Die guldene Grete.
»Es begeben sich in den Stand der heiligen Ehe: Der Bräutigam Michael Rehling, katholisch, großjährig, Besitzer des vulgo Seesteinerhofes in hiesiger Pfarre. Die Braut Maria Haldegger, katholisch, minderjährig, derzeit in Dienst beim Bauer an der Wand. Dieses Brautpaar wird heute zur Aufdeckung eines allfälligen Ehehindernisses öffentlich verkündet zum erstenmal.«
So las es der Pfarrer von der Seeau auf der Kanzel aus einem großen Papierbogen der Gemeinde vor.
Es war das Fest der heiligen drei Könige.
Die Gemeinde war im Festkleid und in Festfreude versammelt, und vor dem mit frischen Tannenzweigen umgebenen »Krippel« — der bildlichen Darstellung von unseres Heilandes Kindheit — brannten zwei Wachskerzen, die heute nicht, wie sonst gern, nach einer Seite hin abrannen, da es sehr kalt war und das Wachs gefror ganz nahe an der Flamme.
Wenn plötzlich die Tür aufgegangen wäre in allen Angeln, und die heiligen drei Könige mitsamt ihren goldenen Kronen und Schätzen, und ihren Mohren und Kamelen und mit ihrem Stern hochfeierlich durch die Kirche gezogen wären, und hin zum Krippel, es hätte kaum so viel Aufsehen gemacht unter den Leuten, als die Verkündigung der Heirat des jungen Seesteiners und der Maria Haldegger. Der Seesteiner, ein Bursche, stramm und frisch, hoch und stolz wie ein junger Tannenbaum, dem der größte Hof gehörte jenseits des Sees. Sein Hof stand da wie ein Schloß, und seine Waldungen waren so groß und weit, daß, wenn neun Jäger in demselben zu gleicher Stunde ihre Gewehre abschossen, einer von dem anderen keinen Schuß hörte und keinen Hall. Vorwitzige Leute nannten den Seesteiner den Gaugrafen, weil ihm schier alles untertan war weit und breit. Wenn dich in der Gegend ein böses Wetter überraschte, und du stelltest dich unter eine buschige Tanne, so standest du unter einem Seesteinerschen Schirmbaum, und wäre auf dem Seesteinergrunde keine Quelle aufgeronnen, die ganze Pfarre hätte verdursten müssen, und die hunderttausend Forellen im See dazu.
Das Altarbild der Seeauer Kirche stellte den heiligen Erzengel Michael dar; aber gar viele Seeauer und Seeauerinnen, wenn sie davor ihre Andacht verrichteten, dachten dabei schier gottlos an den Michael Rehling; der war es eigentlich, was das Altarbild vorstellte: der Schutzengel, der Erzengel, der Patron der Gemeinde.
Und Maria Haldegger war die arme Dienstmagd, im Sommer auf der Alm, wie hundert andere, im Winter beim Bauer an der Wand, bei dem ein Festtag war, wenn sie sich einmal an der Haferbrotsuppe satt essen konnten. Kein Mensch, außer vielleicht ein armer, pechiger Waldteufel, hätte sich um die Maria Haldegger gekümmert, wenn im letzten Sommer mit ihr nicht etwas vorgefallen wäre, was eben nicht gar oft vorfällt.
Ein Prinz, der einen so klingenden Namen hatte, daß sie ihn in der halben Welt hörten, war auf der Jagd dagewesen, hatte die Maria Haldegger auf der Alm gesehen, und hatte sich ausgerechnet in sie verliebt, und hatte ihr einen Ring geben wollen, der zweimal so viel wert war, wie das ganze Bauernhaus an der Wand. — Die Maria Haldegger aber hatte gesagt: »Nichts für ungut, Herr Prinz, ich bitt', aber für Guld und Geld und alle Herrlichkeit der Welt ist eine ehrliche Magd nicht zu kaufen. Wollt Ihr's aber redlich meinen, so fragt bei meinem Paten an; ich kann nichts versprechen.« Der Prinz hat sich zufrieden gegeben und die Maria Haldegger nur noch ersucht, daß sie ihm für mehrere Stunden möge Unterstand gewähren auf ihrem Heuboden, da schon die Nacht käme. Aber die junge Magd hat ihm's rundweg abgeschlagen, und der Prinz ist zornig davongegangen bis zur nächsten Almhütte.
Zwei alte Seesteinersche Jäger, die — ohne daß es die Maria wußte — hinter der Hütte auf dem Moos gelegen, haben den Vorgang belauscht und haben ihn erzählt im Wirtshause der Seeau, und jenseits des Wassers, und überall, wo Schick war zum Erzählen.
Da hat denn alles weit und breit von der Maria Haldegger gesprochen, und der Bauer an der Wand hat nur so lächelnd mit dem Kopf genickt, wie seine wackere Magd im Herbst von der Alm zurückgekommen ist und Rechenschaft abgelegt hat über alles, was sie auf der Alm zu verwalten gehabt.
