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Chapter 35: Ein Vormittag
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About This Book

A series of brief prose sketches and vignettes moves between delicate comic situations, lyrical reveries, and quietly uncanny observations. Recurring motifs explore the workings of artistic imagination, the caprices of memory, and small intimate encounters that blur tenderness and embarrassment. Formally the pieces alternate among first-person meditations, tiny narratives, and fable-like episodes, often marked by understated irony and surreal touches. The overall tone shifts between playful satire and melancholic empathy, drawing attention to everyday oddities and fragile inner lives.

Ein Vormittag

Es gibt Vormittage in Schusterwerkstätten, Vormittage in Straßen und Vormittage auf den Bergen, und letztere mögen so ziemlich sicher das Schönste auf der Welt sein, aber ein Bankhausvormittag gibt entschieden noch mehr zu denken. Nehmen wir einmal an, es sei Montag vormittag, das ist nämlich von allen Vormittagen der Woche der vormittäglichste, und der Montagvormittagsduft kommt in Buchhaltereien großer Bankinstitute vortrefflich zur Verteilung.

Da sind in so einem Saal an die zehn bis fünfzehn Pultreihen mit Gängen zum Revuepassieren, an jedem Doppelpult arbeitet ein Paar Menschen. Man pflegt von Schuhpaaren zu reden, warum sollte es nicht auch gelegentlich einmal in der Ordnung sein, wenn man von Menschenpaaren spricht? Zu oberst im Saal steht das Pult des Vorstehers. Der Abteilungschef ist ein sackdicker Mann mit ungeheuerlichem Gesicht auf dem Rücken. Das Gesicht stemmt sich unmittelbar, ohne des Halsansatzes zu bedürfen, an den Rücken, und es ist brandrot und scheint immer zu schwimmen. Es ist zehn Minuten nach acht, Chef Hasler überfliegt mit ein paar gutgezielten Blicken den Raum, um zu prüfen, ob alle da sind. Zwei fehlen, und das ist natürlich wieder der Helbling und der Senn.

In diesem wichtigen Moment schießt Buchhalter Senn, ein hagerer, spitzer Mann, hustend und pustend herein. Hasler kennt diesen Husten, das ist ganz einfach die Bitte um Entschuldigung. Wenn die Menschen zu stolz und zu verbohrt sind, den Mund aufzutun, um sich anstandshalber zu entschuldigen, husten sie. Senn steckt mit rasender Behendigkeit seine Nase in seine Bücher und tut, als sei er bereits stundenlang an dem Arbeitchen. Zehn Minuten sind wieder vergangen. Es ist zwanzig nach acht. »Unerhört sei doch das jetzt bald,« denkt Hasler, da tritt Helbling auf.

Ganz und gar vermontaget, bleich und verwirrt im Gesicht, und schießt wie ein Pfiff an seinen Ort und Stelle. Wirklich, entschuldigen, das hätte er sich können. In Haslers Teich oben, will sagen Gehirn, taucht folgender Gedanke wie ein Laubfrosch auf: »Das hat nun aber bald jetzt keine Art mehr.« Er geht leise zu Helbling und stellt sich hinter ihm auf und fragt ihn, warum er nicht, wie die andern, zur rechten Zeit erscheinen könne. Das nehme ihn denn doch bald jetzt einmal wunder. Helbling erwidert kein Wort, er hat es sich bereits seit geraumer Zeit zur Gewohnheit gemacht, die Fragen seines Vorgesetzten einfach unbeantwortet zu lassen. Hasler kehrt wieder auf seinen quasi Aussichtsturm zurück, von wo aus er die Buchhaltung dirigiert.

