Mehlmann.
Ein Märchen
Es war einmal eine kleine, schwarzverhangene Bühne. Auf die Bühne sprang ein weißer Mehlmann und tanzte. Man hörte seine Schritte und Absätze nicht, denn die Bühne war mit dicken Teppichen belegt. Plötzlich stand der Mehlmann still, legte den Finger dumm an die spitze, rötliche Nase, sann, wie es schien, nach und machte dann Gesichter. Das war seine Gewohnheit. Das Publikum kannte es zur Genüge. Es wußte, wann es kam; es kam pünktlich wie ein Wechsel am Verfalltage. So ein Mehlmann verfügt über seine zwanzig Gesichter im Gesicht. Es ist nur dumm, daß man sie alle auswendig kennt wie die Knöpfe an seinem Gilet. Die Komik ist ein begrenztes Gebiet, und hochgebildete Komiker gibt es selten.
Der Mehlmann war nicht hochgebildet. Er entstammte einer Lehrerfamilie, und war selber ein sehr entarteter Zweig. Seine Familie natürlich verabscheute ihn bloß. Einst berechtigte der Mehlmann zu großen Hoffnungen, aber wie die Dinge jetzt stehen, berechtigt er zu einem halben Gelächter. Man bemitleidet ihn mehr, als daß man ihn komisch findet. Er erscheint in seiner Komik eingezwängt wie der Irrsinnige in der Zwangsjacke. Sein Auftreten gibt nur Fühllosen zu lachen, Empfindliche macht es eher vor Zorn weinen.
Der Mehlmann huschte dumm ab, es sollte ein Witz sein, das Abhuschen, aber es war wie ein Fehltritt. Armer, armer Mehlmann!
Ein Knabe kam! Ein schlanker, schmaler Knabe im schneeweißen, enganliegenden Kleid. Das Kleid mit goldenen Rissen, Schlitzen und Umschlägen! Eine dunkelrote, großblättrige Rose im Gürtel. Es war ein wunderschöner Anblick, man rief ah! In dem ah! lag viel Liebe und Achtung und das größte Interesse. Frauen fanden das Kleid des Knaben in Verbindung mit seiner Haltung wundervoll. Die Rose schaukelte im Gürtel. Jetzt flog der Knabe mit einem Male durch die Luft, ohne daß man einen Abstoß bemerkt hatte, nicht wie ein Akrobat, nein, wie ein Engel. Das Herabfallen aus dem Raum auf den Boden war namentlich unvergleichlich schön. Der erste Tritt auf dem Boden war zugleich der erste Schritt zu einem leise hin und her wiegenden Tanz. Welche Grazie, sagte man. Wie männlich doch noch, sagten die Damen. Wie kindlich einfach, sagten anwesende große Künstler. Eine Baronin, die Baronin von Wertenschlag, warf dem Tanzenden ein Veilchenbukett zu. Er erhaschte es mit dem Mund an seinem kleinen Stiel. Man jubelte über die süße, zartsinnige Geschicklichkeit. Ein junger Gott ist er, der Sohn einer Göttin, so sagte man wieder.
Auf einmal schoß aus der Kulisse eine zischende, rote Kugel hervor, rollte bis vor die Füße des Tanzenden, dieser sprang mit einer leichten Hebung des Beines hinauf und die Kugel rollte mit dem Knaben davon, dem Hintergrund zu, der, so schien es, in einen Abgrund verlief. Jetzt sah man nichts mehr.
Es ist die Sonne, die ihn davongetragen hat, sagte eine Dame.
Nein, der Mond, sagte ein Mann.
Nein, sein Herz, sagte ein Mädchen, und errötete.
Die Mutter des Mädchens schaute es groß und gütig an, nahm es dann beim Köpfchen, streichelte es und küßte es.
Unterdessen fragten die Kellner, ob Bier gefällig sei.
Spitzbuben!
Dann trat eine große, vornehm gekleidete Dame auf die Bühne und sang Lieder. Ein Lied ist ein Schmerz! Es gibt keine lustigen Lieder, nur lustige Sinnesarten, Gemüter! So empfand man, und dann ging man nach Hause.
Die Baronin Wertenschlag stieg mit gesenkten Augen und träumend in ihren Wagen. Ein Dichter komplimentierte. Der Kutscher rollte davon. So ein Flegel von Kutscher!