Der Sim-Sampel.
Der Sim-Sampel! Er besaß einen großen Bauernhof und alles was dazugehört und sonst noch mancherlei Haupt- und Nebensächliches. Unter letzterem war auch sein Weib, eine kleine, dicke Person, die außer ihrer Hühnerzucht sich um weiteres nicht kümmerte. Sie mästete, fütterte und pappelte alle Tierlein selber und hatte es sogar mit einer Brutmaschine probiert. Diese warf sie wieder weg, Hahn und Henne, meinte sie, machen es in herkömmlicher Weise besser. An fünfhundert »Henndln« verkaufte sie manches Jahr und zehnmal so viel Eier. Besonders im Monat März ging ihre Körbelträgerin ununterbrochen zwischen dem Sim-Sampelhof und dem Mürztale hin und her. Was die Mürztaler für Eiermarder sind — man glaubt's nicht. Der Sim-Sampel selber war aber auch einer. Zum Frühkaffee und »Schunken« zwei lehngekochte Eier, vormittags zum Milchbrot zwei Eier, nachmittags drei Eier in Schmalz, abends nach dem Nachtmahl auch noch ein paar. Eier kann der Mensch nie genug essen, war seine Meinung, Eier hat die Kirche sogar an den Fasttagen erlaubt, daraus die Unentbehrlichkeit dieser Nahrung genugsam erhellt.
Nachdem der Sim-Sampel etwa so an seine hunderttausend Eier verzehrt hatte, wurde er krank. Zuerst der nächstbeste Arzt, aber der machte es mit seinem Pulver nur noch schlechter. Eilends der Wagen um den Doktor nach Bruck; der erschien nur, so ward es schon besser, denn er kam gerade zu rechter Zeit. Dann aber blieb es wochen- und monatelang übel, der Sim war nicht krank und nicht gesund. In seinen Körper kam so eine gewisse Schwammigkeit und der Arzt fürchtete eine Herzverfettung. Doch tat dieser Brucker Doktor alleweil nichts, als Lebensweise verordnen, bis der erboste Bauer endlich die flache Hand auf den Tisch schlug und sagte: »Ja, mein lieber Herr, was ist's denn mit uns zweien? Zum guten Rat geben kann ich alte Weiber haben, so viel als der Will. Ein Doktor, der keine Medizin hat, ist bei mir kein Doktor! Jetzt serb' (kränkle) ich schon seit Michaeli, wir haben Weihnachten und ich hab' noch keine ordentliche Medizinflaschen gesehen. Für was verdoktert einer denn sein gutes Geld, wenn er nichts zum Einnehmen kriegt?« — Weiter sprechen wollte er, war aber schon heiser. Der Doktor war noch ein junger, unerfahrener Mann, er sagte also: »Einnehmen wollen Sie? Aber Sie nehmen ohnehin zu viel ein, lieber Sim-Sampel! Nicht so viel Schmalzkoch und Eierschmarrn essen und nicht so viel pipperln! Des Abends früh schlafen gehen, des Morgens früh aufstehen. Fleißig Zimmer lüften. Den Körper hübsch reinlich halten, mit kaltem Wasser waschen, Bewegung machen —«
»Jesses Maron!« unterbrach ihn der Bauer, »wenn ich das alles tun will, nachher brauch' keinen Doktor!«
»Brauchen auch keinen«, sagte der Arzt ruhig.
»Aber Mensch, ich will eine Medizin haben, die mich gesund macht. Das ist der Medizin ihre Schuldigkeit, und da wird man doch nicht erst neue Bräuch' einführen müssen. Und der Herr Doktor tut mir einen Gefallen, wenn er gleich sagt, was ich schuldig bin für sein Hergehen, was freilich für die Katz ist gewesen.« Weil es ihm den Atem verschlug, so gurgelte er nur noch für sich hin: »Ist mir auch noch mein Lebtag nit vorgekommen, drei Monat krank sein, einen Doktor haben und keine Medizin kriegen. Nit einen Fingerhut voll Medizin. Wie soll der Mensch da gesund werden!«
Am nächsten Tage stand der Tisch neben seinem Bette voller Flaschen. Große Flaschen mit bräunlichem Inhalt zum Einnehmen, alle Stund' einen Eßlöffel voll; in kleinen Fläschchen Tropfen auf Zucker zu nehmen; in anderen Fläschlein Tropfen zum Einreiben; in Tiegeln Salben zum Schmieren; in Rollen Plaster zum Auflegen. Auch ein Topf mit Igeln war da, diese Tiere sollten die Krankheit herauszuzeln. — Das war aber nicht vom Brucker Doktor, das war von der Krautgruben-Liesel in Allischbach. Und das war was anderes! Schon am ersten Tage lebte der Sim auf. Später kamen freilich wieder die alten Übel und manchmal schlimmer als vorher, aber das war die schlechte Jahreszeit. Er aß nun nicht mehr so viel Schmalznudeln und Schweinfleisch, denn die Medizinen hatten seinen Magen so gründlich kuriert, daß er gar keine Eßlust mehr verspürte.
Weiter sage ich nichts von ihm. Leben wird er kaum mehr.