Siebentes Kapitel
Gute Zeit darauf saßen Guttorm und Karen in der großen, hellen Stube in Solbakken zusammen und lasen sich aus neuen Büchern vor, die sie aus der Stadt bekommen hatten. Vormittags waren sie in der Kirche gewesen; denn es war Sonntag,—dann hatten sie einen kleinen Rundgang durch die Felder gemacht, um zu sehen, wie Saaten und Früchte standen, und um zu überlegen, was Acker und was Brache im nächsten Jahr werden solle. So waren sie langsam von einem Stück Land zum andern gewandert, und sie fanden, daß in ihrer Zeit das Gut sich recht gehoben habe. "Gott weiß, was einmal draus wird, wenn wir nicht mehr sind", hatte Karen gesagt; darauf hatte Guttorm sie aufgefordert, mit ihm nach Hause zu gehen, um in den neuen Büchern zu lesen: "Denn man tut gut, sich Gedanken, wie Du sie ausgesprochen hast, fernzuhalten."
Nun hatten sie ein Buch beendet, und Karen war der Ansicht, daß die alten besser seien: "Die neuen sind ja nur aus den alten abgeschrieben."—"Daran mag etwas Wahres sein; Sämund hat heut in der Kirche zu mir gesagt, daß die Kinder auch nur wieder wie die Eltern sind."—"Ja, Du und Sämund, Ihr habt lange genug heute miteinander geredet."—"Sämund ist ein verständiger Mann."—"Aber ich fürchte, er ist wenig unserm Herrn und Heiland ergeben."—Hierauf antwortete Guttorm nichts.——"Wo mag denn Synnöve jetzt sein?" fragte die Mutter.—"Oben in ihrer Kammer", antwortete er.—"Du hast ja selbst vorhin bei ihr gesessen; wie war sie denn?"—"Ach—"—"Du solltest sie nicht soviel allein lassen."—"Da kam jemand."—Die Frau blieb einen Augenblick still.—"Wer war's?"—"Ingrid Granliden."—"Ich dachte, sie ist noch auf der Alm."—"Sie ist heute nach Hause gekommen, weil ihre Mutter in die Kirche wollte."—"Ja, die hat sich ja auch heute dort mal sehen lassen."—"Sie hat viel zu tun."—"Das haben andre auch, aber wohin es einen zieht, dahin kommt er doch."—Guttorm antwortete nicht. Nach einer Weile sagte Karen: "Außer Ingrid waren heute alle Granlidener in der Kirche."—"Ja, wohl, um Thorbjörn wieder zum erstenmal hinzubegleiten."—"Er sah schlecht aus."—"Nicht besser, als zu erwarten war. Ich habe mich gewundert, daß er sich schon soweit erholt hat."—"Ja, er hat sich mit seiner Torheit viel zugezogen."—Guttorm blickte vor sich hin: "Er ist doch noch jung."—"Es ist kein fester Kern in ihm, kein Verlaß."
Guttorm hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt, drehte ein Buch in der Hand, öffnete es, tat, als wenn er darin lese, und ließ die Worte dabei fallen: "Er soll bestimmt wieder ganz gesund werden."—Die Mutter nahm auch ein Buch zur Hand: "Das wäre dem hübschen Burschen wirklich zu wünschen," sagte sie; "unser Herrgott stehe ihm bei, daß er dann bessern Gebrauch davon macht."—Nun lasen alle beide, dann sprach Guttorm beim Umblättern: "Er hat sie heut den ganzen Tag nicht angesehen."—"Ja, das hab' ich auch bemerkt; er blieb still auf seinem Platz, bis sie fort war." Eine Weile darauf äußerte Guttorm: "Glaubst Du, daß er sie vergessen wird?"—"Das wäre jedenfalls das Beste."
Guttorm las weiter, seine Frau blätterte.
"Es ist mir weiter nicht angenehm, daß Ingrid immer bei ihr sitzt", sagte sie.—"Synnöve hat ja fast keine Menschenseele, mit der sie reden kann."—"Sie hat uns."—Da blickte Vater Guttorm sie an: "Wir wollen doch nicht zu streng sein." Seine Frau schwieg; nach einer Weile erwiderte sie: "Ich habe es ja auch nicht verboten." Der Vater legte das Buch fort, stand auf und sah aus dem Fenster. "Dort geht Ingrid", sagte er. Kaum hatte die Mutter das gehört, so stand sie gleichfalls auf und lief schnell aus der Stube. Der Vater blieb noch lange am Fenster, dann drehte er sich um und ging auf und ab; bald kam Karen wieder und stellte sich vor ihn hin: "Ja, das hab' ich mir gleich gedacht", sagte sie, "Synnöve sitzt oben und weint; aber sowie ich komme, dann kramt sie unten in ihrer Truhe"; und sie fuhr fort und schüttelte den Kopf: "Nein, es tut nicht gut, daß Ingrid bei ihr sitzt."—Dann machte sie sich mit dem Abendessen zu schaffen und ging häufig durch die Tür aus und ein. Einmal, als sie gerade draußen war, kam Synnöve still und mit etwas geröteten Augen in die Stube; sie schlüpfte leicht an ihrem Vater, dem sie in das Gesicht sah, vorüber und hin zum Tisch, setzte sich und nahm ein Buch vor. Nach einem Weilchen legte sie es wieder fort und fragte ihre Mutter, ob sie ihr helfen könne. "Ja, das tu nur," antwortete Karen, "Arbeit ist für alles gut."
Synnöve übernahm den Tisch zu decken; der stand unweit vom Fenster. Der Vater, der bisher auf- und abgegangen war, kam nun dorthin und sah hinaus. "Die Gerste, die der Regen 'runtergedrückt hat, kommt, glaub' ich, wieder hoch", sagte er. Da stellte sich Synnöve neben ihn und sah mit hinaus. Er wandte sich zu ihr,—seine Frau war gerade in der Stube—und so strich er nur mit der einen Hand über Synnöves Hinterkopf; dann nahm er seinen Gang wieder auf.
Sie aßen; aber in tiefer Stille; die Mutter sprach an diesem Tage das Gebet sowohl vor wie nach Tisch; und als alle aufgestanden waren, wünschte sie, sie sollten nun in der Bibel lesen und zusammen singen: "Gottes Wort gibt Frieden, und das ist doch im Hause der größte Segen." Dabei sah sie Synnöve an, die mit niedergeschlagenen Augen dastand. "Jetzt will ich Euch eine Geschichte erzählen," sprach die Mutter weiter, "von der jedes Wort wahr ist, und ganz gut für den, der darüber nachdenken will."——
Und sie erzählte: "In meiner Jugend lebte in Houg ein Mädchen, die Enkeltochter eines alten, schriftgelehrten Amtmanns. Er hatte sie, als sie ganz jung war, zu sich genommen, um in seinem Alter Freude an ihr zu haben, und so lernte sie natürlich Gottes Wort und gutes Benehmen und Sitte. Sie faßte schnell auf, kam gut vorwärts und überholte im Lauf der Zeit uns alle; sie konnte schreiben, konnte rechnen, konnte ihre Schulbücher und fünfundzwanzig Kapitel der Bibel auswendig, als sie fünfzehn Jahr alt war; dessen erinnere ich mich, als wenn es heute wäre. Sie hielt mehr vom Lernen als vom Tanzen, und war darum selten bei lauten Festlichkeiten, doch häufiger oben in ihres Großvaters Stube bei den vielen Büchern zu sehen. Jedesmal, wenn wir mit ihr zusammenkamen, stand sie da, als wenn sie mit ihren Gedanken gar nicht zu uns gehörte, und wir sagten uns: 'Wenn wir doch nur so klug wären, wie Karen Hougen!' Sie sollte den Alten später beerben, und viele gute Burschen boten sich an, mit ihr mal auf Teilung zu gehen; aber alle bekamen Körbe. Zur selben Zeit kam der Pastorssohn aus dem Seminar nach Hause; er hatte dort nicht gut getan, immer nur Sinn für wilde Streiche gehabt und mehr böse Geschichten wie gute im Kopf; jetzt trank er sogar. 'Nimm Dich vor ihm in acht', sagte der Großvater, 'ich bin viel mit den Vornehmen zusammen gewesen, und nach meiner Erfahrung ist ihnen weniger zu trauen als den Bauern.'—Karen hörte immer mehr auf ihn als auf alle andern—und als sie später den Pastorssohn traf, ging sie ihm aus dem Wege; denn er hatte es auf sie abgesehen. Nirgends konnte sie mehr hin, ohne ihm zu begegnen. 'Geh weg,' sagte sie, 'es hilft Dir doch nichts.' Aber er lief ihr immer wieder nach, und so geschah es, daß sie zuletzt doch mal stillstehn und ihn anhören mußte. Hübsch genug war er; als er aber zu ihr sagte, daß er nicht ohne sie leben könne, da trieb er sie damit weg. Nun lauerte er ihr auf; fortwährend umkreiste er ihr Haus, aber sie kam nicht vor die Tür; nachts stand er unter ihrem Fenster; aber sie ließ sich nicht blicken; er sagte, er werde sich ein Leid antun; aber Karen wußte, was sie wußte. Da fing er wieder an, mehr zu trinken.—'Nimm Dich in acht,' sagte der Alte, 'das ist alles Teufelslist.'
Eines Tages, als Karen in ihrer Stube war, stand plötzlich, ohne daß man wußte, wie er hereingekommen war, der Pastorssohn vor ihr. 'Jetzt töte ich Dich', sagte er. 'Ja, wenn Du Dich getraust!' antwortete sie. Da fing er zu weinen an und sagte, daß es in ihrer Macht stehe, einen ordentlichen Menschen aus ihm zu machen. 'Kannst Du ein halbes Jahr das Trinken lassen?' sagte sie. Und er ließ es ein halbes Jahr. 'Glaubst Du mir jetzt?' fragte er. 'Nicht bis Du Dich ein halbes Jahr allen lauten Vergnügungen fern gehalten hast.' Das tat er. 'Glaubst Du mir jetzt?' fragte er. 'Nicht, wenn Du jetzt nicht fortreist und Dein Examen machst.' Auch das tat er, und nach einem Jahr kam er als richtiger Pastor zurück. 'Glaubst Du mir jetzt?' fragte er und hatte noch dabei Pastorenmantel und Kragen angelegt. Jetzt will ich Dich ein paarmal Gottes Wort verkündigen hören.'
Und das tat er klar und rein, wie es einem Pastor ziemt; er redete über seine eigene Niedrigkeit, und wie leicht der Sieg sei, wenn man ernstlich kämpfe, und von der Bedeutung der Worte Gottes, wenn man erst hin zu ihnen gefunden habe. Dann ging er wieder zu Karen. 'Ja, jetzt glaube ich, daß Du nach der wahren Erkenntnis lebst,' sagte Karen, 'und nun will ich Dir erzählen, daß ich schon drei Jahre mit meinem Vetter Andreas Hougen verlobt bin, und am nächsten Sonntag sollst Du uns in der Kirche aufbieten.'——"
Damit schloß die Mutter. Synnöve hatte anfangs gar nicht auf die Geschichte geachtet; dann aber stärker und stärker und zuletzt hing sie förmlich an jedem Wort. "Folgt nichts weiter?" fragte sie sehr bange. "Nein," antwortete die Mutter. Der Vater sah die Mutter an; da blickte die Mutter etwas unsicher zur Seite, dann sagte sie nach kurzem Nachdenken, und fuhr dabei mit den Fingern über die Tischplatte: "Es mag wohl noch etwas folgen;——aber das ist ja gleich."—"Folgt noch etwas?" fragte Synnöve und wandte sich zu ihrem Vater, der ihr davon zu wissen schien.—"Oh—ja; aber wie Mutter sagt: das ist ja gleich."—"Wie erging es ihm?" fragte Synnöve. "Ja, darum handelt sich's ja gerade", antwortete der Vater und sah die Mutter an; die hatte sich mit ihren Schultern an die Wand gelehnt und sah beide an.—"Wurde er unglücklich?" fragte Synnöve leise. "Wir machen den Schluß dort, wo er gemacht werden soll", sagte die Mutter und stand auf; der Vater ebenfalls; Synnöve etwas später.