Es kam der Winter, es fiel klaftertiefer Schnee, es fror der See. Es war Jagen im Wald, der junge Seesteiner ging oft mit der Flinte am Dorf vorüber, und ging gegen die kleinen Bauerngüter hinaus, und stieg die Holzleiter der Loserwand hinan gegen die Waldhöhen. Zu Weihnachten war großes Eisschießen auf dem See, und jetzt zu Heiligendreikönig wurde, unerwartet wie ein Blitz vom Himmel im Eismonat, die Neuigkeit von der Kanzel verkündet.
Das also war heute, und als hierauf das Hochamt abgehalten wurde, betete kein Mensch ein andächtig Vaterunser, jeder und jede mußte fortwährend an das Brautpaar denken und sich verwundern.
Der Seesteiner saß heute im hintersten Stuhle des Chores; seine Braut war gar nicht in der Kirche. Noch bevor der letzte Segen und die Sprenge — das Bespritzen der Gemeinde mit Weihwasser durch den Priester — zu Ende war, verließ Michael die Kirche und eilte seines Weges.
Er ging nicht über den See seinem Gehöfte zu, er nahm die Richtung gegen die Wand. Als er nach dem tiefen Schneepfade durch die Halde schritt, kreischte ihm eine Stimme nach: »Laß Zeit, Herr Bräutigam! Hast aber eilig.«
Die »guldene Gret« war's, ein kaum vierundzwanzigjähriges Mädchen mit krausen, gelblichten Locken, falben Augenbrauen und stets geröteten, zuweilen sommersprossigen Wangen. Sie war mehr klein als groß, hatte eine sehr geschmeidige Gestalt, hatte gern ein Lächeln um den scharfen Mund, konnte schmeicheln und spotten und näschenrümpfen und liebäugeln, wie gar keine mehr sonst um den ganzen weiten See. Sie war die Tochter einer Häuslerin. Man kannte sie als ein leidenschaftliches Mädchen, zuweilen boshaft, zuweilen gar ein wenig bösartig, und dann doch wieder hochsinnig zum Erstaunen. Man nannte sie die »guldene Gret«, weil sie goldhaarig war, und weil sie das Gold wohl zu schätzen wußte, mehr wie manch andere auf der Alm.
Die Gret ging zuweilen wurzelgraben und kräuterrupfen auf die Alm, aber ihr wollte ein Prinz nimmer begegnen. —
Der junge Mann blieb nun auf den Ruf stehen.
»Magst mich heut' nimmer über den See rudern, junger Herr Seesteiner?« sagte das Mädchen, ihm näher kommend.
»Der See ist gefroren,« entgegnete Michael kurz.
»Aber ich bin's nicht,« rief sie, »ich weiß noch recht gut eine warme Kirchweihnacht —«
»Wo ich dich aus Gefälligkeit über den See geführt habe.«
»Wo du mich an dich gezogen hast —«
»Weil du mir sonst im Finstern leicht über den Rand gefallen wärest.«
»Wo du mir die Liebschaft mit dem Holzmeisterfranzl abgeredet hast —«
»Weil er leichtsinnig ist und Weib und Kind nicht ernähren kann.«
»Du hast damals gesagt, daß du meine alte Mutter unterstützen wolltest.«
»Das tue ich, weil sie eine arme Frau ist.«
»Michael, du hast gesagt, daß du heiraten wollest, und daß dir kein Mädchen zu arm und zu gering sei —«
»Das hab' ich nicht vonnöten, ich schau nur auf die Bravheit.«
»Und daß du redlich seiest und keine betrügen wollest!«
»Das hab' ich gesagt und gehalten.«
»Aber du hast mich an der Hand genommen, an dich gedrückt, und ich habe den Franzl fahren lassen, und hab' keinen mehr angeschaut, und hab' gearbeitet im Taglohn, und bin brav gewesen, und nur an dich hab' ich gedacht. — Michael, du bist ein Falscher. Der Teufel soll in deine Maria fahren!«
Die Gret lief davon, sie war wild anzusehen; sie ballte die Fäuste gegen den Bräutigam, und als sie hinauf kam zum Waldrande, warf sie sich in den Schnee, und schlug mit den Händen um sich, daß der dichte, weiße Staub auseinanderstob nach allen Seiten.
Michael schritt ruhig weiter, sein Gewissen warf ihm nichts vor. Er stieg über die Leiter die Loserwand hinan und ging über den Hochboden hinaus; dadurch schneidet man den halben Weg ab, der zum Bauer an der Wand führt.
Ein Windwehen hatte die dicken, schweren Schneemäntel von den Bäumen geschüttelt. Die Waldwipfel waren dunkelschwarz und die Gründe waren lichtweiß. Aber da kam ein Nebel, der legte sich hin über das ganze Waldland, nur die höchsten Berge ragten aus ihm hervor und standen in der Sonne, während unten alles versunken war in die feuchte Trübe und in die frostige Winterlichkeit. Darüber bekam der Wald einen grauen Bart, und allen Geästen und allen Gezweigen wuchsen weiße, zartbezähnte Ränder von glitzernden Nadelchen. Selbst auf der glatten Eisdecke des Sees keimte dieses schneeweiße Moos des Nebelfrostes, daß es knisterte, wenn Mensch oder Tier darüber hinschritt.