Halb neun. Helbling zieht seine Sackuhr hervor, um ihr Gesicht mit dem Gesicht der großen Bureauuhr zu vergleichen. Er seufzt, es sind erst zehn kleine, winzige, dünne, zarte, spitze Minuten verflossen, und vor ihm stehen dicke, behäbige Stunden. Er bemüht sich, zu versuchen, ob es ihm möglich sei, den Gedanken zu fassen, daß er jetzt arbeiten müsse. Der Versuch mißlingt, aber der Versuch hat immerhin das Gesicht der Uhr ein wenig verschoben. Es sind weitere fünf zierliche, liebe Minuten dahingeschwunden. Helbling liebt die Minuten, die gegangen sind, aber dafür haßt er die, die noch kommen, und die, die ihm den Anschein erwecken, daß sie nicht recht vorwärtsmachen wollen. Er möchte solchen faulen Minuten jedesmal Stöße versetzen. Er prügelt in Gedanken die Minutenzeiger tot. Den Stundenzeiger wagt er überhaupt nicht anzuschauen, er hat sonst Anlaß, zu fürchten, er werde ohnmächtig.

Ja, so ein Bankhausvormittag, so eine Welt zwischen Pulten. Sonne schimmert draußen. Jetzt aber geht Senn zum Fenster, er hat jetzt genug, wie er sich ausdrückt, und er reißt barsch und aufbegehrerisch die beiden Flügel auf, um Luft hereinzulassen. Das sei noch kein Wetter zum Fensteraufmachen, bemerkt Hasler zu Senn hinüber. Der dreht sich um und spricht Worte zu seinem Chef, wie sie eben sich nur ein langjähriger Angestellter oder Beamter erlauben darf. Aber bald wird es dem Hasler zu dick, und er verbittet sich »diesen Ton«. Das Gefecht ist damit abgebrochen, das Fenster geht zur Hälfte wieder sanft zu, Senn murmelt ein paar Worte zu sich, jetzt herrscht für einige Zeit Frieden.

Fünf Minuten vor neun. Wie entsetzlich langsam für Helbling die Zeit geht. Er fragt sich, warum es jetzt nicht ebensogut schon neun Uhr sein könne, das wäre wenigstens schon eine Stunde, es gäbe nachher noch mehr als genug. An diesen fünf Minuten schält er so lange herum, bis sie langsam vorüber sind; jetzt schlägt es neun. Jeder Schlag, den das Werk macht, wird von einem Seufzer aus Helblings Mund begleitet. Er rupft seine Taschenuhr hervor, sie hat ebenfalls neun, diese doppelte Bestätigung macht ihn traurig. »Ich sollte eigentlich nicht soviel auf die Uhr schauen, das kann nicht gesund sein,« denkt er und fängt an, seinen Schnurrbart zu liebkosen. Das merkt einer seiner Kollegen, Meier vom Land, dieser wendet sich zu Meier von der Stadt hinüber und sagt leise zu ihm: »Ist das nicht eine Schande, wie jetzt der Helbling wieder seine Zeit totschlägt.« Ein Rechteck von Köpfen dreht sich auf diese geflüsterte Bemerkung hin nach der Richtung um, wo Schnurrbärte gedreht werden. Diese Bewegung wird von Hasler beobachtet, bald weiß er Bescheid, er geht leise zu Helbling und stellt sich zur Abwechslung wieder einmal hinter ihm auf.

»Was machen Sie da, Helbling?«

Und jetzt antwortet der freche Mensch wieder nichts. »Sie können wohl so gut sein und mir antworten, wenn ich Sie etwas frage. Das ist mir jetzt bald ein Benehmen, das. Zuerst kommen Sie eine halbe Stunde zu spät (Helbling sagt: »Das ist nicht wahr« und will fortfahren: »ich bin nur zwanzig Minuten zu spät gekommen«), dann besinnen Sie sich noch, ob Sie arbeiten sollen, und schließlich wollen Sie noch aufbegehren. Das kann nicht mehr so weitergehen. Zeigen Sie, was haben Sie geleistet.« Und Hasler prüft mehr mit dem Kinn als mit den Augen, was jetzt Helbling anfangs getan hat. Er bemerkt drei Zahlen und den Versuch zu einer vierten. Ob das alles sei? Helbling sagt, er habe den guten Willen gehabt, zu arbeiten, aber wenn er keine rechten Federn mehr habe, so sei es schwer, vorwärts zu kommen. Dann solle er sich doch gefälligst, wenn es ihm etwa bald einmal passend erscheine, Federn anschaffen. Faule Ausrede. Und Hasler schwimmt in seine Festung zurück. Dort angelangt, zieht er einen Apfel aus dem Pult und arrangiert ein zweites Frühstück. Helbling nimmt Gelegenheit, schnell einmal »auszutreten«. Meier vom Land macht seine Kollegen auf Helblings »Austritt« aufmerksam.