Achtes Kapitel
Wieder vergingen einige Wochen, da schickte sich eines Morgens zu früher Stunde alles in Solbakken zum Kirchgang an; es sollte heute Konfirmation sein,—in diesem Jahre etwas zeitiger als gewöhnlich,—und wie immer bei solcher Gelegenheit wurden die Häuser zugeschlossen; denn alle gingen mit. Fahren wollten sie nicht; das Wetter war klar, wenn auch in der Frühe etwas winterlich kalt und rauh; der Tag schien recht schön zu werden. Der Weg zog sich rund um das Kirchspiel und an Granliden vorbei, ließ den Hof links in kurzer Entfernung liegen und erreichte nach einer Viertelmeile die Kirche. Das meiste Korn war schon geschnitten und in Haufen geschichtet; die meisten Kühe waren von der Alm getrieben und gingen kauend an Stricken auf Stoppeln und Gras; die Felder hatten sich zum zweitenmal begrünt oder schimmerten weißgrau; ringsherum dehnte sich der Wald in seiner Farbenbuntheit; die Birke schon kahler, die Espe blaßgoldig, die Eberesche mit vertrockneten, runzligen Blättern, doch voll roter Beeren. Es hatte einige Tage stark geregnet; das niedre Gestrüpp, das sich an den Wegkanten hoch arbeitete oder im Wegsande stand und nieste, erschien reingewaschen und frisch. Aber die Felsen fingen an sich schwerer über das Land zu neigen, je ärger sie der beutegierige Herbst entkleidete und ihnen ein ernstes Aussehen gab; wogegen die Felsbäche, die im Sommer manchmal nur ein Scheindasein führten, sich wild tummelten und mit großem Lärm herunterfuhren; besonders wuchtig und prasselnd tat das der Granlidener, und namentlich unten im Geröll, wo der Fels nicht länger mit wollte, sondern sich nach innen zurückzog. Dort nahm der Bach auf dem Gestein einen tüchtigen Anlauf und sprang mit derartigem Jauchzen herunter, daß der Fels erbebte. Gewaschen wurde der für seine Verräterei, denn der Wasserfall schickte ihm seine kribblichsten Strahlen gerade ins Gesicht. Einige neugierige Eisenbüsche, die sich dem Abhang genähert hatten und beinahe fortgeschwemmt wären, schlucksten jetzt krampfhaft im Wassersbade, denn der Gießbach war heut nicht eben sparsam.
Thorbjörn ging mit seinen Eltern, seinen beiden Geschwistern und den übrigen Hausleuten gerade daran vorbei und sah es sich mit ihnen an; er war wieder ganz zu Kräften gekommen und hatte sich schon ebenso tüchtig wie früher an der Arbeit seines Vaters beteiligt; die zwei waren fast unzertrennlich; so auch heut.—"Ich glaube, hinter uns kommen die Solbakkener", sagte der Vater. Thorbjörn blickte sich nicht um; aber die Mutter setzte hinzu: "Jawohl, das sind sie;——aber ich sehe nicht———sie sind ja auch noch so weit." Entweder gingen nun die Granlidener schneller, oder die Solbakkener langsamer, denn der Abstand wurde immer größer und größer; zuletzt verloren sie sich ganz aus den Augen. Es schienen heut viele Menschen zur Kirche zu wollen; der lange Weg war ganz schwarz von Fußgängern, Fahrenden und Reitern; die Pferde waren jetzt im Herbst mutig und wenig daran gewöhnt, mit anderen zusammen zu sein; sie wieherten unaufhörlich, und es steckte eine Unruhe in ihnen, die das Fahren gefährlich, aber sehr vergnüglich machte.
Je mehr sie sich der Kirche näherten, desto größeren Lärm machten die Pferde; jedes, das ankam, wieherte zu den schon dort stehenden hinüber; und diese zerrten am Halfter, trampelten mit den Hinterbeinen und antworteten den Ankömmlingen. Alle Hunde aus dem Kirchspiel, die in der Woche aus weiter Ferne auf einander gelauscht, sich gereizt und angekläfft hatten, trafen sich jetzt vor der Kirche und stürzten sich paarweise oder rudelweise Hals über Kopf auf die Felder zu einer gehörigen Balgerei. Die Menschen standen längs der Kirchenmauer und den Häusern, führten Gespräche im Flüsterton und sahen sich nur von der Seite an. Der Weg vor der Mauer war nicht breit, die Häuser lagen unweit von ihr auf der Seite gegenüber; und gern standen die Frauen und Mädchen an der Mauer, die Männer und Burschen vor den Häusern. Erst später fanden sie den Mut, zueinander hinüberzugehen. Sahen sich Bekannte auf geringen Abstand, dann taten sie, als sähen sie sich nicht, bis nach altem Brauch die Zeit gekommen war;—es konnte ja passieren, daß ein Ausweichen nicht möglich gewesen, daß sie sich begrüßen mußten; aber dann geschah es mit halb abgewandtem Gesicht und knappen Worten; worauf sich beide Teile mit Vorliebe nach ihren verschiedenen Richtungen zurückzogen. Als die Granlidener herankamen, wurde es fast noch stiller wie bisher; Sämund hatte nicht viele zu begrüßen, und so ging es schnell durch die Reihen; aber die Frauen blieben gleich bei den Vordersten stehen. Deshalb mußten die Männer, als sie zur Kirche wollten, erst wieder den Weg zurück und zu den Frauen hinüber; in demselben Augenblick fuhren drei Wagen hintereinander, schärfer als alle früher gekommenen, heran und verlangsamten nicht einmal ihre und Fahrt, als sie in die Menge einbogen. Sämund und Thorbjörn, die beinahe überfahren wurden, blickten zu gleicher Zeit auf; im ersten Wagen saßen Knud Nordhoug und ein alter Mann; im zweiten seine Schwester und ihr Mann; im dritten die Eltern, die sich des Hofes begeben hatten. Vater und Sohn sahen sich an. In Sämunds Gesicht veränderte sich kein Zug; Thorbjörn wurde ganz blaß; schnell blickten beide wieder weg und geradeaus; dabei wurden sie die Solbakkener gewahr, die direkt vor ihnen Halt gemacht hatten, um Ingebjörg und Ingrid zu begrüßen. Die Ankunft der Wagen hatte ihr Gespräch abgeschnitten, sie verfolgten mit den Augen die Fahrenden, und es verging eine Weile, bis sie von ihnen ablassen konnten. Als sie allmählich die Überraschung verschmerzt hatten und nach einem Übergang suchten, stießen ihre Blicke auf Sämund und Thorbjörn, die dastanden und hinstarrten. Guttorm drehte sich um; aber seine Frau richtete sofort ihre Augen auf Thorbjörn; Synnöve, die fühlte, daß er sie ansah, wendete sich Ingrid zu und nahm sie bei der Hand, um sie zu begrüßen, obgleich sie es schon einmal getan hatte. Aber alle merkten zu gleicher Zeit, daß ihre Dienstboten und ihre Bekannten ohne Ausnahme sie beobachteten, und nun schritt Sämund direkt hinüber und gab Guttorm mit abgewandtem Gesicht die Hand: "Dank für das vorige Mal!"—"Dir selber Dank für das vorige Mal."—Ebenso sagte seine Frau: "Dank für das vorige Mal!"—"Dir selber Dank für das vorige Mal"; aber sie blickte gar nicht dabei auf. Thorbjörn ging seinem Vater nach und tat wie er; Sämund kam zu Synnöve; sie war die erste, die er ansah; sie sah auch ihn an, vergaß aber dabei zu sagen: "Dank für das vorige Mal"; nun kam Thorbjörn; er sagte nichts; sie sagte nichts; sie gaben sich die Hand; aber nur ganz lose; keins von beiden schlug die Augen auf, keins konnte den Fuß von der Stelle bewegen.—"Das wird sicher prächtiges Wetter heut", sagte Karen Solbakken und behielt rastlos die beiden im Auge. Sämund war der erste, der ihr antwortete: "Jawohl, der Wind treibt die Regenwolken weg."—"Das ist gut fürs Getreide, das noch draußen steht und trockenes Wetter braucht", sagte Ingrid Granliden und fing an mit den Fingern auf Sämunds Rock herumzubürsten, vermutlich, weil sie glaubte, daß er staubig sei.—"Unser Herrgott hat uns ein gutes Jahr beschert; aber ob alles richtig unter Dach kommt, das ist noch ungewiß", sagte Karen Solbakken wieder und sah beständig auf die beiden, die noch immer regungslos dastanden. "Das kommt auf die Zahl der Arbeitskräfte an", sagte Sämund und stellte sich vor sie hin, daß sie nicht dorthin sehen konnte, wohin sie gern wollte, "ich habe mir gedacht, wenn sich ein paar Höfe zusammentäten, würd' es besser gehen."—"Sie wollen aber vielleicht das trockene Wetter zu derselben Zeit ausnutzen", sagte Karen und trat einen Schritt zur Seite.—"Na ja," sagte Ingebjörg und stellte sich neben ihren Mann, so daß Karen gar nicht dorthin sehen konnte, wohin sie gern wollte; "aber auf manchen Feldern ist das Korn früher reif als auf anderen; Solbakken ist uns oft vierzehn Tage voraus."—"Da könnten wir einander ja gut aushelfen", sagte Guttorm langsam, und näherte sich einen Schritt. Karen warf ihm einen schnellen Blick zu.—"Es könnte jedoch auch vielerlei dazwischen kommen", fügte er hinzu.—"So ist es", sagte Karen und machte einen Schritt nach der einen, dann einen Schritt nach der anderen Seite, dann noch einen und endlich einen zurück.—"Ja, oft steht einem vielerlei im Wege", sagte Guttorm nicht ohne seinen Mund ein klein wenig zum Lachen zu verziehen.—"Wenn das so ist…", sagte Guttorm; aber seine Frau warf schnell dazwischen: "Menschenkraft reicht nicht weit; Gottes Kraft ist die größte, sollte ich glauben, und auf ihn kommt es an."—"Er wird wohl nichts besonderes einzuwenden haben, wenn wir uns in Solbakken und Granliden bei der Ernte helfen?" sagte Sämund. "Nein," versetzte Guttorm, "dagegen kann er nichts einwenden"; und er blickte ernst seine Frau an. Die suchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. "Heut ist lebhafter Kirchgang," sagte sie; "es tut einem wohl, die Menschen zu sehen, die zum Gotteshause streben." Keiner schien ihr antworten zu wollen,—da sprach Guttorm: "Ich glaube wohl, die Gottesfurcht nimmt zu; jetzt kommen mehr in die Kirche als in der Zeit, da ich jung war."—"Ja, ja,—das Volk vermehrt sich", sagte Sämund.—"Es sind wohl viele darunter—vielleicht der größte Teil,—die nur die Gewohnheit hertreibt", erwiderte Karen Solbakken.—"Vielleicht die jüngeren", sagte Ingebjörg; und Sämund darauf: "Die wollen sich wohl gern hier treffen."—"Habt Ihr gehört, daß sich der Pastor um eine andere Pfarre beworben hat?" sagte Karen und suchte dem Gespräch abermals eine Wendung zu geben. "Das wäre schlimm," versetzte Ingebjörg, "er hat alle meine Kinder getauft und auch konfirmiert."—"Nun soll er sie wohl auch noch erst trauen?" fragte Sämund und biß auf einen Span, den er gefunden hatte.—"Ich wundere mich,—der Gottesdienst muß doch bald anfangen", sagte Karen und sah nach der Kirchentür.—"Ja, hier draußen ist es heut heiß", antwortete Sämund.—"Komm, Synnöve, wir wollen jetzt hineingehen."—Synnöve fuhr zusammen; denn sie hatte gerade mit Thorbjörn gesprochen.—"Willst Du nicht warten, bis es läutet?" sagte Ingrid und schielte verstohlen nach Synnöve; "dann können wir alle zusammengehen", setzte sie zu. Synnöve wußte nicht, was sie antworten sollte. Sämund drehte sich um und sah sie an. "Wart's ab, dann läutet es bald—für Dich", sagte er. Synnöve wurde ganz rot; ihre Mutter sandte Sämund einen bösen Blick; aber der lächelte ihr zu: "Das wird so, wie unser Herrgott will; hast Du das nicht vorhin selbst gesagt?"—Und dann schlenderte er voraus, auf die Kirche zu; die anderen folgten ihm.
