WeRead Powered by ReaderPub
Gesänge aus den drei Reichen: Ausgewählte Gedichte cover

Gesänge aus den drei Reichen: Ausgewählte Gedichte

Chapter 41: Ein Abendgesang
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A compact selection of lyrical poems moves through varied scenes and moods, ranging from childhood excursions and city vignettes to hospital wards, forests, and contemplations of decay. The speaker adopts multiple voices—intimate confession, observational reportage, ironic portraiture—examining human kinship, memory, social contrasts, and mortality with vivid sensory detail and abrupt tonal shifts. Imagery alternates between the domestic and the exotic, the comic and the mournful, while shorter pieces cluster into dramatic impressions that foreground empathy, transience, and the persistent search for connection across disparate moments.

Wenn noch die Eitelkeit

Das Auge Dir entweiht,

Ist kommen nicht die Zeit.

Solang Du noch willst stehn

Auf Podien, gesehn,

Kann Glück’s Dir nicht geschehn.

Wer sich noch nicht zerbrach,

Sich öffnend jeder Schmach,

Ist Gottes noch nicht wach.

Wer noch mit Eifer spitzt,

Daß er ein Weib besitzt,

Ist noch nicht ausgewitzt.

Erst wenn ein Mensch zerging

In jedem Tier und Ding,

Zu lieben er anfing.

Erst wer Erfüllung floh,

Wächst an zum Höchsten so,

Wird letzter Sehnsucht froh.

Erst wer sich jauchzend bot

Der Schande und der Not

Und zehnfach jedem Tod,

Im heiligen Verzicht,

Vor Liebe ihm zerbricht

Sein irdisch Angesicht!

Wohin schwillt er empor!

Was schwingt er überm Chor

Unendlich sein amor’!!

Ich bin ja noch ein Kind

O Herr, zerreiße mich!

Ich bin ja noch ein Kind.

Und wage doch zu singen.

Und nenne Dich.

Und sage von den Dingen:

Wir sind!

Ich öffne meinen Mund,

Eh’ Du mich ließest Deine Qualen kosten.

Ich bin gesund,

Und weiß noch nicht, wie Greise rosten.

Ich hielt mich nie an groben Pfosten,

Wie Frauen in der schweren Stund’.

Nie müht’ ich mich durch müde Nacht

Wie Droschkengäule, treu erhaben,

Die ihrer Umwelt längst entflohn!

(Dem zaubrisch, zerschmetternden Ton

Der Frauenschritte und allem, was lacht.)

Nie müht’ ich mich, wie Gäule, die ins Unendliche traben.

Nie war ich Seemann, wenn das Öl ausgeht,

Wenn die tausend Wasser die Sonne verhöhnen,

Wenn die Notschüsse dröhnen,

Wenn die Rakete zitternd aufsteht.

Nie warf ich mich, Dich zu versöhnen,

O Herr, aufs Knie zum letzten Weltgebet.

Nie war ich ein Kind, zermalmt in den Fabriken

Dieser elenden Zeit, mit Ärmchen, ganz benarbt!

Nie hab ich im Asyl gedarbt,

Weiß nicht, wie sich Mütter die Augen aussticken,

Weiß nicht die Qual, wenn Kaiserinnen nicken,

Ihr alle, die ihr starbt, ich weiß nicht, wie ihr starbt!

Kenn’ ich die Lampe denn, kenn’ ich den Hut,

Die Luft, den Mond, den Herbst und alles Rauschen

Der Winde, die sich überbauschen,

Ein Antlitz böse oder gut?

Kenn’ ich der Mädchen stolz und falsches Plauschen?

Und weiß ich, ach, wie weh ein Schmeicheln tut?

Du aber, Herr, stiegst nieder, auch zu mir.

Und hast die tausendfache Qual gefunden,

Du hast in jedem Weib entbunden,

Und starbst im Kot, in jedem Stück Papier,

In jedem Zirkusseehund wurdest Du geschunden,

Und Hure warst Du, manchem Kavalier!

O Herr, zerreiße mich!

Was soll dies dumpfe, klägliche Genießen?

Ich bin nicht wert, daß Deine Wunden fließen.

