Sein Geld will er haben.
An einem nebelgrauen Märztage war's im Jahre des Heils 1811. Der Stockbattner werkte in seiner Geräthütte umher und besserte Pflug und Egge aus. Denn es kam die Zeit zum Ackern. Der Stockbattner war ein noch junger Mann, der die Tabakspfeife, wenn das Feuer ausgegangen war, nicht noch im Munde baumeln ließ, sondern sie weglegte und sich nicht sobald Zeit nahm, sie wieder anzuzünden. Er hatte vor kurzem erst den Bauernhof übernehmen müssen; sein rüstiger Bruder war schon früher zu einem Nachbarn als Knecht gezogen, um sich Geld zu verdienen; sein altes mühseliges Elternpaar war bis zum letzten Ende im Hause geblieben — also hieß es jetzt tapfer anschieben, um die Wirtschaft zur Not im Gange zu halten.
Dem Pfluge fehlte ein Sech, er stemmte es ein; dem Rade mangelte ein Reifen, er schlug ihn an; der Egge gingen etliche Zähne ab, er setzte sie ein — der Ungeschicktesten war er keiner, gab es Schmiede-, Wagner- oder Zimmermannsarbeit, er wußte anzugreifen und nachzuhelfen. Natürlich, wenn wir die auf dem Hofe liegenden Schulden tilgen sollen, wenn wir die Gebäude ausflicken und die Grundstücke in bessere Tragfähigkeit bringen müssen, wenn wir am Ende gar noch heiraten wollen, da muß man wohl überall nach dem Rechten sehen und Bescheid wissen.
»Mir scheint, du hast mit dem Werkzeug dein G'frött,« redete den Bauer jemand an. Er schaute von seiner gebückten Stellung auf, stand sein Bruder Jakob hinter ihm.
»Ah, du bist es,« lachte der Stockbattner, »hab' mir schon nicht denken können, wer heut' dahersteigen kunnt. Ja freilich hab' ich mein G'frött; es ist hübsch alles zerlempert umundum, und wenn das Werkzeug nichts nutz ist, wird die Arbeit auch nichts nutz. Weißt eh, wie's geht.«
»Wenigstens ist jetzt alles dein,« sagte der Jakob.
»Wär' schon recht, wenn ich erst einmal die Schulden weggezahlt hätte. Willst nicht ein bissel in die Stuben hineingehen und abrasten, Bruder? Mit einem Glasel Schnaps kann ich dir aufwarten. Sonst bring' ich halt nichts für. Wenn die Hauswirtin fehlt, weißt eh.«
»Schnaps mag ich alleweil,« beschied der Jakob, und sie gingen ins Haus, wo der Bauer den Bruder mit Zwetschkenbranntwein und Schwarzbrot bewirtete. Der Jakob schnitt sich vom Brotlaib ein großes Stück ab, machte in diesem dann mit seinem Taschenmesser mehrere Querschnitte, um es solchergestalt brockenweise in den Mund stecken zu können.
»Hast kein' Speck dazu?« fragte er.