Vor der Kirchentür entstand ein Gedränge und bei näherer Untersuchung fand es sich, daß sie noch gar nicht offen war. Gerade als einige fortgingen, um nach dem Grund zu fragen, wurde sie aufgemacht, und die Menschen strömten hinein; aber etliche gingen wieder zurück, wodurch die Herankommenden voneinander getrennt wurden. Oben an der äußeren Wand der Kirche standen zwei Männer im Gespräch; der eine von ihnen,—groß und derb, mit blondem, aber struppigem Haar und einer Stumpfnase,—das war Knud Nordhoug; als er die Granlidener unweit vor sich sah, brach er das Gespräch ab; es wurde ihm etwas wunderlich zumut,—aber er blieb stehen. Sämund mußte gerade an ihm vorbei, und tat's nicht, ohne ihm einige Blicke zuzuwerfen; Knud schlug die Augen nicht nieder; aber sie flackerten doch etwas. Dann kam Synnöve; und sobald sie unerwartet Knud vor sich sah, wurde sie leichenblaß. Da schlug Knud die Augen nieder und trat von der Wand zurück, um fortzugehen. Er hatte kaum ein paar Schritte gemacht, da sah er vier Gesichter, deren Augen auf ihn gerichtet waren; Guttorm und seine Frau, Ingrid und Thorbjörn. Verwirrt wie er war, ging er direkt auf sie zu, so daß er bald wider Wissen und Willen fast Kopf an Kopf mit Thorbjörn stand; erst schien er sich beiseite drücken zu wollen; aber der Menschen wegen, die kamen und gingen, machte sich das nicht so leicht. Ihre Begegnung erfolgte gerade auf den Steinfließen vor dem Kircheneingang; oben auf der Schwelle der Vorhalle war Synnöve stehen geblieben; Sämund etwas hinter ihr; sie konnten von ihrem höheren Platz aus deutlich von allen draußen gesehen werden und alle sehen. Für Synnöve war alles andere versunken; sie starrte nur auf Thorbjörn; ebenso Sämund, seine Frau, das Ehepaar aus Solbakken und Ingrid. Das merkte und fühlte Thorbjörn; er stand wie festgenagelt; aber Knud dachte, daß er jetzt etwas tun müsse, und darum streckte er die eine Hand etwas vor, aber er sagte nichts. Auch Thorbjörn streckte eine Hand vor; aber nicht soweit, daß sich die Hände beider fassen konnten. "Dank für…" fing Knud an, besann sich jedoch schnell, daß dieser Gruß nicht recht hierher paßte, und trat einen Schritt zurück. Thorbjörn sah hoch, sein Blick traf Synnöve, die weiß wie Schnee war. Er tat einen tüchtigen Schritt vorwärts, ergriff kräftig Knuds Hand und sagte, sodaß es die Nächsten hören konnten: "Dank für das vorige Mal—das kann uns beiden eine gute Lehre gewesen sein."
Knud gab einen Laut, ungefähr wie einen Schluckser, von sich und versuchte zwei- oder dreimal etwas zu sagen; aber es gelang ihm nicht. Thorbjörn hatte nichts mehr zu sagen und wartete—er sah nicht auf; er wartete nur. So fiel kein Wort mehr zwischen beiden, doch wie Thorbjörn noch immer dastand und dabei sein Gesangbuch in den Händen herumdrehte, fiel es zur Erde. Sofort bückte sich Knud, hob es auf und reichte es ihm. "Ich danke Dir", sagte Thorbjörn, der sich gleichfalls gebückt hatte; er blickte auf, aber da Knud wieder zu Boden schaute, dachte Thorbjörn: das beste ist, ich gehe jetzt. Und dann ging er.
Die anderen gingen ebenfalls, und als sich Thorbjörn hingesetzt hatte und eine Weile darauf zu den Frauen hinübersah, traf sein Blick Ingebjörg, die ihm mütterlich zulächelte, und Karen Solbakken, die sicher darauf gewartet hatte, er möge hinübersehen; denn sobald er sie ansah, nickte sie ihm dreimal zu; und als ihn dies stutzig machte, nickte sie wieder dreimal, und noch freundlicher als zuvor.—Vater Sämund flüsterte ihm in das Ohr: "Das habe ich mir gleich gedacht." Das Einleitungsgebet war gesprochen, das erste Lied aus dem Gesangbuch gesungen, schon stellten sich die Konfirmanden auf, da erst flüsterte Sämund wieder: "Aber dem Knud wird's nicht leicht, gut zu sein; lasse es immer recht weit von Granliden nach Nordhoug bleiben."
Die Konfirmation begann; der Pastor trat hervor, und die Kinder stimmten das Einsegnungslied von Kingo an. Wenn nun dieser Kinderchor und nur dieser Kinderchor so voll Vertrauen und so hell singt, dann werden die älteren Leute sehr gerührt, und besonders diejenigen, die ihre eigene Konfirmation noch frischer im Gedächtnis haben. Wenn dann tiefe Stille eintritt, und der Pastor, seit mehr als zwanzig Jahren derselbe, der für jeden einzelnen immer eine schöne Stunde übrig gehabt hatte, da er ihn auf ein Höheres hingewiesen,—wenn dieser Pastor die Hände faltet und zu reden anhebt, dann wächst die Rührung in der Gemeinde. Und den Kindern kommen die Tränen, wenn er sich an die Eltern wendet und sie auffordert, für ihre Kinder zum lieben Gott zu beten. Thorbjörn, der vor kurzem dem Tode nahe gewesen und unlängst noch geglaubt hatte, er werde sein Lebenlang siech bleiben, weinte heftig, besonders als die Kinder ihr Gelübde ablegten, und alle in der tiefsten Überzeugung, daß sie es auch halten könnten. Er sah nicht ein einzigesmal zu den Frauen hinüber; aber nach dem Gottesdienst ging er zu Ingrid und flüsterte ihr etwas ins Ohr; dann ging er schnell durch das Gedränge hinaus. Einige wollten wissen, daß er über den Hügel dem Walde zu statt auf der Fahrstraße geschritten sei; aber sicher wußten sie es auch nicht. Sämund suchte ihn, gab es aber auf, als er entdeckte, daß Ingrid ebenfalls fort war; dann suchte er die Solbakkener; Guttorm und Karen liefen überall herum und fragten jeden nach Synnöve; aber zufällig hatte keiner sie gesehen. Da zogen sie nach Hause, jedes Ehepaar für sich, doch ohne ihre Kinder.
Doch weit vorn auf der Straße gingen Synnöve wie auch Ingrid. "Fast tut es mir leid, daß ich mitgekommen bin", sagte jene.—"Jetzt ist es nicht mehr so gefährlich; Vater weiß es ja", antwortete die andere.—"Aber er ist doch nicht mein Vater", sagte Synnöve. "Wer weiß?" entgegnete Ingrid—und dann sprachen sie nicht mehr darüber.—"Hier sollten wir ja warten", sagte Ingrid, als sie bei einer scharfen Wegkante an einen dichten Wald kamen.—"Er hat einen weiten Umweg zu machen", versetzte Synnöve.—"Er ist aber schon da", fügte Thorbjörn hinzu, der hinter einem großen Stein gestanden hatte und nun hervortrat.
Er hatte sich alles, was er sagen wollte, fix und fertig im Kopf zurecht gelegt, und er hatte nicht wenig zu sagen. Aber heut sollte es auch frisch heraus, weil sein Vater es wußte und damit einverstanden war; das glaubte Thorbjörn nach den Vorgängen heute bei und in der Kirche bestimmt annehmen zu können. Den ganzen Sommer hatte er sich nach einer Aussprache gesehnt, und da mußte er doch heute freier reden können als früher!
"Am besten gehen wir wohl auf dem Waldweg," sagte er, "da kommen wir rascher vorwärts." Die beiden Mädchen sagten nichts, aber folgten ihm. Eigentlich hatte er sofort mit Synnöve reden wollen; aber dann wollte er doch lieber bis jenseits des Hügels warten, und dann, bis sie den Sumpf hinter sich hatten; dort aber meinte er, sie müßten erst weiter in den Wald hineinkommen. Ingrid, die recht gut merkte, daß die entscheidenden Worte zwischen den beiden nicht flott in Fluß gerieten, verlangsamte ihre Schritte, und blieb mehr und mehr zurück, bis sie schließlich nicht mehr zu sehen war. Synnöve tat, als merke sie das nicht, bückte sich hier und da nach einer Beere am Wegsaum, und pflückte sie.
"Das müßte doch merkwürdig zugehen, wenn ich nicht mit der Sprache heraus könnte," dachte Thorbjörn, und so sagte er: "Schönes Wetter heute."—"Recht schönes Wetter", antwortete Synnöve. Sie schritten ein Stückchen weiter, sie suchte Beeren—und er, er ging daneben.—"Das war hübsch von Dir, daß Du mitgekommen bist", sagte er dann; sie entgegnete nichts.—"Wir haben einen sehr langen Sommer gehabt", fing er wieder an; aber darauf antwortete sie gar nichts.—Nein, solange wir gehen, dachte Thorbjörn, kommen wir nicht ordentlich zum Reden. "Wollen wir nicht auf Ingrid warten?" fragte er.—"Ja, das wollen wir", entgegnete Synnöve und blieb stehen. Hier gab es keine Beeren, und so konnte sie sich auch nicht danach bücken; das hatte Thorbjörn ganz gut gesehen; aber Synnöve pflückte einen langen Grashalm, und nun stand sie da und zog die Beeren auf dem Halm auf.
