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Geschwister Rosenbrock

Chapter 13: 12.
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About This Book

The novel portrays life in a small moorland colony through detailed scenes of a village school, household routines, seasonal labor and social visits, following a pair of siblings whose daily struggles and community ties reveal local customs, domestic care, and moral choices. Vivid descriptions of weather, paths, and interiors frame episodes of youth, illness, hospitality and neighborly aid, while quiet observation and social detail illuminate changing relationships and the resilience of ordinary people.

12.

Zum letzten Male präsentierte Gerd Rosenbrock so, wie der Herrgott ihn geschaffen hatte, sich den Augen einer Königlichen Kommission, der ein alter weißbärtiger General vorstand, und die Entscheidung lautete: Ersatzreserve.

Er war sehr froh darüber. Hätten sie ihn im ersten oder zweiten Jahre genommen, wär's ihm recht gewesen. Aber es würde ihm hart angekommen sein, jetzt noch den bunten Rock anzuziehen, wo manche seiner Altersgenossen ihn schon wieder ausgezogen hatten, und andere nahe daran waren, es zu tun.

Die Zukunft lag nun also frei vor ihm, und er konnte Pläne machen. Daß er bei seinem Halbbruder Jan auf keinen Fall länger als bis nächste Ostern bleiben wollte, stand ihm seit Monaten fest. Den alten Schlendrian, in dem hier die Wirtschaft auf der ganzen Linie verharrte, hatte er gründlich satt.

Bei dem Mangel an ländlichen Arbeitskräften sprach es sich bald herum, daß Gerd sich seinem Bruder nicht wieder vermietet hatte, und es waren Stellbesitzer genug, die ihn gern genommen hätten. Man bot ihm einen Lohn, wie er in Brunsode noch nicht bezahlt war. Aber er wollte sich nicht vorschnell binden. Als jedoch eines Tages ein Mann von der anderen Seite des Kirchspiels, der als tüchtiger und vorwärts strebender Landwirt sich weithin eines guten Rufes erfreute, angeradelt kam und hundert Taler Lohn bot, hätte er den Mietstaler beinahe genommen. Erst im letzten Augenblick zuckte er die schon ausgestreckte Hand zurück und bat sich vierzehn Tage Bedenkzeit aus.

Am Sonntag darauf fiel er zwei älteren Schulkameraden in die Hände, die vor Jahren nach Bremen gezogen und dort Industriearbeiter geworden waren. Sie setzten ihm hart zu, es wie sie zu machen und auch landflüchtig zu werden. Mit großer Genauigkeit rechneten sie ihm vor, was er bei seinem Knechtslohn und bei der Länge der Arbeitstage im Moor für die Stunde bekäme, und stellten ihren Stundenlohn, der mehr als das Doppelte betrug, dagegen. Das blieb nicht ohne Eindruck auf Gerd; einen tieferen machte es aber noch, als sie ihm schilderten, was alles in den Vereinen und Gewerkschaften für die Fortbildung des Arbeiterstandes geschähe, durch reichhaltige Bibliotheken, Vorträge, Diskussionsabende und dergleichen. Daß sie sich unumwunden zur Sozialdemokratie bekannten, wunderte Gerd nicht wenig. Er hatte bislang geglaubt, wenn einer zu dieser Partei gehöre, hielte er das sorgfältig verborgen wie eine Sache, deren er sich im Grunde schämte. Diese aber waren stolz auf ihre Zugehörigkeit zur »Umsturzpartei« und sprachen hoffnungsvoll und begeistert von einer neuen herrlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die an Stelle der alten verrotteten und überlebten treten und so etwas wie den Himmel auf die Erde bringen würde. Gerd versuchte natürlich, ihnen Opposition zu machen und sie eines besseren zu belehren. Aber da kam er schön an. Die beiden waren ihm an Mundfertigkeit sowohl wie an Sachkunde weit überlegen und drängten ihn Schritt um Schritt zurück, so daß er ihnen zuletzt unter anderem halbwegs zugeben mußte, es ginge am Ende auch ohne einen Kaiser und König. Gerd erinnerte sich nicht, daß jene in der Schule, die sie vier oder fünf Jahre vor ihm verlassen hatten, sich irgendwie hervorgetan hätten. Die ihm so peinlich fühlbare Überlegenheit mußte also die Stadt ihnen gegeben haben.

