auszusprechen. Die Frau war nur selten im Dorf gewesen, einmal aber, um ein Kind über die Taufe zu halten.
Dies Kind war ein Sohn, der Thrond getauft wurde. Als er heranwuchs, sprachen sie des öfteren davon, sie müßten eine Hilfe haben, und da sie nicht die Mittel hatten, sich eine erwachsene Magd zu halten, so nahmen sie eine halbwüchsige, wie sie sich ausdrückten, ins Haus: ein vierzehnjähriges Mädchen, das auf den Jungen zu achten hatte, wenn die Eltern auf dem Felde waren.
Sie war freilich ein bißchen einfältig, und der Junge merkte bald, daß alles, was die Mutter ihm sagte, leicht zu begreifen war, während das, was Ragnhild ihn lehrte, schwer war. Mit dem Vater sprach er nicht viel, und er hatte auch Angst vor ihm, denn wenn er in der Stube war, mußte alles mäuschenstill sein.
Einmal an einem Weihnachtsabend—auf dem Tisch brannten zwei Lichte, und der Vater trank aus einer weißen Flasche—packte der Vater den Jungen, nahm ihn auf den Schoß, sah ihm streng in die Augen und rief: "Buh, Junge!" Dann fügte er milder hinzu: "Du bist gar nicht so'n Angsthase; möchtest Du ein Märchen?" Der Junge antwortete nicht, sondern sah den Vater groß an. Der aber erzählte ihm von einem Mann aus Vaage, welcher "der Blessommer" hieß. Er war in Kopenhagen, dieser Mann, um des Königs Schiedsspruch einzuholen in einem Prozeß, den er führte, und das zog sich so in die Länge, daß ihm der Weihnachtsabend über den Hals kam; das gefiel aber dem Blessommer durchaus nicht, und wie er so durch die Straßen schlenderte und nach Hause dachte, da sah er einen wuchtigen Kerl in einem weißen Mantel vor sich hergehen. "Du gehst ja so schnell", sagte der Blessommer.—"Hab's weit bis nach Haus heut abend", sagte der Mann.—"Wo willst Du hin?"—"Nach Vaage", sagte der Mann und schritt aus.—"Das trifft sich aber fein," sagte der Blessommer, "dahin möchte ich auch."—"Dann kannst Du hinten bei mir auf den Kufen stehen", antwortete der Mann und bog in eine Querstraße ein, wo sein Schlitten stand. Er schwang sich hinauf und sah sich nach dem Blessommer um, der sich auf die Kufen stellte. "Du mußt Dich festhalten", sagte er. Der Blessommer tat es, und es war auch nötig; denn es ging nicht etwa immer auf der glatten Erde hin. "Mir scheint, Du fährst übers Wasser", sagte der Blessommer.—"Das tu' ich", sagte der Mann, und der Gischt umstob sie. Aber nach einer Weile kam es dem Blessommer vor, als führen sie nicht mehr übers Wasser. "Mir scheint, es geht durch die Luft", sagte er.—"Ja, das tut es", antwortete der Mann. Aber als sie noch weiter gefahren waren, kam dem Blessommer die Gegend, durch die sie fuhren, so bekannt vor. "Mir scheint, das ist Vaage", sagte er.—"Ja, jetzt sind wir da", antwortete der Mann, und der Blessommer fand, es sei recht schnell gegangen. "Schönen Dank für die Fahrt", sagte er.—"Gleichfalls!" sagte der Mann und fügte hinzu, während er auf das Pferd einschlug: "Jetzt sieh Dich lieber nicht weiter nach mir um!"—"Nein, nein", dachte der Blessommer und trollte sich über die Höhen heimwärts. Aber da erhob sich hinter ihm ein Dröhnen und Getöse, als wolle der ganze Berg einstürzen, und ein Leuchten ging über das Land hin; er sah sich um, und da sah er den Mann in dem weißen Mantel durch krachende Feuersäulen hindurch in den offnen Berg einfahren, der sich wie ein Tor über ihm wölbte. Dem Blessommer wurde es etwas unbehaglich zumute bei der Reisegesellschaft, die er gehabt hatte, und er wollte den Kopf wieder umwenden; aber wie der Kopf saß, so blieb er sitzen, und der Blessommer hat in seinem ganzen Leben den Kopf nicht mehr umdrehen können.
