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Gesänge und Inschriften

Chapter 41: 7.
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About This Book

A translated collection of poems and accompanying biographical-essay material that celebrates the bodily and spiritual self, the natural world, and an expansive vision of democratic community. The verse combines long, cataloging cadences with intimate sensory detail to explore erotic longing, comradeship, labor, and universal kinship, treating feeling as the origin of collective life. Poetic technique privileges free rhythms and inclusivity, while the commentary traces the poet’s development and frames the poems as an attempt to shape civic identity and a new cultural sensibility through passionate, often corporeal, affirmation.

Hat einer begehrt, die Seele zu sehen?
Sieh, deine eigne Gestalt und Haltung, Personen, Wesen, Tiere, die Bäume, die fliehenden Ströme, die Felsen und Wüsten.
Alle halten geistige Lust und lassen sie wieder los;
Wie kann der wahre Leib je sterben und je begraben sein?
Von deinem wahren Leib und jedermanns und jedenweibs wahrem Leib
Entrinnt Stück für Stück den Händen der Leichenwäscher und birgt sich in passenden Sphären,
Und nimmt mit, was ihm zugewachsen vom Augenblick der Geburt bis zur Stunde des Todes.
So gut wie die Lettern, die der Setzer gefügt hat, den Druck, die Bedeutung, den Sinn wiederholen,
Kehrt eines Manns Wesen und Leben oder eines Weibs Wesen und Leben in Leib und Seele zurück,
Unbekümmert vor dem Tod und nachher.
Siehe, der Leib umschließt die Bedeutung und ist der Sinn und umschließt die Seele und ist sie;
Wer du auch seist, wie göttlich und stolz ist dein Leib und jedes Stück von ihm!

10.

Mit mir, doch fest verbunden, doch vorwärts eile, eile.
Für dein Leben hänge an mir,
(Zureden müßte man mir vielleicht oft, eh ich bereit, mich dir wirklich zu geben, aber was liegt daran?
Muß nicht oft der Natur zugeredet werden?)
Kein gezierter dolce affetuoso ich,
Bärtig, sonnverbrannt, graunackig, störrisch hab ich erreicht,
Daß man, komm ich daher, mit mir um die echten Preise des Weltalls ringt,
Denn solche biete ich jedem, der standhält, sie zu gewinnen.

11.

O trauter Camerado! O endlich du und ich, und nichts als wir.
O nun ein Wort zum Weiterschreiten, zwecklos klar!
O Überschwengliches – beweislos, wild, Musik!
O sieghaft oben bin ich – so auch du;
O Hand in Hand – o heilsame Lust – o Neuer, der Liebe und Sehnsucht gewonnen!
O fest verbunden zu eilen – zu eilen, vorwärts zu eilen mit mir.

DER GRUNDSTEIN ALLER METAPHYSIK

Und nun, meine Herrn,
Geb ich Ihnen ein Wort zur Erinnerung und zur Besinnung,
Als Grundstein und als Finale für jegliche Metaphysik.
(So zu den Studenten der alte Professor
Am Schluß seines überfüllten Kollegs.)
Hab nun die neuen und die antiken, Systeme der Griechen und Deutschen erforscht,
Hab Kant erforscht und gedeutet, Fichte und Schelling und Hegel,
Gedeutet die Lehre Platons, und Sokrates größer als Platon,
Und habe den, der größer, als Sokrates suchte und deutete, Christus den Göttlichen lange erforscht,
Und nun blicke ich heute zurück auf all diese griechischen und deutschen Systeme,
Sehe alle die Philosophen, christliche Kirchen und Richtungen seh ich,
Unterirdisch aber und hell sehe ich Sokrates, und unterirdisch Christus den Göttlichen seh ich,
Die Liebe des Menschen zum Kameraden, das Band zwischen Freund und Freund,
Des wohlgeborgenen Gatten und Weibs, von Kindern und Eltern,
Von Stadt zu Stadt und Land zu Land.

ICH SAH IN LOUISIANA EINE EICHE WACHSEN –

Ich sah in Louisiana eine Eiche wachsen,
Ganz allein stand sie und das Moos hing von ihren Ästen,
Ohne Genossen wuchs sie und äußerte immergrün dunkel und froh ihre Blätter,
Und ihr Anblick, rauh, stark, unbiegsam, rüstig, gemahnte mich an mich selbst,
Nur daß ich staunte, wie sie ihr Laub froh äußern konnte, da sie allein stand, ohne den nahen Freund, denn ich wußte, ich könnte es nicht,
Und ich brach einen Zweig, der etliche Blätter trug, und spann etwas Moos darum,
Und nahm ihn mit, und in meinem Zimmer hab' ich ihn aufgehängt,
Nicht daß ich Erinnerung an meine lieben Freunde brauchte,
(Denn ich glaube, schließlich denk ich kaum an andres als an sie,)
Aber er bleibt mir ein seltsames Zeichen, er mahnt mich an mannhafte Liebe,
Trotz allem und obwohl der Eichbaum dort in Louisiana grünt einsam für sich in weitem Flachland,
Und seiner Lebtag froh sein Laub herausstrahlt ohne Freund und Liebenden bei sich,
Weiß ich sehr wohl, ich könnte es nicht.

