Vierzehntes Kapitel
Kampen war ein schöner Hof; er lag mitten in der Ebene, die unten von der Kampenschlucht, oben von der Dorfstraße begrenzt wurde; jenseits vom Wege war dichter Wald, weiter oben erhob sich die Bergwand, und dahinter standen schneebedeckt die blauen Höhen. Auf der andern Seite der Kampenschlucht war ebenfalls ein breiter Höhenzug, der im Anfang sich um den ganzen Schwarzen See an der Seite hinzog, wo Böen lag, nach Kampen zu höher wurde, aber gleichzeitig beiseite trat vor der breiten Talsenkung, dem Niederdorf, das hier unten anfing; denn Kampen war der letzte Hof im Oberdorf.
Die Haupttür des Wohnhauses ging auf den Weg hinaus; von ihr bis zur Straße mochten ein paar tausend Schritt sein; ein Fußsteig mit dichten Birken zu beiden Seiten führte hinauf. Rechts und links von dem Rodeland lag Wald; Äcker und Wiesen des Hofes konnten nach Belieben vergrößert werden; es war in jeder Hinsicht eine vorzügliche Ackerwirtschaft. Vorm Hause lag ein kleiner Garten. Arne bestellte ihn nach der Anleitung seiner Bücher; links vom Hause befanden sich die Viehställe und die andern Wirtschaftsgebäude; sie waren fast alle neu errichtet und bildeten mit dem Wohnhaus ein Viereck. Das Wohnhaus war rotgestrichen, mit weißen Fensterrahmen und Türen, hatte zwei Stockwerke, war mit Torf gedeckt, und auf dem Dach wuchs allerlei Buschwerk; der eine Giebel trug eine Stange, auf der sich ein eiserner Hahn mit hohem Schweif drehte.
Der Frühling war in die Gebirgsdörfer gekommen; es war ein Sonntagmorgen, die Luft etwas trüb, aber ruhig und nicht kalt; der Nebel hing dicht über dem Walde, aber Margit meinte, er werde sich im Lauf des Tages lichten. Arne hatte seiner Mutter die Predigt vorgelesen und Choräle gesungen, und das hatte ihm gut getan; jetzt war er in vollem Staat, um nach dem Pfarrhaus hinaufzugehen. Er machte die Tür auf, der frische Laubgeruch schlug ihm entgegen, der Garten war taufrisch und beugte sich unter dem Morgennebel, von der Kampenschlucht her aber brauste es mit starkem, stoßweisem Donnern, daß einem Hören und Sehen verging.
Arne schritt bergan. Je weiter er sich vom Wasserfall entfernte, desto mehr verlor das Gedröhn alles Grauen und legte sich zuletzt wie ein tiefer Orgelton über die ganze Landschaft.
"Gott sei mit ihm auf allen Wegen!" sagte die Mutter, sie öffnete das Fenster und sah ihm nach, bis die Büsche ihn verdeckten. Der Nebel lichtete sich immer mehr, die Sonne brach durch, auf den Feldern und im Garten wurde es lebendig; dort sproßte Arnes Werk in frischem Wachstum und trug der Mutter Duft und Freude zu. Der Frühling ist schön für einen, der einen langen Winter gehabt hat.
Arne hatte nichts Bestimmtes in der Pfarre zu tun; er wollte nur nach den Zeitungen fragen, die er mit dem Pfarrer zusammen hielt. Kürzlich hatte er die Namen einiger Norweger gelesen, die es durch Goldgraben in Amerika zu etwas gebracht hatten, und unter diesen war auch Kristian gewesen. Jetzt war zu Arne das Gerücht gedrungen, Kristian werde zu Hause erwartet. Hierüber würde er auch wohl oben in der Pfarre Sicheres erfahren,—und verhielt es sich wirklich so, daß Kristian schon jetzt in der Stadt war, dann wollte Arne in der Zeit zwischen der Frühjahrsbestellung und der Heuernte zu ihm hin. Daran mußte er denken, bis er an die Stelle gekommen war, wo er den Schwarzen See und drüben am andern Ufer Böen überblicken konnte. Auch da lichtete sich der Nebel, die Sonne spielte auf den Hängen, die Berge hatten helle Spitzen, trugen aber den Nebel noch in ihrem Schoß; an der rechten Seite verdunkelte der Wald das Wasser, vor den Häusern aber war es etwas seichter, und da schimmerte der weiße Sand in der Sonne. Mit einem Schlage waren seine Gedanken in dem rotgetünchten Hause mit den weißen Türen und Fensterrahmen, wonach er sein eigenes gestrichen hatte. Er dachte nicht an die ersten schweren Tage, die er dort gehabt, er dachte bloß an den Sommer, den sie beide vor sich gesehen hatten, er und Eli, dort oben an ihrem Krankenbett. Seitdem war er nicht wieder dagewesen seitdem wollte er auch nicht mehr hin, um alles in der Welt nicht. Wenn seine Gedanken nur dran rührten, wurde er rot und verlegen, und doch geschah das jeden einzigen Tag und viele Male am Tage, und wenn ihn etwas aus dem Dorf vertreiben konnte, so war es gerade dies.
Er ging sehr schnell, als wolle er die Stätte weit hinter sich lassen; aber je weiter er ging, desto näher hatte er Böen vor sich, und desto häufiger sah er auch hinüber. Der Nebel war ganz verschwunden, der Himmel klar von einer Bergkette zur andern, Vögel schwebten in der sonnenfrohen Luft und riefen sich zu, die Felder antworteten mit Millionen von Blumen; kein Wasserfall zwang die Freude aufs Knie wie zu andächtiger Unterwerfung, nein, lebensfroh, hingerissen sang, blinkte und jubelte sie himmelwärts ohn' Ende!
Arne hatte sich glühendheiß gelaufen; er warf sich am Fuß einer Anhöhe ins Gras, blickte nach Böen hinüber und drehte sich auf die Seite, um nicht länger dahinzusehen. Da hörte er über sich singen, so rein, wie er nie zuvor hatte singen hören; es jauchzte hin über die Wiese durch das Vogelgezwitscher, und ehe er noch die Melodie recht erkannte, verstand er schon die Worte; denn das war die Melodie, die ihm die liebste war, und auch die Worte waren es, die er von Kind an in sich getragen hatte,—und die er am selben Tage vergaß, als er sie endlich geformt hatte! Er sprang auf, als wolle er sie haschen, blieb aber stehen und lauschte; der erste Vers, der zweite, der dritte, der vierte von seinem eigenen vergessenen Liede schwebte zu ihm hernieder:
Könnt', o könnt' ich hinüber schaun
Über die hohen Berge!
Seh' nur immer den Gletscher blaun,
Rings die Wälder empor sich baun.
Ob sie die Gipfel stürmen,
Die sich wie Burgen türmen?
Adler schweben mit starkem Schlag
Über die hohen Berge,
Rudern im jungen, kraftvollen Tag,
Senken zu Tal sich, wo jeder mag,
Stillen ihr schweifend Gelüste,
Spähn nach der fremdesten Küste.
Laubschwerer Apfelbaum, den nichts zieht
Über die hohen Berge,—
Der da blüht, wenn der Winter flieht,
Der es trägt, wenn der Sommer schied;—
Was deine Vögel singen,
Bleibt dir ein taubes Klingen.
Wer sich seit zwanzig Jahren gesehnt
Über die hohen Berge,
Wer die Arme sich wund gedehnt,
Fruchtlos immer sich aufgelehnt,
Hört, was die Vögel singen,
Die deine Zweige tragen.
Törichte Schwätzer, was kamt ihr hierher
Über die hohen Berge,
Ließt eure Nester da draußen leer,
Flöhet von Sonne, Menschen, Meer,—
Nur daß ihr einen verlachtet,
Der hier schwingenlos schmachtet?
Soll ich denn niemals, niemals fort
Über die hohen Berge,—
Bis mich entseelt dieser Schreckensort,
Bis er vereist mir mein letztes Wort?
Bis sie nach Hangen und Harren
Mich hier im Keller verscharren!
Laßt mich hinaus! o weit, weit, weit
Über die hohen Berge!
Hier tropft träge wie Blei die Zeit,
Und mein Mut so nach Leben schreit,—
Laßt ihn zur Sonne, zum Hellen,
Nicht an der Felswand zerschellen!
Einmal, das weiß ich, da reicht es hinaus
Über die hohen Berge.
Wartest du, Herr, schon im Himmelshaus?
Hast schon dein Wort für mein Trachten kraus?
Doch—wenn das Tor noch nicht offen,
Laß mich ein Weilchen noch hoffen!
Arne stand, bis der letzte Vers, das letzte Wort verklungen war. Wieder hörte er die Vögel schäkern und lachen, doch er wagte sich nicht zu rühren. Wissen, wer es war, mußte er aber; er hob den Fuß und schlich so behutsam, daß nicht einmal das Gras raschelte. Ein kleiner Schmetterling setzte sich gerade vor seinem Fuß auf eine Blume, flatterte in die Höhe, flog ein kleines Stück weiter, flatterte wieder in die Höhe, flog wieder ein kleines Stück und flatterte wieder hoch und so ging es den ganzen Abhang, den er hinaufklomm. Dann kam ein dichtes Gebüsch, und er wollte nicht weiter, denn jetzt konnte er alles sehen; ein Vogel flog aufgeschreckt aus dem Busch auf, kreischte und schwebte über den Abhang weg; da blickte das Mädchen auf, das dort saß; er duckte sich tief zur Erde und hielt den Atem an, das Herz klopfte ihm, er hörte jeden Schlag, er lauschte und wagte kein Blatt anzurühren; denn das war sie ja,—war Eli!—Nach langer, langer Zeit sah er ein klein wenig in die Höhe und wäre gar zu gern einen Schritt näher gegangen; aber der Vogel konnte unter dem Busch sein Nest haben, und das durfte er nicht zertreten. Er lugte also durch die Blätter, je nachdem sie zur Seite wehten oder sich zusammenschlossen. Die Sonne fiel voll auf Eli; sie saß da in einem schwarzen, ärmellosen Kleid und hatte einen Strohhut auf dem Kopf, der einem Jungen gehören mußte; er saß nicht fest und rutschte immer nach einer Seite. Auf dem Schoß hatte sie ein Buch, außerdem aber einen großen Haufen Feldblumen; ihre rechte Hand spielte wie in Gedanken damit, die linke hatte sie aufs Knie gestützt, und ihr Kopf ruhte darin. Sie blickte nach der Richtung, wohin der Vogel geflogen war, und es war ungewiß, ob sie geweint hatte.
