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Geschwister Rosenbrock cover

Geschwister Rosenbrock

Chapter 12: 11.
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About This Book

The novel portrays life in a small moorland colony through detailed scenes of a village school, household routines, seasonal labor and social visits, following a pair of siblings whose daily struggles and community ties reveal local customs, domestic care, and moral choices. Vivid descriptions of weather, paths, and interiors frame episodes of youth, illness, hospitality and neighborly aid, while quiet observation and social detail illuminate changing relationships and the resilience of ordinary people.

11.

Auf dem Neustadtsbahnhof hielt ein Zug der Großherzoglich Oldenburgischen Eisenbahn. Alles, was den schönen Sonntagnachmittag im Wald- und Heidegebiet des Nachbarländchens verleben wollte, strömte herzu, vereins-, familien- oder paarweise, je nach Lebensumständen oder Neigungen.

Schon hatte der Mann mit der roten Tasche die Flöte am Munde, da kam noch ein Pärchen in langen Sätzen über den Bahnsteig dahergesprungen.

»Dritter?«

»Jawohl.«

»Alles besetzt, hier einsteigen!«

Sie warfen sich, einander gegenüber, in die grauen Polster eines unbesetzten Abteils zweiter Klasse und rangen mit allen Kräften ihrer Lungen nach Luft, die ihnen beim Dauerlauf knapp geworden war.

Bald war Leidchen so weit, daß sie ihr Spiegelbild im Fenster suchen und vor ihm ihren neuen Hut — weißes Stroh mit Klatschmohn — zurechtrücken konnte.

Dann wandte sie das glühende Gesicht ihrem Gegenüber zu und sagte: »Mal'n bißchen in der Eisenbahn zu fahren, macht doch wirklich Spaß.«

»Du hast wohl noch nicht ganz oft drin gesessen?« fragte Hermann.

»Es ist heute das erstemal in meinem Leben.«

»Ist ja wohl nicht möglich, Deern!«

»Ganz gewiß. Meta Stelljes wollte immer mal mit mir nach Vegesack, aber dann ist ihre Verlobung dazwischen gekommen. Oh, kuck mal, wie die Telegraphendrähte immer auf und ab wogen! Und wie 'r das durch geht! Wir fahren schneller, als die Krähe da fliegen kann.«

Hermann lächelte über ihre naive Freude und sah ihr verwundert in die großen braunen Kinderaugen. »Und dabei ist dies noch der gemütlichste Zug in ganz Deutschland,« sagte er, »er darf nicht schneller, sonst fährt er die Oldenburger Ochsen und Kühe tot. Weißt du, was die Buchstaben hier auf der Fensterstrippe zu bedeuten haben?«

»G. O. E.? Nee.«

»Gänzlich ohne Eile.«

»Ach so, dies ist also nur erst ein Bummelzug.«

Die Zielstation, der ein nahes Forsthaus den Namen gegeben hatte, war unter solcherlei Gesprächen bald erreicht. Zuletzt hatten sie sich über die Klassenunterschiede auf der Eisenbahn unterhalten, und als sie ausstiegen, sahen sie nach den Fahrgästen, die aus der dritten geklettert kamen, mit einiger Geringschätzung, und für die Reisenden vierter Güte hatten sie überhaupt kein Auge.

Um nicht in die Vereine und Familien hineinzugeraten, schlugen sie ein schlankes Tempo an. Arm in Arm und im Geschwindschritt ging's die sonnige Landstraße entlang, Hermann pfiff eine muntere Marschweise. Erst als ein Fußweg sie nach rechts in einen Buchenforst führte, wurden sie langsamer.

Das Kind aus dem Lande der Birken legte das Köpfchen in den Nacken und staunte zu den lichten grünen Hallen des Hochwaldes empor: »Junge, Junge, hier ist's so schön wie in der Kirche!« »Viel schöner, Deern, als in der Kirche!« rief er lachend. Als sie von ungefähr einmal zu Boden blickte, schlug das bewundernde Staunen plötzlich in helles Entzücken um. Sie bückte sich zu einer Kolonie lieblicher Maiglöckchen und pflückte ein Sträußchen, das sie dann in zwei Hälften teilte, um die eine ihrem Begleiter zu überreichen, der die schenkende Hand ein paar Sekunden mit zärtlichem Druck festhielt.

