WeRead Powered by ReaderPub
Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl cover

Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl

Chapter 9: Husarenlied
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Ein nächtlicher Spaziergang führt den Erzähler zu einer alten Frau, die auf der Schwelle eines vornehmen Hauses sitzt und mit ruhiger Frömmigkeit und Erinnerungen an frühere Dienstzeiten antwortet. Im Austausch offenbart sie schmerzhafte Geheimnisse und berichtet von einer jungen Frau, die ihr Kind getötet hat und aus Gewissensgründen den Vater nicht nennt, wodurch sie ihre Strafe bereitwillig annimmt. Der Erzähler wird gebeten, beim Herzog und beim Pfarrer um ein ehrliches Begräbnis und um Fürbitte zu ersuchen. Die Erzählung schildert damit Begegnung, religiöse Pietät, persönliche Schuld und das Ringen um menschliche Fürsorge innerhalb starrer sozialer Verhältnisse.

Ihr Toten, ihr Toten sollt auferstehn,
Ihr sollt vor das Jüngste Gerichte gehn.

Seht, sie will keinen Pardon, man hat ihn ihr angeboten, wenn sie den Vater des Kindes nennen wolle. Aber das Annerl hat gesagt: ‚Ich habe sein Kind ermordet und will sterben und ihn nicht unglücklich machen; ich muß meine Strafe leiden, daß ich zu meinem Kinde komme, aber ihn kann es verderben, wenn ich ihn nenne.‘ Darüber wurde ihr das Schwert zuerkannt. Gehe Er zum Herzog und bitte Er für Kasper und Annerl um ein ehrlich Grab! Gehe Er gleich! Seh Er, dort geht der Herr Pfarrer ins Gefängnis; ich will ihn ansprechen, daß er mich mit hinein zum schönen Annerl nimmt. Wenn Er sich eilt, so kann Er uns draußen am Gerichte vielleicht den Trost noch bringen mit dem ehrlichen Grab für Kasper und Annerl.“

Unter diesen Worten waren wir mit dem Prediger zusammengetroffen. Die Alte erzählte ihr Verhältnis zu der Gefangenen, und er nahm sie freundlich mit zum Gefängnis. Ich aber eilte nun, wie ich noch nie gelaufen, nach dem Schlosse, und es machte mir einen tröstenden Eindruck, es war mir wie ein Zeichen der Hoffnung, als ich an Graf Grossingers Hause vorüberstürzte und aus einem offnen Fenster des Gartenhauses eine liebliche Stimme zur Laute singen hörte:

„Die Gnade sprach von Liebe,
Die Ehre aber wacht
Und wünscht voll Lieb der Gnade
In Ehren gute Nacht.
Die Gnade nimmt den Schleier,
Wenn Liebe Rosen gibt,
Die Ehre grüßt den Freier,
Weil sie die Gnade liebt.“

Ach, ich hatte der guten Wahrzeichen noch mehr: einhundert Schritte weiter fand ich einen weißen Schleier auf der Straße liegend; ich raffte ihn auf, er war voll von duftenden Rosen. Ich hielt ihn in der Hand und lief weiter mit dem Gedanken: „Ach Gott, das ist die Gnade.“ Als ich um die Ecke bog, sah ich einen Mann, der sich in seinem Mantel verhüllte, als ich vor ihm vorübereilte, und mir heftig den Rücken wandte, um nicht gesehen zu werden. Er hätte es nicht nötig gehabt, ich sah und hörte nichts in meinem Innern als: Gnade, Gnade! und stürzte durch das Gittertor in den Schloßhof. Gott sei Dank, der Fähndrich Graf Grossinger, der unter den blühenden Kastanienbäumen vor der Wache auf und ab ging, trat mir schon entgegen.

„Lieber Graf,“ sagte ich mit Ungestüm, „Sie müssen mich gleich zum Herzog bringen, gleich auf der Stelle, oder alles ist zu spät, alles ist verloren!“

Er schien verlegen über diesen Antrag und sagte: „Was fällt Ihnen ein, zu dieser ungewohnten Stunde? Es ist nicht möglich. Kommen Sie zur Parade, da will ich Sie vorstellen.“

Mir brannte der Boden unter den Füßen. „Jetzt,“ rief ich aus, „oder nie! Es muß sein! Es betrifft das Leben eines Menschen.“

„Es kann jetzt nicht sein,“ erwiderte Grossinger scharf absprechend. „Es betrifft meine Ehre; es ist mir untersagt, heute nacht irgendeine Meldung zu tun.“