Etwas Schöneres hatte Arne sein Lebtag weder gesehen, noch erträumt; die Sonne warf aber auch all ihr Gold über sie und über die Stätte, wo sie saß, und das Lied umschwebte sie, wiewohl es längst ausgesungen war, so daß seine Gedanken und sein Atem, ja, sogar sein Herzschlag im Takte danach gingen.
Sie nahm das Buch und schlug es auf, machte es aber schnell wieder zu und saß wie zuvor, während sie anfing, leise vor sich hinzusummen. Es war das Lied: "Mit Blatt und Knospen stand fertig der Baum"—er hörte es, obwohl sie weder die Worte, noch die Melodie genau behalten hatte und sich oftmals irrte. Den letzten Vers konnte sie noch am besten, deshalb fing sie ihn immer wieder von vorn an; aber sie sang ihn so:
Und der Baum trug Früchte, reif schimmernd wie Gold.
Sie seufzte: "Die möcht' ich!" Sie war just so hold.
"Die alle, o ja,
Für dich sind sie da!"
Sprach der Baum—trala, la, la, hold!—
Und dann plötzlich sprang sie auf, schüttete alle Blumen hin, juchzte, daß der Klang durch die Luft schmetterte und bis Böen dringen mochte. Und dann lief sie davon!——Sollte er rufen? Nein!—Da sprang sie schon singend und trällernd den Hügel hinunter; ihr fiel der Hut ab, sie nahm ihn wieder auf, jetzt stand sie mitten im hohen Grase.—"Soll ich rufen? Sie sieht sich um!"——Er duckte sich tiefer. Lange dauerte es, bis er wieder hinzuschauen wagte, und dann hob er auch bloß den Kopf, sah sie aber nicht,—richtete sich auf den Knien auf, sah sie noch nicht;——stand ganz auf,—ja, sie war verschwunden!——
Er mochte nicht mehr ins Pfarrhaus. Er mochte überhaupt nichts mehr!—Darauf setzte er sich hin, wo sie gesessen hatte, und saß noch da, als die Sonne gegen Mittag stand. Auf dem See regte sich keine einzige Welle, über den Höfen zitterte schon der Rauch in der Luft, die Wachteln verstummten eine nach der andern, die kleinen Vögel schäkerten wohl noch, zogen sich aber doch allmählich in den Wald zurück, der Tau war fort, so daß das Gras gar würdig dastand, kein Lüftchen bewegte sich, und die Blätter hingen still herab, die Sonne mußte in einer Stunde auf der Mittagshöhe sein. Er wußte gar nicht, wie es kam, daß er da plötzlich saß und über ein kleines Gedicht nachsann; ein holder Ton kam und bot sich ihm dar für sein Lied; das Herz war ihm wunderlich von Weichheit voll, und der Ton kam und ging so lange, bis er ein ganzes Bild erschuf.
In der Stille, wie er es gemacht hatte, sang Arne es auch:
Im Walde klang es den ganzen Tag,
Den ganzen Tag.
Klein Knabe, hörst du das Tönen, sag',
Das Tönen, sag'?
Der Knabe schnitt sich eine Schalmei,
Eine Schalmei,
Und blies,—ob der Ton wohl darinnen sei,
Darinnen sei.
Der Ton, der meldete sich wie ein Hauch,
Wie ein Hauch,
Doch wie er gekommen, entschwand er auch,
Entschwand er auch.
Oft, wenn er schlief, er zu ihm schlich,
Er zu ihm schlich,
Und über die Stirn ihm voll Liebe strich,
Voll Liebe strich.
Doch wollt' er ihn greifen, jählings erwacht,
Jählings erwacht,
Versank der Ton in der bleichen Nacht,
Der bleichen Nacht.
"Herr, mein Gott, nimm mich dahin,
Nimm mich dahin!
Der Ton nahm ein meinen ganzen Sinn,
Meinen ganzen Sinn."
Der Herr gab zur Antwort: "Dein Freund ist er,
Dein Freund ist er!
Doch freilich—dein eigen,—das nimmermehr,
Das nimmermehr."
Was sind all die andern wohl gegen sie,
Wohl gegen sie,
Die immer du suchst und findest sie nie,
Findest sie nie!
Fünfzehntes Kapitel
Es war ein Sonntagabend Anfang des Sommers; der Pfarrer war aus der Kirche nach Hause gekommen, und Margit hatte bis gegen sieben Uhr bei ihm gesessen. Da verabschiedete sie sich und eilte die Treppe hinunter auf den Hof hinaus, denn dort war eben Eli Böen in Sicht gekommen, die solange mit dem Sohn des Pfarrers und ihrem eignen Bruder gespielt hatte.
"Guten Abend!" sagte Margit, indem sie stehen blieb, "und Grüß Gott!"—"Guten Abend!" sagte Eli, sie war feuerrot und wollte das Spiel einstellen, obwohl die Jungens sie bestürmten; aber sie bat sehr herzlich und war für diesen Abend entlassen.—"Mir ist, ich müßte Dich kennen", sagte Margit.—"Das ist wohl möglich", sagte die andre.—"Du kannst doch nicht die Eli Böen sein?"—Doch, die sei sie.—"Nein, aber so was!—Also die Eli Böen bist Du! Ja, jetzt sehe ich es auch,—Du bist Deiner Mutter ähnlich." Elis rötlichbraunes Haar war aufgegangen, daß es lang und lose herunterhing; ihr Gesicht war so heiß und rot wie eine Erdbeere, ihre Brust hob und senkte sich, sie konnte kaum sprechen und lachte, weil sie so außer Atem war.—"Ach ja, das gehört zur Jugend",—Margit freute sich an ihr. "Du kennst mich wohl nicht?" Eli hatte schon fragen wollen, hatte sich aber nicht getraut, weil die andere älter war; jetzt sagte sie, sie könne sich nicht erinnern, sie schon gesehen zu haben.——"O nein, das ist auch sehr unwahrscheinlich; alte Leute kommen selten aus ihrem Bau.—Vielleicht kennst Du aber meinen Sohn, den Arne Kampen; ich bin seine Mutter", sie schaute Eli an, die auf einmal ganz verändert war.—"Ich glaub' beinah, er hat einmal in Böen gearbeitet?"—Ja, das habe er.—"Es ist solch schönes Wetter heut abend; wir haben den Tag über geheut und eingefahren, bis ich weggegangen bin; es ist ein gottgesegnetes Wetter."—"Es gibt sicher ein gutes Heujahr", meinte Eli.—"Ja, das darf man wohl sagen;—in Böen ist es auch wohl gut?"—"Da ist schon alles fertig."—"Natürlich, ja; viel Hilfe und tüchtige Leute.—Mußt Du heut abend nach Hause?"—Nein, sie brauche nicht. Sie sprachen über dies und jenes und wurden schließlich so bekannt, daß Margit die Frage wagen konnte, ob Eli ein Stück mitgehen wolle. "Könntest Du mich wohl ein paar Schritte begleiten?" sagte sie; "ich treffe so selten jemand, mit dem ich ein Wort reden kann, und Dir geht es wohl ebenso?"—Eli entschuldigte sich, sie habe keine Jacke an.—"Na ja, ich sollte mich auch schämen, einen Menschen drum zu bitten, den ich zum erstenmal sehe; aber mit alten Leuten muß man es nicht so genau nehmen."—Eli sagte, sie würde gern mitkommen, aber sie müsse sich erst ihre Jacke holen. Es war eine enganschließende Jacke. Wenn sie zugehakt war, sah sie wie ein Leibchen aus; jetzt machte sie aber bloß die beiden untersten Haken zu; ihr war so warm. Das feine Leinenhemd hatte einen kleinen, überfallenden Kragen, der am Halse von einem silbernen Knopf in Gestalt eines Vogels mit ausgebreiteten Schwingen zusammengehalten wurde. So einen hatte Schneider Nils getragen, als Margit zum erstenmal mit ihm getanzt hatte.—"Ein schöner Knopf", sagte sie und besah ihn.—"Ich habe ihn von Mutter", sagte Eli.—"Das hast Du wohl", und sie half ihr beim Anziehen.
Jetzt schritten sie den Weg entlang. Das Heu war gemäht und stand in Hocken, Margit griff in die Hocken hinein, roch dran und fand, es sei schönes Heu. Sie fragte nach dem Vieh hier auf dem Hof, dann nach dem in Böen und erzählte schließlich, wieviel sie auf Kampen hätten. "Die Wirtschaft ist in den letzten Jahren tüchtig vorwärts gekommen, und sie läßt sich vergrößern, soviel man will. Sie ernährt jetzt zwölf Milchkühe und könnte noch mehr ernähren; aber Arne hat soviel Bücher, in denen er liest, und nach denen er alles einrichtet, darum will er sie so großartig gefüttert haben." Eli sagte, wie zu erwarten war, zu all dem nichts; Margit aber fragte sie, wie alt sie sei. Sie sei neunzehn Jahr. "Legst Du manchmal im Hause mit Hand an? Du siehst so fein aus, damit ist's wohl nicht viel geworden."—O doch, sie habe bei mancherlei geholfen, besonders in letzter Zeit.—"Ja, es ist gut, wenn einer an alles gewöhnt ist; wenn man selbst mal eine große Wirtschaft bekommt, tut's not. Aber natürlich, wenn einer tüchtige Hilfe hat, ist's nicht so schlimm."—Eli wollte umkehren, denn sie waren längst am Pfarracker vorbei. "Es ist noch lange hin, bis die Sonne untergeht;—es wäre nett von Dir, wenn Du noch ein bißchen mit mir plaudern wolltest",—und Eli ging mit.
