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Geschwister Rosenbrock

Chapter 11: 10.
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About This Book

The novel portrays life in a small moorland colony through detailed scenes of a village school, household routines, seasonal labor and social visits, following a pair of siblings whose daily struggles and community ties reveal local customs, domestic care, and moral choices. Vivid descriptions of weather, paths, and interiors frame episodes of youth, illness, hospitality and neighborly aid, while quiet observation and social detail illuminate changing relationships and the resilience of ordinary people.

10.

Eines Nachmittags, als nach einer regenreichen, dunklen Aprilwoche die Sonne wieder schien, stand Leidchen auf, machte eine Bewegung, als ob sie etwas abschüttelte, und ließ sich ein neues Sommerkleid anmessen. »Für ein Fräulein von so schlankem, ebenmäßigen Wuchs zu arbeiten, ist mir ein Vergnügen,« sagte die Schneiderin.

Erst das letzte Drittel des Wonnemonds brachte einen lachenden, leuchtenden Sonntag, an dem das nach Urteil der Nadelkünstlerin »äußerst schick und tadellos« sitzende Himmelblaue den Menschen gezeigt werden konnte. Leidchen trug es natürlich in den Bürgerpark, in dem die Menschheit heute ein Stelldichein verabredet zu haben schien, und der auch selbst sein allerschönstes Kleid angezogen hatte, nämlich das aus lichtem, blütendurchwirktem Grün.

Das schmucke Kind freute sich des warmen Sonnenscheins und der jungen Frühlingspracht, sah nach den fröhlichen geputzten Menschen und dachte so in ihrem Sinn, ganz zu verachten wäre das Leben eigentlich doch nicht.

Als sie über eine der Brücken kam, die das ausgedehnte Grabennetz der Anlagen überspannen, blieb sie stehen und sah belustigt einem ungeschickten Ruderer zu, der sein Boot nicht in der Gewalt hatte, indes das hinten sitzende Mädchen durch gute Ratschläge, überflüssiges Gekreisch und verkehrtes Steuern die Sache noch schlimmer machte.

Da hörte sie nahe Schritte und wandte sich um.

»Guten Tag, Leidchen Rosenbrock,« rief eine froh verwunderte Stimme.

»Hermann!?«

»Ja, mein Deern, ich bin's selbst. Aber nun gib mir erst mal die Hand.«

Er nahm sie sich und drückte sie tüchtig, über das ganze Gesicht lachend.

»Mensch, wo kommst du denn bloß auf einmal her? Ich meinte, du wärst in Spandau.«

»Spandau ist abgemacht. Wir sind vorige Woche zum Regiment zurückkommandiert. Schön, daß ich dich treffe. Wollen wir uns mal die Affen bei der Meierei ansehen, und die Känguruhs? Oder soll ich dich lieber ein bißchen rudern?«

Leidchen hatte sich inzwischen von ihrer Überraschung erholt und fragte schelmisch, indem sie auf den hemdärmelig sich abrackernden Jüngling zeigte, dessen Boot noch immer von einem Ufer zum anderen schoß: »Kannst du's ebensogut, wie der da?«

Er warf sich in die Brust. »Ich? Wie der erste Sportsmann meistere ich mein Boot.«

»Na, na? Wenn ich an die Nacht auf der Hamme denk' ...«

»Ach so ... na ja, bei der Torfschipperei bin ich nicht groß geworden. Aber daß ich rudern kann, will ich dir bald zeigen, komm!«

Sie machte ein paar Schritte, blieb dann aber wieder stehen: »Ich weiß nicht recht ... Wenn uns einer sähe ...«

»Wir beide können uns überall sehen lassen,« rief er lachend. »Komm!«

»Aber ...«

»Ach was. Wir sind hier nicht in unserem Dorf, wo die alten Weiber gleich die Köpfe zusammenstecken, wenn zwei junge Leute mal auf dem Damm miteinander gehen. Hier kann jeder nach seiner Fasson selig werden, das ist ja gerade das Schöne an so 'ner Stadt. Komm!«

Er wollte ihren Arm nehmen, doch sie litt es nicht. Als er aber entschlossen die Richtung nach der nicht weit entfernten Bootvermietungsstelle einschlug, folgte sie langsam.

Der Hafen war bei dem herrlichen Wetter bereits ausvermietet. Hermann machte ein langes Gesicht, Leidchen sagte: »Es ist so ebensogut, ich muß doch bald nach Hause.«

Aber schon kam ein frischgestrichenes, schlankes Ruderboot um die Ecke, an dessen Bordwand der Name »Adelheid« zu lesen war. »Das schickt sich ja prächtig,« rief Hermann, und kaum waren die beiden Gymnasiasten, die ihre Fahrt beendet hatten, ausgestiegen, so war er auch schon hineingesprungen und reichte ihr zum Einsteigen die Hand. Dann legte er schnell Koppel nebst Seitengewehr ab, streifte die Handschuhe von den Händen, ergriff die Riemen, und das Boot glitt leicht und sicher zum Hafen hinaus.

