The Project Gutenberg eBook of Geschichte des Zigeunermädchens: Eine Novelle
Title: Geschichte des Zigeunermädchens: Eine Novelle
Author: Miguel de Cervantes Saavedra
Translator: Frederick Philip Grove
Release date: February 5, 2011 [eBook #35181]
Language: German
Credits: E-text prepared by Jana Srna, Alexander Bauer, Wolfgang Menges, and the Online Distributed Proofreading Team
E-text prepared by Jana Srna, Alexander Bauer, Wolfgang Menges,
and the Online Distributed Proofreading Team
(http://www.pgdp.net)
Geschichte des
Zigeunermädchens
Eine Novelle
von
Miguel de Cervantes
Im Insel-Verlag zu Leipzig
Es scheint, daß die Zigeuner und Zigeunerinnen nur auf die Welt kommen, um Spitzbuben zu werden. Sie stammen von Eltern, die Spitzbuben sind, werden mit Spitzbuben erzogen, studieren das Spitzbubenhandwerk und werden endlich Spitzbuben, die auf alle Fälle gemacht und bedacht sind; die Lust am Stehlen und das Stehlen selbst sind gleichsam unabtrennbare Teile ihres Wesens, das sie erst mit dem Tode verlieren.
Eine nun von diesem Volk, eine alte Zigeunerin, die in der Kunst des Cacus[1] bereits ihr Jubiläum gefeiert haben mochte, erzog als ihre Enkelin ein junges Mädchen, dem sie den Namen Preziosa gab und das sie in all ihren Zigeunerstreichen, Gaunereien und Diebeskünsten unterrichtete. Preziosa wurde die vortrefflichste Tänzerin im ganzen Zigeunervolk und das schönste und verständigste Kind, das man nicht nur unter Zigeunern, sondern unter allen Schönen und Klugen finden konnte, deren Ruhm je erschollen ist. Weder Sonne noch Luft noch auch alle Unbilden der Witterung, denen die Zigeuner mehr ausgesetzt sind als andre Leute, vermochten ihrer Schönheit Abbruch zu tun oder ihre Hände zu bräunen. Ja, was noch mehr ist, die rauhe Erziehung, die sie erhielt, konnte nicht verdecken, daß sie von gesitteteren Eltern abstammte, als es Zigeuner sind; denn sie war äußerst gewandt und sehr verständig. Bei all dem war sie frei, ohne die Grenzen der Sittsamkeit zu überschreiten; sie war vielmehr bei allem Witze so züchtig, daß in ihrer Gegenwart keine Zigeunerin, mochte sie alt oder jung sein, ein unanständiges Lied zu singen oder üble Worte zu sprechen wagte. Kurz die Großmutter erkannte, welchen Schatz sie in der Enkelin besaß, und so beschloß denn die alte Dohle, ihr junges Dohlchen ausfliegen zu lassen und es zu lehren, sich den Unterhalt mit den eignen Fängen zu gewinnen. Preziosa zog aus, reich versehen mit Festgesängen, Volksliedern, Seguidillas, Sarabanden und andern Versen, besonders Romanzen, die sie mit eigentümlicher Anmut vortrug; denn die schlaue Alte erkannte, daß bei der Jugend und Schönheit ihrer Enkelin dergleichen Schwänke und Spiele ein sehr glückliches Reiz- und Lockmittel abgeben müßten, das ihr Vermögen vermehren würde. So hatte sie denn auf allen möglichen Wegen nach solchen Dingen gesucht, und es fehlte nicht an Dichtern, die sie damit versahen; denn es gibt ebensogut Poeten, die sich mit den Zigeunern verstehen und Werke an sie verkaufen, wie es andre für die Blinden gibt, denen sie Wundergeschichten erfinden, um den Gewinn mit ihnen zu teilen. In der Welt kommt alles vor, und der Hunger treibt manche Köpfe, Dinge zu tun, die ihnen nicht an der Wiege gesungen worden sind.
Preziosa war in verschiedenen Gegenden Kastiliens aufgewachsen; in ihrem fünfzehnten Jahre aber führte ihre angebliche Großmutter sie in die Residenz, und zwar auf ihren alten Lagerplatz, die Felder der heiligen Barbara, wo sich die Zigeuner gewöhnlich aufhalten. Sie hoffte, in der Hauptstadt, wo alles gekauft und alles verkauft wird, werde auch sie ihre Ware losschlagen können. An dem Tage, als Preziosa ihren ersten Einzug in Madrid hielt, war das Fest der heiligen Anna, der Patronin und Schutzherrin der Stadt. Acht Zigeunerinnen, vier ältere und vier junge, führten unter der Leitung eines Zigeuners, eines vorzüglichen Tänzers, einen Tanz auf, und wenn sie auch alle sauber und geputzt erschienen, so trat doch Preziosens Zierlichkeit so sehr hervor, daß sie allmählich die Blicke aller Zuschauer auf sich zog. Durch den Klang der Schellentrommel und Kastagnetten, durch die Wirbel des Tanzes scholl der Ruf, der die Schönheit und Anmut des Zigeunermädchens pries. Jünglinge und Männer strömten herbei, um sie zu sehn; als man sie aber gar singen hörte (denn der Tanz war mit Gesang verbunden), wurde der Lärm so groß, daß das Lob der Zigeunerin von allen Seiten widerhallte und die Vorsteher des Festes ihr einstimmig den Preis für den besten Tanz zuerkannten. Nachher führten die Zigeuner in der Kirche der heiligen Maria, vor dem Bildnis der glorreichen Anna, den Reigen noch einmal auf, und nachdem er beendigt war, ergriff Preziosa ein Tamburin, zu dessen Klang sie sich aufs leichteste und zierlichste im Kreis bewegte, und sang folgende Romanze:
Der so lang nicht Frucht getragen,
Jahre, die wie einer Trauer
Hülle düster auf ihm lagen
Eines liebevollen Gatten,
Überwölkend seine Hoffnung,
Schatten trüb geworfen hatten,
Kummer ward, der bitter nagte,
Und der aus dem heilgen Tempel
Den gerechten Mann verjagte.
Dem im Anfang doch entsprossen
Jene überreiche Fülle,
Die die ganze Welt genossen.
Wo der Stempel ward geschlagen,
Der dem Gott die Form gegeben,
Die als Mensch er hat getragen.
In der wollt und konnt entfalten
Alle Tugenden der Höchste,
Die sonst Menschen nie erhalten.
Bist die Zuflucht du, o Anne,
Welcher wir zur Rettung nahen
Hier in unsres Elends Banne.
Keinen Zweifel laß ich walten,
Über deinem heilgen Enkel
Als gerechte Herrin schalten.
In der höchsten Himmelsfeste,
Hielten wohl viel tausend Eltern
Für der Glückesgaben beste.
Welcher Eidam! Hier ist wieder,
Ist gerechterweise Anlaß
Für Triumph- und Siegeslieder.
Bist ihr still voraufgeschritten:
Drauf hat demutsvoll dir deine
Heilge Tochter nachgelitten.
Vor den Höchsten zugelassen,
Schmeckest du die hohen Wonnen,
Die wir ahnend kaum erfassen.
Preziosens Gesang erregte bei allen Zuhörern Bewunderung. Die einen sagten: „Gott segne dich, Kind.“ Andre: „Wie schade, daß das Mädchen eine Zigeunerin ist, wahrlich und wahrhaftig, sie verdiente die Tochter eines großen Herrn zu sein!“ Und wieder andre, die derber waren, sprachen: „Laßt das Dirnchen nur heranwachsen, sie wird schon ihre Streiche machen; bei Gott, sie wird ein hübsches Schleppnetz zum Fischen der Herzen.“ Wieder ein andrer, artiger, aber plump und ungeschickt in seinen Ausdrücken, rief, als er sie so flink im Tanz dahinschweben sah: „Auf, Töchterchen, auf! Und die Füße gerührt, mein Liebchen, damit es staubt.“ „Und ich Euch den Staub wieder ausklopfe,“ erwiderte sie, ohne den Tanz zu unterbrechen.