Begnade mich mit Martern, Stich um Stich!

Ich will den Tod der ganzen Welt einschließen.

O Herr, zerreiße mich!

Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb,

In jeder Katz und jedem Gaul verreckte,

Und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb.

Bis, grauser Sünder ich, das Sakrament weh auf der Zunge schmeckte,

Bis ich den aufgefreßnen Leib aus bitterm Bette streckte,

Nach der Gestalt, die ich verhöhnt umwarb!

Und wenn ich erst zerstreut bin in den Wind,

In jedem Ding bestehend, ja im Rauche,

Dann lodre auf, Gott, aus dem Dornenstrauche.

(Ich bin Dein Kind.)

Du auch, Wort, praßle auf, das ich in Ahnung brauche!

Geuß unverzehrbar Dich durchs All: Wir sind!!

Aus
„Einander“
Oden Lieder Gestalten
1915

Lächeln Atmen Schreiten

Schöpfe Du, trage Du, halte

Tausend Gewässer des Lächelns in Deiner Hand!

Lächeln, selige Feuchte ist ausgespannt

All übers Antlitz.

Lächeln ist keine Falte,

Lächeln ist Wesen vom Licht.

Durch die Räume bricht Licht, doch ist es noch nicht.

Nicht die Sonne ist Licht,

Erst im Menschengesicht

Wird das Licht als Lächeln geboren.

Aus den tönenden, leicht, unsterblichen Toren,

Aus den Toren der Augen wallte

Frühling zum erstenmal, Himmelsgischt,

Lächelns nieglühender Brand.

Im Regenbrand des Lächelns spüle die alte Hand,

Schöpfe Du, trage Du, halte!

Lausche Du, horche Du, höre!

In der Nacht ist der Einklang des Atems los,

Der Atem, die Eintracht des Busens groß.

Atem schwebt

Über Feindschaft finsterer Chöre.

Atem ist Wesen vom höchsten Hauch.

Nicht der Wind, der sich taucht

In Weid, Wald und Strauch,

Nicht das Wehn, vor dem die Blätter sich drehn . . .

Gottes Hauch wird im Atem der Menschen geboren.

Aus den Lippen, den schweren,

Verhangen, dunkel, unsterblichen Toren,

Fährt Gottes Hauch, die Welt zu bekehren.

Auf dem Windmeer des Atems hebt an

Die Segel zu brüsten im Rausche,

Der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn.

Horche Du, höre Du, lausche!

Sinke hin, kniee hin, weine!

Sieh der Geliebten erdenlos schwindenden Schritt!

Schwinge Dich hin, schwinde ins Schreiten mit!

Schreiten entführt

Alles ins Reine, alles ins Allgemeine.

Schreiten ist mehr als Lauf und Gang,

Der sternenden Sphäre Hinauf und Entlang,

Mehr als des Raumes tanzender Überschwang.

Im Schreiten der Menschen wird die Bahn der Freiheit geboren.

Mit dem Schreiten der Menschen tritt

Gottes Anmut und Wandel aus allen Herzen und Toren.

Lächeln, Atem und Schritt

Sind mehr als des Lichtes, des Windes, der Sterne Bahn,

Die Welt fängt im Menschen an.

Im Lächeln, im Atem, im Schritt der Geliebten ertrinke!

Weine hin, kniee hin, sinke!

Das Jenseits

Wir kommen wieder, wir kehren heim

In Dich, Du gute Mutter unser.

Schon hängt uns, hängt uns über die Stirn,

Mild über die Stirne des Todes Flieder.

Wo fahren die feurigen Wolken hin,

Wo tanzen die mutigen Flüsse her,

Was will der Meere Spiel,

Das Laub an der Wand des Himmels gerankt?

Nun kehren wir heim, nun kehren wir ein,

Mehr ist als Dasein — Gewesen sein,

Stark ist der Tod, doch siehe das Stärkste,

Stärker als Tod ist Musik.

In unsere Mutter kehren wir ein . . .

Gott fährt über uns, der gute Mann,

Da heben wir an, und heben uns auf,

Arien selige schweben wir hin,

Und hängen im Herzen der Sterblichen,

Und locken die ewigen Tränen.