»Nun erzähl' mal, wie es dir all die Zeit gegangen ist,« sagte Hermann, indem er quer über einen kleinen See auf einen von lichtem Buchengrün überwölbten Wasserlauf zuhielt.

Leidchen war froh, daß sie sich endlich einmal vor einem Bekannten über die Erlebnisse der letzten Zeit aussprechen konnte.

Sie begann mit der Geschichte ihrer Freundschaft und bedauerte, daß diese nun ein Ende gefunden hätte. Als er wissen wollte, wodurch sie auseinander gekommen wären, und sie, etwas verlegen, ihm den Grund angab, zwinkerte er verständnisvoll mit den Augen und sagte: »Ja so geht's in der Welt.«

Leidchen errötete flüchtig und fing schnell an, von der kleinen Olga zu erzählen, wie artig, klug und anhänglich sie gewesen wäre. Als sie von Krankheit und Hingang des Kindes berichtete, war ein Zittern in ihrer Stimme, und zuletzt liefen ihr die blanken Tränen über die Backen.

»Na nu!« sagte er verwundert, »so tief darfst du das bei einem fremden Kind nicht nehmen.«

Mit großen Augen, fast ein wenig empört, sah sie ihn an: »Aber wenn ich sie doch so lieb gehabt habe ...«

»Na ja, aber es ist Gottes Wille einmal so gewesen, was willst du dagegen machen? Den Weg müssen wir alle, der eine früh, der andere spät ... Aber nun laß uns lieber von was anderem sprechen. Wie geht's deinem Bruder?«

»Als ich nicht anders weiß, gut ... Du bist ihm doch nicht mehr böse?«

»Warum sollt' ich ihm böse sein?«

»Och, damals, als mein Geburtstag war ...«

»Du liebe Zeit, das hab' ich längst vergessen. Es war gut, daß die Jungens mir damals in den Arm fielen. Wegen solcher Kleinigkeiten dürfen wir Soldaten nämlich unsere Waffe nicht ziehen, das wird streng bestraft. Wenn damals was passiert wäre, wär' ich heut' nicht Gefreiter und hätte nicht die blanken Adlerknöpfe hier an meinem Kragen.«

»Gefreiter ... ist das mehr als Leutnant?«

»Mehr wohl gerade nicht, aber durchaus nicht zu verachten! Soweit ich denken kann, hat's aus unserem Dorf noch keiner so weit gebracht. Nur die strammsten und zuverlässigsten Leute werden zu Gefreiten befördert.«

»Ach so ...«

»Gerd muß diesen Sommer schon zur Generalmusterung. Schade, daß er nun wohl ganz ums Soldatspielen herumkommt.«

»Warum ist das schade?«

»Gerade ihm hätte ich's von Herzen gegönnt, daß der preußische Unteroffizier ihn mal zwischen die Finger gekriegt hätte.«

»Warum?«

»Weißt du, Leidchen, Gerd ist ein herzensguter Mensch, ich will gewiß nichts Böses über ihn sagen. Aber er hat etwas dickes Blut. Und er denkt zu viel.«

»Pah, das wird nichts schaden, wenn einer sich seine Gedanken macht.«

»Aber es kann zu viel des Guten werden. Zum Unglück ist er auch noch diesem langbeinigen Schulmeister in die Hände gefallen und liest seine ganzen Bücher durch, wie sie mir Weihnachten zu Hause erzählt haben.«

»Wenn's ihm Spaß macht, laß ihn doch! Er kommt euch allen weit vorbei.«

»Aber Leidchen, verstell dich doch nicht so. Ich weiß ja ganz gut, du hast unter seiner Wunderlichkeit am meisten leiden müssen.«

»Ich? Wer sagt das? Das war gar nicht schlimm, er hat es immer gut gemeint. Überhaupt ist er einer von denen, auf deren Wort man Häuser bauen kann. So sind lange nicht alle, die ein glattes Gesicht haben und glatt schnacken können.«

»Deern! ... Wenn du dich ein bißchen aufregst, bist du gleich noch mal so hübsch.«

»Och Hermann ...«

»Nun bist du rot angelaufen und noch viel hübscher geworden.«

»Hermann!«

»Ich hab' mich früher schon immer gewundert, wie es möglich war, daß bei uns im Moor eine so feine kleine Deern herumlief. Die Backen hat unser gnädiges Fräulein nicht zarter und rosiger. Was würde die gnädigste Frau ausgeben, wenn sie dein Seidenhaar hätte! Und die Augen, Kind, deine Augen ...«

»Wenn du nicht gleich aufhörst, steig' ich aus.«

»Das wär' schade, dann machst du dir die Strümpfe naß, und dein schönes blaues Kleid dazu. Hat Wippelmanns Lena das gemacht?«

»Och, Junge, das kannst du doch wohl sehen!«

»Ja, es sitzt gut.«

»Und kostet sechs Taler, und 'ne feine Stadtschneiderin hat's gemacht, nach der neuesten Mode.«

Sie schob die Füße ein wenig nach vorn, um dem Rock einen glatteren Fall zu geben.

