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Geschichten aus Steiermark cover

Geschichten aus Steiermark

Chapter 18: Die Brüder Stadlhofer.
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About This Book

A series of short narratives and sketches set among remote Styrian mountain communities, portraying everyday life, local customs, folk beliefs, and encounters with nature and the uncanny. The tales vary in tone from humorous village anecdotes to somber reckonings with loss and hardship, and often weave legend and superstition into domestic scenes. Emphasis falls on landscape, social relations, and vernacular color, with close observation and plainspoken narration that highlight how people endure harsh surroundings, preserve traditions, and respond to fate.

Die Brüder Stadlhofer.

In einer schlaflosen Nacht fiel mir der Johann Stadlhofer ein. Er war unweit meines Ortes daheim, in der Gegend von Wenigzell oder Strallegg — dort oben irgendwo. Kennen lernten wir uns in Graz, wo er an der Universität studierte, dieweilen ich — älter als er — in der Vorbereitungsklasse der Handelsakademie saß. Aber ich war ihm nicht zu schlecht; an Sonntagen gingen wir gern miteinander aufs Land hinaus, am liebsten auf solche Höhen, wo man die fernen grauen Bergrücken unseres gemeinsamen Heimatgaues sehen konnte. Der Johann lachte immer, wenn wir von der Heimat sprachen, er erinnerte sich an die Narreteien, die er dort als Bauernjunge getrieben, doch manchmal blitzte ein jäher Zorn auf, ohne merkbare Ursache. Dann ließ er sich wieder alles gefallen und bisweilen, wenn unser mehrere beisammen waren, trieben wir's wüst mit ihm. Er verband sich die Augen und stemmte in wagrecht gebückter Stellung den Kopf an den Baumstamm. Einer von uns anderen schnellte die Beine, hüpfte auf seinen Rücken: »Esel, wer reitet?« Und er antwortete: »Der Goldleitner Gelm!« oder »Der Waldbauernbub, der Schelm!« und erriet es allemal. »Der muß auch hinten Augen haben!« riet einer der Spielgenossen. »Freilich,« lachte der Johann, »ich hab sogar an deinen Ohren Finger. Merkst du's?«

Jener merkte es. Aber nicht grob.

Noch mehr als seine rückwärtigen Augen bewunderte ich an ihm die Artigkeiten mit schönen Stadtdamen. Da war's wieder so, daß er seinen Mund an ihren Fingern hatte. Er küßte ihnen die Hand. Aber wie? Er nahm so ein weiches, schmales Händchen in seine Bauernpratze, faßte die Fingerchen zusammen in seine Faust, so daß nur die rosigen Spitzen hervorstanden. Und diese Spitzen küßte er. Aber so nachdrücklich, daß man meinte, er wolle ihnen das süße Blut aussaugen. Und die Dame wurde gar nicht einmal so böse. Er war ein hübscher, frischer Junge, und solcher braucht sich an keinerlei Kußregeln zu halten.

Eines Tages gegen Ende Mai erhielt mein Johann Stadlhofer von seinem Bruder ein Schreiben, expreß, er möge eilends heimkommen, es sei die Mutter schwer erkrankt. Kränklich war sie schon seit lange gewesen. Er machte sich sofort auf den Weg, zu Wagen, so weit es ging, dann zu Fuß ins Gebirge. — Am fünften Tage ist er wieder zurückgekehrt, aber das war ein anderer, als der fortging. Ein guter Sohn war er immer gewesen, obschon er sich dessen eher zu schämen schien. Der leise Mollton, wenn er manchmal — selten geschah es — der Mutter Erwähnung tat, war mir aufgefallen. Daß ihn aber der Mutter Tod so herrichten sollte, das hätte ich nicht denken können. Er kam zu mir, sagte, daß seine Mutter gestorben sei, und ging ohne weiteres wieder davon. Fast hatte er ein anderes Gesicht bekommen, vergrämt und abgespannt. Man sah ihn nicht auf der Gasse, und wenn man an seine Bude klopfte, war er nicht zu Hause. Ich war schon in Sorge, ihm irgendwie weh getan zu haben, vielleicht durch mein Beileidsbrieflein, worin ich ihn auf ein Wiedersehen mit der Seligen im Jenseits verwies. Er hatte zwar das Knabenseminar durchgemacht, aber seit der siebenten Klasse glaubte er an nichts mehr.

