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Geschichten aus Steiermark

Chapter 14: Die Brücke.
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About This Book

A series of short narratives and sketches set among remote Styrian mountain communities, portraying everyday life, local customs, folk beliefs, and encounters with nature and the uncanny. The tales vary in tone from humorous village anecdotes to somber reckonings with loss and hardship, and often weave legend and superstition into domestic scenes. Emphasis falls on landscape, social relations, and vernacular color, with close observation and plainspoken narration that highlight how people endure harsh surroundings, preserve traditions, and respond to fate.

Die Brücke.

Zur Zeit, als der Hans Gertinger die Hane Heider nahm, dachte der Tod: Holla, jetzt heißt's wieder Platz machen, da kommen ein paar kernfrische Leut' zusammen! Er hatte erst im vergangenen Kriegsjahre Ernte gehalten, daher war er wohl gelaunt und fragte, was sonst nicht seine Art ist, die Todeskandidaten, welcher zuerst daran wolle? Einer duckte sich hinter den anderen, die Jüngeren sagten, an ihnen sei nicht die Reihe, und der älteste, ein lahmer, tauber, blinder Bettelmann, der in einer dumpfen Kellernische auf faulem Stroh lag, bat flehentlich, nur ein Jährchen solle ihm der Tod noch gönnen von diesem Leben.

Drinnen, im Gebirge — wo eben das kernfrische Paar ineinandertrachtete — war ein alter Uhrmacher, der mit seinen Wanduhren hausieren ging. Der wußte, wie es geht auf der Welt: ist es zwölf Uhr geworden, so fängt's mit eins wieder an — immer das gleiche. Dieser Mann meldete sich dem Tod und sagte: Mir ist's allzeit recht. — Da schlief er auch schon, und jetzt tat es den anderen schier leid, ein so sanftes, seliges Ende verscherzt zu haben.

Sollte dir, lieber Leser, das wie ein Märchen vorkommen, so würdest du dich täuschen. Die Launenhaftigkeit des Todes — hier grausam, unerbittlich, dort neckisch, gutmütig — ist ja doch weltberühmt. Daß bei dem Umstande, wie der Zeiger doch nicht höher als bis zwölf steigt, einem Uhrmacher langweilig werden kann auf der Welt, ist am Ende auch kein Wunder, und daß die folgende kleine Geschichte auf Wahrheit beruht, wird am besten aus ihrer sehr alltägigen Entwicklung erhellen.

Es war im schönen Monat Mai, als der Hans Gertinger mit der Seinigen die Hochzeit vorbereitete. An drei Sonntagen fragte der Pfarrer zu Lacken von der Kanzel herab, ob bei vermeldetem Paar den Leuten kein Ehehindernis bekannt sei? Bekannt war keins und so hub der Dorfwirt an, Kälber und Schweine zu schlachten, denn wenn sich's der eine Teil gut sein läßt, so muß es der andere büßen, das ist einmal so eingerichtet. — Es war in demselben schönen Monat Mai, daß der Uhrmacher schlank und starr und kalt auf dem Bette lag. Der Sonnentag mit seiner Rosenzier und seinem Schwalbenjubel ist geradeso wie damals, als der Uhrmacher, noch ein Knabe, Vögel fing, als er den Dirndl nachstrich, schier unbewußt, wie der Blütenstaub an der Kiefer streicht, bis er seinen Ort findet. Und der Mai war immer wieder gekommen, aber hatte den Mann kühler gelassen von Jahr zu Jahr, bis der Thomas, nun ganz kalt geworden, auf dem langen Brette lag und sich rein um gar nichts mehr kümmerte.

Er lag zwei und er lag drei Tage, da ging seine alte Haushälterin zum Pfarrer und fragte, was es denn sei, daß man den Thomas nicht hole!