»Die Hauptsache ist,« meinte er, sie ziemlich dreist musternd, »daß eine in so'n Kleid ordentlich was hineinzustecken hat. Du bist ganz gut durch den Winter gekommen.«

»Rat' mal, wieviel Pfund ich jetzt wiege!«

»Hundertundzwanzig?«

»Mußt noch'n Zehnpfundstück auf die Wage tun.«

»Ach ja, wenn eine bei so 'nem Milchmann mit süßer Vollmilch gebörnt wird.«

Das Boot, das eine Strecke lang prangende Parkwiesen zur Seite gehabt hatte, glitt in diesem Augenblick unter das herabhängende Gezweige einer Linde. Hier kam es zur Ruhe, indem Hermann die Riemen einzog und sich an einem Zweig festhielt. Unter dem Blätterdach, das von der Sonne durchleuchtet und vom stillen Wasser gespiegelt wurde, umfloß die beiden ein gedämpftes grünes Licht und angenehm schattige Kühle. »Hier ist's wunderschön,« sagte Leidchen und blickte mit frohen Augen um sich und zu dem hohen Gewölbe empor.

Plötzlich fing eine Nachtigall an zu singen. Das junge Mädchen reckte suchend den Kopf, und bald hatte sie das Vögelchen entdeckt. Es saß ganz nahe, sie konnte die gesträubten Federchen der liedgeschwellten Kehle unterscheiden. Andächtig lauschte sie dem süßen Sang, der in der grünen Halle, vom Wasser zurückgeworfen, seltsam voll und eindringlich klang.

Als die Sängerin nach einer Weile davonflog, sagte sie aufatmend: »Die kann's noch besser als unsere zu Hause, die immer bei Wöltjens Backofen nistet.«

»Das macht, die Konkurrenz ist hier größer,« erklärte Hermann. »Das kleine Ding muß bis über beide Ohren verliebt sein.«

»Och ...«

»Ja, die Liebe macht glücklich, macht selig.«

»Och du ...«

»Wart' man, du erfährst das auch noch mal.«

Sie zog kräftig an einem Lindenzweig, und das Boot glitt unter dem Baumschatten hinweg und ins Freie.

Hermann warf sich jetzt wieder mit aller Gewalt in die Riemen, daß sie knarrten und jankten. Rauschend flog das Boot dahin, durch Sonnenglanz und Baumschatten, vorbei an duftenden Blütensträuchern und hübschen Parkhäuschen, belebte Promenadenwege entlang und wieder durch grüne Einsamkeiten.

Leidchen nahm all die freundlichen, bunten Bilder in sich auf, und wenn der sich kraftvoll vor- und zurückschnellende schmucke junge Mann nicht gerade her sah, mußte sie öfters heimlich zu ihm hinüberblicken. Diese Fahrt war ein schöneres Vergnügen, als mit Meta Stelljes durch die Straßen zu bummeln, Schaufenster zu besehen und über die Herrschaften zu klatschen. Viel zu schnell erreichte das Boot seinen Hafen, am liebsten hätte sie die Rundfahrt noch einmal gemacht.

»So,« sagte Hermann, als sie an Land gestiegen waren, »nun setzen wir uns hier in den Kaffeegarten und essen gemütlich zu Abend.«

Ihre schwachen Einwendungen, daß es schon spät wäre und sie nach Hause müßte, fanden keine Beachtung, und bald saßen sie unter einer Rotbuche hart am Ufer des kleinen Sees, von dem das Kaffeehaus den Namen führte. Der Kellner brachte Butterbrote und zwei Glas Bier.

Sie plauderten über dies und das, und zuletzt kam Hermann auch auf seine Stellung im Hause seines Hauptmanns zu sprechen. Sein Herr hielte große Stücke auf ihn, die gnädige Frau nicht minder, und die Gören wären rein in ihn vernarrt. Aber den meisten Anfall hätte er von der Köchin, die ihn partout heiraten wollte. Und sie wär' ja auch eine blitzsaubere Person, das müsse ihr selbst der Neid lassen.

Leidchen spähte bestürzt durch die vorgeschrittene Dämmerung nach seinem Gesicht.