Nun fing Margit von Arne zu reden an. "Ich weiß nicht, ob Du ihn genauer kennst. Der kann Dir über alles Bescheid sagen; Herrgott, was hat der nicht alles gelesen!" Eli gab zu, sie wisse, daß er viel gelesen habe. "Na ja, aber das ist noch das wenigste; doch wie er sein ganzes Leben lang zu seiner Mutter gewesen ist, das ist mehr. Wenn es wahr ist, was das Sprichwort sagt, daß einer, der gut zu seiner Mutter war, auch gut zu seiner Frau ist, dann wird die, die er erwählt, sich nicht zu beklagen haben.—Wonach siehst Du, Kind?"—"Mir ist bloß ein kleiner Zweig weg, den ich in der Hand hatte."—Sie verstummten beide und gingen weiter, ohne sich anzusehen. "Er ist so eigentümlich", sagte die Mutter wieder; "er ist als Kind so eingeschüchtert worden, und da hat er sich dran gewöhnt, alles mit sich allein abzumachen, und die Art Leute können sich nicht so frei geben."—Jetzt wollte Eli wirklich umkehren, aber Margit meinte, es sei nur noch ein kleines Stück bis Kampen, und Kampen müsse sie sehen, wo sie nun doch einmal hier sei. Eli aber sagte, es sei heute schon zu spät. "Es ist immer jemand da, der Dich nach Hause begleitet", sagte Margit. "Nein, nein", antwortete Eli rasch und wollte weg. "Der Arne freilich ist nicht zu Hause," sagte Margit, "er kann's also nicht; aber es sind genug andere da", und Eli hatte jetzt weniger dagegen; sie wollte doch Kampen gern sehen, "wenn es bloß nicht zu spät wird."—"Ja, wenn wir hier lange stehen und drüber reden, dann mag es wohl zu spät werden",—und sie gingen. "Du hast auch wohl viel gelernt, wo Du doch beim Herrn Pfarrer aufgewachsen bist?" Ja, das habe sie. "Das wird Dir gut zustatten kommen," meinte Margit, "wenn Du mal einen bekommst, der weniger kann."—Nein, meinte Eli, solchen möchte sie nicht. "Nun ja, es ist ja auch vielleicht nicht das beste, aber hier im Dorf haben die Leute wenig Bildung."—Eli fragte, was da hinten im Walde rauche. "Das kommt von dem neuen Pächterhaus, das zu Kampen gehört. Da wohnt der Knut vom Oberland. Er war immer so allein, und da hat Arne ihm den Platz gegeben, daß er ihn urbar mache. Er weiß, was es heißt, allein zu sein, der arme Arne." Nach einer Weile waren sie hoch genug, um das Gehöft sehen zu können. Die Sonne schien ihnen gerade ins Gesicht; sie beschatteten die Augen und schauten hin. Mitten drin lag das rotgestrichene Haus mit den weißen Fensterrahmen; ringsum die Wiesen waren gemäht, hier und da stand das Heu noch in Hocken; die Äcker standen grün und üppig mitten in der hellen Wiese; bei den Ställen war großes Leben: Kühe, Schafe und Ziegen kamen gerade nach Hause, ihre Glocken bimmelten, die Hunde bellten, die Kuhmagd rief; alles aber übertönte mit seinem furchtbaren Getöse der Wasserfall am Kampenschlund. Je länger Eli hinschaute, desto mehr hörte sie bloß diesen Ton, und er wurde ihr schließlich so grauenvoll, daß sie Herzklopfen bekam; in ihrem Kopf sauste und brauste es,—es wurde ihr ganz wirr und doch wieder so weich und warm, daß sie unwillkürlich behutsam auftrat und kleine Schritte machte; Margit mußte sie bitten, ein bißchen schneller zu gehen. Sie schrak zusammen; "ich habe noch nie etwas Ähnliches gehört wie diesen Wasserfall", sagte sie; "ich bekomme beinah Angst."—"Daran gewöhnst Du Dich schnell," sagte die Mutter, "schließlich würde er Dir sogar fehlen."—"Meinst Du wirklich?" fragte Eli.—"Ja, das sollst Du sehen", sagte Margit und lächelte.
"Komm, jetzt wollen wir uns erst das Vieh ansehen", sagte sie, während sie vom Weg abbog; "diese Bäume hier zu beiden Seiten hat Nils gepflanzt.—Nils wollte gern alles recht schön haben;—Arne auch; Du sollst mal den Garten sehen, den er angelegt hat."—"Nein, wie schön!" rief Eli und lief an den Zaun. Sie hatte Kampen schon öfter gesehen, aber nie so in der Nähe, und daher auch noch nie den Garten.—"Den wollen wir uns nachher ansehen", sagte Margit.—Eli blickte flüchtig durch die Scheiben, als sie am Hause vorbeigingen; es war niemand drin.
Sie stellten sich nun beide auf die Scheunenbrücke und besahen die Kühe, wie sie brüllend an ihnen vorbei in den Stall zogen. Margit nannte Eli die Namen alle, erzählte ihr, wieviel Milch jede gebe, welche trächtig seien und welche nicht. Die Schafe wurden gezählt und in den Stall gelassen; es war eine große fremde Rasse; Arne hatte sich zwei Lämmer aus dem Süden kommen lassen. "Mit all so was beschäftigt er sich, wenn man es ihm auch gar nicht zutraut."—Sie gingen jetzt in die Scheune, besahen das eingefahrene Heu, und Eli mußte daran riechen,—"denn solches Heu gibt es nicht überall". Sie zeigte durch die Scheunenluke hinaus auf die Äcker und erklärte, was auf jedem stand, und wieviel von jeder Sorte gesät war.—Sie gingen hinaus und auf das Haus zu; aber Eli, die auf all das andre nicht geantwortet hatte, bat jetzt, als sie an dem Garten vorbeigingen, ob sie nicht hinein dürfe. Und als ihr das erlaubt war, bat sie, eine Blume oder zwei pflücken zu dürfen. Hinten in der Ecke stand eine kleine Bank: auf die setzte sie sich, wie um sie auszuprobieren, denn sie stand gleich wieder auf.
"Wir müssen uns jetzt beeilen, wenn es nicht zu spät werden soll", sagte Margit, die in der Pforte stand. Und nun gingen sie ins Haus. Margit fragte, ob sie ihr nicht etwas anbieten dürfe, wo sie zum erstenmal da sei; Eli aber wurde rot und sagte kurz: danke. Sie schaute sich nun nach allen Seiten um; die Fenster gingen auf den Weg hinaus; hier hielten sie sich den Tag über auf; die Stube war nicht groß, aber gemütlich, mit Wanduhr und Kachelofen. Dort hing Nils' Geige, alt und dunkel, aber mit neuen Saiten. Hier hingen ein paar Flinten, die Arne gehörten, englische Angelruten und andre seltsame Sachen, die die Mutter herunterholte und zeigte; Eli besah und befühlte sie. Die Stube war nicht gemalt, denn das mochte Arne nicht, auch die andere Stube nicht, die auf die Kampenschlucht mit den frischgrünen Bergen geradeüber und den blauen Höhen im Hintergrunde hinausging; diese Stube, die wie die eine ganze Hälfte des Hauses später angebaut war, war größer und schöner; die beiden kleineren Stuben in dem Flügel aber hatten Malerei, denn da sollte die Mutter wohnen, wenn sie alt würde,—und er eine Frau im Hause habe. Sie gingen in die Küche, in die Vorratskammer, in den Holzschuppen; Eli sagte kein Wort,—sie besah sich alles gewissermaßen aus der Entfernung; nur wenn Margit ihr irgend etwas hinhielt, faßte sie es an, aber auch nur ganz zaghaft. Margit, die in einemfort schwatzte, führte sie jetzt wieder auf die Diele; sie wollten nach oben und den Boden besichtigen.
Auch hier waren gut eingerichtete Zimmer, die den Stuben im unteren Stockwerk entsprachen, aber sie waren neu und noch nicht in Benutzung genommen außer einem, das auf die Kampenschlucht hinausging. In diesen Zimmern hing und stand aller möglicher Hausrat, der in der täglichen Wirtschaft nicht gebraucht wurde. Hier hingen ein gut Teil fertig genähter Felldecken sowie anderes Bettzeug; die Mutter befühlte sie und hob sie hoch, Eli mußte es manchmal auch tun; es war aber, als habe sie jetzt etwas mehr Mut bekommen, vielleicht hatte sie auch mehr Freude an diesen Dingen; denn auf einzelne Sachen kam sie zurück, fragte und wurde immer vergnügter. Da sagte die Mutter: "Jetzt, zuletzt wollen wir in Arnes Zimmer", und sie gingen in das Zimmer, das nach der Kampenschlucht hinauslag. Das fürchterliche Getöse des Wasserfalls schlug ihnen wieder entgegen, denn das Fenster war offen. Hier stand man höher, hier konnte man den Gischt des Wasserfalls zwischen den Felsen aufsprühen sehen, nicht aber den Wasserfall selbst, oder doch nur weiter oben, wo ein Felsblock abgestürzt war, gerade an der Stelle, wo er mit aller Macht sich zu dem letzten Sprung in die Tiefe anschickte. Frischer Rasen deckte die obere Fläche des Felsblockes, ein paar Kieferzapfen hatten sich hineingebohrt und in den Felsritzen Wurzel gefaßt. Der Wind hatte die Bäume gerüttelt und geschüttelt, der Wasserfall hatte sie bespült, so daß vier Ellen hoch von der Wurzel keine Zweige waren, sie waren aufs Knie gesunken, und ihre Äste krümmten sich, aber sie standen fest und schossen hoch auf zwischen den Felswänden. Das war das erste, was Eli vom Fenster aus sah, und dann die blendend weißen Schneefirnen hoch über dem Grün. Ihre Augen schweiften hinunter: auf den Feldern war Frieden und Fruchtbarkeit, und jetzt endlich sah sie sich in dem Zimmer um, wo sie stand; der Wasserfall hatte es bisher nicht zugelassen.