»Ja, liebe Frau,« sagte der Pfarrer, »das ist leichter gesagt als getan. Er wird hinüber auf den Kirchhof wollen, und das Grab ist ja auch schon offen für ihn. Ihr hört es doch, wie es rauscht!«

»Aber der Thomas liegt müßig da und will endlich einmal in die frische Erden hinein,« rief die Haushälterin: »Ich sage es ganz aufrichtig, er wird mir nimmer besser im Haus.«

Der Pfarrer ging im Zimmer auf und ab und sprach: »Es ist wirklich eine unangenehme Geschichte. Im Hochgebirge schmilzt der Schnee, und seit vielen Jahren ist die Sallach nicht mehr so groß und reißend gewesen als jetzt. Alle Lackenwiesen sind überschwemmt; in Obergams hat's die Brücke weggerissen und auch unsere Dorfbrücke kracht schon in allen Fugen, daß sich kein Mensch mehr hinüberwagt. So können wir mit dem Thomas nicht hinüber auf den Friedhof und deswegen ist es, daß er Euch noch im Hause liegt.«

Das Weib stieß ein grelles Lachen aus; ganz natürlich hub es sofort darauf zu weinen an. Der Thomas — so klagte sie — sei ihr bei Lebzeiten nie zuwider gewesen. Da sei er — alleweil den »Tiegel« im Mund — beim Ofen gesessen und habe an seinen großen und kleinen Ewigkeiten herumgefeilt; die Ewigkeiten, so habe er die Uhrrädchen genannt, er sei sehr gescheit gewesen und habe alles erbaulich auslegen können. Er sei auch unglaublich gut gewesen, und habe sie — die Haushälterin — sich oft gedacht: besser hätte er es nicht treffen können, als Uhrmacher werden, weil er ja die gute Stund' selber ist. So habe sie den Thomas alleweil recht gut leiden können, aber jetzt — sie sage es frei — jetzt, wenn er bei dieser Hitze noch länger im Hause verbliebe, werde er ihr zuwider. Und sie wolle ihn endlich unter der Erden haben.

Der Pfarrer gab ihr nun den Rat, sie möchte zu den Leuten gehen; wenn sich ein paar fänden, die den Thomas über die gefährdete Brücke auf den Friedhof hinübertrügen, so wolle er ihn sogleich einsegnen.

Jetzt ging das Weib zu den Leuten. Da kam sie schön an! Die wollen sich nicht einmal für einen Lebendigen in eine Gefahr begeben, wie erst für einen Toten, der gar nicht einmal erkenntlich dafür sein kann. Er soll warten, bis das Hochwasser abgelaufen ist. Einer nahm die Gelegenheit wahr, um tüchtig über die Behörden zu schimpfen, die den Kirchhof nicht bei der Kirche, sondern über dem Wasser angelegt hätten, und wofür der Mensch denn Steuern zahle, wenn er sich dann nicht einmal begraben lassen könne, wann er wolle! Und als er sich ausgeschimpft hatte, kehrte er dem Weibe den Rücken.

Dieses erinnerte sich in solcher Not an einen reichen Bauer, der auf dem Berge sein Haus hatte und der hartherzige Gerhab hieß. Seit Jahrhunderten trug der Bauernhof diesen unchristlichen Namen; mancher der Besitzer war hartherzig, mancher weichherzig gewesen, um den Namen hatte sich keiner viel gekümmert und niemandem fiel es auf, wenn der Pfarrer manchmal von der Kanzel verkündete: »Am nächsten Freitag läßt der hartherzige Gerhab eine heilige Messe lesen für die armen Seelen im Fegefeuer.« Der gegenwärtige Besitzer — ein Mann, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte, nämlich in der Nähe der Brieftasche — ärgerte sich des Namens, und er beschloß, ihn gründlich zuschanden zu machen. Er tat den Leuten, die zu ihm kamen, Gutes, wo und wie er konnte. Zu dem ging nun unser Weib und bat um Beistand, daß der Thomas auf den Kirchhof käme.