Als die Vesper und das Fest der heiligen Anna vorüber war, fühlte Preziosa sich ein wenig erschöpft, aber um ihrer Schönheit, ihres Witzes und Verstandes und ihrer Tanzkunst willen war sie auch schon so berühmt, daß man in der ganzen Residenz auf allen Straßen von ihr sprach. Vierzehn Tage nachher kam sie abermals nach Madrid, und zwar in Begleitung von drei andern Mädchen, mit Schellentrommeln und einem neuen Tanze. Alle waren sie ausgerüstet mit Romanzen und munteren, aber sittsamen Liedchen, denn Preziosa gab nie zu, daß ihre Gefährtinnen unschickliche Lieder sangen, so wenig sie selbst jemals mit dergleichen vortrat. Viele merkten das denn auch und hielten sie deshalb besonders hoch. Nie trennte sich die alte Zigeunerin, die sie wie ein Argus bewachte, von ihr, denn sie war immer in Angst, man könnte ihr das Mädchen entführen. Sie nannte sie ihre Enkelin, und Preziosa hielt sie für ihre Großmutter. Um den Zuschauern ein Vergnügen zu machen, stellten sie sich in der schattigen Toledostraße zum Reigen auf, und bald sammelte sich das ihnen nachziehende Volk zu einem großen Kreise. Während des Tanzes bat die Alte die Umstehenden um einen Beitrag, und die Achtel- und Viertelrealen regneten wie Hagelschauer auf sie ein, denn die Schönheit hat die Kraft, die schlafende Freigebigkeit zu wecken.
Als der Tanz zu Ende war, sprach Preziosa: „Wenn mir jeder vier Viertelrealen gibt, so will ich euch allein eine gar schöne Romanze singen über den ersten Kirchgang, den unsre Königin Doña Margarita nach ihrem Wochenbett in Valladolid gehalten hat, und zwar zur Sankt-Lorenzkirche; und ich sage euch, es ist ein Meisterstück, von einem Kapitalpoeten, der seinen Mann zu stellen vermag.“
Kaum hatte sie dies ausgesprochen, als alle Umstehenden mit lauter Stimme riefen: „Singe, Preziosa, da sind meine vier Quartos.“ Und von neuem hagelten die Geldstücke auf sie ein, so daß die Alte kaum Hände genug hatte, um sie zu sammeln. Als die Ernte geborgen war, griff Preziosa nach ihrem Tamburin und sang zu dem rauschenden Geklingel folgende Romanze:
Hielt der Fürstinnen Europens
Größte, die nach Wert und Namen
Strahlet über jedem Lobe.
Hat die Herzen sie erhoben
Aller, die bewundernd schauten
Ihre Andacht, ihre Hoheit.
Raum hat auf der Erde Boden,
Wandelt hier die Sonne Östreichs,
Dort die schmelzende Aurora.
Hell der lichte Stern des Morgens,
Der so plötzlich aufgegangen,
Daß von Tau die Himmel flossen.
Die umstrahlte Wagen formen,
Schönre Sterne ihrem Himmel
Hier auf irdschen Wagen folgten.
Glättet und verjüngt den Bart sich
Und geht schnell, der sonst so langsam,
Denn von Gicht heilt ihn die Wonne.
Spricht in süßen Schmeichelworten;
Und in bunten Chiffren Amor,
Die Rubin und Perl' umbortet.
Wunderbar herausgeputzt,
Wie ein kecker Jüngling, der sich
An dem eignen Schatten stößt.
Jupiter; denn was erobert
Nicht das innige Vertrauen,
Das durch Klugheit wird gewonnen?
Mancher Menschengöttin thronend;
Venus, in den Zügen jener,
Welche diesen Himmel bilden.
Schwärmen, drängen, gehen, kommen
Um den goldumstrahlten Gürtel
Dieses hehren Himmelsbogens.
Alle ihr Erstaunen zollen,
Steigt die strahlende Verschwendung
Nun hinan zum Wundervollen.
Liegen hier der Menge offen,
Indiens helle Diamanten
Und Arabiens Arome.
Muß der Neid im Herzen toben,
Aber Jubel füllt den Busen
Jedes echten spanschen Sohnes.
Zieht der allgemeine Frohsinn
Durch die Straßen, durch die Plätze,
Wie auf lauten Wahnsinns Wogen.
Tut der Mund sich auf der Stille,
Und es wiederholt die Jugend,
Was das Alter ausgesprochen.
Wachs empor und schling dich eng
Her um die geliebte Ulme,
Daß ihr Schatten dich umflore,
Und zu Spaniens Ehr und Frommen
Und zur Förderung der Kirche
Wie zum Grausen des Mahoma!“
„Lebe hoch, o Taube, holde,
Die für uns du hast geboren
Einen Aar mit zweien Kronen,
Jeden raubergebnen Vogel,
Mit dem Fittich zu bedecken
Jeder Tugend bange Sorgen!“
Gab des raschen Witzes Proben,
Sprach, in Augen und im Munde
Ausgedrückt das Herz, das frohe:
Östreichs Perlenmutter, große,
Wie viel List hat sie vereitelt,
Wie viel Wünsche sie gebrochen!
Was gewährt sie nicht an Hoffnung,
Welche Fehlgeburten treibt sie
Jetzt nicht aus dem Zeitenschoße!“
Man des Phönix, der in Roma
Hat den Flammentod bestanden
Und nun lebt in ewger Glorie.
Zu der Königin dort oben,
Die, weil sie in Demut wallte,
Über Sterne ward erhoben,
Zu der Tochter und Verlobten
Gottes hat, aufs Knie gesunken,
Margarita so begonnen:
Hand zum Geben stets erschlossen,
Denn wem deine Gnade fehlet,
Der wird stets vom Weh getroffen.
Bring ich, Jungfrau, dir zum Opfer;
Wie sie ist, nimm hin die Gabe,
Und laß herrlicher sie sprossen.
Der, ein Atlas, unverdrossen
Sich der Last so vieler Reiche
Beugt, so vieler fernen Zonen.
Ruhet in den Händen Gottes,
Und ich weiß, daß Gott nie weigert,
Was du bittest, Demutvolle!“
Haben andre sich ergossen
In Gesänge, die bewiesen,
Daß auf Erden Himmel rollen.
Königliche Zeremonien,
Kehrte heim der hehre Himmel
Mit den wundervollen Sonnen.
Als Preziosa ihre Romanze beendet hatte, erhob sich aus dem glänzenden Kreis ihrer Zuhörer einstimmig der Ruf: „Singe noch einmal, Preziosa, es soll Geld absetzen wie Sand am Meer!“
Nun sahen dem Tanz der Zigeunerinnen mehr als zweihundert Personen zu, und alle lauschten ihrem Gesang, als zufällig (eben war das Gedränge am stärksten geworden) einer der Stadtschultheißen des Weges kam, und da er so viele Leute beisammen sah, fragte er, was es gäbe. Auf die Antwort, man höre der schönen Zigeunerin zu, die eben singe, trat der Schultheiß neugierig näher und horchte selbst ein Weilchen hin, wartete aber, um seiner Würde keinen Eintrag zu tun, das Ende der Romanze nicht ab. Da ihm jedoch das Mädchen außerordentlich gut gefallen hatte, befahl er seinem Pagen, der Alten zu sagen, sie möge gegen Abend mit den Zigeunerinnen in sein Haus kommen; er wünsche, daß auch seine Gemahlin, Doña Clara, sie höre. Der Page gehorchte, und die Alte versprach sich einzufinden. Als Tanz und Gesang zu Ende waren und man sich eben an einen andern Ort begeben wollte, trat ein zweiter, sehr wohl gekleideter Page zu Preziosa, gab ihr ein zusammengefaltetes Papier und sprach: „Prezioschen, singe die Romanze, die hier steht; sie ist sehr gut, und ich werde dir von Zeit zu Zeit noch andre geben, durch die du den Ruf der ersten Romanzensängerin der Welt erlangen sollst.“
„Ich werde sie mit großem Vergnügen lernen,“ entgegnete Preziosa, „und vergeßt ja nicht, mein Herr, mir auch die andern Romanzen zu bringen, von denen Ihr sprecht. Doch müssen sie anständig sein. Wollt Ihr, daß ich sie bezahle, so wollen wir nach Dutzenden miteinander abrechnen, so daß ich für ein Dutzend bezahle, wenn ich es gesungen habe. Im voraus zu zahlen ist mir unmöglich.“
„Wenn mir Jungfer Prezioschen dies schwarz auf weiß geben will,“ erwiderte der Page, „so bin ichs zufrieden, und obendrein soll eine Romanze, die nicht gut und ehrbar ausfällt, nicht gerechnet werden.“
„Die Wahl muß mir überlassen bleiben,“ antwortete Preziosa und ging mit ihren Begleiterinnen weiter, als einige Kavaliere sie aus einem Fenstergitter anriefen. Preziosa trat an das niedrige Gitter und sah in einem kühlen, freundlichen Saal mehrere vornehme Herren, von denen einige auf und ab gingen, andre sich mit allerlei Spielen unterhielten.
