Paganini. Variation
Der Konzertsaal war dichtgedrängt voll von Menschen, da trat Paganini, die Geige in der Hand, hervor und fing ohne die mindesten Umschweife und Komplimente an zu spielen, indem er frei von der Seele weg phantasierte. Paganini wußte nie zum voraus, was und wie er spielen würde; ebensowenig musizierte er, als wenn er für ein geehrtes Publikum Musik machen sollte und wollte. Nein, er spielte wie für sich selber oder wie für niemanden; er spielte so wie es ihn packte, und einmal das Spiel begonnen, vergaß er, daß er spielte.
Auch diesmal war das so, auch heute, wo doch Fürsten und Fürstinnen im Saale saßen, um ihm zu lauschen, wußte er gar nicht, wo er war, spielte er, als spiele er für niemanden.
Aber gerade darum spielte er so schön. Er spielte, wie wenn er der Sklave seines Zauberspieles sei, und das Spiel der dämonische Zauberer. Nicht er selber war so sehr der Dämon als vielmehr es, das Spiel, ganz allein, und er, der Spieler, der Unterjochte, darum spielte er, als sei er der blasse silberne Mond, der sich taucht in das mitternächtliche tiefe schwarze Wasser; als sei er der blitzende Stern am dunklen stillen Himmel; als sei er das Wort im Mund des Liebenden, redend zu der Geliebten; als sei er eine Nachtigall und wisse sich nicht zu lassen vor Lust am Klagen und süßen Seufzen, als sei er das stolze feurige Pferd und galoppiere in die Schlacht, als sei er der verwundete Krieger in der Schlacht und müsse sterben an seinen Wunden; als sei er wieder das sechzehnjährige Mädchen und träume von Liebe; als sei er der Kuß, gegeben und empfangen von zwei schönen zuckenden, fiebernden Lippenpaaren und ziehe sich in die Länge, als müßten zwei, die sich sterblich lieben, für immer grausam voneinander Abschied nehmen, am letzten feierlichen Kuß noch recht lange lechzend.
So spielte er, und die Zuhörer hatten Tränen in den Augen. Den bösesten Wüstling und Rohling überfielen Zartheiten, deren Gewalt er sich nicht erwehren konnte, die Männer vergaßen, daß sie Männer seien und überließen sich völlig dem Genuß des Horchens und Empfindens; und die Frauen fühlten sich geküßt und geherzt von einem eingebildeten Geliebten, der sinnlich überirdisch sich auf sie niederstürzte, ganz Liebkosung.
So spielte er. Gleich einem Engel spielte er, und viele Hörer deckten sich die Augen zu, um mit inneren Augen in das Reich der Seele, der Liebe und der strahlenden Schönheit zu schauen. Oftmals aber wieder wetterte und zürnte er wie das tobende, krachende, zischende und stürmende Ungewitter, der grollende, zürnende Donner rollte, und ein schwarzer, mit Zorn und Finsternis geladener Himmel sank in den Konzertsaal, und der Blitz zuckte jäh umher mit seinen schauerlich schönen, jähzornig-anmutigen Zickzacklinien. Unmittelbar darauf verlor er sich in süßen, sonnigen, goldenen Harmonien, daß die Leute meinten, sie seien in den Himmel gekommen und alles um sie her sei blau von Freude, Güte und Liebe. Dies war eine Art von allesumfassender Liebe, eine Art von Schwelgen und Schmelzen in Seligkeiten. Paganinis Musik glich oft einer hinreißend schönen Predigt, und die strenggläubigsten Leute besuchten gern sein Konzert, das einen Feuerstrom von Religion enthielt. Auch heute wieder spielte er wie ein Prediger des Wortes Gottes; nur waren es Töne, nicht Worte, und der Mund, mit dem er redete, war seine Geige, der er die ganze Tonwelt entlockte. Bald jammerte und bald jubelte er; bald loderte er wie das Feuer und bald zerfloß er wie weicher nasser Schnee unter dem Kuß der Sonne. Auf einmal war er das Meer; dann wieder glich er der keuschen schüchternen Blüte, aber immer war er wahr und groß und er spielte ohne alle Umstände. Die Musik war ihm wie das wogende Leben selber; wie hätte er da eitel sein können? Er litt ja unter der Kunst; sie war seine süße unerbittliche Herrin, der Felsen, den er zu erklettern, der Widerstand, den er zu besiegen, der Himmel, den er von neuem immer wieder zu erstürmen und zu erobern hatte.
Auch an diesem Abend war das wieder so: er lebte, indem er spielte und war ganz nur Mensch, wo er konzertierte. Alle, die ihm zuhörten, fühlten das. Wer gehässig und überdrüssig war, der fing an zu lieben und zu beten beim Anhören des wunderbaren Spieles, das in die Seelen strahlte wie Sonnenstrahlen. Die Abneigung mußte sich in Neigung, der Unmut sich in Mut, die Unlust sich in Lust und der Unsegen sich in Segen verwandeln. So bannte und bezauberte er das Publikum, sich selber bezaubernd. Erinnerungen machte er aufsteigen, und lange Zeit schon Totes und Verschüttetes erweckte er zum Leben; dafür war, wer ihm lauschte, ganz nur Aufmerksamkeit, ganz nur Ohr.
Da plötzlich, als sei er erwacht aus einem schönen Traum, endete er sein Spiel. Da war es den Leuten ums Herz, als sei die ganze Zeit über, während er gespielt hatte, der Himmel offen gewesen, und nun sei der Anblick ihnen wieder verloren gegangen. Still erhoben sie sich von den Plätzen und gingen nach Hause.