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Geschichten aus Steiermark

Chapter 28: Der Sonntagsbauer.
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About This Book

A series of short narratives and sketches set among remote Styrian mountain communities, portraying everyday life, local customs, folk beliefs, and encounters with nature and the uncanny. The tales vary in tone from humorous village anecdotes to somber reckonings with loss and hardship, and often weave legend and superstition into domestic scenes. Emphasis falls on landscape, social relations, and vernacular color, with close observation and plainspoken narration that highlight how people endure harsh surroundings, preserve traditions, and respond to fate.

Der Sonntagsbauer.

Die Woche über sind wir etwas Besonderes. Sei es nun, daß schöne Frauen zu uns kommen und sich von uns schmücken lassen mit Seiden, Ketten, Ringen und edlen Steinen, oder sich gar andere Süßigkeiten des Lebens von uns reichen lassen, als etwa Zucker, Korinthen oder feines Gewürze; sei es, daß uns hungrige Hofräte aufsuchen oder durstige Generäle, die wir atzen mit Speise und Trank; sei es, daß wir gar eine Stelle einnehmen, vermöge welcher wir Barone und Grafen bei der Nasenspitze anfassen dürfen — kurz, die Woche über sind wir etwas Besonderes.

Der Salon ist unser Bereich, auf glattem Parkett gleiten unsere glänzenden Stiefeletten, und Gelocke wie etwaiger Bart sind stets in so musterhafter Ordnung, daß wir jeden Augenblick in den Auslagekasten des Friseurs gestellt werden könnten. Unsere Bewegungen sind durchaus nobel, unsere Ausdrucksweise ist fein gebildet, unsere ganze Erscheinung hochelegant. Alles Unfeine, Plumpe und Tölpelhafte belächeln wir mit Recht, und am wenigsten wollen wir zu tun haben mit »dummen Bauern«. Kommt aber der Sonntag, so werden wir selber — ein Bauer.

Denn das ist Mode. Ein Werktagsherr — ein Sonntagsbauer. Am Werktag geht der Bauer hinter dem Pflug oder handet mit der Mistgabel — das ist nichts für uns; aber am Sonntag hat der Bauer sein schönes Gewand an, sitzt im Wirtshaus oder wandelt scherzend über Wiesen und Matten, und für den Sonntag läßt er Gott sorgen.

Da mögen wir es schon mit ihm halten. Das Gewand will zwar nicht immer passen, aber zum Glück gibt es Bauernanzüge für Stadtherren, wattierte Kniehosen, Strümpfe, in denen die Waden schon drinstecken, was sehr bequem ist. Der steife Lodenrock mit den Hirschhornknöpfen hat seine Füllungen derart, daß das städtische Gerüstlein, welches etwa hineinkommt, ganz respektabel gestellt ist. Noch läßt sich der Sonntagsbauer die Sonne recht fest ins Gesicht scheinen, weil sie die Stadtfarbe auszieht. Beim Gehen macht er verdammt große Schritte, hält die Knie gebogen, setzt seinen Bergstock wütig auf den Boden, nebelt aus einem Tabakspfeifentiegel, den er mit Schwamm und Stein in Brand steckt, und ruft von Zeit zu Zeit: »A belei!« oder »Soackera!« und ist nun überzeugt, daß ihn kein Mensch von einem wirklichen Bauern unterscheiden kann. Nur der brettfeste Stehkragen und Manschetten mit den Goldknöpfen retten ihn noch für die gebildete Welt.

Wo er auf dem Wege einem wirklichen Bauern begegnet, hebt er einen Diskurs an über die Landwirtschaft. Da zeigt sich nun die Überlegenheit des Sonntagsbauers gegen den Werktagsbauer. Diesem stehen die Haare zu Berg, so viel und so gescheit spricht jener vom Feldbau, von Waldwirtschaft und Viehzucht.

»Ja, ja, mein lieber Bauer,« sagt der Sonntagsbummler und klopft jenem auf die Achsel, »das macht das Studium. Einer von uns muß doch mehr verstehen als der andere. Wie heißet Ihr denn?«

»Jawohl,« antwortet der Bauer, »und einer von uns zweien ist ein Esel. Ich bin der Höfelberger.«

Wo der Sonntagsbauer auf dem Wege einem Weibsbild begegnet, da hebt er mit ihm ein Getue an, genau wie es in den Dorfgeschichten zu lesen steht. Die Dorfgeschichtenschreiber jedoch sind Schäker und lassen gern aufsitzen. Der Stadtherr wird gefoppt.

