Die Blumenmutter.
Ich habe gesehen, als sie vorübergeführt wurde. Die Landwächter mußten das Volk mit Gewehrkolben zurücktreiben, daß es sich nicht auf die Gefangene stürzte und sie erwürgte.
Eine schlanke, noch jugendliche, fast schöne Gestalt. Aber blaß die zusammengekniffenen Lippen; in den Augen ein ruheloses Feuer, das jeden Blick versengte, den es traf. Die glanzlosen Haare hingen in langen Strähnen wirr über Achseln und Angesicht, denn sie hatte keine Hand frei, um sie zurecht zu streichen. Ihr Kleid war wie die Gewandung der anderen Dorfweiber, die ihr jetzt die Fäuste entgegenballten und gräßliche Flüche zuschleuderten.
Frau Irena Eman war's, die Witwe des ein Jahr früher verstorbenen Schuhmachers Eman, ein stilles, braves, doch zeitweise überspanntes Weib, das fünf unmündige Kinder zu versorgen hatte und daher bisweilen das Mitleid der Dorfbewohner anrufen mußte.
Die Leute sind barmherzig, sie geben und helfen, wo es not tut; die Bauern lassen unter sich keinen verhungern, aber für ihre Wohltaten wollen sie auch zeigen, daß sie höher stehen als die Beschenkten, und klüger und braver sind, und so schimpfen sie denn gelegentlich tüchtig auf ihre Schützlinge los. Bei der Irena Eman hatten sie freilich nicht ganz unrecht, denn, wenn die Person fünf Kinder — und das gesunde, schöne, herzige Kinder — zu ernähren hat, so soll sie arbeiten oder Arbeit suchen, anstatt in den Wallfahrtskapellen umherzuknien und für das Fortkommen und Seelenheil ihrer Jungen zu beten, während diese halbnackt und unbeaufsichtigt vor der Hütte sich herumbalgen, sich ins Dorf hinein verlaufen und Brot suchen, wo sie es finden.
Irena Eman war oft gar erregt und verzagt und trotz ihres Betens und der guten Lehren, die sie jeden Tag spendete, waren ihr die Kinder nicht sanft und fromm genug und sie sah, wie die Zucht, die sie sich vorgenommen, nicht fruchtete oder ganz anders, als sie erhofft, und daß auch ihre Kinder nicht anders waren, als andere Bettelkinder, nämlich leichtsinnige, verschmitzte und tollwitzige Rangen. Sie am wenigsten hätte das Recht, in dieser Sache so streng zu sein, meinten die Leute. Sie wollte aber keine bösen, verdorbenen Menschen heranziehen — solche gäbe es ohnehin genug — eher betete sie nach dem Vorbilde der Heiligen, daß Gott die Geschöpfe lieber in ihren jungen Jahren zu sich nehmen möchte, als sie in dieser Welt verderben und in der anderen verloren gehen zu lassen.
So kniete sie eines Tages in der Kapelle zu den drei grünen Bäumen und schüttete ihr geängstigtes Herz aus. Der Bäckermeister Veit ging auf sein Feld hinaus, denn dort arbeiteten die Schnitter beim hochreifen Korn. Als er das Weib am Eingang der Kapelle knien sah, trat er zu ihr hin und sagte: »He, du fromme Schusterin, du! Leckest dem Herrgott vor lauter Andacht die Zehen ab und schickest deine Kinder zum Brotstehlen aus!«
»Wer?« fragte sie und erhob sich von dem feuchten Stein, »wer schickt — zum Brotstehlen aus!«
»Ja, das glaub' ich, daß du's nicht eingestehen wirst. Nur schade, daß wir dein sauberes Töchterl ertappt haben.«
»Mein Kind hätte Brot gestohlen?« fragte das Weib und ihre Stimme war seltsam tonlos. »Meister, sag' es noch einmal, wenn du kannst; sag' es da vor dem Herrgottbild! Das ist bös' von dir, daß du mir einen Stich ins Herz gibst; so gottverlassen sind meine Kinder nicht.«
»Deinen Kindern kann man's nicht aufmessen,« sagte der Bäcker, »die sind hungrig. Aber du! du!«
»Ich!« rief das Weib und fuhr dann wie sinnend fort: »Hast schon recht, Bäcker, ich! Wer hat sie geboren? Ich! Wer hat sie zu verantworten? Wer muß es jetzt anders machen? Ich. Geh nur deines Weges, Meister, deine weiten Felder sind alle reif. Meine Kinder werden dir kein Brot mehr stehlen.«
Der Bäcker schritt über die Felder hin und freute sich im hellen Sonnenschein an dem Segen Gottes, der ihm so reich geworden, und nahm sich vor, den Armen die Gabe zu reichen, bevor sie die Hand rechtlos nach derselben ausstrecken müssen.
Irena Eman ist hinabgegangen zu ihrer einschichtigen Hütte, hat ihre Kinder — aber nur vier waren da — zusammengerufen in die Küche, an den steinernen Herd, daneben der Block zum Holzspalten stand. —
Eine kleine Weile später trat sie aus dem Häuschen, in welchem es still geworden war, und ging rasch gegen das Dorf hin, um das fünfte, den achtjährigen Knaben, aus der Schule zu holen.
Eine Nachbarin, die des Weges kam, fragte sie, was sie denn so eilig vorhabe?
»Was hat er denn jetzt in der Schule zu tun, der Junge!« rief die Schuhmacherswitwe.
»—s ist ja Schulzeit,« sprach die Nachbarin.
»Er soll heimgehen. Er lernt nichts Gutes!«
Dabei war ihr Wesen so sonderbar, daß es der Nachbarin einfiel zu fragen: »Wo hast denn deine anderen Kinder heut', Emanin?«
»Die schlafen schon,« gab das Weib zur Antwort und eilte vorüber.
Nicht lange währte es, so kam denselben Weg, den Irena gekommen, eine genauere Nachricht. Der Bote war atemlos, er stöhnte und konnte kaum ein verständliches Wort hervorbringen.