So war's ein paar Wochen, da trafen wir uns eines Abends zufällig auf dem Glacis. Wir gingen miteinander wie früher und gingen in den stillen Wald von Mariagrün hinaus.

Ein gelbes Dachshündchen hatte er bei sich, das früher nie mit ihm gewesen. Es watschelte jetzt kurzbeinig neben ihm her. Manchmal, wenn uns Leute begegneten, flüchtete sich das Tier an den Johann, hob das rechte Vorderbeinchen auf und winselte ein wenig. »Weil ihm einmal einer hart aufs Pfötel getreten ist,« sagte mein Begleiter. Ich hob ein Stückchen Holz auf und wollte dem Hunde »Apportel« werfen. Der Johann nahm es mir aus der Hand: »Das wollen wir bleiben lassen.« Im Walde, auf einem Holzblock, sind wir lange gesessen, bis in die Nacht hinein, und dort hat er mir's erzählt.

Unser Haus, so begann er, steht ganz oben auf einem Hochland. Weitum sieht man die Almen und Felsenberge, es ist schön dort. Mein Vater ist schon lange gestorben; mein Bruder führt die Wirtschaft, er ist um fünf Jahre älter als ich. Wir haben uns immer gut miteinander vertragen und er hat gegen den kostspieligen Studenten nie was einzuwenden gehabt. — Wie ich nun hinaufgelangt bin und dem Hause nahe, da kommt mir mein Bruder entgegen, über den Anger her. Lässig reicht er mir die Hand und sagt: »Ja, mein lieber Bruder! Die Mutter werden wir halt nit mehr lang' haben.« Während wir ins Haus traten, erzählte er mir kurz die Krankengeschichte. Ihr Bett stand in der großen Stube an der Wand. Ihr Gesicht kam mir viel weißer vor als sonst, ihr Haar dunkler. Als sie mich sah, lächelte sie ein wenig und hob sachte die Hand. Vor der erschrak ich fast, sie war so schlank und kühl. Sie hatte doch sonst meine Hand gehabt, die da. Sie sprach leise und nicht gar deutlich, fragte, wie die Reise gewesen sei, und bemerkte, daß meinem Tuchrock linkerseits ein Knopf fehle. Den solle die Küchenmagd nur gleich einheften. Um meine Beklemmung zu verbergen, schäkerte ich ein bißchen mit dem Finetterl, dem kleinen Dachshund, der immer so gern bei ihr war, der jetzt am Fußende des Bettes lag und der trotz der neun Monate unserer Trennung mich nicht aus dem Gedächtnis verloren hatte. »Aber,« fuhr die Mutter fort, »ausschau'n kunnt'st mir besser, Hansel. Wieder so viel lernen wirst müssen, gelt?« Diese Frage war mir unangenehm, denn ich lernte — wie du weißt — gar nichts, schon monatelang. Im ersten Jahre Jus, was gibt's denn da zu lernen! »Nein, Mutter,« beruhigte ich sie, »da geb' ich schon acht, daß ich mir mit Lernen die Gesundheit nicht verderbe. Wenn nur erst Ihr wieder auf der Höh' wäret!«

