Aus
„Der Weltfreund“
Gedichte
1911
An den Leser
Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein!
Bist Du Neger, Akrobat, oder ruhst Du noch in tiefer Mutterhut,
Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im Abendschein,
Bist Du Soldat, oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut.
Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge?
Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf.
Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe,
Sei nicht hart, und löse Dich mit mir in Tränen auf!
Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß
Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen,
Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis,
Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten stellen.
Ich lebte im Walde, hatte ein Bahnhofsamt,
Saß gebeugt über Kassabücher, und bediente ungeduldige Gäste.
Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt,
Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste.
So gehöre ich Dir und Allen!
Wolle mir, bitte, nicht widerstehn!
O, könnte es einmal geschehn,
Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!
Kindersonntagsausflug
Vom Quai steigt eine Treppe zu Dampfschiff und Booten.
Oh, Kindersonntagsausflug! Wie abenteuerlich kam mir das alles vor.
Strahlender Fluß, Frühlingshimmel, Regattakähne, Eisenbahnbrücke, Gerüste und Piloten,
Blauer Rauch in der Luft. Oh dünnes Gewebe, oh schwacher Flor!
Ein enges Brett — schaukelnder Boden — ich dachte an meine Seegeschichten.
Worte wie Backbord, zwei Glas, Wanten, Lee, Marssegel fielen mir ein.
An einen kleinen Schiffsjungen dachte ich, an Matrosengesang und Ankerlichten,
An gieblige Hafenhäuser und Schenken, in denen betrunkene Holländer und Malayen schrein.
Auf schmalem Platz saß ich in meine ganz exotischen Phantasien eingefangen.
Meine Mama löste beim Kassier eine Kinderkarte für mich.
Ich seh noch, wie einige Nickelstücke wieder in ihr silbernes Täschchen sprangen,
Dann riß ein Mann an der Glocke — Die
Maschinen unter uns stampften und rührten sich.
Was ich alles auf dem rotweißen Dampfer erlebte: Wasserhosen, Zyklone,
Am Äquator riß uns Champagner, Heimweh und Sternnacht zu lautem Wahnsinn fort,
Am südlichen Wendekreis aber warf man ohne
Gebete und Tränen einen steinbeschwerten Leichnam über Bord. —
Oft sahn wir Land, Vulkane, weiß zugetürmte,
Insulaner schossen um unser Schiff und krächzten zu uns empor.
Und wenn das Meer glatt war, keine Wolke, kein Windvogel stürmte,
Warf man Geldstücke in die Tiefe, und Kinder tauchten danach und holten sie hervor.
Und als die Räder langsamer schlugen und wir zum Landungsplatz glitten,
Da erkannte kaum den einfachen Hügel mein Blick.
Ich ging ans Ufer mit kleinen, ganz unsicheren Schritten,
Und hörte wie im Traume vom Restaurationsgarten her die donnernde Militärmusik.
Der dicke Mann im Spiegel
Ach Gott, ich bin das nicht, der aus dem Spiegel stiert,
Der Mensch mit wildbewachsner Brust und unrasiert.
Tag war heut so blau,
Mit der Kinderfrau
Wurde ja im Stadtpark promeniert.
Noch kein Matrosenanzug flatterte mir fort
Zu jenes strengverschlossenen Kastens Totenort.
Eben abgelegt,
Hängt er unbewegt,
Klein und müde an der Türe dort.
Und ward nicht in die Küche nachmittags geblickt,
Kaffee roch winterlich und Uhr hat laut getickt,
Lieblich stand verwundert,
Der vorher getschundert
Übers Glatteis mit den Brüderchen geschickt.
Auch hat die Frau mir heut wie immer Angst gemacht
Vor jenem Wächter Kakitz, der den Park bewacht.
Oft zu schnöder Zeit,
Hör im Traum ich weit
Diesen Teufel säbelschleppen in der Nacht.
Die treue Alte, warum kommt sie denn noch nicht?
Von Schlafesnähe allzuschwer ist mein Gesicht.
Wenn sie doch schon käme
Und es mit sich nähme,
Das dort oben leise singt, das Licht!