»Die Kinder!« schnaufte er und schlug immer wieder die Hände zusammen, »vier Kinder hat sie —«
»Fünfe hat sie,« vervollständigte ein vorlauter Dörfler.
»Vier Kinder hat sie ermordet!«
Da ging ein Schrei des Schreckens durch den Ort; man lief der Wahnsinnigen nach und holte sie ein, bevor sie noch das Schulgebäude erreicht hatte.
Und eine Stunde später haben sie zwei Landwächter davongeführt.
Die Hütte der Schuhmachers-Witwe war von Menschenschwärmen umgeben, aber die Tür war schon polizeilich verschlossen.
Alles wollte durch das Fenster in die Stube hineinschauen, aber jeder, der es tat, prallte mit einem Schreckrufe zurück. In der Stube standen die gewöhnlichen Einrichtungsstücke, aber unter der Küchentürschwelle zogen sich ein paar braunschwarze Rinnstreifen herein und weit über den Fußboden hin. —
Als bei den Leuten die erste Ohnmacht des Schreckens vorüber war, lösten sich die Zungen. Zuerst taten sie ihre Empfindungen dar, die Wut gegen das entmenschte Weib, das Mitleid mit den hingeschlachteten Kindern. Dann kam ihre Weisheit.
»Für eine solche Bestie ist das Henken viel zu gering!« sagten mehrere.
»Heiliggesprochen wird sie!« behauptete ein hagerer Bauer vom Kreuzberge.
»Schäme dich, Kreuzbauer!« rief ihm ein anderer zu, »bist sonst so fromm und verlästerst die Religion.«
»Verlästern meinst? Aber das möcht' ich wissen!« verteidigte sich der Bauer vom Kreuzberge. »Wenn du dein Lebtag einmal eine Heiligenlegende hast aufgeschlagen, so wirst du wissen, daß die Heiligen lieber gestorben sind, als daß sie Sünden hätten begangen. Christliche Eltern wirst du alle Tage beten sehen, daß Gott ihre Kinder lieber in der frühen Jugend zu sich nehmen soll, als daß sie aufwachsen und schlechte Menschen werden. Aber wenige wirst finden, die vor lauter Lieb' zu ihren Kindern den Heldenmut haben, sie rechtzeitig aus der Gefahr zu retten. Darum soll man solche, die Gott zulieb' ihr Allerliebstes hinopfern, wie es der Vater Abraham auf dem Berge Moria hat tun wollen, heilig sprechen.«
»Und in den Narrenturm stecken!« rief ein anderer dazwischen.
»Überlassen wir das Urteil dem Gerichte,« sagte nun der Pfarrer, der gebrechlich auf seinen Stock gestützt herbeigekommen war und die Leute zu beruhigen suchte. »Die Toten übergeben wir dem Herrn. Aber was soll nun mit dem verwaisten Knaben geschehen?«
»Wo ist der Knabe?« schrien jetzt mehrere durcheinander, »der soll's nun erfahren, was er für eine Mutter hat!« —
»Das soll er nicht erfahren, meine lieben Leute,« sagte der Priester, »ich habe veranlaßt, daß er heute in der Schule zurückbehalten werde und ich sinne auf Mittel, die Schmach und den Schmerz von dem armen Jungen abzuwenden, die jetzt auf ihn fallen und ihn für sein Leben unglücklich machen müßten. — Und an euch habe ich die Bitte, daß ihr euch jetzt zerstreut und zu euerer Tagesarbeit begebt. Das Unglück, das diese Hütte uns verdeckt, hat die ganze Gemeinde getroffen. Ihr seht mich gebeugt und mit weißen Haaren, aber einen Tag, so schwer wie der heutige, habe ich noch nicht erlebt. Das Verbrechen ist so groß, daß es keines Wortes bedarf, um es zu nennen. So wollen wir Christen sein und beten: Vergib uns, Herr, unsere Schulden, als auch wir vergeben ...«
Sie gingen nach und nach auseinander. Und als die Nacht kam, stand die Hütte der Irena Eman vereinsamt, nur ein Wächter schritt davor auf und ab mit seiner zuckenden Laterne.
Am selben Nachmittage noch war's gewesen, daß in der Dorfschule der Lehrer das blonde, muntere Büblein, welches sich Franz Eman schrieb, den anderen Kindern als ein Muster des Fleißes und Fortganges vorhielt. Da wurde der Lehrer hinausgerufen. Nach einiger Zeit kam er sehr ernst und etwas aufgeregt zurück und erkundigte sich, wer in seiner Abwesenheit nur wieder den tollen Lärm veranlaßt habe?
Da sich keiner der Schuld begab, so blickte der Lehrer den kleinen Eman an und sagte: »Ich glaube, Junge, daß du auch mitgelärmt hast. Aber einem sonst so braven Schüler hat man zu belehren, daher muß ich dich heute nach der Schule eine Stunde hier behalten.«
Der Unterricht wurde fortgesetzt; der Lehrer verordnete Schönschreiben nach Vorschriften, wobei er still und nachdenkend zwischen den Bänken auf und ab schreiten konnte. Er schien bei solchem Spaziergange den Stundenschluß zu überhören und es gingen draußen schon die Leute von den Feldern heim, als er die Kinder entließ.
Nun trat der kleine Eman zu ihm und bat mit feuchten Äuglein, daß auch er zu Mutter und Geschwistern nach Hause gehen dürfe.
»Du mußt heute noch ein wenig bei mir bleiben, Franz,« sagte der Lehrer. Und als die anderen davon waren, setzte er sich auf eine Bank, nahm den Knaben zu sich und sagte wieder: »Ein wenig mußt du heute noch bei mir bleiben, Franz. Es wird dann der Herr Pfarrer kommen, der mit dir was sprechen will. Sage mir einmal, habt ihr daheim Kaffee?«
»Nein,« antwortete der Kleine, »aber wie der Vater gestorben ist, haben wir einen bekommen.«
»Ja,« meinte der Lehrer, »der Kaffee macht guten Mut, und so sollst du jetzt in meine Stube kommen und mit mir Kaffee trinken.«
Das taten sie. Und als der Kaffee getrunken war, und als zuletzt die Lampe ein helles Licht auf den Tisch warf, brachte der Lehrer Bilderbücher, um den Knaben zu unterhalten.