Wie war es hier still und fein gegen draußen! Sie sah keine Einzelheiten, weil eins sich in das andere einfügte und das meiste ihr neu war; denn Arne hatte seine ganze Liebe auf dieses Zimmer verwandt, und so dürftig es war, auch in den kleinsten Dingen zeigte sich Kunstverständnis. Ihr war's, als klängen seine Lieder um sie her oder als lächele er selbst sie aus jedem Gegenstand an. Das erste, was sie fesselte, war ein großes, breites, schön geschnitztes Bücherbrett. Da standen soviele Bücher, daß der Herr Pfarrer selbst ja wohl nicht mehr haben konnte. Das nächste war ein schöner Schrank. Darin habe er viele schöne Sachen, sagte die Mutter; da habe er auch sein Geld drin, fügte sie flüsternd hinzu. Zweimal hätten sie geerbt, sagte sie nachher; sie würden noch einmal etwas erben, wenn alles nach Wunsch ginge. "Aber Geld ist nicht das beste auf der Welt; er kann etwas kriegen, was noch besser ist."—Es waren gar manche Kleinigkeiten in dem Zimmer, die ergötzlich anzuschauen waren, und Eli besah sie sich alle wie ein fröhliches Kind. Margit klopfte ihr auf die Schulter: "Ich sehe Dich heute zum erstenmal, Kind, aber ich habe Dich schon so liebgewonnen", sagte sie und sah ihr treuherzig in die Augen. Ehe Eli noch Zeit hatte, verlegen zu werden, zupfte Margit sie am Kleid und sagte ganz leise: "Siehst Du die kleine rote Truhe da?—da ist was Feines drin, kannst Du glauben."——Eli sah hin, es war eine kleine, viereckige Truhe, die sie für ihr Leben gern hätte haben mögen. "Ich darf eigentlich nicht wissen, was in der Truhe ist," flüsterte die Mutter, "und er zieht jedesmal den Schlüssel ab"; sie ging nach der Wand, wo einige Kleidungsstücke hingen, nahm eine Samtweste herunter, suchte in der Uhrtasche und fand wirklich den Schlüssel. "Jetzt sollst Du mal sehen", flüsterte sie. Eli fand es nicht ganz recht, was die Mutter da tat; aber Frauen sind Frauen, und beide gingen ganz leise auf die Truhe zu und knieten davor nieder. Als die Mutter den Deckel aufklappte, schlug ihnen ein Duft daraus entgegen, daß Eli die Hände zusammenschlug, noch ehe sie ein Stück gesehen hatte. Oben drüber war ein Taschentuch gebreitet, das nahm die Mutter weg; "nun sollst Du mal sehen!" flüsterte sie und holte ein schönes, schwarzseidenes Tuch heraus, so eins, wie Männer nicht tragen. "Das ist wie für ein Mädchen gemacht", sagte die Mutter. "Hier ist noch eins", sagte sie dann; Eli befühlte es, sie konnte es nicht lassen; die Mutter wollte es ihr aber auch noch umlegen, obwohl Eli es nicht mochte und den Kopf abwandte. Die Mutter legte es sorglich wieder zusammen. "Jetzt sollst Du mal sehen", sagte sie dann und holte ein paar schöne Atlasbänder heraus; "alles ist doch wie für ein Mädchen." Eli wurde feuerrot, gab aber keinen Laut von sich; ihr Busen wogte, und ihre Augen gingen scheu zur Seite; sonst rührte sie sich nicht. "Hier ist noch mehr!" Die Mutter holte schönen schwarzen Kleiderstoff heraus;—"der ist aber fein", sagte sie und hielt ihn gegen das Licht. Eli zitterte die Hand ein bißchen, als die Mutter sie bat, ihn mal anzufühlen; sie merkte, wie ihr das Blut zu Kopf stieg, sie hätte sich gern abgewandt, aber es ging nicht an. "Er hat jedesmal in der Stadt etwas gekauft", sagte die Mutter. Eli konnte sich kaum noch halten; ihre Augen schweiften von einem Stück in der Truhe zum andern und dann wieder zurück auf den Kleiderstoff; im Grunde sah sie überhaupt nichts mehr. Die Mutter aber ließ nicht nach, und der letzte Gegenstand, den sie herausholte, war in Papier gewickelt; sie wickelte einen Bogen nach dem andern aus; das war nun wieder spannend; und Eli wurde sehr neugierig; es waren ein Paar kleine Schuhe. Etwas so Hübsches hatten sie beide ihr Lebtag nicht gesehen; die Mutter meinte, so etwas könne doch gar nicht gemacht werden, Eli sagte kein Wort; aber als sie die Schuhe anfaßte, drückten sich ihre fünf Finger darauf ab; sie wurde so verlegen, daß sie dem Weinen nahe war; sie wäre am liebsten gegangen; aber sie wagte nicht zu sprechen, wagte auch nicht die Mutter anzusehen. Die hatte aber genug mit sich zu tun. "Sieht es nicht genau aus, als habe er das alles nach und nach für eine gekauft, der er sich's nicht zu geben getraut hat?" sagte sie und packte alles genau so wieder ein, wie es gelegen hatte; sie mußte schon Übung darin haben. "Jetzt wollen wir mal sehen, was hier in der Schublade ist!" Sie öffnete sie so behutsam, als würden sie etwas besonders Schönes zu sehen bekommen. Da lag eine breite Schnalle wie für einen Gürtel; die zeigte sie Eli zuerst; dann zeigte sie ihr ein paar zusammengebundene goldene Ringe, und dann sah sie ein Gesangbuch mit silberbeschlagenem Samtdeckel, aber dann sah sie auch gar nichts mehr, denn auf dem Silberbeschlag des Gesangbuchs war mit feiner Schrift eingraviert: "Eli, Tochter von Baard Böen."——Die Mutter wollte gern, daß sie es sähe, bekam aber keine Antwort und sah nur eine Träne nach der andern auf das Seidenzeug fallen und darüber hinrinnen. Schnell legte die Mutter die Brosche hin, die sie in der Hand hatte, machte die Schublade zu und zog Eli in ihre Arme. Da weinte die Tochter an ihrem Herzen, und die Mutter weinte mit ihr, ohne daß einer von ihnen noch ein Wort gesprochen hätte.
* * * * *
Eine Weile drauf ging Eli allein in den Garten; die Mutter mußte in die Küche, um etwas Gutes herzurichten, denn jetzt kam Arne bald. Später ging sie hinaus und sah sich im Garten nach Eli um; die kauerte da am Boden und schrieb in den Sand. Sie wischte es aus, als Margit kam, blickte auf und lächelte; sie hatte geweint.—"Dabei ist nichts zu weinen, Kind", sagte Margit und streichelte sie. Sie sahen oben am Wege etwas Schwarzes hinter den Büschen. Eli schlich sich ins Haus, die Mutter hinterher. Drinnen war gewaltig aufgetischt: Rahmbrei, Rauchfleisch und Kringel; Eli sah aber gar nicht hin; sie setzte sich dicht an die Wand auf einen Stuhl in der Ecke neben der Uhr und zitterte, sowie sich nur eine Katze rührte. Die Mutter stand am Tisch. Feste Schritte ertönten auf den Steinfliesen, ein kurzer, leichter auf der Diele, leise wurde die Tür aufgemacht und Arne trat ein. Das erste, was er sah, war Eli in der Ecke neben der Uhr; er ließ die Tür los und blieb stehen. Das machte Eli noch verlegener; sie stand auf, bereute es aber gleich und drehte sich nach der Wand um.—"Du bist hier?" sagte Arne leise und wurde glühend rot bei dieser Frage.—Sie hob die Hand hoch und hielt sie sich vor die Augen, als wenn die Sonne zu grell hineinfällt. "Wie—?" er sprach nicht zu Ende, sondern trat einen Schritt oder auch zwei auf sie zu; da ließ sie die Hand wieder sinken und wandte sich ihm zu, neigte aber den Kopf und brach in Tränen aus.—"Gott segne Dich, Eli!" sagte er und umschlang sie; sie lehnte sich an ihn. Er flüsterte etwas zu ihr hinunter, sie antwortete nicht, legte aber beide Arme um seinen Hals.
Lange standen sie so; kein Laut war zu hören außer der ewigen Mahnung des Wasserfalls. Da klang ein Schluchzen vom Tisch her, Arne blickte auf, es war die Mutter; er hatte sie bis dahin nicht gesehen. "Jetzt bin ich unbesorgt, daß Du mich nicht verläßt, Arne", sagte sie und kam auf ihn zu. Sie weinte sehr, aber es tue ihr gut, sagte sie.
* * * * *
Als sie in der hellen Sommernacht nach Hause gingen, konnten sie in ihrer jungen Seligkeit nicht viel sprechen. Sie ließen die Natur für sich reden, wie sie still und licht und groß vor ihnen lag. Auf dem Heimweg aber von dieser ersten Sommernachtwanderung, der erwachenden Sonne entgegen, ging er und legte den Grund zu einem Liede, das zu formen er jetzt freilich nicht die Muße hatte, das aber später, als es fertig war, auf lange Zeit sein Lieblingslied wurde. Es lautete so:
Ich dachte, was Großes würd' ich einmal;
Ich dachte, das kam', wenn ich fort aus dem Tal.
Hab' mich und alles vergessen,—
Aufs Wandern nur war ich versessen.
Da sah mir ein Mädchen ins Auge hinein,
Und ließ mir die Ferne verschwinden:
Jetzt schien mir des Lebens Krone zu sein,
Mit ihr den Frieden zu finden.
Ich dachte, was Großes würd' ich einmal;
Ich dachte, das kam', wenn ich fort aus dem Tal.
Mich trieb's, in der Geister Sphären
Die junge Kraft zu bewähren.
Sie lehrte mich, eh noch ein Wort ihr entfiel,
Es sei das Höchste auf Erden,
Nicht Ruhm und Größe zu suchen als Ziel,
Nein, richtig ein Mensch zu werden.
Ich dachte, was Großes würd' ich einmal;
Ich dachte, das käm', wenn ich fort aus dem Tal.
Ich fror in der Heimat, ich dachte,
Daß man mich verkenn' und verachte.
Als sie mir genaht, da schien mir, es ward
Mir rings mit Liebe begegnet;
Ich war es allein, auf den sie geharrt,
Und neu war das Leben gesegnet.
Noch manche Sommernachtwanderung folgte und manches Lied hinterher. Eins davon mag noch aufgezeichnet werden:
Wie all das gekommen, mir sagt's kein Vermuten;
Es war kein Stürmen, kein Überfluten,
Im Innern ein spielender, blinkender Bach
Ergoß in den Strom sich allgemach,
Der mächtig, so mächtig wallet zum Meere.
Mich dünkt, ein Etwas in diesem Leben
Dringt rufend ans Herz, dem die Sehnsucht gegeben,
Die lockende Macht, die zärtliche Brust,
Den Leid und Scheu und Wanderlust
In Frieden als Brautgabe können umfangen.
Entsandt das Leben mir solch einen frommen
Glücksboten wie den, dessen Ruf ich vernommen,
So fühl' ich das Walten der Gottheit bezeugt,
Die alles lebendigen Ordnungen beugt,—
Still werd' ich zum ewig Guten getragen.
Aber keins gab wohl sein Dankgefühl so wieder wie das folgende:
Die Macht, die mir gab mein schlichter Gesang,
Bewirkte, daß Lebens Leid und Wonne
Glückselig fielen wie Tau und Sonne
Auf der Seele wogenden Frühlingsdrang,
Daß kein Geschehen
Sie niederbricht,—
Im Lied erstehen
Ihr Liebe und Licht.
Die Macht, die mir gab mein schlichter Gesang,
Verbündet mich allen, die Sehnsucht empfinden;
Drum konnte mir nichts die Seele binden,
Nie dauernd mich hemmen ein selbstischer Zwang;
Fortstürmend bangt' ich
Vor Mühsal nicht,—-
Und heimwärts gelangt' ich
Zu Liebe und Licht.