Aber sie lenkte das Gespräch über ihren Zustand alsbald ab — tätschelte meine Wange und fand, daß ich ein Bartrüpel wäre. »Morgen mußt dich balbieren lassen.« Als ob ein hoher Feiertag bevorstände. Oder dachte sie daran, daß Geistliche keinen Bart tragen sollen? Am Ende wußte sie noch von nichts. Mir war bange gewesen, was sie sagen würde. Nun sagte sie gar nichts von der Sache. Plötzlich aber: »Für den Ostertag mußt du dich gar schön herrichten, Hans.«

»Für den Ostertag? Der ist ja schon vorbei, Mutter.«

»Hab' ich gesagt, Ostertag?« fragte sie verloren. »Wie närrisch lauter, daß mir jetzt der Ostertag in den Kopf kommen ist. Jetzt aber schau, daß du was zu essen kriegst.« Und ordnete an, daß mir Schöberl gebacken und Kaffee gekocht werde.

Während des Essens in der Nebenkammer war ich völlig beruhigt. Allzu bedenklich kam mir die Mutter nicht vor. »Auch hat sie keine Schmerzen, kein Fieber.«

Mein Bruder saß am Tisch, mir gegenüber, und schaute mir zu, wie ich mit dem großen Löffel voll Eierkuchen in den Kaffee fuhr, um so beides gleichzeitig in den Mund zu bekommen. In der Stadt gibt es so was nicht und ist's doch das beste auf der Welt. Ja — zur selbigen Stunde hat's noch geschmeckt.

»Daß sie kein Fieber hat, meinst du!« sagte der Bruder. »Jetzt ist die Hand kalt; wart' eine halbe Stund'! Und wenn du um zwei Stunden früher gekommen wärst, hätt'st schon auch von der Atemnot ein bissel was wahrnehmen können. Ich sag' dir's, es ist nicht zum Aushalten, nit einmal beim Zuschauen. Und die Schwächen! Heben und legen! Du laßt dir's gut sein in der schönen Stadt und weißt nit, was daheim für ein Kreuz ist.«

Jetzt fiel es mir erst ein, daß ich ihn hätte einladen müssen, beim Schmause mitzuhalten. Bei den vielen Stadthöflichkeiten verliert man die Bauernhöflichkeit. Und gerade die sättigt. Am meisten aber dann, wenn man sie nicht hat und sein Schöberl mit Kaffee allein ißt.

Es war finster geworden, da ging ich noch einmal zur Mutter hinein. Aber sie schlief. Ganz leicht und ruhig. Da schlich ich hinauf in die Bodenkammer, wo mein Bett stand. Nach dem langen Marsch in der kühlen Bergluft und mit einer gewissermaßen gelösten Spannung hoffte ich bald und fest einzuschlummern. Aber das kam anders. Der aufgegangene Mond legte durch die Fenster — wie du gern sagst — zwei weiße Tücher auf den Fußboden. Ich konnte in der Kammer alle Gegenstände ausnehmen; den alten geschnitzten Kasten, das Spinnrad und den Garnhaspel, den Vogelkäfig und das Glasbild der heiligen Dreifaltigkeit. Aus allem strömte mir Kindeserinnerung entgegen, und mitten in all den Erinnerungen stand die Mutter. Da fing mir an bange zu werden, ganz leise zuerst, allmählich beklemmender, bis die Unruhe so groß ward, daß ich aufstand. Ich kleidete mich an und wollte hinausgehen in die Mondnacht. Gar vorsichtig stieg ich die altbekannte Holztreppe hinab, trat noch leise in die Stube, um meinen Hut vom Wandnagel zu holen — und fällt jetzt hinter mir die Tür stark in den Falz. Als ich außen am Hause entlang gehe, kommt um die Ecke mein Bruder, der noch seinen Wachtgang durch den Hof gemacht hatte.

»Wenn du das Ausgehen bei Nacht schon nicht graten kannst,« sagte er, »so schlag' wenigstens die Stubentür nit so zu.«

»Ich habe nicht gedacht daran, daß sie so schwer zufällt,« war meine Entschuldigung.