Ach abendlich besänftigt tönt kein stiller Schritt,
Und Babi dreht das Licht nicht aus und nimmt es mit.
Nur der dicke Mann
Schaut mich hilflos an,
Bis er tieferschrocken aus dem Spiegel tritt.
Im winterlichen Hospital
Himmel wird sich bald entblättern,
Aber Licht ist noch genug.
Ach, und kleine Stimmen, die ans Fenster klettern
Von Winterwind ein Flug.
Und dunkle Sonne im Wasserkrug.
Draußen gibt es Blumen zu kaufen,
Da sind Kinder vorübergelaufen.
Doch der Hof tönt von behutsamen Schritten.
Die Erwachsenen haben zärtliche Sitten. . .
O Verband, der erlöst! — Nicht regen, nicht rühren!
Doch kann ich noch spüren,
Wie Bewußtsein mit Ruderschlägen
Vom Lande stößt.
Vorbei — vorbei
An Wildnis und Fläche!
Dort stürzen Bäche,
Schon atmet die Steppe,
Die ewige frei. . .
Was tönt im Haus,
Gedämpft über die Treppe?
Ist die Besuchsstunde schon aus?
Jetzt liegen die kranken Brüder da,
Einen lieben Gegenstand in der Hand,
Von Eau de Cologne ein frischer Flacon,
Und, ach, ein neuer Engelhornband.
Ich will nicht klagen, daß niemand
Im fremden Land
Meine Türe aufgetan
Freundlich mir zugewandt.
Wer trat herein?
So leicht und unbefangen,
Mit einem lila Shawl
Und tanzerregten Wangen,
Wie bei der Damenwahl?
Nun hat es sich doch erfüllt!
O Erinnerung! O Schlacht auf den katalaunischen Gefilden!
O Geschichtsstunden, wo wir uns einbilden
Erschlagene Krieger zu sein!
Da kamst Du immer dem treuen,
Dem Knaben Blumen zu streuen.
So ist es wieder geschehn?
Schon stürzten die Speere und Schilde,
Nun darf auch mein armes Gefilde
In Abend und Tränen stehn.
„Schwester, so spät ist es schon?“
„Ja, ich bringe die Abendbouillon.“
Treibe — Treibe
Im Strome von dannen.
Rings breitet die Scheibe
Sich weiter Savannen.
An sandigen Stellen,
Im Dunkeln, im Hellen,
An niedrigen Feuern,
Nach Abenteuern
Gelagerte Männer
Bereiten ein Mahl.
Sterben im Walde
Im Himmel, Grün, Wind und Baumdunkel verfangen,
Von Farren und Gräsern umwachsen Glieder und Wangen
Bin ich im Walde melodisch zu Grunde gegangen.
Nun beginnt die süße Verwesung mich zu verzehren.
Ameisen und Raupen kriechen über meine Augen.
Und kein Wimperzucken will ihnen wehren.
Unten auf der Promenade spaziert ein internationales Publikum.
Entfernter Klang von Sand, Damenkleidern und Kinderstimmen.
Ich weiß: Viele elegante Leute gehen da herum.
Nadeln, Laub, Zweige und Tannenzapfen fallen auf mein Gesicht,
Und Fliegen, doch auch Bienen und Schmetterlinge verschmähen meine Lippen nicht.
Oh jetzt! Leise und dennoch mächtig angeschwellt,
Beginnt sich das unvergleichliche Rigolettoquartett auszubreiten.
Und meine Seele fällt ein:
Du bist auf der Welt!
Und verteilt sich jauchzend nach allen Seiten.
Das Malheur
Als das Mädchen die Schüssel fallen ließ, blieben alle Gäste anfangs stumm,
Nur die Hausfrau sagte etwas und drehte sich nicht um.
Das Mädchen aber stand regungslos, wie in unnatürlichen Schlaf gesenkt,
Krampfhaft die Arme zu einer rettenden Geste verrenkt.
Jedoch dem Mitleid der Gäste hatte sich scheues Erstaunen zugesellt.