„Wollt ihr mir ein Aufgeld geben, meine Herren?“ fragte Preziosa mit dem lispelnden Ton der Zigeuner, der ihnen übrigens nicht natürlich, sondern künstliche Angewöhnung ist.
Da bei diesen Worten auch Preziosens Gesicht im Fenster erschien, verließen die Spieler die Tische, die Umhergehenden blieben stehn, und alle eilten sofort ans Fenster, um sie zu sehn; denn sie hatten bereits von ihr vernommen. „Kommt herein, kommt herein, ihr Zigeunerinnen,“ riefen sie, „wir wollen euch Aufgeld geben.“
„Es könnte uns teuer zu stehn kommen, wenn ihr uns da in die Falle locktet!“ antwortete Preziosa.
„Nein, auf Ritterwort,“ entgegnete einer, „du kannst getrost eintreten, Kleine, und bei dem Kreuz, das ich hier auf der Brust trage, du darfst sicher sein, daß dir niemand ein Haar krümmen wird.“ Damit legte er die Hand auf sein Calatravakreuz.
„Wenn du hinein willst, Preziosa,“ sprach eine ihrer drei Gefährtinnen, „so geh in Gottes Namen; ich für meine Person bleibe fort, wo so viel Männer sind.“
„Nicht doch! Christina,“ antwortete Preziosa. „Vor einem einzelnen Mann mußt du dich hüten, und wenn du allein bist. Sind viele beisammen, so brauchst du keine Angst zu haben, daß man dich ungebührlich behandle. Merk dirs, Christinchen, und glaube mir, wenn ein Mädchen entschlossen ist, seinen guten Ruf zu bewahren, so kann sie ihn selbst mitten in einem Heere bewahren. Freilich soll man die Versuchung fliehen, aber die geheime, nicht die öffentliche.“
„So laß uns hineingehn, Preziosa,“ erwiderte Christina; „du weißt mehr als ein Gelehrter.“
Auch die alte Zigeunerin ermunterte sie, und sie traten ein. Kaum war Preziosa drinnen, als der Herr mit dem Kreuz das Papier bemerkte, das sie im Busen stecken hatte; er trat auf sie zu und griff danach, Preziosa aber rief: „Nehmt es mir nicht, mein Herr, es ist eine Romanze, die ich in diesem Augenblick bekommen und noch nicht einmal gelesen habe.“
„So kannst du lesen, mein Kind?“ fragte einer.
„Und auch schreiben!“ entgegnete die Alte. „Ich habe meine Enkelin erzogen, als wäre sie eine Gelehrtentochter.“
Der Kavalier faltete das Papier auseinander, fand einen Goldtaler dareingewickelt und rief: „Zum Kuckuck, Preziosa, dem Brief ist das Porto gleich beigeschlossen! Da hast du einen Taler; er lag in der Romanze!“ „Gut!“ antwortete Preziosa, „der Dichter hat mich als ein armes Ding behandelt, und schließlich ist es ein größeres Wunder, daß ein Dichter mir einen Taler schenkt, als daß ich ihn nehme. Kommen all seine Romanzen mit solcher Zugabe, so mag er ruhig den ganzen Romancero ausschreiben und mir Stück für Stück schicken; ich werde ihnen schon den Puls fühlen, und sind sie hart, so will ich weich sein und sie annehmen.“
Die Zuhörer bewunderten den Witz und die Anmut ihrer Worte; sie aber fuhr fort: „Leset, mein Herr, und zwar recht laut; wir wollen sehn, ob der Witz des Dichters so groß ist wie seine Freigebigkeit.“
Und der Kavalier las vor:
Aller Schönheit wohl zu preisen,
Die du wirst mit Recht geheißen,
Gleich dem Edelstein, Preziose,
Richtigkeit leicht zu ersehen,
Daß stets miteinander gehen
Schönheit und die härtste Spröde.
Willst die eigne Schätzung steigern,
Mußt du jeden Kauf wohl weigern
Dem Geschlecht, in dem du lebest.
Dir im Herzen, der uns tötet,
Und so weich dein Mund auch flötet,
Ists doch Herrschaft, was dich lüstet.
Daß solch Lichtbild ward geboren?
Wie zu solchem Glück erkoren
Ward der stille Manzanares?
Wird er jetzt, wie Tajo, fließen,
Um Preziosa mehr gepriesen
Als des Ganges Meeresbreite.
Doch du kannst nur Unglück bringen,
Da nach zwei verschiednen Dingen
Blick bei dir und Wille gehen.
Daß wir unverweilt dir huldgen,
Will dein Wille dich entschuldgen,
Doch dein Blick will uns durchstoßen.
Sämtliche Zigeuner seien,
So sind deine Zaubereien
Wahrer und mehr unheilsträchtig.
Die dir jemals nah gewesen,
Dieses Zaubers böses Wesen
Liegt in deinem Aug, o Mädchen.
Denn du blickst uns an im Tanze,
Tötest mit des Auges Glanze
Und bezauberst uns im Singen.
Übst im Sprechen du und Schweigen;
Magst verstecken dich, dich zeigen,
Immer schürst du unsre Flammen.
Werden dir als Sklaven eigen,
Davon kann die meine zeugen,
Folgend deines Winks Befehlen.
Dieses wagte der zu schreiben,
Der, im Tod selbst, dein wird bleiben,
Arm zwar, doch mit reinem Triebe.
„Mit ‚arm‘ fängt die letzte Zeile an,“ sagte Preziosa, „das ist ein schlimmes Zeichen; Verliebte sollten nie sagen, daß sie arm sind, denn am Anfang, scheint mir, ist die Armut eine große Feindin der Liebe.“
„Wer hat dich das gelehrt, Kind?“ fragte einer.
„Wer brauchte es mich zu lehren?“ antwortete Preziosa. „Habe ich keine Seele im Leibe? Bin ich nicht schon fünfzehn Jahre alt? Mein Verstand ist weder lahm noch verstümmelt noch verkrüppelt. Die Köpfe der Zigeunerinnen stehen unter einem andern Stern als die der übrigen Leute; sie sind ihren Jahren immer voraus. Es gibt keinen dummen Zigeuner und keine linkische Zigeunerin. Da sie ihren Lebensunterhalt nur durch Schlauheit, Scharfsinn und List verdienen, so schleifen sie den Verstand bei jedem Schritt und lassen nirgends Rost daran. Seht meine jungen Begleiterinnen, die stehn so still da wie die Rohrkolben. Steckt ihnen aber einmal den Finger in den Mund und fühlt nach den Weisheitszähnen, so sollt ihr euer Wunder erleben. Keine Zigeunerin von zwölf Jahren, die nicht so viel wüßte wie ein andres Mädchen von fünfundzwanzig, denn sie haben zum Meister und Lehrer den Teufel und die Übung, die ihnen in einer Stunde beibringen, woran andere ein Jahr studieren.“
Durch solche Reden setzte das Mädchen ihre Zuhörer in Verwunderung, und alle, ob sie spielten oder nicht, gaben Kartengeld. Die Büchse der Alten wurde um dreißig Realen schwerer, und reicher und besser gelaunt als am Palmsonntag sammelte sie ihre Lämmer und führte sie ins Haus des Herrn Stadtschultheißen, indem sie versprach, sie würde nächster Tage mit ihrer Herde wiederkommen, um den freigebigen Herren noch einmal aufzuwarten.
Señora Doña Clara, die Frau des Herrn Stadtschultheißen, war bereits benachrichtigt, daß die jungen Zigeunerinnen in ihr Haus kommen würden, und mit ihren Mädchen und Jungfern und denen der Frau Nachbarin, die sich alle versammelt hatten, um Preziosa zu sehn, harrte sie ihrer voller Ungeduld. Kaum aber waren sie eingetreten, so strahlte Preziosa unter den übrigen hervor wie das Licht einer Fackel unter kleinen Lampen. Darum lief ihr alles entgegen; die einen umarmten sie, die andern betrachteten sie, diese wünschten den Segen des Himmels auf sie herab, und jene ergossen sich in Lobeserhebungen.