Ja, wie wär's denn, wenn auch er dem Moor den Rücken kehrte und in die Stadt ginge, wie jene und wie so viele aus den Moordörfern?

Was bot ihm denn sein Dorf?

Mit dem Jungvolk hatte er nur noch wenig Verbindung. Dessen Art und Interessen paßten ihm ebensowenig wie jenem die seinen.

Die Männer quälten sich nach alter Weise so durch und waren froh, wenn sie ihre Zinsen bezahlen konnten. Einige riefen im Kriegerverein hurra, andere redeten im Klub »Junghannover« vom Recht, die meisten kümmerten sich um nichts, was nicht unmittelbar mit Moor und Torf, Kälbern und Schweinen zusammenhing. Einige Alte waren auch noch da, die in jungen Jahren von Ludwig Harms einen Stoß bekommen hatten. Das waren ganze Männer, vor denen man Respekt haben mußte, aber die Art war im Aussterben. Das sah man an ihren Söhnen, die meist schon wieder ganz anders waren, mochten sie äußerlich die Sitten ihrer Väter auch noch aufrecht halten.

Blieb also eigentlich niemand als der Lehrer. Aber wie leicht konnte der sich versetzen lassen! Er hatte schon öfter davon gesprochen. Und wenn man sich auch ganz nett mit ihm verstand, eine Kluft zwischen Schulmann und Bauernknecht blieb natürlich doch bestehen. Und gerade der Verkehr mit jenem brachte ihm oft unangenehm zum Bewußtsein, wie sehr er bereits dem Durchschnitt seiner Dorfgenossen entfremdet war.

So überlegte er in bitterer Stimmung, die leicht ungerecht macht, hin und her, und mehrmals faßte er den Entschluß, in Bremen Arbeit und Anschluß an strebsame Menschen zu suchen und zu sehen, was noch aus ihm werden könnte. Aber dann wurde er doch immer wieder wankelmütig und wußte nirgends recht mit sich hin.

So wurde es wieder Sonntag, und am Abend stakte er sein Schiff mit Erstlingstorf die Hamme hinunter. Den Tag über war es sehr schwül gewesen, und der Abend hatte die ersehnte Abkühlung nicht gebracht.

Gegen elf wurde drüben die Stadt von grellem, schwefelgelbem Feuer sekundenlang überlichtet. Der einsame Schiffer sah sämtliche Blitze zur Erde fahren und die Türme umzucken, und dachte mit Schrecken an den Schaden, den sie etwa anrichten mochten.

Das Gewitter kam schnell herüber. Bald rollten die Donner über dem Hammetal, und immer hastiger folgte das Krachen dem Leuchten.

Als Gerd zwischen beiden nicht mehr bis sechs zählen konnte, machte er das Schiff am Ufer fest und legte sich vorn in die Koje. So ließ er das Unwetter über sich hinwegrasen. Im Schilf heulte und pfiff der Sturm, der Regen prasselte auf das Verdeck, die Vorderkette ächzte und jankte, wild bewegte Wellen warfen das Schiff hin und her, durch eine Ritze am Deckel lohte grelles Licht in den engen Kasten, dessen Wände unter der Gewalt des Donners erbebten.

Als er endlich seinen Zufluchtsort verlassen konnte, war die Luft wunderbar erfrischt. Am Himmel tinkelten die Sterne, der wieder beruhigte Fluß zog seine schimmernde Bahn durch das weite Wiesental.

Da dachte er von ungefähr an das, was ihn die ganze Woche beschäftigt hatte. Und plötzlich, wie vom hellsten aller Blitze erleuchtet, lag sein Weg klar vor ihm. Er hatte auf einmal ein unmittelbares Gefühl für die in seinem innersten Wesen begründete Richtung seines Lebens, und dies Gefühl sagte ihm, daß er nirgends anders hingehörte als aufs Land und in das Moor seiner Väter.