Der hartherzige Gerhab ließ sie zum Tisch hinsitzen, wartete ihr Apfelwein auf und Weißbrot. Dann nahm er auch selber einen Trunk, strich auf seinem kleinen Köpfel das weiße Haar über die Stirn und sagte: »Brav ist es von dir, Wirtin des Uhrmachers Thomas, daß du zu mir gekommen bist. Ich kann dich wohl brauchen. Ich habe mir vorgenommen, als Mensch und Christ die sieben Werke der Barmherzigkeit zu üben. 's geht auch passabel, denn die Hungrigen zu speisen, die Durstigen zu tränken und die Nackenden zu bekleiden, ist gar nicht schwer, wer's hat. Die Kranken zu besuchen, die Betrübten zu trösten und die Unwissenden zu weisen, da gehört zum Herzen auch schon ein bissel der Kopf. Ich befleißige mich nach geringen Kräften. Da ist mir denn alleweil noch eins abgegangen, daß ich die sieben beisammen hätt', und hab' schon keine Hoffnung mehr gehabt, denn es weigert sich keine Gemeinde, ihre Toten zu begraben. Die Leute sind jedem dankbar, der Platz macht, und stecken ihn in die Grube, heute lieber wie morgen. Jetzt kommst du und sagst, es läge wirklich ein Toter, der auf mich ansteht. Sei getröstet, ich gehe mit meinen Knechten; die Brücken hat's gehalten die langen Jahre her für schwere Sünder, sie wird's auch halten für den guten alten Thomas. Er soll ordentlich bestattet werden. Mich gefreut's.«

Eilends lief das Weib heim ins Haus und rief schon zur Tür hinein dem Toten zu: »Na, wart' nur, Thomas, jetzt wird's bald. Halt dich nur noch ein paar Stündlein brav.«

Während sich Kirche und Wirtshaus für das Hochzeitsfest des Hans Gertinger rüstete, wurde der Uhrmacher in sein letztes Gehäuse getan und von den Knechten des hartherzigen Gerhab davongetragen. Die Haushälterin ging als die einzige Leidtragende hintendrein. Unter der Last dieses Leides brauchte die Brücke just nicht zu brechen. Als sie gegen den Fluß kamen, hörten sie schon das Dröhnen und Brausen des wilden Wassers, das in schmutzig braunen Fluten wie rasend heranschoß. An steilen Ufern grub und nagte es, sprang manchmal hoch auf in schäumender Wut und fiel rücklings wieder ohnmächtig in den Strom zurück. An seichteren Stellen lief es hastig hinaus, eine Welle die andere jagend und wie in Sturmlauf an den Grundfesten der Gebäude hinankletternd. An der hölzernen Brücke, die mit drei Jochen im Flusse stand, schien das Wasser seinen vollsten Zorn auszulassen. Die Brücke ächzte zuweilen, hielt aber stand und ließ die Wellen, welche manchmal an der einen Seite über sie hereinschlugen, an der anderen wieder sachte hinabrinnen. Das dauerte so schon den ganzen Tag über und an den Ufern waren Leute versammelt, die in munterer Stimmung fortwährend erwogen: »Wird sie gehen? — Wird sie's halten?«

Auf dem trüben Wasser wogten, jetzt hoch auf den Rücken der Wellen, dann wieder in die Tiefen gleitend, allerhand Gegenstände daher: Vielarmiges Baumgewurzel, wie Riesenkrabben anzusehen, dann Holzscheiter, Blöcke, Bretter, auch Hausgeräte; in den oberen Gegenden mußte das Wasser also noch schlimmer wirtschaften. Ein totes Ferkel kam in zierlichen Wogungen herangeschwommen, so daß ein Dorfwitzbold sagte, er hätte nicht gedacht, eine Zeit zu erleben, wo es in der Sallach schweinerne Fische gebe.

Plötzlich wurden auf dem Flusse lange schwarze Körper sichtbar, große Holzbalken, die Trümmer der Obergamser Brücke.

»Jetzt ist's um die unserige geschehen!« rief ein Mann. Allein etliche der Balken glitten zwischen den Brückenjochen hindurch und davon; ein paar Stücke aber klemmten sich ein und an diesen begannen sich nun das Gewurzel, die Scheiter und Bretter zu stauen. Die Brücke ächzte und zitterte, gab aber immer noch nicht nach.

»Tapfer hält sie sich!« sagte ein Bauer, »wenn sie's überdauert, so kriegt sie ein Kreuzel von mir.«

»Hast du Orden zu vergeben?« wurde er gefragt.

»Nicht so. Ein Kruzifixel laß ich aufstellen mitten auf der Brucken, zum Angedenken an die Gefahr.«

Vom Hügelgelände jenseits des Flusses hörte man durch die klare Mailuft Pöller knallen und manchmal selbst einige Musikklänge, sofern das Brausen des Wassers nicht alles übertönte. Der Hochzeitszug des Hans Gertinger. »Na, die mögen sich schleunen, wenn sie noch herüber wollen!«

Von der Dorfgasse herab kam der kleine Leichenzug des Uhrmachers Thomas.