Die Macht, die mir gab mein schlichter Gesang,
Die gibt mir vielleicht auch Macht über andre,
So daß ich vom Weg aus, den ich wandre,
Sie manchmal erfreue durch freundlichen Klang.
Dies will mir erscheinen
Als schönstes Gedicht,
Wenn Lieder uns einen
In Liebe und Licht.
Sechzehntes Kapitel
Es ging auf den Herbst, die Bauern waren beim Einfahren. Ein klarer Tag war es; in der Nacht und am Morgen hatte es geregnet, daher war die Luft milde wie im Sommer. Es war ein Sonnabend, trotzdem aber steuerten viele Boote über den Schwarzen See auf die Kirche zu, die Männer saßen in Hemdsärmeln und ruderten, die Frauen mit hellen Kopftüchern saßen vorn im Boot. Aber noch mehr Boote steuerten nach Böen hinüber, um nachher von dort aus in langem Zuge abzufahren, denn heut richtete Baard Böen für seine Tochter Eli und Arne Nilsson Kampen die Hochzeit aus.
Alle Türen waren offen, viele Leute gingen aus und ein, die Kinder standen, Kuchen in den Händen, draußen auf dem Hof, voll Angst um ihre neuen Kleider und blickten sich fremd an; eine alte Frau saß ganz allein oben auf der Treppe zum Vorratsschuppen: das war Margit Kampen. Sie trug einen breiten, silbernen Ring, an dessen oberer Platte mehrere kleine Ringe befestigt waren; zuweilen schaute sie ihn an; sie hatte ihn von Nils bekommen, an dem Tag, als sie mit ihm vor dem Altar stand, und hatte ihn seitdem nie wieder getragen.
In den zwei, drei Stuben liefen der Tafelmeister und die beiden jungen Brautführer, der Sohn des Pfarrers und Elis Bruder, hin und her und schenkten den Gästen ein, die sich nach und nach zu der großen Hochzeit einfanden. Oben in Elis Gemach saß die Braut mit der Frau Pfarrer und Mathilde, die eigens aus der Stadt gekommen war, um die Braut schmücken zu helfen: das hatten sie sich von klein auf versprochen.—Arne im Tuchanzug mit rundgeschnittener, enganschließender Jacke und einem Kragen, den Eli ihm genäht hatte, stand unten in einer Stube an dem Fenster, an das Eli damals "Arne" geschrieben hatte. Es stand offen, er lehnte im Rahmen und schaute über den stillen See nach der Kirche neben dem Pfarrhof hinüber.
Draußen auf der Diele trafen sich zwei, die beide von ihrer Hantierung kamen, der eine vom Landungssteg, wo er die Boote zur Fahrt in die Kirche hatte ordnen helfen; er hatte eine schwarze, rundgeschnittene Tuchjacke an, aber Hosen aus blauem Fries, die abfärben mußten, denn er hatte ganz blaue Hände; der weiße Kragen stand gut zu seinem blassen Gesicht und dem langen blonden Haar; glatt war die hohe Stirn, und um den Mund lag ein Lächeln. Es war Baard; er traf im Flur auf eine Frau, die gerade aus der Küche kam. Sie hatte sich schon für die Fahrt zur Kirche geschmückt, trat hoch und schlank und sicher aus der Tür und hatte es sehr eilig. Als sie Baard begegnete, blieb sie stehen, und ihr Mund verzog sich ein wenig nach der Seite. Das war Birgit, seine Frau. Beide hatten etwas auf dem Herzen, aber es kam nur darin zum Ausdruck, daß sie stehen blieben. Baard war noch befangener als sie; er lächelte mehr und mehr, aber gerade seine große Verlegenheit kam ihm zu Hilfe, indem er nämlich ohne weiteres sich anschickte, die Treppe hinaufzusteigen. "Du kommst wohl nach", sagte er. Und sie ging hinterdrein. Oben auf dem Boden waren sie ganz allein; aber Baard machte doch die Tür hinter ihnen zu und ließ sich gute Zeit dabei. Als er sich endlich umdrehte, stand Birgit am Fenster und schaute hinaus, weil sie hinein nicht sehen mochte. Baard holte eine kleine Flasche aus der Brusttasche und einen kleinen silbernen Becher. Er wollte seiner Frau einschenken. Aber sie mochte nicht, obwohl er beteuerte, der Wein sei von der Pfarre herübergeschickt. Da trank er ihn selbst aus, bot ihr aber noch ein paarmal an, während er trank. Dann korkte er die Flasche zu, steckte sie mit dem silbernen Becher zusammen wieder in die Brusttasche und setzte sich auf eine Truhe. Es tat ihm sichtlich wehe, daß seine Frau nicht mittrinken wollte.
Ein paarmal holte er tief Atem. Birgit stützte sich mit einer Hand aufs Fensterbrett; Baard hatte etwas auf dem Herzen, aber jetzt ging es noch schwerer. "Birgit", sagte er, "Du denkst heute wohl an dasselbe wie ich."—Nun hörte er sie, denn sie ging von der einen Seite des Fensters zur andern und stützte sich wieder auf ihren Arm. "Na—Du weißt ja, wen ich meine.——Der hat zwischen uns beiden gestanden;———ich dachte, das würde nur bis zur Hochzeit dauern, aber es hat länger gewährt." Er hörte, wie sie atmete, sah, wie sie wieder ihre Stellung veränderte, aber ihr Gesicht konnte er nicht sehen. Ihm selbst wurde es so sauer, daß er sich mit dem Jackenärmel den Schweiß abwischen mußte. Nach langem Kampf fing er wieder an: "Heute wird sein Sohn, schmuck und gescheit, bei uns aufgenommen, und wir haben ihm unsere einzige Tochter gegeben.———Was meinst Du, Birgit,—wollen wir beide nicht auch heut Hochzeit halten?"—Seine Stimme bebte, und er räusperte sich. Birgit, die sich bewegt hatte, legte den Kopf wieder auf den Arm, sagte aber nichts. Baard wartete lange, aber er bekam keine Antwort,—und er selbst hatte auch nichts mehr zu sagen. Er blickte auf und wurde sehr blaß, denn sie hatte nicht einmal den Kopf umgewandt. Da stand er auf. Im selben Augenblick klopfte es leise an die Tür, und eine weiche Stimme fragte: "Kommst Du jetzt, Mutter?"—es war Eli. Es lag ein etwas in der Stimme, so daß Baard unwillkürlich stehen blieb und ebenso unwillkürlich Birgit ansehen mußte. Auch Birgit hob den Kopf; sie sah nach der Tür und begegnete Baards blassem Gesicht. "Kommst Du jetzt, Mutter?" fragte es draußen noch einmal. "Ja, jetzt komme ich!" sagte Birgit mit gebrochener Stimme, indem sie fest und stolz auf Baard zuging, ihm die Hand gab und in heftiges Weinen ausbrach. Ihre Hände umklammerten sich; wohl waren sie jetzt abgenutzt, aber sie hielten sich so fest, als hätten sie zwanzig Jahre lang einander gesucht. Beide hielten sich noch an der Hand, als sie auf die Tür zugingen; und als nach einer Weile der Brautzug sich zum Landungssteg begab und Arne seiner Eli die Hand reichte, um mit ihr voranzugehen, und Baard das sah, da nahm er gegen alle Sitte und Gewohnheit seine Frau bei der Hand und ging strahlend hinterher, dann aber kam Margit Kampen, allein, wie sie es gewohnt war. Baard war ganz ausgelassen den Tag: er saß und schwatzte mit den Bootsknechten. Einer davon blickte die Bergwand hinter ihnen hinauf und sagte, es sei doch seltsam, daß selbst so steile Felsen sich mit Grün bekleiden könnten. "Was kommen soll, kommt doch,—es mag wollen oder nicht", sagte Baard und sah über den ganzen Zug hin, bis seine Augen an dem Brautpaar und seiner Frau hängen blieben: "Das hätte mal einer vor zwanzig Jahren sagen sollen", meinte er.
* * * * *
EIN FRÖHLICHER BURSCH
Erstes Kapitel
Öyvind hieß er, und als er geboren wurde, schrie er. Aber als er erst aufrecht auf Mutters Schoß saß, lachte er, und wenn abends Licht angesteckt wurde, lachte er, daß es schallte; doch wenn er nicht herandurfte, weinte er. "Aus dem Jungen wird sicher was Besonderes", sagte seine Mutter.
Über das Haus, worin er geboren wurde, neigte sich die kahle Bergwand; aber sie war nicht sehr hoch. Fichten und Birken schauten hernieder, und die Vogelkirsche streute ihre Blüten aufs Dach. Oben auf dem Dache aber sprang ein Böckchen, das Öyvind gehörte; es mußte da oben weiden, wo es sich nicht verlaufen konnte, und Öyvind brachte ihm Laub und Gras. Eines schönen Tages sprang das Böckchen zur Bergwand hinüber; es kletterte hinauf, weit hinauf, wo es noch nie gewesen war. Öyvind sah das Böckchen nicht, als er nach der Vesper hinauskam, und gleich dachte er an den Fuchs. Ihm wurde ganz heiß bei dem Gedanken; er sah sich um und lauschte: "Meck—meck—meck—mecke—Böckchen!"—"Mä-ä-ä-äh", schrie der Bock oben auf der Bergwand, bog den Kopf zur Seite und guckte herunter.
Neben dem Bock aber lag ein kleines Mädchen auf den Knien. "Ist das Dein Bock?" fragte sie. Öyvind riß Mund und Augen auf und steckte beide Hände in die Hosentaschen. "Wer bist Du?" fragte er.—"Ich bin doch die Margit, Mutters Kleine und Vaters Fiedel, der Kobold im Haus, das Großkind von Ola Nordistuen auf dem Heidehof; im Herbst werde ich vier Jahre, zwei Tage nach den Frostnächten—ja!"—"Also die bist Du", sagte er und holte Luft, denn er hatte, während sie sprach, nicht zu atmen gewagt.
"Ist der Bock Dein?" fragte das Mädchen noch einmal.—"Jaha", sagte er und sah hinauf. "Mir gefällt der Bock so gut;—Du, willst ihn mir nicht schenken?"—"Nein, das will ich nicht."
