Die grüne Rose.
»Jesseles, Vefa, lebst du auch noch!« rief die Großbäuerin im Möstelhof aus, als ein junges heiteres Weib zur Tür hereinhuschte. »Jetzt hab' ich gemeint, du wärst schon gestorben!«
»A na, gestorben bin ich noch nit,« lachte die Eintretende, »das tu' ich nicht, daß ich jetzt sterben tät'. Mein Lebtag hat mich 's Leben nit so gefreut, wie jetzt.«
»Gehst nit!« rief die Bäuerin aus, es war aber kein Befehl, fortzugehen, es war nur ein Ausruf der Verwunderung.
Man hatte ihr »nichts derteilt«, der Vefa, als sie vor etlichen Wochen den Schneider Viktor von der grünen Rose heiratete. Der war als Querkopf bekannt, betrieb außer seinem Handwerk die Rosenzucht und arbeitete seit Jahren daran, durch Okulationen eine Rosenart zu züchten, die eine grüne Krone und rote Laubblätter hätte. Alles andere auf der Welt war ihm Nebensache, ja er hielt die Existenz der Erde überhaupt für zwecklos, so lange sie nicht grüne Rosen trüge. Und dieser Mann, Viktor von der grünen Rose, wie er sich nannte, ging eines Tages in das Kleinhäusel und heiratete ein frisches lustiges Mädel heraus. Es ist nicht gerade so zu verstehen, als ob er sie gleich bei seinem ersten Erscheinen im Häusel geheiratet hätte, das erste Erscheinen verliert sich im Dunkel der Vorzeit. Es stellte sich aber heraus, daß er jemanden haben müsse, zum Rosenwarten, während er auf der Ster arbeitete.
»Lach' dich nur recht aus, Vefa!« hatten am Trauungstage die Leute zu ihr gesagt, »denn bei deinem Schneider wirst du nit viel zu lachen haben.«
Aber sie lachte heute noch, als sie nun eintrat bei der Großbäuerin im Möstelhof. Die Großbäuerin war eine Schulgenossin der Vefa, deshalb konnte sie wohl freundschaftlich fragen: »Daß du die Zeit her nichts von dir hast hören lassen — wie soll ich mir denn das auslegen?«
»Das könntest schier von dir selber wissen,« antwortete die Vefa lachend. »Wenn zwei jungverheiratete Leute nit mucksen, nachher kannst dir's eh denken.«
»Wie geht's denn mit ihm?«
»Grüne Rosen!« rief sie lachend. »Jetzt bin ich seine grüne Rose.«
»Gehst nit?!« rief die Großbäuerin aus.
»Ja, mein du!«
»Wär' er denn zum mögen?«
»Ich dank' meinem Gott, daß sie sich an ihm verkannt haben, sonst wär' er kaum für die arme Häusler-Vefa übriggeblieben.«
»Wenn er alleweil nur grüne Rosen züchten will und sonst nichts.«
»Laß dich nit auslachen, Bäuerin,« sagte die Vefa. »Geh her, ich will dir was sagen. Ganz gleim, so!« Sie flüsterte der Großbäuerin etwas ins Ohr.
»Gehst nit?« rief diese und schlug die Hände zusammen.
Die andere nickte mit dem Kopf, was soviel sagt, als: Ja, gewiß auch noch! Darauf haben sie alle zwei hübsch heimlich geduschelt.
»Gelt,« sagte hernach die Vefa, »gelt, Bäuerin, ich kann mich verlassen auf dich? Was du mir zu Heiligdreikönig gesagt hast, unten bei der Kirchbrucken? Weißt es nit mehr? — Weil wir alte Kameradinnen sind, allzwei. Wenn ich einmal eine Gevatterin sollt' brauchen.«
»Jesseles ja, freilich, freilich. Na, aber daß du dir gar so leicht merken tust!« sagte die Bäuerin und setzte launig bei: »Soll ich mich für einen Buben oder für ein Mädel zusammenrichten?«
»Was denn? Freilich für einen Buben!« lachte die Vefa hell auf.
»Jetzt muß ich dir aber doch gleich einen Kaffee machen gehen, weil du eine so schöne Neuigkeit gebracht hast!«
Sagte es und schoß in die Küche hinaus.
