Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf
Zerfreßne Mauer und ein Tor inmitten.
Der Heiland stieß die dumpfe Pforte auf,
Und wartete bis wir hindurchgeschritten.
Und da geschah, was uns die Augen schloß,
Was uns wie Stämme auf die Schwelle pflanzte,
Denn greulich vor uns, wildverschlungen floß
Ein Strom von Aas, auf dem die Sonne tanzte.
Verbissene Ratten schwammen im Gezücht
Von Schlangen, halb von Schärfe aufgefressen,
Verweste Reh’ und Esel und ein Licht
Von Pest und Fliegen drüber unermessen.
Ein schweflig Stinken und so ohne Maß
Aufbrodelte aus den verruchten Lachen,
Daß wir uns beugten übers gelbe Gras
Und uns vor uferloser Angst erbrachen.
Der Heiland aber hob sich auf und schrie
Und schrie zum Himmel, rasend ohne Ende:
„Mein Gott und Vater, höre mich und wende
Dies Grauen von mir und begnade die!
Ich nannt’ mich Liebe, und nun packt mich auch
Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze.
Ach, ich bin eitler, als die kleinste Metze
Und schnöder bin ich, als der letzte Gauch!
Mein Vater Du, so Du mein Vater bist,
Laß mich doch lieben dies verweste Wesen,
Laß mich im Aase Dein Erbarmen lesen!
Ist das denn Liebe, wo noch Ekel ist?!“
Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht
Von jenen Jagden, die wir alle kannten,
Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten,
Verfing sich seinem Scheitel Licht um Licht!
Er neigte wild sich nieder und vergrub
Die Hände ins verderbliche Geziefer,
Und ach, von Rosen ein Geruch, ein tiefer,
Von seiner Weiße sich erhub.
Er aber füllte seine Haare auf
Mit kleinem Aus und kränzte sich mit Schleichen,
Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen,
Von seiner Schulter Ratt und Fledermaus.
Und wie er so im dunklen Tage stand,
Brachen die Berge auf, und Löwen weinten
An seinem Knie, und die zum Flug vereinten
Wildgänse brausten nieder unverwandt.
Vier dunkle Sonnen tanzten lind,
Ein breiter Strahl war da, der nicht versiegte.
Der Himmel barst. — Und Gottes Taube wiegte
Begeistert sich im blauen Riesen-Wind.
Neue Gedichte
1916
(In Buchform noch nicht veröffentlicht)
An den Richter
Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein fremdes Bette.
Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte.
Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen Dorfes und ich
Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an.
Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet.
Ach die Befriedigung vertritt uns Deinen Weg, und wer weich kniet, betet heiser.
Mit dem Apfel lockt der Arzt das kranke Kind von seinem Weinen ab, um Fieber zu messen;
Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!!
O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und geschlagen.
Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden.
Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge, gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im Frevel und wertlos in der Reue,
Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht — mein Richter — und muß mich hassen!
Ich bekenne — und wenn auch dies Eitelkeit ist, weh, vermag ich nichts dagegen, bekenne dennoch:
Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch —
Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung, Sorge mit sorglosem Schwachsinn.
Es ist nicht die Lust der Zerknirschung, wenn ich mich dem weidenden Vieh vergleiche.
Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe.
Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht.
Wird es immer so sein? Mein Tag immer so sein, bis zum letzten Tage?
Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der Schuld empören?!
Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter.
Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht, Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich.
Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken!
Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen.
Ich sitze in diesem kalten Zimmer vor meiner Lampe. Horchst Du an meinem Fenster? Ich kann die Sterne sehn.
Ich wende meinen Kopf scheu zum Fenster, und rufe Dir diesen Gesang zu, und mache diesen Gesang den Schlafenden kund.
Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich, ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit des Herzens!
Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos.
Bald werde ich mich unter meine Decke legen, meinen Leib dehnen, und ruhig atmen.
Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und Gestern, dies Immer und Ewig!
Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist.
Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen und großen Steppen schenken!
Gebet um Reinheit
Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte immergleiche.
Sie durchschreitet all uns die Wunderblinden mitten im Wunder.
Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens,
Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen, und die beschmutzten Hände spülen.
O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen!
O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt!
Ist nicht meine Sehnsucht nach Deiner Kühle Gewähr, das Du springst und spülst,
Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach Deinem süßen Gefälle?
Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises.
Ich halte Dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend der Waschung wartet.
Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne wahr zu sein.
Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner Eitelkeit verstummt.
Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde gesungen,
Und ich, mein Vater, folge ihm, und singe einen Psalm hier wider meinen Feind!
Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben einander nicht einmal sosehr, um uns Feinde zu sein.
Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind, der mich berennt, und an alle meine Tore pocht.
Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und Völlerei treibt,
Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster die Hungrigen drängen.
Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre raucht und fett wird,
Während ich immer geringer werde, und zusehn muß, wie er das Gut meiner Seele verpraßt.
Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz verkehrt und in Selbstbetrug.
Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und meine Liebe mit Trägheit erstickt,
Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur Wollust des Sieges an den Spieltischen,
Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.
Warum hast Du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich zu dieser Zwieheit gemacht?
Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o Du Gewässer!
Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die Zahl Zwei.
Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte Dir meine Hände hin zur Waschung.
Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen
Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!
Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten, selig die einfach Bösen!
Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und abnehmenden Gegenspieler.
O heilig Gewässer, um Dein und meiner Größe willen, hilf mir!
Einem Denker
Dein Blick, mein Bruder, hat mich erschreckt.
Ich habe um Deinen Mund und über Deinen Brauen einen bösen Mangel entdeckt.
Meine Sphäre war traurig,
Ihr mißfiel Deine Art
An der Spitze des Tisches zu sitzen, zierlich geduckt,
Mit gekreuzten Armen, freundlich, listig, kätzchenhaft.
Tu dieses Ducken aus Deinen, Augen, mein Freund!
Laß ab von der barbarischen Bereitschaft des Anklägers und Angreifers!
Wie deute ich mir,
Wie verstünd ich’s,
Daß Du den feurigen Talar des Richters unverbrannt durch die gleichgültigen Räume trägst,
Daß Dein Wort Dir gelingt, Dein Schlaf Dir gelingt, Du Schläfer an Dir vorbei, Du nicht Erwachter!?
Wie soll ich Dein Gebrechen nennen, Schläfer?
Ich will Dein Gebrechen Selbstgerechtigkeit nennen, Schläfer!
Denn wer zu Gericht sitzt,
Über die Sünder,
Sitzt hinterm Kreuz, ist im Recht, braucht seiner Schuld nicht zu gedenken, darf sein Wesen vergessen,
Und der Henker erspart die Pflicht, sich selbst den Kopf abzuhaun.
Ich bitte Dich mit der Hand auf dem Herzen, ich beschwöre Dich, laß ab davon!
Es ist mir sehr wohl bekannt, was uns alle zur Anklage treibt, zu Urteil, Bannstrahl, Ächtung und zu der Seligkeit des Hohns.
Du aber bist wie ein Knabe,
Und scheinst nicht zu wissen,
Daß Du nur angreifst, um Dich vor Dir zu verteidigen, daß Du mit Deinem Schilde Deine Blöße bedeckst . . .
Aber vergiß nicht, daß Aussatz und Räude dereinst unsern erhabensten Triumphschrei zum Gespött machen.
Ich will Dir ein Wort sagen, das Du nicht begreifen wirst.
Ich sage Dir: die Selbstbehauptung im Geiste ist Selbstvernichtung, die Selbstvernichtung im Geiste aber ist Selbstbehauptung.
Kennst Du die starke Waffe
Der wirklichen Sieger?
Sie verachten das Wort, sie ziehn die Niederlage dem Sieg vor, sie ergeben sich, sie lassen sich gefangen nehmen . . .
Denn furchtbar ist der Demütige, furchtbarer der Reine, der sich erkennt, und ein Tamerlan, wer sich aufgibt!
Ich tadle Deine Philosophie, mein Bruder, weil sie die Philosophie der Gerichtshöfe ist.
Sie ist dialektisch, forensisch, sie betet das Wort an und die Unterscheidung der Worte.
Aber die Worte sind
Bedingter noch als die Dinge.
Die Dinge verstellen den Geist, die Worte verstellen die Dinge, und der Geist der Worte
Ist wundersam und angenehm zu fassen in seinen Gefügen und Reimen, aber eitel und trostlos für die Leidenden.
Sprich, o sprich mir nicht von all dem Frevel, der Dir widerfährt und Dich vereinsamt.
Glaube mir, die Unvollkommenheit, die uns trennt, ist lange nicht so groß, wie die Unvollkommenheit, die uns vereint.
In Dir ist aber noch
Der alte Adam allzusehr!
So hängst Du Dich an Ehre, Mut und Mannheit, an die Tugenden der Bestie und ihre Vollkommenheit,
Vergissest, daß die Vollkommenheit die Lilie der göttlichen Vernichtung ist.
Du bist zu schnell an den Betten vorübergegangen, auf denen die gelben Sterbenden rasten,
Du warst, mein Bruder, mit Gerichtsakten beschäftigt, als die Sträflinge ihren einstündigen Marsch im Hof anhuben.