Träne, klarer Planet! Hier leben wir,

Leben in Gnade, sind nichts als Lied.

Warum mein Gott

Was schufst Du mich, mein Herr und Gott,

Der ich aufging, unwissend Kerzenlicht,

Und dahin jetzt im Winde meiner Schuld,

Was schufst Du mich, mein Herr und Gott,

Zur Eitelkeit des Worts,

Und daß ich dies füge,

Und trage vermessenen Stolz,

Und in der Ferne meiner selbst

Die Einsamkeit?!

Was schufst Du mich zu dem, mein Herr und Gott?

Warum, warum nicht gabst Du mir

Zwei Hände voll Hilfe,

Und Augen, waltend Doppelgestirn des Trostes?

Und eine Stimm aprilen, regnend Musik der Güte,

Und Stirne überhangen

Von süßer Lampe der Demut?

Und einen Schritt durch tausend Straßen,

Am Abend zu tragen alle

Glocken der Erde

Ins Herz, ins Herze des Leidens ewiglich?!

Siehe es fiebern

So viele Kindlein jetzt im Abendbett,

Und Niobe ist Stein und kann nicht weinen.

Und dunkler Sünder starrt

In seines Himmels Ausgemessenheit.

Und jede Seele, fällt zur Nacht

Vom Baum, ein Blatt im Herbst des Traumes.

Und alle drängen sich um eine Wärme,

Weil Winter ist

Und warme Schmerzenszeit.

Warum, mein Herr und Gott, schufst Du mich nicht,

Zu Deinem Seraph, goldigen, willkommenen,

Der Hände Kristall auf Fieber zu legen,

Zu gehn durch Türenseufzer ein und aus?!

Gegrüßet und geheißen:

Schlaf, Träne, Stube, Kuß, Gemeinschaft, Kindheit, mütterlich?!

Und daß ich raste auf den Ofenbänken,

Und Zuspruch bin, und Balsam Deines Hauses,

Nur Flug und Botengang, und mein nichts weiß,

Und im Gelock den Frühtau Deines Angesichts!

Die Tugend

Die Lüge ist das Weib des Potiphar,

Mit schleppenträgem Kleide angetan.

Das ist bemalt mit allem, was da war,

Und ist, und sein wird. Mond und Sternenbahn,

Mit Frucht und Jahreszeit und Hof und Hahn,

Und Stadt und Meer und Schiff und Berg und Schar.

Und alles das, auf dem Gewande kreisend,

Hältst Du für wahr und für Dich unterweisend!

Die Welt ist Abfall. Und der Satan legt

Den Himmelsmantel an, mit Stern und Zeit.

Was durcheinander Ding an Ding bewegt

Ist Todesangst und letzte Eitelkeit.

Des Bösen Rechnung, Welt, ist stoßgefeit,

Sie scheint zu sein, weil sie kein Sein zerschlägt.

Wo Gottes Wahrheit weicht vor einem Kinde,

Und in die Knie bricht im geringsten Winde.

Doch ist Gesetz dadurch, daß man es bricht!

Die Welt ist Bruch und Schuld auf immerdar.

Allein darin verbürgt sie uns das Licht,

Und in der Sünde wird es offenbar.

Durch unser Leiden werden wir gewahr,

Wie Gott in uns durch eitles Tun zerbricht.

Und Sehnsucht wächst aus überströmten Tagen,

Zu opfern uns, uns selbst ans Kreuz zu schlagen.

So ist nur eins, das Opfer, was uns bleibt,

Im Sturm der Räume, und im Tanz der Uhr!

Die Stunde grinst herbei, die uns entleibt,

Und wir sind ohne Lohn und ohne Spur.

O Liebe, Opfer! Tötend, was uns treibt,

Sind wir erst, sind wir gegen die Natur.

Und ich bin Mensch, in meinem Menschenleben,

Dem Schein ein Sein, dem Unsinn Sinn zu geben.

Veni creator spiritus

Komm heiliger Geist, Du schöpferisch!

Den Marmor unsrer Form zerbrich!

