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Geschichten aus Steiermark

Chapter 19: Der Bahnwächter.
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About This Book

A series of short narratives and sketches set among remote Styrian mountain communities, portraying everyday life, local customs, folk beliefs, and encounters with nature and the uncanny. The tales vary in tone from humorous village anecdotes to somber reckonings with loss and hardship, and often weave legend and superstition into domestic scenes. Emphasis falls on landscape, social relations, and vernacular color, with close observation and plainspoken narration that highlight how people endure harsh surroundings, preserve traditions, and respond to fate.

Der Bahnwächter.

In Karnburg hielt der Eilzug an. Der Stationsvorsteher eilte erschrocken herbei, denn der Eilzug hatte programmäßig nicht zu halten in Karnburg. Einem Abteil erster Klasse entstieg ein kleiner ältlicher Herr in dunklem Anzug; in seinem verwitterten Gesicht zuckten die Muskeln, und indem er dem Schaffner winkte, daß der Zug weiterfahre, rief er in kurzausgestoßenen Atemzügen dem Vorstande zu: »Wächterhaus Numero 180! Der Mann auf 180. Rufen Sie ihn sofort herbei!«

»Wir haben hier keine Telephonverbindung, Herr Oberinspektor. Ich will einen Arbeiter nach ihm schicken.«

Nach einer halben Stunde kam der Arbeiter von der Strecke zurück; schnaufend berichtete er: »Der Bahnwächter auf Numero 180 kann im Augenblick nicht ab, es fährt in wenigen Minuten der Postzug durch.«

»Er kann nicht ab?« sagte der Oberinspektor scharf und rieb sich das glattrasierte Kinn. »Ei, ei, er kann nicht ab — der gewissenhafte Mann. Als aber der Schnellzug durchfuhr, da konnte er ab. Da konnte er ab! Ich sah es vom Fenster aus, wie der Mann den Zug Zug sein ließ und über die Wiese hin gegen die Weidenbüsche lief. Am Wächterhaus stand nicht eine Katze. Eine solche Gewissenlosigkeit ist mir seit dreißig Jahren nicht vorgekommen. So recht auffällig, wie aus reiner Bosheit, lief er vor dem durchfahrenden Zug davon in die Büsche hin. Und dann hat's die Direktion auf dem Buckel, wenn das Unglück geschieht. Ich werde kurzen Prozeß machen. Herr Vorstand, halten Sie einen provisorischen Wächter bereit.«

Mit schnellen Schritten ging der Erzürnte den Platz vor dem Bahnhofe hin und her. Der Postzug fuhr ein und nach kurzer Zeit wieder ab, und wenige Minuten später keuchte auf dem Bahnkörper der Gerufene heran. Sein Kleid war feucht und es schien, als klebe es stellenweise am Leibe.

Der Oberinspektor ging ihm rasch entgegen: »Sie sind der vom Wächterhause Numero 180?«

»Jawohl —«

»Der Herr Generalinspektor spricht mit Ihnen!« raunte ihm der ebenfalls herbeigeeilte Vorstand zu, worauf der Wächter eine ehrerbietige Verneigung machte.

»Wollen Sie mit ins Bureau kommen!« gebot der Inspektor und ging voraus. Und dort begann das Verhör.

»Wie heißen Sie?«

»Franz Heimgartner.«

»Sagen Sie, Heimgartner, wann fährt der Eilzug Numero 5 an ihrem Wachposten vorüber?«

»Nachmittags 3 Uhr 24 Minuten, Herr Oberinspektor.«

»Auch heute so?«

»Auch heute.«

»Waren Sie auf dem Posten, als er vorüberfuhr?«

Der Wächter blieb ein Weilchen ohne Antwort zu geben, aber nicht, weil er etwa nicht wußte, was zu sagen war, vielmehr um zu überlegen, wie das, was er vorzubringen hatte, gesagt werden müsse.

»Herr Oberinspektor,« sprach er dann, »ich weiß wohl, daß ich schwer gefehlt habe. Aber es war nicht anders möglich!«

»Es war nicht anders möglich?« wiederholte der Herr und dehnte die Worte zum Zeichen höchster Verblüffung.

»Jeder würde es an meiner Stelle getan haben, tun haben müssen,« sagte der Wächter.

