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Geschichten aus Steiermark

Chapter 20: Die schlaue Almerin.
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About This Book

A series of short narratives and sketches set among remote Styrian mountain communities, portraying everyday life, local customs, folk beliefs, and encounters with nature and the uncanny. The tales vary in tone from humorous village anecdotes to somber reckonings with loss and hardship, and often weave legend and superstition into domestic scenes. Emphasis falls on landscape, social relations, and vernacular color, with close observation and plainspoken narration that highlight how people endure harsh surroundings, preserve traditions, and respond to fate.

Die schlaue Almerin.

»Jetzt möcht' ich schon wissen, ob dieser Jager denn nit zum derwischen ist!« sagte die schöne Heidel zu sich. Sie redete nämlich immer laut mit sich selber, wenn sie allein war; sonst wird es schon immer einmal zu langweilig, wenn der Mensch nicht sein Diskursel führen kann so unterwegs auf die Alm. Die Heidel hatte aufgepackt, sie war um und um voll Milchreinen, die an den Henkeln zusammengebunden über ihren Achseln hingen, so daß man sie wundershalber mit einem Tonplutzer vergleichen konnte, der einen hohlklingenden Ton gibt, wenn man mit dem eingebogenen Finger an ihm klöpfelt. Oder sie hätte zur Not auch eine aufrechtstehende Schildkröte — eine sehr große — vorstellen können, bei welcher aber das Köpflein aus den Schalen frei hervorstand, was ein großes Glück war. Gelb und rot steht ums Himmelswillen ja nicht zusammen! Na, das wollen wir erst einmal sehen, ob dieses Haar, das so gelb ist, wie die reife Weizenähre im Schnitt, und dieses Rundgesicht, das so rot ist, wie eine Mohnblume im Korn, nicht zusammenstimmt! Ganz kurios! Und wenn man noch die Kornblumen ihrer Augen dazutut, so hat man das ganze Kornfeld beisammen und es fehlt nur der Schnitter.

»Das muß doch derlogen sein, daß dieser Jager nit zum derwischen ist!« sagte die Heidel zu sich, und der Schreiber muß schon närrisch in das Ding verliebt sein, weil die Beschreibung so gespreizt und konfus ausfällt. Ein frisches Dirndl, das mit Milchreinen beladen auf die Alm geht — punktum, das ist deutlich genug.

Der Jäger vorne, der zwischen jungen Kiefern und Lärchen mit seinen nackten Knien so gelenkig ansteigt, scheint wirklich nicht die Absicht zu haben, von einer jungen Almerin sich derwischen zu lassen, auch wenn sie mit den Tonschüsseln klappert. So wie sie Geselligkeit suchte, schien es ihm gerade einmal um Einsamkeit zu tun zu sein im grünen Wald. Endlich hatte sie ihn aber doch, und als er auf ihren Anruf: »Stad, Jager, stad, daß dich der Wind nit draht!« stehen blieb und zurückschaute, rief sie wie jauchzend aus: »Uh Jesseles! Na, das hat sich jetzt einmal ausgezahlt, daß ich mir schier die Lungel abgelaufen bin!« Denn der Jäger war durchaus nicht so jung, als es nach seinem frischen, geschmeidigen Ansteigen zu vermuten gewesen wäre, er hatte einen grauen Schnurrbart und das verwitterte Gesicht konnte durch die Schatten des breitkrämpigen Älplerhutes nicht mehr mit Belang verdeckt werden.

Der Jäger blickte dieser angehenden Weggenossin lächelnd zu und fragte: »Nun sage doch einmal, was hat sich denn ausgezahlt?«

»Weil ich glaubt hab', es wär' ein Jüngerer!« rief sie hell aus, und setzte lachend, daß es nicht so schlimm gemeint sei, dazu: »Ich bin die jungen Jager halt gewohnt.«

»So! Ich glaube dir's gern.«

»Wenn das Hirschel schon derschossen sein muß, so steht's alleweil nur den Jungen an. Die Alten sollen froh sein, daß sie selber leben.«

»Sind nicht auch die Jungen froh, daß sie leben?«

»Na, ich denk' wohl, daß sie froh sind,« sagte das Dirndl. »Daß sie halt mit dem eigenen Leben frei nit zufrieden sein mögen.«

»Aha, ich verstehe dich schon,« sagte der Jäger. »Sie wollen nebenbei auch noch Hirscheln erschießen und saubere Mädeln lieben.«

»Derraten hat Er's!«

»Du scheinst es aus Erfahrung zu wissen,« sagte er und klopfte mit dem eingebogenen Finger an eine der Milchreinen.