Daß nicht mehr Mauer krank und hart

Den Brunnen dieser Welt umstarrt,

Daß wir gemeinsam und nach oben

Wie Flammen ineinander toben!

Tauch auf aus unsern Flächen wund,

Delphin von aller Wesen Grund,

Alt allgemein und heiliger Fisch!

Komm reiner Geist, Du schöpferisch,

Nach dem wir ewig uns entfalten,

Kristallgesetz der Weltgestalten!

Wie sind wir alle Fremde doch!

Wie unterm letzten Hemde noch

Die Schattengreise im Spital

Sich hassen bis zum letzten Mal,

Und jeder, eh’ er ostwärts mündet,

Allein sein Abendlicht entzündet,

So sind wir eitel eingespannt,

Und hocken bös an unserm Rand,

Und morden uns an jedem Tisch.

Komm heiliger Geist, Du schöpferisch,

Aus uns empor mit tausend Flügen!

Zerbrich das Eis in unsern Zügen!

Daß tränenhaft und gut und gut

Aufsiede die entzückte Flut,

Daß nicht mehr fern und unerreicht

Ein Wesen um das andre schleicht,

Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren,

Und in uns selbst Dein Attribut erfahren!

Daß, wer dem Bruder in die Arme fällt,

Dein tiefes Schlagen süß am Herzen hält,

Daß, wer des armen Hundes Schaun empfängt,

Von Deinem weisen Blicke wird beschenkt,

Daß alle wir in Küssens Überflüssen

Nur Deine reine heilige Lippe küssen!

Abschied
Ein Fragment

Stimme

War Dein Gang in großer Sonne verschwebend,

War Dein windiges Kleid, mir vorüberlebend,

War der tiefe Atemzug Dein Gesicht,

War das alles ein Letztesmal,

Und ich ahnte den Abschied nicht?

Die Straße hat Deinen Fuß vergessen,

Erde und Ätherstrahl gaben Dein verschüttetes Lachen aus.

Die boshafte Treppe im Haus,

Wo aufwärts das Letztemal Dein Antlitz durch mich brach,

Wie das dunkelselige Licht

Durch erhabene Fenster der Tempel bricht,

Wissend höhnt mir die Treppe, nach.

Denn ich atmete nicht,

Daß Dein ferner Atem sich nicht mehr in meinen flicht.

Antwort

Es gibt nicht eine Stelle,

Die Du durch Dich nicht abgestellt.

Es gibt nicht eine Helle,

Die von Dir nicht ins Finster fällt.

Alle Welt ist Letztesmal

Abschied heißt jedes Tal.

Mit müden Straßenbäumen bin ich weggeglitten,

Aus vielen Träumen bin ich abgeschritten.

Und doch, es eint,

Daß wir uns vorbeigeweint,

Und daß wir arm sind, ohne Gleichen,

Niemals zu uns hinüberreichen!

O Abschied, Brunnen aller Worte!

Der Erkennende

Menschen lieben uns, und unbeglückt

Stehn sie auf vom Tisch, um uns zu weinen.

Doch wir sitzen übers Tuch gebückt,

Und sind kalt und können sie verneinen.

Was uns liebt, wie stoßen wir es fort?

Und uns Harte kann kein Gram erweichen.

Was wir lieben, das entrafft ein Ort,

Es wird hart und nicht mehr zu erreichen.

Und das Wort, das waltet, heißt: Allein!

Wenn wir machtlos zueinanderbrennen.

Eines weiß ich: Nie und nichts wird mein.

Mein Besitz allein: Das zu erkennen.

Sieh den Freund, der Deine Speise teilt,

Hinter Stirn und Antlitz sich versammeln.

Wo Dein Blick ihm auch entgegeneilt,

Weilt ein Fels, den Eingang zu verrammeln.

Wenn ich walle durch den Lampenbann,

Meine Schritte höre, böse Wandrer,

Dann erwach ich, und bin nebenan,

Und mir selbst ein Grinsender und Andrer!

Ja, wer niederfährt zu diesem Stand,

Wo das Einsame sich teilt und spaltet

Der zerrinnt sich selbst in seiner Hand,

Und nichts lebt, was ihn zusammenfaltet.