Du kennst jene Weisheit nicht,
Höher als alles Mitleid!
Du kennst nicht jenes Hindurcherkennen, plötzlichen Aufgang andern Lichts, die Demokratie der Ungleichheit, und das Bewußtsein, daß wir alle Hände haben,
Du kennst noch nicht jene kostbaren Tränen, deren man wenig in einem Leben vergießt.
Ballade von Wahn und Tod
Im großen Raum des Tags
Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer,
Wie Sinai schallt. Vom Turm geballt
Die Wolke fiel. — Erstickten Schlags
Mein Ohr die Stunde traf,
Als ich gebeugt saß über mich zu sehr.
Und ich entfiel mir, rollte hin, und schwankte da auf einem Schlaf.
Wie deut’ ich diesen Schlaf,
Wie noch kein Schlaf mich je trat an, da ich verrann
In Dunkelheit, so mich eine Zeit
In mein Herz traf?
Und als ich kam empor,
In Traum auftauchend Atemgang begann,
Trat ich in mein vergangnes Haus, in schwarzen Flur durchs winterliche Tor.
Nun höret, Freunde, es!
Als ich im schwarzen Tage stand, schlug mich eine leichte Hand.
Ich stand gebannt an kalter Wand.
O schwarzes, schreckliches
Gedenken, da ich ihn nicht fand,
Den Leichten, der mich so ging an
Und mich im schwarzen Tag des Tors geschlagen leicht mit seiner leichten Hand.
Es fügte sich kein Schein,
Und selbst das kleine schnelle Licht, das sich in falsche Rosen flicht,
Und unterm Bild vergeht und schwillt,
Das kleine Licht ging ein.
Es trat kein schwarzer Engel vor,
Kein Schatten trat, kein Atem trat aus dem kalten Stein!
Doch hinter mir in meinem Traum, aufschluchzend kaum versank das Tor.
Und auch kein Wort erscholl.
Doch ganz mit meiner Stimme rief ein Wort in meinem Orkus tief.
Und wie am Eichenort ein Blatt war ich verdorrt.
Weh, trocken, leicht und toll
Fiel ich an mir herab und fuhr in Herbst und großem Stoß.
Mich nahm ein Wort und Wind mit fort,
Das Wort, das durch mich stieß, das Wort mit dreien Silben hieß, das Wort hieß: rettungslos.
O letzte Angst und Schmerz!
O Traum vom Flur, o Traum vom Haus, aus dem die Frau mich führte aus!
O Bett im Dunkel aufgestellt, auf dem sie mich entließ zur Welt.
Ich stand in schwarzem Erz,
Und hielt mein Herz und konnte nicht schrein,
Und sang ein — Rette mich — in mich ein.
Der Raum von Stein baute mich ein. Ich hörte schallen den Fluß und fallen, den Fluß: Allein
Und da es war also,
Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus allem Schoß.
Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur.
Und ich erkannte so,
Warum da leicht und fein die Hand mich schlug,
Die schwach an meine Stirne fuhr,
Und meinen Gang geheim bezwang, daß ich nicht wankte mehr, und kaum mich selber trug.
Und als ich ihn erkannt,
Den Augenblick, der mich trat an, da war ich selbst der andre Mann,
Und der mir hart gebot, ich selber war mein Tod.
Und nahm mir alles unverwandt,
Und wand es fort aus meiner Hand und hielts gepackt —
Genuß und Liebe, Macht und Ruhm und jammernd die Dichtkunst zuletzt.
Und stand entsetzt und ausgesetzt und ohne Wahn und aufgetan und völlig nackt.
O Tod, o Tod, ich sah
Zum erstenmal mich wahrhaft sein, mich ohne Willen, Wunsch und Schein,
Wie Trinker nächtlich spät sich gegenüber steht.
— — Er lacht und bleibt sich fern und nah — —
Ich stand erstarrt in erster Gegen-Wart allein zu zwein.
(Ach, was wir sagen lügt schon, weil es spricht)
Ich fand mich, ohne Wahn mich sein, und starb in mein Erwachen ein.
Im großen Raum des Tags
Hob ich mein Haupt auf aus dem Traum, und sah auf meinen Fensterbaum.
Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer,
Der Himmel glühte noch kaum.
Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut,
Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß . . .
Mein Haupt vom Traum umlaubt noch. Ging mit dumpfem Blut.
Ich ging, wie Tote gehn,
Ein abgeschiedner Geist, verwaist und ungesehn.
Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl,
Sah Kinder rennen und sah Bettler stehn.