„Ja,“ rief Doña Clara, „das nenne ich goldene Haare, das nenne ich Azuraugen!“
Die Frau Nachbarin ging sie prüfend von oben bis unten durch, unterwarf all ihre Glieder und Gelenke einer Besichtigung, kam schließlich mit ihrem Lobe zu einem Grübchen in Preziosens Kinn und rief: „Welch ein Grübchen! In diese Grube muß ja jedes Auge fallen, das sie sieht!“
Dies hörte ein langbärtiger, hochbejahrter Kavalier der Doña Clara, der anwesend war, und sagte: „Das nennen Euer Gnaden ein Grübchen? Ich müßte mich schlecht auf Gruben verstehen, wenn dies ein Grübchen ist und nicht vielmehr ein Grab lebendiger Wünsche. Bei Gott, die Kleine könnte nicht niedlicher sein, und wenn sie aus Silber oder Marzipan wäre. Kannst du auch wahrsagen Kleine?“
„Auf drei- bis viererlei Arten,“ erwiderte Preziosa.
„Das auch noch!“ rief Doña Clara. „Beim Leben des Stadtschultheißen, meines Gemahls, du sollst mir wahrsagen, Goldkind, Silberkind, Perlenkind, Karfunkelkind, Himmelskind! Das ist der höchste Name, den ich für dich finde.“
„Gebt der Kleinen die Hand und etwas, womit sie das Kreuz machen kann,“ sagte die Alte, „und man wird sehn, was sie zu sagen weiß, denn sie versteht mehr als ein Doktor der Heilkunst.“
Die Frau Stadtschultheiß griff in die Tasche, fand aber keinen Quarto darin; sie bat ihre Mädchen um einen Viertelreal, doch keine vermochte einen aufzufinden, und ebensowenig die Frau Nachbarin. Als Preziosa das sah, rief sie: „Jedes Kreuz, wenn es nur ein Kreuz ist, taugt; die silbernen oder goldenen aber sind besser, und ich darf Euer Gnaden nicht vorenthalten, daß es dem Glücke schadet, wenn man auf der Hand das Zeichen des Kreuzes mit einem Kupferstück macht, wenigstens wenn ich es tue. Daher mache ich das erste Kreuz gar gern mit einem Goldtaler oder doch mit einem schweren oder leichten Real; ich bin wie die Küster, die sich freuen, wenn ein großes Opfergeld fällt.“
„Du bist nicht auf den Kopf gefallen, Kleine,“ bemerkte die Frau Nachbarin, wandte sich an den Kavalier und fragte: „Herr Contreras, habt Ihr nicht einen leichten Real zur Hand? Gebt ihn mir! Sobald mein Mann, der Doktor, kommt, gebe ich ihn Euch zurück.“
„Ich habe wohl einen,“ erwiderte Contreras, „aber ich habe ihn für zweiundzwanzig Maravedis versetzt, um die ich gestern zu Nacht gespeist; gebt mir so viel, und ich will ihn auf der Stelle holen.“
„Wir alle haben keinen Viertelreal,“ entgegnete Doña Clara, „und Ihr wollt zweiundzwanzig Maravedis? Geht, Contreras, Ihr wart immer ein alberner Kerl.“
Endlich sagte ein Mädchen, da das ganze Haus so unfruchtbar blieb, zu Preziosa: „Kleine, schadet es denn, wenn man das Kreuz mit einem silbernen Fingerhut macht?“
„Im Gegenteil,“ erwiderte Preziosa, „das größte Kreuz in der Welt wird mit silbernen Fingerhüten gemacht, wie gar mancher weiß!“
„Ich habe einen;“ versetzte das Mädchen, „tut er die gleichen Dienste, so nimm ihn, jedoch unter der Bedingung, daß du auch mir Glück prophezeist.“
„Für einen Fingerhut so viel Glück!“ rief die Alte. „Töchterchen, tummle dich, es wird Nacht!“
Preziosa nahm den Fingerhut sowie die Hand der Frau Stadtschultheiß und begann also:
Mit der Hand aus Silberplatten,
Nicht den Alpujarrenkönig
Liebt wie dich dein treuer Gatte.
Aber oft auch bist du flammend
Wie die Löwenmutter Orans,
Wie die Tigerin Ocañas.
Ist der Sturm vorbeigegangen,
Und du bist wie Gerstenzucker,
Gleichst an Sanftmut einem Lamme.
Etwas Eifersucht auch hast du,
Denn der Schultheiß liebt sein Späßchen,
Ob er auch nach Würde trachtet.
Einer von gar feinem Ansehn,
Doch zum Henker mit den Kupplern,
Die des Hauses Frieden schaden.
Würdst du ganz im Kloster schalten,
Denn du hast zu der Äbtissin
Mehr wohl als vierhundert Gaben.
Doch gleichviel, es muß zutage:
Zweimal wirst du Wittib werden,
Zweimal wirst du wieder Gattin.
Evangelium ist nicht alles,
Was Zigeunerinnen sprechen,
Weine nicht, sei ruhig, Herrin.
Vor dem Schultheiß, dem Gemahle,
So genügt dies, dich vor schlimmem
Witwenstande zu bewahren.
Ein bedeutendes Vermögen;
Domherr wird dein Sohn einst werden,
Welcher Kirch, ist schwer zu sagen,
Wirst gebären, rot von Wangen,
Eine Tochter: wird sie Nonne,
Wird sie wohl auch einst Prälatin.
Noch im Lauf von dreißig Tagen,
So bekommt ihn noch zum Richter
Burgos oder Salamanka.
Jesus! wie der Mond so glanzhell!
Welch ein Glanz! bei Antipoden
Dringt er noch in dunkle Tale!
Mehr als einen halben Taler!
Und jetzt lächelst du darüber;
Ah, wie steht dir das so artig!
Und nach hinten zu vor allem;
Denn solch Fallen ist gefährlich
Für die angesehnen Damen.
Willst du bis zum Freitag warten,
Wirst du's hören und dich freuen,
Doch auch grollen über manches.
Damit schloß Preziosa ihre Prophezeiung, die in allen Anwesenden den Wunsch geweckt hatte, gleichfalls ihr Glück zu erfahren. Daher baten sie insgesamt, auch ihnen wahrzusagen, aber Preziosa verwies sie auf den kommenden Freitag, und sie versprachen, Silberrealen zur Zeichnung des Kreuzes mitzubringen. Unterdes kam der Herr Stadtschultheiß, dem man von der kleinen Zigeunerin Wunder über Wunder erzählte. Er ließ sie und ihre Gefährtinnen ein wenig tanzen, erklärte das Preziosa erteilte Lob für gerecht und verdient, fuhr mit der Hand in die Tasche und machte Miene, ihr etwas zu geben. Als er die Tasche jedoch zu wiederholten Malen durchstöbert, gerüttelt und geschüttelt hatte, zog er endlich die Hand leer heraus und rief: „Bei Gott, ich habe keinen Quarto! Doña Clara, gebt Ihr doch Prezioschen einen Real, ich werde ihn Euch wiedergeben.“
„Vortrefflich, Bester, da müßte ich erst einen haben! Wir alle zusammen haben keinen Viertelreal aufbringen können, um das Zeichen des Kreuzes damit zu machen, und Ihr verlangt einen ganzen von uns!“
„Nun, so gebt ihr einen Eurer Hemdkragen oder irgend etwas; Preziosa kommt ja noch einmal zu uns, und dann wollen wir sie besser bedenken.“
„Aber damit sie wiederkommt,“ versetzte Doña Clara, „will ich ihr diesmal lieber gar nichts geben.“
„Nein,“ entgegnete Preziosa, „wenn ich nichts erhalte, so komme ich auch niemals wieder. Oder doch, ich will wiederkommen, um so vornehmen Herrschaften einen Gefallen zu tun, aber ich finde mich schon im voraus darein, daß ich auch dann nichts erhalte, und erspare mir so die Mühe, auf etwas zu hoffen. Laßt Euch brav schmieren, Herr Stadtschultheiß, laßt Euch schmieren, so werdet Ihr Geld haben; führt keine neuen Sitten ein, sonst sterbt Ihr Hungers. Ich habe immer gehört, Euer Gnaden, (und so jung ich bin, so weiß ich doch, daß es kein gar gutes Wort ist) man müsse aus den Ämtern Geld ziehn, um bei den Visitationen die Strafen zahlen und neue Ämter erwerben zu können.“
„So sprechen und handeln gewissenlose Leute,“ erwiderte der Stadtschultheiß; „ein Richter, der bei der Visitation gut besteht, braucht keine Strafe zu zahlen, und hat er sein Amt gut verwaltet, so spricht das genug für ihn, wenn er ein neues sucht.“
„Euer Gnaden reden wie ein Heiliger,“ entgegnete Preziosa. „Fahrt so fort, und man wird Euch die Lumpen als Reliquien vom Leibe schneiden.“
„Was du nicht alles weißt, Preziosa!“ sagte der Stadtschultheiß. „Sei nur ruhig, ich werde es einzurichten wissen, daß die Majestäten dich vor sich kommen lassen, denn du bist eine Ware für Könige.“
„Sie werden mich zur Hofnärrin haben wollen,“ versetzte Preziosa, „und dazu bin ich verdorben. Wünschen sie mich aber, weil ich gescheit bin, so brauchen sie mich nur holen zu lassen; doch in manchen Palästen gedeihen die Narren besser als die Gescheiten. Übrigens befinde ich mich als arme Zigeunerin wohl, und das Schicksal mag alles fügen, wie der Himmel es will.“
„He, Kleine,“ rief die alte Zigeunerin, „schwatze nicht weiter, du hast genug geredet und weißt mehr, als ich dich gelehrt habe. Machs nicht zu fein. Allzu scharf macht schartig! Sprich von dem, was sich für deine Jahre schickt, und fliege mir nicht zu hoch hinaus, denn Hochmut kommt vor dem Fall.“
„Die Zigeunerinnen haben den Teufel im Leib!“ sagte der Stadtschultheiß.