SALUT AU MONDE!

Du, wer du auch bist!
Du Tochter oder Sohn Englands!
Du aus den gewaltigen slawischen Stämmen und Reichen! Du Russe in Rußland!
Du Dunkelsproß, schwarzer Afrikaner mit göttlicher Seele, Breiter, Schmalköpfiger, edel Gebauter, stolzer Bestimmung, auf gleichem Fuß mit mir!
Du Norweger! Schwede! Däne! Isländer! Preuße Du!
Du Spanier aus Spanien! Du Portugiese!
Du französisches Weib und Franzose aus Frankreich!
Du Belgier! Du Freiheitsfreund in den Niederlanden! (Stamm, dem ich selber entsprossen;)
Du handfester Österreicher! Lombarde! Ungar! Du Böhme! Steirischer Bauer!
Du Nachbar der Donau!
Du Arbeitsmann vom Rhein, von der Elbe oder der Weser! Du Arbeitsfrau auch!
Du Sardinier! Du Bayer! Schwabe! Sachse! Wallache! Bulgare!
Du Römer! Neapolitaner! Du Grieche!
Du geschmeidiger Matador in der Arena von Sevilla!
Du Bergbewohner, der gesetzlos auf dem Taurus oder Kaukasus haust!
Du Hirt Bokharas, der seine Stuten weidet und Hengste züchtet!
Du schöner Perser, der im vollen Galopp im Sattel Pfeile nach dem Ziele schießt!
Du Chinese und Chinesin aus China! Tartar der Tartarei!
Ihr Frauen der Erde im Dienst eures Amtes!
Du Jude, der im hohen Alter durch alle Gefahren durch pilgert, um einst auf Palästinas Boden zu stehen!
Ihr andern Juden, die in allen Ländern auf ihren Messias warten!
Du sinnender Armenier, der an einem Euphratstrom brütet! Du Starrer unter den Ruinen von Ninive! Du Araratbesteiger!
Du müder Pilger, der sich fortschleppt, um das ferne Funkeln der Minarete von Mekka zu grüßen!
Ihr Scheiks auf der Stecke von Suez nach Bab-el-Mandeb, Gebieter eurer Familien und Stämme!
Ihr Ölbaumpflanzer, die ihre Früchte hegen auf den Feldern von Nazareth, Damaskus oder am See Tiberias!
Du tibetanischer Kaufmann im weiten Innern, oder in den Läden von Lassa feilschend!
Du japanischer Mann oder Frau! Bewohner Madagaskars, Ceylons, Sumatras, Borneos!
All ihr Festlandbewohner in Asien, Afrika, Europa, Australien, wo eure Stätte sei!
Alle ihr auf den zahllosen Eiländern der Inselmeere!
Und ihr in den fernen Jahrhunderten, wo ihr mich hört!
Und du jeglicher und allenthalben, den ich nicht bezeichne, doch den ich mit einschließe!
Heil euch! Willkommen euch allen, von mir und Amerika dargebracht!
Jeder von uns unvermeidlich,
Jeder von uns grenzenlos – jeder mit seinem oder ihrem Recht auf die Erde,
Jeder von uns mit dem Anspruch auf das ewige Erbe der Erde,
Jeder hienieden so göttlich wie irgendeiner hienieden.

LIED DER LANDSTRASSE

1.

Und nun von Stund an erklär ich mich frei von Schranken und eingebildeten Linien,
Ich gehe, wohin ich will, mein eigener Herr völlig und gänzlich,
Ich höre auf andre und prüfe gut, was sie sagen,
Breche ab, empfange, suche, betrachte,
Freundwillig, jedoch unbeugsamen Willens, der Krücken entratend, die mich stützen wollen.
Ich atme die Weiten des Raums ein,
Ost und West sind mein, und Nord und Süd sind mein.
Ich bin weiter, besser als ich vermeint,
Ich wußte nicht, daß ich so gütig sei.
Alles erscheint mir nun schön,
Männern und Fraun kann ich immerzu sagen, ihr waret so gut zu mir, ich wäre grad so zu euch.
Kraft will ich sammeln für mich und für euch, wenn ich wandre,
Unter Männer und Fraun will ich mich streun, wenn ich wandre,
Neue Lust und Herbheit will ich aus ihnen schütteln,
Verleugnet mich einer, so solls mich nicht stören,
Nimmt mich einer auf, ob Mann ob Frau, so sei er gesegnet und wolle mich segnen.