Denn sie sahen plötzlich Eine mitten in ein Schicksal gestellt.
Kamen schon die Stubenmädchen mit Tüchern und
Besen, der Diener und selbst der Herr vom Haus.
Sie aber ging ganz wunderschön von Kindheit und Heimweh hinaus.
In der Küche setzte sie sich auf die Kohlenkiste, legte die Hände in den Schoß
Und weinte vielfach, in allen Lagen, nach aller Kunst, voll Genuß, laut und grenzenlos.
Als man dann spät und geräuschvoll Abschied nahm,
War sie es, die wie aus Ehrfurcht das reichste Trinkgeld bekam.
Erzherzogin und Bürgermeister
Die Erzherzogin hatte eine wunderschöne, hohe und gerade Gestalt,
Aber ihr Gesicht, wie war das schon enttäuscht, schüchtern und alt.
Und der dicke Herr, der sie mit wehmütiger Verbeugung empfing,
War so aufgeregt, daß ihm manche Träne in den Wimpern hing.
Die beiden schauten vorbei, und konnten einander nicht ins Auge sehn.
Nein! Als wären sie Kinder, die vor Erwachsenen stehn.
Die hohe Frau sagte etwas auf, wie einen Geburtstagswunsch, so leise und verzagt.
Und er antwortete darauf, als würde er in der Schule Vokabeln gefragt.
Und während sie manches sprach, was dachte sie?
Gott, Gott, Gott! Wie gemütlich ist doch abends meine Bridgepartie.
Und er dachte traurig und gebückt, daß er sogar einmal Hoheit zu sagen vergaß,
Wie schön sichs sommermittags in Hemdärmeln bei Tische saß.
Da wußten sie, daß sie einander müßten quälen und erkannten ihr böses Los,
Und in diesen beiden Seelen wurde echte Demut groß.
Und als der Empfang zu Ende, sagte ich mir: Gott sei Dank,
Daß es zu keinem Skandal kam und das Paar nicht auf die Kniee sank,
Die Hände hob, abbittend Müh und Trübsal, die eins dem andern schuf,
Da doch Einanderfreudemachen schönster Menschenberuf.
Der Patriarch
Die Hütte, Schiffsgebälk, Öllampen, Fisch- und Trangeruch.
O könnt’ ich hier — ein Patriarch — die atmende Gemeine lehren!
Die harten Greise, hohen Bursche, all die Dirne und die schweren
Schwieligen Schiffspatrone, kauend Priem und Fluch.
Woher und wann ich kam, o Bardenlied, doch mein Besuch
Heilt Kranke, meine Stimme schallt, die Seenot abzuwehren.
Göttlich erglänzt mir Stirn und Bart. Das Volk wird beide ehren,
In fernem Angedenken segnend Tat und Spruch.
Und wenn ich einst auf meinem Steinsitz, wie in Sinnen stürbe,
Sie sollten mich begraben in der frostgeprüften Erde,
Wo über meinem Hügel Renntierherden weiden!
Nicht Kinderlust, nicht Kräuter würden auf der Böschung mürbe,
Wehmütter pflückten hier Salbei, zu nahender Beschwerde,
Sich einen kräftig-heiligen Teetrank zu bereiten
Solo des zarten Lumpen
Nun wieder eine Nacht durchjohlt
Ist rings der Stadtpark aufgewacht.
Allee, der Wasserfall, ein Vogelzwitschern ohne Mühe.
In der durchsichtigen Frühe.
Nach falschbekränzter Nacht
Hast Du mich eingeholt.
Wie ich Dich gestern sah. . .
Bewegte Straße glitt
Dein Gang. Wer dürfte frevelnd sagen,
Daß unter Röcken und Jackett, so leicht getragen,
Sich mehr verbarg als Atemzug und Schritt,
Du Schlanke fern und nah!
Gefühl, geheimer Sinn
Und ein Gedanke kam.
Elysisch aufgeregt blick ich zum leichten Himmel hin, zur leichten Erden.
Heiraten wirst Du, Du wirst Mutter werden! —
Warum zerschmilzt mich Scham?
Was reißt mich Wonne hin?