»Der tausend ja, Speck, ei freilich! Bin wohl ein schlechter Hauswirt, ich, daß ich nicht daran denk': Mußt mir's schon nicht für übel halten.« Damit beeilte sich der Stockbattner, aus einem rußigen Küchenkasten das Gewünschte hervorzuholen. »Laß dir's nur schmecken, Bruder. Mich gefreut's. Weißt eh, daß es mich allemal gefreut.«
Und als der Bruder Jakob sich tapfer geatzt hatte, das Taschenmesser zuklappte und den Mund mit der breiten Hand abwischte, pfiff er dem Bauer ein Liedel ins Gesicht und sagte hierauf gemütlich: »Weißt, warum ich da bin? Was glaubst?«
»Das Heimatshaus sucht der Mensch gern manchmal auf. Ist auch recht.«
»Hau, das Heimatshaus!« lachte der Jakob. »Bin ja doch fremd, seit du darauf sitzest.«
»Aber Bruder!«
»Bin ja hinausgebissen worden.«
»Aber Bruder Jakob! Du hättest ihn doch haben können, den Hof, hast ihn nicht genommen, hab' halt ich mich müssen dranmachen, daß er nicht in fremde Hände kommt. Weißt eh.«
»Ist gut,« brummte der Jakob mit einer unwilligen Handbewegung. »Wir wollen nicht streitend werden. Ich bin nur da, Bruder, um dir zu sagen, daß ich mein Geld haben will.«
Der Stockbattner schaute ihm eine Weile forschend ins Gesicht. »Das wird doch nicht dein Ernst sein.«
»Ich will mein Geld haben.«
»Wärst aber nicht gescheit, Bruder! Ja, zu was brauchst es denn auf einmal?«
»Das ist mein Sach'. Ich wart' nimmer zu.«
»Um Gottes-Christi willen, woher sollt' ich jetzt auf der Stell' fünfhundert Gulden nehmen?«
»Fünfhundertachti, mein Lieber! Schenken tu' ich dir keinen Kreuzer. Lieber einem wildfremden Menschen, wie dir.«
»Und um mir das zu sagen, hast dir die Gurgel mit Speck einschmieren müssen?«
»Wenn du mir das Stückel Speck neidest — soll dir vergütet werden.«
»Ach nicht so, nicht so, Bruder. Wer wird so was denken! Ist dir wohl vergunnt. Nur mit der Forderung tu' mir noch ein bissel warten, ich bitt' dich gar schön. Woher sollt' ich's nur nehmen? Die Ochsen sind noch nicht feist. Hafer verkaufen kann ich erst im Herbst, weißt eh. Die vielen schlechten Jahre her — in der Franzosenzeit. Die schreckbaren Abgaben alleweil, es ist hart hausen. Die Leich' von Vater und Mutter, die wir so schnell nacheinand' verloren, haben auch was gekostet.«
»Hau, soll ich, der arme Bauernknecht, die Alten noch ins Grab zahlen, meinst?«
»Aber Jesses, wer redet denn von so was!«
»Wo ich eh verkürzt genug bin worden!«
Nach einem Weilchen versetzte der Stockbattner: »Sei doch nicht gar so harb, Jakob. Ich will gern mit dir tauschen und ich will dir nachwarten mit dem, was nachher ich von dir zu kriegen hätt'.«
»Was nutzt die Rederei!« unterbrach der Jakob, »ich will mein Geld haben, in acht Tagen will ich's haben, sonst wirst sehen, was geschieht.«
Damit goß er noch ein Gläschen Schnaps in seine Gurgel, stand auf und ging fort.
Der Stockbattner trottete wieder hinaus zu seinem Pfluge und arbeitete gelassen wie vorher daran herum. Am Abende aber, als es dunkel wurde, und das Gesinde in der großen Stube herumsaß und auf das Nachtmahl wartete, welches eine alte Magd in der rauchigen Küche zusammentat, ging der Bauer hinab in den Torhof. Im Vorhause dieses Hofes, bei einem Kerzenlichte, tat die saubere Haustochter Mali Leinwand glätten. Die übrigen Hausbewohner waren in Stuben, Kammern und Ställen zerstreut und kümmerten sich nicht drum, daß der Stockbattner neben dem bügelnden Dirndl saß und mit ihm plauderte. Das geschah ja oft, daß die so plauderten, und ist weiter auch kein Geheimnis, daß die zwei zusammenhalten.
»Ja, so geht's,« hatte der Stockbattner angefangen, »immereinmal ist es schwer, Mensch zu sein.«
»Was hat's denn?« fragte das Mädchen teilnehmend.
»Jetzt kann's erst sein, daß alles miteinander nichts wird, was wir uns so fein ausgedacht haben, allzwei. Weißt eh.«
Sie ließ das Bügeleisen stehen auf einem Fleck, und schier zu lang. »Schrecken tust einen, Seppel!« hauchte sie, da hatte das Linnen schon eine leicht versengte Stelle.