Sie lag und strampelte mit den Beinen und sah zu ihm hinunter, und schließlich sagte sie: "Und wenn ich Dir einen Butterkringel dafür gebe, kann ich den Bock dann kriegen?" Öyvind war armer Leute Kind; er hatte Butterkringel erst einmal in seinem Leben gegessen; damals, als sein Großvater zu Besuch gekommen war. So was Schönes hatte er sein Lebtag nicht gegessen. Er sah zu dem Mädchen hinauf; "zeig' mir den Kringel erst", sagte er. Sie bedachte sich nicht lang und hielt ihm den großen Kringel hin, den sie in der Hand hatte. "Da hast ihn", sagte sie und warf ihm den Kringel zu. "Au, er ist kaputt gegangen", sagte der Junge und sammelte sorglich jedes Stückchen auf; das allerkleinste mußte er doch mal kosten, und das schmeckte so gut, daß er noch eins kosten mußte, und ehe er sich's versah, hatte er den ganzen Kringel aufgegessen.
"Jetzt ist der Bock mein", rief das Mädchen. Dem Jungen blieb der letzte Bissen im Munde stecken; das Mädel lag und lachte, und der Bock mit der weißen Brust und dem bräunlich-schwarzen Fell stand daneben und guckte mit schiefem Kopf hinunter.
"Kannst Du ihn mir nicht noch ein bißchen lassen?" bettelte der Bub, und sein Herz fing zu klopfen an. Da lachte das Mädel noch mehr und richtete sich schnell auf. "Nein, der Bock ist mein", sagte sie, schlang die Arme dem Tier um den Hals, machte ihr Strumpfband los und band es ihm um. Öyvind sah zu. Nun stand sie auf und versuchte den Bock mit wegzuzerren. Der wollte aber nicht und reckte den Hals nach Öyvind hinunter. "Mä-ä-ä-äh!" schrie er. Sie aber faßte mit einer Hand seine Mähne, mit der andern das Band und sagte liebkosend: "Komm, Böckchen, Du kommst auch mit in die Stube und darfst aus Mutters Schüssel essen und aus meiner Schürze", und dann sang sie:
Komm, Bock, zu dem Knaben.
Komm, Kalb, zu der Kuh,
Kommt, miauende Katzen,
Auf schneeweißem Schuh;
Komm, Entengehecke,
Aus deinem Verstecke,
Kommt, Küchlein, ihr kleinen,
Fällt's schwer auch den Beinen.
Mit feinen Hauben
Kommt, ihr meine Tauben!
Ist's feucht noch, wie gut
Die Sonne doch tut.
Ja, Sommer, Sommer ist uns schon nah,
Doch rufst du den Herbst, ist er da!
* * * * *
Da stand der Junge nun.
Mit dem Bock hatte er seit dem Winter, wo er geboren war, gespielt und hatte nie gedacht, er müsse ihn einmal hergeben; und nun war es so ganz plötzlich geschehen, und er würde den Bock nie mehr wiedersehen.
Die Mutter kam, ein Liedchen summend, vom Strande herauf mit ihren hölzernen Kübeln, die sie gescheuert hatte. Sie sah ihren Jungen mit gekreuzten Beinen im Grase sitzen und weinen und ging hin zu ihm. "Warum weinst Du?"—"Ach, der Bock, der Bock!"—"Ja, wo ist denn der Bock?" fragte seine Mutter und sah zum Dach hinauf.—"Der kommt nie mehr wieder", sagte der Junge.—"Aber Kind, wie sollte das wohl zugehen?"—Er mochte es nicht gleich sagen. "Hat der Fuchs ihn geholt?"—"Ach, ich wollt', es war' der Fuchs gewesen!"—"Bist Du nicht bei Trost," sagte die Mutter, "was ist mit dem Bock geschehen?"—"A-a-ach, ich hab' ihn—verkauft für einen—Kringel."
Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, da begriff er erst, was es heißt, den Bock für einen Kringel zu verkaufen; daran hatte er vorher gar nicht gedacht. Seine Mutter sagte: "Was, meinst Du wohl, mag der Bock von Dir denken, daß Du ihn für einen Kringel verkaufen konntest?"
Daran dachte der Junge ja schon selber, und ihm wurde klar, daß er hier in dieser Welt nie wieder fröhlich werden könne,—"und im Himmel auch wohl nicht mehr", fiel ihm hinterher ein.
Sein Kummer war so groß, daß er sich fest vornahm, nie wieder einen dummen Streich zu machen, nie mehr den Faden vom Spinnrocken abzuschneiden oder die Schafe herauszulassen oder allein ans Wasser zu gehen. Dabei schlief er ein, und er träumte, der Bock sei ins Himmelreich gekommen; der liebe Gott saß da mit einem langen Bart genau wie im Katechismus, und der Bock fraß von einem schimmernden Busch die Blätter ab. Öyvind aber saß ganz allein auf dem Dach und konnte nicht hinauf.
Da kam ihm etwas Feuchtes ans Ohr, und er fuhr in die Höhe. "Mä-ä-ä-äh!" sagte es, und sein Bock war wieder da!
"Herrjeh, Du bist wieder da?" Er sprang auf, faßte den Bock an beiden Vorderbeinen und tanzte mit ihm, als sei's sein Bruder, und zupfte ihn am Bart und wollte gerade mit ihm zur Mutter laufen, da hörte er ein Geräusch und sah das kleine Mädchen dicht hinter sich auf der grünen Wiese sitzen. Nun wurde ihm alles klar; er ließ den Bock los. "Bist Du mit ihm hergekommen?" Sie saß da und riß mit den Händen Grasbüschel aus und sagte: "Ich darf ihn nicht behalten. Großvater sitzt oben und wartet." Wie der Junge noch da stand und sie ansah, hörte er eine scharfe Stimme oben vom Wege her: "Na, wird's bald?"—Da wußte sie, was sie zu tun hatte. Sie stand auf, ging auf Öyvind zu, schob ihre erdige kleine Hand in seine, blickte zur Seite und sagte: "Sei nicht bös!" Damit war es aber auch mit ihrem Mut zu Ende, sie warf sich über den Bock und fing zu weinen an.
"Meinetwegen kannst Du den Bock behalten", sagte Öyvind und sah weg.
"Beeil' Dich 'n bißchen!" rief der Großvater von der Höhe. Und Margit stand auf und stieg langsam den Berg hinan. "Du hast ja Dein Strumpfband verloren!" rief Öyvind ihr nach. Da drehte sie sich um und sah erst das Band und dann den Jungen an. Schließlich faßte sie einen großen Entschluß und sagte mit erstickter Stimme: "Das kannst Du behalten." Er lief ihr nach und gab ihr die Hand: "Ich dank' auch schön!" sagte er. "Ach, wofür denn?" sagte sie, stieß einen unendlich langen Seufzer aus und ging weiter.
Er setzte sich wieder ins Gras, der Bock weidete neben ihm; aber der
Junge hatte nicht mehr soviel Freude dran wie sonst.
Zweites Kapitel
Der Bock war am Haus angebunden, Öyvind aber schaute zu den Bergen hinauf. Die Mutter kam heraus zu ihm und setzte sich neben ihn; er wollte Märchen aus ferner Zeit hören, denn jetzt genügte ihm der Bock nicht mehr. Und da erfuhr er denn, daß früher einmal alle Dinge reden konnten; der Berg sprach mit dem Bach und der Bach mit dem Fluß und der Fluß mit dem Meer und das Meer mit dem Himmel; und dann fragte er, ob denn der Himmel mit niemand spreche. Doch, der Himmel sprach mit den Wolken, die Wolken aber mit den Bäumen, die Bäume aber mit dem Grase, das Gras aber mit den Fliegen, die Fliegen aber mit den Tieren, die Tiere aber mit den Kindern, die Kinder aber mit den Großen. Und so ging es immer weiter, bis die Reihe herum war, und keiner wußte, wer eigentlich den Anfang gemacht hatte. Öyvind schaute Berge und Bäume und Meer und Himmel an; er hatte das alles eigentlich noch nie richtig gesehen. Da kam gerade die Katze aus dem Hause und legte sich auf die Steinfliesen in die Sonne. "Was sagt denn die Katze?" fragte Öyvind und zeigte auf sie. Die Mutter sang:
Die Abendsonne liegt auf den Wiesen,
Die Katze dehnt sich faul auf den Fliesen.
"Zwei Mäuslein fett,
Rahm vom Küchenbrett,
Vier Stück Fisch
Stahl ich hinterm Tisch,
Und bin so wonnig satt
Und bin so wohlig matt!"
Sagt die Katze.
Und nun kam der Hahn mit all den Hennen. "Was sagt denn der Hahn?" fragte Öyvind und klatschte in die Hände. Die Mutter sang:
Die Henne gluckt ihrer kleinen Gemeine,
Der Hahn steht würdig auf einem Beine.
"Die Gans da, ei seht,
Wie wichtig sie geht!
Doch sie weiß nicht, gebt acht,
Wie man Kratzfüße macht!
Hühner, Hühner, ins Haus hinein,
Der Tag mag für heute beurlaubt sein!"
Sagt der Hahn.
Zwei kleine Vögel aber saßen oben auf dem Dachfirst und sangen. "Was sagen denn die Vögel?" fragte Öyvind und lachte.
"Das ist ein Leben, muß ich sagen,
Braucht man um nichts sich zu plagen!"
Sagt der Vogel.
Und er erfuhr, was ein jedes sagte bis hinunter zu der Ameise, die im
Moose krabbelte, und dem Wurm, der in der Borke nagte.
In diesem Sommer unterwies ihn seine Mutter auch im Lesen. Bücher hatte er schon längst gehabt und oft drüber nachgedacht, wie das wohl zugehen möge, wenn auch die zu sprechen anfingen. Da wurden die Buchstaben zu Tieren, zu Vögeln und zu allem Möglichen; aber es dauerte nicht lange, da gingen sie immer zu zweien miteinander; das A blieb stehen und machte unter einem Baume Rast, der B hieß, dann kam das C und machte es auch so. Als sie aber zu dreien und vieren beisammen waren, da schien es, als könnten sie sich nicht vertragen; es wollte nicht recht gehen. Und je weiter er kam, desto mehr vergaß er, was sie bedeuteten; am längsten blieb das A in seinem Gedächtnis haften; das A gefiel ihm am besten. Das war ein kleines schwarzes Lamm und war mit allen gut Freund. Aber bald vergaß er auch das A, denn in dem Buche standen keine Märchen, da standen nur Aufgaben.