Der Wald wurde lichter, und an seinem Saum lud eine ländliche Wirtschaft zum Rasten ein. Das Pärchen setzte sich in eine Kletterrosenlaube, die über und über mit schwellenden und schon rot durchschimmernden Knospen bedeckt war, und bald stand eine Portionskanne Kaffee nebst einem Teller mit dreierlei Kuchen vor ihnen auf dem Tisch. Leidchen hatte zu Mittag vor freudiger Erwartung nicht viel essen können, aber jetzt langte sie wacker zu. Ihr Begleiter, der ihr die besten und zuckerigsten Stücke überließ, erzählte dazu eine lustige Geschichte nach der anderen, daß sie immer wieder mit Essen innehalten und sich erst mal auslachen mußte.

Bald wurde es in dem nahen Walde lebendig, und der Garten füllte sich schnell mit Ausflüglern, die großen Kaffeedurst und viel Spektakel mitbrachten. Die Rosenlaube erschien einer kinderreichen Familie begehrenswert, deren stattlich dicke Mutter den im Wege sitzenden jungen Leuten aus puterrot erhitztem Gesicht einen feindseligen Blick zuwarf, wie die Gluckhenne den jungen Hähnen und Hühnern, wenn sie für ihre Brut Platz schaffen will. Bald waren die beiden fest eingekeilt, und verschiedene Backfische und Bengels machten ein Gesicht, als ob sie sagen wollten: »Habt ihr unsere Mama nicht verstanden?«

»Ich glaube, die Herrschaften sind lieber unter sich,« sagte Hermann denn auch bald, zahlte und bot Leidchen den Arm.

Sie folgten einer Landstraße, die durch Korn- und Kartoffelfelder in der Richtung auf eine mit jungen forstlichen Anlagen bedeckte Höhe führte. Diese stiegen sie auf einem Fußpfad hinan, bis eine mächtige vorgeschichtliche Steinsetzung, von einer sturmzerzausten Eiche überragt, vor ihnen lag.

Mit gewandtem Sprung hob Hermann sich auf die riesige Deckplatte, um dann auch seiner Begleiterin hinauf zu helfen.

Vom Rand des Steines bot sich ein freier Blick weit ins Land hinaus. Im Vordergrunde leuchtete die Junipracht üppiger Felder, über denen die Lerchen sangen. Um sie legte sich ein Kranz heller Buchen- und dunkler Nadelwälder, hinter diesen verdämmerte die unbestimmte Ferne. Es war angenehm sommerlich warm.

»Oh,« rief Leidchen, der die Augen weit wurden, »wie lange hab' ich so was nicht mehr gesehen! Wir hatten zu Hause auf unserm Moor eine Föhre, von der konnte man auch so weit ins Land kucken.«

Eine Weile standen sie schweigend und freuten sich der schönen Aussicht. Dann legte er leise die Hand um ihre Hüfte. Bald zog er sie fester an sich und küßte sie.

Mit geschlossenen Augen lag sie ein Weilchen still an seiner Brust. Als ein leises Erbeben über ihren Körper lief, wurde er stürmischer, und sie schlug die Arme um ihn und erwiderte seine Küsse mit Leidenschaft.

Aber plötzlich riß sie sich gewaltsam los, wich zurück und sah ihn mit großen, starren Augen an.

Er wollte sie aufs neue umarmen. Da sprang sie von der Steinplatte zur Erde.

Er ihr nach. Aber sie hob abwehrend die Hände: »Bitte, nicht mehr!«

Da ließ er die Arme sinken.

Unten in den Anlagen wurden Stimmen laut, und sie schritten hintereinander die Anhöhe hinab.

Als sie wieder auf der Straße waren, bot er ihr seinen Arm, aber sie wollte ihn nicht nehmen. Es lag ihr noch immer lähmend in allen Gliedern. So war sie vorhin erschrocken, vor ihm und vor sich selbst.

Er erzählte von Spandau und Berlin. Sie hörte nur mit halbem Ohr hin.

Er pfiff: »Auf in den Kampf, Torero.« Sie ärgerte sich über die kecke Weise und faßte ihren Sonnenschirm fester.