Sie nahmen Urlaub; aber ehe sie gingen, sagte das Mädchen, das den Fingerhut hergegeben hatte: „Preziosa, sag mir wahr oder gib mir den Fingerhut zurück, denn ich habe keinen andern für meine Arbeit.“
„Werte Jungfer,“ antwortete Preziosa, „bildet Euch ein, ich hätte Euch schon prophezeit, und verschafft Euch einen andern Fingerhut, oder näht an Euren Säumen bis zu unserm Wiedersehn am nächsten Freitag gar nichts; da will ich Euch dann mehr Glück und Begebenheiten prophezeien, als ein ganzer Ritterroman enthält.“
So gingen sie und schlossen sich den vielen Bäuerinnen an, die zur Zeit des Ave-Maria Madrid zu verlassen pflegen, um in ihre Dörfer zu ziehn. Einige gehörten zu ihren gewöhnlichen Begleiterinnen, an die sie sich anzuschließen pflegten, da die alte Zigeunerin in beständiger Angst lebte, man könnte ihr Preziosa entführen.
Nun geschah es, daß sie eines Morgens auf der Wanderung nach Madrid, als sie dort wieder einmal mit den übrigen Zigeunerinnen ihre Steuer erheben wollten, in einem etwa fünfhundert Schritt von der Stadt entfernten kleinen Tal einen hübschen jungen Mann in reicher Reisekleidung erblickten. Sein Degen und sein Dolch glühten ordentlich von Gold; der Hut war mit einer kostbaren Schnur und vielfarbigen Federn geschmückt. Die Zigeunerinnen blieben bei seinem Anblick stehn, um ihn in aller Gemächlichkeit zu betrachten, denn sie wunderten sich, einen so schönen Jüngling zu solcher Stunde an solchem Orte zu Fuß und allein zu treffen. Er trat auf sie zu und redete die alte Zigeunerin an: „Bei Eurem Leben, Mütterchen, tut mir den Gefallen und kommt mit Preziosa hier auf die Seite, um zwei Worte anzuhören, die Euch von Nutzen sein sollen.“
„Wenn es nicht zu weit abführt und nicht zu lange aufhält, in Gottes Namen!“ versetzte die Alte und rief Preziosa. Sie entfernten sich etwa zwanzig Schritte von den andern, worauf der junge Mann ohne weitere Einleitung also begann:
„Ich bin vom Geist und von der Schönheit Preziosens so hingerissen, daß ich trotz aller Anstrengungen, die ich machte, um es nicht so weit kommen zu lassen, immer mehr überwältigt wurde und immer weniger imstande war, Widerstand zu leisten. Meine Gebieterinnen (denn diesen Namen werde ich euch fortan geben, wenn der Himmel mein Vorhaben begünstigt), ich bin ein Ritter, wie euch mein Orden beweisen kann“ – damit schlug er den Mantel zurück und zeigte auf der Brust eines der angesehensten Ordenskreuze Spaniens – „bin der Sohn des .....“ (sein Name wird aus guten Gründen hier noch nicht genannt), „unter dessen Vormundschaft und Obhut ich stehe; sein einziger Sohn, der ein ansehnliches Erbe zu erwarten hat. Mein Vater bewirbt sich hier am Hofe um ein Amt, für das er schon vorgeschlagen ist und das er so gut wie sicher erhalten wird. Trotz des Standes und Adels, von dem ich rede und den ihr wohl auch ohne meine Worte schon erkannt habt, möchte ich schon jetzt ein großer Herr sein, um die Niedrigkeit Preziosens zu meiner Höhe erheben zu können, indem ich sie zu meiner Gemahlin und meinesgleichen mache. Ich bewerbe mich nicht um sie, um sie zu täuschen, wie denn in dem Ernst der Liebe, die ich für sie fühle, irgendein Trug nicht liegen kann. Ich will nur das, was ihr gefällt; ihr Wille ist der meinige. Ihr gegenüber ist meine Seele von Wachs, für jeden Eindruck empfänglich; aber dennoch wird sie den Eindruck bewahren, als sei er nicht in Wachs, sondern in Marmor gegraben, dessen Härte der Dauer der Zeit widersteht. Glaubt ihr mir dies, so wird sich meine Hoffnung durch nichts erschüttern lassen; glaubt ihr mir aber nicht, so wird mich euer Zweifel, selbst wenn ich eure Gunst gewinnen sollte, doch in ewiger Angst erhalten. Mein Name ist ....“ (hier nannte er ihn); „den meines Vaters habe ich euch schon gesagt. Sein Haus steht in der und der Straße und hat die und die Kennzeichen. Ihr werdet Nachbarn finden, bei denen ihr Erkundigungen einziehen könnt; auch könnt ihr dies ebensogut bei solchen, die nicht zu unsern Nachbarn gehören, denn meines Vaters und mein eigner Name und Stand sind nicht so unansehnlich, daß man sie in den Höfen des Schlosses und überhaupt irgendwo in der Residenz nicht kennen sollte. Hier habe ich hundert Goldtaler, um sie euch als Aufgeld und Pfand dessen zu geben, was ihr noch von mir bekommen sollt; denn die Hand darf nicht zurückhalten, wenn das Herz einmal geschenkt hat.“
Während der Kavalier also sprach, betrachtete ihn Preziosa aufmerksam, und augenscheinlich hatten ihr seine Worte und seine Gestalt nicht mißfallen. Sie wandte sich an die Alte und sprach: „Erlaubt mir, Großmutter, diesem verliebten Herrn selbst zu antworten.“
„Antworte ihm, was du willst, Kind,“ erwiderte die Alte, „denn ich weiß, du bist zu allem verständig genug.“ Und Preziosa sprach:
„Herr Ritter, bin ich auch nur eine arme und niedrig geborene Zigeunerin, so habe ich doch ein etwas schwärmerisches Köpfchen, das mich zu großen Dingen hinzieht. Mich rühren weder Versprechungen, noch machen mich Geschenke wankend, noch erweicht mich Unterwürfigkeit, noch bringen mich Liebesworte außer Fassung, und wenn ich auch nach der Rechnung meiner Großmutter am kommenden Michaelistage erst mein fünfzehntes Jahr vollende, so bin ich dem Geist nach doch schon gereift und weiter, als mein Alter vermuten läßt, freilich eher durch Mutterwitz als durch Erfahrung. Aber beides sagt mir, daß die Regungen der Liebe in denen, die zum erstenmal verliebt sind, blind wütenden Stürmen gleichen, die den Willen aus seinen Angeln heben, so daß er alle Hindernisse niederwirft, töricht dem Ziel seiner Wünsche nachstürzt und, während er in den Himmel zu fliegen glaubt, den ihm seine Augen vorspiegeln, in die Hölle seines Unglücks fällt. Erreicht er das, was er wünscht, so schwindet der Wunsch mit dem Besitz des ersehnten Gegenstandes, und wohl ists möglich, daß sich dann die Augen des Verstandes öffnen und er nun verabscheut, was er früher angebetet hat. Diese Besorgnis macht mich so behutsam, daß ich keinen Worten glaube und bei gar vielen Taten mißtrauisch bin. Ich habe ein einziges Juwel, das ich höher schätze als das Leben selbst: das ist meine jungfräuliche Unschuld, und die mag ich weder um Versprechungen noch um Geschenke verkaufen, denn immer wäre sie schließlich verkauft; und wäre sie mir feil, so würde ich sie sehr gering anschlagen. Auch werden sie mir weder eine List noch Vorspiegelungen entreißen, und eher soll sie mit mir ins Grab oder vielleicht in den Himmel gehn, als daß ich sie der Gefahr aussetze, von Hirngespinsten und Träumereien verletzt zu sehn. Die Jungfräulichkeit ist eine Blume, die sich womöglich nicht einmal durch Gedanken berühren lassen sollte. Wie schnell und leicht verwelkt eine vom Strauch gebrochene Rose! Der eine betastet sie, der andre riecht daran, ein dritter zerblättert sie, und endlich verdirbt sie unter rohen Händen. Wenn Ihr, mein Herr, nur auf diese Beute ausgeht, so könnt Ihr sie nicht anders bekommen als gebunden mit den Schnüren und Banden der Ehe. Soll die Jungfräulichkeit sich beugen, so kann es nur unter diesem heiligen Joch geschehn, denn dann geht sie nicht verloren, sondern wird zu einem freien Geschenk, das seinerseits wiederum einen herrlichen Gewinn verspricht. Wollt Ihr mein Gatte sein, so werde ich Eure Gattin; dem müssen jedoch erst gar manche Bedingungen und Prüfungen vorangehn. Zunächst