Keinem Schlaf mehr ist er einverleibt,

Immer fühlt er, wie wir selbst uns tragen.

Und die Nacht, die ihm, des Lebens bleibt,

Unabwendlich ist ein Wald zum Klagen.

Romanze einer Schlange

Wo von den aufwärtsatmenden Vulkanen

Erhaben stürzet Gold um Gold,

Unter dem Blau, das in Orkanen

Tiefdröhnend durcheinander rollt,

Roll ich mich im Gerölle,

In meiner Quader Hölle,

Und starre stolz nach den Alleen,

Wo Bäume wehn, und weiße Füße wehn,

Und Sonne, Strom und Sommer toben hold.

Weh euch! Ich wurde wach als Schlange,

Und Feindschaft, Stolz und Haß sind mein Gebot.

Die Nachtigall zerbricht sich im Gesange,

Und stürzet ab in ihren Tod,

Wenn ich mit meinem Blicke

Sie banne und bestricke.

Das Liebliche entgeht mir nicht!

Ich bin im Licht der Bösewicht,

Vernichtung und Gericht, das euch bedroht.

Unendlich singen Amseln in den Kronen,

Und an den Quellen tönt die Kreatur.

Es ist mein Teil in Stein und Stolz zu wohnen,

Und die Gestalt zu sein, in die ich fuhr.

Sind alle guten Wesen

Zu Müttern auserlesen,

So haßt mit Wut mich meine Brut,

Und krümmt sich fort in dumpfem Mut,

Und ich gewunden auf dem Grunde starre nur.

Ich frage nicht, warum bin ich erschaffen

Zum Wurm in dem umblauten Reich?!

Denn keine Sehnsucht lebt, mich hinzuraffen,

Und ich allein will sein mir selber gleich.

Der Hölle siebentiefste Flammen,

Sie quälen nicht, den sie verdammen!

Mich schmerzt mein Kriechen nicht, wenn durch Alleen

Sich Bäume wehn und weiße Füße wehn,

Ich kann nicht weinen, liebe keinen, Wehe euch!

Tempel-Traum

Wenn die Stunde saust,

Und die Frühe säumt,

Wacht der Schläfer schwer

Wie Ertrunkner auf.

Schlamm weilt auf der Stirn,

Und ins Haargewirr

Flechten Tang und Gras

Braunen Bettelkranz.

Und es ist ein Haus

Voll von Sang und Hall.

Lampe lebt in Rauch

Über Treppen hin.

Eine Mutter geht. . .

Und er weiß nicht wo,

Duft und Stimme wird

In der Höhe süß.

Doch ein Priester ernst

Schreitet in die Fern’

Seinem Stabe nach,

Goldnem Vogelknauf.

Und Vestalin sitzt

Bei dem Flammentier,

Springt ein Wind herein,

Hütet sie den Schoß.

Wo der Tempelbau

Oben offen ist,

Schwebt ein Adler groß

Unterm Morgenmeer.

Und die Schläferstirn

Löset ein Gesang,

Und das Herze wächst

Mit der Flut des Nils.

Ein Abendgesang

Nun uns zu Häupten die Fledermäuse und graue Adler streichen,

Und wir im Dunste einer vergehenden Wiese stehn,

Geschiehts, daß atemeins wir uns flüchtige Hände reichen,

Eh wir ins Gestrüpp und das Licht des Schlafes eingehn.

Das ist die Stunde, wo alles erwacht, und Erstaunen

In unsere wirr überwachsenen Herzen fällt,

Daß wir sind — und daß gute und böse Launen

Des Unverständlichen uns in die Welt gestellt!

Wer hat mich gewollt, daß ich Bosheit im Busen wälze,

Wer hat es gefügt, daß mich Güte, süß überschwemmt,

Wer gab mir die Demut — und wer mir den Stolz und die Stelze,

Wer hat es vermocht, daß ich wandle mir selber so fremd?

Und wie uns zu Häupten verderbliche Vögel jagen,

Wir trüben uns alle und werden leichter und klein.

Und sinken wir hin, so regnen von ziehenden Tagen

Ferne Gefühle unseren Odem ein.