An seinem Lodenrock steifen sich nachgerade die Haare auf vor Ärger, wie er gefoppt wird, aber der drinnen steckt, merkt es gar nicht.

Sitzt ein junger, im ganzen fürs Auge gar nicht übler Stadtherr in der Sennhütte. Schon im vorhinein denken die Almer, als sie sein rotes Buch, seinen Operngucker, seinen Kompaß und dergleichen sehen: Armer Teufel, der schleppt seine ganze Gescheitheit, die unsereiner im Kopf muß haben, in der Taschen mit sich. — Der Herr hat zwar Bauerngewand an, gibt sich aber so, daß die Almleute meinen sollten: Wer weiß, was das für ein Herr ist! Auch Grafen und Fürsten steigen im Lodenrock um, heutzutag. Alleweil wendet er sich so, daß seine goldene Uhrkette, seine Brillantringe den Leuten in die Augen springen. Mit feiner Manier hält er die Meerschaumspitze, in welcher eine duftende Zigarette steckt, zwischen den Fingern, mit zarter Grazie ißt er etwelches von Brot und Käse, so er sich vorsetzen ließ, spricht nicht viel, aber mit würdevollem Nachdruck, läßt durchblicken von Pferden und Lakaien und beginnt — selbstverständlich in höchst nobler Weise — mit den Sennerinnen galant zu werden. Aber bei der vornehmen Darlegung seiner Weltweisheit passiert ihm das Malheur, daß er Unsinn schwatzt, und bei der Liebeswerbung, daß er anfangs fein gefrotzelt und hernach ausgelacht wird.

Darüber ist unser Stadtherr nun etwas konsterniert.

Eine der Sennerinnen will ohnehin höflich sein und hält ihre Hand vor das Gesicht, aber endlich ist der Lachdrang mächtiger als das Anstandsgefühl, und sie platzt heraus und gibt der Katz' die Schuld, die soviel ein spaßiges Vieh sei.

Die Katz' ist gar nicht da und muß eilends etwas Possierliches von ihr zusammengelogen werden. Dem Salonbauer wird unheimlich. In ernsthaft freundlicher Art benehmen sich die Almleute gegen ihn, weil er aber nun doch ein gar zu verdutztes Gesicht macht, so ergötzen sie sich immer mehr.

Ein alter Hirt ist dabei, der legt seinen Kopf so über die Achsel eines anderen und sagt nicht ein Wort, aber man merkt's, er ist noch der Boshafteste unter allen. Zum Glück für ihn kann unser Städter nicht Gedanken und Mienen lesen.

Du, mein Leser, bist besser dran, schau' einmal auf das Bild »Der Salontiroler«, und du weißt alles. Nicht ein einziges Wort brauche ich dir mehr zu sagen.

Daß der feine Stadtherr allmählich aufsteht und kleinlaut davongeht, kannst du dir denken. In seinen städtischen Kreis zurückgekehrt, weiß er von pikanten Liebesabenteuern zu erzählen, wie das »göttlich« gewesen sei in der Sennhütte, wie er dort eine ganze Bauerngesellschaft, die sich um ihn versammelt, auf das Köstlichste unterhalten habe. Gelacht sei worden, gelacht ....! Schon »gekugelt« hätten sich die guten Leute vor Lachen!

Warum so sehr gelacht worden ist, das sagt unser Sonntagsbauer aber nicht. Weiß es vielleicht kaum — ahnen mag er's wohl.

Da hat der Florian wieder einmal einen heraufgebracht zur Almhütte der Gunde. Einen gar gelehrten Herrn, der gewißlich auf eigene Faust in der Mineralogie und Botanik umgeht und nebenbei — wie er sagt — ein bißchen »Ethnographie« treibt. In das letztere Fach gehört es auch, wenn sich der Herr Professor jetzt an die Gunde wendet und seine Freude ausdrückt über ihr prächtiges Aussehen. »Bedank' mich,« sagt sie und denkt: es tät' sich schicken, daß ich ihm jetzt dasselbe sagen sollt', dem zaundürren Schippel. Lassen wir's aber gut sein.