Das Wort Ehre machte mich verzweifeln. Ich dachte an Kaspers Ehre, an Annerls Ehre und sagte: „Die vermaledeite Ehre! Gerade um die letzte Hilfe zu leisten, welche so eine Ehre übriggelassen, muß ich zum Herzoge. Sie müssen mich melden, oder ich schreie laut nach dem Herzog.“

„So Sie sich rühren,“ sagte Grossinger heftig, „lasse ich Sie in die Wache werfen. Sie sind ein Phantast, Sie kennen keine Verhältnisse.“

„O, ich kenne Verhältnisse, schreckliche Verhältnisse! Ich muß zum Herzoge, jede Minute ist unerkauflich!“ versetzte ich. „Wollen Sie mich nicht gleich melden, so eile ich allein zu ihm.“

Mit diesen Worten wollte ich nach der Treppe, die zu den Gemächern des Herzogs hinaufführte, als ich den nämlichen in einen Mantel Verhüllten, der mir begegnete, nach dieser Treppe eilend bemerkte. Grossinger drehte mich mit Gewalt um, daß ich diesen nicht sehen sollte. „Was machen Sie, Töriger?“ flüsterte er mir zu, „schweigen Sie, ruhen Sie! Sie machen mich unglücklich.“

„Warum halten Sie den Mann nicht zurück, der da hinaufging?“ sagte ich. „Er kann nichts Dringenderes vorzubringen haben als ich. Ach, es ist so dringend, ich muß, ich muß! Es betrifft das Schicksal eines unglücklichen, verführten armen Geschöpfs.“

Grossinger erwiderte: „Sie haben den Mann hinaufgehen sehen; wenn Sie je ein Wort davon äußern, so kommen Sie vor meine Klinge. Gerade weil er hinaufging, können Sie nicht hinauf, der Herzog hat Geschäfte mit ihm.“

Da erleuchteten sich die Fenster des Herzogs. „Gott, er hat Licht, er ist auf!“ sagte ich. „Ich muß ihn sprechen, um des Himmels willen lassen Sie mich, oder ich schreie Hilfe!“

Grossinger faßte mich beim Arm und sagte: „Sie sind betrunken, kommen Sie in die Wache. Ich bin Ihr Freund, schlafen Sie aus und sagen Sie mir das Lied, das die Alte heut nacht an der Türe sang, als ich die Runde vorüberführte; das Lied interessiert mich sehr.“

„Gerade wegen der Alten und den Ihrigen muß ich mit dem Herzoge sprechen!“ rief ich aus.

„Wegen der Alten?“ versetzte Grossinger. „Wegen der sprechen Sie mit mir, die großen Herrn haben keinen Sinn für so etwas. Geschwind kommen Sie nach der Wache.“

Er wollte mich fortziehen, da schlug die Schloßuhr halb vier. Der Klang schnitt mir wie ein Schrei der Not durch die Seele, und ich schrie aus voller Brust zu den Fenstern des Herzogs hinauf:

„Hilfe! um Gottes willen Hilfe für ein elendes, verführtes Geschöpf!“ Da ward Grossinger wie unsinnig. Er wollte mir den Mund zuhalten, aber ich rang mit ihm; er stieß mich in den Nacken, er schimpfte; ich fühlte, ich hörte nichts. Er rief nach der Wache; der Korporal eilte mit etlichen Soldaten herbei, mich zu greifen. Aber in dem Augenblick ging des Herzogs Fenster auf, und es rief herunter:

„Fähndrich Graf Grossinger, was ist das für ein Skandal? Bringen Sie den Menschen herauf, gleich auf der Stelle!“

Ich wartete nicht auf den Fähndrich; ich stürzte die Treppe hinauf, ich fiel nieder zu den Füßen des Herzogs, der mich betroffen und unwillig aufstehen hieß. Er hatte Stiefel und Sporen an und doch einen Schlafrock, den er sorgfältig über der Brust zusammenhielt.