So etwas hatte der Bursch sein Lebtag nicht gehört. Er getraute sich nicht den Vater weiter zu fragen, aber am andern Morgen in aller Frühe fragte er die Mutter, ob sie keine Märchen wisse. Doch, sie wußte welche, aber die handelten meistens von Prinzessinnen, die sieben Jahre lang gefangen saßen, bis der rechte Prinz kam. Der Bursch dachte, alles, was er hörte und las, lebe in seiner nächsten Nähe.
Er war etwa acht Jahr alt, als an einem Winterabend der erste fremde Mensch bei ihnen durch die Tür trat. Er hatte schwarzes Haar, und das hatte Thrond noch nie gesehen. Er sagte kurz "Guten Abend" und kam herein; Thrond wurde die Sache ängstlich, und er setzte sich auf einen Schemel am Herd. Die Mutter nötigte den Mann zum Sitzen; er tat es, und da faßte sie ihn genauer ins Auge: "Herrjeh, ist das nicht der Fiedel-Knut?" sagte sie.—"Ja, freilich ist er das. Es ist lange her, daß ich auf Deiner Hochzeit spielte."—"Ach ja, das ist schon eine ganze Weile. Kommst Du weit her?"—"Ich habe Weihnachten auf der andern Seite des Berges gespielt. Aber mitten im Gebirge wurde mir schlecht; ich mußte hier einkehren, um mich auszuruhen."
Die Mutter brachte ihm Essen herein; er setzte sich an den Tisch, sagte aber nicht "in Jesu Namen", wie der Junge es doch immer gehört hatte. Als er fertig war, stand er auf: "Nun ist mir wieder ganz gut", sagte er; "laßt mich jetzt ein klein bißchen ruhen." Und er wurde zum Ausruhen in Thronds Bett gesteckt.
Für Thrond wurde eins auf dem Fußboden gemacht. Wie er so dalag, fror ihn an der Seite, die dem Herd abgekehrt war, und das war die linke. Ihm fiel ein, das komme daher, daß die eine Seite in der nächtlichen Kälte bloß lag; denn er lag ja mitten im Walde. Wie war er nur in den Wald gekommen? Er richtete sich auf und blickte sich um, und das Feuer brannte in weiter Ferne, und er lag wirklich allein im Walde; er wollte nach Hause gehen zum Feuer, kam aber nicht von der Stelle. Da überfiel ihn große Angst; denn hier konnten Ungeheuer hausen und Hexen und Gespenster; heim mußte er zum Feuer, aber er kam nicht von der Stelle. Da wuchs seine Furcht, er raffte seine ganze Kraft zusammen, schrie "Mutter"—und wachte auf. "Mein Junge, Du träumst so schwer", sagte sie und nahm ihn auf den Arm.