So munter war es hergegangen vor fünfzehn Jahren. Seither hatte der Schneidermeister Viktor immer die grüne Rose gesucht und die blaue Blume gefunden. Ja, fast romantisch war die Liebe der beiden Eheleute zueinander, so ganz wie im Märchen, alle anderen Menschen ausschließend und einzig nur einander lebend. Gerade mit der Großbäuerin im Möstelhof pflegte die Vefa noch der Freundschaft, denn die hatte sie blutnötig.
Also kam sie auch heute wieder in den Möstelhof. Ihr Aussehen war nicht das beste. Die gelblich-braunen Wangen eingefallen, um die Augen Schattenringe, um die Mundwinkel zwei halbrunde Runzeln, Parenthesen gleichsam, die noch leidlich roten Lippen einklammernd, als ob diese eigentlich gar nicht mehr dazu gehörten. Aber sie gehörten noch ganz kurios dazu, sie lachten auch noch so lebhaft wie vor fünfzehn Jahren, nur für den Kenner ein ganz klein wenig schrillend, wie ein Glöcklein, das irgendwo einen leichten Sprung hat.
Als sie jetzt über den Hof ging und ein Häuflein Kinder sich balgen sah auf dem Anger, rief sie ihnen zu: »Grüß euch Gott, Kinder! Tut's schon wieder raufen? Ist die Mutter daheim?«
»Die Mutter ist eh in der Kuchel,« antwortete ein etwa fünfjähriges Dirndl und tollte mit den Knaben weiter.
Als sie hernach vor der Bäuerin stand, hub sie merkwürdigerweise nicht an zu lachen. Sie redete ein wenig so herum, daß immer schlecht Wetter sei, — es war aber sehr schön und warm; daß die Berge steil wären, — sie war aber auf ebenem Wege dahergekommen; daß man die Kühe gut füttern müsse, wenn sie Milch geben sollten, — sie hatte aber keine Kuh, bloß zwei Ziegen, wovon die eine auch dann keine Milch gab, wenn man sie gut fütterte, weil sie trächtig war. — So voller Ungereimtheit war alles und die Vefa lachte noch immer nicht. Und endlich, wie sie gefragt wurde, wie es denn alleweil gehe, riß sie ihre blaue Schürze ans Gesicht und hub an zu weinen.
»Vefa!« sagte die Bäuerin. »Was ist denn das? Was hast denn? Das ist man von dir nicht gewohnt.«
Die Vefa hatte sich auf die Herdkante niedergesetzt, legte nun ihre Hände wie betend über den Schoß zusammen und sagte endlich ganz dämpfig: »Meine liebe Möstelhoferin! 's hat halt schon wieder was — bei mir ...«
»Gehst nit?!« wollte die Bäuerin ausrufen, aber der Schreck verschlug ihr die Stimme. Sie starrte auf die Schneiderin, sie legte die Hände zusammen und ging über das Fletz hin.
»Verlaß mich nit, Johanna!« hauchte die Vefa unter fortwährendem Schluchzen.
Endlich erholte sich die Bäuerin und rief aus: »Das ist ein Kreuz! Das Neunte! — Verlaß mich nit! Ist leicht gesagt. Könnt's denn gar nit gescheiter sein? Seid's doch nimmer so kindisch jung! Schamt's euch denn nit? Schier alle Jahre eins! Wenn unser Herrgott nit gescheiter wär' und nit ein Teil wieder zu sich genommen hätt'! Und wenn ich nicht die drei auf den Hof genommen hätt' — rein wie in einem Kiniglhasen-Kobel tät's ausschauen bei euch. Ihr könnt's ja die gar nit versorgen, die euch verblieben sind. Und jetzt schon wieder!«
Antwortete die Vefa ganz ergeben: »Wenn sie unser Herrgott schickt, was kann man machen!«
»Paperlapap, unser Herrgott schickt!« begehrte die Bäuerin fast gröblich auf. »Den da oben zum Schuldaustragen brauchen, ist freilich kamod.«