Ich trug dem Herzoge alles, was mir die Alte von dem Selbstmorde des Ulans, von der Geschichte der schönen Annerl erzählt hatte, so gedrängt vor, als es die Not erforderte, und flehte ihn wenigstens um den Aufschub der Hinrichtung auf wenige Stunden und um ein ehrliches Grab für die beiden Unglücklichen an, wenn Gnade unmöglich sei. – „Ach, Gnade, Gnade!“ rief ich aus, indem ich den gefundenen weißen Schleier voll Rosen aus dem Busen zog, „dieser Schleier, den ich auf meinem Wege hierher gefunden, schien mir Gnade zu verheißen.“

Der Herzog griff mit Ungestüm nach dem Schleier und war heftig bewegt; er drückte den Schleier in seinen Händen, und als ich die Worte aussprach: „Euer Durchlaucht! Dieses arme Mädchen ist ein Opfer falscher Ehrsucht; ein Vornehmer hat sie verführt und ihr die Ehe versprochen. Ach, sie ist so gut, daß sie lieber sterben will, als ihn nennen“ – da unterbrach mich der Herzog mit Tränen in den Augen und sagte: „Schweigen Sie, ums Himmels willen schweigen Sie!“ – Und nun wendete er sich zu dem Fähndrich, der an der Türe stand, und sagte mit dringender Eile: „Fort, eilend zu Pferde mit diesem Menschen hier; reiten Sie das Pferd tot; nur nach dem Gerichte hin; heften Sie diesen Schleier an Ihren Degen, winken und schreien Sie: ‚Gnade, Gnade!‘ Ich komme nach.“

Grossinger nahm den Schleier. Er war ganz verwandelt, er sah aus wie ein Gespenst vor Angst und Eile. Wir stürzten in den Stall, saßen zu Pferde und ritten im Galopp; er stürmte wie ein Wahnsinniger zum Tore hinaus. Als er den Schleier an seine Degenspitze heftete, schrie er: „Herr Jesus, meine Schwester!“ Ich verstand nicht, was er wollte. Er stand hoch im Bügel und wehte und schrie: „Gnade, Gnade!“ Wir sahen auf dem Hügel die Menge um das Gericht versammelt. Mein Pferd scheute vor dem wehenden Tuch. Ich bin ein schlechter Reiter, ich konnte den Grossinger nicht einholen; er flog im schnellsten Karriere, ich strengte alle Kräfte an. Trauriges Schicksal! Die Artillerie exerzierte in der Nähe; der Kanonendonner machte es unmöglich, unser Geschrei aus der Ferne zu hören. Grossinger stürzte, das Volk stob auseinander, ich sah in den Kreis, ich sah einen Stahlblitz in der frühen Sonne – ach Gott, es war der Schwertblitz des Richters! – Ich sprengte heran, ich hörte das Wehklagen der Menge. „Pardon, Pardon!“ schrie Grossinger und stürzte mit wehendem Schleier durch den Kreis wie ein Rasender. Aber der Richter hielt ihm das blutende Haupt der schönen Annerl entgegen, das ihn wehmütig anlächelte. Da schrie er: „Gott sei mir gnädig!“ und fiel auf die Leiche hin zur Erde. „Tötet mich, tötet mich, ihr Menschen! Ich habe sie verführt, ich bin ihr Mörder!“

Eine rächende Wut ergriff die Menge. Die Weiber und Jungfrauen drangen heran und rissen ihn von der Leiche und traten ihn mit Füßen, er wehrte sich nicht; die Wachen konnten das wütende Volk nicht bändigen. Da erhob sich das Geschrei: „Der Herzog, der Herzog!“ – Er kam im offnen Wagen gefahren; ein blutjunger Mensch, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, in einen Mantel gehüllt, saß neben ihm. Die Menschen schleifen Grossinger herbei. „Jesus, mein Bruder!“ schrie der junge Offizier mit der weiblichsten Stimme aus dem Wagen. Der Herzog sprach bestürzt zu ihm: „Schweigen Sie!“ Er sprang aus dem Wagen, der junge Mensch wollte folgen; der Herzog drängte ihn schier unsanft zurück; aber so beförderte sich die Entdeckung, daß der junge Mensch die als Offizier verkleidete Schwester Grossingers sei. Der Herzog ließ den mißhandelten, blutenden, ohnmächtigen Grossinger in den Wagen legen, die Schwester nahm keine Rücksicht mehr, sie warf ihren Mantel über ihn. Jedermann sah sie in weiblicher Kleidung. Der Herzog war verlegen, aber er sammelte sich und befahl, den Wagen sogleich umzuwenden und die Gräfin mit ihrem Bruder nach ihrer Wohnung zu fahren. Dieses Ereignis hatte die Wut der Menge einigermaßen gestillt. Der Herzog sagte laut zu dem wachthabenden Offizier: „Die Gräfin Grossinger hat ihren Bruder an ihrem Hause vorbeireiten sehen, den Pardon zu bringen, und wollte diesem freudigen Ereignis beiwohnen; als ich zu demselben Zwecke vorüberfuhr, stand sie am Fenster und bat mich, sie in meinem Wagen mitzunehmen; ich konnte es dem gutmütigen Kinde nicht abschlagen. Sie nahm einen Mantel und Hut ihres Bruders, um kein Aufsehen zu erregen, und hat, von dem unglücklichen Zufall überrascht, die Sache gerade dadurch zu einem abenteuerlichen Skandal gemacht. Aber wie konnten Sie, Herr Leutnant, den unglücklichen Grafen Grossinger nicht vor dem Pöbel schützen? Es ist ein gräßlicher Fall: daß er, mit dem Pferde stürzend, zu spät kam; er kann doch aber nichts dafür. Ich will die Mißhandler des Grafen verhaftet und bestraft wissen.“