»Du denkst an vieles nit. Weißt du, daß ich's nit hab' mögen übers Herz bringen, der Mutter von deiner Schand' zu erzählen?«

»Von meiner Schand'?«

»Wie du der ganzen Familie Schand' bringst statt Ehr'!«

»Gidi!« Das hat sich aufgestrammt in mir, bis hart ans Dreinschlagen. Ich weiß nicht, woher ich im Augenblick die Überlegung hergenommen habe. Es kam unversehens. Es war kaum zu verwinden. Aber drinnen schläft die Mutter. Und sagte ich ruhig zum Bruder: »Du meinst, weil ich nicht geistlich werden mag.«

»Und lieber ein Advokat wirst, ein Prozeßspinner, ein Bauernschinder!«

»Darüber,« sage ich, »wollen wir ein andersmal reden. Jetzt muß ich dir dankbar sein, daß du es der Mutter verschwiegen hast.«

Er stand ein paar Augenblicke ruhig vor mir, dann sagte er: »Was hast denn eigentlich zu tun gehabt, jetzt in der Stuben?«

»Das kannst du dir wohl eh denken, wenn die kranke Mutter drin liegt. — Natürlich erbschleichen.«

Es war da, das furchtbare Wort. Es war gesagt, ohne gedacht zu sein. Es war nimmer einzufangen. Aber mein Bruder fuhr nicht wild auf, wie etwa bei seiner Natur zu erwarten gewesen. Er tat nichts desgleichen, als ob er das Wort so verstanden hätte, daß das Erbschleichen um diesen Hof herum in der Luft läge. Er ging langsam gegen das Haustor. Ich kam mir schier händelstifterisch vor wie der Elmischbauer, der als Hetzer und Raufbold in der ganzen Gegend gefürchtet war. Dem Bruder ging ich nach und sagte: »Ich habe in der Stube meinen Hut geholt und nichts anderes.« Dann habe ich mich gewandt und bin am Feldrain dahingegangen.

Die Luft war kühl, das Gras feucht, die Fichtenbäume des Raines mit ihren kurzgeschneidelten Ästen legten schwarze, schmale Schattenstreifen über die Matte hin. Aber von einer friedsam-stillen Nacht habe ich nichts gewahrt. In mir tobte ein grausam Ungewitter, wie mein Lebtag noch nie. Wirre Empfindungen durchwirbelten mich, wie Blitze in der Sturmnacht durchzuckten Gedanken meinen Kopf — keiner ließ sich festhalten. Also das ist geschehen. Das hat müssen geschehen. An diesem Tage, da ich heimkomme nach so langer Zeit. Da hat's geheißen: Talent! Studieren! Auf was, danach wird der Junge gar nicht gefragt. Natürlich auf Geistlich. Und jetzt — ein Todfeind! Und es ist der Bruder. — Ich ging am Raine dahin bis zum Wald. Als ob dort was wäre, das mich zur Ruhe kommen lassen müßte. Aber die Unholde wüteten fort, im Wald wie am Raine und von jeder Empfindungswelle die letzte: Jetzt ist alles aus. — Zorn war's nicht mehr. Aber Entrüstung über mich selbst. Und über den Schimpf, den ich ihm angetan. Und ist doch nicht so gemeint gewesen. Der Vorteile wegen, die nun verspielt waren — ich pfeife darauf. Aber mit der Mutter den Bruder verlieren, den einzigen Verwandten, kann ich sagen, und mit ihm die Heimat. Und mit der den Kindheithimmel — alles auf einmal.

Endlich kehre ich wieder um gegen das Haus. Ich wollte zu Gidi gehen und ihm's abbitten. Ich habe viel gebraucht von unserem Elterngut, wollt' ich sagen. Ich bedarf nichts weiter. Nur das dumme Wort verzeihe mir! — Dieser Vorsatz war das einzige Mittel, mir die Gemütsqual zu erleichtern, daß ich nicht wahnsinnig wurde unter ihr. Jetzt war mir aber auch auf einmal wieder so leicht, daß ich merkte, wie naß meine Stiefel geworden. Morgen früh wird mich die Mutter auszanken, weil sich der junge Leichtsinn den Schnupfen holt.

