Dorfbilder
Almleute und wie sie sich miteinander unterhalten.
Was werden sie denn auch schwatzen, die Manns- und die Weibsleute, wenn sie einmal zusammenkommen in der Bauernstube oder oben in der Almhütte?
Im Schwatzen sind die Alten am schlimmsten, das weiß man.
»Gehst mit?« frägt der Stiesel-Joachim seinen Kameraden.
»Wohin?«
»Auf die Donnersbach-Alm.«
»Was tun?«
»Weiberleut' hänseln.«
»Ist mir nix um (bin dabei)!« sagt der Kamerad.
Sonntagsnachmittag. Da sitzen die Sennerinnen von den zwei Hütten beisammen in der einen und bessern ihr Gewand aus, das die Woche über in scharfer Arbeit Schaden genommen.
Die Männer treten zur Tür ein, die ist nur für Weibsbilder hoch genug und die Männer müssen sich tief demütigen, wenn sie hereinwollen.
»Da sitzen auch zwei Nichtsnutzige beisamm'!« mit diesen Worten begrüßt der Stiesel-Joachim die beiden Senninnen.
»Gleich und gleich gesellt sich gern,« sagen die Dirndln, »geht's nur her zu uns.«
»Ist ein Lapp, der Schulmeister von Christofen,« springt jetzt der Joachim über, nachdem er sich an den Tisch gesetzt und seine Pfeife angebrannt hat.
»Wesweg?« frägt sein Kamerad.
»Weil er eine neue Wissenschaftlichkeit erfunden hat. Zu meiner Zeit haben wir drei Naturreiche gehabt in der Schul', jetzt hat er fünf.«
»Und das wären?«
»Die Mineralien, die Pflanzen, die Tiere, die Weiber und die Menschen.«
»Du Narr!« lacht die Marei, »da hat er noch eins ausgelassen: die Männer. Die kommen noch vor den Tieren!«
»Die kennt sich aus!« schmunzelt der Kamerad.
Der Joachim wendet sich zu diesem und in aller Ernsthaftigkeit tut er die Frage: »Hat er nicht gesagt, der Herr Pfarrer bei der Predigt, daß kein Weibsbild in die Höll' kommt?«
»Weil kein's mehr Platz hat unten,« meint der Kamerad.
»Wird halt von den Männern schon voll sein,« sagt die Thresel.
»Ein anderer Grund,« versetzt der Joachim ruhig und bläst ein Bündel Rauch aus. »Die Weibsbilder sind nämlich dem Teufel zu schlecht.«
»Bedanken uns schön,« sagt die Marei.
»Nichts zu danken. Ist gern geschehen.«
»Nachher kann man sich's freilich denken,« sagt die Thresel, »daß den Mannern in der Höll' höllisch langweilig wird. Ohne Weibsbild halt's ja keiner aus.«
»Ist auch so,« spricht der Joachim. »Ohne Weibsbild weiß es keiner, wie gut es ihm geht.«
Das alles und anderes wird mit größter Ruhe und Ernsthaftigkeit vorgebracht, bis die Marei frägt, ob sie die gottlosen Mäuler nicht mit Milch und Käse zustopfen sollte?
Wäre ein gutes Mittel, meint der Kamerad.
Die Jüngeren haben sich bislang im Hintergrund gehalten. Um sie hervorzukriegen, sagt die Marei: »Was müssen denn dieselbigen dort angestellt haben, weil sie sich nicht herfür getrauen aus dem Winkel?«
Der Forstjunge Heinrich sitzt dort, der sagt nicht viel, schmunzelt ein wenig und schmaucht sein Pfeifel. Wer ihn recht besieht — und die Marei besieht ihn recht — das ist ein Kerl, den sich der Herrgott selber zum Muster nehmen kann, wenn er irgendwo auf der Welt schöne Leute erschaffen will. Daß er etwas schweigsam ist, das macht nichts, es plaudert schon sein feuriges Auge und solche Weltsprache ist den Weibern auch die verständlichste.
»Gewissen erforschen wird er, der Heinrich,« meint der Joachim, »er will ja jetzt die Jägerei lernen.«
»Uh, bei diesem Freudenfest möcht' ich dabei sein!« ruft die Marei aus.
»Bei welchem Freudenfest?« frägt nun der Heinrich.
»Das die Hasen und Hirschen halten werden, wenn du Jäger wirst!«
»Der Heinrich mag niemanden umbringen,« sagt der Kamerad.
»Im Gegenteil,« setzt der Joachim dazu.
Der Heinrich nimmt seine Pfeife aus dem Mund, pflanzt mit der Spitze derselben noch das Schnurrbärtel auf nach rechts und nach links, dann läßt er das Liedel los:
»Bin a Jager, a frischer,
Ih woaß nur zwen Ständ':
Van Dirndl ihrm Fenster
Und ban Gamsl im G'wänd'.«
»Singen kann ich auch,« sagt die Marei und hebt an:
»Oft a Jager, a frischer,
Gor keck is sei Bluat,
Hot Kuraschi für vieri,
Wan eahm neamand nix tut.«
Nun packt der alte Joachim aus:
»Wan ih auf Kumerbergkirchn geh,
Leg' ih mein bestn Rock on,
Wan ih däs Dirndl in da Kirchn seh',
Schau ih koan Heilign nit on.«
Dem entgegnet die Thresel:
»Hau, Bua, du liabst mih,
Wanst mih liabst, kriagst mih,
Wanst mih treu liabst
Konst mih hobn — wanst mih kriagst.«
Rückt sich jetzt der Kamerad des Joachim gegen die Thresel und versucht es ernsthaft:
»An deiner Rechtn laß mih sitzn,
An deiner Rechtn sitz ih gern,
Wan mir still banonda sitzn
Konst mei Herzel klopfn hörn.«
Drauf sie:
»Du bist holt a so a Büabel,
Bist a so und bist a so,
Du bleibst nit bei oan Dirndl,
Host ollaweil deini zwo.«
»Da weiß ich noch ein Schöneres für den!« sagt die Marei und singt:
»Dir is ka Liabi nit recht,
Dir will ka Bravi nit g'folln —
Wanst a Schöni willst hobn,
So loß dir oani moln.«
Ähnlich geht's fort. Wie aber alles ein Ende hat, so auch der Sonntagnachmittag auf der Alm. Der alte Joachim ist so lange gesessen auf der Bank, daß ihm die Beine starr sind, wie er nun aufsteht.
»Jetzt wünsch' ich euch eine gute Nacht, Weibsleut',« sagt er, »ich denk', die wird euch recht sein.« Damit trottet er mit anderen davon. Ob alle schon gehen? Verbürgen kann ich's nicht. Heinrich, der Schalk, muß die Marei sicherlich noch ein wenig necken. Ein Blumensträußel steckt er ihr an den Hals — ist aber eine junge Brennessel dabei. Sie kommt ihm über die Pfeife und tut heimlich gebeizte Harzkörner hinein, so daß er auf einmal eitel Weihrauch schmaucht. Dann stiehlt sie ihm die abgemauserte Feder vom Hut und steckt eine frische drauf — und schließlich — ach Gott, ich verplaudere die Zeit.
Übers Jahr, wenn Ihr anfragen wollet — sie dürften ein Paar sein, und hoffentlich necken sie sich dann auch noch. Aber, so Gott will, nicht zu scharf.