"Heute mußte ich immer an die Zeit denken, wie wir zusammen zur Konfirmation gegangen sind", sagte er. "Daran mußte ich auch immer denken", erwiderte sie.—"Seitdem ist eine Menge passiert"—und da sie still blieb, fuhr er fort: "aber meistens Geschichten, die wir nicht erwartet haben." Synnöve hatte viel mit Halm und Beeren zu tun und mußte den Kopf dabei senken; er trat einen Schritt vor sie hin, um ihr in das Gesicht zu sehen; doch als ob sie's merke, veränderte sie ihre Stellung so, daß er gezwungen wurde, sich wieder anders zu drehen. Da bekam er fast Angst, daß er seine Angelegenheit nicht vorwärts bringe. "Synnöve, Du hast mir doch etwas zu sagen?" Sie sah auf und lachte. "Was soll ich Dir zu sagen haben?" Er gewann seinen alten Mut wieder und wollte sie umfassen; aber als er ihr nahe kam, traute er sich nicht recht und fragte nur ganz geduckt: "Ingrid hat doch mit Dir geredet?"—"Ja", antwortete sie. "Dann mußt Du auch etwas wissen", sprach er weiter. Sie schwieg. "Dann mußt Du auch etwas wissen", wiederholte er, und trat noch einmal auf sie zu. "Du mußt wohl auch etwas wissen", entgegnete sie;—ihr Gesicht konnte er nicht sehen. "Ja", sagte er, und wollte ihre eine Hand fassen; aber sie war gerade zu sehr mit dem Halm beschäftigt. "Dumme Geschichte das," sagte er, "Du machst mich immer kleinmütig."—Weil er nicht bemerken konnte, daß sie darüber lächelte, wußte er nicht, wie er fortfahren sollte. "Kurz und gut," stieß er plötzlich mit starker, aber doch etwas unsicherer Stimme vor: "Was hast Du mit dem Zettel gemacht?" Sie antwortete nicht; wandte sich aber ab. Er folgte ihrer Bewegung, legte die eine Hand auf ihre Schulter und neigte sich ihr zu: "Antworte mir", flüsterte er.——"Ich hab' ihn verbrannt."——
Er nahm sie und drehte sie zu sich hin, aber als er sah, daß ihr die Tränen in die Augen traten, da blieb ihm nichts anderes übrig als sie loszulassen;—das ist doch ärgerlich, daß ihr die Tränen so locker sitzen, dachte er. Mit einem Mal sagte sie;—jedoch ganz leise: "Warum hast Du den Zettel geschrieben?"—"Das hat Ingrid Dir ja gesagt."—"Ja wohl; aber—sehr böse und hart war's von Dir."—"Vater hat's gewollt."—"Trotzdem—"—"Er hat geglaubt, ich würde mein ganzes Leben lang ein kranker Mensch bleiben; aber jetzt bin ich soweit, daß ich für Dich sorgen kann", sagte er.
Ingrid erschien unten am Hügel, und da machten sich die beiden wieder auf den Weg.
"Damals, als ich glaubte, ich könnte Dich nicht mehr kriegen, warst Du mir am nächsten", sprach er.—"Wenn man allein ist, geht man prüfend in sich", erwiderte sie.—"Ja, da zeigt sich's am besten, wer die größte Macht über uns hat", sagte Thorbjörn und schritt ernst neben ihr her.
Jetzt pflückte sie keine Beeren mehr. "Willst Du ein paar haben?" fragte sie und reichte ihm den Halm hin. "Danke", antwortete er und hielt ihre Hand fest. "Dann ist es wohl besser, es bleibt beim alten", brachte er mit etwas schwankender Stimme hervor.—"Ja", flüsterte sie unhörbar, und wandte den Kopf ab; nun gingen sie weiter, und solange sie schwieg, traute er sich nicht, sie zu berühren oder mit ihr zu sprechen; aber sein ganzer Körper wurde mit einemmal so leicht, so leicht—und beinahe wäre er hingepurzelt. Vor seinen Augen flimmerte und brannte es; und da Synnöve und er nun auf einen Hügel kamen, von dem sie Solbakken gut übersehen konnten, war es ihm, als sei er sein ganzes Leben dort drüben zu Hause gewesen, und habe Heimweh dahin gehabt. "Ich gehe gleich mit ihr hinüber," dachte er, schritt aus, und schöpfte sich aus dem Bilde, das sich ihm bot, immer neuen Mut, so daß sein Vorsatz sich mit jedem Schritt befestigte. "Vater hilft mir," dachte er; "ich ertrag's nicht länger", und er ging schnell und schneller, immer geradeaus. Kirchspiel und Hof lagen in hellem Licht. "Ja, heute! Nicht eine Stunde wart' ich länger," und er fühlte sich so stark, daß er im Augenblick nicht wußte, wie er das betätigen solle.
"Du reißt mir ja beinah aus," hörte er eine sanfte Stimme hinter sich rufen. Es war Synnöve; vergebens hatte sie versucht, ihm nachzukommen, und mußte es jetzt aufgeben. Er schämte sich recht, kehrte um, ging mit ausgestreckten Armen auf sie zu und dachte: jetzt will ich sie mal gleich hoch in die Luft schwenken; aber als er bei ihr war, ließ er es lieber bleiben. "Ich gehe zu schnell", sagte er. "Ja, viel zu schnell", antwortete sie.
Nun waren sie der Landstraße nahe; Ingrid, die in der ganzen Zeit unsichtbar geblieben, war auf einmal dicht hinter ihnen. "Nun dürft Ihr nicht länger zusammengehen", sagte sie. Das war Thorbjörn etwas zu früh, er erschrak; auch Synnöve wurde etwas beklommen. "Ich habe Dir noch so viel zu sagen", flüsterte er. Sie konnte ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. "Ja, ja," sagte er, "das nächste Mal"—und ergriff ihre Hand.
Mit klarem, vollem Blick sah sie zu ihm auf; ihm wurde ganz warm, und wieder schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: "Ich gehe gleich mit ihr." Da zog sie behutsam ihre Hand zurück, wandte sich ruhig zu Ingrid, sagte ihr Lebewohl und schritt langsam zur Straße hin. Und er, er blieb, wo er war.
Die Geschwister gingen durch den Wald nach Hause. "Habt Ihr Euch ausgesprochen?" fragte Ingrid.—"Nein, der Weg war zu kurz", antwortete er; aber ging so schnell, als ob er nichts mehr hören wolle.
"Na?" sagte Sämund und sah vom Mittagessen auf, als die Geschwister in die Stube traten. Thorbjörn antwortete nicht; er ging zu der Bank der gegenüberliegenden Wand, vermutlich, um seinen Rock auszuziehen; Ingrid ging ihm nach und kicherte. Sämund fing wieder an zu essen, blickte dann und wann auf Thorbjörn, tat dabei, als sei er mit dem Essen sehr beschäftigt, lachte leise vor sich hin und aß weiter. "Komm her und iß," rief er, "sonst wird das Essen kalt."—"Danke, ich habe keinen Hunger", antwortete Thorbjörn und setzte sich. "So?"—und Sämund aß. Nach einem Weilchen sagte er: "Ihr wart ja heut mit einemmal aus der Kirche."—"Wir hatten mit jemand zu reden", erwiderte Thorbjörn und hockte mit krummem Buckel.—"Na, habt Ihr denn mit ihm geredet?"—"Das weiß ich fast selber nicht", versetzte Thorbjörn.—"Den Teufel auch", brummte Sämund und aß. Es dauerte nicht lange mehr, da war er fertig und stand auf; er ging zum Fenster, blieb stehen und sah hinaus; bald darauf drehte er sich um: "Du, komm, wir wollen ein bißchen aus und uns die Felder besehen." Thorbjörn stand auf. "Nein, zieh Dir erst den Rock an." Thorbjörn, der in Hemdsärmeln dagesessen hatte, nahm einen alten Arbeitsrock, der hinter ihm hing.—"Siehst Du nicht, daß ich den guten anhabe?" rief Sämund. Nun zog Thorbjörn auch seinen Sonntagsrock an. Dann gingen sie fort; Sämund voran, Thorbjörn hinterher.
Sie nahmen die Richtung der Fahrstraße. "Wollen wir nicht zur Gerste?" fragte Thorbjörn. "Nein, zum Weizen", antwortete Sämund. Gerade als sie auf die Straße kamen, fuhr ein Wagen langsam auf sie zu. "Der Wagen ist aus Nordhoug", sagte Sämund.—"Das Jungvolk von Nordhoug sitzt drin", fügte Thorbjörn hinzu; Jungvolk bedeutet nämlich das junge Paar.
Der Wagen hielt, als die Granlidener herankamen. "Wirklich ein Staat von Frauenzimmer ist die Marit Nordhoug", flüsterte Sämund, und wandte kein Auge von ihr; sie saß etwas zurückgelehnt im Wagen und hatte ein Tuch lose um den Kopf, ein andres um den Nacken und die Brust geschlungen; sie blickte steif vor sich hin und auf die beiden Fußgänger. Der Mann sah sehr blaß und mager und noch sanfter als früher aus, etwa wie einer, der Kummer hat und sich ihn nicht vom Herzen reden kann.
"Ihr seid wohl aus, um nach dem Korn zu sehen?" fragte er.—"Das will ich meinen", antwortete Sämund.—"Gut steht's dies Jahr."—"Hat schon schlechter gestanden."—"Ihr kommt heute spät zurück", sagte Thorbjörn.—"Hatte zu vielen Adieu zu sagen."—"Was?—willst Du denn verreisen?" fragte Sämund.—"Ja, das will ich, ja."—"Weit?"—"Ach, ja."—"Wie weit denn?"—"Nach Amerika."—"Nach Amerika?" riefen die beiden Granlidener auf einmal. "Ein Mann, der sich eben erst verheiratet hat!" setzte Sämund hinzu. Der Mann lächelte. "Ich glaube, ich bleibe von wegen meinem Fuß hier, sprach der Fuchs, da saß er im Eisen fest." Marit sah ihn und darauf die anderen an; eine leichte Röte flog über ihr Gesicht; aber kein Zug veränderte sich.—"Die Frau geht wohl mit?" fragte Sämund.—"Nein, das tut sie nicht."—"In Amerika soll man's leicht zu was bringen", sagte Thorbjörn,—er hatte die Empfindung, das Gespräch dürfe nicht stocken.—"Na, ja", sagte der Mann.—"Aber Nordhoug hat doch guten Boden und ist groß", versetzte Sämund.—"Es sind zu viele drauf", antwortete der Mann; seine Frau sah ihn wieder an. "Der eine steht dem andern im Wege", fügte er hinzu.
"Glückliche Reise!" sagte Sämund und gab ihm die Hand. "Gott lasse Dich finden, was Du suchst."
Thorbjörn blickte seinem Schulkameraden lange und fest in die Augen: "Ich möchte später noch mit Dir reden", sagte er.—"Es tut einem gut, wenn man mit jemand reden kann", antwortete der Mann und schrapte mit dem Peitschenstiel auf dem Boden des Wagens.