Es war sehr schön, und die Städter würden gesagt haben, das ganze Waldland sei versilbert, oder sei aus weißem Kandiszucker geformt. Die Leute der Seeau aber greinten über so ein Wetter; es sei den ganzen Tag finster, und doch nicht die Nacht zum Ruhen; es sei frostig, und doch nicht frischkalt, und es werde zu tauen anheben noch weit vor der Zeit.
Im großen Seeauer Wirtshaus wurde zur Hochzeit vorbereitet. Es war eine Unzeit für alle Kälber und Hühner im ganzen Gau; kaum sicher gingen die Tiere des Waldes, obwohl die Jagdmonate schon vorüber, und die übriggebliebenen Hasen und Rehlein sich zu Paaren schon wieder des Lebens freuten. Der Wirt ließ im Keller sein großes, ältestes Weinfaß aufspunden.
Schon tagelang stiegen zu ungewöhnlichen Stunden aus dem Schornstein des Wirtshauses blaue Rauchwölkchen auf, und ein hocherfreulicher Geruch reichte sogar bis zum Pfarrhofe hinüber.
Der Pfarrer hatte seine Sache schier getan; er hatte das löbliche Brautpaar bereits dreimal von der Kanzel würdevoll verkündet, und beim letzten Aufgebot hatte der Schulmeister auf dem Chor einen vollen Tusch blasen lassen, eine Ehre, die er sonst nur seinen Musikanten anzutun pflegte, wenn einer davon sich ein Weib nahm.
In der Kirche arbeiteten zwei Küster, und schmückten den Altar mit allen vorrätigen Bändern und Papierblumen. Die alte Häuslerin vom Ende des Dörfchens, die Mutter der Gret, half auch mit; sie saß in der Sakristei und band mit halberfrorenen Fingern aus immergrünem Reisig einen großen Kranz für das Bild des heiligen Michael. Die »guldene Gret« aber saß daheim im Häuschen und starrte in die verlöschende Herdglut hinein. Ihr Auge funkelte und ihre Züge waren schauderhaft verzerrt. Jetzt fuhr sie sich mit den Fingern in die losen, geschlängelten Locken und riß und zerrte wütend an ihnen. Dann ließ sie ab, sah auf die ausgerauften Haarfäden in ihrer Faust, tat einen wilden Atemzug aus der wogenden Brust und murmelte: »Was soll ich dich ausreißen, du mein goldenes Haar! Ja, wären es seine, wären es die von der Haldeggerin! Pfui, Gret, mit den Haaren fange nicht an, das tut jede eifersüchtige Dirn. Ich bin nicht eifersüchtig — aber in der Leut' Mäuler hat er mich gebracht, um meinen Franzl hat er mich gebracht. Was schert mich der dalkert' Michael mit seiner vornehmen Lahmleidigkeit — aber Seesteinerin hätt' ich mögen sein, das habe ich laut gesagt, und sie haben mich schon so geheißen. Jetzt hab' ich die Schande und den Spott, jetzt kommt keiner mehr um mich. Jesses, ich weiß nicht, was ich tu; wenn nur ein schwer Unglück wollt' niederfallen, und tät uns all miteinander erschlagen! Aber ihn und sie um drei Minuten früher als mich, daß ich's noch kunnt sehen! — —«
Wenn sie am jenseitigen Seeufer vor dem Seesteinerhause einen Pöller loslassen, so sieht man's von der Seeau aus wohl aufblitzen, aber man kann bequem bis in die Zwanzig hinein zählen, bis der Schuß kracht. Der Knall fliegt über die glatte Fläche hin, doch er prallt an zahllosen Felsvorsprüngen an, und weckt in den Wänden und Wäldern allerlei Echos auf, bis er endlich an das Ohr der Seeauer schlägt.
Heute aber hört man hier nur den dumpfen Knall, sieht aber kein Aufblitzen. So dicht liegt der Nebel über dem See, daß man ihn — wie die Leute sagen — mit einem Messer könnte in Stücke schneiden.
Es ist ein Jännermorgen. Ein großer Teil der Seeauer steht am Ufer und guckt und horcht. Jetzt fallen drüben drei Schüsse rasch nacheinander, jetzt gehen die Hochzeiter ab. In einer halben Stunde sind sie da, denn über das Eis gleitet sich's leichter mit glatten Schlitten, als mit Kähnen zur Sommerszeit.