2.

Erschienen jetzt tausend vollkommene Männer, es sollt mich nicht wundern,
Erschienen jetzt tausend schöne Frauengestalten, ich würde nicht staunen.
Ich sehe jetzt in das Geheimnis, wo die besten Menschen herkommen.
Sie wachsen in freier Luft, haben Essen und Schlaf mit der Erde.
Hier ist Raum für große persönliche Tat.
(So eine Tat ergreift die Herzen des ganzen Menschengeschlechtes,
Was ihr an Stärke und Willen entströmt, reißt alle Gesetze um und spottet aller Autorität und aller Reden gegen sie.)
Hier ist die Prüfung der Weisheit,
Weisheit wird nicht letztlich in Schulen geprüft,
Weisheit ist nicht übertragbar von dem, der sie hat, auf den, der sie nicht hat,
Weisheit entstammt der Seele, ist keines Beweises fähig, ihr eigner Beweis,
Paßt auf alle Stufen und Gegenstände und Eigenschaften und ist genügsam,
Ist die Gewißheit der Wirklichkeit und Unsterblichkeit der Dinge, und der Trefflichkeit aller Dinge;
Etwas ist im Strom der sichtbaren Dinge, das sie aus der Seele hervorruft.
Jetzt überprüf ich Philosophien und Religionen,
Sie mögen gut sein für Vorlesungssäle, doch nicht im geringsten unter den massigen Wolken, an eilenden Strömen und in der Landschaft.
Hier ist Verwirklichung,
Hier ist der Mensch aus dem Kernholz geschnitten – er bewährt, was er in sich hat,
Das Gestern, das Morgen, die Herrlichkeit und die Liebe – sind sie nicht in euch, so seid ihr nicht in ihnen.
Nur der Kern jeder Sache ernährt;
Wo ist der Mann, der euch und mir die Schalen abstreift?
Wo ist der Mann, der euch und mir Masken und Hüllen zerreißt?
Hier ist Zusammenhalt, künstlich gedrechselter nicht, sondern spontaner;
Wißt ihr, was es heißt, im Vorbeigehn von Fremden geliebt zu werden?
Kennt ihr die Sprache der zugeworfenen Blicke?

3.

Allons! Durch Streit und Krieg!
Genanntes Ziel ist unwiderruflich.
Sind die vergangenen Kämpfe geglückt?
Was ist geglückt? Du? Dein Volk? Die Natur?
Nun höre mich wohl – es liegt im Wesen der Dinge, daß aus jedem genossenen Glück, gleichviel wie es heiße, etwas hervorkommt, das größeren Streit notwendig macht.
Mein Ruf ist der Kriegsruf, ich nähre tatkräftigen Aufstand,
Wer mit mir geht, muß in Waffen gehn,
Wer mit mir geht, kennt schmale Kost, Armut, scharfe Feinde, Abtrünnigkeit.

ICH SITZE UND SCHAUE

Ich sitze und blicke nach allen Qualen der Welt aus, und nach jeder Unterdrückung und Schmach,
Ich höre verhohlenes, krampfhaftes Schluchzen von jungen Menschen in Selbstquälerei, die in Reue sind nach geschehenen Taten,
Ich sehe im niederen Leben die Mutter von ihren Kindern mißhandelt, sterbend, vernachlässigt, ausgemergelt, verzweifelt,
Ich sehe das Weib vom Gatten mißhandelt, ich sehe den niederträchtigen Verführer der jungen Frauen,
Ich sehe das Nagen der Eifersucht und unerwiderter Liebe, mit Mühe zurückgedrängt, ich sehe diese Gesichte auf Erden,
Ich sehe die Werke der Schlacht, der Seuche, der Tyrannei, ich sehe Märtyrer und Gefangene,
Ich gewahre Hungersnot auf dem Meer, ich gewahre Seeleute, die Lose werfen, wer von ihnen getötet werden soll, um den andern das Leben zu retten,
Ich gewahre Schimpf und Verachtung von anmaßenden Herren Arbeitern zugeworfen, den Armen, und Negern, und dergleichen,
Nach allem – nach all der Gemeinheit und Todesnot ohne Ende halt ich im Sitze Ausschau,
Sehe, höre und schweige.