Volle dreizehn Minuten, es ist ihm genau nachgerechnet worden, ist Helbling »draußen« geblieben. Während dieser Zeit haben sich an die zehn jüngere und ältere Kollegen der Reihe nach an des Ausgetretenen Pult und Leistung herangemacht, um die drei Zahlen anzuschauen. Einen Moment später weiß es die ganze Buchhaltung, daß Helbling in einer Stunde drei Zahlen fertig bringe, Meier vom Land ist von Pult zu Pult gegangen und hat die Sache zu allgemeiner Verbreitung gebracht. Einer geht »hinaus«, um zu sehen, was »er« mache. Später tritt dieser Er wieder ein.

Inzwischen ist es halb zehn geworden. Von draußen her tönt eine helle, schöne weibliche Stimme in den Saal hinein, es ist anscheinend eine Sängerin, die übt. Ja, in der Nähe, so vielleicht zwei Häuser weiter dem Bahnhof zu, das kann stimmen. Einige von den Bureaulisten heben die Federhalter aufrecht und überlassen sich dem Genuß des Zuhörens. Helbling scheint auch wieder einmal musikliebend zu sein. Außerdem gähnt er jetzt mehrere Male. Eine Sekunde später tätschelt er sich mit der flachen Hand auf die Backe, um Zeit verstreichen zu lassen. Das Tätscheln erstreckt sich über zirka fünf volle Minuten. »Jetzt tätschelt er sich,« tuschelt Meier vom Land in das Ohr von Meier aus der Stadt. »Herrliche Stimme das, da draußen,« meint Glauser, einer der Arbeitenden. Die frauliche Singstimme ruft ein gewisses Geräusch im Saal hervor. Der Chef der Korrespondenz, Steiner, hört ebenfalls zu, und das will etwas heißen. Auf Haslers Treppenabsätzen von Lippen glänzt Apfelsaft wie auf wirklichen Treppen gelbes Wachs, das wischt er sich jetzt mit seinem rotgewürfelten Schnupftuch ab. »Schöne Stimme von draußen her! Draußen ist Luft und Natur!« Der kleine Glauser denkt das, er ist dichterisch veranlagt. Helbling geht zu Glauser hinüber, in der bestimmten Absicht, durch einen kleinen Spaziergang Zeit totzumachen. Schließlich schwatzt Glauser auch gern ein bißchen, obschon er ein Streber ist, der sich beständig Mühe gibt, Haslern zu gefallen. Hasler treibt Helbling mit Blicken an seine Wirkungsstätte zurück, aber es sind immerhin wieder zwölf Minuten gestorben. Auch der Gesang ist gestorben.

Alle diese Leute im Saal wissen nicht, was sich da unten auf der Straße bewegt. Und die Wellen draußen im nahen See, was machen sie, und der Himmel, wie kann er aussehen? Einzig Senn, der leicht zum Aufbegehren Geneigte, der struppige, zugespitzte Revolutionär, erlaubt sich, ein Momentchen lang seinen Kopf an die frische Luft zu führen. Dafür wird er aber von der Kapitänskabine aus mit einem zischenden, langgezogenen Laut gestraft: »So etwas!« Hasler schüttelt seine Parkanlage oder Kopf mißbilligend hin und her, worauf Senn, um dem Hasler wieder einmal so recht eins zu putzen, ohne Veranlassung in seinen Büchern mit dem Radiermesser zu radieren beginnt, was der Chef auf den Tod hinein haßt.