Ein Buckliger hielt sich den Bauch, und eine Greisin schwang den Stock und schrie,
Leicht eine Dame lächelte. Ein Mädchen küßte sich die Hand . . .
Und ich verstand, was sie verband, und schritt in großer Alchimie.
Der Tempel
O Tempel, in die
Zarteste Stunde gebaut,
Wenn schon die unermüdlichen
Schmetterlinge
Die kreisenden welken an
Der alten Lampe des Weisen und
Die Träumer plötzlich das Haupt
Tauchen aus tausend Fenstern.
Tempel,
In solcher Stunde erschallend,
Läßt Du uns gehn
Über die Treppe.
Aber wenig leuchtet
Die Laterne voran des Priesters,
Wenn tief der Tierkreis
Brüllet und leis im Schlaf.
Wie bald doch steh ich
Und schon im Kuppelsaal.
Dort aber rundet
Der offne Himmel.
Ein Morgen
Macht ihn schon fast
Zum verschwommenen Knaben.
Doch in dem hellen Boden
Findet er sich bemessen
Zu unseren Füßen wieder
Genau
Im bildenden Wasserteich.
Wie da ruhen
Über unseren Schultern
Die einhaltenden Vögel,
Die Planeten sich aus.
Sitzen sanft eine Weil’ nur,
Geschlossene Flügel
Auf atemlosen Säulen.
Trällert einer im Schlaf.
Aber als letzter
Luzifer schwirrend
Hebt sich hinweg
Morgender Stern.
Mit fernem Gelächter
Spiegelnd Gefieder
Im schon helleren Bassin.
Nun aber seh ich
Wolken grünen im Wasser.
Sehe dreifach
Das Strandgut treiben
Im kleinen Umkreis
Des Brunnenteichs.
Wohl weiß ich,
Und nimmer täuschet mich wer,
Mattes und Morsches.
Drei Dinge schwimmen,
Kleines Brett Noahs,
Binsenkorb Mosis,
Holzspahn der Krippe
Drei Schatten schwimmen
Auf wachsendem Himmel.
Nun aber schreiten —
(Da es doch bald mehr Frühe ist)
Die Männer hinaus,
Die herrlichen
Nach der Abfertigung.
Über den Brauen
Schimmern die Glatzen vor Osten
Sie neigen und schreiten,
Die Heiligen schreiten
Hinter Planeten.
Frühe Arbeiter
Und kühl
Von diesem Himmel und Frische.
So schreiten sie,
Ohne zu wecken,
Gesenkte Stirnen,
Aus allen Türen zugleich
Hinaus aus diesem
Kuppelkreis,
Die Verschmäher der Speise.
Die heilige Elisabeth
für Gertrud Spirk
Wie sie geht
Die Schwester der fünften Stund und der Lerchen,
Unter dem noch versagenden Himmel,
Dem atmenden Osten voraus!
Über Stufen
Steigend nieder
Am Klirren vorbei des frühen Frühlings . . .
Aber es wehen noch, es fliegen
Die wahrhaft gläubigen Träumer
Durch Träume auf schlagenden Fittichen,
Über den unzähligen Morgen,
Stürzen sich in die Meere,
Brust und Haar voll Auferstehungswind.
Ihre Füße lächeln
Über die Steine nieder.
Doch in den harten
Gebeizten Händen
Hält sie, die Dienende,
Den gedeckten Korb.
Nun drängen schon
Hunde und räudige Krüppel,
Krähende Tolle
Sich an das Jenseits ihres Knies.
Bettler mit Näpfen
Heben sich auf,
Gestreifte Kranke,
Lampe in Händen,
Hustende Kinder,
Betrunkene Greise,
Huren, Gelichter, sterbende Sünder,
Wanken geschlossenen Auges ihr nach.
Schon heult die Stadt auf
Und ächzt in ihren Morgen ein.
Durch den Nebel der Kaserne
Bricht die entsetzliche Trompete.
In den Asylen krächzt
Der Greis, gewälzt von der Bettstatt.
Flößerruf!
Die schweren unseligen Pferde
Neigen in Höfen ihr Haupt.
Sie geht noch,
Eh sie verfließt,
Eh ihr Aufwärtslächeln
Sich einmischt in die Antwort des Himmels,
Sie geht noch die Magd,
Sie weht noch die hohe Deutsche . . .
O Dämmerung ihres Haars,
O Schritt, o Blick,
Wie sie geht, die Schwester der fünften Stunde!
Der Ruf
So stand sie schon vor dem großen Nachmittagstor,
Und hielt mit ihrer Hand den Durchblick zu.