In der Stadt sich recht einzuleben, das hatte er plötzlich mit größter Deutlichkeit erkannt, war er zu schwerfällig und auch wohl schon zu alt. Als ungelernter Arbeiter würde er es dort nie zu etwas Rechtem bringen und wohl zeitlebens ein Mitläufer bleiben. Auf dem Lande dagegen konnte er ein Eigener werden, und war vielleicht schon auf dem Wege dazu.

Aber freilich, dann mußte er es bald zu etwas Eigenem bringen. Die eigene Scholle macht erst den Mann.

Ob er versuchen sollte, irgendwo auf einer Moorstelle einzuheiraten? Er kam ja nicht mit leeren Händen. Die 700 Taler, die er teils von der Mutter geerbt, teils mit seinen Händen verdient und durch Sparsamkeit zusammengehalten hatte, waren auf den hypothekarisch stark belasteten Kolonaten — und das waren die meisten — gute Freiwerber.

Aber die in Frage kommenden Erbtöchter von Brunsode und Umgegend paßten ihm die eine so wenig wie die andere. Eine entstammte einer schwindsüchtigen Familie, die zweite war ihm zu wild, eine dritte, zu der er sich am Ende wohl hätte entschließen können, stand gerade im Begriff, sich anderweitig zu verloben.

Also damit war es nichts. Es blieb nichts übrig, als eine zum Verkauf stehende Stelle zu suchen. Und dann eine passende Frau dazu. Oder erst die Frau, und dann, je nach dem was sie mitbrachte, die Stelle? ... Nein, lieber erst die Stelle. Das war solider. Es gab mehr Mädchen, die Lust zum Heiraten hatten, als Stellen, die zu kaufen waren.

In der Brunsoder Hauptreihe war nichts zu machen. Hier befand sich aller Besitz in festen Händen, und Stelle Nr. 7, die wahrscheinlich im Spätherbst unter den Hammer kam, wurde sicher zu hoch hinaufgetrieben.

Aber am Achterdamm, hm ...

Im Abstand von einem guten Kilometer lief mit der Brunsoder Hauptreihe der sogenannte Achterdamm parallel, an dem eine kleine Siedlung von acht Feuerstellen unter dem Namen Neu-Brunsode entstanden war. Die einzelnen Anwesen, die je fünfzehn bis zwanzig Morgen umfaßten, waren früher einmal von den Brunsoder Hauptstellen abgetrennt und an jüngere Söhne vergeben, oder auch, wenn das Geld gerade knapp war, verkauft worden. Hier war etwas zu haben, nämlich Nr. 1 a, einst von Nr. 1, der Mühlenstelle, genommen. Das kleine Besitztum hatte vor einigen Monaten der Kaufmann Nolte in Grünmoor, um seine Hypothek zu retten, im Zwangsverkauf erwerben müssen, und der war es gewiß gern bald wieder los. Übermäßig teuer konnte der Besitz nicht werden, da der Vorbesitzer, ein fauler Strick und Trunkenbold, ihn arg hatte verlottern lassen. Mit Fleiß und Tüchtigkeit war aus der achtzehn Morgen großen Stelle aber wohl etwas zu machen.

Als Haussohn der Hauptreihe hatte Gerd bislang für den Achterdamm eine gewisse Geringschätzung gehabt. Denn die Achterdammschen, wie sie im alten Dorf hießen, oder Neu-Brunsoder, wie sie sich selbst nannten, galten den Alteingesessenen als kleine Leute, die man zum Unterschied von den Stellbesitzern nur als Anbauer bezeichnete. Aber ihm schien es jetzt: lieber Anbauer und eigener Herr am Achterdamm, als Knecht oder Häusling in der Hauptreihe, und so beschloß er denn, sich nach dem Preise des kleinen Anwesens zu erkundigen.

Ja, aber dann die Frau ... Er war jetzt dreiundzwanzig. Hm, ja, wohl noch ein bißchen jung. Aber du liebe Zeit, wenn andere schon mit achtzehn heirateten! ...

Er machte sich also in Gedanken auf die Freite, gleich im ersten Nachbarhause beginnend. Bei Rotermunds diente nämlich eine Anna Siems, die er jeden Tag haben konnte. Sie hatte ihm schon manchen verliebten Blick zugeworfen und war ja auch so weit ganz glatt. Aber sie besaß wohl nicht mehr, als was sie auf dem Leibe trug. Das war also nichts.