Auf diese Rede des Herzogs erhob sich ein allgemeines Geschrei: „Er ist ein Schurke, er ist der Verführer, der Mörder der schönen Annerl gewesen; er hat es selbst gesagt, der elende, der schlechte Kerl!“

Als dies von allen Seiten hertönte und auch der Prediger und der Offizier und die Gerichtspersonen es bestätigten, war der Herzog so tief erschüttert, daß er nichts sagte als: „Entsetzlich, entsetzlich, o der elende Mensch!“

Nun trat der Herzog blaß und bleich in den Kreis; er wollte die Leiche der schönen Annerl sehen. Sie lag auf dem grünen Rasen in einem schwarzen Kleide mit weißen Schleifen. Die alte Großmutter, welche sich um alles, was vorging, nicht bekümmerte, hatte ihr das Haupt an den Rumpf gelegt und die schreckliche Trennung mit ihrer Schürze bedeckt. Sie war beschäftigt, ihr die Hände über die Bibel zu falten, welche der Pfarrer in dem kleinen Städtchen der kleinen Annerl geschenkt hatte; das goldene Kränzlein band sie ihr auf den Kopf und steckte die Rose vor die Brust, welche ihr Grossinger in der Nacht gegeben hatte, ohne zu wissen, wem er sie gab.

Der Herzog sprach bei diesem Anblick: „Schönes, unglückliches Annerl! Schändlicher Verführer, du kamst zu spät! – Arme, alte Mutter, du bist ihr allein treu geblieben bis in den Tod!“ Als er mich bei diesen Worten in seiner Nähe sah, sprach er zu mir: „Sie sagten mir von einem letzten Willen des Korporal Kasper, haben Sie ihn bei sich?“ Da wendete ich mich zu der Alten und sagte: „Arme Mutter, gebt mir die Brieftasche Kaspers; Seine Durchlaucht wollen seinen letzten Willen lesen.“

Die Alte, welche sich um nichts bekümmerte, sagte mürrisch: „Ist Er auch wieder da? Er hätte lieber ganz zu Hause bleiben können. Hat Er die Bittschrift? Jetzt ist es zu spät. Ich habe dem armen Kinde den Trost nicht geben können, daß sie zu Kasper in ein ehrliches Grab soll; ach, ich hab es ihr vorgelogen, aber sie hat mir nicht geglaubt.“

Der Herzog unterbrach sie und sprach: „Ihr habt nicht gelogen, gute Mutter. Der Mensch hat sein möglichstes getan, der Sturz des Pferdes ist an allem schuld. Aber sie soll ein ehrliches Grab haben bei ihrer Mutter und bei Kasper, der ein braver Kerl war. Es soll ihnen beiden eine Leichenpredigt gehalten werden über die Worte: ‚Gebt Gott allein die Ehre!‘ Der Kasper soll als Fähndrich begraben werden, seine Schwadron soll ihm dreimal ins Grab schießen, und des Verderbers Grossingers Degen soll auf seinen Sarg gelegt werden.“

Nach diesen Worten ergriff er Grossingers Degen, der mit dem Schleier noch an der Erde lag, nahm den Schleier herunter, bedeckte Annerl damit und sprach: „Dieser unglückliche Schleier, der ihr so gern Gnade gebracht hätte, soll ihr die Ehre wiedergeben. Sie ist ehrlich und begnadigt gestorben, der Schleier soll mit ihr begraben werden.“