»So! Na, da bin ich aber doch begierig zu erfahren, weshalb Sie davonlaufen mußten, als der Eilzug herankam und Sie vorschriftsmäßig auf Ihrem Posten zu stehen hatten?«

Der Franz Heimgartner zerrte ein wenig so an seiner Mütze herum, dann begann er: »Es ist ja leicht einzusehen. Ein Kind, das ins Wasser gefallen war.«

»Ein Kind ins Wasser gefallen?«

»Schon seit Mittag sah ich auf der Wiese, vom Wächterhaus hin, einige Kinder von umliegenden Bauernhöfen herumlaufen. In den Büschen versteckten sie sich, kletterten auf die Weide und schaukelten. Wenn nur keines ins Wasser fällt! habe ich mir gedacht, unter den Weiden rinnt ja der Fluß. — Weiter habe ich ihrer nicht geachtet, es ward der Eilzug signalisiert. Der rollte bald heran, und wie ich mit meinem Fähnlein mich an die Strecke stelle, lauft vom Flusse her ein Junge und schreit: Ins Wasser gefallen! Ich springe über den Bahnkörper, über die Wiese hin, durch das Gebüsch zum Wasser und sehe, wie ein Kind mit dem Baumast, an dem es sich noch gehalten, davonrinnt. Bei so was schwimmt der Mensch, auch wenn er's nicht gelernt hat. Mich hat's nicht schlecht gewundert, daß ich's kann und wie ich den Knaben heraußen auf dem Rasen habe. Er hat stark gesoffen gehabt und es gibt zu tun, bis er so weit bei sich ist. Derweil sind Leute gekommen und ich denke an meinen Zug. Mein Gott, wo ist mein Zug! Verunglückt, das sah ich, ist er auf meiner Strecke nicht, — so war ich halt zufrieden.«

Der Oberinspektor hatte aufmerksam zugehört und nun sagte er ganz schlicht: »Also zufrieden waren Sie! Ich bin es aber nicht, daß Sie's nur wissen, und ich denke, daß Sie gestern Ihren letzten Dienst versehen haben, wenn es der Fall war. Denn heute haben Sie ihn nicht mehr versehen.«

»Aber eine Lebensrettung, Herr Oberinspektor!« wagte der Stationsvorstand einzuwenden.

Der Herr blickte diesen betroffen an. »Sie sagten: Eine Lebensrettung, Herr Stationsvorstand. Wissen Sie, wir nehmen auf unserer Strecke keine Beamten auf, damit sie allfälligen Rangen auf Feld und Flur das Leben retten. Wir haben sie, damit sie über das Leben derer wachen, welche sich unserer Eisenbahn anvertrauen. Während das eine Leben gerettet wurde, konnten ein paar hundert andere auf der Strecke verunglücken — wie?«

»An das habe ich wohl nicht gedacht,« sagte der Bahnwächter.

»Es scheint! — Was haben Sie denn gedacht?«

»Ich habe nichts gedacht. Ich habe nur gedacht: Jesus Maria, das Kind ist ins Wasser gefallen.«

»Ja sehen Sie. Wenn Sie in dem Augenblick, als ein vollbesetzter Zug herankommt und Ihre ganze Aufmerksamkeit heischt, nicht an den Zug denken, sondern an das, was draußen auf der Wiese fliegt und kriecht, da können wir Sie nicht brauchen. Das sehen Sie doch ein.«

»Ich sehe es ein, Herr Inspektor, ich habe schwer gefehlt; möchte aber halt doch bitten —«

»Sie sehen es ein und bereuen es?«

»Ich möchte halt wohl bitten, Herr Oberinspektor. Ich habe ja sonst meinen Dienst immer gewissenhaft verrichtet. Der Herr Stationsvorstand wird's auch sagen.«

»Er ist schon fünf Jahre auf dem Posten,« bestätigte der Vorstand, »und hat nicht den geringsten Vermerk.«

»Na, gut. Also Heimgartner, Sie bereuen es und versprechen heilig, daß dergleichen nicht mehr vorkommt?!«

Der Bahnwächter schwieg.

»Sie versprechen mir das, Heimgartner?«

Dieser zuckte die Achseln.

»Ich frage Sie, ob Sie das versprechen?«

»Mein Gott,« sagte der Bahnwächter mit schwankender Stimme, »wie kann man denn so was versprechen! Wenn halt ein Mensch in Todesgefahr ist und man kann zugreifen, so denkt man nicht erst: Soll ich das? Darf ich das? — Man tut's

»So. Man tut's, sagen Sie. Und werden Sie mit eigener Lebensgefahr auch einen Eisenbahnzug retten?«

»Da wird der Mensch auch nicht viel denken: Das ist deine Pflicht. Man tut's bloß. Und wenn ich ein Bauer bin auf dem Felde, oder ein Straßenvagabund, dem es strenge verboten ist, den Bahnkörper zu betreten; wenn ein Eisenbahnzug in Gefahr ist und ich kann beispringen, die Weiche richtig zu stellen, oder so was, so tu' ich's.«

Der Inspektor konnte schon nicht erwarten, bis der Wächter ausgeredet hatte. »Heimgartner,« sagte er, »für die Strecke sind Sie nicht zu brauchen. Sie stellen sich großmütig in den Dienst der Menschheit, wir aber müssen von unseren Leuten verlangen, daß sie sich in den Dienst unserer Bahn stellen. Dafür werden sie bezahlt, und nicht dafür, daß sie eine Rettungsgesellschaft für alle Welt bilden sollen. Mit der nächsten Post erhalten Sie den Laufpaß. Basta!«

Der Franz Heimgartner zuckte wieder die Achseln, verneigte sich und ging zur Tür hinaus.