»Wie nennt man diesen Baum?« fragte der Knabe und hielt sein Fingerlein auf ein Pflanzenbild.
»Das ist eine Trauerweide,« antwortete der Lehrer.
Nach einer Weile fragte der Kleine: »Darf ich jetzt schon nach Hause gehen?«
Da trat endlich der Pfarrer ein.
»Ei, da ist er ja, mein kleiner, lieber Franz!« sagte er und tätschelte den Knaben an der Wange. »Ich will dir etwas Gutes sagen.«
Der Junge schaute ihm mit großen Augen treuherzig in das Gesicht.
»Ich habe dir versprochen, daß, wenn du brav bist, ich dich einmal in die große Stadt mitnehmen will. Brav bist du, und so muß ich mein Wort wohl halten. Wir fahren noch in dieser Nacht davon.«
»Und fährt meine Mutter auch mit?« fragte der Kleine.
»Deine Mutter,« antwortete der Pfarrer etwas unsicher, »ja deine Mutter, freilich — die ist schon voraus.«
Jetzt jubelte der Knabe, denn die Stadt und was von ihr erzählt wird, hatte ihn schon oft beschäftigt, und mit dem guten Herrn Pfarrer ging er so gerne.
Wenige Stunden später hatte der kleine Franz ein neues Kleid an, das beim Dorfkaufmann in Vorrat gewesen. So saß er neben dem Pfarrer im Wagen und der Wagen knarrte hin durch die stille, laue Mondnacht. Der Kleine war bald eingeschlummert und als er so dalehnte in der Wagenecke und der Mond auf sein weißes Gesichtlein fiel und alles so recht im Frieden war, da begann der alte Herr zu schluchzen. Er weinte über das fürchterliche Geschick, das sich an diesem Tage vollzogen hatte, das nun so dämonenhaft über dem Leben dieses unschuldigen Kindes lag. — Wird es gelingen, mein Knabe, dir einen Lebensweg zu weisen, auf dem dir die Spuren der blutigen Tat nicht begegnen? —
Nach Mitternacht erreichten sie die Eisenbahn. Auf dem Bahnhofe kreuzten zu dieser Zeit zwei Züge, der eine ging gegen die Kreisgerichtsstadt, der andere gegen die Hauptstadt. Eben wollte der Pfarrer den Knaben sanft wecken, daß dieser aus dem Wagen steige, da erblickte er durch die offene Tür des Wartesaales das unglückselige Weib zwischen den Häschern kauern. Der Priester ließ den Kleinen im Wagen schlafen, und als sein Zug angekommen war, da hob er das schlafende Kind in die Arme und trug es durch den Wartesaal gegen den Waggon. Er mußte im Scheine einer hochhängenden Lampe und im Glanze zweier Bajonette nahe an der Mutter vorbei, aber sie schaute starr vor sich auf das steinerne Pflaster. So waren sie sich hier begegnet, ohne daß eins vom anderen wußte.
Wenige Minuten nachher führten zwei Eisenbahnzüge Mutter und Sohn weit auseinander.
Zur Zeit des Morgenrotes, da in der Stadt schon das knarrende Leben begann — stand der Pfarrer aus dem Dorfe vor dem Tore eines grauen Gebäudes und zog die Glocke. Dabei streichelte er die Stirne des Knaben, der sich an seinen Rock schmiegte und — eben erst vom Schlummer erwacht — in der fremden Umgebung angstvoll wimmerte.
Nach einiger Zeit wurde aufgetan.
»Gott zum Gruße!« sagte der Torwart, »das ist ja der Herr Pfarrer von Birkenheide!«
»Der bin ich,« antwortete der Eintretende, »und nun wollet Ihr in Gottes Morgenfrühe ein christliches Werk tun und uns beiden da ein Stüblein aufmachen, bis der hochwürdige Herr Prälat aus dem Bette ist; dann lasse ich um eine Audienz bitten.«
»Der hochwürdige Herr Prälat ist aus dem Bette,« berichtete der Torwart; er geht schon im Klostergarten mit unserem Herrgott spazieren.«
»Wenn ich mich den beiden Herren anmelden dürft'!« meinte der Landpfarrer, »ich habe heute eine Angelegenheit, die alle zwei angeht.«
Der Knabe wurde auf ein Bett gebracht, wo er bald wieder einschlief; der alte Herr schritt in seinen hohen glänzenden Stiefeln und mit seinem weißen Haupte auf dem Kieswege dahin zwischen den Eichen und Ulmen des Klostergartens. — Da sah er bald die stattliche Gestalt im langen, blauverbrämten Talare und mit dem goldenen Kreuz auf der Brust.
»Wessen geliebtes Haupt sehe ich auf mich zukommen!« rief der Prälat mit ausgebreiteten Armen, »das ist ja mein alter Pfarrer Gottfried?«
»O Herr,« sagte der Greis, »daß ich heute gar der Sonne bei Euch den Vortritt abgelaufen habe, muß wohl was bedeuten. Ich komme mit einem schweren Herzen, ich möcht's wohl gleich ablasten.«
Sie schritten nebeneinander hin und der Pfarrer erzählte das Ereignis aus seinem Dorfe, wie ein armes Weib aus Fanatismus und Verzweiflung ihre vier Kinder ums Leben gebracht habe und wie das fünfte, durch einen Zufall gerettet, bisher von der Sache noch nichts wisse.