Da schwebt das Schiff im Schaume der Schrauben wieder,

Eh unser Auge ins Leere hinüberreift.

Seligkeit naht — — wie wenn schon erlöschende Lider

Süß die unmenschliche Lippe des Dichters streift.

Mondlied eines Mädchens

Für meine Schwester Hanna

Ich liege in gläsernem Wachen,

Gelöst mein Haar und Gesicht.

Am Boden in langsamen Lachen

Schwebt Mond, das unselige Licht.

Und wie mir die tödliche Helle

Die Stirn und das Auge befühlt,

Zerrinn ich und bin eine Welle,

Gekräuselt, entführt und gespült.

Die Mutter atmet daneben,

Der Vater schläft auf und ab.

Ich habe Attest um das Leben

Von allen, die ich lieb hab.

Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer

Erzengel mit schrecklichem Schwert.

Ins Ohr weint mir immer, mir immer

Ein Kind, das mir nicht gehört.

Nachtlampe von tausend Betten

Des Leidens, der Mond mir scheint.

Ich möchte viel Schluchzendes retten,

Und bin es doch selbst, die weint.

All Ding im Zimmer verlassen,

Der Schuh, und der Tisch, und die Wand.

Ich möchte das Ferne anfassen,

Nur sein eine streichelnde Hand!

Ich möchte mit Fröstelnden spielen,

Und halten die Kalten im Arm!

Ich fühle, die Reichen und Vielen

Sind Kinder vor mir und so arm!

Für alle muß ich mich sorgen,

Mein Schlaf ist gläsern und schwebt . .

Ich horche, wie in den Morgen

Der Atem von allen sich hebt.

Im Fenster wehn Bäume zerrissen,

Viel Himmel sind windig in Ruh.

Ich decke mit meinen Kissen

Die frierenden Welten zu.

Eines alten Lehrers Stimme im Traum

Durch einen Traum der Straße oder gar

Durch eine Straße im Traum . . . . . . . .

Von fern kam Deine Stimme wunderbar.

Ich hörte kaum, groß zogen durch den Raum

Die goldenen Begräbnisse, Turm und Baum

Traten im Himmel ein — und tiefer Schaum

Von Winter, Blum’ und Damen regnete mich ein.

In einem Traum der Straße hörte ich Dich sein,

Im Straßentraum die Stimme aus begrabnem Jahr,

Die Stimme, die einmal in einer alten Wohnung war.

Ich hörte Deine Stimm’ und wie Du heißt,

Und dachte an des Vaters Gestalt,

Der mit Dir sprach, und dachte an der Ahne Geist.

Die unter Sternen reisen, mild und kalt,

Und daß auch mich der Wind in Kreise reißt,

Im Traum der Straße, die mein Vater vor mir wallt,

Im Straßentraum dacht ich an einen Bart,

An eine Hand, vereist und brauner Art.

An ungeheure Worte dacht ich: war und alt.

Im Straßentraum, da Gold vorüberfuhr,

Und liebend ein Sonntagswind,

Von fern erfuhr ich Deine Spur,

Und drehte mich nicht um, vom Träumen blind.

Ich weiß nicht, wo Du wandelst, weiß und nicht geschwind.

Und ob Du bist, oder im Traume nur.

Doch von den Kerzen lind, die in mir sind,

Hub eine in der Kirche an und ist entbrannt,

Und ein Gefühl, verloren und noch unbenannt,

Begann, o Straßentraum, im Wind unterm Azur.

Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses

Adam

Müde in den schmerzensreichen Schuhn,

Durch den Tag der Straßenqual gegangen . . .

Fang mich, Abend, auf, in Dir zu ruhn,

Süßer Ort, aus dem ich angefangen!

Meinen Pack von alten Schultern nun

Werf ich ab mit einem langen, langen

Atem, um mich ganz in Dich zu tun.

Ja ich tauche auf aus allem Staub,

Süße Mauer, traumwärts hergebaute,

Tiefer Wind, der sich ins Haar mir staute,

Als der Engel loderte im Laub!

Ja ich komme mit den schweren Rinnen,

Scharfen Tränenschluchten im Gesicht.