»Gelt, einen hellen Klang hat sie?« sprach das Dirndl. »Hat auch einen Zwanziger gekostet, und wenn Er einmal in meine Hütten kommt, kann Er Milch daraus löffeln. Die Jager tun's eh gern.«

»Und bist wohl selbst im Besitz eines jungen Jägers?«

»Wer kunnt mir's verdenken!«

»Ich gewiß nicht.«

»Wenn sie mir ihn nit weggenommen hätten!«

»Weggenommen? Dir deinen Jäger? Die Weibsleute etwa?«

»Geh, die Weibsleut'! Vor denen möcht' ich mich wohl derwehrt haben, denk' ich! Von den Weibsleuten laß ich mir keinen Jager wegnehmen!«

»Von wem denn sonst?«

»Von einem, der ein bissel stärker ist als unsereins!«

»Na, da wäre ich schon begierig, wer das einem so feinen Mädel zuleid' tun könnte!«

»Das kann Er sich denken! Wer wird's denn sein, der allen armen Dirndln ihre schönen kernfrischen Burschen wegnimmt! Der Kaiser halt!«

»Ach ja so. Beim Militär ist dein Liebster! Na, ich gratuliere dir!«

»Ja, und ich bedank' mich schön!«

»Soldat sein für Kaiser und Vaterland ist jedem eine Ehre!«

»Ja, und 's Derschossenwerden? He? Wenn ich einen Schatz hab', so will ich ihn heiraten, und nit, daß ihn die Russen derschießen!«

»Pah, jeder Soldat wird nicht erschossen. Und schon gar mitten in der Friedenszeit!«

»So möcht' ich doch wissen, zu was der Kaiser mitten in der Friedenszeit Soldaten braucht!«

»Das ist einmal so eingerichtet, liebes Kind. Leider niemand kann's ändern. Ich bin auch Soldat.«

»Na, gute Nacht!« rief das Dirndl lachend aus. »Da muß Er schon schön lang' dienen!«

»Länger jedenfalls, als dein dreijähriger.«

»Was hat Er denn lauter angestellt, daß sie Ihm den Abschied nit wollen geben!«

»Es scheint, sie brauchen ihn immer noch,« sagte der Jäger, der sich auf einen Baumstock niedergesetzt hatte und an den Antworten der Almerin sein Wohlgefallen fand.

»Nachher wird Er halt so ein Öberster sein,« meinte sie, »so ein Ofizierer, oder wie sie heißen, gelt?«

»Es mag schon sein, mein Kind.«

»Und geht so im Jagern um?«

»Bisweilen.«

»Gelt, geschossen muß sein. Weil just kein Feind ist, geht's aufs Wildbret.«

»Nicht jeder Jäger geht des Schießens wegen umher. Es gibt auch andere Annehmlichkeiten dabei.«

»Mein Jager sagt's auch. Alßer lebendiger, sagt er, schaut man die Hirschlein und Rehlein lieber an, als daß man sie gleich allemal niederpufft. Tät auch nit dürfen, ist nit dazu da, daß er schießt, es müßt' ihm nur ein Wildschütz zu nah kommen. Ist angestellt, daß er das Wild tut hegen und halten, bis die großen Jachten sind und der Kaiser selber kommt. Der Kaiser tut so viel gern jagen.«

»Kommt der Kaiser also mitunter selbst in diese Gegend?« fragte der fremde Jäger.