Merkwürdig wär's, fuhr er nach einer Weile fort, wie schlecht Mädchen, die anderswo geboren wären, sich als Frauen im Moor gewöhnten. Das könnte man zum Beispiel auch an seiner Mutter sehen. Die hätte bis auf den heutigen Tag nicht vergessen, daß sie von der Geest stammte, und schimpfte noch immer über das braune Moorwasser.

Drüben vor den Buchengruppen, denen der Abend ihr lichtes Grün gegen ein mattes Grau umgetauscht hatte, flammten Laternen auf und warfen lange, ruhige Lichtstreifen über den See, die nur im Wellenschlag eines heimkehrenden Bootes zuweilen eine Zeitlang tanzten und zitterten. Fledermäuse huschten jagend hin und her. Die reiche Vogelwelt des Parks war verstummt, bis auf die zahlreichen Nachtigallen, die um so lauter schlugen. Ein einzelner Schwan zog langsam und träumerisch seine Bahn. Die meisten Tische waren leer, nur selten klang ein Ton gedämpfter Unterhaltung herüber. Irgendwo in der Ferne spielte eine Militärkapelle.

Hermann nahm Leidchens Hand. Aber nach einigen Sekunden zog sie diese zurück und rückte mit dem Stuhl ein wenig zur Seite. »Ich muß nun aber wirklich bald nach Hause,« sagte sie.

»Ich auch,« sagte er, die Uhr ziehend, »ich habe nämlich keinen Urlaub. Aber hinbringen kann ich dich noch.«

Als sie aufgestanden waren, bot er ihr seinen Arm. Sie zögerte, den ihren hineinzulegen.

»Deern, du bist aber auch noch gar zu albern,« rief er etwas ärgerlich. »Wie sieht das aus, wenn wir so wie'n Paar Bauern nebeneinander her toffeln! Unsere Köchin brauchte ich gar nicht erst zu bitten.«

Da hakte sie scheu und zaghaft ein.

Sie schritten auf einem breiten, von Bäumen überdunkelten und von Laternen erhellten Parkweg.

Auf einer Bank, die etwas zurück in schattigem Dunkel stand, saß ein Soldat, der sein Mädchen im Arm hielt. Gerade als die beiden vorübergingen, unterbrach ein Ton die Stille, über dessen Entstehungsursache kein Zweifel bestehen konnte.

»Die verstehn's,« raunte Hermann seiner Begleiterin zu.

Sie erbebte leise. Wenn er nur sich so was nicht auch beikommen ließe!

Endlich langten sie vor ihrem Hause an. Hermann ergriff schnell ihre Hand, drückte sie, daß sie hätte aufkreischen mögen, und ging mit strammen Schritten davon.

Ein wenig enttäuscht blickte sie ihm nach. Ganz im stillen hatte sie sich den Abschied doch etwas anders gedacht.

Langsam stieg sie die Treppe hinauf.

Nein, es war doch besser, daß er sie zum Abschied nicht geküßt hatte. Daran konnte man sehen, daß er keiner von den Frechen war, gegen deren Zudringlichkeit ein anständiges Mädchen sich wehren muß. Mit einem so ruhigen, ordentlichen Menschen durfte sie getrost ausgehen. Dagegen würde selbst Gerd nichts haben. Und wenn er sie dann auch eines Tages mal küßte ... nun ja, ein Küßchen in Ehren soll niemand verwehren.

Unter solchen Gedanken hatte sie sich entkleidet und dabei öfters zu dem Stück Nachthimmel über ihrem Dachfenster aufgeblickt. Das war von tiefem Schwarzblau, und die Krone des hängenden Myrtenbäumchens, das in diesen Wochen auch frisch getrieben hatte, hob sich scharf dagegen ab.

Als sie sich hingelegt hatte, kam ihr des Hauptmanns Köchin in den Sinn. Ob er die nicht doch ganz gern hatte? Ach was! Die Köchinnen, die sie auf dem Wochenmarkt gesehen hatte, waren beinah alle alt, dick und häßlich ...

Mit diesem Trost schlief sie ein.


Am andern Morgen kam ganz unerwartet Gerd, der auf dem Schlachthof ein fettes Kalb abgeliefert hatte.

»Deern,« sagte er verwundert, »du siehst famos aus.«

»Es geht mir auch gar nicht schlecht,« gab sie mit lachenden Augen zur Antwort.

Sie bewirtete den Bruder in der Küche mit einem Frühstück und saß ihm, Kartoffeln schälend, gegenüber. Die Geschwister hatten sich längere Zeit nicht gesehen, und sie berichtete, was inzwischen geschehen.

