Illusion
Ich besaß doch wenigstens eine Landkarte, sie hing an der Wand meines Schreibzimmers, und da konnte ich, soviel ich Lust hatte, mit der Nasen- oder Fingerspitze in der weiten Welt umherreisen. Das große weitschweifige Rußland entzückte mich schon als Körper. Mitten in diesem mächtigen Körper lag ganz wie ein fester, schöner, ehrlicher Mittelpunkt in einer Mitte die Stadt Moskau, die der Schnee versilberte. Schlitten, ganz kleine und zierliche, flogen, von munteren Pferden gezogen, im Schnee durch die merkwürdigen Straßen dahin. Herrlich strahlten, als es begann dunkel zu werden, aus den Fenstern der fürstlichen Paläste die Lichter, und herrlich war es, zu sehen, wie aus manchem Fenster sich anscheinend süße und schöne Frauengestalten hervorbeugten. Lieder, uralte russische Lieder, von der nationalen Wehmut verzaubert, tönten mir bestrickend nach. Ich trat in ein Vergnügungshaus hinein, und da konnte ich ihnen in die Augen schauen, den stolzen russischen Frauen. Sie lächelten, aber unnennbar verächtlich, so als liebten sie dieses Leben und verschmähten es gleichzeitig. Wundervolle Tänze wurden aufgeführt, feenhaft schöne Malereien schmückten die Wände der Säle von oben bis unten. Unedles erblickte ich fast gar nichts, sei es, daß mir die Augen überliefen vom sichtbaren und unsichtbaren Entzücken, sei es, daß mich das Vorurteil, alles schön zu finden, beseelte. Ich setzte mich an einen der reichgedeckten Tische und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Weine wurden mir kredenzt von großen, mützenbedeckten Leuten; da schritt eine Frau, Dame vom Wirbel bis zur Sohle, auf mich zu, und da sie sich vom Anstand, den ich, beglückt wie ich war, zur Schau trug, überzeugte, setzte sie sich unter einer artigen, unaussprechlich anmutvollen Verbeugung zu mir an den Tisch und befahl mir in der Sprache, die jeder Liebende versteht, ihr ein Glas Wein einzuschenken. Sie nippte am Glas wie ein Eichhörnchen. Im Verlauf unserer Unterhaltung, sonderbar, ich verstand mit einemmal gut Russisch, bat ich sie, mir die Hand zum Kuß darreichen zu wollen. Sie ließ sie mir und mich durchrieselten Wonnen, als ich meine Lippen auf dieses blasse, süße, schneereine und weiße Wunder drücken durfte, mir war es, als sauge ich einen neuen Glauben an Gott ein durch die Berührung und Bewegung, der ich mich mit Seelengewalt und -lust hingab. Sie lächelte und nannte mich einen netten Menschen. Und dann, und dann, weh mir Elendem, verschwand das alles und ich saß wieder im schriftstellernden, gedankenvollen Zimmer. Neue Ideen strömten auf mich ein, es war mir, als müsse ich Felsblöcke fortwälzen. Es war schon Nachmitternacht geworden, ich trat, umnebelt von Einbildungen, ans offene kalte Fenster und überließ mich dem Anblick der überwältigenden Stille.