Eine Weile ist es still, daß man völlig den Nebeltau könnte rieseln hören; hüben kein Lärm und Laut, drüben kein Schuß. Dann flüstern die Leute wieder; sie haben dem Brautpaare alle mögliche Ehre vorbereitet. Der Schulmeister rückt mit seinen Musikanten aus, gar die große Fronleichnamstrommel mit den Klingscheiben wird mitgeschleppt. Keiner versucht mehr sein Instrument, es ist alles schon gestimmt. Die Küster in der Kirche zünden alle Kerzen an, und das ist am düsteren Morgen ein feierlicher Schein in dem festlich gezierten Raum. — Drei Jungen stehen unter dem Turm und haben die Glockenstricke in den Händen. Sie warten nur noch auf das Zeichen.
Das Wirtshaus steht still da, aber in der großen Küche schießt ein Rudel Weiber umher, und die Herdflammen knattern wie ein wildes Schlachtfeuer.
Endlich dringt ein Jauchzen her über den See und ein Schellenklingen. Da fächelt ein Mann mit seinem Hut. In demselben Momente klingen alle Glocken. Dunkle Massen treten auf der Seefläche aus dem Nebel hervor — rasch werden sie zu Gestalten; die Rosse traben heran, die Schlitten fliegen nach, und auf den Schlitten jauchzend und johlend und hüteschwingend die Hochzeiter.
Bums! fällt die große Trommel ein, und die Trompeten schmettern auf, und die Pfeifen jodeln drein, und von der Loserwand knallen Pöller, daß die Kirchenfenster schrillen.
Der Hochzeitszug ordnet sich rasch, und in der Mitte das Brautpaar, so zieht er zur Kirche hinan.
Sie knieten am Altar, und der Pfarrer legte die Stola um die Hände. In demselben Augenblick huschte die Gret draußen an der offenen Kirchentür vorüber, und tat einen Fluch, und eilte davon.
Sie watete durch den Schnee hinaus in den Wald; die fallenden Eisnadeln strichen ihre heißen Wangen. — Jetzt werden sie getraut, dann ist diese Haldegger Seesteinerin. Ist sie reicher, vornehmer, besser wie ich? — Mir hat er's verheißen, ihr hält er's; jetzt reicht er ihr den Ehering. Dann ist lustige Hochzeit den ganzen Tag, und sie heben die Gläser und trinken zum Gutleben, und sagen Ehrensprüche für das Brautpaar, und singen Spottlieder auf die guldene Gret. — Und wenn der Abend kommt, da fahren sie wieder über den See, fahren ein in den Hof —
Eine unbeschreibliche Gewalt wütete im Busen der Dirne. Sie eilte am Ufer des Sees dahin; dann rief sie laut: »Und wär' das Wasser auch nicht zugedeckt, hineinspringen tät' ich nicht! Ja, wenn ich sie mitreißen kunnt, all' miteinander — nachher mit Freuden — mit Freuden!«
Sie raste fort. Sie kam ins Gefälle und auf wüste Gründe; Rehe und Füchse und wildes Geflügel spürte sich im Schnee. »Jetzt gehe ich und zünde den Seesteinerhof an,« sagte sie und eilte weiter. Sie lief über den See, sie war gehüllt in Nebel, kein Mensch konnte sie von der Ferne sehen.
Sie kam ans Ufer. Der Hof lag still da; die Eiszapfen der Dächer troffen rings umher, oder fielen klirrend zu Boden; das war die ganze Wache.
Seitab stand ein Fischerhäuschen. Der alte Fischer Wolf saß davor auf einem Bänkl. Er rauchte eine Pfeife, und zog jedes hervorgeblasene Wölkchen fast gierig mit der Nase wieder an sich. Das ist ein Tabak, wie ihn sonst kein Fischer raucht; der Kaiser raucht ihn. — Der Seesteiner hatte dem Alten zur Hochzeitsfreude eine ganze Schachtel davon bringen lassen. So ein Kraut! Das ist dem Alten das höchste Ereignis in seinem Leben; die Eisdecke möchte er aufreißen und es den Fischen zurufen: »Laufet, laufet, laufet euere Wege; ich rauche Kaisertabak!«
Die Gret schritt rückseits des Häuschens vorüber und schlüpfte durch ein Türchen in die Stallungen. Kein Mensch war da; alles ruhig und verlassen. Große Heu- und Strohvorräte waren hier aufgehäuft; ganze Wände von Hafer- und Roggengarben, noch teilweise mit den Fruchtähren, waren geschichtet und darüber spannte sich das mächtige Gebälke des Dachstuhls und das weite, hohe Schindelgedache. An diese Stallung schließen sich andere Scheuern, Fruchtkammern bis hin zu dem weitläufigen Wohngebäude. — »Das ist dein Hof, du schöner, stolzer Seesteiner Michael. Wenn die Brautleute heimkommen, wird's recht warm eingeheizt sein. Aber so viel finsterer Nebel wird sein, daß sie gar das Haus nicht mehr finden. Morgen stellt dir der Pfarrer einen Brief aus: Brandgaben-Sammlungsschein für Michael Rehling.« —
Die Gret sucht aus ihren Taschen Zündzeug hervor, da hört sie unter ihren Füßen poltern. Sie erschrickt, legt sich auf den Boden und guckt durch die Bretterfugen hinab. Da unten stehen und kauern an den Barren die Rinder in ganzen langen Reihen. Dort steht eine Kuh und daneben hüpft ein junges, falbes Kälbchen flink umher und legt seinen Kopf an den Hals der Mutter, um den die Hängekette liegt, und macht kluge Augen.