"Komm doch mal zu uns", sagte Marit; und Thorbjörn und Sämund sahen fast verdutzt die Frau an; es war ihnen immer wieder etwas Neues, daß sie eine so sanfte Stimme hatte.
Das Paar fuhr weiter; langsam rollte der Wagen dahin; eine kleine Staubwolke umkreiste ihn, die Abendsonne senkte ihre Strahlen gerade auf ihn herunter; vom dunklen Friesrock des Mannes hoben sich flimmernd und schimmernd die seidenen Tücher der Frau ab;—ein Hügel kam; der Wagen verschwand.
——Lange schritten Vater und Sohn nebeneinander her, bis einer ein Wort sprach. "Ich glaube, ich irre mich nicht; es wird lange dauern, bis der wiederkommt", meinte Thorbjörn, und Sämund antwortete: "Ist auch das beste, wenn einer sein Glück nicht im Lande gefunden hat."—Und sie schritten wieder stumm weiter. "Du gehst ja am Weizen vorbei", rief Thorbjörn. "Den besehen wir uns auf dem Rückweg";—und sie schritten weiter. Thorbjörn mochte nicht recht fragen wohin; denn die Granlidener Feldmark ließen sie hinter sich.
Neuntes Kapitel
Als Synnöve rot im Gesicht und atemlos eintrat, waren Guttorm und Karen Solbakken schon mit dem Essen fertig. "Aber liebes Kind, wo bist Du denn gewesen?" fragte die Mutter.—"Ich bin mit Ingrid etwas zurückgeblieben", antwortete Synnöve, und knüpfte sich gemach ein paar Tücher ab; der Vater suchte im Schrank nach einem Buch. "Was habt Ihr denn solange zu reden gehabt?"—"Ach, nichts besonderes."—"Dann war' es besser gewesen, Du hättest auf dem Kirchgang keinen Umweg gemacht."—Sie stand auf und stellte der Tochter zu essen hin. Nachdem Synnöve sich an den Tisch gesetzt hatte, fragte die Mutter, die ihren Platz ihr gegenüber wieder eingenommen hatte: "Hast Du vielleicht noch mit andern geredet?"—"Ja, noch mit manchem", antwortete Synnöve.—"Das Kind muß doch mit Leuten reden", sagte Guttorm. "Gewiß muß sie das," versetzte die Mutter etwas sanfter; "aber sie hätte doch mit ihren Eltern gehen können."—Darauf bekam sie keine Antwort.
"Das war ein herrlicher Kirchgang heut," fing sie wieder an, "die Jugend in der Kirche tut einem gut."—"Man denkt an seine eignen Kinder", setzte Guttorm hinzu.—"Da hast Du recht," sagte die Mutter, und seufzte; "keiner weiß, wie es ihnen mal gehen wird." Guttorm sprach lange kein Wort. "Wir haben Gott herzlich dafür zu danken," sagte er endlich, "daß er uns eines gelassen hat." Die Mutter wischte mit den Fingern über den Tisch und blickte nicht auf; "sie ist doch unsere größte Freude", sprach sie leise; "sie ist auch nicht aus der Art geschlagen", fügte sie noch leiser hinzu. Es entstand eine lange Pause. "Ja, sie hat uns immer große Freude gemacht," sagte Guttorm, und etwas später mit weicher Stimme: "Gott schenke ihr Glück!"—Die Mutter wischte mit den Fingern über den Tisch; eine Träne fiel darauf, und sie wischte sie weg.—"Warum ißt Du denn nicht?" fragte Guttorm, als er nach einem Weilchen aufblickte.—"Danke, ich bin satt", antwortete Synnöve. "Aber Du hast ja noch gar nichts gegessen," sagte nun auch die Mutter, "und Du hast einen so weiten Weg gemacht."—"Ich kann nicht", entgegnete Synnöve und zupfte eifrig am Zipfel ihres Brusttuchs.—"Iß, mein Kind", wiederholte der Vater.—"Ich kann nicht", sagte Synnöve abermals und fing zu weinen an.—"Aber, liebes Kind, warum weinst Du denn?"—"Ich weiß nicht", und sie schluchzte. "Sie weint so leicht", sagte die Mutter, der Vater stand auf und ging an das Fenster. "Dort kommen zwei Männer auf den Hof zu", sagte er. "Was? jetzt am späten Nachmittag?" fragte die Mutter und ging auch an das Fenster. Sie sahen lange hinaus. "Wer kann denn das bloß sein?" sprach sie, aber nicht gerade, als ob sie fragen wollte. "Ich weiß nicht", versetzte Guttorm, und sie sahen und sahen. "Das verstehe ich nicht recht", sagte sie.—"Ich auch nicht", sagte er.—"Aber sie müssen es doch sein", sagte sie endlich. "Allerdings", bekräftigte Guttorm. Die Männer kamen näher und näher; der ältere blieb stehen und blickte zurück; der jüngere gleichfalls; dann schritten sie weiter.
"Verstehst Du, was sie wollen?" fing Karen wieder an, in demselben Ton wie vorhin. "Nein, das versteh' ich nicht", versetzte Guttorm. Die Mutter drehte sich um, ging zum Tisch, nahm das Geschirr ab und räumte etwas auf. "Du mußt Deine Tücher wieder umbinden," sprach sie zu Synnöve; "es kommt Besuch."
Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, da öffnete Sämund die Tür und trat ein; Thorbjörn hinter ihm. "Gesegnete Mahlzeit", sagte Sämund, blieb einen Augenblick an der Tür stehen und trat dann langsam ein, um jeden einzelnen zu begrüßen; Thorbjörn folgte. Sie kamen zuletzt zu Synnöve, die noch in einer Ecke mit dem Tuch in der Hand stand, nicht wußte, ob sie es umbinden sollte, ja, kaum wußte, ob sie es in der Hand hielt. "Nehmt Platz, wo Ihr wollt", sagte die Frau. "Danke, der Weg hier herüber ist nicht weit gewesen", antwortete Sämund, setzte sich aber doch; Thorbjörn neben ihn. "Ihr wart ja heut nach der Kirche mit einemmal fort", sagte Karen. "Wir haben Euch gesucht", antwortete Sämund. "Heut waren viele Menschen da", sagte Guttorm. "Sehr viele Menschen," wiederholte Sämund, "es war ein schöner Kirchtag."—"Ja, wir haben eben davon gesprochen", sagte Karen.—"Es ist einem bei solcher Konfirmation so wunderlich zumute, wenn man selber Kinder hat", fügte Guttorm hinzu. Seine Frau rückte auf der Bank etwas ab. "Ja, freilich," sagte Sämund, "da denkt man ernstlich über sie nach,—und deshalb habe ich mich hierher auf den Weg gemacht", sprach er weiter, sah sich fest und sicher um, nahm den Kautabak aus dem Mund, schob ein anderes Stück hinein, und legte das alte behutsam in eine Messingdose. Guttorm, Karen und Thorbjörn sahen unruhig hierhin und dorthin.—"Ich dachte mir, ich müßte mit Thorbjörn mal hergehen," begann Sämund langsam; "allein hätte er es wohl sobald nicht fertig gekriegt und hätte sich auch allein nicht gut Bescheid holen können", dabei blinzelte er zu Synnöve hinüber, die das merkte. "Die Sache liegt nun so, daß er seinen Sinn auf sie gerichtet hat, auf sie, die Synnöve, seit der Zeit, da er Verstand genug für so etwas hatte; und es liegt wohl ebenfalls einigermaßen so, daß sie auch ihren Sinn auf ihn gerichtet hat. Und da meine ich, ist es das beste, wenn die beiden für immer zusammenkommen. Damals, als ich sah, daß er sich selber nicht im Zaum halten konnte, geschweige denn andere, da war ich wenig dafür. Aber jetzt glaube ich, ich kann für ihn bürgen; und kann ich's nicht, so kann sie's; denn sie hat die größte Macht über ihn.—Was meint Ihr also dazu? Wollen wir sie zusammentun? Das hat ja weiter keine große Eile, aber ich weiß auch nicht, warum wir noch damit warten wollen. Du, Guttorm, bist ein Mann mit Vermögen; meins ist kleiner und geht mal später in mehrere Teile; aber ich denke, die Sache läßt sich doch machen. Jetzt sagt also Eure Meinung frei heraus; das Mädchen frage ich zuletzt, denn ich glaube, ich weiß, was sie will!"
Also sprach Sämund. Guttorm saß krumm auf der Bank, legte abwechselnd eine Hand über die andere und machte mehrmals Miene, sich aufzurichten, indem er jedesmal stärker Atem holte; aber erst nach dem vierten- und fünftenmal bekam er den Rücken gerade, strich mit der Hand über das Knie, und sah seine Frau an, streifte aber gleichzeitig Synnöve mit den Blicken. Karen saß am Tisch und wischte mit den Fingern darüber hin. "Nun ja—das ist ein schöner Antrag", sagte sie. "Ja, ich meine, wir sollen ihn mit Dank annehmen", sagte Guttorm laut, und seiner Stimme war eine beträchtliche Erleichterung anzuhören; dann sah er von seiner Frau fort und auf Sämund, der die Arme gekreuzt und den Rücken an die Wand gelehnt hatte. "Wir haben nur die eine Tochter," sagte Karen, "wir müssen's uns erst überlegen."—"Dem steht weiter nichts im Wege," erwiderte Sämund, "aber ich weiß nicht, warum Ihr nicht gleich antworten könnt, brummte der Bär, als er den Bauern gefragt hatte, ob er nicht seine Kuh kriegen könne."—"Gewiß können wir gleich antworten", versetzte Guttorm und sah seine Frau an. "Thorbjörn kann aber manchmal so wild sein", sagte sie, blickte jedoch nicht auf. "Das hat sich gebessert," erwiderte Guttorm; "Du weißt, was Du heut selber gesagt hast!"——Das Ehepaar sah sich abwechselnd an; das dauerte eine volle Minute. "Könnten wir uns auf ihn verlassen", sagte die Frau. "Ja," ergriff nun Sämund wieder das Wort, "was das betrifft, kann ich nur sagen, was ich vorhin gesagt habe; mit der Fahrt geht's gut, wenn sie die Zügel hält. Sie hat eine Macht über ihn, wie man sich's kaum vorstellen kann. Das ist mir damals klar geworden, als er zu Hause bei mir krank lag und noch nicht wußte, was mit ihm würde, ob er wieder aufkomme oder nicht."—"Du mußt nicht so hartnäckig sein," sagte Guttorm, "Du weißt doch, was sie selber will, und wir leben doch nur für sie." Da blickte Synnöve zum erstenmal auf und sah ihren Vater groß und dankbar an. "Ach ja," begann Karen, nachdem es eine Weile still gewesen, und wischte mit den Fingern über den Tisch; "wenn ich solange dagegen war, dann habe ich's nicht schlecht gemeint.—Ich war wohl nicht so hart, wie sich's anhörte"; sie blickte auf und lachte; aber es wollten ihr Tränen kommen. Da stand Guttorm auf. "So ist denn in Gottes Namen das eingetroffen, was ich am meisten auf der Welt gewünscht habe", sagte er und ging auf Synnöve zu. "Ich habe gar keine Angst deswegen gehabt," sagte Sämund und stand ebenfalls auf; "was zusammen soll, das kommt zusammen." Und er ging auf Synnöve zu. "Na, was meinst Du dazu, mein Kind?" sagte die Mutter, und ging nun auch auf Synnöve zu.