»Ist nicht ratsam!« warnte ein alter Mann, »ist deutsch nicht ratsam! Es kunnt der Brautzug mitsamt dem Totenzug in die Ewigkeit fahren!« Denn die Brücke bebte und hub in allen Jochen an zu krachen.

Fast zu gleicher Zeit waren sie da. Diesseits der Brücke der Leichenzug, der wollte hinüber zum Kirchhof; jenseits der Brücke der Hochzeitszug, der wollte herüber zum Traualtare. In demselben Augenblick wurde die Brücke lebendig. Zuerst schnalzten die Pfosten des mittleren Joches, dann begann das Geländer zu brechen und sich in seinen Splittern aufzubäumen, während die Brücke in der Mitte ein Weniges einknickte. Ein Weilchen stand's wieder fest. Das Wasser flutete donnernd an den Bau und übergoß ihn mit wilden Gischten, da brach plötzlich das zweite Joch, und nun stürzte die Brücke mit schmetterndem Krachen ein. In teils noch zusammenhängenden Trümmern wogte sie schwerfällig davon. Wo die Brücke gewesen, ragten nur noch ein paar Pfeiler aus den Fluten, ihre scharfen Splitter gegen Himmel reckend. Sonst nichts mehr. Und der Leichenzug hier und der Hochzeitszug dort standen da und wußten nicht, was jetzt anfangen.

Der Dorfwitzbold machte den Vorschlag, der Thomas und der Hans Gertinger sollten ihr Vorhaben tauschen, der Thomas sich hüben ins Wirtshaus und das Brautpaar sich drüben auf den Friedhof legen. Damit war nun aber das Brautpaar durchaus nicht einverstanden, und während der Thomas sich den Dingen gegenüber höchst gleichmütig verhielt, begann drüben der Bräutigam zu fluchen und die Braut zu weinen. Es ist begreiflich. Wenn schon der Kirchgang ein andermal gemacht werden konnte, so ließ sich doch das bereitete Hochzeitsmahl im Wirtshaus nicht verschieben. Die gescheitesten Leute kamen nun zusammen an die Stelle, wo die Brücke gestanden war und hielten Rat, was da zu machen.

Viele gute Gedanken, aber keiner so stark, das wilde Wasser zu bändigen. Der Brautführer, dessen Nase nicht bloß im Mai, sondern das ganze Jahr über in holdem Purpur glühte, gestand: das Wasser habe er überhaupt nie leiden können; es habe mancherlei Untugenden, doch daß es so über alle Maßen boshaft sein könne, das erfahre er erst heute. Jetzt sehe er, das ungebundene Naß sei noch weit schlimmer, als das unter Gebinde.

Ei geht mir, ihr Leute mit eueren närrisch klugen Reden. Hinüber wollen wir: der Thomas zu seiner Rast, der Hans zu seiner Unrast.

Es ist aber ganz unmöglich. Die Obergamser Brücke ist weg, die Lackner Brücke ist weg und jene, die in Untereben stand, kann auch nicht stehen geblieben sein, wenn die Trümmer wie Sturmböcke angerückt kamen. Es ist eine Bestie, so ein Wasser!

Der hartherzige Gerhab sprach endlich das Wort: Geduld! aus. — Das kann auch nur der hartherzige Gerhab aussprechen, dachte sich das Brautpaar. Dem Thomas war's einerlei. Der Thomas ist im Vorteil, er kann warten und hat einstweilen seine Notherberge in einem Gewölbe unterhalb der Kirche. Der Hochzeitszug ließ zwar auch keine Traurigkeit spüren, sondern zog sich mit klingendem Spiele zurück. Das Brautpaar sah endlich ein, daß gewartet werden mußte, bis das Hochwasser abgelaufen, und daß Geduld die verläßlichste Brücke ist, welche über alle Hindernisse endlich sieghaft hinwegsetzt.

Eine Woche später konnte der hartherzige Gerhab über die Sallach eine Notbrücke schlagen lassen, um an dem Thomas das siebente Werk der Barmherzigkeit zu vollziehen. Aber die ersten, die sie flink überschritten, waren die Hochzeiter.