ALS ICH LAG, MEINEN KOPF IN DEINEM SCHOSS, CAMERADO

Als ich lag, meinen Kopf in deinem Schoß, Camerado,
Die Beichte wiederhol ich, die ich dir machte, was ich zu dir und der Luft gesagt, wiederhol ich,
Ich weiß, ich bin ruhlos und mache andre ruhlos,
Ich weiß, meine Worte sind gefährliche Waffen und tödlich,
(Wahrlich, ich bin der echte Krieger,
Nicht der dort ist's mit dem Bajonett und nicht der rotgestreifte Artillerist.)
Denn ich befehde Frieden, Sicherheit und alle festen Gesetze, um sie zu stürzen,
Ich bin entschlossener, da alle mich abwiesen, als ich je wäre, wenn sie mich grüßten,
Ich achte nicht und hab nie geachtet auf Erfahrung, Vorsicht, Mehrheit oder Verlachen,
Und die Drohung sogenannter Hölle ist wenig für mich oder nichts,
Und die Lockung sogenannten Himmels ist wenig für mich oder nichts;
Lieber Camerado! Ich bekenne, ich habe dich mit mir gerissen und reiße dich noch, und weiß nicht, nach welchem Ziel,
Oder ob wir siegreich sein werden, oder schmählich zu Boden geschlagen.

LEB WOHL, SOLDAT –

Leb wohl, Soldat,
Mann rauhen Feldzugs (den wir teilten),
Der schnelle Marsch, das Lagerleben,
Der heiße Streit feindlicher Fronten, das lange Hinziehn,
Die roten Schlachten mit ihrem Gemetzel, die Wut, das wilde, gräßliche Spiel,
Alles zeugt von tapferen und männlichen Herzen, von Zeiten, die du und deinesgleichen gefüllt,
Mit Krieg und Kriegsgepräge.
Leb wohl, Kamerad,
Dein Amt ist aus, – ich aber, kriegerischer,
Ich und dies mein streitendes Herz,
Wir stehen noch im eignen Feldzug,
Auf unbegangnen Wegen voller Gefahren und Hinterhalte,
Fechten in Niederlagen und Krisen, oft betrogen,
Und immer im Marsch, vorwärts marsch, den Krieg zu Ende, drauf,
Wir prägen wildere, schwerere Schlachten.

WENDE DICH, FREIHEIT –

Wende dich, Freiheit, denn der Krieg ist zu Ende,
Von ihm und jedem, der künftig ausbricht, nicht mehr zweifelnd, entschlossen, die Welt ausfegend,
Wende dich ab von nach hinten schauenden Ländern, die Abzüge des Gewesenen häufen,
Von den Sängern, die nachschleifend den Ruhm des Gewesenen singen,
Von den Liedern feudaler Welt, Königstriumphen, Sklaven und Kasten,
Hin zu der Welt und den Siegen, die bevorstehn und kommen, gib die Rückwärtswelt auf,
Gib den Sängern des Bisher den Laufpaß, gib ihnen das schleifende Gestern,
Doch was bleibt, bleibe deinen Sängern, künftige Kriege gehen um dich,
(O, wie die Kriege des Gestern dir so recht die Wege gebahnt, und die Kriege von heute bahnen sie auch;)
Wende dich denn getrost, o Freiheit – wende dein Tod nicht kennendes Antlitz,
Zukunftwärts, wo das Morgen, größer als alles Gestern,
Rasch und sicher wartet auf dich.

HEIMKEHR DER HELDEN

Ich war bei der Heimkehr der Helden dabei,
(Doch die trefflichsten Helden sehen wir nie mehr,
Die sah ich nicht an dem Tag.)
Ich sah die endlosen Korps, ich sah den Zug der Armeen,
Ich sah sie nahn, defilieren in Divisionen,
Nordwärts fluten sodann, nach vollbrachtem Werk, und in Haufen von Riesenlagern kampieren.
Keine Paradesoldaten – jung und doch Veteranen,
Müde, gebräunt, stattlich und stark, Bauern- und Handwerkerschlag,
Gestählt in vielen Schlachten und schwitzenden Märschen,
Abgehärtet auf manchem schwer erkämpften blutigen Feld.
Pause – die Heere warten,
Zahllos in Haufen aufgestellte Eroberer warten,
Es wartet die Welt, und dann – sanft wie sinkende Nacht, sicher wie Morgengraun,
Schmelzen sie hin, verschwinden.
Jauchzt, o Lande, siegreiche Lande!
Nicht euerm Sieg dort auf den roten schaudernden Feldern,
Jauchzt euerm Sieg hier und von nun an.
Schmelzt, ihr Heere, schmelzt fort – zergeht, Soldaten in Uniform,
Löst euch endgültig auf, legt die tödlichen Waffen nieder,
Andre Waffen und Felder von nun an für euch, ob Süden, ob Norden,
Heilsamere Kriege, holde Kriege, lebenspendende Kriege.