Die saß immer noch da; alle umstanden sie mit Ausnahme von Thorbjörn, der dort saß, wo er sich zuerst hingesetzt hatte. "Du mußt aufstehen, mein Kind", flüsterte die Mutter ihr zu; sie stand auf und lächelte, wandte sich ab und weinte.—"Unser Herrgott sei Dein Geleit jetzt wie alle Zeit", sagte die Mutter, umarmte sie und weinte mit ihr zusammen. Die beiden Männer traten zurück; jeder ging zu seinem alten Platz.
"Du mußt zu ihm hingehen", sagte die Mutter immer noch unter Tränen, ließ sie los und schob sie sanft vorwärts. Synnöve tat einen Schritt; aber blieb stehen, weil sie nicht weiter konnte; Thorbjörn sprang auf, ging auf sie zu, ergriff ihre Hand, wußte nicht, wie er sich benehmen sollte, und blieb Hand in Hand mit ihr stehen, bis sie ihre sacht zurückzog. Dann standen sie schweigend nebeneinander.
Lautlos öffnete sich die Tür, und ein Kopf erschien im Rahmen. "Ist Synnöve hier?" fragte jemand bedächtig. Es war Ingrid Granliden. "Jawohl, hier ist sie, komm nur herein", antwortete ihr Vater. Ingrid zauderte. "Komm nur; hier steht alles ganz gut", fügte er hinzu. Alle sahen sie an. Sie schien etwas verlegen; "ich bin aber nicht allein hier", sagte sie. "Wer ist denn noch da?" fragte Guttorm. "Mutter!" erwiderte sie leise. "Immer herein mit ihr!" riefen alle vier in der Stube auf einmal. Und die Hausfrau ging ihr entgegen, während die anderen sich freudestrahlend ansahen.—"Komm nur, Mutter, Du kannst gern herein", hörten sie Ingrid sagen.—Und herein kam Ingebjörg mit ihrer weißen Haube. "Ich hab's wohl gemerkt," sagte sie, "wenn Sämund seinen Mund auch nicht auftun kann; und da hielten die Ingrid und ich es nicht länger aus—wir mußten her."—"Und hier stehen die Dinge so, wie Du's wünschst", sagte Sämund und machte Platz, damit sie besser herankönne.—"Gott segne Dich, mein Kind, dafür, daß Du ihn an Dich geknüpft hast," sprach sie zu Synnöve, und umarmte und streichelte sie; "Du hast solange, solange fest zu ihm gehalten, und jetzt ist alles gekommen, wie Du es gewollt hast." Und sie streichelte ihr die Backen und das Haar, und über ihr eigenes Gesicht rannen Tränen, aber sie beachtete sie nicht; sie trocknete nur Synnöve die Tränen ab. "Ja, er ist ein lieber, ein tüchtiger Junge," sagte sie, "und jetzt bin ich auch seinetwegen ganz sicher"; und sie zog die neue Tochter inniger in ihre Arme. "Mutter weiß mehr in ihrer Küche," sagte Sämund, "als wir, die in der Sache drinstehen."
Die Tränen und die Rührung ließen allmählich nach; die Hausfrau begann an das Abendessen zu denken, und forderte Ingridchen auf, ihr zu helfen, "denn Synnöve ist heute abend zu nichts zu gebrauchen." Und so gingen die beiden an die Arbeit und kochten Rahmgrütze. Die Männer gerieten in ein Gespräch über die Ernte und dergleichen. Thorbjörn hatte sich an das Fenster gesetzt; Synnöve schlich zu ihm hin und legte die Hand auf seine Schulter. "Wonach siehst Du?" fragte sie.
Da wendete er ihr seinen Kopf zu, sah sie lange und mit sanfter Zärtlichkeit an, dann blickte er wieder hinaus: "Ich sehe nach Granliden hinüber," sagte er, "es ist so wunderlich, Granliden von hier aus zu sehen."
* * * * *
ARNE
Erstes Kapitel
Dort unten zwischen zwei Felsen war eine tiefe Schlucht; durch diese Schlucht wand sich schwerfällig über Geröll und Steine ein wasserreicher Fluß. Hoch und steil stieg es zu beiden Seiten an, und die eine Felswand war ganz nackt; unten aber, so nahe am Fluß, daß im Frühling und im Herbst das Wasser ihn benetzte, drängte sich ein prächtiger Wald zusammen, schaute in die Höhe und schaute vor sich und konnte weder hierhin, noch dahin.
"Wie wär's, wenn wir den Felsen bekleideten?" sagte eines Tages der Wacholder zu einer fremdländischen Eiche, der er näher stand als allen andern. Die Eiche blickte nach unten, um dahinterzukommen, wer da eigentlich spreche; dann sah sie wieder empor und schwieg. Der Fluß ging so schwer, daß er schäumte; der Nordwind fegte durch die Schlucht und heulte in den Klüften; der nackte Felsen neigte sich schwer nach vorn und fror;—"wie wär's, wenn wir den Felsen bekleideten?" sagte der Wacholder zu der Fichte an seiner andern Seite. "Wenn einer es tun soll, müßten wir es wohl sein", sagte die Fichte; sie faßte sich in den Bart und sah zu der Birke hinüber; "was meinst Du dazu?"—Die Birke aber lugte bedächtig zu dem Felsen empor; so schwer neigte er sich über sie, daß sie kaum atmen zu können meinte; "wir wollen uns in Gottes Namen ans Werk machen", sagte die Birke, und wenn sie auch nicht mehr als drei waren, so übernahmen sie doch die Aufgabe, den Felsen zu bekleiden. Der Wacholder ging voran.
Als sie ein Stück gegangen waren, begegneten sie dem Heidekraut. Der Wacholder wollte gerade dran vorbei. "Nein, laß das Heidekraut mitgehen", sagte die Fichte. Und das Heidekraut voran. Bald fing der Wacholder an abzurutschen. "Halt Dich an mir fest", sagte das Heidekraut. Das tat der Wacholder, und wo nur ein winziger Riß war, steckte das Heidekraut den Finger hinein, und wo es erst den Finger fest hatte, bekam der Wacholder die ganze Hand hinein. So krochen und krabbelten sie hinan, die Fichte mühselig hinterher, und die Birke auch. "Es ist ein herrliches Werk", sagte die Birke.
Der Felsen aber begann zu überlegen, was das wohl für Kruppzeug sein mochte, das an ihm in die Höhe kletterte. Und als er ein paar hundert Jahre darüber nachgedacht hatte, schickte er einen kleinen Bach hinunter, der es sich ansehen sollte. Es war noch im Vorfrühling und der Bach noch schmal, als er an das Heidekraut kam. "Liebes gutes Heidekraut, willst Du mich nicht durchlassen; ich bin so klein", sagte der Bach. Das Heidekraut hatte es sehr eilig, hob sich nur ein bißchen und arbeitete weiter. Der Bach drunter durch und vorwärts. "Lieber guter Wacholder, willst Du mich nicht durchlassen? Ich bin so klein." Der Wacholder sah ihn scharf an, aber wenn das Heidekraut ihn durchgelassen hatte, konnte er es ja auch tun. Der Bach drunter durch und vorwärts; er kam jetzt an die Stelle, wo die Fichte schnaufend die Höhe hinanstieg. "Liebe gute Fichte, willst Du mich nicht durchlassen? Ich bin so klein", sagte der Bach, küßte der Fichte die Füße und schmeichelte sich bei ihr ein. Da wurde die Fichte verlegen und ließ ihn durch. Die Birke aber machte Platz, noch ehe der Bach etwas sagte. "Hihihi", kicherte der Bach und schwoll an. "Hahaha", lachte der Bach und schwoll noch mehr an. "Hohoho", brüllte der Bach und warf Heidekraut und Wacholder und Fichte und Birke auf die Nase und trug sie auf seinem Rücken durch die hohen Berge. Der Felsen stand viel hundert Jahre und dachte nach, ob er an diesem Tage wohl gelächelt hatte.
Es war klar: der Felsen wollte nicht bekleidet sein. Das Heidekraut ärgerte sich so, daß es ganz grün wurde, und dann zog es von dannen. "Nur guten Mut!" sagte das Heidekraut.
Der Wacholder kauerte an der Erde und sah auf das Heidekraut; und er kauerte so lange da, bis er ganz aufrecht saß. Er kraute sich die Haare, machte sich auf den Weg und biß sich so fest, daß er meinte, der Felsen müsse es fühlen. "Willst Du mich nicht, so will ich Dich." Die Fichte krümmte ihre Zehen, um zu fühlen, ob sie wohl heil seien, dann hob sie den einen Fuß hoch, der war heil, besah dann den andern, der war auch heil, dann alle beide. Sie untersuchte erst, wo sie gegangen war, dann wo sie gelegen hatte, und schließlich wo sie jetzt gehen mußte. Dann schlenderte sie los und tat, als wäre sie ihr Lebtag nicht gefallen. Die Birke hatte sich gräßlich schmutzig gemacht; sie stand jetzt auf und putzte sich. Und dann ging's weiter, schneller und schneller, vorwärts und seitwärts, in Sonnenschein und Regenwetter. "Was ist denn da nur los?" sagte der Felsen, wenn die Sommersonne ihn beschien, wenn der Tau glitzerte und die Vögel sangen, wenn die Waldmaus piepte und der Hase sprang und das Wiesel sich kreischend versteckte.
Dann kam der Tag, da das Heidekraut mit einem Auge über den Bergrand sehen konnte. "Aber nein, nein, nein!" sagte das Heidekraut,—und weg war es. "Meine Güte, was mag das Heidekraut bloß sehen?" sagte der Wacholder und kam so weit heran, daß er hinüberschauen konnte. "Aber nein, nein!" rief er und war weg. "Was hat denn der Wacholder heute?" sagte die Fichte und machte ganz lange Schritte in der Sonnenhitze. Bald konnte sie sich denn auch auf die Zehen stellen und hinüberlugen. "Nein, so was!" Zweige und Nadeln sträubten sich ihr vor Verwunderung. Sie kletterte weiter, kam oben an und weg war sie. "Was mögen all die andern da sehen, bloß ich nicht?" sagte die Birke, hob ihr Kleid sorglich hoch und trippelte hinterher. Sie tauchte gleich mit dem ganzen Kopf über dem Bergrand auf. "A—a—ah!—da steht ja wohl ein ganzer Wald von Fichten und Heidekraut und Wacholder und Birken oben auf der Höhe und wartet auf uns", sagte die Birke, und ihre Blätter zitterten im Sonnenschein, daß der Tau sprühte. "Ja, so geht's, wenn man ans Ziel kommt", sagte der Wacholder.