Daß ich stundenlang fortgewesen, deucht mir wohl möglich, es konnten auch Tage gewesen sein. Die Schlafkammer meines Bruders war offen und — leer. In der großen Stube war Licht. Natürlich! Er ist noch in der Nacht zur Schwerkranken gelaufen, um sich zu rächen. Um sie zu fragen, ob der Ausreißer und Bauernschinder von der Erbschaft auch so viel abbekommen soll, als der — andere, der den Hof aufrecht hält und den Eltern die einzige und letzte Stütze gewesen ist! — Da wollen auch wir dabei sein. Es scheint, ich brauche ihm nichts abzubitten, und der ehrliche Zorn hat doch das richtige Wort gefunden. Es war doch das richtige! — Und so kam es neuerdings über mich.

In die große Stube tretend sah ich einen weißgedeckten Tisch und darauf zwischen Kerzen das alte Kruzifix, das sonst im Wandwinkel steht. Die Leute des Hauses waren versammelt, knieten mitten auf dem Fletz und an den Wänden und beteten laut den Rosenkranz. »Der für uns mit Dornen gekrönt ist worden.« — Am Bette stand ein Priester im Chorrock und Stola. Er hob eben die kleine weiße Hostie zu den blassen Lippen der Bewegungslosen. Ich drängte mich durch und wollte zu Häupten des Bettes. So viel sah ich gleich, es war keine Kranke, es war eine Sterbende. Ich will zu ihr, ihre Hand fassen, ihr ins Gesicht schauen, zu ihr sprechen ... Meine Mutter! — Sie drängten mich vom Bette weg. —

Johann Stadlhofer hatte von einem Fichtenbaum ein Ästlein abgebrochen, das zerriß er jetzt heftig mit beiden Händen und drehte die Zweige ineinander wie zu einem Strick. Dann ließ er das Reisig zu Boden gleiten. Das Hündlein lag zu seinen Füßen zusammengerundet. Man sah in der Flanke sein Atmen. Endlich knurrte es ein wenig. »Spricht im Traum,« sagte der Johann. Dann erzählte er weiter.

Am Fußende des Bettes ist mein Bruder gestanden. Nur die graue Hose an, sonst im Nachtkleide, verwüstet, versteinert die Züge. Es war, als ob er dem kleinen Finetterl zuschaute, der jetzt über die Bettdecke hin gegen ihr Haupt kroch. Dabei hat das Tier matt gewinselt. Er nimmt es mit einer Hand und wirft es auf den Fußboden hin. Da hat es nicht gewinselt, das ist nicht das ärgste. Auf den kurzen Beinchen watschelte es unter das Bett hinein. Die Leute beteten mit eintönigem Gesumme den Rosenkranz. »Der für uns das schwere Kreuz getragen hat.« — Ich drängte mich neuerdings zur Mutter vor, da stand der Priester ein wenig seitlings. Ich werde sie laut gerufen haben, sie lag bewegungslos mit halbgeschlossenen Augen. Manchmal hob sich ihre eingefallene Brust. Da schob der Priester mich sachte weg, er hatte ihr ja die letzte Ölung zu geben. Aber mir war gewesen, als ob ich von ihren Lippen das Wort Johann hätte flüstern gehört. Dann ist ein grelles Aufwimmern unter dem Bett — fast wie ein Mensch wimmert. Den Hund hatte jemand mit dem Stiefel auf die Pfote getreten. Der Priester stand nun zu ihren Füßen mit dem heiligen Öl. Wie ich mich an ihm vorüber wieder hindrücke, sagt mein Bruder ganz laut: »So geh doch hinteri, du bist ja dem Geistler im Weg!« Mich auf ihn stürzen, einen Faustschlag ins Gesicht? Aber die Arme bewegten sich nicht, sie waren lahm. — Ist es nicht auch so, wenn man träumt? Dieweilen fortwährend das Murmeln des Rosenkranzes bis zur Stelle: »Der für uns gekreuzigt ist worden.« Und während eine alte Magd ihr eigenes Beten unterbrach, um auf mich deutend zu sagen: »Nit amal mitbeten tuat er!« gab der Priester ein Zeichen, sie sollten aufhören. Da brachen sie mit dem Gebet ab und er sagte feierlich: »Der Herr geb' ihr die ewige Ruh'.« —