Das stoßt der Gret ans Herz. Sie bewacht ihre Hand; nur ein einziger Strich mit dem Zündhölzchen ist nötig, und es prasselt und schmettert das Feuer, es wogt der glühende Rauch. Die Tiere brüllen, sie hängen an der Kette; nur das Kälbchen ist frei, aber es läuft nicht zum Ausgang, es verläßt die Mutter nicht. Da stürzen die lodernden Balken nieder — —
Blaß ist das Mädchen geworden, zurückgleiten läßt es das Zündzeug in den Sack, und flieht aus der Stallung und davon, als stehe hinter ihm der große Hof wirklich in Flammen. Jetzt schlug der Kettenhund an. Eine Magd sah zum Fenster heraus: »Uh, da läuft die guldene Gret vorbei, ist die denn heut' nicht im Dorf? Und ist sie vom Hund so erschrocken? Sie fürchtet sich sonst nicht einmal vor dem Teuxel.«
Die Gret eilte über die Eisfläche des Sees; bald sah sie nichts mehr vom Ufer, nur den Hund hörte sie noch eine Weile bellen.
Es graute, als wollte schon die Nacht anbrechen. Im Dorfe zünden sie die Lichter an und es klingen die Gläser und die Geigen.
Grete fühlte, daß sie unsäglich einsam war. — Über dem Haupte die dichte graue Hülle; der Himmel hat seine Wolken auf sie niedergeworfen. Unter den Füßen Eis und Fluten — ist das eine trübe, kalte Welt!
Ihre Kleider, ihre Haare waren feucht, aber auf ihrer Stirn glühte das aufwallende Blut.
So floh sie über die Öde dahin, sie war das einzige Menschenwesen hier, über und unter den Gewässern. Da stand sie plötzlich still, sie hörte ein Schnalzen, ein Knistern, wie wenn ein Hirt mit der Peitsche knallte. Sie wußte nicht, woher es kam; war das Ufer nahe, zog ein Schlittengespann heran? Sie horchte. Da war wieder alles still. So still und lind war's auch in jener Sommernacht gewesen, da sie mit Michael über den See fuhr; die Wellen rieselten leise, lose Fischlein schnappten empor, und da gurgelte das Wasser, und oben und unten leuchteten die Sterne. Michael hielt sie an der Hand und sagte: »Margarete, schlag' dir den Franz aus dem Kopf, der bringt dich nur ins Unglück. Schau gut auf deine alte Mutter; leidet sie Not, so stehe ich euch gern bei.« Später sagte er das vom Heiraten, und daß ihm keine zu arm und zu gering sei. Sie lag an seiner Brust. — Jetzt sitzt er mit der andern bei der Hochzeitstafel. —
Wieder ist das seltsame Knistern und ein zwei-, dreifaches Schnalzen, und heran auf der Fläche, und hin an den Füßen des Mädchens in Zick und Zack fliegt eine dunkle Linie — ein Riß — — es birst das Eis.
Angstvoll beginnt das Mädchen zu fliehen. Sie fühlt den Boden wanken; sie eilt hin über das große Grab, jeden Augenblick kann es sich auftun.
Endlich aber ist sie aus dem Bereiche der Gefahr; es ist kein Knistern mehr, der Boden ist fest und sicher, wie er seit Monaten war.
Die Gret geht noch eine gute Strecke dahin und kommt endlich gegen das Dorf. Die hellbeleuchteten Fenster des Wirtshauses ziehen breite, rötliche Bänder hinaus in den Nebel. Die Gret hat Hunger und Durst, und da oben ist Überfluß, da oben ist Pracht und Stolz.
Plötzlich kommt ihr ein Gedanke, der noch viel düsterer ist, als dieser Wintertag. — Die Hochzeit wird zu Ende sein, der Seesteiner fährt mit seiner Braut lustig über den See; die Rosse traben und schnauben und schellen, der Schlitten saust hinten drein, die Hochzeitsbänder flattern in der Nacht — der Boden kracht — wankt. — Glückliche Fahrt, Seesteinerleut'! — Es muß so sein, der Himmel will es selbst so haben. Der Michael — nun will er mit einer andern in die Brautkammer gehen; aber das Brautbett ist im tiefen, kalten Seegrund. Sie, die Gret, tut nichts dazu, Gott hat's gestellt — sie weiß es nur um eine Stunde früher. —
Hunger und Durst ist vergessen. Die Gret schleicht durch die Dorfgasse und wieder dann am Ufer hin. Da kommt ein Mann über den See. Der alte Fischer ist's; der hält das Pfeifchen noch immer in der Hand, raucht aber nicht.