Zweites Kapitel
Oben in Kampen wurde Arne geboren. Seine Mutter hieß Margit und war das einzige Kind auf dem Pachthof Kampen. In ihrem achtzehnten Jahr blieb sie einmal auf einem Tanz zurück; ihre Begleiter waren schon fort, und da dachte Margit, der Nachhauseweg würde nicht länger werden, wenn sie noch einen Tanz abwarte. Und so geschah es, daß Margit so lange dablieb, bis der Spielmann, Schneider Nils, plötzlich die Geige weglegte, wie er immer tat, wenn er betrunken war, die andern trällern ließ, sich das schönste Mädel holte, die Füße so sicher aufsetzte wie die Takte in einem Lied, und mit dem Stiefelabsatz dem Längsten, der da war, den Hut vom Kopf herunterholte.—"Ho!" schrie er dabei.—
Als Margit an diesem Abend nach Hause ging, spielte der Mond so wunderbar schön auf dem Schnee. Als sie in die Kammer kam, wo sie schlief, mußte sie noch einmal aus dem Fenster sehen. Sie zog das Mieder aus und blieb noch eine Weile so stehen. Da merkte sie, daß sie fror, zog sich schnell aus und kroch tief unter ihre Felldecke. In dieser Nacht träumte Margit von einer großen roten Kuh, die sich auf ihr Feld verlaufen hatte. Sie sollte sie hinausjagen, aber wie sie sich auch abmühte, sie konnte nicht vom Fleck kommen. Die Kuh stand ganz ruhig da und fraß so lange, bis sie satt und rund war, und inzwischen schaute sie immer einmal aus großen, schweren Augen zu ihr hin.
Als das nächste Mal wieder Tanz im Dorf war, war auch Margit wieder da. Sie mochte den Abend nicht tanzen; sie saß also und lauschte dem Spiel, und es schien ihr ganz merkwürdig, daß auch die andern nicht mehr Lust dazu hatten. Aber als es später wurde, stand der Spielmann auf, um zu tanzen. Er ging plötzlich geradenwegs auf Margit Kampen zu. Sie wußte kaum, wie ihr geschah, aber sie tanzte mit Schneider Nils.
Bald wurde das Wetter wärmer, und man tanzte nicht mehr. In diesem Frühjahr nahm Margit sich so sehr eines kleinen Lammes an, das ihnen krank geworden war, daß die Mutter es beinahe übertrieben fand. "Es ist doch bloß ein Lamm", sagte die Mutter. "Ja, aber es ist krank", sagte Margit.
Sie war lange nicht in der Kirche gewesen; sie gönne es lieber der Mutter, sagte sie, und einer müsse doch zu Hause bleiben. Eines Sonntags im Sommer, als das Wetter so schön war, daß das Heu sehr gut einen Tag draußen bleiben konnte, sagte die Mutter, jetzt könnten sie ruhig beide gehen. Margit konnte nicht viel darauf sagen und zog sich an, aber als sie so weit kamen, daß sie die Kirchenglocken hören konnten, fing sie zu weinen an. Die Mutter wurde leichenblaß; sie gingen weiter, die Mutter voran, sie hinterher, hörten die Predigt, sangen die Choräle bis zu Ende mit, hörten das Gebet mit an und ließen es ausläuten, bis sie gingen. Aber als sie wieder zu Hause waren, nahm die Mutter Margits Kopf zwischen beide Hände und sagte: "Verbirg mir nichts, mein Kind!"
Wieder kam der Winter, und Margit tanzte nicht. Aber Schneider Nils spielte auf, trank mehr als je und schwenkte immer zum Schluß das schönste Mädel in der Runde. Es wurde als Tatsache erzählt, daß er kriegen könne, welche er wolle von den stattlichsten Bauerntöchtern im Kirchspiel; einige fügten hinzu, Eli Böen habe selbst den Freiwerber für ihre Tochter Birgit gemacht, die sich in Liebe zu ihm verzehrte.
Eben zu dieser Zeit war's, als die Hausmannstochter von Kampen ein Kind über die Taufe hob; es bekam den Namen Arne, Schneider Nils aber sollte der Vater sein.
Am Abend dieses selben Tages war Nils auf einer großen Hochzeit; da trank er sich voll. Er weigerte sich, zu spielen, und tanzte immerzu und litt beinahe keinen andern auf dem Tanzboden. Als er aber zu Birgit Böen trat und sie aufforderte, schlug sie es ihm ab. Er lachte kurz auf, drehte sich auf dem Absatz herum und bekam die erste beste zu packen. Sie sträubte sich. Er blickte zu ihr hinunter; es war eine kleine Dunkle, die lange dagesessen und zu ihm hingeglotzt hatte und jetzt ganz blaß war. Er bog sich ein wenig zu ihr hinunter und flüsterte: "Magst Du mit mir nicht tanzen, Karen?" Sie antwortete nicht. Er fragte noch einmal. Da antwortete sie ebenso leise, wie er fragte: "Der Tanz könnte weiter gehen, als mir lieb wäre."—Er trat langsam von ihr zurück, aber als er mitten im Saal stand, machte er einen Luftsprung und tanzte allein den Halling. Keiner außer ihm tanzte; alle standen schweigend da und sahen zu.
Dann ging er hinaus auf die Scheunendiele, warf sich auf die Erde und weinte.
Margit saß mit ihrem kleinen Jungen zu Hause. Sie hörte von Nils, er jage von Tanz zu Tanz, schaute den Jungen an und weinte, schaute ihn wieder an und war froh. Das erste, was sie dem Knaben beibrachte, war Papa zu sagen; aber das sagte sie nur, wenn die Mutter, oder vielmehr die Großmutter, wie sie fortan hieß, nicht in der Nähe war. Die Folge davon war, daß das Kind zu seiner Großmutter Papa sagte. Es kostete Margit viel Mühe, ihm das wieder abzugewöhnen, und sie trug hierdurch dazu bei, frühzeitig sein Begriffsvermögen zu bilden. Er war noch ziemlich klein, als er schon wußte, daß Schneider Nils sein Vater sei,—und als er in das Alter kam, wo alles Abenteuerliche einen Reiz hat, erfuhr er auch, was für ein Kerl Schneider Nils eigentlich sei. Die Großmutter hatte streng verboten, auch nur seinen Namen zu nennen; ihr Hauptehrgeiz war, aus Kampen einen Bauernhof zu machen, damit die Tochter und der Junge keine Sorgen hätten. Sie nutzte die bedrängte Lage des Besitzers aus, erwarb die Wirtschaft, bezahlte jedes Jahr ab und stand der Arbeit wie ein Mann vor, war sie doch seit vierzehn Jahren Witwe. Kampen war ein großer Hof und wurde noch immer erweitert, so daß er jetzt schon vier Kühe und sechzehn Schafe ernährte und halben Anteil an einem Pferd hatte.
Schneider Nils trieb sich unterdes in der Gegend herum; seine Einnahmen hatten abgenommen, teils weil er weniger darauf ausging, teils auch, weil er nicht mehr so war wie früher. Er legte sich immer mehr aufs Geigenspiel, und die Gelage und damit die Schlägereien und schlimmen Tage wurden häufiger. Es gab Leute, die ihn klagen gehört haben wollten.
Arne war vielleicht sechs Jahr alt, als er eines Tags im Winter im Bett herumrutschte; die Bettdecke war das Segel, und er steuerte mit einer großen Kelle. Die Großmutter saß in der Stube und spann, hatte so ihre Gedanken und nickte manchmal vor sich hin, als stünde das fest, was sie dachte. Da merkte der Junge, daß er unbeobachtet war, und da sang er die Weise vom Schneider Nils, so wie er sie gelernt hatte, in ihrer ganzen Roheit und Wildheit:
So du nicht gestern erst kommen bist,
Hast du vom Schneider Nils wohl gehört, und wie stark er ist.
So du nicht bloß über Nacht her verschlagen,
Ward dir wohl kund, wie er warf den Knut Storedragen.
Den Ola-Per hat er auf sein Scheundach gehoben,—
"'s nächste Mal bleibst du drei Wochen droben!"
Hans Bugge war ein Mann, von Ansehn nicht gering,
Land und Strand war nicht sicher, wo sein Fuß ging.
"Hallo, Schneider Nils, wo pflögst du gern der Ruh?
So spuck' ich auf den Fleck und leg' dich selber dazu!"
"Du komm nur erst heran, so werd' ich dir's sagen!
Meinst, es langt schon dein Maul, einen Mann zu erschlagen!"
Beim ersten Gang war noch nichts gebrochen.
Beide Kerle standen noch fest in den Knochen.
Beim zweiten Gang strauchelte Bugge-Hans.
"Wirst müd', Bugge? He, 's ist ein harter Tanz!"
Beim dritten Gang stürzt' er, spie Blut auf die Diel'—
"Hast wacker gespuckt, Kerl!"—"Verdammt! Wie ich fiel!"
Weiter sang der Junge nicht; es gab noch zwei Verse, die die Mutter ihn wohl nicht gelehrt hatte:
Sahst du je eines Baums Schatten auf jungem Schnee?
Sahst du je, wie Nils eine Jungfrau anlacht, he?
Hast du je Schneider Nils den Halling tanzen sehn?
Bist du ein Mädel, so geh;—sonst ist's um dich geschehn.
Diese beiden Verse kannte aber die Großmutter und sie fielen ihr ein, zumal weil sie nicht gesungen wurden. Zu dem Knaben sagte sie nichts, zur Mutter aber sagte sie: "Bringe dem Jungen Deine eigene Schande nur gut bei,—vergiß die beiden letzten Verse nicht!"—
Schneider Nils war durch das Trinken so heruntergekommen, daß er nicht mehr der alte war. Die Leute meinten, es gehe mit ihm zu Ende.
Da geschah es, daß zwei Amerikaner ins Dorf kamen, und als sie hörten, in der Nähe sei eine Hochzeit, da wollten sie gleich hin, um Sitten und Gebräuche kennen zu lernen. Hier spielte Nils. Sie gaben jeder einen Taler für die Spielkasse und baten um den Halling. Niemand wollte den tanzen, so sehr auch darum gebeten wurde. Jeder einzelne bat Nils, ihn selbst zu tanzen; "er könne es doch am besten." Er weigerte sich, aber nur um so hartnäckiger wurde die Aufforderung, zuletzt wurde sie einstimmig, und das gerade hatte er gewollt. Er gab die Fiedel einem andern, zog den Rock aus, nahm die Mütze ab, trat in den Kreis und lächelte. Jetzt folgte ihm die alte Aufmerksamkeit, und das gab ihm auch die alte Kraft. Die Zuschauer drängten sich so dicht wie möglich zusammen, die hintersten kletterten auf Tische und Bänke, ein paar Mädchen standen höher als alle andern,—und die vorderste von ihnen,—die Große mit dem hellen, bräunlichschimmernden Haar und den blauen, tiefliegenden Augen unter der kräftigen Stirn und mit einem breiten Munde, der oft lächelte und sich dann immer nach einer Seite verzog,—war Birgit Böen. Nils gewahrte sie, als er zu den Deckenbalken emporsah. Die Geige setzte ein, tiefe Stille entstand, und er trat zum Tanz an. Er warf sich auf den Boden, schob sich im Takt der Musik halb auf der Seite an der Erde hin, schlenkerte mit den Beinen, warf sie ab und zu kreuzweis unter sich, sprang wieder auf, stellte sich wie zum Wurf bereit und ging dann wieder schräg wie vorhin. Die Fiedel wurde von tüchtiger Hand gestrichen. Die Weise wurde immer feuriger. Nils bog den Kopf immer weiter zurück, und plötzlich lag der Stiefelabsatz am Deckenbalken, daß der Staub herunterrieselte. Alle lachten und kreischten um ihn herum, die Mädchen hielten den Atem an. Die Melodie jauchzte dazwischen und trieb zu immer tolleren Sprüngen an. Er widerstand ihr auch nicht, bog den Körper vornüber, hüpfte im Takt, richtete sich wie zum Wurf auf, hielt sie aber nur zum Narren, kam wieder ins Schlendern, und wie es aussah, als denke er gar nicht an Springen, da donnerte sein Stiefelabsatz gegen den Deckenbalken, und noch einmal, dann ein Purzelbaum vornüber, hintenüber—und immer stand er wieder kerzengrade auf den Füßen. Jetzt mochte er nicht mehr. Die Fiedel machte ein paar kecke Läufe, ging in einen tieferen Ton über, in dem sie zitternd verhallte, und erstarb in einem einzelnen langen Strich auf der Baßsaite. Die Gruppen zerstreuten sich; lebhaftes Gespräch, in das sich Rufe und Gekreisch mischten, löste die Stille ab. Nils lehnte sich gegen die Wand; da kamen die Amerikaner mit ihrem Dolmetscher hin zu ihm und gaben ihm jeder fünf Taler. Wieder Stille.