»Mein Bruder ist heut' bei mir gewesen.«
»Der Jakob?«
»Ja, der Jakob.«
»Ist's dem leicht nicht recht — unsertwegen!«
»Ah, davon hat er nichts gesagt. Sein Geld will er haben.«
»So gib ihm's.«
»Jesses, Mädel, wenn ich's nicht hab'. Ich müßt' rein ein Grundstück verkaufen, oder sonst was, aber der Stockbattnerhof hat nichts übrig, weißt eh. Und hat ja nichts einen Wert jetzt.«
»Grundstück darfst kein's verkaufen und sonst auch nichts, wenn nichts übrig ist und nichts einen Wert hat.«
»Aber woher nehm' ich das Geld?«
»Ja, mein Mensch, das weiß ich halt auch nicht.«
»Wenn er mir nur wenigstens bis Pfingsten warten tät', nachher hätt' ich vielleicht ein paar Ochsen — klecken aber nichts.«
»So geh, schau, bitt' ihn halt noch einmal, daß er dir bis Pfingsten warten tut; das Paar Ochsen, kleckt es nicht viel, so kleckt es ein bissel, und das übrige zahlst ihm im Herbst.«
»Und sonst —« sagte der Stockbattner scheinbar zerstreut, »sonst kannst mir keinen Rat geben?«
»Wenn mein Vater was hätt', der wollt' dir's gewiß gern leihen, aber er hat halt auch kein Bargeld. Das Geld ist halt frei so viel klug (spärlich).«
Mit solchem Bescheide stieg der Bauer wieder sachte hinan zu seinem Hof. Er dachte hin und er dachte her, was da zu machen wäre, aber es fiel ihm nichts ein.
Am nächsten Tage war Sonntag. Nach dem Gottesdienst lud der Stockbattner seinen Bruder Jakob ein auf eine Halbe Wein beim »Adler«. Der Bruder ließ sich nicht lange bitten, tat dem Glase wacker Bescheid und bemerkte noch, zu einem so guten Wein gehöre auch ein guter Rostbraten.
»Haben sollst ihn, Jakob!« rief der Bauer und hieb ihm launig die Hand auf die Achsel. »G'freuen tut's mich, wenn du mir's nicht verschmähst. Wir sind unser zwei einzige Brüder, wir müssen schön zusammenhalten, gelt!«
»Ei freilich!« meinte der Jakob und machte sich an den Braten.
Später, beim Auseinandergehen, als der Stockbattner schon dachte: Gottlob, heut' sagt er nichts davon, hat sich's doch überlegt! — tat der Jakob plötzlich noch einen Schritt zurück und sagte: »Richtig, daß ich nicht vergess', Stockbattner. Am fünfzehnten März muß ich nach Schirbach zum Notar von wegen meiner G'schrift. Wenn du mir bishin mein Geld nicht fürbringst, so übergeb' ich gleich auf eins die ganze Schuld dem Notar.«
»Klagen gehen willst mich?« fragte der Bauer.
»Der Notar wird nicht viel Geschichten machen, der laßt dich pfänden.« Also der Jakob, wendete sich wegshin und der Stockbattner stand allein da mit einem langen Gesichte und beklagte fast noch mehr den Wein und den Rostbraten, als die fünfhundert Gulden. Von diesen war er bloß neugierig, wie es der Notar angehen würde, ihrer habhaft zu werden.
Als der Bauer demnächst wieder mit der Mali plauderte, sagte er sehr leise: »Wir halten auch auf weiterhin noch zusamm', gelt, Dirndel?«
Sie schaute ihn an. »Wesweg sollten wir denn nicht zusammenhalten — wo wir uns doch versprochen haben!«
»Na, ist recht. Ich hab' nur gemeint, weil's mit dem Heiraten nichts ist.«
»Du, sei so gut!« begehrte die Thorhofertochter auf.
»Sonst kriegst leicht einen andern ...« murmelte der Stockbattner betrübt.