»Und um für diesen armen Waisenknaben bei Euch zu bitten, bin ich jetzt da,« fuhr der Pfarrer fort. »Im Dorf kann er nicht bleiben, da würde er einesteils von dem Mitleid, anderenteils von der Bosheit der Leute zu leiden haben und verdorben werden. Mich erbarmt dieses Kind; es ist ein aufgeweckter, gutherziger Knabe. Auch ihm hat seine Mutter nach dem Leben gestrebt, weil sie vermeint, es könne ihn das Leben schlecht machen. Da gilt's halt jetzt zu zeigen, daß sie unrecht gehabt hat, daß ihr Sohn ein rechtschaffener Mann wird. Und deswegen komme ich, um Euer Hochwürden zu bitten: Helfet mir, daß aus dem Jungen etwas Braves wird. Ich bin selber ein armer Mann und weiß nicht aus; aber was ich kann, das will ich gern für ihn leisten.«
»Ihr meint also, mein lieber Pfarrer —«
»Ja, zum Chorknaben!« sagte der Greis, »das würde wohl recht für ihn passen. Er hat mir daheim recht geschickt ministriert, und singen kann er auch.« Jetzt faltete er seine rauhen Hände: »Hochwürdiger Herr! Dieses Stift ist so groß und reich. Da sehe ich Hunderte von Tauben fliegen, die hier ihre Nahrung finden, und über dem Hochaltare, wo Ihr täglich das heilige Meßopfer verrichtet, steht unseres lieben Heilandes Wort: Was ihr dem geringsten meiner Brüder —«
»Aber wozu so viel schweres Geschütz, Pfarrer!« rief der Prälat aus, »das mögt Ihr getrost daheim bei Euren Pfarrkindern abbrennen, wenn ein hungeriges Waiselein zu speisen ist. Mich kennt Ihr ja doch.«
»Das wohl und desweg komm' ich her und wenn ich was Ungeziemendes gesagt haben soll, so bitte ich um Verzeihung!«
»Ich nehme mich gern des Knaben an, Ihr könnt ihn bringen, sobald es Euch gut dünkt.«
»Er ist schon da!« rief der Greis in freudiger Lebhaftigkeit. »So gewiß habe ich es gewußt, daß ich vor Euer Hochwürden keine Fehlbitte tue, daß ich meinen Schützling in diesem Kloster warm betten ließ, bevor ich noch mit Euch sprechen konnte.«
»Da habt Ihr recht getan, alter Freund,« sagte der geistliche Würdenträger und schüttelte dem Landpfarrer die Hand. »Ihr habt mich damit geehrt. Euch zuliebe soll das arme Kind hier eine Heimat gefunden haben und dann wollen wir sehen, was sich aus ihm entwickelt. Unser Stift bedarf Handwerker, Landwirte, Waldheger, und hat allerlei Gewerbe, auf die der liebe Herrgott seine Brosamen streut.«
»Herr!« sagte der Greis und hatte noch immer die Hände gefaltet, »gestern der Schreck! und heute wieder dieser Freudentag! — Und jetzt, wie eine Bitte schon nie allein kommt, hätte ich halt noch eine zweite. Aber die wird wohl schwer möglich sein. Ihr wisset, die Wahrheit ist unser Stab. Wir schwachen Menschen, wir können nicht alles, was wir sollen, aber wahrhaftig sein, das können wir. Allein, hochwürdiger Herr, wenn die Wahrheit so ist, daß sie wen niederschlägt und zugrunde richtet, dann soll man sie nicht sagen. Ich meine, man soll dem Knaben verschweigen, was seine Mutter getan hat.«
»Und wie wollt Ihr das anstellen?« fragte der Prälat.
»Das weiß ich nun einmal selber nicht. Ich habe mir wohl was ausgedacht, aber ich weiß nicht, ob es das rechte ist. Ich meine, wenn man dem Kinde sagen tät', es sei ein Übeltäter im Hause gewesen, habe seine Geschwister ums Leben gebracht und die Mutter sei auch zugrunde gegangen. Das ist, genau genommen, nicht einmal eine Unwahrheit und ich denke, bei dem achtjährigen Büblein könnte man damit fertig werden. Und was wäre das für ein Glück, wenn es ihm auf lebenslang könnte verborgen bleiben!«
»Ich bin Eurer Meinung,« sprach der Prälat, »und wir werden versuchen. Nun aber wollen wir den Frühstückstisch aufsuchen.«
»Ich werde nachher für ein Täßchen Warmes recht dankbar sein,« sagte der Greis, »aber vorher möchte ich wohl meine Messe lesen, wenn ich in der Klosterkirche um einen Altar bitten dürfte. Heute ist wieder einmal ein Tag, wo ich die rechte Andacht dazu verspüre.«
»Ihr habt heute, mein Freund, ein großes Opfer schon dem Herrn gebracht,« sprach der Prälat mit ernster Stimme, »und wenn uns zu dieser Stunde Gott messen und wiegen wollte, wer höher und größer sei von uns beiden, ich fürchte, daß der wohlgenährte Prälat geringer befunden würde als der arme Landpfarrer. So gehet und haltet Eure Messe ab und dann kommt, wir wollen zusammen Gott zulieb' einen guten Tag verleben.«
Während der kleine Franz unter Klosternamen sich im Stiftsgebäude einlebte, lernte, sich in Fertigkeiten übte, sich unter den Laien und Priestern Freunde machte und so allmählich des leidvollen Eindrucks vergaß, den der im Sinne des Pfarrers gehaltene Aufschluß über seine Familie gemacht — während ihn die heitere Kindlichkeit wie ein Engel hinübertrug über quälende Erinnerungen, tiefes Nachdenken und verzehrenden Schmerz —, entwickelte sich das Schicksal der Frau Eman. Im Gerichtssaal waren bange Tage gewesen. Bange für die Richter und bang für das Volk! Die Angeklagte selbst war kalt und starr wie Stein.
Die hingeopferten Kinder waren auf dem Dorffriedhofe zu Birkenheide feierlich bestattet worden, man legte sie in ein gemeinsames Grab.