Noch höher bist Du bald
Und weiter mir entrückt.
Denn was vergöttlicht? Leiden! Du wirst leiden
Im Erker sitzen seh ich Dich verständig und bescheiden,
Von Schmerz und Glück bedrückt,
Nun mildere Gestalt!
In die Natur und Pflicht
Wächst lieblich Du hinein.
Ich aber treibe mich herum in parfümierten Vestibülen,
In überheizten Zimmern schwelge ich auf Pfühlen;
Du denkst an Dinge rein,
An Windeln, Kindgewicht.
Drum soll es so geschehn!
Von Wolken lieb umdrängt,
Zieh mir vorbei in Wind und solchem Morgen oben!
Ich will Dich bebend hochbeloben,
Und Blick und Bart gesenkt
Vor Dir in Andacht stehn.
Der schöne strahlende Mensch
Die Freunde, die mit mir sich unterhalten,
Sonst oft mißmutig, leuchten vor Vergnügen,
Lustwandeln sie in meinen schönen Zügen
Wohl Arm in Arm, veredelte Gestalten.
Ach, mein Gesicht kann niemals Würde halten,
Und Ernst und Gleichmut will ihm nicht genügen,
Weil tausend Lächeln in erneuten Flügen
Sich ewig seinem Himmelsbild entfalten.
Ich bin ein Korso auf besonnten Plätzen,
Ein Sommerfest mit Frauen und Bazaren,
Mein Auge bricht von allzuviel Erhelltsein.
Ich will mich auf den Rasen niedersetzen
Und mit der Erde in den Abend fahren.
Oh Erde, Abend, Glück, oh auf der Welt sein!!
Wanderlied
Glaubst Du, Deine Schritte sind vergangen,
Die einst kies- und straßenüber klangen?
Deine schwergesenkten, Deine leichtgelenkten,
Deine volksvermengten, Deine kindgedrängten,
Deine Schritte laufen oder schleppen
Ewig weiter über Weg und Treppen.
Glaubst Du, Deine Worte sind verloren,
Die Dein wallendes Gemüt geboren?
Hangend in den Häusern, unter Toren,
Sinken sie in vorbestimmte Ohren,
Bilden sich zu wunderlicher Stunde,
Und entflattern neu dem Enkelmunde.
Glaubst Du, Sohn, Du könntest Dein sie heißen,
Schritt und Worte, die ins Weite reisen?
Oder wähnst Du, daß der graue, alte
Ahnherr diese sprach und jene wallte?
Und ist gar aus diesem Lied zu lesen,
Daß Du selbst der Bärtige gewesen?
Der kriegerische Weltfreund
Schon bin ich voll und klar,
Dem noch so arg zu Mut.
Der bös und bitter war
Nun ist er gut.
Bosheit, die mich zerwirrt,
Rache und falscher Stoß,
Ach, meine Güte wird
An ihnen groß!
Schäumst Du noch, dunkles Blut,
Wenn Hohn sich feig vermummt,
Sternaufgebäumte Wut,
Bist Du verstummt?
Der sich zu Boden schmiß,
Keuchend und krankgehetzt,
Nachts in die Pölster biß
Wie tönt er jetzt?
Bosheit und feigen Hohn,
Alles, was falsch mich haßt,
— O wie stark bin ich schon —
Lad ich zu Gast
Dämonen in Erz und Stahl
Wandeln sich, werden rein,
Stürze mit einem Mal
In mich herein.
Ich habe eine gute Tat getan
Herz frohlocke!
Eine gute Tat habe ich getan.
Nun bin ich nicht mehr einsam.
Ein Mensch lebt,
Es lebt ein Mensch,
Dem die Augen sich feuchten,
Denkt er an mich.
Herz, frohlocke:
Es lebt ein Mensch!
Nicht mehr, nein, nicht mehr bin ich einsam,
Denn ich habe eine gute Tat getan,
Frohlocke, Herz!
Nun haben die seufzenden Tage ein Ende.
Tausend gute Taten will ich tun!
Ich fühle schon,
Wie mich alles liebt,
Weil ich alles liebe!