In unserem Walde bei Mariagrün war es dunkel geworden, zwischen den Baumwipfeln flimmerten Sterne herab.

Und so, sagte der Johann Stadlhofer, ist meine Mutter gestorben. — Dann redete er weiter:

Ich habe nicht mehr hingeschaut und bin auf meine Bodenkammer gegangen. Dort im Wandwinkel bin ich gesessen in der Morgenröte mutterseelenallein. Nein, so nicht. Oder doch. Mir war fast leicht, fast als ob die abgeschiedene Mutterseele bei mir wäre in der Kammer. Dann habe ich vor der Tür das Hündlein wimmern gehört, das habe ich hereingelassen, und das ist mein lieber Kamerad gewesen. Wir zwei Waisen. Das treue Tier, das in letzter Zeit immer bei ihr gewesen, hat mir alles ausgerichtet, was sie mir selber nicht hat sagen können.

In diesen Tagen, wenn der Bruder und ich aneinander vorübergingen — ich weiß nicht, ob wir uns gegrüßt haben — gesprochen haben wir nicht ein Wort miteinander. Nach dem Begräbnis, als ich ohne alles weitere fortgehen wollte, winkte er mich unter die Lindenbank, er habe mir Mitteilungen zu machen. Alles auf einmal ab, das ist das beste, dachte ich, setzte mich aber nicht nieder, sondern stand vor ihm. Und zeigte durch Gebärden, daß es nicht etwa aus Hochachtung geschähe, vielmehr aus Stolz eines Mannes, der nicht neben jedermann sitzen mag.

»Die Mutter hat mir aufgetragen, daß ich dich von ihr noch einmal grüßen soll,« so begann er leichthin.

»Schön Dank,« sagte ich, »sie hat mir den Gruß schon durch wen andern übermittelt, der —« mein Vertrauen hat, wollte ich beisetzen.

»Wie du in der Nacht auf den Rain gegangen bist, oder weiß Gott wohin es so nötig war, bin ich bald darauf gerufen worden. Da sehe ich's gleich, 's ist zum Sterben bei ihr. Nach dir hat sie verlangt, und weil wir dich nit haben erwarten können, hat sie mir's für dich aufgetragen. Du kriegst vom Elterngut das, was ich krieg'. Wirst über deine Studienkosten hinaus noch an fünfzehnhundert Gulden beim Hof guthaben. — Die Mutter laßt dir Glück wünschen zu dem Stand, den du dir selber gewählt hast.«

»So hast du ihr's doch gesagt?!«

»Ich? Mich geht das weiter nix an. Seit einem halben Jahre redet die ganze Gegend davon. Anfangs hat's die Mutter hart genug genommen — was weißt du! Du weißt gar nix.«

»Aber sie hat doch kein Wort zu mir gesagt!« rief ich aus.

Er schupfte seine Achseln auf.