Ob sie wohl wisse, frägt er sie dann, daß auf ihrer Alm so prächtige Exemplare des Sempervivum Wulfenii vorkämen! Und zeigt ihr ein Exemplar davon.

»Was will denn der Herr mit der Hauswurz?« frägt sie entgegen. »Fürs Ohrenreißen ist sie gut, wenn Er's einmal hat. Die dicken Blätter zerdrucken, den Saft einträufeln.«

»I wahrlich!« ruft er und lugt sie an, »leider habe ich seit der Volksschule nicht mehr Ohrenreißen gehabt.« Er kann witzig sein. Hierauf weist er ihr die buxbaumblätterige Kreuzblume, die er auch gefunden hat. Er gedenkt sich durch die Blume allmählich in ihr Herz zu schleichen. Vor der Wissenschaft wird sie doch Respekt haben. »Man nennt diese Pflanze,« sagt er, »Polygala Chamaebuxus

»Kamel Buxus!« sagt sie, »das ist ja das Lappenkraut. Da wäre mir das Blümel Herzlieb schon lieber.« Und lugt, wie sie da spricht, schalkhaft auf den Florian hin.

»Und ein Tausendguldenkräutel dabei,« antwortet der Bursche. »Kein übles Sträußel.«

Der Gelehrte kommt hierauf mit einer Campanula.

»Das ist die Zwiderwurzen!« lacht die Gunde auf.

»Nein, mein liebes Kind,« antwortet der poetisch werdende Stadtherr, »das ist die Glockenblume, die läutet den Frühling ein.«

»Schön von ihr,« sagt die Sennerin und schmunzelt gegen den Florian hin, der sich auf die Wandbank gesetzt und seine Pfeife angeraucht hat, als ob sie ihn mit den Augen fragen wollte: Was hast mir denn heut' wieder heraufgebracht?

»Das Schönste aber habe ich da drinnen,« flüstert der Gelehrte und tut ein Büchschen hervor, »das will ich — wie heißt du doch, mein Kind?«

Sie trällert:

»Marei und Kathrin,
Und der Zinner macht Zinn,
Und der Schuster macht Schuh'
Wann's dich g'freut, so frag' zu!«

Er droht ihr schäkernd mit dem Finger. Daß sie ihn neckt, er hält es für ein gutes Zeichen.

»Also Marei und Kathrin,« sagt er, »was ich da drinnen hab', das will ich dir schenken. Zum Angedenken. Es ist das hier seltene Cerastium uniflorum

»Ih mag dih nit!« ruft sie aus.

»Wie meinst du?« frägt er.

»Ih — mag — dih — nit — Kräutel heißt's bei uns,« ist ihre Antwort.

Jetzt schwant ihm beiläufig, er dürfte hier überflüssig sein. Wohl erbittet er sich Milch und Käse, was ihm auch nicht versagt wird — denn schließlich ist er doch als ein armer Reisender anzusehen. Er zieht es vor, den Imbiß draußen im Freien einzunehmen, und als er damit fertig ist, schreibt er in sein Notizbuch folgende Zeilen:

»Die Flora ist in diesem Gebirge höchst mannigfaltig, nur zu beklagen der Indifferentismus der Bevölkerung, welche noch tief in der Nacht des Aberglaubens steckt. Mir ist eine Person vorgekommen, welche die Namen einzelner Pflanzen kurzweg fälschte und die lieblichen Kinder Floras mit geradezu barbarischen Ausdrücken belegte. Wie arg durch Duldung solcher Zustände der Verdummung des Volkes Vorschub geleistet wird, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Es wäre Sache der Volksbildner sowohl wie der löblichen Alpenvereine, in den Bauernhäusern und Alpenhütten Tafeln mit den Abbildungen der in der Gegend vorkommenden Gestein- und Pflanzenarten und deren wissenschaftlichen Namen aufhängen zu lassen.«

»Ja, ja, wenn erst die Kühe lateinisch können!« lacht hinter ihm plötzlich die ungezogene Sennerin auf. Da frägt der Herr, was der Imbiß koste, tut sein Kupfernes auf das Tischbrett und geht kopfschüttelnd seinen Weg.