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Chapter 20: Theaterbrand
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About This Book

A series of brief prose sketches and vignettes moves between delicate comic situations, lyrical reveries, and quietly uncanny observations. Recurring motifs explore the workings of artistic imagination, the caprices of memory, and small intimate encounters that blur tenderness and embarrassment. Formally the pieces alternate among first-person meditations, tiny narratives, and fable-like episodes, often marked by understated irony and surreal touches. The overall tone shifts between playful satire and melancholic empathy, drawing attention to everyday oddities and fragile inner lives.

Theaterbrand

Es war damals eine eigentümliche Zeit. Man muß über die Einzelheiten der damaligen sozialen Weltordnung schweigen, weil man darüber in zu großen Zorn geraten müßte. Eine unerhörte Verschwendungs- und Genußsucht, ein Luxus ohnegleichen herrschte, wo man auch hinkam. Die Persönlichkeit galt alles. Der Kühnheit und dem Ehrgeiz war alles gestattet. Der Geldsack schrieb die Gesetze vor. Trotz dem Elend, in dem die Armen lebten, gab es entsetzlich viel Menschen, derart, daß auf einzelne Menschenleben nicht das geringste Gewicht gelegt wurde. Eine Polizei gab es damals ebensowenig wie eine Kirche; der Mörder konnte ungestraft morden, der Dieb stehlen, der Ungläubige spotten, der Starke triumphieren, die Kraft beleidigen, wann und wo und wen sie wollte. Der Degen oder die Pistole in der Hand war die einzige Waffe, Ungebühr abzuwehren. Dazumal mußte sich jeder einzelne selber wehren und Recht und Billigkeit verschaffen. Etwas allerdings besaß diese schreckliche Epoche: ein glänzendes Theater. Die Schauspieler glichen edlen, gewandten Rittern von Geblüt, so vortreffliche Manieren besaßen sie und mit soviel ausgesuchter Feinheit wußten sie sich auf der Bühne zu bewegen. Auch was die Sprache betrifft, waren sie erlesene und gut erprobte Meister. Malerei und Dichtung blühten in der üppigsten Weise trotz den Gefahren des Alltags; ja man möchte sagen, daß diese edlen Blumen vielleicht gerade um der Schutzlosigkeit willen, welcher sie ausgesetzt waren, zu so unübertroffen schönen Blüten und Düften gelangten. Und erst die Baukunst. Die Städte glichen zu jenen Zeiten architektonischen Märchen. Entzückend luftig wölbten sich die schlanken Brücken über die zahlreichen tiefen Kanäle. Die hohen Fassaden der Häuser trotzten einen stolzen, schlimmen, aber schönen Geist aus. Wie gesagt. Na ja.

Eines Nachts, es wird so gegen zehn Uhr gewesen sein, brach in einem der zahlreichen Theater der Hauptstadt jenes von uns modernen Menschen gottlob weit entfernten und in die Zeiten zurückversunkenen Reiches Feuer aus. Hallo, Feuer! so tönte plötzlich ein Schreckensruf. Das Theater war dick voll von Zuschauern, gespickt und geschlagen voll bis hoch oben. Die Galerien erst, die sogenannten Flöhböden, glichen einem wimmelnden Ameisenhaufen. Kopf an Kopf, Atem an Atem, Gesicht an Gesicht saßen dort oben die Menschen aus den unteren Volksschichten. In den Logen saßen Prinzen und Prinzessinnen aus fürstlichen Häusern, prachtvolle, steinkalt scheinende Menschenfiguren. Auch Geldleute, die nirgends fehlen, wo die anmutige Vornehmheit sich zeigt, waren anwesend, mit dito Gemahlinnen mit flach abgezeichneten, weit vorragenden, Wohlleben ausstrahlenden Brüsten. Diamanten blitzten an Hälsen, Perlen an nackten Armen, und die schmiegsamen, ringgeschmückten Hände hielten einen Fächer, ein Spitzentuch oder ein Glas zwischen den Fingern. In der Mitte der Theaterdecke hing ein herrlicher Kronleuchter, blendendes Licht ausstreuend, nieder. Das Orchester spielte. Solche Menschen, die sich an den Darbietungen der Bühne satt geschaut hatten, promenierten in den Gängen hin und her, lustig und nachdenklich, geziert und schön, getragen und einfach, in jeder Tonart, in allen nur erdenklichen Schrittarten. Aber Feuer, Feuer! Kein Mensch kümmert sich jetzt um Tonarten.