muß ich erforschen, ob Ihr das, was Ihr sagt, wirklich seid. Bestätigt es sich, so müßt Ihr das Haus Eurer Eltern verlassen und es mit unsern Hütten vertauschen; Ihr müßt Zigeunertracht anlegen und zwei Jahre lang in unsre Schule gehn. Inzwischen kann ich mich dann genügend über Eure Gemütsart unterrichten, sowie Ihr Euch über meine. Nach Ablauf dieser Frist will ich Euch, falls Ihr mit mir zufrieden seid, als Eure Gattin angehören; bis dahin aber werde ich im Umgang nur Eure Schwester und Eure gehorsame Dienerin sein. Auch müßt Ihr bedenken, daß Ihr in der Zeit dieses Noviziats vielleicht Eure Sehkraft wiedererlangt, die gegenwärtig geschwunden oder doch getrübt sein muß, und dann vielleicht gewahr werdet, wie sehr Ihr zu fliehen habt, was Ihr gegenwärtig mit so großem Eifer verfolgt. Erlangt Ihr aber die verlorene Freiheit wieder, so erhaltet Ihr durch aufrichtige Reue auch Verzeihung für jede Schuld. Wollt Ihr unter diesen Bedingungen als Schüler in unsre Schar eintreten, so steht es in Eurer Hand; aber keinen Finger der meinigen bekommt Ihr zu fassen, wenn Ihr gegen eine einzige Bedingung fehlt.“
Der Jüngling staunte über Preziosens Worte und sah ganz verstört auf den Boden, während er allem Anschein nach über eine Antwort nachsann. Als Preziosa dies bemerkte, hob sie von neuem an:
„Es ist dies nicht von so geringer Bedeutung, daß es sich in den wenigen Minuten, die wir jetzt zur Verfügung haben, entscheiden ließe oder entschieden werden müßte. Kehrt in die Stadt zurück, mein Herr, und überlegt des weitern, was Ihr tun wollt. An dieser Stelle hier könnt Ihr mich an jedem Festtage sprechen, wenn ich nach Madrid gehe oder von dort zurückkomme.“
„Als der Himmel mir die Liebe zu dir eingab, meine Preziosa,“ erwiderte der Edelmann, „beschloß ich, alles für dich zu tun, was du von mir fordern würdest, wobei mir freilich nicht in den Sinn kam, was du nun von mir verlangst. Da es jedoch dein Wille ist, daß ich mich dir füge und anschließe, so sieh mich von diesem Augenblick als einen Zigeuner an, denn du wirst in mir stets den gleichen finden, der sich dir jetzt zeigt. Sag mir nur, wann ich meine Kleidung vertauschen soll; ich wollte, es geschähe sogleich. Denn da ich eben Veranlassung hätte, nach Flandern zu gehn, so könnte ich meine Eltern jetzt am ehesten täuschen und mir auf einige Zeit Geld verschaffen; ich werde nur etwa acht Tage für die Vorbereitungen brauchen. Meine Reisegefährten will ich schon so hinters Licht führen, daß mir mein Vorhaben gelingt. Aber um eins bitte ich dich, wenn ich mich erkühnen darf, dich um etwas zu bitten und anzuflehen, daß du nämlich außer heute, da du über meinen und meiner Eltern Stand Erkundigungen einziehen wirst, nicht mehr nach Madrid gehst; denn ich möchte nicht, daß mich eine der unzähligen Gefahren, die dich dort umlauern, des teuer erkauften Glückes beraubte.“
„Daraus wird nichts, mein schöner Herr,“ entgegnete Preziosa; „wisset ein für allemal, daß ich mir meine Freiheit unverkümmert vorbehalte und sie mir von keiner lästigen Eifersucht beeinträchtigen oder stören lasse. Freilich werde ich keinen übermäßigen Gebrauch davon machen, und Ihr werdet sehn, wie eng ich meine Sittsamkeit mit meiner Ungebundenheit zu verbinden weiß. Die erste Pflicht jedoch, die ich Euch auferlege, besteht darin, daß Ihr Vertrauen in mich setzt; denn laßt Euch gesagt sein: Liebhaber, die der Eifersucht nachgeben, sind entweder töricht oder vermessen.“
„Du hast den Satan im Kopf, Mädchen!“ rief hier die alte Zigeunerin; „du redest von Dingen, die kein Professor von Salamanka im Munde führt; du weißt von Liebe, von Eifersucht, von Vertrauen: wie kommt das? Steh ich doch vor dir wie eine Gans und höre dir zu wie einer, die in der Verzückung Lateinisch redet, ohne es gelernt zu haben.“
„Schweigt, Großmutter,“ antwortete Preziosa, „und wisset, daß alles, was Ihr von mir hörtet, nur ein Kinderspiel ist im Vergleich zu den viel wichtigeren Dingen, von denen mir das Herz voll ist.“
Preziosens Worte und der Geist, den sie verriet, gossen Öl in die Flamme, die in der Brust des verliebten Kavaliers entbrannt war. Endlich kam man überein, daß man sich nach acht Tagen an diesem Ort wiedersehn wollte; da sollte er dann vom Stande seiner Angelegenheiten Nachricht geben, und sie hätte inzwischen Zeit gefunden, sich von der Wahrheit seiner Angaben zu überzeugen. Der Jüngling zog eine Börse aus Goldstoff hervor, die, wie er sagte, hundert Goldtaler enthielt, und überreichte sie der Alten. Als Preziosa durchaus nicht zugeben wollte, daß die Zigeunerin sie annahm, bemerkte diese:
„Schweig, Kleine! Das sicherste Zeichen, daß der Herr sich gefangen gibt, liegt eben in der Auslieferung seiner Waffen an den Sieger. Zu schenken, sei es aus welcher Ursache es wolle, hat immer als Beweis eines großmütigen Herzens gegolten. Denk an das alte Sprichwort: ‚Von Gott soll mans bitten und in Scheffeln verschütten.‘ Überdies möchte ich nicht, daß die Zigeuner durch mich den seit Jahrhunderten behaupteten Ruf verlören, sie seien betriebsam und fürs Nehmen. Hundert Taler, meinst du, soll ich fahren lassen, die man in den Saum eines Rockes, der keine zwei Realen wert ist, einnähen und bei sich tragen kann wie eine Rente aus den Wiesen in Estremadura? Und wenn nun einer von unsern Söhnen, Enkeln oder Verwandten das Unglück hätte, der Justiz in die Hände zu fallen, könnte er eine bessere Fürsprache vor dem Ohr des Richters und Gerichtsschreibers finden, als wenn diese Taler in ihren Beutel wandern? War ich doch schon dreimal wegen drei verschiedener Delikte eben daran, auf den Schandesel gesetzt und gestäupt zu werden; aber das eine Mal ermöglichte mir eine silberne Kanne den Rückzug, das andre Mal eine Perlenschnur und das drittemal vierzig schwere Realen, die ich für leichte eingewechselt hatte, wobei ich nur zwanzig in den Kauf zu geben brauchte. Bedenke, Kind, daß wir ein gar gefährlich Handwerk treiben voller Schwierigkeiten und Fallstricke, und daß es keine Hilfe gibt, die uns schneller zur Hand wäre und kräftiger unter den Arm griffe, als die unbesiegten Waffen des großen Philipp; denn über dies Nonplusultra geht nichts. Für eine Dublone mit ihren zwei Gesichtern klärt sich das griesgrämige des Prokurators und sämtlicher Diener des hochpeinlichen Gerichts auf, die wahre Stoßvögel für uns arme Zigeunerinnen sind und sich mehr darauf einbilden, uns zu rupfen und zu schinden, als einen Straßenräuber. Nie, so zerlumpt und erbärmlich sie uns auch sehn, halten sie uns für arme Leute, sondern sie sagen, wir seien wie die Wämser der Strauchdiebe aus Belmonte, zerrissen und schmutzig, aber voller Dublonen.“
„Um des Himmels willen, Großmutter, hört auf, Ihr führt am Ende, um das Geld behalten zu dürfen, so viele Gesetze an, daß Ihr den römischen Kaiser überbietet. Behaltet es, wohl bekomms Euch, und wolle Gott, daß Ihr es in ein Grab senkt, wo es das Tageslicht nie wieder zu sehn bekommt noch zu sehn braucht. Unsern Begleiterinnen werden wir übrigens etwas davon abgeben müssen, denn sie warten schon lange auf uns, und sie werden verdrießlich geworden sein.“
„Von diesem Geld sollen sie so wenig zu Gesicht bekommen“, erwiderte die Alte, „wie vom Großtürken. Der gute Herr da sieht wohl nach, ob er noch einiges Silbergeld oder ein paar Viertelstücke hat; die will ich unter sie verteilen, denn sie sind mit dem Geringsten zufrieden.“