Als der Richter die Kindesmörderin gefragt, ob sie die Tat bereue, antwortete sie: »Die tot sind, die machen mir keine Sorge mehr, aber der eine, der Lebendige! Der muß an Leib und Seele verderben, wenn er niemand hat, der ihn behütet!«
Man versicherte sie, daß der Knabe Wohltäter gefunden hätte und mit Liebe und Sorgfalt erzogen werden würde. Sie hörte es gleichgültig; sie hatte einen verächtlichen Blick, als wollte sie sagen: Was ist eure Liebe und Sorgfalt? Was nennt ihr Erziehung? Was ist eure Welt?
Als ihr in der Anklage ihre stumpfe Herzlosigkeit vorgehalten wurde, sagte sie: »Es liegt mir nichts daran, wie ihr mich nennt; aber ich meine, ich habe meinen lieben Kindern nicht allein das Kreuz und Leiden abgenommen, ich habe auch alle Schlechtigkeiten auf mich genommen, die sie in ihrem Leben hätten begehen können, und alle Schmach und Schande, die auf sie gefallen wäre, und mehr kann eine Mutter für ihre Kinder nicht mehr tun, als ich getan habe.«
Den Richtern graute, und sie atmeten auf, als man das Irrenhaus vorschlug. Jedoch die Ärzte, die sie untersuchten, fanden keinen Anhaltspunkt, um ihren Wahnsinn nachzuweisen, es wäre denn jener eine, der jeden Verbrecher vor Zuchthaus und Hochgericht sicherstellen müßte. —
Die Kindesmörderin wurde also der Freiheit verlustig erklärt auf lebelang. Bevor man sie in die Strafanstalt überführte, legte man ihr nahe, ob sie nicht ihr Söhnlein sehen wolle. Aber sie hat diesen Wunsch nicht ausgesprochen, obwohl die Wärterinnen täglich hören konnten, wie sie mit rührender Leidenschaft für ihren Franz betete, der in den Banden und Gefahren der Welt sei.
In der Strafanstalt kam sie mit anderen weiblichen Sträflingen täglich ein halbes Stündlein in den Hof hinaus, um die freie Luft zu atmen. Da schritten sie bisweilen an einem Eisengitter vorüber, das den Teil für männliche Sträflinge abschloß. Dahinter standen oft mehrere Männer in ihrem grauen Zwilchgewande und guckten durch das Gitter und machten auch wohl bisweilen über die weibliche Nachbarschaft Bemerkungen, insoweit solche der Profoß nicht verbot.
So standen auch einmal ein paar verwildert aussehende Gesellen am Gitter, und als die Kindesmörderin vorüberschritt, sagte einer zum anderen: »Das ist sie, das ist sie.«
»Du bist eine Heldin!« rief der eine zu ihr herüber, »komm herbei, wir wollen deine Kleider küssen!«
»Wir wollen eine Locke von deinem Haar!« sagte der andere.
»Wir wollen einen Druck von deiner Hand!« sagte der eine.
»Und ein Wort von deinem Mund!« fügte der andere bei.
Da trieb sie schon der Kerkermeister fürbaß.
Das unglückliche Weib hat nicht weiter auf sie geachtet. Aber das nächstemal standen die beiden wieder am Gitter und als sie vorbeikam, flüsterte ihr der eine zu: »Wir haben das gleiche Schicksal wie du, wir sind ebenfalls unschuldigerweise hier.«
»Wir gehören dem Bunde an,« sprach der andere, »welcher das Glück aller Welt im Tode sucht. Verstehst du es: Der Mensch ist unglücklich auf der Welt, darum soll man ihn schon in der Kindheit vertilgen. Weil wir dieser Meinung sind, hat man uns eingesperrt.«
»Da hat man recht getan,« entgegnete jetzt die Kindesmörderin, »unglücklich sein, das macht nichts; aber schlecht sein! Davor habe ich meine lieben Kinder retten wollen.«
Wie eine Königin schritt sie in diesem Augenblicke dahin und die beiden Gesellen rüttelten am Eisengitter, daß es knarrte.
So ging nun die Zeit dahin im traurigen Hause. Irena Eman arbeitete und schwieg. Sie hatte gewünscht, daß man sie zu der härtesten Arbeit stelle, welche Sträflinge zu verrichten hatten. So verordnete man, daß sie zum Heizen der Öfen die Steinkohlen auftrage durch die finsteren Gänge hin. Sie tat's Tag für Tag, vom Morgen bis zum Abend. Sie wollte schwer arbeiten, um müde zu werden und in den Nächten schlafen zu können.
Ihr Beichtvater hatte sie einmal gefragt, wieso denn der Gedanke zu dem grauenhaften Verbrechen in ihr entstanden sei? Sie bat ihn, daß er ihr eine solche Antwort und Zurückerinnerung erlasse, sie wolle ihre Vergangenheit vergessen.