Den Degen gab er dem Offizier der Wache mit den Worten: „Sie werden heute noch meine Befehle wegen der Bestattung des Ulanen und dieses armen Mädchens bei der Parade empfangen.“

Nun las er auch die letzten Worte Kaspers laut mit vieler Rührung. Die alte Großmutter umarmte mit Freudentränen seine Füße, als wäre sie das glücklichste Weib. Er sagte zu ihr: „Gebe Sie sich zufrieden, Sie soll eine Pension haben bis an Ihr seliges Ende, ich will Ihrem Enkel und der Annerl einen Denkstein setzen lassen.“ Nun befahl er dem Prediger, mit der Alten und einem Sarge, in welchen die Gerichtete gelegt wurde, nach seiner Wohnung zu fahren und sie dann nach ihrer Heimat zu bringen und das Begräbnis zu besorgen. Da währenddem seine Adjutanten mit Pferden gekommen waren, sagte er noch zu mir: „Geben Sie meinem Adjutanten Ihren Namen an, ich werde Sie rufen lassen. Sie haben einen schönen menschlichen Eifer gezeigt.“ Der Adjutant schrieb meinen Namen in seine Schreibtafel und machte mir ein verbindliches Kompliment. Dann sprengte der Herzog, von den Segenswünschen der Menge begleitet, in die Stadt. Die Leiche der schönen Annerl ward nun mit der guten alten Großmutter in das Haus des Pfarrers gebracht, und in der folgenden Nacht fuhr dieser mit ihr nach der Heimat zurück. Der Offizier traf mit dem Degen Grossingers und einer Schwadron Ulanen auch daselbst am folgenden Abend ein. Da wurde nun der brave Kasper, mit Grossingers Degen auf der Bahre und dem Fähndrichspatent, neben der schönen Annerl zur Seite seiner Mutter begraben. Ich war auch hingeeilt und führte die alte Mutter, welche kindisch vor Freude war, aber wenig redete; und als die Ulanen dem Kasper zum drittenmal ins Grab schossen, fiel sie mir tot in die Arme. Sie hat ihr Grab auch neben den Ihrigen empfangen. Gott gebe ihnen allen eine freudige Auferstehung!

Sie sollen treten auf die Spitzen,
Wo die lieben Engelein sitzen,
Wo kömmt der liebe Gott gezogen
Mit einem schönen Regenbogen;
Da sollen ihre Seelen vor Gott bestehn,
Wann wir werden zum Himmel eingehn!
Amen.

Als ich in die Hauptstadt zurückkam, hörte ich, Graf Grossinger sei gestorben, er habe Gift genommen. In meiner Wohnung fand ich einen Brief von ihm. Er sagte mir darin:

„Ich habe Ihnen viel zu danken. Sie haben meine Schande, die mir lange das Herz abnagte, zutage gebracht. Jenes Lied der Alten kannte ich wohl, die Annerl hatte es mir oft vorgesagt; sie war ein unbeschreiblich edles Geschöpf. Ich war ein elender Verbrecher. Sie hatte ein schriftliches Eheversprechen von mir gehabt und hat es verbrannt. Sie diente bei einer alten Tante von mir, sie litt oft an Melancholie. Ich habe mich durch gewisse medizinische Mittel, die etwas Magisches haben, ihrer Seele bemächtigt. – Gott sei mir gnädig! – Sie haben auch die Ehre meiner Schwester gerettet. Der Herzog liebt sie, ich war sein Günstling – die Geschichte hat ihn erschüttert – Gott helfe mir! Ich habe Gift genommen.

Josef Graf Grossinger.“

Die Schürze der schönen Annerl, in welche ihr der Kopf des Jägers Jürge bei seiner Enthauptung gebissen, ist auf der herzoglichen Kunstkammer bewahrt worden. Man sagt, die Schwester des Grafen Grossinger werde der Herzog mit dem Namen Voile de Grâce, auf deutsch „Gnadenschleier“, in den Fürstenstand erheben und sich mit ihr vermählen. Bei der nächsten Revue in der Gegend von D... soll das Monument auf den Gräbern der beiden unglücklichen Ehrenopfer auf dem Kirchhof des Dorfs errichtet und eingeweiht werden. Der Herzog wird mit der Fürstin selbst zugegen sein. Er ist ausnehmend zufrieden damit; die Idee soll von der Fürstin und dem Herzoge zusammen erfunden sein. Es stellt die falsche und wahre Ehre vor, die sich vor einem Kreuze beiderseits gleich tief zur Erde beugen; die Gerechtigkeit steht mit dem geschwungenen Schwerte zur einen Seite, die Gnade zur andern Seite und wirft einen Schleier heran. Man will im Kopfe der Gerechtigkeit Ähnlichkeit mit dem Herzoge, in dem Kopfe der Gnade Ähnlichkeit mit dem Gesichte der Fürstin finden.