»Das ist kein Gehen mehr jetzt, da herüber,« murmelt er, »'s ist wohl wahr: Paulibekehr, Schlitten weg, Wagen her. Wir brauchen den Kahn.«
Der Gret fährt's durch den Kopf: Der Alte geht geradeswegs ins Wirtshaus, verrät die Sach' und kehrt alles um. — Sie eilt auf ihn zu: »Gut, Wolf, daß Ihr da seid, ich hätt' hinüberlaufen sollen zu Euch, Ihr sollt geschwind, aber geschwind, zum Bauer an der Wand hinauf, und schrecket Euch nicht, ich denk' 'leicht gar, Eure Schwester liegt im Sterben!« Sie erschrak fast über ihr eigenes Wort, aber sie gehorchte dem Rachetrieb.
Des Alten Schwester war Dienstmagd beim Bauer an der Wand und war schon jahrelang krank gewesen.
»Ei schau, die Kat,« sagte der Wolf wie zu sich, oder zur Sterbenden, »will's dich doch packen, jetzt auf einmal! Du arme Haut; die Welt ist schon allweg so übel gewesen auf dich, ist der lieb' Herrgott doch so gut, und nimmt dich zu sich. — Ja, ja, ich komm' schon. Dank dir Gott, Gret! — Und sei so gut, sag's den Leuten: Der See ist unsicher!« Er steckte die Pfeife in den Sack und holperte hastig die Dorfgasse entlang und durch die Halde, und kletterte die Holzleiter der Loserwand hinan, und ging hin über die Höhe.
Die Gret eilte ihm nach, und als er davon war, stieß sie an der Wand die Leiter um. Diese fiel lang und schwer hin in den Schnee; das Mädchen lief seitab.
Es war nicht so arg mit der alten Kat; es hatte auch kein Mensch nach dem Bruder geschickt. — »Diese liederlich Dirn da, jetzt hebt sie zu lügen auch schon an! — Na, weil du nur nicht schlecht bist, Kat; jetzt geht der Winter vorbei, ich mein', du stehst mir wieder auf.« So sagte der alte Fischer, der für jede Seite, ob Sterben oder Gesundwerden, sein Trostwort hatte. Dann ging er bald wieder davon.
Es war schon Nacht, aber der Nebel hatte sich ein wenig gehoben, es zog ein frisches Lüftchen. — Die Hochzeiter werden doch nicht schon abfahren? dachte der Alte, ob sie's sagt, daß draußen von der Hirschwand herüber der See einbricht. — Ei, ja, die bleiben heut' schon noch eine Weil' beisamm'; 's ist nur, daß ich mich völlig nit ins Wirtshaus trau', sie werden meinen, ich bin da, daß sie mir ein Glasel sollten einschenken. Tun wird er's gern, der Seesteiner, tät's aber nicht verlangen; ich hab' schon meinen Teil und bin zufrieden. — Der Fischer griff nach seiner Pfeife und eilte hastig dahin.
Wie er jedoch zur Loserwand kam, da wäre er schier in den Abgrund gepurzelt. Es war die Leiter umgefallen, nun konnte er nicht weiter.
Sollte er umkehren und den weiten Fahrweg gehen? da kommt er wahrhaftig spät in das Dorf hinab.
Er blickt hinaus; sein Auge ist alt, aber er sieht nun in der dunkeln Nacht fast mehr, als am nebeligen Tag. Der Wald, die Felsen sind schwarz bis empor, wo sie wieder in die Nebelschichte hineintauchen. Dorthin liegt die breite, graue Tafel des Sees. Der Seesteinerhof drüben ist nicht zu sehen, vor ihm ragt die finstere Hirschwand. Vom Dorfe da unten ist nichts zu erkennen, als einige rotschimmernde Fensterscheiben. Plötzlich aber klingen Trompetenstöße herauf und Fackeln schweben zwischen den Häusern hinab gegen das Ufer.
Sie gehen, sie sind auf der Heimfahrt.
Den Fischer erfaßt Angst. Ob sie es wohl ausgerichtet hat? — Sonst rennen sie ins Verderben und er kann nicht hinab, sie zu warnen. Er läuft über der Felswand hin und her, und weiß es, kein Abstieg. Er hebt an zu rufen, aber seine Stimme ist dumpf; unten schallt die Musik, schallt das Gejohle der angeheiterten Hochzeiter. Er hört jauchzen, er hört die Pferde wiehern, hört das lustige Schellengeklingel. Da trennen sich zwei Fackeln von den übrigen und gleiten hinaus über den See. Die schlechte Dirn hat nichts gesagt! Jetzt haben wir's. Jetzt haben wir's.