»Ja, wart' a bissel, ich werd' ein' andern nehmen!« lachte sie laut auf, ohne daß ihr der Mund viel auseinanderging. »Ich will deine Stockbattnerin werden, verstehst? Ich laß mich nimmer abschütteln. Schau du, das wär' kamod, ein ganzes Jahr gernhaben und nachher ins Winkel stellen wie einen Strohschneidstock, wenn der Sommer kommt! Bübel, zum Auseinandergehen müssen zwei sein. Ich geh nicht auseinander, daß du's nur weißt!«
»Ja mein du, ich auch nicht. Aber wenn ich halt den Stockbattnerhof verkaufen muß! dem Erstbesten verkaufen, bietet er, was er will, dafür. Weißt eh, mein Bruder gibt nicht nach.«
»Will der noch alleweil sein Geld haben?«
»Sicherlich, so lang' bis er's hat. Am fünfzehnten März geht er mich klagen und laßt mich pfänden. Nachher kann ich gehen vom Haus, wie die Dirn vom Tanz.«
Die Mali rang über ihrem Magen die Hände: »Das ist doch ein Elend! ein solcher Bruder! das ist gar kein Bruder!«
»Leider ja, es ist einer, sonst braucht' ich ihm seine Erbschaft nicht auszuzahlen.«
»Wird gewiß heiraten wollen!«
»Vielleicht — nimmst ihn,« sagte der Stockbattner; da wurde das Dirndl wild: »Jetzt weiß ich's, meiner ledig willst sein. Zuerst den Hof verkaufen, nachher mich beschimpfen auch noch!«
»Jesses, Mali, was sagst? das war ja nur Spaß, wirst doch desweg nicht weinen! du, weinen darfst mir nicht, das kann ich nicht leiden, himmelsakra, nein! wenn ich dich so flennen sehen tu', da möcht' ich gleich am liebsten zuschlagen oder ins Wasser gehen!« er riß ihr die Hände vom Gesicht und drückte zum Ersatz das seine darauf, daß auch seine Wangen ganz naß wurden von ihren bitteren Tropfen.
Und nach solchem Zwiste und nach solcher Aussöhnung — Gott, wie sind die bitteren Tropfen süß, wenn sie der Liebste von den Augen wegküßt! — wurde die Mali wieder ganz ruhig und ernsthaft und fragte: »Seppel, weißt also kein Mittel, wie du jetzt zu Geld könntest kommen?«
»Und wenn du mich auf den Kopf stellst, ich weiß keins.«
»Gar keins? Gar nicht ein bissel eins?«
»Gar keins.«
»Nachher muß halt ich schauen,« sagte sie. »Geh her da, Seppel, ich muß dir ein Geheimnis sagen.«
Der Seppel erschrak, ging aber her.
»Noch näher,« sagte sie, »ganz her. So. — Ich muß dir was sagen, Bübel. — Ich hab' Geld. Der verstorbene Klausenmüller, mußt wissen, der ist mein Vetter gewesen. Hat keinen Menschen gehabt, wie er auf den Tod krank ist gelegen, und hab' ich ihn gewartet, weil er ja doch mein armer Vetter ist gewesen. Jetzt, wie er gestorben ist, heißt's, er hätt' mir um sechshundert Gulden Bankozettel vermacht. Hab' sie nachher auch bald bekommen mitsamt dem eisernen Trühel. Hab' dich erst an unserem Hochzeitstag damit überrumpeln wollen. — Jetzt, Seppel, wenn du's aber schon jetzt so notwendig brauchst, mir ist nichts um die Papierfetzen, nimm sie und zahl' ihn damit beim Loch hinaus, diesen grauslichen Bruder. Und nachher soll er mir nimmer ins Haus kommen. So, jetzt weißt es.«
Man kann es sich denken, was dem Stockbattner dieses Geplauder für Vergnügen machte. So war er jetzt auf einmal obenan und konnte, wenn er nur wollte, nun auch einmal tüchtig grob sein gegen den übermütigen Jakob, der ihm mit seiner Forderung schon so lange in den Ohren und im Magen gelegen. —
Der fünfzehnte März. Schon in dunkler Früh' klopfte es an der Tür des Stockbattners, arg polterte es, und der Jakob draußen rief: »He, Bruder, ist das Frühstück schon fertig?«
»Ei freilich,« antwortete der Stockbattner, indem er mit Schwamm und Stein Feuer zu schlagen suchte.