Einige Soldatenlieder Clemens Brentanos
als Anhang

Kriegslied

Der Herr hat einen Kampf bestellt,
Wer Gott liebt, hält zusammen.
Es steht in Kriegesflammen
Die ganze weite Welt.
Der Friede mußt uns drücken,
Gewitter war die Zeit,
Da wir das Schwert nun zücken,
Wird auch der Himmel weit.
Trompeten schmettern durch die Welt,
Was heimlich wir getragen.
Wir haben unsre Klagen
Dem Schwert anheimgestellt.
Wenn sich die Monde füllen,
Gebiert die Zeit mit Schmerz,
Es wuchs durch Geist und Willen
Der Sieg ihr unterm Herz!
Musketenschall, Kanonenzorn
Es laut verkünden müssen,
Es zieht sich aus den Füßen
Der Löwe nun den Dorn.
Das Kreuz wir lang schon tragen,
Das Kreuz der Eisenzeit,
Nun wird die Zeit geschlagen
Ans Eisenkreuz im Streit.
Nun gehts Trara romdomdidom,
Ein jeder darf es sagen,
Der Tambour muß es schlagen,
Daß es ans Tagslicht komm!
Der führt die beste Stimme,
Der sich dem Schwert vertraut,
Sein Leid in heilgem Grimme
Aus Feindesrücken haut.
Hurra! Hurra! nun schlaget drein,
Wer nicht gehört, soll fühlen,
Der Hoffart wird sich kühlen,
Beißt er ins Gras hinein!
Ein gute Wehr und Waffen,
Ein feste Burg ist Gott,
Er hat uns frei erschaffen,
Er hilft aus Not und Spott!

Lustiges Soldatenlied

Es leben die Soldaten
So recht von Gottes Gnaden,
Der Himmel ist ihr Zelt,
Ihr Tisch das grüne Feld.
Ihr Bette ist der Rasen,
Trompeter müssen blasen,
Guten Morgen! gute Nacht!
Daß man mit Lust erwacht.
Ihr Wirtsschild ist die Sonne,
Ihr Freund die volle Tonne,
Ihr Schlafbuhl ist der Mond,
Der in der Sternschanz wohnt.
Die Sterne haben Stunden,
Die Sterne haben Runden
Und werden abgelöst,
Drum, Schildwacht, sei getröst.
Wir richten mit dem Schwerte,
Der Leib gehört der Erde,
Die Seel dem Himmelszelt,
Der Rock bleibt in der Welt.
Wer fällt, der bleibet liegen,
Wer steht, der kann noch siegen,
Wer übrig bleibt, hat recht,
Und wer entflieht, ist schlecht!
Zum Hassen oder Lieben
Ist alle Welt getrieben,
Es bleibet keine Wahl,
Der Teufel ist neutral.
Bedienet uns ein Bauer,
So schmeckt der Wein fast sauer,
Doch ists ein schöner Schatz,
So kriegt sie einen Schmatz.