DER MYSTISCHE TROMPETER

1.

Horch, welch wilder Musikant, welch seltsamer Trompeter
Unsichtbar heute Nacht in Lüften schwebt und tolle Weisen schmettert.
Ich höre dich, Trompeter, scharf lauschend vernehm ich dein Spiel,
Jetzt um mich strömend, wirbelnd wie ein Sturm,
Jetzt leise, unterdrückt, jetzt in der Ferne verloren.

2.

Komm näher, Körperloser, vielleicht erklingt in dir
Ein toter Komponist, vielleicht erdrückte dich
Ein hohes Streben, ungeformtes Wollen,
Chaotisch drängten sich Klangwogen, Ozeane stiegen,
Daß nun dein Geist ekstatisch sich mir neigt und dröhnend schütternd seine Rhythmenflut
Vertrauensvoll in meine, meine Ohren gießt,
Daß ich sie übersetze.

3.

Blase, Trompeter, frei und hell, ich folge,
Und wie dein Vorspiel heiter froh verfließt,
Schwindet die fressende Welt, die Straßen, die lärmenden Stunden des Tags,
Heilige Stille senkt sich wie Tau auf mich nieder,
Ich wandle in kühl erfrischender Nacht die Pfade des Paradieses,
Mir duftet das Gras, die feuchte Luft und die Rosen;
Dein Lied entfaltet den starr gefesselten Geist – befreit mich, läßt mich los,
Ich schwimme wohlig im Himmelssee.

4.

Blase nur, Trompeter! und vor die sehenden Augen
Stell mir die alten Heiden, bring die feudale Welt.
Was Zaubers wirkt dein Spiel! es tauchen vor mir auf
Längst tote Herrn und Damen, Barone in ihren Schlössern, die Troubadoure singen,
Gewappnet ziehn Ritter dem Unrecht entgegen oder suchen den heiligen Gral;
Ich sehe Turniere und Streiter in schwerer Rüstung auf knirschenden Rossen,
Ich höre das Jauchzen, das Dröhnen von Hieben und Stichen;
Ich sehe der Kreuzzugsheere Getümmel – horch, wie die Zimbeln schallen,
Sieh dort den Zug der Mönche mit hoch erhobenem Kreuz.

5.

Blas nur Trompeter! und zum Thema
Nimm nun das Thema, das alle einschließt, lösend und bindend,
Liebe, den Takt der Welt, den Trost und die Tränen,
Mannes und Weibes Herz mit nichts als Liebe,
Kein andres Thema als Liebe, – knüpfende, hegende, allüberschwemmende Liebe.
O wie die unsterblichen Wesen sich um mich drängen!
Ich sehe den großen Vergaser ewig tätig, ich kenne die Flammen, die Heizer der Welt,
Glut und Röte, pochende Herzen der Liebenden,
So selig manche, und manche so still, dunkel, nahe dem Tode;
Liebe, außer der Liebenden nichts ist – Liebe, die Zeit und Raum überwindet,
Liebe, die Tag und Nacht ist – Liebe, die Sonne und Mond ist und Sterne,
Liebe in Scharlach und Üppigkeit, duftkranke Liebe,
Keine Worte als Worte der Liebe, kein andres Denken als Liebe.

6.

Blas nur, Trompeter – beschwöre den Krieg.
Schnell rollt deinem Ruf ein murrendes Beben wie ferner Donner,
Sieh, die Bewaffneten eilen – sieh durch geballten Staub das Glitzern der Bajonette,
Da Kanoniere finsteren Blicks, und jetzt der rosige Blitz aus dem Rauch, ich höre den Krach der Geschütze;
Nicht Krieg allein – dein furchtbares Lied, wilder Spieler, bringt jegliches Schreckensgesicht,
Taten ruchloser Räuber, Plünderung, Mord – ich höre die Hilfeschreie!
Ich sehe scheiternde Schiffe auf hoher See, gewahre auf Deck und unter Deck die gräßlichen Szenen.

7.