Gärtner mit dem Bart, verstoß mich nicht,

Höre auf, mich zu beginnen!

Laß zum Tor verstürzen das Gemäuer.

Schlage eine kleine Bresche ein,

Daß ich sanft in einem Weidenfeuer,

Oder kräuselnd mich am Bach ein scheuer

Windgefährte hebe an zu sein.

Stimme aus dem Garten

Ich darf Dich nicht lassen ein,

Und darf mich nicht lassen aus,

Ich muß mich fassen ein,

Und gieße Dich in Gassen aus.

Mein Haus ist wüst,

Meinen Garten hast Du versandet,

Ich bins, der für Dich büßt.

Kein Schwan mehr landet

In meinem See, der hohlgeht und brandet.

Die alten Bäume sind verbrannt,

Die schönen Tiere starben in Gesträuchen,

Und ich vermag die Würmer nicht zu scheuchen,

Aus meinem Beet und Rebenstand.

Im Herbst, wie eine alte Frau

Wall ich vorbei an eingesunkenen Malen,

So bettelhaft.

Dein ist die Kraft.

Mach, daß ich möge neu erstrahlen,

Aus dieser Wüste weggeworfener Schalen,

Den guten Garten wieder auferbau!

Adam

Durch tausend abgespannte Stunden

Hab ich zu Dir mich hergefunden,

Du wirfst mich fort.

Stimme auf dem Garten

Wir sind, mein Sohn, so sehr verbunden,

Daß Du Dich triffst mit Deinem eigenen Wort.

Adam

Erbarm Dich mein!

Stimme aus dem Garten

Erbarm Dich mein!

Adam

Mir Abgebückten mit zerrissenen Füßen,

Willst Du die Tür des Schlafengehns verschließen?

Ist Gnade nicht Dein Gut zuhöchst erlaucht?

Stimme aus dem Garten

Ich habe meine Gnade ausgegeben,

Sie waltet unerschöpft in Deinem Leben,

Für Dich hab ich sie ganz,

Du nie für mich gebraucht.

Adam

So wird dies Altern nimmer enden,

Und keine Heimat macht mich wieder klein?

Stimme aus dem Garten

Bestelle mich mit Deinen Händen,

Und Heimat werden wir uns beide sein,

Und kehren ein!

Adam

Weh, daß kein andres Wort mich tröste,

Und dies zurücke mich in Städte stößt!

Stimme aus dem Garten

Kind, wie ich Dich mit meinem Blut erlöste,

So wart’ ich weinend, daß Du mich erlöst.

Luzifers Abendlied

Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre,

Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt . . .

Unter mir ist ein Abend der Tage und Jahre,

Stuben sind hell und Fenster von Schatten bewegt.

Und den Fluch im Genick muß ich all die Leidenden schauen.

Wie das lebt, wie das schlägt, und Worte bildet und glaubt.

Weinen und Sehnsucht zu all diesen Männern und Frauen

Faßt mich und beugt mein schwarzes, mein ewiges Haupt.

Und dem furchtbaren Blick erscheint in der alternden Kammer

Lehrerin, bitter und steif, die sich elend zu Ende führt.

Mutter, das Schwert im Herzen, die all ihren Jammer

Heilig ertragend im Hause die Hände rührt.

Jugend geht in den Krieg und schweiget. Geizige Knochen

Schrecklicher Greife klappern von Haß verzehrt.

Selbst die Unschuld, geboren aus blutigen Wochen

Hat den Leib einer lieblichen Frau verheert.

Und sie tragen sich selbst mit Worten. Elend ist Glaube!

Manche ahnen die Lüge, Gefährten von meinem Fluch.

Doch eine süße Schwester mit weißer, edelster Haube,

Hütet den Kranken, und ebnet das fiebrische Tuch.

Und sie nehmen es hin, daß sie sind, und zum Sterben geboren.

Manchmal lächeln sie gut, und tragen im Auge das Heil.

Und dann fühle ich weh: Ich bin verloren.

Stolz und geflügelt und hart, und unbeugsam und steil.

Ich bin der Geist ihrer Klage, der Gnadenlose und Klare,

Der sich gegen den Fluch despotischer Gnade bäumt!

