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Geschwister Rosenbrock cover

Geschwister Rosenbrock

Chapter 10: 9.
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About This Book

The novel portrays life in a small moorland colony through detailed scenes of a village school, household routines, seasonal labor and social visits, following a pair of siblings whose daily struggles and community ties reveal local customs, domestic care, and moral choices. Vivid descriptions of weather, paths, and interiors frame episodes of youth, illness, hospitality and neighborly aid, while quiet observation and social detail illuminate changing relationships and the resilience of ordinary people.

9.

Leidchen stand in ihrer Dachkammer und sah sich zwischen ihren vier Wänden um. Diese waren freundlich gestrichen und von der Vorgängerin mit bunten Bildchen geschmückt, aber eins fehlte ihnen. Sie hatten nämlich kein Fenster. Ein solches saß vielmehr einen Arm hoch über ihrem Kopf schräg in dem verschalten Dach, wo ein Eisenkreuz ein viereckiges Stück grauen Novemberhimmels vierteilte. Als sie auf ihren Stuhl stieg, den einzigen des Kämmerchens, erblickte sie die kahle Spitze eines Baumes, und indem sie sich auf den Zehen emporreckte, noch dazu eine Flucht von Dachfirsten und Schornsteinen. Die Aussicht wäre auf dem Lande eigentlich ebensogut, dachte sie.

Wo sie wohl das Myrtenbäumchen hinstellte, das ihre Patentante Beta Rotermund ihr vor Jahren geschenkt hatte? Auf der Kommode war es zu dunkel, auf dem Waschtisch auch. Es erschien ihr am besten, durch eine künstliche Hängevorrichtung es dicht unter dem Fenster anzubringen, wo es Licht und Sonnenwärme genug haben würde. Der in der Wand hochgehende Schornstein schützte es im Winter wohl vorm Erfrieren. Einstweilen aber machte sie sich ans Auspacken ihrer Kommode.

Während sie dabei war, kam Frau Marwede die knarrende Treppe herauf und brachte ihr ein Kind von zwei bis drei Jahren. »Dies ist unsere Olga,« sagte sie, »die kann dir ein bißchen zukucken.«

Das kleine Mädchen sah der neuen Hausgenossin mit Interesse zu, und als diese sich einmal auf den Stuhl setzte, kletterte es ihr auf den Schoß und küßte sie auf Mund und Wangen, unter der Versicherung: »Ogga mag Tante leiden.« Die Kinder in der Stadt, dachte Leidchen, sind nicht so blöde und fremd wie unsere zu Hause, und erwiderte die ihr dargebrachten Zärtlichkeiten.

Am Mittagstisch sah Leidchen zuerst die Familie Marwede vollzählig beieinander. Es waren noch drei Kinder da, Jungens im Alter von sieben bis vierzehn Jahren, alle wohlgenährt und mit einem gesunden Appetit begabt. Die Stimmung des Hausherrn schien anfangs nicht die beste, da eine vor zwei Tagen eingestellte Milchkuh nicht ganz das hergab, was man von ihr erwartete, und für zwei Stadtkunden, die zum heutigen Ersten des Monats gekündigt hatten, nur ein neuer eingetreten war. Doch heiterte die Feststellung, daß das Ladengeschäft des Vormittags nichts zu wünschen übriggelassen habe, ihn zusehends auf, und er erkundigte sich bei der neuen Hausgenossin teilnehmend, wie viel milchende Kühe ihr Bruder Jan augenblicklich im Stall hätte und ob das Kälbermästen gut ginge. Über die Sphäre von Milch, Butter und Käse verirrte das Tischgespräch sich keine Minute lang hinaus. Leidchen dachte, etwas gebildeter hätte sie sich Stadtleute doch vorgestellt.

Nach dem Mittagessen weihte Frau Rosalie Marwede ihr Fräulein in die Grundsätze des Hauses ein. Deren erster und alle anderen beherrschender lautete: »Reinlichkeit ist die Seele vons Milchgeschäft,« und er galt nicht nur in Stall, Keller und Laden, sondern ebensosehr in Küche und Kinderstube und den übrigen Wohnräumen, wo Leidchen ihr Reich hatte. Wenn Trinas Unordentlichkeit ihr öfters leise Seufzer abgelockt hatte, so wurden ihr solche in der Folgezeit nicht selten von Frau Marwedes Ordnungs- und Sauberkeitsfanatismus abgepreßt. Aber im ganzen fand sie sich ganz gut in diesen hinein, da ihr Wesen im Grunde doch auch auf die von ihrer Herrin übertriebenen häuslichen Tugenden gestellt war.