Trompeter, mir ist ganz, als spieltest du auf mir,
Du schmelzest Herz und Hirn – rührst sie und ziehst und wandelst sie nach Laune;
Und jetzt erfüllt dein dumpfes Tönen mich mit Finsternis,
Du raubst das muntre Licht und jedes Hoffen,
Ich sehe die Getretnen, Unterjochten, Leidenden, Gedrückten des ganzen Erdenrunds,
Ich fühle meines Geschlechts Demütigung und maßlose Schmach, sie wird die meine,
Mein auch die Empörung der Menschheit, der Schimpf der Jahrhunderte, die zuschanden gemachten Fehden und Wüte,
Völlige Niederlage lastet auf mir – alles verloren – der Feind triumphiert,
(Doch in den Trümmern steht wie ein Riese der Stolz, ungebrochen zum Äußersten,
Geduld, Entschlossenheit zum Äußersten.)

8.

Trompeter, nun zum Ende
Gewähre höhere Weise als bisher,
Sing meiner Seele zu, erneure ihr sehnendes Hoffen,
Rüttle den trägen Glauben empor, gib mir Vision der Zukunft,
Gib mir einmal ihr Bild und ihre Lust.
O froher, jauchzender, gipfelnder Sang!
Nicht aus der Erde quillt dir die Gewalt,
Siegsmärsche – der entjochte Mensch – der Überwinder,
Dem Weltengott des Weltenmenschen Hymnen – lauter Lust!
Die Menschheit neugeboren – die Welt vollkommen, lauter Lust!
Frauen und Männer gesund, unschuldig, weise – lauter Lust!
Lachende, rauschende Feste strotzend voll mit Lust!
Krieg, Elend, Kummer fort – Erde von Fäulnis rein – Lust einzig übrig!
Die Meere lusterfüllt – die Lüfte lauter Lust!
Lust! Lust! in Freiheit, Andacht, Liebe! Lust! Lust! Im Überschwang des Lebens!
Genug das bloße Sein! Genug zu atmen!
Lust! Lust! Überall Lust!

WANDL ICH DURCH DIE BREIT MAJESTÄTISCHEN TAGE

Wandl ich durch die breit majestätischen Tage des Friedens,
(Denn der Krieg, der Blutstreit ist aus, und du, o grauenvolles Ideal,
Nach ruhmvollem Sieg gegen gewaltige Übermacht,
Folgst nun deiner Bahn, bald aber vielleicht dichteren Kriegen zu,
Vielleicht um bald in furchtbarere Kämpfe und Nöte zu treten,
Längere Feldzüge und Krisen, der Arbeit vor allen andern,)
So höre ich um mich den Lärm der Welt, Politik, Produktion,
Anerkannter Dinge Ankündigungen, Wissenschaft, Technik,
Das erfreuliche Wachstum der Städte, die Flut der Erfindungen.
Ich sehe die Schiffe (sie dauern ein paar Jahre),
Die gewaltigen Fabriken mit Werkführern, Arbeitern,
Und höre all das akzeptiert und hab nichts dagegen.
Doch auch ich verkünde gediegene Dinge,
Politik, Wissenschaft, Technik, Schiffe, Städte, Fabriken sind nicht nichts,
Wie ein gewaltiger Zug, der Musik ferner Signale zuströmend, im Siegerschritt und Herrlicheres vor Augen,
Ersetzen sie Wirklichkeiten – alles ist, wie es sein soll.
Nun meine Wirklichkeiten;
Was sonst ist so wirklich wie meines?
Freiheit und göttliche Ausgleichung, jedes Sklaven Erlösung auf dem Antlitz der Erde,
Die entzückten Verheißungen und Lichtgebilde der Seher, die geistige Welt, zeitentrotzend diese Gesänge,
Und unsre Gesichte, die Gesichte der Dichter, die gediegensten Ankündigungen von allen.

HELLE MITTERNACHT

Dies ist deine Stunde, o Seele, die freie Flucht ins Wortlose,
Weg von Büchern, weg von Kunst, der Tag gelöscht, der Unterricht aus,
Hebst du dich völlig empor, schweigend, schauend, deine liebsten Gegenstände betrachtend,
Nacht, Schlaf, Tod und die Sterne.