Da eines Tages kam die Mutter herein und sagte: "Morgen fängt die Schule wieder an, Du sollst mit mir hin." Öyvind hatte gehört, die Schule sei ein Ort, wo viele Knaben zusammen spielten, und dagegen hatte er durchaus nichts. Er freute sich sehr darauf; auf dem Gehöft war er schon oft gewesen, aber nie zur Schulzeit, und er lief schneller als seine Mutter die Hügel hinauf, denn er konnte es kaum erwarten. Sie kamen an das Altenteilhäuschen; ein fürchterliches Gesumme wie in der Mühle zu Haus schlug ihnen entgegen, und er fragte seine Mutter, was das sei. "Da lesen die Kinder", sagte sie, und das freute ihn sehr, denn so hatte er auch lesen können, als er die Buchstaben noch nicht gekannt hatte. Als er hineinkam, sah er um einen Tisch soviele Kinder sitzen, daß sicher in der Kirche auch nicht mehr sein konnten; andere saßen auf ihren Eßkobern an der Wand, wieder andere standen in kleinen Gruppen um eine Tafel herum; der Schulmeister, ein alter grauhaariger Mann, saß am Herd auf einem Schemel und stopfte seine Pfeife. Als Öyvind und seine Mutter hereinkamen, blickten alle auf, und die summende Mühle stand still, als sei die Schleuse gesperrt. Alle blickten auf die Eintretenden; die Mutter begrüßte den Schulmeister und er sie.
"Hier bringe ich einen kleinen Jungen, der lesen lernen möchte", sagte die Mutter. "Wie heißt das Kerlchen?" fragte der Schulmeister und wühlte in seinem Lederbeutel nach Tabak.
"Öyvind", sagte die Mutter; "er kann schon die Buchstaben und kann auch rechnen." "Sieh einer an," sagte der Schulmeister, "komm mal her, Du Weißkopf!" Öyvind ging zu ihm hin; der Schulmeister setzte ihn auf seinen Schoß und nahm ihm die Mütze ab. "'n hübscher kleiner Bursch", sagte er und strich ihm übers Haar. Öyvind sah ihm in die Augen und lachte. "Lachst Du etwa über mich?" Er runzelte die Brauen. "Ja, natürlich", sagte Öyvind und lachte aus Leibeskräften. Da mußte der Schulmeister auch lachen, die Mutter lachte, und als die Kinder merkten, daß sie es durften, lachten sie alle zusammen.
Somit war Öyvind in die Schule aufgenommen.
Als er sich setzen mußte, wollten ihm alle Platz machen. Er sah sich auch lange um; sie tuschelten und zeigten auf ihn. Er drehte sich nach allen Seiten, die Mütze in der Hand und das Buch unterm Arm. "Na, was wird das werden?" fragte der Schulmeister, der schon wieder mit seiner Pfeife zu tun hatte. Als der Junge sich eben nach dem Schulmeister umwenden will, sieht er dicht neben dem Herd auf einem rotbemalten Eßkober Margit mit den vielen Namen sitzen; sie hatte das Gesicht in den Händen versteckt und lugte zu ihm hin. "Hier will ich sitzen", sagte Öyvind schnell, nahm sich einen Kober und setzte sich neben sie. Jetzt hob sie den einen Arm ein bißchen und sah ihn unterm Ellbogen an; da versteckte er auch schnell sein Gesicht in beiden Händen und sah unterm Ellbogen zu ihr hin. So saßen sie beide da und neckten sich, bis sie lachte; nun lachte er auch, und die andern Kinder hatten es gesehen und lachten mit. Da fuhr eine entsetzlich laute Stimme, die aber bei jedem Worte milder wurde, dazwischen. "Ruhe, Ihr Bande, Ihr Kroppzeug, Ihr Nichtsnutze! Ruhe! Und seid mal hübsch artig, Ihr Zuckerschweinchen!" Das war der Schulmeister; er hatte es so an sich, leicht aufzubrausen, aber ehe er noch zu Ende geredet hatte, pflegte er schon wieder gut zu sein. Es wurde augenblicklich still in der Klasse, bis die Pfeffermühlen wieder in Gang kamen; jedes las laut aus seinem Buch, manche im feinsten Diskant, die gröberen Stimmen trompeteten lauter und lauter, um die andern zu überschreien, und ab und zu johlte einer dazwischen. Öyvind hatte sein Lebtag noch nicht solchen Spaß gehabt.
"Ist das hier immer so?" flüsterte er Margit zu. "Ja immer", sagte sie.
Nachher mußten sie vortreten und lesen; dann wurde ein anderer Junge beauftragt, sie lesen zu lassen, und schließlich waren sie erlöst, konnten sich wieder auf ihren Platz setzen und brauchten nichts zu tun.
"Jetzt habe ich auch ein Böckchen", sagte Margit.—"Wirklich?"—"Ja, aber es ist nicht so schön wie Deins!"—"Warum bist Du nicht öfter auf den Berg gekommen?"—"Großvater hat Angst, ich könnte hinunterfallen."—"Es ist doch gar nicht so hoch."—"Großvater will's aber nicht."
"Meine Mutter weiß soviele Lieder", sagte er.—"Na, mein Großvater auch—das kannst Du glauben."—"Ja, aber nicht solche wie meine Mutter."—"Aber mein Großvater kann eins vom Tanzen.—Soll ich's mal sagen?"—"Ja, bitte."—"Aber dann mußt Du näher herankommen, sonst merkt's der Schulmeister." Er rückte näher, und dann sagte sie ihm ein paar Strophen vor,—vier, fünfmal, bis er sie konnte, und das war das erste, was er in der Schule lernte.
"Tanz!" rief die Fiedel
Mit schnarrender Saite,
Der Bauer, der Breite,
Spreizte sich: "Ha!"
"Holla", rief Ola
Und bracht' ihn zu Falle,—
Wie lachten alle
Die Jüngferchen da!
"Hopp", sagte Erik,
Und klomm zur Decke,—
Da krachten Ecke
Und Wände im Haus.
"Stopp", sagte Elling,
Und trug ihn am Kragen
Hinaus ohne Zagen:
"Hier tobe dich aus!"
"Hei", sagte Rasmus,
"Her mit dem Munde,
Randi, du runde!
Schnell, mach' dich bereit."
"Ei", sagte Randi;
Gab ihm eine Schelle,—
Wie rieb er die Stelle,—
"Da hast du Bescheid!"
"Aufstehn, Kinder!" rief der Schulmeister. "Heut am ersten Tag sollt Ihr früh nach Hause gehen; aber erst wollen wir noch beten und singen." Da gab es ein Leben in der Schulstube; sie sprangen von den Bänken auf, rannten durch die Stube und schwatzten durcheinander. "Ruhe, Ihr Strolche, Ihr Hallunken, Ihr Banditen!—Ruhe! Und hübsch leise auftreten, Kinderchen!" sagte der Schulmeister, und sie stellten sich ruhig in Reih und Glied, worauf der Schulmeister vor sie hintrat und ein kurzes Gebet sprach. Dann sangen sie. Der Schulmeister stimmte mit seinem kräftigen Baß an, alle Kinder standen mit gefalteten Händen da und sangen mit. Öyvind stand mit Margit dicht an der Tür und sah zu; sie hatten auch die Hände gefaltet, aber mitsingen konnten sie nicht.
Das war der erste Schultag.
Drittes Kapitel
Öyvind wuchs heran und wurde ein prächtiger Bursche; in der Schule saß er immer oben und zu Hause war er anstellig bei jeder Arbeit. Das kam daher, daß er daheim seine Mutter lieb hatte und in der Schule seinen Lehrer. Den Vater sah er nur selten; der war entweder auf Fischfang, oder er hatte in der Mühle zu tun, wo das halbe Dorf mahlen ließ.
Was in diesen Jahren auf sein Gemüt am meisten wirkte, das war die Geschichte des Schulmeisters, die Mutter ihm eines Abends, als sie am Herde saßen, erzählte. Sie wob sich in seine Bücher hinein, sie legte sich in jedes Wort, das der Schulmeister sagte, und huschte durch die Schulstube, wenn alles still war. Sie machte ihn gehorsam und demütig und ließ ihn gewissermaßen alles leichter verstehen, was gelehrt wurde. Diese Geschichte war folgendermaßen:
Baard hieß der Schulmeister, und er hatte einen Bruder, der hieß Anders. Sie hatten sich beide gern, ließen sich miteinander anwerben, lebten zusammen in der Stadt, machten den Krieg mit, wobei sie beide zu Korporalen befördert wurden, und standen bei derselben Kompagnie. Als sie nach dem Kriege wieder nach Hause kamen, fanden alle, es seien zwei Staatskerle. Da starb ihr Vater; er hatte viele Besitztümer gehabt, die schwer zu teilen waren, deshalb vereinbarten sie, sie wollten sich lieber nicht deswegen veruneinigen, sondern wollten alles versteigern lassen, so daß jeder kaufen könne, was er wolle; der Erlös aber solle geteilt werden. Gesagt, getan. Nun hatte aber der Vater eine große goldene Uhr besessen, die weit und breit berühmt war; denn es war die einzige goldene Uhr, die die Leute in dieser Gegend je gesehen hatten, und als diese Uhr zur Versteigerung kam, wollten viele reiche Männer sie haben; als aber auch die beiden Brüder zu bieten begannen, traten die andern zurück. Nun erwartete Baard von Anders, er werde ihm die Uhr lassen, und Anders erwartete das gleiche von Baard. Jeder gab sein Gebot ab, um den andern auf die Probe zu stellen, und beim Bieten blickte einer auf den andern. Als die Uhr bis auf zwanzig Taler gekommen war, fand Baard, das sei gar nicht nett von seinem Bruder gehandelt, und er bot weiter, bis dreißig Taler; als Anders auch da noch nicht nachgab, dachte Baard, Anders habe wohl ganz vergessen, wie gut er immer zu ihm gewesen sei, und außerdem war er doch der ältere, und er bot mehr als dreißig Taler. Anders tat immer noch mit. Da brachte Baard mit einem Schlage die Uhr auf vierzig Taler und sah seinen Bruder nicht mehr dabei an; es war sehr still in dem Zimmer, wo die Auktion stattfand, nur der Vogt wiederholte ruhig den Preis. Anders stand da und dachte sich: könne Baard vierzig Taler geben, so könne er es auch, und wenn ihm Baard die Uhr nicht gönne, so würde er sie sich eben nehmen; er bot also mehr. Das erschien Baard als die größte Schmach, die ihm je widerfahren war; er bot ganz leise fünfzig Taler. Viele Leute standen ringsum, und Anders dachte, so dürfe sein Bruder ihn doch nicht vor aller Ohren verspotten, und bot mehr. Da lachte Baard: "Hundert Taler und meine Bruderliebe in Kauf", sagte er, drehte sich um und ging aus der Stube. Nach einer Weile kam ihm einer nach, als er schon im Begriff war, sein Pferd zu satteln, das er kurz zuvor gekauft hatte. "Du kriegst die Uhr," sagte der Mann, "Anders hat's aufgegeben." Als Baard das hörte, durchfuhr es ihn wie Reue; er dachte an seinen Bruder und nicht an die Uhr. Der Sattel war aufgelegt, aber er hatte die Hand noch auf dem Rücken des Pferdes und wußte nicht, ob er reiten solle. Da kam eine Menge Menschen heraus, Anders war auch darunter, und als er seinen Bruder neben dem gesattelten Pferd stehen sah, wußte er nicht, was für Gedanken Baard in diesem Augenblick bewegten, sondern schrie ihm zu: "Schönen Dank für die Uhr, Baard! Die Stunde, da Dein Bruder wieder Deinen Weg kreuzt, wird sie Dir nicht anzeigen."—"Und auch nicht die Stunde, da ich auf diesen Hof zurückreite!" erwiderte Baard mit bleichem Gesicht und schwang sich auf sein Pferd. Das Haus, in dem sie beide zusammen mit ihrem Vater gelebt hatten, betrat keiner von ihnen mehr.