Zu jenen liederlichen Zeiten gab es kaum eine Feuerwehr, aber absolut keine Brandvorsichtsmaßregeln. Zuerst schlug die Flamme, als wäre es ein ergötzliches Schauspiel gewesen, zum Bühnenraum heraus. Einige wollten schon in die Hände klatschen und bravo rufen, aber jetzt merkten sie plötzlich, sei es an der Blässe nachbarlicher Gesichter, sei es an irgendeiner unhörbaren Schreckensstimme, die nicht das Ohr, sondern die Seele zu vernehmen pflegt, daß es eine ernsthafte Flamme war, die da hervorsprang, ein Tier, ein furchtbares, mit dem nicht zu spaßen war. Auch jetzt gab es aber noch etliche, die nichts von dem Tiger wußten, der da urplötzlich geboren worden und zum Herrscher des Theaterabends geworden war. Die Schauspieler, die gerade spielten, schrien laut auf und flüchteten vom Kunstfeld weg, und nun schrie auch das Publikum. Auf den Galerien erhob sich eine neue Art Untier: die Angst. Jede neue Minute schien jetzt irgendein neues Ungeheuer gebären zu wollen. In einer der Logen, die der Adel besetzte, stand an eine goldene Säule gelehnt Ritter Josef Wirsich, einer jener Edelleute, die dem sichern Tod pflegen ruhig ins Auge zu sehen. Dieser furchtbare Mensch verzog keine Miene, keinen Zug, keine Muskel seines stahlharten Gesichtes. Er schaute gleichgültig auf ins Furchtbare, das jetzt geschah, und blieb unbeweglich.

Man muß nicht glauben, daß es zu den damaligen Zeiten eiserne Schutzvorhänge, Rolladen oder derartiges gab. Nein, jenes Geschlecht hatte für solche oder ähnliche Dinge kein Verständnis. Und nun das neue Tier, das da eben aufstund: der panische Schrecken! Jetzt, Mensch, verzweifle an den Künsten deiner Kultur. Es gab jetzt einige ganz Kopflose, Verstürmte und Verzweifelte, die sich, da sie keine Rettung mehr sahen, von der Galerie mit dem unsinnigen Kopf voran in die Tiefe des Theaterraumes stürzten, auf Leute, die dort unten stehen und warten mußten, herab, auf Frauen herab, die verzweiflungsvoll und herzenzerreißend schrien, auf Knaben, die zum erstenmal in ihrem Leben ins Theater gehen durften. Das Verderben nahm ebenso grauenhafte wie geradezu lächerliche Gebärden an. Zwei oder drei Menschen wurden durch den Ton der grausigen Angstschreie vorzeitig getötet. Der Tod verzerrte sein Gesicht sowohl zu den komischsten wie zu den traurigsten Fratzen. Aber Josef Wirsich, der typische Mensch jener Epoche, stand auch jetzt noch, als ob er ein schicksalwendender Gott gewesen wäre, unbeweglich.

Es waren auch Kinder im Theater. Man erbebe nicht, man versetze sich ins Zeitalter und man wird nicht weinen beim Tod eines unschuldigen Kindes. Man versetze sich in beides: ins Zeitalter und in den Unglücksmoment, und man wird eine Furchtbarkeit, die jetzt beginnt, um sich zu greifen, nicht allzu entsetzlich finden. Mütter zertraten ihre eigenen lieblichen Blüten; Männer rissen Kindern ganze Büschel Haare aus, und es gab ein schönes kleines Mädchen, dem mit Füßen ins Augenlicht getreten wurde. Ein Kampf entstand, wie ihn die späteren Kulturen vielleicht nie wieder inmitten des alltäglichen Lebens erlebt haben. Frauen wurden an Säulen und Geländern erdrückt, und unterdessen fingen auch die Menschen an zu brennen, zu brennen, wie Papier brennt. Aber was fürchterlicher brannte als Frauen, das war der erstickende innerliche Jubel, der die Geretteten zu zerfressen drohte, als sie sich gruppenweise draußen in der Kälte und im winterlichen Frost befanden, wo sie sich zu dritt und zu viert, einander schlagend vor Freude, in den knirschenden Schnee warfen. Viele wurden irrsinnig.

Hunderte von Geängstigten warfen sich zu den Fenstern des ersten, zweiten und dritten Stockwerkes blindlings hinaus, auf den harten Schnee hinunter, wo sie mit zerschmetterten Gliedmaßen liegen blieben. Einige von denen, die derart hinaussprangen, hatten feurige Flügel, ihre Köpfe brannten oder ihre Hände, und sie sahen wie merkwürdige Vögel aus, die schreien aber nicht fliegen konnten. Hundert Menschen lagen im Treppenhaus auf einen rauchenden, verkohlte Äste emporstreckenden Haufen zusammengehäuft. Durch einen von diesen Leichenhaufen arbeitete sich Wirsich hindurch, es gelang ihm, er fing an zu brennen, er verstand das Feuer zu ersticken, er schlug links und rechts mit seinen furchtbaren Kräften aus, er wollte leben, es kam ihm plötzlich der Gedanke, er müsse leben, und er kam lebendig aus dem Rachen des Todes heraus. An der frischen Luft angelangt, gab es ein Rettungswerk für ihn. Er fing mit seinen eisenstarken Armen zu Fenstern herausstürzende Menschen auf. Die Haut seines Gesichtes und seiner Hände hing ihm in schwarzen Fetzen herunter, und dieser Mensch fand den Mut, nachdem er die Brandstätte verlassen hatte, zu seiner Freundin, der Gräfin Nidau zu gehen, die gerade zu dieser Stunde eines ihrer berühmten Gastmähler gab. Er trat dort ein, man schrie auf bei seinem Anblick, und er lachte und bat, indem er seiner Herrin mit seiner verbrannten Lippe die Hand küßte, um die Erlaubnis, seinen Durst löschen und ein Glas Wein trinken zu dürfen.