Fast mit den gleichen Worten wie gestern nachmittag im Ruderboot erzählte sie von Krankheit und Tod des Kindes und schloß mit den Worten: »Wie schrecklich nahe mir das gegangen ist, kannst du dir gar nicht denken.«

Er blickte sie verwundert an, und als sie fertig war, sagte er trocken: »Das wird wohl nicht so schlimm gewesen sein, du siehst mir viel zu lustig dabei aus. Das Wischen an den Augen laß auch man sein, Tränen bringst du doch nicht heraus.«

Leidchen erschrak.

Ja, sie hatte das alles nur so mit dem Munde hingeschwatzt, ohne das geringste dabei zu fühlen. Sonst hatte sie jeden Morgen die kleine Olga neu vermißt, aber heute bis eben, wo sie Gerd von ihr erzählte, noch mit keinem Gedanken ihrer gedacht. Es war ihr auf einmal, als hätte sie die traurige Geschichte vor zehn Jahren erlebt, oder als wäre sie ihr nur als Kunde aus fremdem Mund zugekommen. So fern, so gleichgültig war ihr über Nacht geworden, was gestern nachmittag noch ihr Herz mit tiefem Schmerz und ihre Augen mit echten Tränen gefüllt hatte. Sie schämte sich ein wenig vor sich selbst.

Als sie ihm dann vom Ende ihrer Freundschaft mit Meta Stelljes erzählte, sprach er die Hoffnung aus, daß diese es mit einem ordentlichen, ernsthaften Menschen zu tun haben möchte, und nicht mit einem von den vielen, die so ein Mädchen nur zum besten hätten.

Leidchen stieß mit der Spitze ihres Pantoffels ärgerlich gegen seine Transtiefel und sagte: »Du bist gar nicht zu bessern. Immer mußt du von allen Menschen das Schlechteste denken.«

Er zuckte die Achseln: »Ich kenne die Welt.«

Nach einer Weile sah sie ihm neugierig und schalkhaft in die Augen. »Du! Sag' mal, denkst du denn eigentlich noch gar nicht ans Heiraten?«

Er machte mit der Hand eine wegwerfende Bewegung: »Erst will ich ordentlich was hinter mich bringen ... Bei uns im Moor wird durchschnittlich viel zu früh geheiratet.«

»Mensch, schnack doch nicht so gräßlich weise!« rief sie lachend.

»Neulich,« fuhr er fort, »wurde wieder mal so'n Paar aufgeboten. Er achtzehn Jahr, muß nächstes Jahr zum erstenmal zur Musterung. Der Vorsteher hat's erst nach dem Minister wegschreiben müssen. Sie fünfundzwanzig. Und was hatte er? Ein Rad. Und sie? Auch ein Rad. Und sie fuhren hin und verkloppten die Dinger. Da langte es eben, daß sie sich ein Bett kaufen konnten, alles andere mußten sie auf Borg nehmen. Wenn er dann später beim Kommiß schwitzen muß, sitzt sie da mit zwei oder drei Kindern, und zu etwas bringen kann's es niemals, so'n Prachervolk!«

»Ach Gerd, du darfst in solchen Dingen nicht so hart sein. Wenn die beiden sich wirklich liebhaben ...«

»Ich danke für solche Liebe. Nach der Tanzmusik, als er halb dun war, hat sie ihn mitgeschleppt. Bezahlen kann er nicht, so mußte er das Mensch heiraten.«

Eine Zeitlang schwiegen sie. Dann sagte Gerd, geheimnisvoll lächelnd: »Ich hab' auch noch einen Gruß für dich. Rat' mal, von wem?«

Nachdem sie einige Male vergeblich hin und her geraten hatte, kam er selbst damit heraus: »Von Lehrer Timmermann.«

»Ach so ... Danke.«

»Denkst du dir gar nichts dabei?« fragte er lächelnd.

»Was soll ich mir groß dabei denken?« fragte sie gleichgültig zurück.

»Och, ich meinte man ... Soll ich ihn wieder grüßen?«

»Das kann ich dir nicht verbieten.«

»So'n bißchen von Herzen? ...«

Sie hielt plötzlich im Kartoffelschälen inne, sah ihn groß an und rief lachend: »Junge, hat er dich wohl als Freiwerber geschickt?«

Gerd schlug sich die Mütze, die er bislang zwischen den Händen gedreht hatte, über das rechte Knie und sagte ärgerlich: »Deern, du bist wohl nicht recht klug.«

Sie weidete sich an seiner Verlegenheit und lachte ihm lustig ins Gesicht.