So setzte er seine Suche die Dorfreihe hinunter fort. Mädchen saßen da mehr als genug, die nach einem Mann ausschauten, Haustöchter wie Dienstmägde. Aber bei der einen fehlte dies, bei der andern das. Die einen paßten ihm nicht, und bei den anderen durfte er mit Sicherheit auf einen Korb rechnen.

So war er fast bis ans Ende des Dorfes gekommen, als er in Nr. 4 den ersten ernstlichen Aufenthalt nahm. Bei Jan Wiechels diente seit Ostern vorm Jahr eine Becka Wischhusen aus Webersdorf von der Südseite des Kirchspiels. Man hörte nicht viel von ihr und sah sie nicht oft. Aber das war am Ende gerade gut. Im Juni hatte sie auf den Hammewiesen nicht weit von ihm geheut, und da war ihm aufgefallen, daß sie die Arbeit ordentlich anzupacken verstand. Ihr Lachen hatte zuweilen frisch und hell zu ihm herübergeklungen und ihn an die lustigsten Arbeitstage mit Leidchen erinnert. Es fiel ihm jetzt auch wieder ein, daß ihm damals für einen flüchtigen Augenblick der Gedanke gekommen war, ungefähr von solcher Art müßte die sein, die er einmal zur Frau nehmen möchte. Wenn er sie ab und an auf dem Wege zur Kirche gesehen hatte, war sie ihm stets als ein stilles, sinniges Mädchen erschienen.

Unter all diesen Erwägungen, die bei seiner bedächtig langsamen und gründlichen Art eine gute Zeit in Anspruch nahmen, war das Schiff vor seinem Schieberuder her ruhig und gleichmäßig vorangeglitten, und er wunderte sich beinahe, als es auf einmal in den Bremer Torfhafen einlief.

Vorerst galt es, an die Abwicklung des Geschäfts zu denken. Aber er war dabei, noch immer mit seinen eigenen Angelegenheiten innerlich beschäftigt, so zerstreut, daß die Ladung um eine Mark zu billig wegging, was ihn diesmal aber nicht sonderlich betrübte.

Er hatte eigentlich nicht die Absicht gehabt, seine Schwester heute zu besuchen. Aber jetzt empfand er auf einmal das Verlangen, ein halbes Stündchen mit ihr zu plaudern, und machte sich auf den Weg.

Seine Gedanken kehrten zu Becka Wischhusen zurück.

Ob sie auch wohl schon etwas hinter sich gebracht hatte? Wenn sie zur rechten Zeit angefangen hatte zu sparen, konnte sie jetzt an die hundertundfünfzig Taler haben, und allerhand Leinenzeug dazu. Das machte mit seinem Sparkassenguthaben etwa achthundertundfünfzig Taler. Rechnete man davon gut dreihundert auf die Aussteuer und die ersten Anschaffungen an landwirtschaftlichem Gerät und Vieh, so blieben fünfhundert als Anzahlung an den Kaufmann Nolte. Damit war dessen Hypothekenforderung mehr als gedeckt, und das übrige ließ die Sparkasse gewiß gern stehen, zumal einem so sicheren Käufer, der sich ihr schon in jungen Jahren als eifriger Sparer ausgewiesen hatte.

Ja, die Rechnung klappte und alles war gut — wenn sie nur wollte.

Aber warum sollte sie nicht wollen? Siebenhundert Taler und ...

»Dreimal täglich frische Milch« lasen seine Augen über Marwedes Milchgeschäft, und eine Kundin, die aus dem Hause kam, ließ ihm die Tür gleich offen.