Aber in den Nächten waren doch lange Stunden, in denen sie nicht schlafen konnte, und da stand das Bild der Vergangenheit auf und alles war getrübt wie durch einen rötlichen Rauch, der über einer moorigen Gegend liegt, wenn in der Nacht eine Feuersbrunst gewesen ist. Ihr Vater hatte aus Rache ein Haus angezündet und war im Kerker gestorben. Sie selbst wurde bei einem Küster voll strenger Grundsätze erzogen, aber sie war die Tochter des Brandstifters und genoß keine Liebe und kein Vertrauen. Die Welt war ihr fremd; schon frühe — zur Zeit, da in anderen die Liebesfreudigkeit aufgeht — baute sie sich ihre Heimat im Gedanken an die Ewigkeit, in der Hoffnung an ein besseres Leben. Sie wollte nicht heiraten, aber da fand sich im Dorfe ein junger Mann — der einzige, der sie lieb hatte auf dieser Welt — an den sank sie hin und war selig eine kurze Zeit. Wie waren die Kinder, die in rascher Folge nun erschienen, frisch und munter! Aber das Weib bangte fort und fort, es könne in einem oder dem anderen die unglückliche Ader des Großvaters schlagen! sie zitterte vor den Irrwegen, die ihre Kinder wandeln könnten. Der Vater verstand es freilich, die Kleinen in Zaum und Zucht zu halten; aber als er starb — vor Gram darüber starb, daß ein Bruder von ihm eines Betruges wegen verurteilt worden — da war die arme Familie haltlos und die Mutter vermochte das kleine, lebhafte Völklein nicht so zu leiten, wie sie glaubte, daß es sein müsse, um sie vor dem Schicksale des Großvaters und Oheims zu bewahren. Eines der Kleinen war einmal schwer erkrankt, da sagten die Leute: Wenn Gott es zu sich nähme, es wäre das beste! Anfangs tat ihr dieser Gedanke wehe, aber sie machte sich mit ihm vertraut — und das Kind genas. Die Sorgen wuchsen von Tag zu Tag; sie arbeitete anfangs Tag und Nacht, aber endlich verlor sie die Lust dazu, weil sie trotz alles Fleißes den Bedarf des Hauses bei weitem nicht decken konnte. Die Mildtätigkeit der Leute, denen sie fremd geblieben war, wollte sie nicht in Anspruch nehmen. Sie wandte sich an den Allmächtigen. Der ließ auch warten. Von der Nachbarschaft liefen Klagen ein über die Rangen, die sich aufsichtslos im Dorfe herumtummelten. »Wenn nur die Kinder nicht wären!« hatte sie oft aufgeseufzt, und da hatte sich, erst schüchtern, dann immer zudringlicher, der Gedanke eingefunden: Du gabst ihnen das Leben, du hast das Recht darüber. Das Leben ist für Kinder ein gefährliches Spielzeug. Nimm es ihnen wieder weg! Tausendmal besser, sie sterben, als daß sie schlechte Menschen würden! — Und als hernach der Bäcker kam und ihr vorhielt: Dein Kind hat mir Brot gestohlen! — da erwog sie nicht mehr, sie fühlte nichts mehr, als die Verzweiflung, sie ging nach Hause und vollbrachte die Tat.
So war es gekommen.
Sie sind heim zu Gott. Nur der eine nicht — der Liebling nicht. Wie wird's ihm ergehen! Sie will nicht an ihn denken, sie will die Augen schließen. Auch er soll tot sein. — Wenn sie noch lebten, so dachte das Weib dann weiter, jetzt wüchsen sie heran und hätten schon Laster über Laster auf sich und sie würden bald reif sein für das Zuchthaus.
Es war kein Wunder, das unglückliche Weib sah ja nichts um sich, als Verbrecher, es mußte wohl glauben, daß die ganze Welt — mit wenigen Ausnahmen — aus Wichten und Schlechtlingen bestehe.
So atmete sie denn fort. Und wenn die Gedanken bisweilen zu wirr wurden, so legte sie die Steinkohlen darauf, und wenn das Herz aufschrie — oft plötzlich und fürchterlich aufschrie — so legte sie Steinkohlen darauf. Durch die Arbeit suchte sie sich zu betäuben.
Und als viele Jahre vergangen waren, da ereignete sich im Lande eine große Freude. Bekränzt waren die Pforten, mit Fahnen geschmückt die Zinnen, Glockenklingen ging von Berg zu Berg. Der junge Herrscher des Landes hielt Hochzeit, und große Herren und große Menschen lieben es, von ihrem Glücke auszuteilen, wie es ja bekannt ist, daß das Glück wie das Grab um so größer wird, je mehr man davon weggibt.
So fiel auch ein Strahl davon in die finsteren Gänge, durch welche das arme, gebrechlich gewordene Weib Steinkohlen trug. Es wurde ihr gesagt, sie solle den Steinkohlenkorb zu Boden stellen, ihre Hände reinigen, ihren Anzug ordnen und in den Betsaal kommen. Dort waren schon andere versammelt. Dann erschien ein Mann in schwarzem Gewande und las eine Amnestie des Landesfürsten vor und nannte die Namen der Begnadigten.
Da erhob sich im Saale ein unbeschreiblicher Jubel, aber Irena schaute stumm und ratlos drein. Auch ihr Name war genannt worden. Sie ist frei? Sie darf in den Sonnenschein hinaus und gehen, wohin sie will? Was soll sie denn draußen?
Man führte sie aus dem Strafhause in ein Armenhaus und anstatt Steinkohlen zu schleppen in den düsteren Mauern, sollte sie nun in einem Garten arbeiten bei den Pflanzen und Blumen. Anfangs taumelte sie auf dem freien Erdboden und ihren Augen tat das Licht wehe. Aber allmählich wurde sie kräftiger und ihre Dumpfheit verwandelte sich in eine sanfte Wehmut — das machten die Blumen. Sie hat einst — so deutete ihr ein wunderlicher Traum — geliebte Wesen freiwillig in die Erde gelegt; die Erde gibt sie dankbar wieder zurück, und es sind Blumen daraus geworden. Blumen können blühen und welken, aber sie können keine Verbrecher werden.
Sie wußte selbst nicht, wie das war, daß ihr jetzt — nach einer viele Jahre langen Nacht — die Blumen so ans Herz wuchsen; sie liebte jede Blüte einzeln und pflegte sie, wie die Mutter ihr Kind. Und so kam es, daß man endlich weit und breit keine so schönen Veilchen, Nelken, Cyclamen, Narzissen und Rosen fand, als im Garten dieses Armenhauses. Und selbst im Stübchen wollte Irena die lieblichen Geschöpfe nicht missen, und an Tagesstunden, wo Mütter ihre Kinder zu nähren pflegen, begoß sie die Blumen, und am Abende, wenn andere Mütter mit ihren Kindern beten, kniete sie zu den Blumen hin und sprach mit ihnen und kosete sie.
Eines Morgens, als sie zur bestimmten Stunde nicht aus ihrer Stube getreten war, fand man sie betäubt vor dem Blumentische liegen. So hat das arme Weib erfahren müssen, daß auch die Blumen Übeltäter sein können und daß selbst in den lieblichsten Geschöpfen dieser Erde Gift verborgen liegt. Soll sie die Blumen deshalb vernichten? Dann wird sie alles vernichten müssen, was da lebt und strebt, denn was dem einen erhaltend ist, das ist dem anderen zerstörend. Was bliebe dann übrig von dieser Welt, die Gott erschaffen hat?