Soldatenkatechismus

Bist matt und müd, so sing ein Lied
Aus Herzenslust, das stärkt die Brust.
In höchster Qual fluch wohl einmal,
In heißem Streit Gott dirs verzeiht.
Geh in die Schanz froh wie zum Tanz;
Heil gibt der Tod, das Leben Not.
Gefangen sein ist große Pein;
Viel besser ficht, bis 's Aug dir bricht.
Scheint grausam dir dein Offizier,
Bedenke, hart ist Krieges Art.
Der Bürger schwätzt, der Prahler wetzt,
Der Krieger ficht; Mensch, richte nicht!
Nicht räsonier, wie man dich führ,
Du bist im Plan, man gibt ihn an.
Montur ist eng, Ordnung gestreng,
Für alles steht, der vor dir geht.
Halt trocken, rein so Schloß als Stein;
Leicht ists geputzt, und viel es nutzt.
Bad', wasche dich, wenns schicket sich,
Gesund dichs hält und kost't kein Geld.
Wo du quartiert, hilf gern dem Wirt,
Dann tut er dir mehr als Gebühr.
Du bist Soldat, die Kriegestat
Sei dein Genuß aus Will und Muß.
Hart ist die Nuß, doch beißt das Muß
Den Kern heraus, das sei dein Schmaus.
Sei treu der Fahn stets zugetan;
Du schworst bei ihr, nicht desertier!
Mit Magd und Weib nicht Mutwill treib,
Die dich gebar, auch beides war.
Getreue Lieb nur Einer gib,
Das stärkt in Schlacht und Todesnacht.
Wer alle Tag treibt neuen Scherz,
Hat statt dem Herz 'nen Taubenschlag.
Trink nicht zu viel beim Würfelspiel,
Das gibt bös' Wort' und bringt in Mord.
Halt auf die Ehr, doch überhör
Ein Wort, das leicht vom Munde streicht.
Hart ist die Zeit, such keinen Streit,
Als wo der Feind im Feld erscheint.
Schneid kein Gesicht dem Schwächern nicht,
Ein Schwacher ist doch auch ein Christ.
Verläumd geschwind kein armes Kind;
Wer Böses spricht, sich selber sticht.
Die Landwehr ehr, ihr Dienst ist schwer,
Läßt Hof und Haus und hilf dir aus.
In Feindes Land üb keine Schand,
Das merkt er sich und schützet dich.
Doch trau auch nicht auf jed Gesicht,
Sei streng und mild, ein edles Bild.
Wer als dein Feind gesund erscheint,
Dein Bruder wird, ist er blessiert.
Bei Glockenklang und Kirchensang
Den Hut fein zieh und beug das Knie.
Wo kein Kapell, die Augen hell
Bei Nacht und Tag zum Himmel schlag
Ein Stoßgebet in Not erhöht
Des Mannes Mut und stillt das Blut.
Der Morgenstern steht Gott, dem Herrn,
Auch vor dem Zelt, ein frommer Held.
Mit Gott und Welt sei stets gestellt
Die Rechnung dein hübsch klar und rein.
Dann bist du frei, trifft dich das Blei,
Fällt dir dein Los in Gottes Schoß.
Am Morgen sprich: Gott segne mich!
Am Abend denk: Gott Schutz mir schenk!
Und in der Schlacht: Gott für mich wacht!
Der steht, der fällt, den er bestellt.

Im Lager

Schlummerstille herrscht im Lager,
Ohne Regung ruht das Heer,
Einsam spähend sieht die Wache
Auch nicht einen Feind umher;
Kein Geräusch von keiner Seite,
Friedensstille rings um mich;
In der lang ergoßnen Weite
Reget keine Waffe sich.
Schon rührt sich die Trommel,
Schon lockt die Trompete,
Da hebt sich der Streiter,
Da rasselt der Krieg,
Da spielen die Winde
In flatternden Fahnen,
Geschwinde! Geschwinde!
Auf blutigen Bahnen
Aurora und Eifer,
Gewalt, Mut und Sieg!