Die Amerikaner sprachen ein paar Worte mit ihrem Dolmetscher; darauf fragte dieser, ob Nils als ihr Diener mit ihnen gehen wolle; er solle bekommen, was er verlange. "Wohin?" fragte Nils; die andern drängten sich so nahe wie möglich heran. "Hinaus in die Welt", war die Antwort. "Wann?" fragte Nils, blickte mit strahlendem Gesicht umher, begegnete Birgit Böens Augen und ließ sie nicht mehr los.—"In einer Woche, wenn wir zurückkommen", war die Antwort.—"Es kann schon sein, daß ich bis dahin bereit bin", sagte Nils und wog seine beiden Fünftalerstücke in der Hand.—Er hatte einen Arm auf die Schulter eines Mannes gestützt, der neben ihm stand, und er zitterte so, daß der Mann ihn auf die Bank setzen wollte.
"Es hat nichts auf sich", sagte Nils, machte ein paar unsichere Schritte über die Diele, trat dann fest auf, drehte sich um und bestellte einen Hoppser.
Die Mädchen standen vorn, er schaute sich lange und prüfend um, und ging dann geradenwegs auf Eine im dunklen Rock zu, und das war Birgit Böen. Er streckte ihr die Hand hin und sie gab ihm beide; da lachte er, wich zurück, nahm Eine neben ihr und tanzte übermütig mit der davon. Das Blut schoß Birgit in Hals und Gesicht. Ein großer Mann mit einem gütigen Gesicht stand hinter ihr; er nahm sie bei der Hand und tanzte mit ihr—dicht hinter Nils her. Der sah es, und es geschah vielleicht aus Versehen, daß er so heftig gegen sie antanzte, daß der Mann und Birgit mit großem Gepolter zu Fall kamen. Gelächter und Gejohle erhob sich ringsum. Birgit stand mühsam auf, ging beiseite und weinte bitterlich.
Der Mann mit dem gutmütigen Gesicht kam langsamer in die Höhe, ging aber dann gleich auf Nils zu, der immer noch tanzte. "Hör' mal einen Augenblick auf", sagte der Mann. Nils achtete dessen nicht, und da packte ihn der Mann am Arm. Nils riß sich los und sah ihn groß an. "Ich kenne Dich nicht", sagte er lächelnd. "Nein, aber jetzt wirst Du mich kennen lernen", sagte der Mann mit dem gütigen Gesicht und versetzte ihm einen Schlag gegen das eine Auge. Nils, der darauf nicht gefaßt gewesen war, stürzte mit hartem, schwerem Fall gerade auf die scharfe Kante vom Feuerherd; er wollte sich gleich wieder aufrichten, vermochte es aber nicht; ihm war das Rückgrat gebrochen.
Auf Kampen war eine große Veränderung vor sich gegangen. Die Großmutter hatte in der letzten Zeit gekränkelt; als das anfing, hatte sie emsiger als je gespart, um den Hof von Schulden frei zu machen. "Dann hast Du und der Junge soviel, wie Ihr braucht. Und läßt Du einen herein, der es Euch durchbringt, dann drehe ich mich im Grabe um." Gegen den Herbst zu hatte sie auch die Freude, daß sie mit dem letzten Rest der Schuld zum ehemaligen Haupthof hinaufhumpeln konnte, und froh war sie, als sie wieder daheim auf der Bank saß und sagen konnte: "Jetzt hab' ich's erreicht." Aber in der gleichen Stunde kam auch die Krankheit bei ihr zum Ausbruch; sie mußte ins Bett und stand nicht mehr auf. Ihre Tochter ließ sie an einem freien Platz auf dem Kirchhof begraben; sie bekam einen schönen Grabstein, auf dem ihr Name und ihr Alter standen und ein Gesangbuchvers aus dem Kingo. Zwei Wochen, nachdem sie unter der Erde lag, war aus ihrem schwarzen Sonntagskleid ein Anzug für den Knaben gemacht, und als er den anhatte, wurde ihm so feierlich zumut, als wäre die Großmutter wiedergekommen. Aus eigenem Antrieb setzte er sich vor das großgedruckte Gesangbuch, aus dem die Großmutter jeden Sonntag vorgelesen und gesungen hatte; er schlug es auf; ihre Brille lag darin. Die hatte der Junge zu ihren Lebzeiten nie anrühren dürfen; jetzt nahm er sie ängstlich in die Hand, setzte sie sich auf die Nase und sah wieder ins Buch. Es war ihm wie Nebel vor den Augen. Das ist doch merkwürdig, dachte der Junge; damit konnte die Großmutter Gottes Wort lesen. Er hielt sie hoch gegen das Licht, um zu sehen, woran es liegen könne, und—da lag die Brille in Scherben auf der Erde!
Ihm wurde angst und bange, und als im selben Augenblick die Tür aufging, meinte er, nun werde die Großmutter hereinkommen; es war aber seine Mutter, und hinter ihr her kamen sechs Männer, die unter großem Lärm und Getrampel eine Tragbahre trugen und sie mitten im Zimmer auf den Boden hinsetzten. Die Tür blieb weit hinter ihnen offen stehen, so daß es kalt in der Stube wurde.
Auf der Bahre lag ein Mann mit dunklem Haar und bleichem Gesicht; die Mutter ging weinend umher. "Legt ihn behutsam aufs Bett", bat sie und griff selbst mit zu. Wie aber die Männer ihn hineintrugen, knirschte etwas unter ihren Füßen. "Ach, das ist bloß Großmutters Brille", dachte der Junge, sagte es aber nicht.
Drittes Kapitel
Das war, wie gesagt, im Herbst. Acht Tage, nachdem Schneider Nils zu Margit Kampen gebracht war, kam von den Amerikanern die Nachricht, er möge sich bereit halten. Er wand sich gerade in furchtbaren Schmerzen und schrie, indem er die Zähne zusammenbiß: "Laß sie zur Hölle fahren!" Margit stand, als habe sie keine Antwort bekommen. Er bemerkte das, und nach einer Weile wiederholte er langsam und matt: "Laß sie—reisen!"
Zum Winter war er so weit, daß er aufrecht sitzen konnte, wenn auch seine Gesundheit für immer zerrüttet war. Als er das erstemal auf war, holte er seine Geige hervor und stimmte sie, wurde aber so aufgeregt, daß er wieder ins Bett mußte. Er war sehr wortkarg, doch umgänglich, und nach einiger Zeit fing er an, den Knaben zu unterrichten und Arbeit ins Haus zu nehmen. Hinaus kam er nicht, und mit denen, die ihn besuchten, sprach er nicht. In der ersten Zeit trug Margit ihm die Dorfneuigkeiten zu, aber er war immer verstimmt hinterher; da ließ sie es sein.
Gegen den Frühling saßen er und Margit länger als gewöhnlich nach dem Abendbrot zusammen und besprachen etwas. Der Junge wurde ins Bett geschickt. Anfang des Frühlings wurden sie von der Kanzel aufgeboten und dann in aller Stille getraut.
Er arbeitete auf dem Felde mit und machte alles verständig und
ordentlich. Margit sagte zu dem Jungen: "Wir haben Nutzen von ihm und
Freude. Nun mußt Du aber auch artig und gehorsam sein und ihm alles zu
Liebe tun."
Margit war bei ihrem Kummer doch immer recht blühend gewesen; sie hatte ein rosiges Gesicht und sehr große Augen, die noch größer aussahen, weil sie in einem dunklen Ringe lagen. Sie hatte volle Lippen, ein rundliches Gesicht und sah frisch und stark aus, obwohl sie gar nicht so große Kräfte hatte. In dieser Zeit sah sie hübscher aus als je und sang nach ihrer Art in einemfort bei der Arbeit.
Da kam ein Sonntagnachmittag, an dem Vater und Sohn fortgingen, um zu sehen, wie dies Jahr die Äcker ständen. Arne sprang um seinen Vater herum und schoß mit einem Flitzbogen; Nils hatte ihn dem Jungen selbst gemacht. So ging es bergan auf den Weg zu, der von Kirche und Pfarrhaus in das sogenannte Breite Dorf hinunterführte. Nils setzte sich auf einen Stein am Wegrand und versank in Gedanken, sein Junge schoß den Weg entlang und sprang dem Pfeil nach, in der Richtung auf die Kirche zu. "Nicht zu weit", sagte der Vater. Wie der Knabe mitten im besten Spiel war, blieb er lauschend stehen. "Vater, ich höre Musik." Der lauschte auch; man hörte Geigenklänge, zuweilen übertönt von Rufen und wildem Lärm, dabei beständig Wagengerassel und Hufschlag; es war ein Brautzug, der von der Kirche heimkehrte. "Komm her, Junge", rief der Vater, und Arne hörte am Ton, daß er schnell kommen müsse. Der Vater war eilig aufgestanden und versteckte sich hinter einem dicken Baum. Der Junge hinterher;—"nicht hierher, dahin!" Der Junge hinter einen Erlenbusch.—Schon bog die Wagenreihe um den Birkenwald, sie kamen in rasender Fahrt, die Pferde schäumten, die betrunkenen Menschen kreischten und johlten. Vater und Sohn zählten die Wagen; es waren im ganzen vierzehn. Im ersten saßen zwei Spielleute, und der Brautmarsch klang durch die klare Luft; ein Bursch stand hinten und lenkte die Pferde. Dann kam die Braut mit der hohen Krone, die in der Sonne schimmerte; sie lächelte, und dabei verzog sich der Mund nach der einen Seite; neben ihr saß ein Mann im blauen Anzug mit einem gütigen Gesicht. Dann kam das Gefolge, die Männer saßen den Frauen auf dem Schoß, hintenauf saßen Kinder, Betrunkene fuhren zu Sechsen in einem Einspänner, der Marketender saß im letzten Wagen und hatte ein Faß mit Branntwein auf dem Schoß. Sie zogen unter Gesang und Gejohle vorbei und jagten in gewaltiger Eile die Anhöhe hinunter; das Geigenspiel, das Gekreisch und das Wagengerassel klang aus der Staubwolke hinter ihnen heraus; dann trug der Wind einen vereinzelten Aufschrei herüber, dann nur noch ein dumpfes Dröhnen und dann nichts mehr. Nils stand noch immer unbeweglich; der Junge kam zuerst wieder zum Vorschein.