Der Alte ist in Verzweiflung. Er flucht über den Leichtsinn der jungen Leute, die außer ihrem Heiraten schon gar nichts mehr denken mögen. Sie haben kein Tauwetter wahrgenommen die Tage her, sie meinen, wenn im letzten Jahr das Eis erst im März gebrochen ist, so muß es heuer auch so sein. Die merken's nicht in ihrem Taumel, wenn die Decke kracht, Jesus, und nachher ist alles vorbei! —
Die zwei Fackeln zogen hin über die Fläche. Immer weiter entfernten sie sich vom Ufer, immer leiser wurde das Schellen der Pferde. Sie waren schon weit draußen, sie nahten endlich der Hirschwand; die Fackeln waren wie zwei Sternchen.
Der Alte starrte hinaus und hielt den Atem an, als wäre sein warmer Hauch imstande, die Eisdecke vollends zu lösen. Er meinte, sie würden, ja sie müßten stehen bleiben und umkehren. Aber die Sternchen glitten weiter. Da sank der alte Wolf auf ein Knie, schlug die Hände zusammen und rief wild aus: »O, Herrgott, hast denn keinen Schutzengel für sie! Maria rein, so nimm sie du in deinen heiligen Schirm!«
Still war die Musik, still lag der See, weit draußen ragte die finstere Hirschwand. Und die Sternlein waren dem Alten entschwunden.
In demselben Augenblicke dämmerte unten im Dorfe ein blutroter Schein auf. — —
In den zwei größten Stuben des Wirtshauses war die Hochzeitstafel abgehalten worden, und das will ich noch erzählen. Lust und Frohlocken war überall, und alle sahen in dem jungen Brautpaar ihren König und ihre Königin.
Als das Mahl zu Ende war, und der Pfarrer auf das Wohl des Seesteiners und seiner anmutigen Frau einen Spruch ausbrachte und mit dem Ehepaare anstieß, ging sein Glas in Scherben, und der Wein löschte eine Kerze aus und ergoß sich über den Tisch.
Das war keine gute Vorbedeutung; viele Anwesende stutzten; draußen im Vorhause gellte ein wildes Auflachen.
Die Grete war's, die eine Weile an der Tür gestanden und durch das Menschengewühle das Brautpaar angestarrt hatte. Ihre alte Mutter, die Gstettnerin, saß in der Küche bei Krapfen und Braten, heute hatte sie in Überfluß; sie war ja bei den Vorbereitungen Helferin gewesen. Das alte Weib sah sich nach der Tochter um; die hatte es heute den ganzen Tag wieder nicht zu Gesicht bekommen; wäre sie jetzt da, so bekäme sie auch.
Die Wirtin sah sie nun stehen im Vorhause und sagte: »Geh' her, Gret, magst was essen, was trinken? Deine Mutter ist auch da.«
Im selben Moment zersprang dem Pfarrer das Glas; da kreischte die Gret auf, und verließ das Haus.
Sie ging wieder am Ufer entlang und horchte, ob auch nicht hier die Eisdecke krache. Sie hörte nichts — ja, das Wirtshaus hörte sie, und den Jubel, und immer nur das.
Da kamen sie endlich mit Hall und Schall heraus in die Nacht, und als die Schlitten zurecht gerückt, und die Pferde eingespannt wurden, da duckte sich die Gret hinter einen Strauch. Ihr war, als müsse alles auf sie hinsehen, auf sie zukommen, und sie war ja unschuldig — der Herrgott hat das laue Wetter gemacht, und das Eis bricht selber ein. — Laut war's am Ufer, aber zum erstenmal war's, daß die Gret das Pochen in ihrer Brust hörte, und sie hatte doch nicht darauf gehorcht. Einen Zweig des Hagebuttenstrauches zerknitterte sie in ihren bebenden Fäusten; die Dornen gingen ins Fleisch.
Endlich zog das Gefährte hinaus auf die Fläche; die Fackeln loderten nach rückwärts, wie rote Fähnchen.
Eine Weile stand die Dirne still, wie eine Säule, dann sprang sie einige Schritte auf den See hinaus und breitete die Arme und tat einen heiseren Schrei. — —
Die Fackeln eilten weiter und blickten zurück wie zwei Augen. Wie seine treuherzigen Augen ....
Der Grete wurde anders, sie lief durch die Dorfgasse und rief: »Eilet, eilet zu Hilf', das Eis bricht ein!« Sie lief zur Kirchenpforte, der Glockenturm war gesperrt. Leute eilten zusammen und wußten nicht, was das zu bedeuten. »Kein Mensch holt sie mehr ein!« schrie das Mädchen und schlug sich ins Gesicht, und raste wieder hinab gegen den See. Weit draußen schwebten die zwei glühenden Augen.
Sie sah hin. Sie preßte die Hände auf die Brust und tat einen fiebernden Atemzug. Ist denn kein Mittel, sie zurückzurufen? Plötzlich fuhr sie sich gegen die Stirn. Rasch holte sie ihr Feuerzeug hervor, eilte, watete im Schnee gegen die Dorfwiese; dort war früher ein winterlicher Heuschober gestanden. Aber er war eingeheimt. Die Grete kehrte um. Immer den Blick auf den See gerichtet, lief sie gegen das obere Ende des Dorfes. Die letzte einzeln stehende Hütte, das war ihr Haus und Heim. Sie erreichte es, im Nu hatte sie ein Flämmchen und fuhr damit unter das Strohdach. Vielleicht, vielleicht —
Wie ein freigelassenes Vöglein hüpfte die Flamme weiter, knisterte, leuchtete.