Ihn überlief ein Schauder, und er sah sich um. Der Fremde war fort, und er wagte nicht nach ihm zu fragen. Die Mutter kam in ihrem schwarzen Kleid herein und ging ins Dorf. Zurück kam sie mit zwei andern Fremden, die auch schwarzes Haar und flache Hüte hatten. Sie sagten auch nicht "in Jesu Namen" vorm Essen, und sie sprachen leise mit dem Vater. Nachher ging er mit ihnen in die Scheune und kam mit einem großen Kasten wieder heraus, den sie zwischen sich trugen. Den setzten sie auf einen Schlitten und verabschiedeten sich. Da sagte die Mutter: "Wartet einen Augenblick und nehmt den kleinen Kasten mit, den er bei sich hatte." Und sie ging ins Haus, um ihn zu holen. Einer der Männer aber sagte: "Den kann der kriegen", und zeigte auf Thrond. Der andere fügte hinzu: "Brauch' sie ebensogut wie der Mann, der jetzt hier liegt", und er deutete auf den großen Kasten. Da lachten beide und zogen von dannen. Thrond besah sich den kleinen Kasten, den er auf diese Weise bekommen hatte. "Was ist da drin?" fragte er. "Trag ihn hinein und sieh nach", sagte die Mutter. Er tat es, und sie half ihm beim Öffnen. Da strahlte sein Gesicht vor Freude, denn er sah etwas Leichtes, Feines darin liegen.—"Hol' es heraus!" sagte die Mutter. Er tippte nur mit einem Finger darauf, aber voll Entsetzen zog er ihn wieder zurück. "Es weint!" sagte er. "Nur Mut!" sagte die Mutter, sie griff mit der ganzen Hand zu und nahm das Ding heraus. Er wog es und drehte es hin und her, er lachte und streichelte es: "Mutter, was ist das?" fragte er, es war so leicht wie ein Spielzeug. "Das ist eine Fiedel."
Auf die Art bekam Thrond Alfson seine erste Geige.
Der Vater konnte ein wenig spielen, und er brachte dem Jungen die ersten Griffe bei. Die Mutter konnte Tanzweisen trällern von ihrer Tanzzeit her, und die lernte er, machte aber bald selbst neue. Er spielte immer, wenn er nicht lernte; er spielte so viel, daß der Vater einmal sagte, er werde ganz blaß dabei. Alles, was der Knabe bis dahin gelesen und gehört hatte, ging in die Fiedel über. Die weiche, feine Saite war die Mutter; die Saite dicht daneben, die beständig der Mutter folgte, war Ragnhild. Die grobe Saite, die er seltener anrührte, war der Vater. Die letzte, feierliche Saite aber, vor der hatte er beinah Angst, und der gab er keinen Namen. Wenn er auf der Quinte einen Fehlgriff tat, war es die Katze, wenn er aber auf des Vaters Saite fehlgriff, so war das der Ochse. Der Bogen war der Blessommer, der in einer Nacht von Kopenhagen nach Vaage gefahren war. Auch jedes Lied war ein bestimmter Gegenstand. Das Lied mit den langen, feierlichen Tönen war die Mutter in ihrem schwarzen Kleide. Das zaghafte und hüpfende war Moses, als er stammelte und mit seinem Stab an den Felsen schlug. Das Lied mit der leisen Melodie, wo der Bogen so leicht auf den Saiten lag, war die Hexe, die die Herde im Nebel an sich lockt, wenn kein anderer es sieht.
Das Spiel aber trug ihn über die Berge hinaus, und in ihm erwachte die Sehnsucht. Als der Vater eines Tages erzählte, auf dem Jahrmarkt habe ein kleiner Junge gespielt und viel Geld verdient, lauerte er in der Küche der Mutter auf und fragte sie leise, ob er nicht auch auf den Jahrmarkt dürfe und den Leuten etwas vorspielen. "Wie kommst Du auf so was!" sagte die Mutter, sprach aber doch gleich mit dem Vater darüber. "Er kommt noch früh genug in die Welt", antwortete der Vater, und er sagte es so entschieden, daß die Mutter nicht weiter bat.
Bald darauf sprachen Vater und Mutter bei Tisch von einigen neuen Landsassen, die kürzlich ins Gebirge gekommen waren und sich verheiraten wollten. Sie hätten keinen Spielmann zur Hochzeit, sagte der Vater. "Könnte ich nicht den Spielmann machen?" flüsterte der Bursch, als die Mutter wieder in der Küche stand.—"So klein, wie Du bist!" sagte sie; aber sie ging doch hinaus in die Scheune, wo der Vater war, und sagte es ihm. "Er ist noch nie im Dorf gewesen," fügte sie hinzu, "er hat nie eine Kirche gesehen".—"Was bittest Du mich eigentlich", sagte Alf; aber weiter sagte er auch nichts, und da nahm die Mutter an, sie dürfe. Deshalb ging sie hinüber zu den neuen Landsassen und bot den Jungen an. "So wie der spielt," sagte sie, "hat noch kein Kind gespielt", und—der Bursch wurde angenommen.