Auf einmal richtete er sich auf und sagte, sie voll ansehend, mit ernsthaftem Gesicht: »Leidchen ... laß uns da vernünftig über sprechen. Wenn Timmermann dich nähme ...«

»Pah! Fragt sich, ob ich ihn will.«

»Aber Leidchen!«

»Aber Gerd, du hast ja eben noch gesagt, wir sollten nicht so früh ans Heiraten denken.«

»Oh ...« sagte er gedehnt, »mit euch Mädchen ist das was anderes. Ihr seid leicht alt genug, und es ist gut, wenn ihr einem erst anständig unter den Füßen weg seid.«

»Kuck' einer an! So'n alter Pharisäer!«

»Nein, Leidchen, wir wollen ernst bleiben. Was so'n Lehrer ist, der hat sein Festes. Ich glaub', unserer kriegt jetzt beinah' schon tausend Mark, und kommt wohl bis aufs doppelte. Bedenk' doch bloß, Leidchen: Was für'n Haufen Geld! Und das schöne neue Haus mit Garten, und fünfzehn Morgen Land, und ein Tagwerk Grünland. Da könnt ihr euch ordentlich ausarbeiten, und zwei Kühe halten, und ein halb Dutzend Schweine zum Verkauf fett machen.«

»Und wenn ich die Kühe gemolken und die Schweine gefüttert habe, kann ich in seinen dicken Büchern lesen ...«

»Ja ... das auch ...«

»Ujeh«

»Wa—as?«

»Gerd, ich will dir mal was sagen, zu solch einem Leben bin ich nicht gemacht. Von dem vielen Lesen und Studieren wird einer ganz dwatsch im Kopf.«

»Wer hat dir denn das vorgeschnackt?«

Über ihre Wangen flog eine leichte Röte: »Das hab' ich an mir selbst ausprobiert. Ich habe nämlich diesen Winter auch viel zu viel gelesen. Es waren ja alles ganz schöne Geschichten, aber auf die Dauer bekommt es doch nicht gut. Ich glaube, was die Bücherschreiber sind, die lügen alle zusammen.«

»Leidchen, Leidchen, wie schnackst du da nun wieder hin!« sagte er kopfschüttelnd. »Was ist bloß mit dir los? Du bist heute so wunderlich, so aufgeregt und übermütig ... Sag' mal, du hast in der Schule doch auch Schillers Glocke gelernt.«

Mit dem Pantoffel taktierend begann sie:

»Festgemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.«

»Halt!« rief er, »du sollst mir das ganze Ding nicht herunterbeten. Ich mein' die Worte: ›Das ist's ja, was den Menschen zieret‹.«

Sie fiel ein:

»Und dazu ward ihm der Verstand,
Daß er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.«

»Siehst du, Leidchen, das ist's. Es ist 'ne traurige Sache, wenn einer durch das Leben bloß so hindusselt und hindöst, wie bei uns auf dem Lande die meisten noch tun. Das Leben wird viel schöner, wenn einer anfängt, so'n bißchen nachzudenken, und wenn er dann seine Arbeit nicht einfach so tut, wie er's anderen Leuten abgekuckt hat, sondern mit eigenen Gedanken, und nicht bloß mit der Hand, sondern auch mit dem Kopf und dem Herzen. Soweit bin ich jetzt, und Timmermann hat mir ein bißchen mit dazu geholfen ... Also ich soll ihn herzlich von dir wieder grüßen. Und wenn er eines Tages kommt und bei dir anfragt — ich weiß ja noch gar nichts Bestimmtes, hab' nur so meine Ahnung — dann sagst du in Gottes Namen fröhlich ja. Nicht wahr?«

»Ich kann mir den Fall ja überlegen. ›Drum prüfe, wer sich ewig bindet,‹ sagt Schiller ja auch wohl, ›ob sich nicht noch was Bess'res findet.‹«

»Leidchen, Leidchen, du bist jetzt achtzehn Jahr und mußt bald wirklich ein bißchen ernster werden. Es heißt doch, ›ob sich das Herz zum Herzen findet‹. Und ich bin fest überzeugt, es gibt keine zwei Herzen, die so gut zueinander passen.«

»So—o? Na ja, die Hauptsache ist ja auch, daß du das erst mal weißt ...«

»Was ich noch fragen wollte: hast du schon eine Freundin wieder für Meta Stelljes?«

»Was brauch' ich 'ne Freundin, wenn ich auch so vergnügt bin?«

»Nein, Leidchen, es ist besser.«

»Na, denn sei man ruhig, hier auf der Nachbarschaft ist ein Fräulein von meinem Alter, ich kann ja mal sehen, ob ich mit der etwas in Gang komme.«

»Das tu bitte, das heißt natürlich, wenn es ein ordentliches Mädchen ist. Ich bin dann ruhiger.«

»Willst du nicht lieber selbst hier bleiben und aufpassen?«

»Dumme Deern, heut' ist überhaupt nicht vernünftig mit dir zu sprechen.«

Er war aufgestanden. Sie warf die letzte Kartoffel in den Wassereimer, daß die Tropfen hoch aufspritzten, und erhob sich ebenfalls. In voller Jugendblüte prangend, stand sie vor ihm, er mußte sie still verwundert ansehen.