Bald war die helle Lohe da, das Dorf glühte im Feuerschein, das Gewände oben war rot, auf der Seefläche spiegelten die Flammen.
Während die Leute herbeieilten und die Achseln schüttelten, weil nichts mehr zu retten war, und nur ihre eigene Habe wahrten, irrte die Gret draußen auf dem See. Sie sah noch die zwei Lichtlein, die standen auf der Fläche nächst der Hirschwand und waren völlig im Erlöschen. Jeden Augenblick konnten sie erblinden, versinken.
Was da hinter ihr vorging in der Not des Feuers, in der Verwirrung des Dorfes, das achtete sie nicht; ihr Blick bewachte mit unsäglicher Angst die zwei Augen auf dem See. — Und siehe, endlich leuchteten sie heller, wurden frischer, größer, kamen näher. Da johlte die Gret auf, und das war das lustigste Jauchzen an diesem Hochzeitstage.
Sie waren gerettet. —
Das Mädchen zog ihnen entgegen über die Fläche. Sie sah schon das Sausen des Windes in den heranschwebenden Fackeln. Sie fiel den Pferden in die Zügel. »Was ist's, wo brennt's?« rief der Seesteiner aus dem Schlitten. Da stürzte ihm das Mädchen wortlos an die Brust, sank zurück auf den kalten Eisboden, und das Gefährte glitt weiter.
»Das ist ein Hochzeitstag! Seid Ihr auch wieder zurück!« sagte ein Mann, als der Seesteiner aus dem Schlitten sprang und seinem jungen Weibe den Arm zum Aussteigen gab.
»Na, Gott sei Lob und Dank, die Gefahr ist vorüber, nur das Gstettner-Häusel ist niedergebrannt. — Eine Närrische haben wir auch im Dorfe. Ist's denn wahr, daß auf dem See das Eis einbricht?«
Die Brautleute sahen sich an und sagten kein Wort. — Das Eis bricht ein auf dem See! — Man konnte in der Dunkelheit nicht sehen, wie sie erbleichten.
Die alte Gstettnerin hatten sie ins Wirtshaus zurückgebracht; sie verlor kein Wort über ihr zerstörtes Heim, nur ihre Tochter rief sie mit kläglicher Stimme.
Ihre Tochter aber saß an der Brandstätte und wärmte sich. Sie saß zwischen den glühenden Balken und rief ein- über das andere Mal: »Das Eis bricht ein!« Und dann lachte sie.
Da kam von seinem Umweg der alte Fischer vorüber, der wollte sie von der rauchenden Brandstätte entfernen.
»Gehet Eures Weges,« rief sie ihm zu, »und wollet Ihr zum Seesteinerhof hinüber, so fahret über Land, auf dem See bricht das Eis. — Ich habe das Feuer gemacht, daß sie umgekehrt sind.« Sie sagte ihm noch ein Wort. Er eilte zum Wirtshaus und rief schon zur Tür hinein: »Geht, Leute, helft mir die Gret von der Brandstelle wegbringen, sie ist von Sinnen!«
Als sie zu den rauchenden Trümmern kamen, fanden sie das Mädchen am Herde kauern. Aber leblos. Niemand wußte wie das gekommen. Der alte Fischer sagte: »'s muß ihr jäh das Herz zerbrochen sein.«
An dem Tage, als die arme Grete begraben wurde, schnalzte und krachte es hin über den ganzen weiten See. Unzählige Sprünge zuckten hin und her, und der Reihe nach brachen die Schollen durch in das dunkle Gewässer. An der Hirschwand waren sie zwei Tage früher durchgebrochen.
Auf dem stundenlangen Landweg verkehrte das Dorf mit dem Seesteinerhofe, bis sich die schwimmenden Schollen im Wasser zerrieben und gelöst hatten. Auf dem Landwege wurde die alte Gstettnerin in das Gehöfte gebracht, wo ihr für ihre letzten, einsamen Tage eine gesicherte Stube bereitet war. Auf dem Landwege ging der Pfarrer in den Seesteinerhof, daß er sich umsehe nach dem glücklichen Paare.
Aber im schaukelnden Kahn rudert der alte Fischer an einem Frühlingsmorgen nach Seeau herüber. Er schritt, ein hölzernes Kreuz auf der Schulter, die Dorfgasse hinan, in den kleinen Kirchhof hinein und zu einem graskeimenden Hügel am Heckenzaun.
Heute noch steht dort das Kreuz, und folgende Worte sind darauf geschrieben:
»Hier ruht die guldene Grethe,
Gedenk' an sie und bete!«