Das gab aber eine Freude zu Hause! Von morgens bis abends spielte er und übte neue Weisen ein, nachts träumte er von ihnen; sie trugen ihn über die Höhen in fremde Lande, als reite er auf segelnden Wolken. Die Mutter nähte ihm einen neuen Anzug, der Vater aber wollte von der ganzen Geschichte nichts wissen.
Die letzte Nacht schlief Thrond nicht, sondern ersann ein neues Lied über die Kirche, die er noch nicht gesehen hatte. Am Morgen war er früh auf und die Mutter auch, um ihm Frühstück zu geben, aber er konnte nichts essen. Er zog den neuen Anzug an und nahm die Fiedel in die Hand, und da war's ihm, als flimmere es ihm vor den Augen. Die Mutter begleitete ihn bis vor die Tür und sah ihm nach, wie er über die Hänge dahinschritt; es war das erstemal, daß er von Hause fortzog.
Der Vater stieg leise aus dem Bett und ging ans Fenster; da stand er und blickte dem Knaben nach, bis man die Mutter auf den Steinfliesen hörte; da ging er wieder zu Bett und lag schon drin, als sie hereinkam. Sie ging ruhelos in der Stube umher, als habe sie etwas auf dem Herzen. Und schließlich kam sie mit der Sprache heraus: "Ich finde eigentlich, ich müßte hinunter in die Kirche und sehen, wie es geht." Er gab keine Antwort, deshalb hielt sie die Sache für abgemacht, zog sich an und ging.
Es war ein herrlicher Sonnentag, an dem der Bursch über die Hänge dahinzog; er hörte den Vögeln zu und sah die Sonne auf den Blättern glitzern, während er rasch vorwärtsschritt, die Fiedel unterm Arm. Und als er an das Hochzeitshaus kam, sah er noch immer nichts anderes, als was ihn vorher beschäftigt hatte, sah weder Brautstaat noch Hochzeitszug; er fragte nur, ob sie bald aufbrechen wollten; das wollten sie. Er ging mit der Fiedel voran, jetzt spielte er die himmlische Morgenstimmung ihnen in die Seele hinein, und es hallte zwischen den Bäumen. "Sehen wir die Kirche bald?" fragte er die hinter ihm Schreitenden. Lange hieß es nein; aber schließlich sagte einer: "Jetzt bloß noch um diese eine Felswand herum, dann siehst Du sie!" Er spielte sein neuestes Lied auf der Fiedel, der Bogen tanzte, und er spähte nach vorn. Da lag das Dorf dicht vor ihm!