Hinström ich voll Erkenntniswonne!
Du mein letztes, süßestes,
Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl!
Wohlwollen!
Tausend gute Taten will ich tun.
Schönste Befriedigung
Wird mir zu Teil:
Dankbarkeit!
Dankbarkeit der Welt.
Stille Gegenstände
Werfen sich mir in die Arme.
Stille Gegenstände,
Die ich in einer erfüllten Stunde
Wie brave Tiere streichelte.
Mein Schreibtisch knarrt,
Ich weiß, er will mich umarmen.
Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen,
Geheimnisvoll und ungeschickt
Klingen alle Saiten zusammen.
Das Buch, das ich lese
Blättert selbst sich auf.
. . . . . . . . . . . . . .
Ich habe eine gute Tat getan!
Einst will ich durch die grüne Natur wandern,
Da werden mich die Bäume
Und Schlingpflanzen verfolgen,
Die Kräuter und Blumen
Holen mich ein,
Tastende Wurzeln umfassen mich schon,
Zärtliche Zweige
Binden mich fest,
Blätter überrieseln mich,
Sanft wie ein dünner,
Schütterer Wassersturz.
Viele Hände greifen nach mir,
Viele grüne Hände
Ganz umnistet
Von Liebe und Lieblichkeit
Steh ich gefangen.
Ich habe eine gute Tat getan,
Voll Freude und Wohlwollens bin ich
Und nicht mehr einsam
Nein, nicht mehr einsam.
Frohlocke, mein Herz!
Aus
„Wir sind“
Neue Gedichte
1913
Die Unverlassene
(Der Besuch aus dem Elysium)
Es kommt die eine neue Nacht.
Du bist von Ferne aufgewacht,
Und neben Dir ist Schnarchen schwer.
Und ach vom Gitterbettchen her
Ein Weinen klein und unbewußt.
Da schlägst Du Deine Decke um,
Nimmst ohne Glück und stumm
Das Kind an Deine Brust.
Wenn mühsam Tag sich näher drängt
Und Dich in Erdenlos verfängt,
Wird Schoß und Lippe wissensschwer,
Und kennt Dein Fuß kein Schweben mehr,
Wächst Dir ums Aug’ der dunkle Strich,
Gedenke und erinnere Dich,
Daß jener Bot’ aus besserer Welt
Dich seltsam in der Seele hält!
Weißt Du, weißt Du den Abendgang,
Wo noch Dein Wesen glitt und sprang?
Wer fühlte einst im Elternhaus,
Wer Dich in Ewigkeit voraus?
Wenn Du Dich einsam meinst,
Wer kannte schon den Schmerzenston,
In wessen Kehle brannte schon
Das Weinen, das Du jetzt weinst?!
Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte
Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte
Und ich durch Dich ins Unermeßne schwärmte,
Erlebten diesen Tag nicht Abgehärmte,
Mühselig Millionen Unterdrückte?
Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte,
War Arbeit um uns und die Erde wärmte.
Und Leere gab es, gottlos Unerwärmte,
Es lebten und es starben Niebeglückte!
Da ich von Dir geschwellt war zum Entschweben,
So viele waren, die im Dumpfen stampften.
An Pulten schrumpften und vor Kesseln dampften.
Ihr Keuchenden auf Straßen und auf Flüssen!!
Gibt es ein Gleichgewicht in Welt und Leben,
Wie werd’ ich diese Schuld bezahlen müssen!?
Vater und Sohn
Wie wir einst im grenzenlosen Lieben
Späße der Unendlichkeit getrieben
Zu der Seligen Lust —
Uranos erschloß des Busens Bläue,
Und vereint in lustiger Kindertreue
Schaukelten wir da durch seine Brust.
Aber weh! der Äther ging verloren,
Welt erbraust und Körper ward geboren,
Nun sind wir entzweit.
Düster von erbosten Mittagsmählern
Treffen sich die Blicke stählern,
Feindlich und bereit.
Und in seinem schwarzen Mantelschwunge
Trägt der Alte wie der Junge
Eisen hassenswert.