Als der Fußweg in den Buchenwald abbog, sagte sie kurz und entschieden: »Ich bleibe auf der Chaussee.«

Auf dem Bahnhof standen schon viele Menschen mit abgerissenen Blätter- und Blütenzweigen, und die beiden schoben sich in die den Zug erwartende Menge hinein. Als sie ein paarmal auf und ab gegangen waren, nahm Leidchen auf einmal Hermanns Hand und sagte: »Ich danke dir auch schön, daß du mich mal mitgenommen hast.« »Das kannst du noch öfter haben, mein' Deern,« antwortete er, indem er ihre Hand festhielt und mit zärtlichem Blick ihr tief in die Augen sah. »Wenn's dir recht ist, bringen wir alle unsere freien Sonntage miteinander zu. Dann kriegst du wenigstens etwas von der Welt zu sehen. Wollen wir das nächste Mal mit dem Dampfschiff nach Fegebeutel?« »Bitte ja,« rief sie mit frohen Augen, sich an seine Schulter schmiegend und zu ihm aufblickend.

Als der Zug einlief, schielten sie nach den Abteilen zweiter Klasse, in deren Polster es ihnen ganz gut gefallen hatte, inzwischen wurde die dritte besetzt, und zuletzt, unmittelbar vorm Abfahren, schob ein bärbeißiger Schaffner sie in einen Wagen vierter Klasse, mitten in einen schwitzenden, schmökenden, schwadronierenden Vorstadtskegelklub hinein. Der halb ausrangierte und nur sommersonntags noch laufende Wagen schwankte und stieß wie eine alte Postkutsche und warf die auf engste Stehplätze Angewiesenen bald aneinander, bald gegen wohlbeleibte Kegelbrüder. —

Am Abend des folgenden Tages erhielt Leidchen eine Ansichtskarte mit dem Poststempel Worpswede. Weißstämmige Birken mit herbstlich gelbem Laub spiegelten sich in einem dunklen Moorgraben, und darunter stand, wie gestochen:

»Von einem von schönstem Wetter begünstigten Ausflug auf den Weiher Berg sendet beste Grüße

Otto Timmermann, Lehrer.«

Eine weniger federgeübte Hand hatte mit steilen und steifen Schriftzügen hinzugefügt:

»Schade, daß Du nicht auch hier bist.

Dein Bruder Gerd.«

Die Empfängerin dieses Kartengrußes fing wieder an zu wägen und zu rechnen. Aber das wollte nicht mehr recht gehen. Das Blut sprach jetzt mit. —


Es kam die Zeit der Roggenernte. Hermann hatte diese als Vorwand genommen, um vor dem Manöver noch schnell ein paar Tage Urlaub herauszuschlagen, der nachts um zwölf von Sonntag auf Montag ablief. Aber schon gegen acht war er zurückgekehrt und schritt dem Bürgerpark zu, wo er mit Leidchen ein Stelldichein verabredet hatte.

Sie trat ihm hastig mit der Frage entgegen: »Was haben deine Eltern gesagt?«

»Aber Kind,« rief er, »was ist denn das für ein Empfang? Erst gibst du mir mal die Hand, und dann einen Kuß ... So, und nun setzen wir uns hier auf die Bank und bereden ruhig das Weitere.«

»Was sagen deine Eltern?« wiederholte sie, als sie sich niedergelassen hatten.

Er räusperte verlegen und legte den Arm um sie: »Hm, Leidchen, ich hab's ihnen diesmal doch noch nicht sagen können.«

»Warum nicht?« rief sie im Tone bitterer Enttäuschung.