Nun habe ich ihm beide Hände vorgehalten: »Bruder, jetzt ist mir leicht. Seit ich weiß, sie hat's mir verziehen und sie gibt mir den Segen. Auch mit dir will ich auf gleich sein, Gidi.«

»In kurzer Zeit hast dein Geld, nachher sind wir zwei auf gleich.«

»Ich verlang's nicht, Bruder, ich brauch's jetzt nicht. Nein, ich werde dich nie drängen, ich verspreche dir's.«

Er stand von der Bank auf. »Die Magd wird dir das Essen richten, eh du gehst. Ich muß jetzt zum Pfarrer.« Einen kaum merklichen Deuter mit der linken Hand — so ging er davon. —

Solches hat der Johann Stadlhofer mir erzählt im nächtigen Wald bei Mariagrün. Dann ist er aufgestanden und wir sind stumm nebeneinander hergegangen über den Rosenberg in die Stadt. Ich konnte mit der Sache nicht fertig werden. Mir war die Ursache nicht klar. Mir schien, als sei hier aus nichts etwas geworden, das nun nicht mehr aus der Welt zu bringen ist.

»Ich hab' zuerst gemeint,« sprach plötzlich mein Weggenosse, »es wäre jenes häßliche Wort, das ihn so sehr getroffen. O nein. Da lassen sie sich zehn Erbschleicher eher gefallen, als einen Advokaten, der einmal Geistlich hätte werden sollen.«

»Und das,« antwortete ich, »soll dir genug sein. Es ist doch ein braves Stück von deinem Bruder, daß er dir's hat ausgerichtet.«

Wir gingen wieder still nebeneinander hin. Bis in die Stadt. Das Hündlein watschelte vor uns her im Straßenstaub. Wir kamen zur Stelle, wo unsere Wege auseinandergingen. Da reichten wir uns schweigend die Hand. Und darauf sagte er es ganz leise und betrübt, als das letzte Wort: »Mir tut's halt leid.« —

Wenn ich nicht damit schließe, sondern noch etwas erzähle, was nach zehn oder zwölf Jahren erst eingetreten ist? Vielleicht will es ein Engel bekannt machen, daß für Menschenbrüder, die von einem unseligen Dämon auseinandergehalten werden und die doch wieder gerne beisammen wären, Rat zu finden ist.

Der Gidi Stadlhofer hatte längst schon Weib und Kind und sein Anwesen stand in Ansehen, als er eines Tages seinen Nachbar totschlug. Im Wirtshaus am Wasser war's. Die Leute hatten sehr viel getrunken. Der Elmischbauer, ein berüchtigter und vielbestrafter Raufbold, war da, schleuderte zuerst der Kellnerin ein unflätiges Schimpfwort zu und wiegelte alles auf, um dann mit dem Messer dreinzustechen. Da erfaßte der Gidi in der Küche einen eisernen Kochtopf und mit einem Hieb streckte er den Unfriedstifter zu Boden. Aus war's. Der Gidi gönnte sich nicht ein einziges Wort der Rechtfertigung. Das Weinen hörte man weitum, als er von seiner Familie Abschied nahm für mindestens acht Jahre. Aber nachher in der Kreisstadt die Herren meinten, so schlimm würde es nicht sein; wenn er Glück habe, so komme er mit zwei Jahren davon. Da kam auch der Advokat Dr. Johann Stadlhofer und sagte: »Wenn ich Glück habe, so kriegt er auch die nicht!« und erbot sich zum Verteidiger. Seine Rede bei der Verhandlung wußte so überzeugend den braven Charakter des Angeklagten darzustellen und zu beweisen, daß gerade sein Gerechtigkeitssinn und sein Abscheu vor jeder verbrecherischen Gewalttat die Ursache seines Werkes gewesen sei, ein Werk, das in der Gegend nur als Befreiungstat, nicht als Verbrechen empfunden werde. Und die ganze Glut der Bruderliebe kam bei seiner Verteidigungsrede zum Ausdruck. Die Geschworenen haben den Gidi Stadlhofer freigesprochen.

Und war es allerdings an der Zeit, daß dieser zum Bruder ging mit dem Bekenntnisse, daß unter Umständen doch auch ein Advokat nicht zu verachten ist.