Nun kam ihr auf einmal die Einsicht, dem Schöpfer dürfe man nicht entgegenarbeiten, und nun erwachte endlich die Reue. Sie begann sich zu sehnen nach Verzeihung und Trost, und wenn sie so im Garten saß zwischen den Rosen, da weinte sie still in den hellen Sonnenschein hinaus und da war ihr, als müsse sie noch einmal gut Freund werden mit dieser schönen Welt.
Zur selben Zeit ließ sie an den alten Pfarrer ihres Heimatsdorfes schreiben, daß sie eine Reise machen wolle, um das Dorf und die Pfarrkirche und den Friedhof noch einmal zu sehen, und ob sie bei ihm anklopfen dürfe? Die Antwort war, daß der alte Herr Pfarrer Gottfried schon lange in das bessere Jenseits abgerufen worden sei, daß in Birkenheide eine fast neue Generation lebe, die sich an Vergangenes kaum mehr erinnere, und daß sie nur kommen möge, ihre Pfarrkirche und den Friedhof zu besuchen.
Sie war körperlich erschöpft und hat den weiten Weg doch nicht gemacht, aber in ihrem Garten hat sie vier Blumenbeete hergerichtet — just vier — und ist zwischen ihnen gesessen.
Allsonntägig stieg sie den Berg hinan zur Kirche, zu welcher das Armenhaus eingepfarrt war. Es war ein stattliches Gotteshaus und leuchtete mit seinen zwei Türmen weit in das grüne Hügelland hinaus. Auf den lichten Auen und auf den Weinbergen — so lustig es sonst dort zuging — gab es doch immerhin Menschen, die sich von den Glocken rufen ließen und der Orgel lauschten, die an stillen Sonntagsvormittagen herüberklang. Und die Kanzelredner sprachen so schön und trostreich, daß oft die geräumige Kirche die Zuhörerschaft nicht zu fassen vermochte und die Predigt im Freien, auf dem Rasen des Kirchhofes stattfinden mußte.
So war einmal der Frühling wieder da. Irena begann ihre Blumenbeete zu zügeln und am Ostersonntag, da stieg sie hinauf zur Kirche. Es war ein wohliger Morgen und auf dem Kirchhofe sproßte das junge Gras, das heute wieder in den Boden getreten werden sollte, denn die Predigt fand im Freien statt. Der Kaplan sollte sie halten, es war derselbe, den sie weit und breit lieb hatten, weil er allen Menschen, denen er begegnete, Gutes tat. Das war einer, der es in der Tat bewies, wie sehr ein Mensch — und wäre es selbst der ärmste — anderen Menschen gut sein kann.
Dieser bestieg nun die Kanzel, die an der Kirchhofsmauer angebracht war. Irena, das arme Weib, drängte sich durch die Menge vor, so weit als möglich, denn ihr Gehör war schon schwach geworden, auch schaute sie dem Priester so gern in sein freundliches Angesicht.
Der Prediger leitete seine Rede mit dem glorreich Auferstandenen ein, dann ging er über auf zwei andere Gottgesandte, die der Himmel in seiner Liebe und Gnade den Menschen beigesellt habe, die jedoch von so vielen nicht erkannt, sondern gefürchtet und gemieden würden, denn sie wären eben das, was die Leute Ungemach und Elend benennten. Der Heiland — so fuhr der Priester fort — sei nicht gekommen, um des Menschen Erhöhung in der Behaglichkeit, in Genuß und Wohlleben zu suchen; er sei gekommen, um zu zeigen, daß selbst die Schatten dieses Lebens voll von Gottes Liebe wären. Die zwei Gesandten, die er meine, trügen einen Spaten und ein Kreuz und hießen: die Arbeit und der Schmerz. Die Arbeit, er meine die gewissenhafte Erfüllung der Berufspflichten, sei mächtiger als alle feine Erziehung, alle guten Grundsätze und guten Vorbilder zusammen. Der Arbeitende habe nicht allein keine Zeit, sondern auch keine Lust zur Sünde. Aus dem Müßiggange aber entspringen — wie ja alle Welt wisse — die bösen Gelüste, die Ausklügelung der Laster oder der Selbstqualen, die Unzufriedenheit. Nicht des Broterwerbes wegen sei die Arbeit so wichtig, denn man könne verhungern und doch ein braver Mensch geblieben sein; aber des Abgrundes wegen, der in unserem Wesen auszufüllen ist, sei die Arbeit so unerläßlich, und ein gesunder Mensch, der nicht arbeite, müsse mit seiner Seele zugrunde gehen.
Jedoch ein ebenso treuer, aber weit herberer Freund als die Arbeit sei der Schmerz. Er meine nicht die kleinen Leiden des Tages, etwa den Ärger, die Ungeduld, die Sorge, er meine auch nicht körperliches Unbehagen, er meine den großen, tiefen Schmerz der Seele über eine begangene Schuld. Ein Übeltäter, dem dieser Schmerz fehle, er möge nun sein Leben im Kerker verschmachten oder auf dem Hochgerichte enden, büße nicht. Der Schmerz des Gefallenen sei ein Arm, den Gott vom Himmel herabstrecke, um ihm wieder aufzuhelfen. Der Schmerz sei nichts anderes als eine Sehnsucht nach dem Frieden des Herzens und nach den reinen Freuden. Der Schmerz sei ein Wegweiser zu Gott. — All das hörte das Weib aus dem Armenhause und begann darüber so laut zu schluchzen, daß die Umstehenden auf sie aufmerksam wurden.
Der Prediger fuhr fort, daß der Schmerz des Schuldigen eine Auferstehung sei, ein Sinnbild der Verwandlung und eine Verheißung des großen Auferstehens von den Toten am Jüngsten Tage.
Hier stockte dem Priester plötzlich die Stimme. Erblassend brach er ab und starrte auf das Angesicht eines seiner Zuhörer hin, auf das arme weinende Weib Irena.