Den ersten freien Sonntagnachmittag benutzte sie, um Meta Stelljes, eine Cousine ihrer Schwägerin Trina, zu besuchen, die ein Jahr vor ihr konfirmiert war und am Osterdeich bei einem Großkaufmann in Zigarren diente. Sie mußte allen Mut zusammennehmen, indem sie durch einen peinlich gepflegten Garten mit Teppichbeeten und fremdartigem Buschwerk auf die schloßartige, mit unzähligen Erkern und Türmchen verzierte Villa zuschritt, und als sie die breite Treppe hinanstieg, klopfte ihr das Herz nicht schlecht. Als aber ein feiner, glattrasierter Herr in langem blauen Rock mit silbernen Knöpfen auf ihre bescheidene Frage nach Meta Stelljes sie strafend ansah und stirnrunzelnd ihr bedeutete, die Freitreppe wäre nur für Herrschaften, da wäre sie am liebsten in den Boden gesunken. Aber der feine Herr war dann doch ganz nett und brachte sie zu Meta Stelljes. Es traf sich gut, daß diese auch gerade Ausgehsonntag hatte und ihr fertig angezogen entgegentrat.

So spazierten die beiden Kinder des Moors denn bald auf dem Osterdeich dahin, plauderten von daheim, und kamen dann auch auf ihre gegenwärtigen Dienstverhältnisse. Meta fühlte eigentlich das Bedürfnis, mal ordentlich zu klagen und zu stöhnen. Als sie aber hörte, daß Leidchen eine Stellung als Stütze und Fräulein hatte, lobte sie den Reichtum ihrer Herrschaft, die Eleganz der Wohnung, die Güte des Essens bis ins Aschgraue und erhöhte ihren Lohn eigenmächtig um zwanzig, den Jahresdurchschnitt der Trinkgelder um hundert Prozent.

»Mit so was kann ich nicht prahlen,« sagte Leidchen kleinlaut, als Meta mit ihrer Aufschneiderei fertig war, »aber Marwedes sind sehr ordentliche, saubere Leute, und denn ist da auch 'ne kleine Deern, die heißt Olga ...«

»Was? Auch noch Kinder?«

»Warum denn nicht?«

»In ein Haus, wo kleine Kinder sind, würde ich überhaupt nicht gehn.«

»Warum nicht, Mädchen?«

»Da sieht man, wie grün du noch bist,« sagte Meta mitleidig lächelnd. »In ein Haus mit Kindern geht heutzutage nur Personal zweiter Klasse. Übrigens Leidchen, kuck mal her, du mußt dein Kleid ein bißchen aufraffen, so wie ich.«

»Warum?«

»Immer mit deinem Warum, du dumme Deern! Soll uns denn jeder anmerken, daß wir aus dem Torf sind?«

»Ach so,« sagte Leidchen und beeilte sich, ihrer Begleiterin den rechten Kleiderraffgriff abzusehen.

Als sie an einigen Soldaten vorüber waren, begann sie: »Aus unserm Dorf hat das letzte Jahr auch einer hier gedient, aber Anfang Oktober haben seine Obersten ihn nach Spandau geschickt.«

»Weiß schon Bescheid,« unterbrach Meta, »eurem Müller sein Jung, hab' mal mit ihm getanzt. Ein schneidiger Kerl! Und hat auch wohl Geld?«

»Geld? Wie Heu! Als seine Mutter Hochzeit machte, haben sie ihr die blanken Taler scheffelweise zugemessen. Sein Vater muß beinahe ebensoviel Steuern bezahlen, wie das ganze obere Dorf zusammen.«

So unterhielten sich die Mädchen, musterten die Toiletten ihrer Geschlechtsgenossinnen, schielten hin und wieder verstohlen nach einem schmucken Mannsbild und waren lustig und guter Dinge. Leidchen, die nun schon fünf Tage in der Häuserenge der Neustadt und auf ihrem Kämmerchen mit Oberlicht gesessen hatte, ließ froh den Blick über den blau glitzernden Strom und die grünen Weiden in die Ferne wandern und war glücklich, daß sie einmal von Milch, Butter und Käse nichts zu sehen, zu riechen und zu hören brauchte.