JAHRE DES MODERNEN

Jahre des Modernen! Jahre des Unfertigen!
Euer Horizont erhebt sich, ich seh ihn schwinden für erhabnere Dramen,
Ich sehe nicht bloß Amerika, nicht bloß die Freiheitsnation, sondern andre Nationen bereit,
Ich sehe erschütternde Auftritte und Abgänge, neue Zusammenschlüsse, die Gemeinschaft der Rassen,
Ich seh diese Macht mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Weltbühne treten,
(Haben die alten Mächte, die alten Kriege ihre Rolle gespielt? sind die Akte, die ihnen gemäß sind, zu Ende?)
Ich sehe die Freiheit, völlig gewappnet, siegreich und herrlich, links vom Gesetz und rechts vom Frieden geleitet,
Ungeheures Trio einig im Schritt gegen das Kastenwesen;
Was für geschichtlichen Schürzungen eilen wir zu?
Ich sehe Männer hin und wieder marschieren in raschen Millionen,
Ich sehe die Grenzen und Schranken der alten Aristokratien zertrümmert,
Ich sehe die Grenzsteine europäischer Könige entfernt,
Ich sehe den Tag, wo das Volk seine Grenzsteine setzt (alle andern verschwinden);
Nie wurden so scharfe Fragen gestellt wie heute,
Nie war der Durchschnittsmensch, seine Seele, energischer, näher an Gott,
Hört, wie er drängt und drängt und den Massen nicht Ruhe läßt!
Sein kühner Fuß ist allenthalben zu Land und See, den Stillen Ozean besiedelt er und die Inselmeere,
Mit dem Dampfer, dem elektrischen Telegraphen, der Zeitung, den Welthandels-Kriegsmaschinen,
Damit und mit den Fabriken in aller Welt verkettet er alle Länder zu einer Geographie;
Was für ein Flüstern, o Länder, läuft über euch weg, schlüpft unter den Meeren durch?
Sind alle Völker geeint? Soll der Erdball nur ein Herz noch haben?
Bildet sich Menschheit im großen? wahrlich, Tyrannen erzittern, Kronen verdüstern,
Ein neues Zeitalter setzt sich die störrische Erde, vielleicht allgemeinen heiligen Krieg,
Niemand weiß, was nächstens geschieht, solche Zeichen füllen Tage und Nächte;
Jahre der Prophetie! der Raum, wie ich vorwärts strebe und umsonst mich mühe, ihn zu durchdringen, ist voller Gespenster,
Ungeborene Taten, Dinge, die bevorstehn, werfen ihre Schatten um mich,
Diese unglaubliche Hast und Hitze, diese seltsam ekstatischen Fieberträume, o Jahre!
Eure Träume, o Jahre, wie durchbohren sie mich! (ich weiß nicht, schlaf ich oder wach ich;)
Das fertige Amerika und Europa verglimmen, fallen schattenhaft von mir ab,
Das Unfertige, riesenhafter als je, dringt auf mich, dringt auf mich ein.

STAUB TOTER SOLDATEN

Staub toter Soldaten, ob Freunde, ob Feinde,
Wie ich rückwärts sinne und in Gedanken ein Lied summe,
Stellt sich der Krieg wieder ein, stellt eure Gestalten vor mich,
Stellt den Marsch der Armeen wieder her.
Geräuschlos wie Nebel und Dünste,
Heraus aus ihren Gräbern in Gräben,
Aus Friedhöfen in ganz Virginien und Tennessee,
In jeglicher Himmelsrichtung aus zahllosen Gruben hervor,
In schwebenden Wolken, großen Kolonnen, Gruppen selbzweit und -dritt oder vereinzelt kommen sie an,
Und sammeln sich schweigend um mich.
Nun keinen Ton, ihr Trompeter,
Nicht an der Spitze meiner Kavallerie die mutigen Rosse getummelt,
Im Schimmer gezogener Säbel, mit Karabinern am Bein, (oh, meine wackern Reiter!
Schöne Reiter mit Lohe im Antlitz! was führtet ihr für ein Leben,
Stolz in Wagnis und Lust.)
Keinen Ton auch, ihr Trommler, nicht beider Reveille im Morgengraun,
Nicht den langen Wirbel zum Lageralarm, selbst nicht gedämpften Trauerschall,
Nichts von euch diesmal, o Trommler, die ihr meine Kriegstrommeln truget.
Abseits aber von diesen und den Märkten des Glücks und der wandelnden Menge,
Zieh ich eng Kameraden zu mir, nicht gesehn von den andern und stumm,
Die Erschlagnen, die sich erheben und noch einmal leben, lebend gewordenen Staub und Trümmer,
Und ich singe den Sang meiner stillen Seele im Namen aller toten Soldaten.
Bleiche Gesichter mit staunenden Augen, sehr liebe Freunde, tretet heran,
Dicht zu mir, doch redet nicht.
Gespenster zahlloser Verlornen,
Unsichtbar den andern werdet künftig meine Gefährten,
Begleitet mich immer – verlasst mich nicht, solange ich lebe.
Hold sind die blühenden Wangen der Lebenden – hold der melodische Klang redender Stimmen,
Doch hold, ach hold sind die stummen Augen der Toten.
Meine Gefährten, alles ist aus und lange vorbei,
Doch Liebe ist nicht aus, Freunde – und welche Liebe!
Duft, der von Schlachtfeldern steigt, aus dem Gestank sich erhebt.
Durchdufte meinen Gesang, Liebe, unsterbliche Liebe,
Gib mir das Gedächtnis der toten Soldaten zu baden,
Sie einzukleiden und süß zu salben und ganz zu decken mit zarter Pracht.
Durchdufte alle – mach alle heil,
Mach diesen Staub nährend und blühend,
Löse sie alle, Liebe, und mache sie fruchtbar mit feinster Chemie.
Gib mir Unerschöpflichkeit, mach mich zum Quell,
Daß ich Liebe aushauche, wo immer ich gehe, gleich ewig frischem Tau,
Für den Staub aller toten Soldaten, ob Freunde ob Feinde.