»Och ... mein Vater hatte gerade mal wieder seine schlimmen Tage, du weißt ja Bescheid. Dann darf man ihm mit so wichtigen Sachen nicht kommen.«

»Aber deine Mutter ...«

»Wenn der Vater das so kriegt, muß man sie auch schonen. Dann ist sie viel zu nervös und aufgeregt.«

»Was soll denn aber nun werden?«

»Ob sie's acht Tage früher oder später erfahren, das kommt doch wohl auf eins hinaus ... Ist Gerd bei dir gewesen?«

»Ja.«

»Und was sagt der?«

»Ich ... ich hab's ihm auch noch nicht sagen können.«

»Warum nicht?«

»Ach, er hatte keine rechte Zeit ... Und er ist auch ein so eigener Mensch, man weiß nie, wie man mit ihm dran ist ... Und er hat mir ja auch gar nichts zu sagen! Aber mit deinen Eltern ist das was anderes. Oh, wenn du doch bloß mit ihnen gesprochen hättest! Ich hatte mich so fest darauf verlassen.«

»Wirklich, bestes Kind, es ging nicht.«

»Mir ist manchmal so bange. Ich bin ja so über alle Maßen glücklich, daß ich dich habe, aber dann packt mich auf einmal wieder die Angst.«

»Ach Deern, das sind bloß so Stimmungen!«

»Diese Nacht habe ich auch erst wieder geträumt. Ich hatte mich verirrt, mitten im großen Tennstedter Moor, wo nichts zu sehen war als Porst und Heide und schwarze Wasserlöcher, und stickdüster war's auch noch. Da rief ich nach dir, laut und immer lauter, aber es kam keine Antwort. Nur ein Heister flog über mir weg, und es klang gerade so, als ob er mich auslachte. Davon wachte ich auf.«

»Uh, Deern, du könntest einen ja beinahe gruseln machen.«

»Wenn du doch bloß mit deinen Eltern gesprochen hättest! ... Hermann, sag mir mal ehrlich und aufrichtig: glaubst du wirklich, daß sie mich wollen, daß sie uns nichts in den Weg legen?«

»Leidchen, ich will ganz offen mit dir darüber sprechen. Ich hab' mich diese letzten Jahre mit Vater nicht gut gestanden. Wenn Mutter mir nicht immer was von ihrem Zugebrachten, wovon sie einen Teil für sich behalten hat, zugesteckt hätte, wär's mir böse gegangen. Vor einem Vierteljahr wußte ich noch nicht, ob ich diesen Herbst nach Hause wollte oder mir lieber in der Fremde mein eigen Brot verdienen sollte. Aber ich habe nun zu Hause noch wieder gesehen: es geht nicht so weiter, sie werden ohne mich nicht länger fertig. Vater paßt nicht ordentlich mehr auf, und auf den Gesellen ist auch kein rechter Verlaß. Es sind wieder mehrere alte Kunden abgesprungen. Da hilft alles nichts, ich muß hin und tüchtig zupacken, daß ich den Karren wieder aus dem Dreck herauskriege. Und ich habe jetzt auch guten Mut dazu. Und weißt du warum? — Weil du mir helfen willst, Leidchen. Sieh, damals, als wir uns hier im Bürgerpark trafen, dachte ich: das ist 'ne lüttje nette Deern, mit der kannst du mal'n bißchen vergnügt sein. Und heute weiß ich, daß du vielmehr als das, daß du mein guter Engel bist, und wenn es überhaupt eine gibt, die mit meinen beiden Alten auskommt, dann bist du das. Du hast so was Liebes und Fröhliches in deinem Wesen, ich glaube, der böseste Mensch kann dir auf die Dauer nicht böse sein ... Meine Mutter hat ihre hohe Herkunft nicht vergessen können und Vater nicht immer richtig behandelt. Aber ich glaube, wenn eine so fein sanft und still um ihn herum wäre, müßte ganz gut mit ihm zu leben sein. Denn das mit dem Trinken kriegt er nur zeitweise, und fast immer, wenn er mit Mutter etwas gehabt hat. Leidchen, ich möchte glauben, es dauert nicht lange, so wickelst du ihn um den Finger und hast meine Mutter unter dem Pantoffel ... Wenn wir dich da nur erst hineinhaben! ...«

»Ja, das ist es ja man gerade! ...«

»Ja, das wird noch einen harten Kampf kosten ... Und wir müssen es am Ende machen wie so viele, und sie zwingen. Du brauchst davor gar nicht so zu erschrecken. Wenn zu jeder Heirat erst Väter, Mütter, Brüder und Gevattern ihren Segen geben müßten, kämen wohl nicht ganz viele zustande. Nein, da steh ich auf einem anderen Standpunkt. Wenn zwei Menschen sich so lieb haben, wie wir beide uns haben, ist es eine Sünde, wenn einer sich zwischen sie stellt, und wenn die Menschen ihnen das nicht geben wollen, was ihnen nach dem Recht der Natur gehört, dürfen sie sich's auch so nehmen.«