Das wird in anderen Häusern wohl auch sein, und doch gibt der Obere nicht überall seinen Segen! — Solches wollte die Vefa schon sagen. Gottlob, daß sie es glücklich hinabgewürgt hat. Die Großbäuerin hatte keine eigenen Kinder und möchte erzürnt leicht auch die angenommenen der armen Häuslerin zurückschicken, wenn so ein ungutes Wort fiele. Die Vefa zog es also vor, ruhig weiter zu weinen. Und das war auch das beste. Nun trat die Bäuerin zu ihr hin, tastete nach ihrer Hand und sagte: »Richtig wahr, man muß recht greinen mit euch. Weil's schon gar! Daß aber er nit gescheiter ist! Na freilich, ihn brennt's nit. Das Mannsbild wirft die Kästen ins Feuer, herausholen kann's die Frau, man weiß eh, wie's geht.«
»Da hätt' ich wohl keine Klage mit meinem Viktor,« sprach die Vefa. »Tag und Nacht, darf ich sagen, tut er arbeiten und sorgen für uns, daß er mir gerads blind wird. Hat eh nichts Gutes auf der Welt, der arme Lapp. Eine Freud' muß ihm doch vergunnt sein. Lieber Gott, was haben wir schon voriges Jahr geweint miteinander! Sind einmal die halbe Nacht auf der Hühnersteige gesessen nebeneinander und haben geflennt. Und jetzt ist's schon wieder.«
»Es ist wohl schlecht eingerichtet auf der Welt.«
»Gel' ja!«
»Zu viel und zu wenig, überall zu viel oder zu wenig.«
Der Knabe und die zwei Mägdlein jagten zur Türe herein:
»Mutter, der Franzerl tut mich alleweil zupfen beim Krösel!«
»Nit wahr ist's, die Lieserl gibt kein Fried'!«
»Mutterle, gib mir was!«
Mit gutmütigem Brummen schlichtete die Bäuerin den Streit und reichte den Kindern Butterbrot. Das größte Stück bekam aber die Schneiderin und nun saßen sie beisammen, die Vefa und ihre Kinder, und diese wußten es nicht, kümmerten sich gar nicht um sie, machten sich immer nur schmeichelnd mit der anderen, mit dem »Mutterle« zu schaffen. Darob tat der Vefa das Herz weh und doch dankte sie Gott und der braven Großbäuerin, daß die Hascherln hier bei ihrer Patin ein so warmes Heim gefunden hatten.
Die Vefa ist nachher noch eine Weile am Herde gesessen und hat der Bäuerin zugeschaut beim Mittagmahlkochen. Die Bäuerin legte Scheiter über das Feuer, füllte die Wassertöpfe, speckte das Kraut, ballte und sott die Klöße und war wortkarg. So meinte endlich die Vefa betrübt, sie werde nun halt wieder gehen müssen um ein Häusel weiter. Als die Klöße brodelten, sagte die Bäuerin: »Soll's halt noch einmal sein, daß ich dir's aus der Taufe hebe. Aber du mußt mir's versprechen, Vefa, daß es das allerletzte Mal ist!«
»Nein, Bäuerin, versprechen kann ich nichts!« gab die Schneidersfrau mit Eifer zurück. »Versprochen hab' ich dir's in früheren Jahren oft genug. Das hilft nichts. Jetzt laß ich alles Fürnehmen sein, laß in Gottesnamen den Herrgott schütten, so lang' er will.« Und nach diesen Worten lachte sie laut in den Tag hinein.
»Nau, weil du nur wieder lachst!« rief die Bäuerin aus. »Mich ziemt, ausschelten kunnt ich dich, du Band, du leichtsinniges! Und nachher tust mir doch wieder derbarmen, du arme, gute Haut! — Laß mir's halt sagen. Wird wohl eh noch lang' dauern.«
»Derwarten werden wir's leicht,« lachte die Vefa.
»Und daß du mir Achting gibst, jetzt auf dich! Nit heben und nit tragen, weißt es ja so. Und wenn es dir nach etwas gelüstet, und ich kann dir's schaffen, so sag's. Müßt' nur sein, daß du einen Bäcker in den Arm beißen wolltest, den kunnt ich dir nit schaffen.«
»So noble Passionen hab' ich wohl nit!« lachte die Vefa.
»Und daß du sonst was zu beißen hast, werden wir halt schauen. — Da, Alte, Gute, Dumme! Nimm für deine kleinen Fratzen den Milchplutzer mit. Und deinen Schneider, wenn er einmal Zeit hat, den schickest zu mir. Dem werd' ich einmal was sagen!«
»Vergelt's Gott, Bäuerin, bis in den Himmel hinauf!« flüsterte die Vefa und eilte mit dem Plutzer davon.
Den Schneider aber hat sie nicht geschickt.