Rein will ich sein und Geist, das ist Schmerz. Und heiße der Wahre,

Der umsonst an das Tor der Versöhnung und Liebe schäumt.

Aber seh ich am Abend die so geliebten Gestalten,

Reißt mich Schluchzen dahin, und es sinket und schwebt

Aller Tränen die reinste, und ruht als Stern in den Falten

Kalten Himmels, Stern, der meinen unseligen Namen lebt.

Held und Heiliger
Prophezeiung an Alexander

Held

Du Entfachter auf dem Scheiterhaufen,

Dem die Feuer um die Stirne laufen,

Sprich, was drückst Du die gepechten Drachen

An Dein Antlitz, überschwemmt von Lachen?

Heiliger

Reiter Du auf dem bebuschten Pferde,

Sieh mich an. Ich bin die Schuld der Erde!

Und ich zahl mich! Wie die Aschen sinken,

Brüllt schon Gott vor Lust, mich auszutrinken.

Held

Nennst Du Trank Dich und zerbrichst den Becher,

Sieh mich an! So nenne ich mich Zecher.

Dieses Da ist da, daß ich es saufe,

Und wer mich säuft, meiner überlaufe!

Heiliger

Eitelster, der auf dem Rosse reitet,

Deinem Pferd ist mehr die Welt bereitet!

Ohne Opfer soll Dir Gott gehören?

Wen Gott will, den muß er sich zerstören!

Held

Kann dies Jetzt denn ohne mich geraten?

Gibt es Leben außer meinen Taten?

Du und Er und alle sieben Reiche

Sind, wenn ich sie in die Tasche streiche.

Heiliger

Nennst Du Leben die verruchten Stunden?

Erst die Stunde, die Dich überwunden,

Erst das Weh, zu dem Er Dich erkoren

Hebt in Gnad Dich an. Du wirst geboren . . .

Held

Schon verbrennst Du, Mann, in Deinem Brennen.

Brand, der nicht verbrennt, will ich mich nennen.

Wer nicht liebt, kann nicht zugrunde gehen.

Sterben alle, bleib ich doch bestehen.

Heiliger
(schon als Asche zusammensinkend)

Alexander über tausend Meeren,

Hör die Flammen an, die sich verzehren!

Hör den Staub, zu dem ich mich vermische!

Liegt ein Freund bei Dir an Deinem Tische,

Ist sein Blut bestimmt, Dich zu bespritzen.

Du vergißt, auch Du kannst nur besitzen.

Schwer in Händen bleibt, was Du errungen,

Im Besitz schon hat Dich Gott bezwungen!

Daß er furchtbar seine Gnade wähle,

Rüste die noch nicht verdammte Seele!

Alte Dienstboten

In dem sanften Wallen der alten Frühlinge

Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus.

Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen,

Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus.

Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen,

Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her.

Die alten Mägde haben gütige Hüte auf,

Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr.

Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf.

Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken,

Eh sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.

Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen

Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag.

Wohin sie auch ihr Gehen wenden,

Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.

Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle.

Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle,

Sie haben keinen Sohn und kein Geschick,

Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur.

Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr . . . .

Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken

Sind sie bereit, sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.

Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit,

Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben

Sich ohne Ende über meins erheben,

Das voll von Hoffart Worte machen mag.

Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag,

Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit.

O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt,

O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt,

O Licht am Abend überm Tisch gebückt!

Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen,

Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!

Jesus und der Äser-Weg

Und als wir gingen von dem toten Hund,

Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen,

Entführte, er uns diesem Meeres-Sund

Den Berg empor, auf dem wir keuchend krochen.

Und als der Herr zuerst den Gipfel trat,

Und wir schon standen auf den letzten Sprossen,

Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad,

Und Wege, die im Sturm, zur Fläche schossen.

Doch einer war, den jeder sanft erfand,

Und leiser jeder sah zu Tale fließen.

Und wie der Heiland süß sich umgewandt,

Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen!

Er neigte nur das Haupt und ging voran,

Indes wir uns verzückten, daß wir lebten,

Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann,

Von Eich’ und Mandel, die vorüberschwebten.