Die sie reden, Worte, sind von kalter
Feindschaft der geschiedenen Lebensalter,
Fahl und aufgezehrt.
Und der Sohn harrt, daß der Alte sterbe
Und der Greis verhöhnt mich jauchzend: Erbe!
Daß der Orkus widerhallt.
Und schon klirrt in unseren wilden Händen
Jener Waffen — kaum noch abzuwenden —
Höllische Gewalt.
Doch auch uns sind Abende beschieden
An des Tisches hauserhabenem Frieden,
Wo das Wirre schweigt,
Wo wirs nicht verwehren trauten Mutes,
Daß, gedrängt von Wallung gleichen Blutes,
Träne auf- und niedersteigt.
Wie wir einst in grenzenlosem Lieben.
Späße der Unendlichkeit getrieben,
Ahnen wir im Traum.
Und die leichte Hand zuckt nach der greisen
Und in einer wunderbaren, leisen
Rührung stürzt der Raum.
Die Witwe am Bette ihres Sohnes
Mit meinem verflackernden Lichte
Besuche ich, Kind, Deinen Traum.
Im Schlaf erstaunt Dein Gesichte,
Doch faltet Dein Atem sich kaum.
Daß Du mich gestern verstießest,
Hat nimmer Dich bitter gemacht.
Daß Du mich alleine ließest
Die ängstliche Mitternacht.
Und doch. Ich will Dich bewegen
Zu Leben und nächtlichem Mut.
Dein mächtiges Treiben und Regen
Durchläuft meinen Schatten mit Blut.
O Sohn! Dein Zechen und Speisen
Nährt Deine Mutter, ich weiß.
Dein Lärmen und Becherkreisen
Bewegt meinen Lebenskreis.
Und wenn ich sitze und sticke,
Dies Leben ist in Dich entrückt,
Aus meinem vergehenden Blicke
In Deine Augen gezückt.
Wie ich Dich bebend getragen
Im heilig erkannten Schoß,
Du wuchsest an bildenden Tagen
Und schmerztest und wurdest groß.
Und wie Du aus mir gemündet,
In Himmel und Welt und Haus,
Und wie Du in mir Dich entzündet,
So lösche ich in Dir aus.
Mein Leben ist ein Sichergießen
In Dein gerundetes Licht,
Im leidenden Überfließen
Erfüll ich die weltliche Pflicht.
Bald bin ich nichts als Dein Lachen
Nichts als Deines Mundes Gebot.
Laß mich Deinen Schlaf bewachen,
Mein Kind, mein Dasein, mein Tod.
Balance der Welt
Ich klag’ und klage: Harte Welt!
Doch fühl’ ich, wie’s mich auch umstellt,
Wie mir hier alles harte Welt,
So bin ich allem harte Welt!
Ja, Schuld ist das gewaltige Wort.
Es dreht die alten Globen fort.
Und eh’ noch unsre Zeit beginnt,
Werden wir schuldig, daß wir sind!
Daß mich, o Freund, Dein Mordstoß traf,
Zerbrach ich meiner Mutter Schlaf,
Fluchte der Vater seinem Sohn.
Du Weltgesandter bringst den Lohn.
Gott, ich erkenn’ Dich Zug um Zug!
Und Dich, Gesetz, in Deinem Lauf!
Es bricht hier keine Wunde auf,
Die ich mir nicht in andern schlug.
Der Feind
Mein Feind, dem ich entgegenspeie,
In meiner Brust versammelnd kleine Schreie
Und in den Händen ohne Mut
Zerkrampfte Ohnmacht, halberlöschte Wut,
Mein Feind, Du trittst auf einen Pflasterstein!
Und da aus Deinem Auge fällt der Abendschein,
Der niedertropft in bläulich süßen Flammen.
Und weinend, unter Schwalben, ungeheuer sinke ich zusammen.
In mir steht der Erzengel groß,
Versöhnung bricht unendlich los.
Daß wir uns schlugen und zerrissen,
Mit dumpfem Witz und List beschmissen,
Daß wir dies trugen, jetzt erst kann ich’s fassen,
Dies Meucheln, dieses Auf-sich-tanzen-lassen.