Als sie Abschied voneinander nahmen, sagte Meta: »Was meine beste Freundin war, die hat sich letzte Woche verlobt. Wenn du Lust hast, kannst du in ihren Platz eintreten.«

»O ja!« rief Leidchen hocherfreut, ergriff ihre Hand, und die Freundschaft war geschlossen.

Leidchen war überglücklich. Indem sie durch die von Menschen wimmelnden, hell erleuchteten Straßen ging, dachte sie an die einsamen, dunklen Moordämme daheim. Was war das dagegen hier für ein Glanz und Leben! Auf der Großen Weserbrücke, als sie auf den blinkenden, lichterspiegelnden, von hohen Lagerhäusern begleiteten Strom hinabblickte, kam ihr auf einmal ein Gefühl für die Größe der alten Hansestadt, sie fühlte sich mit Stolz als ein kleines Rädchen in dem großen, bunten Getriebe, und war von Herzen froh, der Stille und Enge ihres Dorfes entflohen zu sein.

Bald aber traten Milch, Butter und Käse wieder in ihre Rechte, und das Leben ging mit Kochen, Wischen, Fegen, Waschen und Plätten seinen alltäglichen Gang. Da kam ihr wohl abends in der Schummerzeit mal der Wunsch: wenn du jetzt dein Spinnrad in den Arm nehmen und ein bißchen auf die Nachbarschaft gehen könntest! Dann wollte es ihr fast scheinen, als lebe man in der großen Stadt mit den vielen tausend Menschen im Grund viel einsamer als zu Hause mit den paar hundert.

Als Anfang September ihr Bruder sie zum erstenmal besuchte, konnte sie sich nicht genug tun mit Versicherungen, wie gut es ihr in der Stadt gefiele. Die kleine Olga mußte er auf den Schoß nehmen und sich von ihr eien lassen. Meta Stelljes wurde ihm angepriesen als aller Mädchen Krone und für einen glücklichen Ehestand angelegentlichst empfohlen. Aber er sagte, er brauche noch lange keine Frau.

Am Sonntag darauf stäubte sie morgens Frau Marwedes Salonmöbeln ab, als auf einmal durch die geöffneten Fenster feierlicher Glockenklang an ihr Ohr schlug. Da fiel ihr ein, daß heute schon der erste Advent war, und sie sah im Geist, wie daheim an der schimmernden Birkenreihe des Kirchdammes entlang die schwarzgekleideten Menschen in Trupps auf Grünmoor zupilgerten. Sie blickte auf die Straße, sie bot das gewohnte alltägliche Bild. Ob denn hier niemand an die Kirche dachte? Halt, da kam ein altes Mütterchen angewankt, Gesangbuch und Taschentuch in der Hand. Leidchen bog sich zwischen den Blumenstöcken aus dem Salonfenster hinaus, um einen Blick in das verrunzelte Gesicht zu gewinnen, und da huschte es ganz leise sonntäglich und vorweihnachtlich durch ihr Gemüt.

Am nächsten Sonnabend fragte sie Frau Marwede, ob sie mal in die Kirche gehen dürfte. Die stemmte die Hände in die Seiten, machte ein maßlos erstauntes Gesicht und sagte: »Aber Kind, hast du denn soviel Sünden getan?« Da wurde sie rot und sagte nichts weiter. Am Sonntagnachmittag aber, als sie ohne Meta Stelljes, die nicht abkommen konnte, einen Gang durch die innere Stadt machte, hörte sie auf einmal die mächtigen Domglocken, und die hohen bunten Fenster schimmerten in die hereinbrechende Dämmerung. Da sie sich so nicht getraute, fragte sie einen vertrauenerweckenden älteren Herrn, ob sie da hinein gehen dürfte. Dem zuckte es schalkhaft um die Mundwinkel, indem er sagte: »Gern, wenn Fräuleinchen ein Billett hat.« Da ging sie betrübt ihrer Wege und dachte, auf dem Lande wär' das doch besser eingerichtet, wo man mit einem Pfennig für den Klingelbeutel frei käme und auch noch nicken könnte.