„Die habe ich,“ entgegnete der Liebhaber und zog drei schwere Realen aus der Tasche, die jene sofort unter die drei Zigeunermädchen verteilte und sie froher und zufriedener machte als einen Theaterdichter, den man nach einem Wettstreit an den Straßenecken als Sieger ausruft. – Es wurde also, wie schon gesagt, beschlossen, in acht Tagen wieder zusammenzukommen, den jungen Mann aber, falls er Zigeuner würde, den ‚Herren-Andres‘ zu nennen, weil es schon mehrere Zigeuner dieses Namens unter ihnen gab. Andres, denn so wollen auch wir ihn fortan nennen, wagte es nicht, Preziosa zu umarmen, übergab ihr aber mit einem Blick seine ganze Seele und machte sich, wenn man so sagen darf, ohne Seele auf den Weg nach Madrid; die andern folgten ihm in vergnügtester Stimmung. Preziosa, in der durch das gewinnende Wesen des Andres wenn auch noch keine Liebe, so doch eine gewisse Zuneigung geweckt war, wollte sich gern bald erkundigen, ob er wirklich der sei, für den er sich ausgab. Sie kam in die Stadt, und kaum war sie durch einige Straßen gegangen, als sie dem Pagen begegnete, von dem die Verse mit dem eingewickelten Goldtaler stammten. Sobald er ihrer ansichtig wurde, trat er auf sie zu und sprach: „Guten Tag, Preziosa; hast du vielleicht die Verse schon gelesen, die ich dir neulich gab?“
Preziosa erwiderte: „Ehe ich dir eine Antwort gebe, mußt du mir ohne allen Rückhalt und beim Leben dessen, was du am meisten liebst, etwas sagen.“
„Einer solchen Beschwörung“, entgegnete der Page, „kann ich nicht widerstehen, sollte mich meine Geschwätzigkeit auch das Leben kosten.“
„Nun, ich wünsche von dir zu erfahren,“ antwortete Preziosa, „ob du etwa ein Dichter bist?“
„Wäre ich es, so müßte ich es zufällig geworden sein,“ versetzte der Page; „du mußt jedoch wissen, Preziosa, daß nur sehr wenige den Namen eines Dichters verdienen, und so bin denn auch ich keiner, sondern nur ein Liebhaber der Dichtkunst und brauche mir deshalb für meine eignen Zwecke keine fremden Verse zu erbetteln. Die ich dir neulich gab, sind von mir, und die ich dir jetzt gebe, ebenfalls; darum bin ich aber noch kein Dichter: davor soll mich Gott bewahren!“
„Ist es denn so schlimm, ein Dichter zu sein?“ fragte Preziosa.
„Nicht schlimm,“ erwiderte der Page; „aber nur Dichter zu sein, das halte ich nicht eben für sonderlich gut. Man muß mit der Poesie verfahren wie mit einem höchst kostbaren Kleinod, das der Besitzer nicht jeden Tag bei sich trägt und nicht allen Leuten und bei jedem Schritte vorzeigt, sondern nur bei schicklicher Gelegenheit. Die Poesie ist ein wunderschönes Mädchen, keusch, sittsam, verständig, witzig und zurückhaltend, das sich in den Schranken der höchsten Klugheit bewegt. Es liebt die Einsamkeit, die Quellen sprechen mit ihm, die Fluren trösten es, die Bäume spielen mit ihm, die Blumen machen es froh; selbst aber erfreut und belehrt es alle, die mit ihm verkehren.“
„Trotzdem“, versetzte Preziosa, „habe ich gehört, sei das Mädchen sehr arm, ja fast eine Bettlerin.“
„Im Gegenteil,“ antwortete der Page, „es gibt keinen Dichter, der nicht reich wäre; denn sie sind alle mit ihrer Lage zufrieden: eine Philosophie, zu der es nur wenige Menschen bringen. Was aber veranlaßt dich, Preziosa, mir diese Frage zu stellen?“
„Der Anlaß“, erwiderte Preziosa, „war, daß mich bei meinem Glauben an die Armut aller oder doch der meisten Dichter der in Eure Verse eingewickelte Goldtaler in Erstaunen setzte. Jetzt aber, da ich weiß, daß Ihr kein Dichter, sondern nur ein Liebhaber der Poesie seid, mögt Ihr vielleicht reich sein, obwohl ich dies bezweifle; denn da Euch ein Teil Eures Wesens treibt, Verse zu machen, so würde durch ihn auch Euer Vermögen draufgehn; denn man sagt, es gäbe keinen Dichter, der ein Vermögen, das er hat, zu erhalten und eins, das er nicht hat, zu erwerben wüßte.“
„Aber ich gehöre nicht zu ihnen,“ entgegnete der Page; „ich mache Verse und bin weder arm noch reich; und ohne viel darauf zu achten oder Rechnung darüber zu führen, kann ich wie die Genueser bei ihren Gastmählern dem, dem ich wohl will, einen oder zwei Taler schenken. Nimm, kostbare Perle, dieses zweite Papier mit dem zweiten Taler darin, ohne dir Gedanken darüber zu machen, ob ich ein Dichter sei oder nicht. Denke und glaube nur, daß der, der dir dies gibt, gern den Reichtum des Midas hätte, um ihn dir schenken zu können.“
Damit übergab er ihr ein Papier, in dem Preziosa den Taler wirklich fand, daher sagte sie:
„Dies Papier wird sicherlich sehr alt, denn es hat zwei Seelen; die eine ist der Taler, die andre sind die Verse, die immer voller Seelen und Herzen stecken. Der Herr Page wisse jedoch, daß ich nicht so viele Seelen bei mir haben mag, und nimmt Er nicht die eine zurück, so glaube Er auch nicht, daß ich die andre annehme; denn ich will ihm wohl, weil er ein Dichter ist, aber nicht etwa, weil er Geschenke austeilt. Unter dieser Beschränkung jedoch können wir eine dauernde Freundschaft schließen, denn an einem Taler, so stark das Wohlwollen auch sei, kann es eher einmal fehlen als an der Stimmung für eine Romanze.“
„Steht es so,“ antwortete der Page, „und willst du, Preziosa, durchaus, daß ich arm sei, so verschmähe mindestens die Seele, die in diesem Papier enthalten ist, nicht; den Taler aber gib mir zurück, denn da ihn deine Hand einmal berührt hat, so werde ich ihn zeitlebens als eine Reliquie aufbewahren.“
Preziosa nahm den Taler aus dem Papier und behielt nur dies zurück, ohne es jedoch auf offener Straße zu lesen. Der Page entfernte sich höchst zufrieden, denn er hielt Preziosa schon für gewonnen, da sie so freundlich mit ihm gesprochen hatte. Ihr aber lag jetzt vor allem daran, Andres' väterliches Haus zu suchen; sie wollte sich nirgends aufhalten noch tanzen und gelangte schnell in die ihr wohlbekannte Straße, in der das Gebäude liegen sollte. Als sie ungefähr bis in die Mitte gekommen war, warf sie einen Blick auf ein paar vergoldete Balkone, die man ihr als Kennzeichen genannt hatte. Dort stand ein Kavalier von etwa fünfzig Jahren, mit einem farbigen Ordenskreuz auf der Brust und von achtunggebietender Erscheinung. Kaum hatte er das Zigeunermädchen bemerkt, so rief er ihr zu: „Kommt herauf, Kinder, ihr sollt ein Almosen haben!“
Bei diesem Ruf eilten noch drei andre Herren auf den Balkon, unter denen auch Andres war, und als er Preziosa gewahr wurde, erblich er und verlor fast die Besinnung, so überraschend wirkte ihr Anblick auf ihn. Sämtliche Zigeunerinnen stiegen hinauf, mit Ausnahme der Alten, die unten blieb, um bei der Dienerschaft Erkundigungen darüber einzuziehn, ob Andres die Wahrheit gesagt hatte. Als die Mädchen den Saal betraten, sagte der alte Herr eben zu den übrigen: „Das ist ohne Zweifel die schöne junge Zigeunerin, die gegenwärtig in Madrid umherziehen soll.“
„Sie ist es,“ erwiderte Andres, „und sie ist ohne Zweifel das schönste Geschöpf, das man je sah.“
„So sagt man,“ entgegnete Preziosa, die jene Worte im Hereintreten gehört hatte; „aber man täuscht sich wahrlich um wenigstens die Hälfte meines wirklichen Wertes. Hübsch glaube ich freilich zu sein, aber daß ich so schön wäre, wie die Leute behaupten, das glaube ich nicht.“
„Beim Leben meines Sohnes, meines Juanico,“ erwiderte der alte Herr, „du bist noch schöner als man sagt, niedliche Zigeunerin!“
„Und wer ist Euer Juanico?“ fragte Preziosa.