Dies schlechte Leiden, alter Rache Trick,
Die Passion zu diesem Augenblick!
Nun braust der Himmel als Posaunenmeer,
Triumphtrompeten schnellen drunterher.
Aus mir stürzt Liebe, Lieb’, Weltsinn, der dunkel lag.
Und golden durch mich donnert jüngster Tag!
Eine alte Frau geht
Eine alte Frau geht wie ein runder Turm
Durch die alte Hauptallee im Blättersturm.
Schwindet schon, indem sie keucht,
Wo um Ecken schwarze Nebel wehen.
Wird nun bald in einem Torgang stehen.
Laute Stufen langsam aufwärts gehen,
Die vom trägen Treppenlichte feucht.
Niemand hilft, wie sie ins Zimmer tritt,
Ihr beim Ausziehn ihrer Jacke mit.
Ach, sie zittert bald an Händ’ und Bein’.
Schickt sich an mit schwerem Flügelschlagen
Aufgehobene Kost von alten Tagen
Auf des Kochherds armes Rot zu tragen.
Bleibt mit ihrem Leib und sich allein.
Und sie weiß nicht, wie sie kaut,
Daß in ihr sich Söhne aufgebaut.
(Nun, sie freut sich ihrer Abendschuh’)
Was aus ihr kam, steht in andern Toren,
Sie vergaß den Schrei, wenn sie geboren,
Manchmal nur im Straßendrang verloren,
Nickt ein Mann ihr freundlich „Mutter“ zu.
Aber Mensch, gedenke Du in ihr,
Ungeheuer auf der Welt sind wir,
Da wir brachen in die Zeiten ein.
Wie wir in dem Unbekannten hängen,
Wallen Schatten mit gewaltigen Fängen
Die ins letzte uns zusammendrängen.
Diese Welt ist nicht die Welt allein.
Wenn die Greisin durch die Stube schleift,
Ach, vielleicht geschieht’s, daß sie begreift.
Es vergeht ihr brüchiges Gesicht.
Ja, sie fühlt sich wachsender in allem
Und beginnt auf ihre Knie zu fallen,
Wenn aus einem kleinen Lampenwallen
Ungeheuer Gottes Antlitz bricht.
Nacht-Fragment.
Bald hat dies, hat dies alles ausgeschlagen.
Was muß ich noch im machtvoll einsamen Nachtbahnhof stehn
Und sehn, daß Lichter sind und Träger gehn,
die Felsen tragen, und sehn die schon verblichenen Wagen?
So vieles weiß ich mit mir, Herz- und Atemschreiten.
— Ein Pikkolo schläft, ein Schutzmann schaut in den Wind. —
Wer weiß es denn, wie sehr wir alle beisammen sind.
Auch Deine leichten Schlafseufzer, Fernste, fühl’ ich mit mir gleiten.
Gestern, wie tauchtest Du in Astern Dein Gesicht!
Und tanztest mit den Zähnen, tanztest mit den frechen Knien.
Und ach, Dein Gemsenlachen, das mich zu höhnen schien,
Nun ist es eingestimmt in mich, o Nacht, und weiß es nicht!
Auch Du Azucena, Mutter, von Traum zu Traum,
Suche den klaren Jungen im Waldpensionat!
Eng ist die Erd’. Wie fand ich Deinen Pfad?
Wir seh’n uns an und schweigen im gleichen Raum.
Ihr Unerreichbaren all’, die wir voneinander wissen!
Wie sind unsre gleichen Hände uns fremd!!
Das erkaltende Herz
Geschwisterliebe war einst.
Ich lief mit dem Mädi über die Wege
Und die Himmel, die vielen waren rege,
Die unergründlichen Berge standen weit —
Und im Zimmer die stündliche Zeit.
Die Wagen und Reisen,
Vergangene Speisen,
Die Schmerzen und Strafen,
Am Abend das Licht,
Und unser Gesicht
War ganz von Seele verschlafen.