Bei nächster Gelegenheit sprach sie mit ihrer Freundin über das Kirchengehen. »Ja, Leidchen,« sagte Meta Stelljes, »anfangs paßt einem das nicht, aber man gewöhnt sich schneller daran, als man denkt, wo's hier einmal keine Mode mehr ist. Aber du hast recht, der Mensch will mal was anderes als das Alltägliche. Deshalb haben wir Hausangestellten in unserer Villa einen Leseklub gegründet, und wenn du jede Woche einen Groschen ausgibst, kannst du dir so viel schöne Geschichten von uns leihen, als du Lust hast zu lesen.«

»Och ja,« meinte Leidchen, »zu Hause haben wir uns auch immer vorgelesen. Gerd holte die Bücher immer vom Lehrer.«

»Ha,« rief Meta verächtlich, »du wirst sehen, unsere Geschichten sind viel interessanter. Wer damit erst einmal angefangen hat, kommt überhaupt nicht wieder davon los.«

Leidchen hinterlegte bei dem Mann im blauen Rock mit silbernen Knöpfen statutengemäß eine Sicherheit von fünfzig Pfennig, zahlte einen Groschen als Wochenbeitrag und trug einen Packen arg zerlesener bunter Hefte mit heim. Abends im Bett las sie darin, bis nach zwölf, und ein Schauer nach dem anderen lief ihr über den Leib.

So kam Weihnachten heran, aber recht weihnachtlich wollte es dem Landkind nicht werden. Am Christabend brannte in Frau Marwedes Salon ein prächtiger Tannenbaum, über und über mit dicken Glaskugeln behängt, eine Spieluhr spielte abwechselnd »O du fröhliche« und »Stille Nacht«, und Leidchen war reicher beschenkt worden als sie erwartet hatte. Aber ein rechter Weihnachtsabend war es doch nicht. Die Menschen kamen einander um keine Handbreit näher, Milch, Butter und Käse spukten auch um den Lichterbaum, eine kranke Kuh im Stall machte Sorge. Nachher im Bett las Leidchen noch lange mit glühenden Wangen in den bunten Heften, von denen sie sich längst eine zweite Serie geholt hatte. Sie tischten gerade mal wieder eine grausliche Mordgeschichte auf.

Am Abend des ersten Festtages hatte sie allein mit der kleinen Olga das Haus zu hüten. Das Kind auf dem Schoß, saß sie in der dunklen Bescherungsstube unter dem Baum, an dem einige Glaskugeln in dem Licht glänzten, das von der Straßenlaterne gegenüber in das Fenster fiel. Da bat die Kleine auf einmal um eine Geschichte. Leidchen dachte an das, was sie in der letzten Zeit gelesen hatte, aber davon war nichts zu gebrauchen. Sie mußte also in ihren Erinnerungen weiter zurückgreifen. Und bald fing sie an: »Es war einmal ein großer, großer Kaiser, der hieß Augustus,« und erzählte von einem Stall, in dem nicht fünfzehn Milchkühe gestanden hätten wie in Papa seinem, sondern nur ein Ochs und ein Esel, und in diesem kleinen Stall wäre ein kleines, ganz kleines Kindlein geboren, an dem hätten seine Eltern, und die beiden Tiere, und die frommen Hirten, und die heiligen Engel, und der liebe Gott und alle guten Menschen ihre Freude gehabt. Dann sang sie dem Kinde, das sich warm an ihren Busen schmiegte, auch einige Weihnachtslieder, und als sie aufstand, um es zu Bett zu bringen, sagte sie: »So, Olga, nun haben wir erst richtig Weihnachten gefeiert.« —

Mitte Februar konnte Meta Stelljes keine bunten Hefte mehr liefern, Leidchen hatte die Bibliothek des erst seit einem Jahre bestehenden Klubs durchgelesen. Das plötzliche Aufhören des gewohnten Reizes der Spannung empfand sie mit peinlichem Unbehagen, und sie war in dieser Zeit öfters mit sich selbst und der Welt höchst unzufrieden. Warum konnten andere Mädchen, die Heldinnen jener Geschichten, so große unerhörte Dinge erleben, mit Revolvern sich durch allerhand Abenteuer kämpfen, reiche Grafen mit marmornen Schlössern heiraten, indes ihr bei solchem Milchmann mit Fegen, Wischen und Kochen ein Tag so eintönig und zum Sterben langweilig wie der andere dahinkroch!

Eines Spätnachmittags, als sie ihr Kämmerchen betrat, hörte sie einen Vogel singen. Zu Hause, wo's die vielen Vögel gab, würde ihr das nicht weiter aufgefallen sein, aber hier in der Stadt war's was Besonderes. Sie stieg auf ihren Stuhl und sah zum Dachfenster hinaus. Da wurde der kahle Baumwipfel sichtbar, und in ihm saß ein Amselmännchen, den gelben Schnabel schräg aufwärts gerichtet, die Flügel gesenkt, unbeweglich, und sang und sang. Du liebe Zeit, wie konnte der kleine Kerl singen! Lust, Wehmut, Sehnsucht erfüllten die Brust der Lauscherin. Sie hob sich auf die Zehen. Da erschienen Giebel und Schornsteine, aber über sie hinweg zogen die Wolken der verheißungsvoll lockenden, dämmernden Ferne zu. Ach wer da mit könnte! Wie war doch die Welt so weit und die Dachkammer so eng!