»Aber ... du hast ja noch gar nicht ... mit deinen Eltern gesprochen.«

»Das weiß ich schon so, freiwillig lassen sie sich doch auf nichts ein.«

»Hermann, wenn du mir das doch gleich im Anfang gesagt hättest, daß dein Vater und Mutter so sind! ... Oh, hätte ich doch wenigstens mit meinem Bruder gesprochen!«

»Den alten Drögepeter laß man lieber aus dem Spiel. Wenn's auf den ankäme, müßtest du barmherzige Schwester werden.«

»Das ist nicht wahr! Er hat sogar schon einen Freiersmann für mich.«

»So—o? Wohl seinen Schulmeister? ... Hahaha, das sieht ihm ähnlich.«

»Dabei ist ganz und gar nichts zu lachen.«

»Nee, gewiß nicht. Die Herren Lehrer sind heutzutage obenauf. Wo in einem Dorf 'ne feine Deern ist, da kommt sicher einer von der Zunft und schnappt sie weg, und wir dummen Bauernjungens haben das Nachsehen. Leidchen, ich gratulier' dir von Herzen. Einmal eins ist eins, zweimal zwei ist vier.«

»Hermann ...«

»Ich bin deinem Herrn Lehrer heute morgen noch begegnet. Er hatte sein Gesangbuch unterm Arm und pilgerte zur Kirche. Ein bißchen käsig ist er ja, aber sonst ganz schmuck.«

»Hör' auf, Mensch! Oder ich steh sofort auf und gehe nach Hause.«

»Aber, Kind, so geh doch! Wer hält dich denn? Kuck, ich hab' dich schon losgelassen. Bist du noch nicht weg?«

»Hermann ... Du bist ein schrecklicher Mensch ... Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich von dir denken soll.«

»Denn will ich es dir sagen, mein' Deern. Ich bin rasend eifersüchtig, ich könnte diesen Timmermann durchprügeln, bloß weil Gerd dich ihm zugedacht hat, ich möchte ...«

In diesem Augenblick gingen zwei Unteroffiziere vorüber, von denen der jüngere den Gefreiten scharf ansah. Dieser erhob sich und nahm die vorgeschriebene Haltung ein.

Kaum hatte er sich wieder hingesetzt, als schon wieder Uniformknöpfe die Allee daher schimmerten.

»Die Kerls haben hier herum wohl einen Kommers oder was Ähnliches,« sagte er ärgerlich, »komm, Leidchen, wir müssen uns einen stilleren Platz aussuchen.«

Er war schon aufgestanden, sie erhob sich jetzt auch und sagte hastig: »Wir haben morgen große Wäsche, ich möchte gern früher nach Hause.«

Mit dem Fuß auf den Kies stampfend, flüsterte er leidenschaftlich, indem die Worte sich jagten und überstürzten: »Da kann man sehn, wie lieb du einen hast. Deinetwegen komme ich so früh zurück, und nun läßt du mich hier mit meinem Urlaub sitzen! Gut! Komm, ich bring' dich nach Hause, aber den Hauptweg da geh' ich nicht, ich will nicht all den Leuteschindern in den Hals laufen, komm schnell, sonst muß ich erst wieder stramm stehen.«

Er legte den Arm um sie und zog die widerstrebende mit sich auf einen Seitenweg, der von der erleuchteten Allee in das nächtliche Parkdunkel führte. —

Es war den ganzen Tag schwül und drückend gewesen, und eine Stunde vor Mitternacht brach das Gewitter, das so lange in der Luft gelegen hatte, mit großer Gewalt los. Schnell hatte der Bürgerpark bei den ernster werdenden Anzeichen sich seiner Besucher entleert. Als der Regen schon in dicken Strähnen zur Erde prasselte, eilten noch zwei Menschen mit fliegender Hast der Stadt zu. Das Mädchen hielt mit ihrem Begleiter nur mühsam Schritt, und jedesmal, wenn die feurige Lohe vom Himmel fuhr und die Donner krachten, zuckte sie zusammen.