Allmählich schien er sich wieder zu sammeln, dann sagte er leise, daß ihn ein Unwohlsein befallen habe und daß er daher seine Worte abbrechen müsse. Und verließ wankend die Kanzel.
In die Sakristei zurückgekehrt, fragte er den Küster, ob dieser das Weib nicht kenne, das bei der Predigt so sehr geschluchzt habe.
»Das Weib kenne ich wohl,« antwortete der Küster, »das ist die Blumenmutter aus dem Armenhause.«
»Die Blumenmutter?«
»Ja, das ist ein gar absonderliches Weib. Ist über sechzehn Jahre im Strafhaus gesessen. Sie hat ihre Kinder umgebracht und an den Blumen will sie es wieder gut machen.«
Der Kaplan ging auf sein Zimmer und träumte. — Seitdem er seine Mutter das letztemal gesehen, das ist schon lange her, aber er hat ihr Bild nicht aus der Seele verloren. Er erinnert sich noch an den Tag, da ein Missetäter seine Familie erschlug, und wie ihn damals der gute Pfarrer in das Kloster gebracht. Aber später, als er forschen wollte, wie sich denn die Sache verhalten, hat er nichts mehr erfahren können.
Es sind alle gestorben, die's wissen könnten, hatte der Prälat gesagt, und mit dem Namen Franz Eman, den er bei der Priesterweihe abgelegt, ist sein Kindesleben verschwunden.
Aber der Mutter Bild war noch übrig geblieben aus jener traumhaften Welt, und dieses Bild war ihm nun während der Osterpredigt erschienen.
Selig sind die Toten und sie mögen ruhen! Aber was bedeutet die Erscheinung, die auf den Gräbern plötzlich vor ihm steht und ihn anschaut mit weinenden Augen?
Am nächsten Tage stieg der Kaplan hinab zum Armenhause. Er fragte nach der Frau, die man die Blumenmutter heiße.
»Und hat der hochwürdige Herr denn die Sterbesakramente nicht bei sich?« war die Gegenfrage einer Wärterin. »Die gestrige Osterpredigt soll rechtschaffen schön gewesen sein, aber gesund war sie nicht, wie man gehört hat. Ist dem Prediger dabei schlecht geworden und den Zuhörern auch. Heißt das, einer, unserer armen Blumenmutter, die ist gar aufgeregt und verwirrt zurückgekommen und ist — wir haben es allmiteinander nicht gewahrt — die ganze Nacht draußen bei ihren Blumen gewesen. Die Nächte sind noch wolter kalt, und jetzt wird's mit ihr vorbei sein. Ich weiß gar nicht, wo unsereins den Kopf gehabt hat, daß man nicht nachschauen geht noch gestern auf die Nacht! Aber wer hätt's denn vermeint? Wer hätte denn so was vermeint?«
Der Kaplan trat in das Gemach der Sterbenden. Es war wieder dasselbe Antlitz, aber es war entstellt und seit gestern sehr gealtert. — Er tröstete sie mit Worten der Religion. Da blickte sie ihn traurig an und flüsterte: »Für mich gibt es nur einen Trost, und den habt Ihr nicht.«
»Faßt Vertrauen, liebe Frau. Könnt Ihr es zu mir nicht haben, so habt es zu dem barmherzigen Gott, als dessen Diener ich Euch besuche.« Das sagte der Priester, indem sein Auge immer scharf an den Zügen der Greisin hing.
»So fragt ihn,« entgegnete diese, »fragt den gütigen Gott, ob er von meinem Kinde was weiß. Ich habe einen Sohn; schon lange, lange ist er nicht mehr bei mir, aber er muß noch auf der Welt sein. Und jetzt, ehe ich — sterben muß —«
»Möchtet Ihr wissen, ob er glücklich ist,« unterbrach sie der Priester.
»Ob er brav geblieben ist, möchte ich wissen!« rief sie mit heller Stimme. Und dann erzählte sie, von Atemnot und Fiebern oft unterbrochen, die traurige Geschichte, und wie sie seither ihren Franz nicht mehr gesehen habe.
Als sie geendet hatte, saß der Priester still an ihrem Lager und trocknete ihr die Stirn und strich ihr mit seiner Hand die ergrauenden Locken aus dem Antlitz.
Und endlich, als sie ruhiger geworden war und als sie ihn anblickte, so dankbar, daß er bei ihr sei und ihre schlimme Erzählung so geduldig vernommen habe, sagte der Kaplan die Worte:
»Wenn, liebe Frau, Euer Sohn zur Tür hereinträte und setzte sich zu Euch, und nähme Euch an der Hand, so wie ich es jetzt tue, und wenn er ganz so wäre, wie ich bin —«
»Das wäre mir schon recht,« nickte sie. Und nachdem sie ihn eine Weile groß angeschaut hatte, tat sie den Schrei: »Franz!«
Seine Tränen fielen auf ihre Hand.
Sie richtete sich halb auf und sagte:
»Wenn du der Franz bist, dann habe ich verspielt! Dann könnten die anderen ja auch so geworden sein, wie du!«
»Mutter, Ihr habt alles hart gebüßt. Die Menschen haben Eure Schuld längst gestrichen und Gott hat Euch verziehen.«
»Hat er das? Hat er's?« rief sie bebend, »und du kannst es auch? Wenn du es kannst, Franz!«
Er neigte sich innig zu ihr nieder; sie schlang ihre Arme um seinen Nacken: »Mein Kind ein braver Mensch!« jubelte sie stöhnend und drückte ihn an sich — und sank zurück.
Und als es Abend war, da ruhte sie aufgebahrt im Saale. Ein Wald von grünen Gewächsen und Blumen umgab sie und rankte sich über ihrem Haupte zusammen.
Rote Rosen neigten sich nieder gegen ihr Antlitz und schauten sie an.
Und wie dankbare Kinder das Grab ihrer Mutter besuchen, so stehen heute taufunkelnde Blumen auf ihrem Hügel.