Der Frühling, der seinen kleinen schwarzen Herold vorausgesandt hatte, brachte in Leidchens Leben ein paar große Veränderungen.

Meta Stelljes zeigte eines Nachmittags, als ihre Freundin sie abholte, ein merkwürdig aufgeregtes Wesen, und schon nach zwei Minuten hatte sie ihr gestanden, sie hätte seit zwei Tagen einen Bräutigam. Zwar einstweilen wär' es nur so'n lüttjer Handbräutigam, aber es würde wohl Ernst draus werden, denn ihr Stanislaus Kaminski wäre ein ordentlicher Mensch und Beamter, nämlich Hilfsbremser an der Königlichen Eisenbahn, und katholisch, und die Katholiken wären, wie bekannt, ja alle sehr fromm.

Als sie einige hundert Schritt miteinander gegangen waren, blieb Meta stehen, zeigte auf eine nach links abzweigende Straße und sagte hastig: »Ich muß hier abbiegen, mein Bräutigam wartet auf mich. Adjüs.«

»Wann sehen wir uns wieder?« fragte Leidchen, die Hand der Freundin festhaltend.

»Weiß ich noch nicht, wird wohl nicht oft mehr sein. Sieh auch man zu, daß du bald so was findest, das ist in diesem armen Leben immer noch das Beste. Adjüs, lebe wohl!«

Und hin ging sie, ohne sich noch einmal umzusehen. Die Verlassene blickte ihr traurig nach. —

Als Leidchen nach Hause kam, bat Frau Marwede sie, gleich mal zu der kleinen Olga zu gehen, die nicht recht wohl wäre. Sie fand das Kind mit Fieber im Bett.

Marwedes hatten einen starken Glauben an die Heilkraft gesunder Vollmilch, und man holte solche bei jedem Melken warm von der besten Kuh im Stall. Aber die Patientin weigerte sich, diese Medizin zu nehmen.

Am nächsten Tage rief man den Arzt, der ein bedenkliches Gesicht machte.

Als er das Krankenzimmer verlassen hatte, sagte die Mutter, an ihrer Unterlippe nagend: »Und dabei ist das Kind noch nicht mal getauft.«

Leidchen starrte sie entsetzt an, indes der Milchmann geringschätzig die Achseln zuckte.

Dieser ging bald zu seinen Kühen. Da sagte die Frau: »Was meinst du, Mädchen? Ob's nicht am Ende doch besser wäre ...?«

»O ja,« rief Leidchen, die helle Angst im Gesicht, »bitte, bitte! Denken Sie sich, sie stürbe uns weg, drei Jahre alt und ungetauft! Wir könnten ja keine ruhige Stunde wieder haben.«

»Na na, Marwede und ich sind ziemlich aufgeklärte Leute ... Aber wenn du hinlaufen und den Pastor holen willst, soll's mir recht sein. Er wohnt dicht bei der Kirche, sag' ihm aber, er möchte sich ein bißchen beeilen.«

Leidchen traf den Pastor nicht zu Hause, seine Frau sagte aber, sie würde ihn schicken, sobald er zurückgekehrt wäre.

Er kam eher, als man hiernach ihn glaubte erwarten zu können. Da Frau Marwede noch in ihrem Schlafzimmer beim Umkleiden war, traf er nur Leidchen bei dem Täufling, und als er ihr die Herzensangst und Traurigkeit aus dem Gesicht las, sagte er teilnehmend: »Es ist wohl Ihr erstes und einziges, liebe junge Frau?« Leidchen wurde purpurrot und stamerte, sie wäre hier nur das Fräulein. Während jener seinen Irrtum mit großer Kurzsichtigkeit entschuldigte und die Brille putzte, kam die wirkliche Mutter in ihrem Schwarzseidenen hereingerauscht und begrüßte den Geistlichen mit achtungsvoller Verbeugung. Leidchen wurde als Patin angeschrieben, und als das Köpfchen des Kindes mit Wasser besprengt wurde, hob sie es in den Kissen an.