»So mach' doch auf, Seppel!«
»Ja, ja, wenn der Teuxel nicht brennt!«
Als »der Teuxel« brannte, ging er mit dem Leuchtspan und sperrte die Tür auf.
»Geh nur her, Jakob, iß einen Löffel Sterz mit mir, wenn du warten willst, bis er fertig ist; wir gehen nachher miteinand.«
Der Jakob ließ sich Sterz und Milch dazu wohl schmecken, dann gingen sie; auch der Seppel war im Feiertagsgewand.
»Wohin gehst denn du?« fragte der Jakob.
»Ich begleite dich bloß bis zum Nachbar Franzmeier hinüber, weil ich dich halt so viel gern hab', Bruder, weißt eh.«
»Bauer,« sprach hierauf der Jakob, »mit dem Schmeicheln und Süßreden richtest du bei mir nichts aus. Du weißt, wohin ich heute geh. Ich geh nach Schirbach zum Notar, von heut' an sollst schon die Unkosten haben, ich klag' dich um meine fünfhundertacht Gulden!«
»Ah geh, Bruder, das mußt nicht tun,« antwortete der Bauer bittweise. »Mußt nicht einen so großen Prügel werfen zwischen dich und dein Heimatshaus, den du nachher dein Lebtag nicht wieder kannst wegheben. Bist jetzt gleichwohl ein starker, gesunder Bauernknecht, so kannst doch nicht wissen, wie es dir gehen wird, und ob du nicht einmal einen Heimgang brauchst bei mir.«
Der Bauer erschrak fast vor seinem eigenen Worte, das war so gewichtig, daß es den Jakob schier umstimmen könnte, und um solches war dem Stockbattner heute durchaus nicht mehr zu tun. Doch der Jakob ließ sich nicht umstimmen. »Wer ein Geld hat,« sagte er knurrend, »dem kann nichts an. Von dir werd' ich mir kein Almosen erbitten, das kannst heilig glauben. Laß es gut sein, ich will von dir und vom Stockbattnerhof nichts mehr hören.«
»Aber klagen gehst mich doch nicht, Bruder!«
Der Jakob blieb fest stehen: »So gewiß ich da steh, klagen geh ich dich.«
Bald hernach kamen sie zum Franzmeierhof.
Vor der Tür stand der Franzmeier und sein Schwager, der Stoppel-Zenz, mit einer Laterne. Beide waren im Feiertagsgewand. Der Stockbattner ahnte etwas. Er hatte was läuten gehört. Sagte aber nichts ....
»Recht ist's mir, daß ihr beieinander seid,« redete er die Nachbarn an. »Ihr müßt mir gerad' einen kleinen Gefallen tun. Ich zahl' jetzt meinem Bruder Jakob die Erbschaft aus, und da wollt' ich euch gebeten haben, daß ihr mir dabei Zeugenschaft leistet.«
»Wohl rechtschaffen gern,« antwortete der Franzmeier, »ist eh wunderselten heutzutag', daß man wen zahlen sieht. Kommt doch in die Stube herein!«
»Ah, 's tut's da beim Roßtrog auch,« entgegnete der Stockbattner, »sei so gut, Zenz, halt' ein bissel deine Laterne her!« ging zum Pferdetrog, der am Wege stand, zog die Brieftasche aus dem Sack und legte in den Trog vor den Jakob hin nagelneue Bankozettel für fünfhundertacht Gulden.
Mit nicht geringer Verblüffung schaute der Jakob drein.