Husarenlied

Ah bassa manelki teremtete,
So bläst der Trompeter, so wünschet ein jeder,
Auf daß es nun endlich recht drauf und dran geh!
Man streicht sich den Schnurrbart und gibt ihm den Zwick
Und wiegt in dem Säbel des Feindes Geschick.
Chor: Schlechte Reiter
Sind nichts weiter
Als sechsbeinige Bärenhäuter.
Ah bassa manelki teremtete!
Wir fahren auf Rossen zusammen gegossen
Wie die Wetterwolken in himmlischer Höh,
Es schmettern wie Blitze die Säbel hervor,
Wer fest nicht im Sitze, der kriegt eins ans Ohr.
Chor: Schlechte Reiter
Sind nichts weiter
Als sechsbeinige Bärenhäuter.
Ah bassa manelki teremtete!
Wir ungrischen Husaren, wir haben erfahren,
Daß der Feind nicht gern in die Augen uns seh,
Sein schlechtes Gewissen verträgt kein Gericht,
Ins Gras oft gebissen hat vor uns der Wicht.
Chor: Schlechte Reiter
Sind nichts weiter
Als sechsbeinige Bärenhäuter.
Ah bassa manelki teremtete!
Mein Säbel, der treue, den Kampf nun erneue,
Daß noster Franciscus Justitiam seh.
Wir Ungern wir schlagen mit dem Säbel auf 'n Tisch,
Protestor wir sagen, dann geht es von frisch.
Chor: Schlechte Reiter
Sind nichts weiter
Als sechsbeinige Bärenhäuter.
Ah bassa manelki teremtete!
Heraus, ihr Neuntöter, Pariser Dekreter,
Auf daß man euch a bißl die Kundschaft nachseh,
Und wer nicht kapabel mit Füß und mit Hand,
Dem schreibet mein Sabel mit Blut aufs Patent:
Chor: Schlechte Reiter
Sind nichts weiter
Als sechsbeinige Bärenhäuter.
Ah bassa manelki teremtete!
Wie riecht ihr neubacken, die russ'schen Kosacken,
Die suchen euch wahrlich recht gründlich die Flöh.
Gespickt mit der Nadel, gespießt und rotiert,
Heraus mit dem Bratel, nun wird es transchiert.
Chor: Schlechte Reiter
Sind nichts weiter
Als sechsbeinige Bärenhäuter.
Ah bassa manelki teremtete!
Pariser Husaren, die öfters schon waren,
Wo seid ihr? Da grunzet ein Schwein in die Höh:
Vor Magdeburg hieben die Preußen sie klein,
Was übrig geblieben, das fraß ich allein.
Chor: Schlechte Reiter
Sind nichts weiter
Als sechsbeinige Bärenhäuter.
Ah bassa manelki teremtete!
Die Sau sah der Unger, sie schwankte vor Hunger,
Er sprach: Halt dich immer nur bei der Armee.
Ich mäst dich mit Garden, mit lauter Offizier,
Die ich mit deiner Schwarten an die Stiefel mir schmier.
Chor: Schlechte Reiter
Sind nichts weiter
Als sechsbeinige Bärenhäuter.
Ah bassa manelki teremtete!
Der lügt wie gedrucket, der die Achseln noch zucket,
Daß er nicht gehaun noch gestochen euch sah.
Dort ließt ihrs im Stiche, hier kriegt ihrs im Hieb,
Mit ungrischer Küche nehmt halters vorlieb.
Chor: Schlechte Reiter
Sind nichts weiter
Als sechsbeinige Bärenhäuter.
Ah bassa manelki teremtete!
Heraus, was noch übrig, ihr seid ja ganz fiebrig,
Heraus nur, ich koch euch 'nen ungrischen Tee.
Was nackete Pferschen, potz Himmel und Erd!
Ihr habt untern Märschen nur Wölf und kein Pferd.
Chor: Schlechte Reiter
Sind nichts weiter
Als sechsbeinige Bärenhäuter.
Ah bassa manelki teremtete!
Ihr könnt einem 's Reiten auf Lebtag verleiden,
Streu dich mit Chausseestaub, du große Armee.
Dann lerne vom Schneider, zu Wien beim de Bach,
Der kanns viel gescheiter, ihr machts ihm schlecht nach.
Chor: Schlechte Reiter
Sind nichts weiter
Als sechsbeinige Bärenhäuter.

Lied der Frauen

Wenn es stürmet auf den Wogen,
Sitzt die Schifferin zu Haus,
Doch ihr Herz ist hingezogen
Auf die weite See hinaus.
Bei jeder Welle, die brandet
Schäumend an Ufers Rand,
Denkt sie, er strandet, er strandet,
Er kehret mir nimmer zum Land.
Bei des Donners wildem Toben
Sitzt die Schäferin zu Haus,
Doch ihr Herz, das schwebet oben
In des Wetters wildem Saus.
Bei jedem Strahle, der klirrte
Schmetternd durch Donners Groll,
Denkt sie, mein Hirte, mein Hirte
Mir nimmermehr kehren soll.
Wenn es in dem Abgrund bebet,
Sitzt des Bergmanns Weib zu Haus,
Doch ihr treues Herz, das schwebet
In des Schachtes dunklem Graus.
Bei jedem Stoße, der rüttet
Hallend im dunklen Schacht,
Denkt sie, verschüttet, verschüttet
Ist mein Knapp in der Erde Nacht.
Wenn die Feldschlacht tost und klirret,
Sitzt des Kriegers Weib zu Haus,
Doch ihr banges Herz das irret
In des Kampfes wilden Strauß.
Bei jedem Knall, jedem Hallen
Der Stücke an Bergeswand
Denkt sie, gefallen, gefallen
Ist mein Held nun fürs Vaterland.

Druck der Piererschen Hofbuchdruckerei, Altenburg S.-A.