»Was hat der Onkel eben gemacht?« fragte die kleine Olga, während ihre Mutter den Pastor hinausgeleitete.

»Oh,« sagte Leidchen, sich über sie neigend, »das war ein ganz lieber Onkel. Du bist nun dem lieben Gott sein Kind geworden, und er hat dich ganz furchtbar lieb, noch lieber als Tante Leidchen.«

Von Stund' an fühlte sie sich dem Kinde noch enger verbunden als bisher. Die alte Anschauung, daß Patenschaft eine Art Verwandtschaft begründet, wirkte dabei mit, noch mehr aber wohl die Erinnerung an das viele Gute, das sie selbst von ihrer Patentante Beta Rotermund empfangen hatte und nun weiterzugeben Gelegenheit fand. Sie wurde erfinderisch, ihrem Patenkinde Liebes zu erweisen, und dieses hatte sie lieber um sich als seine Mutter, die, was sie in Jahren als stark in Anspruch genommene Geschäftsfrau an Zärtlichkeit versäumt haben mochte, jetzt in wenigen Tagen nachholen wollte, wobei sie dann des Guten leicht etwas zu viel tat.

Einmal sollte Leidchen auch wieder erzählen. Als sie nachsann, fiel ihr Doktor Luthers Brief an seinen Sohn Hänsichen ein, den sie aus dem Schullesebuch kannte, und zugleich dachte sie an daheim, wie dort nun bald wieder Frühling und Sommer Einzug hielten. Und sie erzählte von einem wunderschönen Garten, da blühten die Äpfel- und Birnbäume über und über weiß wie Schnee, und die Früchte wurden dick und kriegten rote Backen, und bunte Vögel sangen süß in den Zweigen, und die herrlichsten Schmetterlinge gaukelten durch die blaue Luft, und silberweiße Birken ließen ihre lichtgrünen Schleier wehen, und unter ihnen auf grünem Rasen spielte das Christkind mit all den artigen und frommen Kindlein, die hier aus der ganzen Welt zusammen kamen.

So malte sie der Kranken ein leuchtendes Bild mit den Farben ihres Kinderparadieses, und das kleine Stadtkind, das solche holden Wunder nie mit eigenen Augen geschaut hatte, hörte mit offenem Munde und mit sehnsuchtsvollen Blicken an ihren Lippen hängend zu.

In der Nacht darauf übernahm sie gegen ein Uhr die Krankenwache. Sie mochte etwa eine Stunde am Bett gesessen haben, als das Kind anfing, sich in den Kissen zu werfen. Mit leisen, begütigenden Worten redete sie ihm zu und wischte die Schweißtropfen, die ihm auf die Stirn traten, sanft hinweg. Auf einmal streckte sich der kleine Leib lang, ganz lang. Da packte tödliche Angst die Wärterin, sie riß ihn an ihren jungen lebenswarmen Busen, sie hauchte ihren Odem auf den schon still stehenden Mund. Als sie aber die blicklos starren Augen sah, ließ sie den Körper in das Bett zurücksinken und preßte sich beide Hände auf das Herz; denn sie fühlte ein Schwert durch ihre Seele schneiden, zum erstenmal in ihrem jungen Leben.

Sie weckte die nebenan schlafenden Eltern. Die Mutter kam im Nachtgewand angestürzt und warf sich schreiend über die kleine Leiche. Der Vater folgte notdürftig bekleidet und stand stumm daneben. Nach einer Weile sagte er: »Aber Rosalie, nun faß dich. Wir haben unsere Pflicht getan. Denk' doch bloß an all die schöne Milch, die das Kind die Jahre getrunken hat ...«

Der kahle Baumgipfel unter Leidchens Dachfenster begrünte sich nach und nach, und spät nachmittags und abends saß die Amsel darin und sang und sang. Und die Gedanken der Einsamen eilten immer und immer wieder in das Land des schwarzen Moors und der weißen Birken, wo sie jetzt vom dämmernden Morgen bis in die sinkende Nacht im Torf standen und sich tüchtig ausarbeiteten. Wenn doch einmal in der Frühe jemand an ihr Bett getreten wäre und sie geweckt hätte zum Torfbacken im herbstfrischen Frühlingswind! Aber sie mußte Tag für Tag kochen, aufwaschen und fegen, im Dunstkreis von Milch, Butter und Käse, und obgleich die Arbeit nichts weniger als schwer war, fühlte sie sich oft todmüde und war manchmal des Lebens fast überdrüssig.