Welt
Als der alte Herr Zerrleder abends etwas zu spät nach Hause kam, nahm ihn gleich sein Herr Schlingel Sohn über das Knie und walkte ihn tüchtig durch. »In Zukunft«, sprach der Sohn zum Vater, »gebe ich dir überhaupt keinen Hausschlüssel mehr, verstanden!« — Wir wissen nicht, ob es so ohne weiteres begriffen wurde. Am andern Morgen bekam die Mutter von der Tochter eine schallende Ohrfeige (weithinschallend ist das rechte Wort), weil sie zu lange vor dem Spiegel gestanden. »Eitelkeit«, sprach die entrüstete Tochter, »ist eine Schande an so alten Leuten, wie du bist,« und jagte die Arme in die Küche. Auf der Straße und in der Welt trugen sich folgende beispiellose Dinge zu: Die Mädchen gingen den jungen Herren um die Ecken nach und belästigten sie mit ihren Anträgen. Einzelne dieser also verfolgten Jünglinge wurden rot über die frechen Anreden von heranstreichenden Damen. Eine solche Dame machte am hellen Tageslichte einen offenbaren Angriff auf einen ganz unbescholtenen, gut beleumundeten Bürgerssohn, welcher schreiend die Flucht ergriff. Ich selber, zügelloser und weniger tugendhaft, ließ mich von einem jungen Mädchen abfangen. Ich sträubte mich eine Weile, jedoch nur aus vorher studierter Ziererei, womit ich das feurige Mädchen nur noch mehr reizte. Ich hatte das Glück, von ihr im Stich gelassen zu werden, was mir recht war, der ich nur auf bessere Damen erpicht bin. In der Schulstube konnten die Schullehrer ihre Lektion zum siebenten oder achten Mal wieder einmal nicht und wurden deshalb in Arrest gesetzt. Sie weinten, denn sie hätten so gern den Nachmittag mit Biertrinken, Kegeln und andern Flegeleien verbracht. Auf den Gassen schlugen die Passanten ungeniert an den Wänden ihr Wasser ab. Hunde, die zufällig vorüberspazierten, entsetzten sich billigerweise darüber. Eine adlige Dame trug einen bestiefelten und bespornten Lakaien auf ihrer zarten Schulter; eine rothäutige Magd wurde in offener Kalesche vom Herzog des Landes spazieren geführt. Sie lächelte mit drei Wackelzähnen gar manierlich. Die Kalesche wurde von Studenten gezogen. Jeden Augenblick rührte man sie mit der flinken Peitsche. Einige Straßenräuber liefen hinter einigen verhafteten Gerichtsdienern her, welche sie unterwegs in Schenken oder Bordellen aufgegriffen. Der Spektakel lockte eine Menge Hunde herbei, die die Gefangenen lustig in die Waden bissen. So geht es eben, wenn Gerichtsdiener saumselig sind. Über dieser Welt voll Possen und Sünden stürzte der Himmel heute nachmittag herein, zwar ohne Krachen, nein, vielmehr als ein weiches feuchtes Tuch und verschleierte alles. Weißgekleidete Engel liefen barfüßig in der Stadt umher, über die Brücken, und spiegelten sich eitel aber anmutig im blinkenden Wasser. Einige der schwarzborstigen Teufel jagten mit wildem Geschrei, ihre Gabeln in der Luft schwenkend, zum Entsetzen aller Menschen daher. Sie benahmen sich im ganzen sehr ungeniert. Was soll ich noch sagen? Himmel und Hölle spazieren auf den Boulevards, in den Kaufläden handeln die Seligen und die Verdammten untereinander. Alles ist Chaos, Geschrei, Gejodel, Laufen, Rennen und Stinken. Endlich erbarmte sich Gott dieser schnöden Welt. Er ließ sich herbei, die Erde, die er einst in einem Vormittag verfertigt hatte, ohne weiteres in seinen Sack zu stecken. Der Augenblick (gottlob, daß es nur ein Augenblick war) war freilich entsetzlich. Die Luft wurde mit einem Mal so fest oder noch fester wie Stein. Sie zerschlug die Häuser in der Stadt, die gegeneinanderprallten wie Trunkenbolde. Die Berge hoben und senkten ihre breiten Rücken, Bäume flogen wie ungeheure Vögel durch den Raum, und der Raum selbst zerfloß schließlich in eine gelbliche kalte unbestimmbare Masse, die weder Anfang noch Ende hatte, weder Maß noch Etwas, sondern Nichtsmehr war. Von Nichts sind wir auch nicht mehr imstande, etwas zu schreiben. Selbst der liebe Gott löste sich aus Gram über seine eigene Zerstörungswut endlich auf, so daß dem Nichts nicht einmal mehr der es bestimmende, färbende Charakter blieb. —