DANK IN HOHEM ALTER

Dank im Alter, Dank, eh ich gehe,
Für Gesundheit, Mittagssonne, zarte Luft – für Leben, bloßes Leben,
Für köstliches, nie vergehndes Gedenken (an dich, lieb Mutter mein, Vater, an dich, Brüder, Schwestern, Freunde),
Für all meine Tage – nicht bloß des Friedens – für die Tage des Kriegs desgleichen,
Für holde Worte, Liebkosungen, Gaben aus fremden Ländern,
Für Obdach, Wein und Fleisch, für süßes Verstehen und Grüßen,
(Ihr fernen, verschwimmenden, unbekannten, ob jung oder alten, zahllosen, ungeschiednen geliebten Leser,
Wir sahn uns nie und werden's nie – doch unsre Seelen küssen einander, lang, fest und lang;)
Für Geschöpfe, Gruppen, Liebe, Taten, Worte, Bücher – für Farben, Formen,
Für all die tapfern, starken, hingegebnen herzhaften Männer, die vorwärts sprangen, der Freiheit zu helfen, allerorten, allerzeiten,
Für tapfrere, stärkere Männer, hingegebnere Männer, (besondern Lorbeer, eh ich gehe, den Erwählten des Lebenskriegs,
Den Lied- und Idee-Kanonieren – großen Artilleristen – den vordersten Führern, den Kapitänen der Seele;)
Als verabschiedeter Soldat nach beendigtem Kriege – als Wandrer aus Myriaden, zu dem langen Zug der Rückschau.
Dank – frohen Dank! – Dank des Soldaten, des Wanderers Dank!

INHALT

Einleitung 5
Das Selbst sing ich 17
Als ich schweigend brütete 18
In engen Schiffen zur See 19
An fremde Lande 21
An einen Historiker 22
Den Staaten 23
An eine Sängerin 24
Schließt eure Türen nicht 25
Künftige Dichter 26
An Dich 27
Ausgehend von Paumanok 28
Der Grundstein aller Metaphysik 37
Ich sah in Louisiana eine Eiche wachsen – 38
Salut au monde! 39
Lied der Landstraße 41
Ich sitze und schaue 44
Als ich lag, meinen Kopf in Deinem Schoß, Camerado 45
Leb wohl, Soldat – 46
Wende dich, Freiheit – 47
Heimkehr der Helden 48
Der mystische Trompeter 49
Wandl ich durch die breit majestätischen Tage 53
Helle Mitternacht 54
Jahre des Modernen 55
Staub toter Soldaten 57
Dank in hohem Alter 60

Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.

  • Seite 5:
    WALT WHITMANN
    WALT WHITMAN
  • Seite 22:
    Ich, Sasse der Alleghanyberge, der von ihm handelt, wie er
    Ich, Sasse der Alleghenyberge, der von ihm handelt, wie er
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    Gesänge von Ohio, Indiana, Illinois, Jowa, Wisconsin und
    Gesänge von Ohio, Indiana, Illinois, Iowa, Wisconsin und
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    slawischen Stämmen und Reichen! du Russe in Rußland!
    slawischen Stämmen und Reichen! Du Russe in Rußland!
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    stattlich und stark, Bauern-und Handwerkerschlag,
    stattlich und stark, Bauern- und Handwerkerschlag,
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    Anerkannter Dinge Ankündigungen, Wissenschaft Technik,
    Anerkannter Dinge Ankündigungen, Wissenschaft, Technik,
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    Ausgehend vom Paumanok
    Ausgehend von Paumanok
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    Wende dich, Freiheit
    Wende dich, Freiheit –