Zwei Geschichten
Das Genie
In einer eiskalten Nacht stand Wenzel, das Genie, auf der Straße, in einem dünnen, dünnen, und nochmals dünnen Kleidchen und bettelte die Passanten an. Die Herren und Damen dachten, Gott, er ist ja ein Genie, er darf sich das schon erlauben. Genies bekommen den Schnupfen nicht so schnell wie gewöhnliche Sterbliche. Wenzel schlief die Nacht im Portal des Königlichen Palastes und seht, er ist nicht erfroren. Genies erfrieren nicht so leicht, und mag es noch so kalt sein. Am Morgen meldete er sich bei der jugendlichen schönen Königstochter an, in dem Kleid, das er noch anhatte. Er sah erbärmlich darin aus, aber die Bedienten stießen sich gegenseitig in die Seiten und vor die Schlauköpfe und murmelten: ein Genie, Kinder, ein Genie, und meldeten Wenzel bei der Herrscherin an und ließen ihn zu derselben lustig eintreten. Wenzel verbeugte sich gar nicht einmal vor der Prinzessin, denn seht, so etwas kommt einem Genie nicht bei. Die Prinzessin jedoch, in richtiger Anerkennung von der Größe ihres Geistes, verbeugte sich tief vor dem Genius, ich meine vor dem jungen Wenzel, und reichte ihm eine schneeweiße Hand zum Schleckkuß dar, worauf sie fragte, was er denn wolle. »Zu essen«, erwiderte der Grobian, aber die Antwort fand Anklang, denn sofort wurde auf den Wink der Gütigen ein herrliches Frühstück mit Portwein hereingetragen, alles auf silbernen Schüsseln und in Kristallflaschen und das alles zusammen auf einem goldenen Brettchen. Das Genie schmunzelte, als es das sah, denn seht, Genies sogar können schmunzeln. Die Königin war überaus freundlich, aß mit Wenzel, der nicht einmal eine anständige Krawatte anhatte, seinem genialen Zustand gemäß, erkundigte sich über seine Werke und trank Gesundheit mit ihm: alles mit einer unschuldigen süßen Grazie, die ihr besonders eigen war. Das Genie war zum erstenmal in seinem wildzerrissenen Leben vollkommen glücklich, denn seht: auch Genies haben oft die feine, übrigens sehr menschliche Eigenschaft, glücklich zu sein. Wenzel brachte unter anderem beim Tischspruch vor, daß er gesonnen sei, morgen oder übermorgen die Welt umzustürzen. Die Königstochter, die begreiflicherweise heftig darüber erschrak, eilte ängstlich und lieblich kreischend, wie eine gescheuchte Nachtigall zum Zimmer hinaus, das Genie seinem Genius überlassend, und erzählte alles ihrem Vater, dem Herrn Prinzregenten des Landes. Dieser allerdings ersuchte dann Wenzel, sich doch möglichst schnell und behend zu entfernen, was befolgt wurde. Nun befindet sich unser Genie wieder auf der Gasse, hat nichts zu essen, was ihm übrigens alle Leute gern verzeihen, da er solch ein grantiges Genie ist; und weiß nicht woaus, woein vor Kummer. In diesem Zustand kommt ihm eben ein flinker genialer Gedanke (alle genialen Gedanken sind äußerst behend) zuhilf. Er läßt schneien, und zwar so heftig und so lang, daß in kurzem die Welt im Schnee vergraben liegt. Er, das Genie, liegt auf der hartzugefrorenen Schneekruste, oben, und hat und pflegt das nicht üble Gefühl, daß unter ihm eine Welt vergraben liege. Er sagte sich, es sei eine Welt von drückenden Erinnerungen. Dies sagte er sich lange genug, bis er endlich merkt, daß er wieder Hunger sowohl nach gutem erdenmäßigem Essen (zum Beispiel solchem im Hotel Continental) als nach schlechter Behandlung durch die Menschen hat. Die Sonne da oben ist auch nicht gerade angenehm, und so allein in der Sonne zu sitzen — puh — er friert ganz. Kurz, er läßt den vielen Schnee wieder schwinden. In der Welt ist dadurch einiges und weniges anders geworden: ein frischgewaschenes Geschlecht von Menschen ist erstanden, das Hochachtung vor aller Art Übermenschlichkeit bekommen hat. Das gefällt eine Weile Wenzel, bis es ihm wiederum nicht mehr paßt. Er jammert, und die Seufzer, die aus seinem Innern kommen, gelangen zu allgemeiner Anerkennung. Man will ihm helfen, man sucht ihn zu überzeugen, daß er ja der Menschheit sogenannter Genius ist, oder ihn vorstellt und personifiziert. Aber alles das hilft nichts, weil eben einem Genie auf keine Weise zu helfen ist.