Bald darauf heiratete Anders in eine Kätnerwirtschaft ein, lud aber Baard nicht zur Hochzeit; Baard war auch nicht mal in der Kirche. Im ersten Jahr, als Anders verheiratet war, fand man die einzige Kuh, die er besaß, tot an der nördlichen Seite des Hauses, wo sie angebunden war, und keiner konnte begreifen, woran sie gestorben war; anderes Mißgeschick kam hinzu, und es ging abwärts mit ihm; am schlimmsten aber wurde es, als mitten im Winter seine Scheune abbrannte mit allem, was darin war; keiner wußte, wie das Feuer aufgekommen war. "Das hat einer angelegt, der mir nichts Gutes gönnt", sagte Anders, und in dieser Nacht weinte er. Er war ein armer Mann geworden und hatte keine Lust zur Arbeit mehr.
Da stand am andern Abend plötzlich Baard in seiner Stube. Anders lag auf dem Bett, als der andere eintrat, aber er sprang auf. "Was willst Du hier?" fragte er, schwieg dann aber und sah seinen Bruder unverwandt an. Baard zögerte einen Augenblick, bis er antwortete: "Ich möchte Dir helfen, Anders, Dir geht es nicht gut."—"Mir geht es so, wie Du es mir gönnst, Baard! Geh lieber, denn ich weiß nicht, ob ich mich beherrschen kann!"—"Du irrst, Anders; es tut mir leid—"—"Geh, Baard, oder Gott gnade uns beiden!"—Baard trat ein paar Schritte zurück; mit zitternder Stimme sagte er: "Wenn Du die Uhr haben willst, so kannst Du sie bekommen!"—"Geh, Baard!" schrie der andere; da mochte Baard nicht länger bleiben und ging.
Mit Baard war das aber so zugegangen: als er hörte, daß es seinem Bruder schlecht gehe, taute sein Herz auf, aber sein Stolz hielt ihn zurück. Er fühlte das Bedürfnis, in die Kirche zu gehen, und dort faßte er allerlei gute Vorsätze, doch er konnte sie nicht ausführen. Manchmal ging er so weit, bis er das Haus sehen konnte, aber dann kam gerade einer aus der Tür, oder es war Besuch da, oder Anders stand draußen und hackte Holz,—kurz, es kam immer etwas dazwischen. Eines Sonntags aber gegen Ende des Winters war er wieder in der Kirche, und Anders war auch da. Baard sah, wie bleich und mager er geworden war, und er trug noch dieselben Kleider wie damals, als sie zusammen waren, doch jetzt waren sie alt und geflickt. Während der Predigt blickte er zum Pfarrer auf, und es kam Baard vor, als sehe sein Bruder gut und mild aus; er dachte an ihre Kinderjahre, und was für ein gutes Kind er gewesen war. Baard ging an diesem Tage zum Abendmahl, und gelobte Gott feierlich, er wolle sich mit seinem Bruder versöhnen, komme, was da wolle. Dieser Vorsatz erfüllte seine Seele, als er aus dem Kelche trank, und als er sich erhob, wollte er gleich auf ihn zugehen und sich neben ihn setzen; aber der Platz war besetzt, und sein Bruder sah nicht auf. Nach der Predigt kam auch wieder etwas dazwischen; es waren soviele Leute da, seine Frau ging neben ihm, und die kannte er doch nicht; er dachte, das beste sei, er gehe hin zu ihm und rede vernünftig mit ihm. Als es Abend wurde, führte er das aus. Er ging bis an die Stubentür und lauschte; und da hörte er seinen eigenen Namen; es war die Stimme der Frau. "Er ist heut zum Abendmahl gegangen," sagte sie, "da hat er gewiß an Dich gedacht."—"Nein, der hat nicht an mich gedacht," sagte Anders, "der denkt bloß an sich selbst."
Dann sagte lange Zeit keiner etwas; Baard stand der Schweiß auf der Stirn, obschon es ein kalter Abend war. Die Frau drinnen klapperte mit den Töpfen, auf dem Herde knisterte und knackte es, ein kleines Kind schrie dazwischen, und Anders wiegte es in Schlaf. Schließlich sagte die Frau: "Ich glaube, Ihr denkt beide aneinander und wollt es nur nicht zugeben."—"Wir wollen von was anderm reden", sagte Anders. Nach einer Weile stand er auf und näherte sich der Tür. Baard mußte sich im Holzschuppen verstecken; gerade dahin kam aber Anders, um sich einen Arm voll Holz zu holen. Baard stand in der Ecke und sah ihn ganz genau; er hatte seinen schäbigen Sonntagsrock ausgezogen und war in der Uniform, die er, gerade wie Baard auch, aus dem Kriege mit heimgebracht hatte, und er hatte dem Bruder versprochen, sie nie zu tragen, sondern sie auf die Nachkommen zu vererben, und Baard hatte ihm das gleiche Versprechen gegeben. Die von Anders war jetzt geflickt und schäbig, seine kräftige, gutgewachsene Gestalt steckte wie in einem Bündel Lumpen, und dabei hörte Baard, wie bei ihm selber die goldene Uhr in der Tasche tickte. Anders ging auf den Reisighaufen zu, aber statt sich zu bücken und einen Arm voll aufzuraffen, blieb er stehen, lehnte sich an einen Holzstoß und sah zu dem leuchtend klaren Sternenhimmel auf. Dann seufzte er tief und sagte: "Ach—ja—ja—ja; o mein Gott, mein Gott!"
Solange Baard lebte, klang ihm das in den Ohren. Er wollte vor ihn hintreten, aber da hustete sein Bruder, und das klang so furchtbar trocken; das genügte schon, um ihn wieder zurückzuhalten. Anders nahm seine Tracht Holz und ging so dicht an Baard vorbei, daß die Zweige ihm ins Gesicht schlugen.
Wohl zehn Minuten stand Baard auf demselben Fleck, und wer weiß, wann er gegangen wäre, wenn er nicht von der großen Aufregung einen Schüttelfrost bekommen hätte, daß er am ganzen Leibe zitterte. Da ging er hinaus; er gestand sich offen ein, daß er zu feige war, hineinzugehen, deshalb hatte er sich jetzt einen andern Plan ausgedacht. Aus einem Ascheimer, der in der Ecke neben ihm stand, nahm er ein paar Kohlenstücke, suchte sich einen Kienspan, ging in die Scheune, machte die Tür hinter sich zu und schlug Feuer. Als er den Span in Brand hatte, leuchtete er damit nach dem Haken, an den Anders seine Laterne hängte, wenn er früh morgens zum Dreschen kam. Baard holte seine goldene Uhr heraus und hängte sie an den Haken, löschte dann seinen Span aus und ging, und jetzt war ihm so leicht ums Herz, daß er wie ein Jüngling durch den Schnee lief.
Tags darauf hörte er, die Scheune sei in der Nacht niedergebrannt. Vermutlich waren von dem Span, mit dem er sich geleuchtet hatte, als er die Uhr aufhing, Funken heruntergefallen.
Das erschütterte ihn so, daß er den ganzen Tag wie ein Kranker dasaß; er nahm sein Gesangbuch und sang, und die Leute bei ihm im Hause dachten, irgend was müßte da nicht seine Richtigkeit haben. Abends aber ging er fort; es war heller Mondschein; er ging nach dem Gehöft seines Bruders, grub auf der Brandstätte nach und fand wirklich ein zusammengeschmolzenes Klümpchen Gold; das war die Uhr.
Mit dem Gold in der Hand war er am selben Abend zu seinem Bruder hineingegangen, hatte um Frieden gebeten und alles aufklären wollen. Aber wie es ihm da erging, ist ja schon erzählt.
Ein kleines Mädchen hatte ihn an der Brandstelle graben sehen, ein paar Burschen, die zum Tanz gegangen waren, hatten ihn am Sonntagabend auf das Gehöft zuschreiten sehen, die Leute bei ihm im Hause erzählten, wie wunderlich er am Montag gewesen war, und weil ja alle wußten, daß er mit seinem Bruder verfeindet war, so wurde Anzeige erstattet und eine Untersuchung angeordnet.
Keiner konnte ihm etwas beweisen, aber der Verdacht blieb an ihm hängen; weniger als je konnte er sich jetzt seinem Bruder nähern.
Anders hatte sofort an Baard gedacht, als die Scheune in Flammen stand, aber er hatte es keinem gesagt. Als er ihn am Abend darauf bleich und verstört in seine Stube kommen sah, durchzuckte ihn der Gedanke: jetzt hat ihn die Reue gepackt, aber eine so schändliche Handlungsweise dem eigenen Bruder gegenüber ist unverzeihlich. Später hörte er dann von den Leuten, daß sie ihn an dem Abend, da das Feuer auskam, auf das Haus hatten zugehen sehen, und obwohl durch das Verhör nichts Gewisses festgestellt wurde, glaubte er steif und fest, Baard sei der Täter. Sie trafen sich beim Verhör, Baard in seinen guten Kleidern, Anders in seinen geflickten; Baard sah, als er hereinkam, mit einem so flehenden Blick zu ihm hin, daß es Anders durch und durch ging. Er will, ich soll nichts sagen, dachte Anders, und als er gefragt wurde, ob er seinem Bruder die Tat zutraue, sagte er laut und bestimmt: "Nein."