Und als vor den Zeugen das Geld aufgezählt war, sagte der Stockbattner: »Ich hab's ja gesagt, Bruder Jakob, du gehst mich nicht klagen!«
»Bauer!« brummte nun der Jakob, mit seinen hageren Fingern langsam die Noten zusammenkrabbelnd, »woher hast denn du jetzt auf einmal das viele Geld? Das möcht' ich wissen!« Schon die Miene allein, die er dazu machte, wäre eine Ehrenbeleidigung gewesen, wenn der Seppel sie für eine solche genommen hätte.
»Also, deine Sach' hast jetzt?« fragte der Bauer. »Hast sie jetzt?«
»Meine Sach' hab' ich,« knirschte der Jakob, bei sich ärgerlich, daß er nun machtlos war und den Bruder in keine Verlegenheit mehr bringen konnte.
»Gut, nachher bringst mir vom Notar die Quittung mit.«
»Die kannst auf der Stell' haben, wenn du fürchtest, ich könnt' dich etwan ein zweitesmal fordern,« sagte der Jakob, dann gingen sie erst noch in die Stube hinein, wo das Schriftstück ausgefertigt und mit Zeugenschaft unterschrieben wurde.
»So wär's in Ordnung,« sagte der Stockbattner, das Papier in den Sack steckend, »und ich geh jetzt wieder heim zu meiner Arbeit.«
»Ja, gehst du nicht mit nach Rottenstein?« fragte ihn der Stoppel-Zenz.
»Was soll denn ich heut' in Rottenstein?«
»Hast du die Vorrufung nicht erhalten?«
»Was für eine Vorrufung?«
»Ist doch gestern der Amtsbot' von Haus zu Haus gegangen und hat angesagt, daß alle Besitzer als am heutigen Tag Stund acht auf dem Kirchplatz in Rottenstein sein müßten?«
»Bin gestern nicht daheim gewesen,« entgegnete der Stockbattner, »was mag's denn da schon wieder geben?«
»Kein Mensch weiß es,« sagte der Franzmeier.
»Gewiß wieder eine große Robot, oder eine Heu- oder Haferlieferung für die Franzosen.«
»Wer nicht kommt, der hat sich's selbst zuzuschreiben, hat der Amtsbote gesagt.«
»Wenn's so ist, da muß ich freilich mit,« sagte der Stockbattner, »die Herren sind grob, wenn man ihren Willen nicht tut, weißt eh.«
Also gingen sie nun mitsammen, die vier Männer, und der Knecht Jakob machte den kleinen Umweg über Rottenstein, er war schon auch begierig, zu sehen, was da wieder los ist. — Die Besitzer! die Bauerngrundbesitzer! Vielleicht wird ihnen alles weggenommen. Gesund wär's ihnen! Ein Glück, wer sein Geld im Sack hat und kann's verstecken. — So dachte der brave Jakob.
In den Wirtshäusern zu Rottenstein ging's an diesem Morgen recht lustig zu. Leute gab's überall wie bei der Kirchweih. Voll Erwartung steckten sie die Köpfe zusammen, keiner wußte was, jeder mutmaßte allerlei.
»Mir träumt halt alleweil,« sagte ein alter Bauer, »und was einem stehend träumt, das ist selten derlogen! — mir träumt halt alleweil, unsere Kontributionen kriegen wir endlich zurück, wie es der Bonaparte versprochen hat.«
»Ja, ich glaub' es auch,« antwortete ein zweiter, »unser Korn und Heu und Stroh und Vieh und Holz wird uns jetzt bezahlt, das wir seit Jahr und Tag den Franzosen haben liefern müssen.«
»Das ist gewiß!« sagte ein dritter, »unsere Sach' wird uns heut' vergütet. Zeit ist's dazu!«
Und das sprang von Wirtshaus zu Wirtshaus, von Gruppe zu Gruppe: »Geld gibt's heut'!«
Auch war der Regierungskommissär schon gesehen worden, der mit seinem schwarzen Schildkäppchen und mit seinem rasselnden Säbel nicht wenig Aufsehen machte. »Natürlich wird er den Säbel bei sich haben, wenn er so viel Geld umträgt!«
Die Lustigen vertranken im Wirtshause ihren vorletzten Bankozettel, die Lustigsten ihren letzten. »Wird ja eh frisch nachgefüllt in die Säcke!« Auch der Stockbattner ließ sich ein stattliches Glas bringen, da setzte sich gleich wieder sein Bruder Jakob zu ihm; zu diesem sagte er aber heute: »Geh, du hast mehr Geld als ich — weißt eh!« und kehrte sich mit seinem Glase von ihm ab.