Das erste, was er sah, war ein zarter, leichter Nebel, der wie ein Rauch vor der jenseitigen Bergwand lag. Er ließ das Auge zurückschweifen über grüne Wiesen und große Häuser mit Fenstern, in denen die Sonne brannte; das glitzerte fast wie ein Eisgletscher am Wintertag. Die Häuser wurden immer größer und immer mehr Fenster kamen zum Vorschein, und hier an der einen Seite lagen ungeheuer große, rote Häuser, vor denen Pferde angebunden standen; geputzte kleine Kinder spielten auf einem Hügel, Hunde saßen dabei und sahen zu. Aber über allen den Menschen und Dingen schwebte ein langer, dunkler Ton, der ihn erschütterte, daß alles, was er sah, sich im Takt nach diesem Ton zu bewegen schien. Da sah er plötzlich ein großes, schlankes Haus, das geradenwegs in den Himmel hinein strebte mit einer hohen blinkenden Stange. Und weiter unten funkelten hundert Fenster in der Sonne, daß das Haus wie in einer Lohe stand. Das muß die Kirche sein, dachte der Bursch, und daher muß der Ton kommen! Rings um die Kirche stand eine ungeheure Menge Menschen, und alle sahen sie ganz gleich aus! Er brachte sie sofort mit der Kirche in Verbindung und fühlte daher vor dem kleinsten Kinde eine mit Furcht gemischte Achtung. Jetzt muß ich spielen, dachte Thrond und setzte den Bogen an. Aber was war das? Die Fiedel tönte ja nicht mehr.—Da muß an den Saiten etwas entzwei sein; er untersuchte sie, fand aber nichts. "Dann muß es daran liegen, daß ich nicht fest genug aufdrücke", und er drückte auf, aber die Fiedel war wie zersprungen. Er nahm für das Lied, das die Kirche bedeuten sollte, ein anderes, aber es ging ganz ebenso schief. Kein Ton, nur ein Gequietsch und Gejammer. Er fühlte, wie ihm der kalte Schweiß übers Gesicht perlte; er dachte an die vielen klugen Menschen, die hier standen und ihn vielleicht auslachten, ihn, der doch zu Hause so schön spielen konnte, hier aber keinen einzigen Ton hervorbrachte. "Gott sei Dank, daß Mutter nicht hier ist und meine Schande mit ansieht", sagte er vor sich hin, während er mitten unter den Menschen zu spielen versuchte,—aber da—da stand sie ja in dem schwarzen Kleid und zog sich mehr und mehr zurück. Im selben Augenblick sah er hoch oben auf der Turmspitze den schwarzhaarigen Mann sitzen, der ihm die Fiedel geschenkt hatte. "Gib wieder her!" rief er, lachte und streckte die Arme aus, und die Turmspitze ging auf und nieder mit ihm, auf und nieder. Der Bursch aber nahm die Fiedel unter den Arm: "Du kriegst sie nicht!" rief er, drehte sich um und lief davon, weg von der Menschenschar, von den Häusern fort, über Wiesen und Felder hin, bis er nicht mehr konnte und umsank.
Da lag er lange, das Gesicht auf der Erde; und als er sich endlich umdrehte, hörte und sah er bloß Gottes unendlichen Himmel, der über ihm stand mit seinem ewigen Gebraus. Das war ihm so entsetzlich, daß er sich wieder zur Erde umdrehen mußte. Als er abermals den Kopf hob, fiel sein Blick auf die Fiedel, die neben ihm lag. "Du hast die ganze Schuld!" rief der Bursch und hob sie auf, um sie zu zerschlagen, hielt aber inne und sah sie an.—"Wir haben viel frohe Stunden zusammen gehabt", sagte er zu sich selbst und schwieg. Aber gleich darauf meinte er: "Die Saiten müssen herunter, die taugen nichts." Und er holte ein Messer aus der Tasche und schnitt zu. "Au!" sagte die Quinte kurz und schmerzlich. Der Bursch schnitt weiter. "Au!" sagte die nächste Saite; der Bursch aber schnitt weiter. "Au!" sagte die dritte düster,—und nun kam die vierte an die Reihe. Ein tiefes Weh faßte ihn; die vierte Saite,—die Saite, der er nie einen Namen zu geben gewagt hatte, die schnitt er nicht durch. Jetzt hatte er auch die Empfindung, es sei nicht allein die Schuld der Saiten, wenn er nicht hatte spielen können. Da kam die Mutter langsam zu ihm hinaufgestiegen, um ihn mit nach Hause zu nehmen. Aber nur noch größere Furcht packte ihn. Er hielt die Fiedel an den zerschnittenen Saiten in die Höhe, stand auf und rief zu ihr hinunter: "Nein, Mutter! nach Hause komme ich nicht eher wieder, als bis ich das spielen kann, was ich heut gesehen habe."
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