Draußen stand ein alter, gebückter Mann, dem das weiße Haar auf die Schulter niederhing. »Ist er das?« fragte dieser einen Beamten und zeigte mit dem Finger auf Heimgartner. »Ihr seid es? Aber seid Ihr's denn richtig, Mensch? Seid Ihr denn nicht noch naß? Ach, freilich seid Ihr's!« so rief der alte Mann leidenschaftlich dem Bahnwächter zu und torkelte auf ihn hin, erhaschte seine Hand und drückte seinen Mund darauf und seine Wange. »O du Hand, du! O du liebe, brave Hand, du! Mein Buberl hast mir aus dem Wasser gezogen. Mein einzig's Herzensbuberl. Weg wär's! In den Fischerlhimmel wär' es gefahren! Nasen und Mund voller Schlamm, so hätten sie's herausgezogen morgen oder übermorgen. Hi, hi, hi, so lass' mir's doch, Bahnwächter, diese brave Hand, du, du!« — Und er hörte nicht auf, sie zu herzen und zu küssen, und dabei lachte er grell.

»Aber Großvater!« rief hinter ihm ein jüngerer Mann, »seid nicht kindisch! — Ihr müßt ihm schon verzeihen, Bahnwächter. Er ist halt ganz aus dem Häusel. Geht mir selber nicht viel besser. Verscheidenläuten täten sie jetzt auf dem Kirchturm, wenn ihr nicht wäret gewesen. Wie dem Nachbarsdirndl wär's ihm ergangen, unserem Friedl. Das Mädel ist auch so ertrunken vor zwei Jahren. Mein Gott, jetzt bin ich hergekommen und weiß nicht, was ich soll sagen. Mein bestes Paar Ochsen — gern, gern. Für so was kann man nicht danken genug! Und die Milch sollt Ihr haben, so lang' Ihr sein werdet auf dem Wächterhaus.«

»Ich werd' nicht mehr lange drauf sein,« sprach der Bahnwächter und lachte bitter.

»Gelt nein! Gelt nein!« rief der junge Bauer. »Ihr tut jetzt avancieren und das g'hört sich auch. Nur sagen tut es, was wir Euch geben dürfen. 's ist unser erstes Kind — und leicht auch unser letztes. Der Donner noch einmal! Daß der Fratz immer so herum zu kranzen hat beim Wasser! Ist er nur erst ganz trocken, der kriegt's! Der kriegt's von mir!« — In Zorn hatte er sich geredet und mit dem Arm machte er die Bewegung des Züchtigens.

In demselben Augenblick kam die Mutter mit dem Knaben herbei. Der war schon trocken und hatte sein Sonntagsgewand an. Und hatte noch einen roten Hals, weil er daran gerieben worden war. Als der Bauer sein Söhnlein sah, sprang er drauf hin, riß es vom Boden empor an seine Brust mit Leidenschaft. Das war wohl die ganze Züchtigung dafür, daß der Junge auf den Weidenbüschen immer so »herumkranzte« und ins Wasser fiel. — Die Bauersfrau war gekommen, um in bewegenden Worten ihr dankbares Herz auszuschütten vor dem Lebensretter. Nun stand sie vor ihm und schluchzte in die Schürze und konnte kein Wort hervorbringen, und schämte sich, daß sie gekommen war, um ihm vorzuweinen. Plötzlich fuhr sie auf und schrie zornig dem Knaben zu: »Nau, wirst gehen!? Bedank' dich bei ihm, daß d' lebst!«

Der Bahnwächter stand betroffen da und wußte nichts zu sagen. Da legte der Oberinspektor ihm die Hand auf die Achsel und schnarrte barsch: »Das muß Sie ja freuen, Heimgartner! — Sagen Sie einmal, wollen Sie nicht nach Wien? Ein Mann mit der Rettungsmedaille findet leicht eine Stelle. Bei der Sicherheitswache, oder als Flußaufseher, oder in einem Bureau. Besser wie auf der Strecke geht's Ihnen überall, und was in meinen Kräften steht — —«

Der Heimgartner besann sich. Dann sagte er: »Schön' Dank, Herr Oberinspektor. Ist gut gemeint. Aber weil ich schon einmal zufällig frei geworden bin, so will ich ein bissel frei bleiben. Vielleicht läßt sich auch außer Dienst was schaffen!«

Der Oberinspektor hatte wieder begonnen auf dem Platz lebhaft hin und her zu gehen. Dabei knurrte er: »Außer Dienst, natürlich! Außer Dienst!« Plötzlich blieb er stehen vor dem entlassenen Bahnwächter: »Sie haben recht. Die besten Dinge geschehen außer Dienst!«