Zur Zeit um halb acht war der ganze Kirchplatz überfüllt mit Menschen.
Alles war heiter, witzig und lachbereit und manche sprachen untereinander Mutmaßungen aus, auf welche Weise jedem das Seine eingehändigt werden würde. »Das kunnt sogar noch einen Rummel geben!« gab einer zu bedenken. »Alle werden gleichviel haben wollen. Aber so viel Stroh, wie ich, hat keiner geliefert.«
»So viel wie ich, auch keiner!« rief ein anderer.
»Die Strohmänner kommen zuletzt,« sagte ein dritter, »die sollen warten, was die Korn- und Holzmänner übrig lassen.«
»Wollen schon sehen, wer stärker ist!« schrie der eine zurück und ballte die Faust.
Schlag acht Uhr stand der Regierungskommissär auf der obersten Stufe des Kirchentores.
»Am Ende predigt er uns einen neuen Glauben!« flüsterte einer.
»Wär' eine überflüssige Sach', wo wir eh den alten nicht halten.«
»Still seids!« herrschte jemand, »er liest was. Vom Kaiser ist die Rede!«
»Vom Kaiser!« murmelten sie und drängten nach vorwärts, sie waren doch allzu neugierig, was ihnen der gute Kaiser Franz mitteilen lassen würde.
Der Kommissär hatte einen großen Bogen in der Hand und las lange eintönig fort. Plötzlich hob er die Stimme und rief es schallend hin über die Köpfe: »Wir beschließen demnach, daß die Bankozettel noch mit dem fünften Teil ihres Nennwertes vom Staate eingewechselt werden. Der Bankozettel von einem Gulden (damals hatte der Gulden sechzig Kreuzer) wird also auf zwölf Kreuzer, der Bankozettel von fünf Gulden auf einen Gulden bewertet und so weiter, und sind in diesem Betrage bei allen öffentlichen Kassen unweigerlich anzunehmen. — Die weitere Belehrung in dieser Angelegenheit ist gedruckt und bei mir zu haben.«
Als der Regierungskommissär seine Vorlesung geschlossen hatte und nun seinen Bogen gelassen zusammenfaltete, war es totenstill über den Hunderten von Menschen. Allmählich erst begannen sie sich zu bewegen und zu flüstern: »Was ist das gewesen?«
Dort an der Kirchhofsmauer hatte jemand einen heiseren Schrei ausgestoßen. Derselbe jemand war einer der ersten, denen klar wurde, was es geschlagen. Der Knecht Jakob war es, der seit einer Viertelstunde um vierhundert Gulden ärmer geworden. Er taumelte fürbaß.
Ja, ein ungeheurer Geldfall hatte stattgefunden. Haus Österreich — grausam geschwächt durch »Seine Majestät den Herrn Schwiegersohn« und anderes Unglück — hatte zu wenig Vermögen, um das massenhaft ausgegebene Papiergeld einzulösen; und weil das ein Lump ist, der mehr gibt als er hat, so gab Haus Österreich nicht mehr, und das übrige — hebt sich.
Den Kopf mit den Händen haltend, so liefen die Leute in Rottenstein — und anderswo wahrscheinlich auch an jenem merkwürdigen Tage — wirr durcheinander. Die einen fluchten, die anderen lachten! heute lachten zur Abwechslung gerade solche, die kein Geld hatten. Ja, auf der Bäuerei lachten eigentlich die meisten. Die liegenden Güter, die Fahrnisse, die Kuh im Stall, das Stück Brot auf dem Tische, ja sogar der Taschenfeitel im Sack hatten von dem Augenblicke an, als das Geld fünfmal weniger galt, einen fünfmal höheren Wert.