Zehn Uhr! »Erst die Hälfte,« denkt Helbling mit dem Gefühl, eine Unsumme von Melancholie zu unterdrücken. Jetzt, jetzt möchte er brüllen. Ob er wohl gut täte, wieder ein bißchen »auszutreten«? Er wagt es nicht recht. Dafür bückt er sich jetzt an den Boden herab, gleichsam, als habe er etwas fallen lassen, wovon keine Rede ist. In der tiefgebückten Haltung verharrt er ganze vier Minuten, als hätte dieser Zeitraum gerade genügt, seine Schuhe zu binden oder einen Bleistift aufzulesen. Ihm ist schaurig zumute. Er fängt an, sich vorzumalen, es sei zwölf Uhr. Auf den Schlag zwölf würde er augenblicklich die Feder wie ein Erdarbeiter seine Schaufel fallen lassen und davonrennen, wie gottvoll. Indem er sich so seinen Träumereien hingibt, ist Hasler abwechslungsweise hinter ihn geschlichen, um ihn zu beobachten.

»Was machen Sie da?«

»Ich bin jetzt am ›Ausland‹-Zusammenstellen.«

»Ich glaube, Sie sind bald eher im Ausland als am ›Ausland‹-Zusammenstellen. Wenn Sie aber jetzt nicht bald arbeiten, so will ich dann einmal ganz andere Saiten aufziehen. Schämen Sie sich, und nehmen Sie sich zusammen. Wenn alles Ermahnen jetzt nichts nutzt, werde ich mit Herrn Direktor ein Wort reden, passen Sie gut auf. Lassen Sie es sich gesagt sein.«

Und das Walroß wirft sich wieder auf seine Sandbank zurück. Der ganze Saal ist angenehm aufgeregt, ein Konflikt Helbling-Hasler bringt immer wieder von neuem erwünschte Luftveränderung. Helbling schrittwechselt zu Meier vom Land hinüber und bittet ihn, ihm behilflich zu sein, Zahlen abzulesen. Nach dem Zahlenablesen ist es (o, zersprängen doch jetzt die Adern der Welt!) halb elf Uhr geworden. Eine feierliche Blechmusik geht unten in der Straße vorüber, alles rennt an die Fenster, es ist der Zug, der die Leiche eines früheren Bundesrates auf den Friedhof begleitet. Selbst der für das meiste Geschehen unempfindliche Chef der Korrespondenz ist aufgesprungen, um hinunterzuschauen. Dieses Vorkommnis ist mit fünfzehn Minuten in Anrechnung zu bringen. Jetzt ist es dreiviertel elf. Helbling ist halb unvernünftig geworden, er tupft alle Augenblicke seine Stirn an den Rand des Pultes und netzt sich die Nase mit Tinte, damit er mit Abwischen Zeit verschlingen kann. Zehn Minuten sind verrieben worden, jetzt sind es noch vier entzückend wenige Minuten bis elf. Diese vier Minuten werden einfach eine nach der andern abgewartet. Um elf Uhr tritt Helbling »schon wieder« aus. Er sei wieder einmal ausgetreten, der Lump, heißt es in der Mitte des Saales. Viertel zwölf, zwanzig nach elf, halb zwölf.

Der kleine Glauser sagt zu Senn, jetzt sei es halb zwölf und, wie er eben bemerkt habe, habe der Helbling noch überhaupt keinen Streich getan. Meier vom Land geht zu Hasler, um ihn zu benachrichtigen, daß er heute eine halbe Stunde früher fortgehen müsse, weil er einen durchaus notwendigen Gang zu besorgen habe. Helbling hat sich umgedreht und lauscht dem Gespräch zu. Er beneidet Meier vom Land wahnsinnig. Von der Straße her tönen die Räder von schnellfahrenden Wagen herauf, gegenüber dem Saal erscheint in einer Fensteröffnung die Figur eines teppichebürstenden herrschaftlichen Dieners, Helbling verbringt jetzt eine gute Viertelstunde damit, dort hinüberzuschauen. Zum noch Anfangen mit Arbeiten ist es jetzt seiner Meinung nach doch wohl zu spät. Senn macht sich abdampfefertig, Helbling sieht zu, wie sich Senn abfliegefertig macht. Zwei Minuten vor zwölf setzen sich verschiedene die Hüte auf und wechseln die Röcke, Helbling ist bereits auf der Straße, Hasler ist schon fünf Minuten vorher gegangen. Der Vormittag ist überstanden.