»Was kuckst du, Junge?«

»Darf ich dich nicht ankucken?«

Ihre braunen Augen blitzten vor Übermut. »Weißt du, was ich möchte?«

»Na?«

»Dir mal'n Kuß geben.«

»Aber Deern!«

»Magst du keinen?« Sie spitzte das Mündchen ganz allerliebst.

»Oh ...«

Dreimal drückten sich ihre warmen roten Lippen auf die seinen.

»Deern, Deern, was kannst du küssen!« rief er lachend, indem er sich ihrer Umarmung entwand und mit dem Handrücken über den Mund wischte. »Schade, daß ich Timmermann keine Probe davon mitnehmen kann. Ich glaube, der käm' gleich morgen angereist und holte sich mehr von der Sorte.«

»Hohoho, der kann sich auf den Kopf stellen, er kriegt doch keinen.«

»Das wollen wir ruhig abwarten ... Na, Leidchen, ich freu' mich, daß du so fein auf dem Damm bist. Denn bleib' schön munter, adjüs!«

»Wart', ich geh ein paar Schritt mit dir.« Und schon hatte sie die Küchenschürze abgeworfen.

Als sie auf der Straße waren, fragte Leidchen: »Weißt du keinen guten Platz für mich zum Herbst? In unserm Dorf oder auf der Nachbarschaft, das ist einerlei.«

Er blieb stehen und fragte verwundert: »Was? Du willst hier wieder weg?«

»Ja,« sagte sie, »es gefällt mir auf dem Lande doch ebensogut.«

»Siehst du? Hab' ich dir das nicht gleich gesagt?« triumphierte er. »Aber zum Winter? ... Das wird schwer halten, hm. Halt, auf der Mühle suchen sie ein Mädchen in der Zeitung. Willst du da hin?«

Sie machte ein bestürztes Gesicht. »Nee,« sagte sie kurz.

»Das wollt' ich dir auch nicht raten. Kein Mädchen hält es da lange aus.«

»Ist die Frau wirklich so schlimm?«

»Allzusammen sind sie dem Teufel aus der Kiepe gesprungen. Im Herbst kommt auch Hermann wieder nach Haus, der jetzt Hauptmannsbursche ist, in Spandau.«

»Wir sind hier an der Ecke,« sagte Leidchen hastig, »ich muß machen, daß ich wieder in die Küche komme.«

Sie gab ihm eilig die Hand und wandte sich zum Gehen. Indem sie langsam dem Hause zuschritt, suchte sie eines unangenehmen Gefühles Herr zu werden. Als sie wieder in der Küche anlangte, war ihr das auch schon gelungen. Sie hielt die beiden Arme gestreckt vor sich, und in ihr jubelte es: An jeder Hand einen Freiersmann! Und was für welche! Den gebildetsten jungen Mann im Dorf, und den schmucksten und reichsten dazu. Wenn Meta Stelljes davon eine Ahnung hätte! Die mit ihrem Hilfsbremser! Und die Freundinnen zu Hause!

Den ganzen Tag war sie vor Freude rein närrisch. Erst gegen Abend kam eine ruhigere, besinnlichere Stimmung über sie. »Wer die Wahl hat,« dachte sie, »hat die Qual.«

Von jeher waren die Rosenbrocks gute Rechner gewesen, und auch Leidchen hatte davon ihr Teil bekommen, wenn auch nicht ein so großes, wie ihr Bruder. So fing sie denn, als die Tagesarbeit getan und es stiller in ihr geworden war, an zu rechnen.

Lehrerfrau zu werden ... der Gedanke hatte viel Verlockendes. Daheim in ihrem Dorf war sicher kein Mädchen, das da nicht mit beiden Händen zugegriffen hätte. Das Haus war neu und groß. Noch heute schalten die Bauern, so teuer zu bauen wär' gar nicht nötig gewesen, und stöhnten über die Höhe der Schulsteuer, die infolge des Neubaues auf 250 Prozent der Staatssteuern, einschließlich der fingierten, gestiegen war. In solchem Hause zu wohnen und als Frau zu schalten, das war gewiß nichts Geringes.

Aber die Mühle war auch nicht zu verachten. Sie hatte drei Mahlgänge und galt als eine der stärksten im ganzen Moor. Leidchen erinnerte sich, wenn sie als Kind mit der Karre einen Sack Mehl oder Gerstenschrot holen mußte, wie sie da verwundert und ein bißchen ängstlich zu den fauchend herumsausenden Flügeln aufgeschaut und drinnen sich die Ohren zugehalten hatte vor dem tollen Geklapper, das der weißbepuderte Mann gelassen regierte wie ein Kinderspielzeug. Und das Wohnhaus war wohl altmodisch, noch mit Strohdach, aber doch das stattlichste Gebäude im ganzen Dorf, und hatte gewiß wunderschöne, große Zimmer ...