Ihr Kleid sang westlich im tiefen Wind.
Dort aber war der Tag,
Wo Munde abwärts ernster werden,
Und Hände hart, die nicht mehr streichelnden.
Des Auges Willen geht dort nicht mehr aus vor Herz.
Nicht rast das Antlitz mehr dort,
Die süße Fläche ebbet, weh flieht in sich.
Der Schritt verwaltet keinen Tanz mehr dort.
Schritt schreitet Arbeit, Arbeit, dort und Verlust.
Ihr Fuß so stand auf dem Schwellenstein.
Doch ihre Hand vor ausblickendem Aug.
Das Haar im Zephyr leicht . . .
Ich rief sie an.
Doch wie sie sich wandte,
Wie sie horchte nach dem Rufenden hin,
Hob in den Lüften um sie ein Kampf an.
Die ernsten Dämonen des Ausgangs taten sich in Wind,
Rafften mahnend vorwärts Kleid ihr und Haar.
Aber die jauchzenden Götter des Ausgangs
Warfen sich in die Saiten der Sonne,
Töneten, sangen die Leichte zurück.
Da aber wankte ihr Antlitz unter den Schatten,
Und sie sah mich stehn im rollenden Tag,
Sah mich unter den brüllenden Festen:
Ruhm, Mittag, Lüge, Gesang und Blauheit!
Sie selbst war Wachsen schon der Brüst’, Aufbruch des Munds.
Ich rief noch einmal . . . .
Wie im leichten Schmerze,
Zögernd,
Wehte sie ihre edle Mädchenheit mir zu.
Vergessen
An dieses Flusses Walten wachend,
Hinüberruhend
Nach des Eilands, nach des Schilfes nördlichem Drang,
Habe ich Dein vergessen.
Vergaß Dein Antlitz,
Deiner Züge Niederwehn
In die offenen harten armen Händ’.
Vergessen hab’ ich Deinen Abendschmerz in diesem Abend . . .
Niedrige Möven schnellen über Wirbel hin.
Das Gras braust in die Nacht.
Weh mein Gesicht ist Sünde!
Müdigkeit
Tiefe Schwester der Welt
Weilt auf bewimpeltem Bord,
Schützt ihren Krug vor dem Glanz,
Der schon im Westen zerstürzt.
Mit dem Gelächter des Volks
Löst sich das Schifflein und schäumt.
Aber die Göttin und Gold
Rollt mit den Wellen noch lang.
Herz und Atem versinkt,
Woge, in welchen Schlag?
Mischt schon die Fledermaus
Elemente und Mohn?
Abendgestade und Blick
Schwinden hin. Kiel und Delphin.
Lebt noch über der Bucht
Maulbeer, Limone und Öl?
Schrei
Es wandeln oben vielleicht die reinen Dämonen,
Ernste Frauen,
Weilende Augen ohne Ebbe,
Mit abwärts schon wachsendem Mund . . .
Aber wir unten
Wir Knechte
In diesem Pfuhl von Luft!
Ausatmend, einatmend,
Die Zeit vertreibend,
Gute Vergesser . . .
Und dennoch
Von uns befallen,
Von uns befallen.
Im Hals den großen Skorpion,
Der an den Gaumen juckt.
Den gebundenen Teufel,
Mit Stachel und Scher’,
Den mordenden Asmodi,
Der zum Mund ausführt,
Verbindlich, eitel, wohlgestalt,
Der Lügenvater
Über unsere
Edle
Von Wahrheit blutende Lippe.
Wir unten, wir,
Hilflos wie Knechte!
Erstickt von Betrügen
Erwürgt von Verraten,
Gebeugte Auswandrer
Wir aus uns selber,
Verbrecher, verfolgt
Von gemordeten Worten.
Wettläufer ins Aus,
Preisspringer ins Ende,
Von den Türmen der Stunden —
Zerekelt, ewiglich, elend, —
Träge uns schleudernd in Schlaf.
Der Dichter
Ah! Ich habe mich ausverraten.
Mein entsetzliches Geheimnis und mein gütiges,
Aus den Kasernen der Verstellung ausgebrochen!!
Das gepflegte Antlitz meiner Lüge,
Das blatternarbige Antlitz meiner Wahrheit,
Enträtselt sich zur Wahrheit.
Ich schrieb mir unbekannte Chiffernschrift,
Unerbittlich log ich Wahrheit.
Nun beginne ich mich zu bedeuten,
Nun beginne ich hinter meinem Weiß hervorzukommen,
Nun baue ich mich auf mit abgehackten Händen . . .
Hilflos
Höhn ich mich Hilflosen von fern an.