»O, oft!« rief das Dirndl aus. »Schier alle Jahr' einmal, sagen die Leut'.«

»So hast du ihn wohl auch schon einmal gesehen?«

»Ich? Den Kaiser? Da müßt' ich lügen, wenn ich sagen wollt', wie der ausschaut. Bin erst im vorigen Jahr vom Boigtal herüber. Dort kommt er nit. Mein Franzl sagt, ein recht kommodter Herr. Und schießen! Wie der gut schießen kann!«

»So! Wirklich?«

»Freilich ist's keine Kunst, im Tag a Stuck a dreißig Hochwild strecken, wenn von der ganzen Gegend die Leut' da sind, die ihm's in den Schuß treiben.«

»Würde es der Kaiser nicht manchmal vorziehen, für sich zu pürschen, anstatt daß ein ganzes Heer von Jägern und Treibern aufgeboten wird?«

»Das wird er sich eh einrichten, wie er will. Und soll ihn der Herr Jager nur selber fragen, wenn er kommt zu den Jachten. Jesses, die heben ja schon in dieser Wochen an. Im vorigen Jahr ist der Franzl noch dabei gewesen, da hat's allemal ein gutes Trinkgeld gesetzt. Heut' steht der arme Kerl beim Regiment und hat er geschrieben, nix tät ihm so leid, als daß er bei den kaiserlichen Jachten nit kann dabei sein. — Wenn ich nur wen tät' wissen, der sich für ihn möcht' verwenden.«

»Wie heißt denn dein Jäger?«

»Ich bitt', Franz Kaltenbacher. Beim siebenundzwanzigsten Infanterieregiment. Wird sich's der Herr merken?«

»Hoffentlich.«

»Tät's nit doch sicherer sein, wenn es der Herr wollt' aufschreiben? Hat Er nix kein Papierl bei sich?«

Der Jäger zog ein Notizbuch hervor und schrieb Namen und Regiment hinein. Das Dirndl klatschte in die Hände. »Jetzt krieg' ich meinen Jager wieder!« jauchzte sie.

»Versprechen kann ich nichts, mein Kind!«

»Ich weiß schon, Herr Jager. Er ist gewiß selber ein Ofizierer und leicht mit dem Kaiser auch noch bekannt, leicht gehört Er gar zur Jacht. Es braucht nur ein Wörtl.«

»Versprechen kann ich trotzdem nichts.«

»Aufs Versprechen steh ich auch nit an, wenn Er's nur tut halten, daß der Franzl heimkommt. Vergelt's Gott. Und nix für übel, daß ich so keck hab' dahergeredt, wir grobe Bauersleut' verstehn's halt nit besser. Und jetzt wünsch' ich guten Anblick und daß dem Herrn Jager kein altes Weib begegnet!«

»Es ist schon gut! Es ist schon gut!« Mit diesen Worten winkte der fremde Jäger ab und schlug seinen Weg seitlings ein durch die Lärchen.

Das Dirndl kam mit den klappernden Reinen ganz glühend auf die Alm und vertraute es den Genossinnen, was sie für eine Begegnung gehabt hätte. Mit einem Jager von den kaiserlichen Jachten sei sie zusammengekommen, der aber ganz wer anderer ist, als ein Jager, ganz wer anderer! Mehr will sie nicht sagen! Sie hat ihn wohl erkannt, wer wird ihn nicht kennen, wo ihn jedes im Geldtaschel hat! Aber sie hat sich recht einfältig gestellt und so getan, als täte sie ihn nicht kennen, gerade wie es in den Kalendergeschichten vom Kaiser Josef zu lesen steht. Und sie hat ihm gleich vom Franzl derzählt und daß sie ihn gern daheim hätt', tausend Gottsfreuden gern daheim! Und er hat ihn in sein Büchel geschrieben. Glück muß man haben und schlau muß man sein! —

Wie es mit dem Glücke und der Schlauheit ausgesehen hat? — Sie erwartete den Franzl schon in der ersten Woche mit Sicherheit. Es wird ja gleich der Befehl ergangen sein: den Franz Kaltenbacher heimgehen lassen, der Kaiser braucht ihn zum Jagern und sein Dirndl zum Gernhaben! — Aber der Franzl kam in der zweiten Woche noch nicht, und er kam in der dritten nicht. Und er ist gar nicht gekommen vor Ende der Dienstzeit. Schlau war das Dirndl freilich, aber der fremde Jäger war auch kein heuriger Has.