„Der hübsche junge Mann da neben dir,“ erwiderte der Kavalier.
„Glaubte ich doch wahrhaftig,“ versetzte Preziosa, „Euer Gnaden schwüren bei einem Kind von zwei Jahren! Seht einmal, welch ein Don Juanico! Welch eine Pracht! Auf mein Wort, der könnte schon eine Frau nehmen; und nach den Linien auf seiner Stirne werden auch keine drei Jahre ins Land gehn, ehe er eine hat, und zwar ganz nach seinem Geschmack, falls er ihn bis dahin nicht verliert oder gegen einen andern umtauscht.“
„Seht mir doch,“ bemerkte einer der Anwesenden, „was das Mädchen von Linien versteht!“
Unterdessen hatten sich die drei Begleiterinnen Preziosens in einen Winkel des Zimmers gedrängt, steckten die Köpfe zusammen und flüsterten, um nicht gehört zu werden, ganz leise miteinander.
„Mädchen,“ sagte Christina, „das ist der Herr, der uns heute früh die drei schweren Realen gegeben hat.“
„Freilich, freilich,“ antworteten die andern, „aber wir wollen kein Wort darüber verlieren, wenn er selbst nichts sagt; wissen wir doch nicht, ob er sich gern zu erkennen gibt!“
Während dies unter den dreien vorging, erwiderte Preziosa dem, der die Bemerkung über die Deutung der Linien in der Hand gemacht hatte: „Was ich nicht mit den Augen sehe, das sagt mir mein kleiner Finger. So weiß ich vom Herrn Juanico, ohne seine Hand gesehen zu haben, daß er ein wenig verliebt, ungestüm, vorschnell ist und gern Dinge verspricht, die unmöglich scheinen; und wolle Gott, daß er nicht etwa gar lügnerisch ist, denn das wäre das Schlimmste von allem. Er hat jetzt eine Reise an einen weit entfernten Ort zu machen; aber anders denkt der Rappe und anders der, der ihn sattelt. Der Mensch denkt, und Gott lenkt. Vielleicht vermeint er nach Oñez zu gehn und kommt nach Gamboa.“
Da erwiderte Don Juan: „Wahrhaftig, Zigeunermädchen, du hast manches von meiner Gemütsart erraten; was aber die Neigung zum Lügen betrifft, so bist du auf ganz falschem Wege, denn ich rühme mich, in jedem Fall die Wahrheit zu sagen. In betreff der weiten Reise hast du wiederum recht; gefällt es Gott, so werde ich allerdings in vier oder fünf Tagen nach Flandern aufbrechen, und zwar trotz deiner Prophezeiung, daß ich den Weg verfehlen werde; denn ich hoffe nicht, daß mir unterwegs irgendein Unfall zustößt, der mich daran hindern könnte.“
„Still, kleiner Herr!“ erwiderte Preziosa. „Empfiehl dich Gott, so wird alles gut gehn, und sei versichert, daß ich nichts von dem, was ich zu wissen behauptet habe, wirklich wußte; und das ist auch weiter kein Wunder, denn da ich aufs Geratewohl allerlei herausschwatze, so treffe ich mitunter auch die Wahrheit. Jetzt möchte ich nur, ich könnte dich mit ebensoviel Erfolg überreden, nicht abzureisen, sondern ruhigen Herzens bei deinen Eltern zu bleiben und ihnen ein glückliches Alter zu bereiten; denn bei diesem Hin- und Herreisen nach Flandern kommt nichts Gutes heraus, besonders für junge Leute von so zartem Alter. Werde erst ein wenig älter, um die Beschwerden des Kriegs ertragen zu können, um so mehr, als du Krieg genug im eignen Hause hast und genug der Liebeskämpfe in deinem Herzen stürmen. Ruhig, ruhig, kleiner Brausekopf, und bedenke, was du tust, ehe du heiratest, uns aber gib ein Almosen um Gottes und deiner selbst willen; denn ich glaube wahrhaftig, du bist aus trefflichem Stamme; und kommt die Wahrhaftigkeit noch hinzu, so will ich, wenn sie sich erprobt hat, ein Jubellied anstimmen, weil ich in all meinen Angaben das Richtige getroffen habe.“
„Ich sagte dir schon, mein Kind,“ entgegnete der Don Juan, der zum ‚Herren-Andres‘ werden sollte, „daß du in allem die Wahrheit triffst; nur in deiner Besorgnis, ich sei nicht sonderlich wahrheitsliebend, irrst du völlig. Das Wort, das ich dir im Felde gebe, halte ich in der Stadt und wo sonst du willst, ohne mich erst mahnen zu lassen; denn wer dem Laster der Lüge verfällt, darf sich für keinen Ritter achten. Mein Vater wird dir um Gottes und meinetwillen ein Almosen reichen; denn wahrlich, ich habe, was ich bei mir hatte, heute früh einigen Damen gegeben, die mir keine sonderlichen Zinsen zahlen werden, wenn sie, besonders die eine unter ihnen, so leichtfertig sind wie schön.“
Als Christina das hörte, flüsterte sie den übrigen Zigeunerinnen ebenso heimlich wie das erstemal zu: „Kinder, ich will des Todes sein, wenn er da nicht die drei schweren Realen meint, die er uns heute morgen gegeben hat.“
„Das kann nicht sein,“ erwiderte eine von ihnen, „denn er sagt ja, es seien Damen gewesen, was wir nicht sind, und da er so wahrhaftig zu sein behauptet, wird er auch hierin nicht lügen.“
„Eine Lüge,“ antwortete Christina, „die niemandem zum Schaden, dem aber, der sie sagt, zu Nutz und Vorteil gereicht, ist nicht von so großer Bedeutung; übrigens sehe ich bei all dem noch nicht, daß wir einen Pfennig erhielten oder daß man uns tanzen ließe.“
Inzwischen kam auch die alte Zigeunerin herauf und sprach: „Kind, mach daß du fertig wirst; es wird spät, und es gibt noch viel zu tun und noch mehr zu reden.“
„Nun, was gibt es denn, Großmutter?“ fragte Preziosa, „einen Jungen oder ein Mädchen?“
„Einen Jungen, und einen hübschen,“ entgegnete die Alte; „komm, Preziosa, und du sollst deine Wunder hören.“