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Chapter 27: Vornehme Straße mit Gartengitter
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About This Book

A series of brief prose sketches and vignettes moves between delicate comic situations, lyrical reveries, and quietly uncanny observations. Recurring motifs explore the workings of artistic imagination, the caprices of memory, and small intimate encounters that blur tenderness and embarrassment. Formally the pieces alternate among first-person meditations, tiny narratives, and fable-like episodes, often marked by understated irony and surreal touches. The overall tone shifts between playful satire and melancholic empathy, drawing attention to everyday oddities and fragile inner lives.

Vornehme Straße mit Gartengitter

Zehn Jahre sind wieder verflossen. Die Ammenkatze tritt auf, auf einen Knotenstock herabgebeugt, halb blind von dem vielen Suchen: Zehn Jahre, zwanzig Jahre, und damals, als sie im Bettchen lag, war sie vier Jahre alt, eins dazu, das macht fünfundzwanzig, denkt sie und versucht, mit der alten Schnauze zu lächeln. O, was für ein uraltes, verwittertes Lächeln das ist. Das bröckelt vom Mund wie Steine von einem alten, zerrissenen Gemäuer. Es ist helles Sonntagvormittagswetter. Auf den Sträuchern im Garten blendet die Sonne. Es hat, wenn man durchaus zeigen will, daß man gebildet ist, etwas von dem neufranzösischen Impressionismus. Die Alte hat sich auf einen der beiden Steine, wie sie etwa vor Gartentoren stehen, gesetzt und hüstelt ein bißchen. Das ist so, wenn man alt ist, man hustet sogar im heißesten Sommer. Wie schmerzlos sie dasitzt. Das Suchen ist ihr zu einer sozusagen lieben, unentbehrlichen Gewohnheit geworden. Sie sucht schon längst nicht mehr, um zu finden, sondern aus einer ihr selber nicht bewußten Lust am Suchen. Es genügt ihr, das letzte bißchen Pflicht zu erfüllen. Sie hofft nicht mehr. Hoffnung ist ihr bereits seit längerer Zeit Entweihung geworden. Auch suchen tut sie nicht mehr so recht, nur noch so gehen und ein bißchen sehen, das tut sie. Alt, alt ist sie geworden und so schön müde, so schön schwach, so abgelaufen, so abverdient, so das ganze Leben um einer Pflicht willen abgetrieben. Da sitzt sie, und Katzenleute gehen an ihr achtlos, in der Meinung, es sei eine faule Bettlerin, vorüber. Niemand schenkt ihr mehr als etwa so einen halbpatzigen Blick, Kindermädchen wägeln mit Kinderwagen vorüber. Arbeiter und Herren im Zylinder, alles Kater natürlich. Aber Katerliches und Menschliches vermischt sich. Die Herren drehen sich langweilig die Schnurrbärte, die bis hinten an die Ohren reichen. Selbstverständlich gehen sie alle mehr oder weniger stramm aufrecht. Die Elektrische saust vorüber. Ganz junge Katzenkinder springen spielend umher, und die Sonne lacht so freundlich. Hinter den Büschen des herrschaftlichen Gartens schimmert das grau-bläuliche Schieferdach eines Hauses, und jetzt, aber alte Amme, was soll das? Nicht, nicht doch. Nicht schlafen. Siehst du nicht? Eine himmlisch schöne, in weiße Schleier gehüllte, junge Frauengestalt ist aus dem Gartentor herausgetreten. Die Alte macht bä wä — — und sinkt um und ist tot vor Freude. Die schöne Erscheinung ist Muschi. Sie ist eine schöne, vornehme Katze geworden, Frau eines Ministers. Wie sie nun die alte Frau hat umfallen sehen, steigt ihr eine Ahnung auf. Sie eilt zu ihr hin, erkennt sie, kniet neben ihr und ist ganz starr, kein Wunder, da die Kindheitwelt sie jetzt überwältigt.