Bei Gastereien wurde die Lehrersfrau stets ins Sofa genötigt. Und die Müllersfrau? Nun, die jetzige ließ sich selten sehen, weil sie den Geestbauernstolz gegenüber den Moorleuten nicht überwinden konnte. Wenn eine aber war, wie sich's gehörte, ehrte man sie gewiß nicht weniger als die Schulmeisterin ... Was würden die Leute für Augen machen, wenn eine aus ihrem Dorf als junge Frau auf der Mühle Einzug hielte! Das war nicht geschehen, solange Mühle und Dorf standen. Die Müller wollten immer mehr sein als andere Leute und holten sich die Frauen von anderen Mühlen oder aus den reichen Geest- und Wiesendörfern ...

Lehrer Timmermann war ein guter Mensch; schon seine sanften blauen Augen sagten, daß nichts Arges in ihm wohnte. Sie erinnerte sich jenes Weihnachtsabends im Schulhause, wo sie alle vier so kindlich vergnügt gewesen waren. Aber es fiel ihr auch von der Schulzeit her ein, daß er alles sehr genau nahm. Vielleicht entlief sie, wenn sie ihn nahm, nur dem einen Schulmeister, um dem anderen in die Hände zu fallen, oder mußte sich gar, da die beiden fest zusammenhielten, unter zwei ducken ... Wenn sie sich einen Kuß von ihm vorstellte ... da konnte sie ebensogut ihren Bruder küssen, das kam so ungefähr auf dasselbe heraus.

Dagegen Hermann? ... Das Herz klopfte ihr und das Blut schoß ihr in die Wangen, wenn sie nur daran dachte, daß er sie einmal in den Arm nehmen und küssen konnte ...

Plötzlich erschrak sie. Sie hatte eben so fest mit den beiden gerechnet, aber wollten die sie denn überhaupt?

Nach kurzem Nachdenken glaubte sie des Lehrers sicher zu sein. Wenn Gerd von der Sache angefangen hatte, so war anzunehmen, daß er sich irgend etwas hatte merken lassen. Und wenn er auch nur die geringste Andeutung gemacht hatte, dann war kein Zweifel, daß er sich mit ernsten Absichten trug.

Dagegen Hermann? ... Der war ein Luftikus und Windbeutel. Was er ihr gestern Schmeichelhaftes gesagt hatte, das hatten am Ende auch schon andere von ihm zu hören bekommen. Häuser durfte man auf dessen Wort nicht bauen. Überhaupt mußte man sich mit einem seiner Art in acht nehmen ... Aber es hatte doch wieder einen besonderen Reiz, gerade so einen sich zu gewinnen ...

Einen großen Vorzug hatte das Schulhaus. Dort hatte die junge Frau von vornherein freie Hand. In der Mühle dagegen bekam sie für die ersten Jahre gewiß ein böses Tun mit den beiden Alten. Aber was wollten die schließlich machen, wenn die jungen Leute treu zusammenhielten? Und war sie denn nicht noch immer mit allen Menschen gut fertig geworden? Das müßte doch wunderlich zugehen, wenn sie die alten Brummbären nicht schließlich zahm kriegte. Und ewig lebten die am Ende ja auch nicht ...

Leidchen war entschlossen, einen von den beiden auf jeden Fall sich zu erobern. Wen? das mußte die Zeit ausweisen.

Frau Marwede war ausgegangen. Sie schlich sich leise in ihren Salon und stellte sich vor den großen geschliffenen Spiegel. Ja, ihre Augen hatten einen schönen Glanz, und die Haare einen seidigen Schimmer. Die Grübchen saßen niedlich in den rosigen Backen, und mit dem kleinen Finger versuchte sie sie noch zu vertiefen. Sie dachte ihre schlanke Gestalt in das Himmelblaue hinein und beschloß, Frau Marwede um einen kleinen Vorschuß auf ihr Gehalt zu bitten, damit sie sich auch noch einen passenden neuen Hut dazu kaufen könnte.

Als sie sich vom Spiegel abwandte, sah sie auf dem Eckbort, wo die Nippsachen standen, ein Püppchen lehnen, mit dem die kleine Olga so oft gespielt hatte. Sie nahm das Ding in den Arm, ließ sich in einen roten Plüschsessel fallen und weinte blanke Tränen in ihren Schoß. Das war ihr in dem so plötzlich über sie gekommenen Glück auf einmal ein seelisches Bedürfnis.