Mancher ging nach solchem Schrecken wieder ins Wirtshaus, um auch noch den letzten Groschen zu vertrinken, aber siehe, der Pfiff Wein, der vor einer Stunde noch um einen Groschen zu haben war, kostete jetzt fünf Groschen. Beim Bäcker die große Semmel kostete statt zwei Kreuzer deren zehn. Der Fleischhauer schmunzelte, als er dem Hausbauer den Braten anstatt zu zwanzig Kreuzer, zu einem Gulden vierzig Kreuzer rechnen durfte, aber er schmunzelte nicht lange. Als er dem Hausbauer hernach ein vier Wochen altes Kalb abkaufen wollte, kostete dasselbe anstatt neun Gulden deren fünfundvierzig. Jetzt kam die Zeit, da ein Paar Ochsen eintausendfünfhundert, ein Pferd tausend, eine ordinäre Sackuhr hundertfünfzig, ein mittelgroßes Bauerngut im Gebirge dreißigtausend Gulden wert war. Damals vertrank einer an einem Abende beim »Adler« spielend zwanzig Gulden und verspielte trinkend deren vierzig und hundert und mehr. Sparsinn und Redlichkeit hatten aufgehört. — »Was den Großen erlaubt ist, wird den Kleinen nicht verboten sein.« — Die alten Schulden durften nicht nach der alten Ziffer bezahlt werden, sondern nach der fünffachen neuen. So daß der Stockbattner, als er des Abends zu seiner Braut kam, ausrufen konnte: »Mali, das Glück, wie mir's mein lieber Bruder Jakob mit seinem Drängen gut gemeint hat! Hätte ich ihm heute früh seine Sach' nicht ausgezahlt, so wären wir ihm jetzt anstatt fünfhundertacht Gulden nicht weniger als schwere zweitausendfünfhundertundvierzig Gulden schuldig!«
Der Jakob betrachtete die Kehrseite und raufte sich Haar' aus dem Kopf. Das half aber nichts, dadurch hatte er weniger Haar' und nicht mehr Geld. Seine fünfhundert Scheine gingen nur mehr für einhundert Gulden, und da kann man's noch nicht wissen, ob's dabei bleibt; wenn so ein Teufelszeug einmal anhebt zu purzeln, so purzelt es hinab bis in den Dreck. Die Bankozettel! was war das für ein kamodes Geld gewesen. Und jetzt gerade gut genug, um sich damit die Pfeife anzuzünden. Das heißt, wenn er brennt, der schmutzige Fetzen! — O Jakob, Jakob! Wie fein wäre es, wenn dir dein Bruder das Fünfundzwanzigfache schuldig wäre von dem, was du jetzt im Sack hast! Wie hübsch könntest ihn zwicken und drücken und abtrennen, ihn gar zum Bettler machen, der du jetzt selber bist! Ja, wenn man so was im voraus wissen tät'!
Leute, denen er seinen Jammer klagte, meinten fast, die Sache könnte anfechtbar sein. Alsogleich lief der Jakob zu einem Advokaten. Der Advokat aber riet ihm, wenn er nicht mehr als hundert Gulden zu verlieren habe, das Prozessieren sein zu lassen.
Als der Stockbattner es mit seiner Mali Ernst machte, lud er anstandshalber auch den Bruder zum Ehrentage. Der Jakob aber schrie herum, nicht sechs Rösser brächten ihn auf diese Hochzeit. Der Stockbattner sei ein unglaublich falscher Mensch, der habe es zu Fleiß so eingerichtet, daß er die Erbschaft just und knapp vor dem verdammten Geldfall hinausbezahlt!
Darob kränkte sich die Mali, und was die Leute sagen würden, wenn der einzige Bruder des Bräutigams fehle?
»Der Jakob ist halt jetzt ein bissel gewissensbissig,« antwortete der Seppel, »wir werden aber auch ohne seiner eine lustige Hochzeit haben, denk' ich. Wir werden uns die Zeit schon vertreiben — weißt eh.«