Und tiefe Furcht war da, daß man einander stürbe,
Und manchmal weinte man wild in die Finsternis,
Bis treu der andre Atem kam.
Da war man so gewiß,
Daß Gott sei und man niemals lahm
Und niemals anders würde.
das waren Tränen und Brisen der Treue . . . .
Geschwisterliebe war einst.
Jetzt lieg ich oft auf meinem Kanapee.
Am Abend werden die Fenster groß.
Da läßt mich mein Atem los,
Und der Tod ist ganz in der Näh’.
Und muß ich vor meinem Spiegel stehn,
Da hat sich etwas gerächt.
Ich weiß, wie mir die Haare ausgehn —
Und die Zähne sind worden schlecht.
Und der Mund, der nichts ließ,
Jetzt kann er euch alle lassen
Und das Herz kann nicht fassen,
Wie es einst hieß!
Und wo hängen in den erstarrten Zimmern,
Hinter welkendem Glas,
Die ewigen Photographien?
Der göttliche Portier
Da ich an Dir vorüberlief als Knabe,
Wuchst Du ins Tor unendlich aufgehoben.
Dein Dreispitz rührte Wappensterne oben.
Allmächtig sank Dein Bart. Mann mit dem Stabe!
Wie ich mich kindlich auch vergangen habe,
Gestickter Greis, Du tratst herein zu loben,
Warst sänftlich grausem Kindertraum verwoben,
Wo ich mich gelb einstürzen sah im Grabe.
Nun wieder, Bibelgott, erscheint Dein Bild!
Aus Kindernächten wallt Dein breitgelockter
Erzväterbart, der goldne Brust umquillt.
Die winterlichen Tressen klingeln mild,
Und tief beruhigt mich Dein weißbeflockter
Allgütiger Pelz, der durch die Sphären schwillt.
Ein Lebens-Lied
Feindschaft ist unzulänglich.
Der Wille und die Taten,
Ein erdbewußtes Leben
In sich, was sind sie, Welt?
Es schwebt in jedem Schicksal,
Im Schritt der Lust und Schmerzen,
Im Morden und Umarmen,
Anmut des Menschlichen!
Nur das ist unvergänglich!
Sahst Du die wilden Augen
Buckliger Bauernmädchen?
Sahst Du, wie sie sich langsam
Weltdamenhaft verschleiern,
Sahst Du in ihnen blinken,
Das Grün von Festestraden,
Musik und Lampennacht?
Sahst Du den Bart von Kranken,
Ihr Wolken über Pappeln,
Wie er an Gott erinnert,
Getaucht in einen Sturm?
Sahst Du die große Güte
Im Sterben eines Kindes?
Wie uns der holde Körper
Mit Zärtlichkeit entglitt?
Sahst Du das Traurigwerden
Von Mädchen an, am Abend?
Wie sie die Küchen ordnen
Und fern, wie Heilige sind.
Sahst Du die schönen Hände
Durchfurchter Nachtgendarme,
Wenn sie den Hund liebkosen
Mit grobem Liebeswort?
Wer handelnd sich empörte,
Bedenke doch!! Unsagbar
Mit Reden und Gestalten
Sind wir uns fern und nah!
Daß wir hier stehn und sitzen,
Wer kann’s beklommen fassen?!
Doch über allen Worten
Verkünd’ ich, Mensch, wir sind!!
Ein Anderes
Daß einmal mein dies Leben war,
Daß in ihm jene Kiefern standen
Und Ufer schlafend sich vorüberwanden,
Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar.
Daß einmal mein dies Leben war!
Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden,
Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk’ davon?
Wo bin ich — und ich höre noch den Ton
Von Ruderbooten, wie sie lachend landen,
Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden.
Wo bin ich — und ich höre noch den Ton
Von Equipagen, dicht im Kies verfahren,
Kastanien- und Laternensprache waren
Noch da und Worte — doch wo sind sie schon?
Wo bin ich — und ich höre noch den Ton?
Kastanien- und Laternensprache waren
Noch da und? Atem einer breiten Schar.
Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren.
O Ewigkeit! — Und werd’ ich es bewahren,
Daß einmal mein dies Leben war!