Frau Marwede sah ihn hinter ihrem Ladentisch weg etwas verwundert an und sagte, nicht eben unfreundlich, aber doch mit einem leisen Vorwurf: »Lassen Sie sich auch schon mal wieder sehen?«

»Ich ... ich habe was Wichtiges mit Leidchen zu besprechen,« antwortete er mit einiger Verlegenheit. »Wenn es paßt ... sonst ...«

»Gehen Sie da nur in die Stube hinein. Ich schicke Ihnen Ihre Schwester, sie hilft mit bei der großen Wäsche. Allzulange dauert es ja wohl nicht?«

»Nein, Frau Marwede, in zehn Minuten kann ich fertig sein, oder auch schon in fünf, wenn's sein muß.«

Gerd trat in die ihm angewiesene Stube und setzte sich wartend auf einen Stuhl unweit der Tür. Sollte er sie ins Vertrauen ziehen? Dafür war die Sache eigentlich noch kaum weit genug gediehen. Aber so leise Andeutungen konnten am Ende doch nichts schaden. Sie war ja seine Schwester, mit der er noch immer alles geteilt hatte. Was sie wohl für Augen machte ...

Leidchen erschien in der Tür.

»Deern,« rief er verwundert, »du hast ja'n Kopf, als ob du eben aus dem Backofen gezogen wärest.«

Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht: »In der Waschküche ist's so schrecklich heiß, und dann der Qualm ...«

»Ja,« sagte er, »bei uns zu Hause waschen sie im Sommer draußen, das ist viel gesunder. Wie geht's dir denn sonst noch?«

»Gut. Mir fehlt nichts.«

»Diese Nacht war ein schreckliches Gewitter. Aber da lagst du wohl schon im Bett. Weißt du, ob's in der Stadt Schaden getan hat?«

»Ich habe nichts davon gehört.«

Er saß ein wenig vornübergebeugt, den Blick schräg auf den bunten Linoleumteppich gerichtet. Um seine Züge schien ein leises Lächeln zu spielen.

Sie atmete heimlich auf und sagte: »Frau Marwede hat mich gerufen, du hättest was mit mir zu besprechen. Zu doch! Ich hab' nicht lange Zeit.«

»Na na, für so'n Fräulein, das beinahe schlicht um schlicht dient, wird wohl mal 'ne Viertelstunde übrig sein ... Leidchen, ich wollte dir erzählen, daß ich mir wahrscheinlich was kaufen will ... eine Anbauerstelle ... Nr. 1 a am Achterdamm ... Das Land ist früher mal von der Mühlstelle genommen ... weißt du, das kleine nette Haus, das erste vom Kirchdamm aus, das Jan Tunkenburg gehabt und versoffen hat.«

»Mensch, wie kommst du auf einmal auf so was?«

»Oh ... Soldat brauch' ich nicht zu werden, und das Knechtspielen hab' ich satt. Ich bin alt genug und will die Füße unter meinen eigenen Tisch stecken.«

»Aber Junge, hast du denn schon eine Braut?«

»Das ist man eben der Haken dabei. Die muß ich mir denn wohl bei kleinem anschaffen ... Leidchen, du kennst die Deerns ja besser als ich. Weißt du keine, die für mich paßt?«

»Hm, Junge, du bist ein apartiger Mensch ... Das ist nicht so leicht.«

»Na, man pflegt wohl zu sagen: ›Es ist kein Pott so schief, daß nicht ein Deckel drauf paßt.‹«

»Hm, muß mal überlegen ... In unserm Spinnkoppel? ... Nee, da ist keine zwischen ... Minna Entelmann? ... Ach nee, das ist auch nicht die rechte ... Aber Beta Kahrs? Ja, Junge, die hol' dir! Da tust du einen guten Griff.«

Er blickte sie lächelnd und kopfschüttelnd an: »Deern, Deern, du bist doch noch immer die alte. Die kriegt ja über tausend Taler.«

»Ist das so'n großer Fehler?«

»Närrische Deern du!«

»Gerd, ich will dir mal was sagen. Du bist ein guter Junge, und auch ein fixer, tüchtiger Kerl. Aber einen großen Fehler hast du. Du bist viel zu bescheiden, du hast kein rechtes Zutrauen zu dir. Ich sollte an deiner Stelle sein! Das feinste und reichste Mädchen der ganzen Gemeinde suchte ich mir aus, das heißt, wenn ich sie wirklich gern leiden möchte, und es müßte wunderlich zugehen, wenn ich sie nicht herumkriegte. Und wenn ihre Eltern und ihre ganze Freundschaft sich auf den Kopf stellten! In einer Kate am Achterdamm wollt' ich mich gewiß auch nicht verkriechen ...«

»Deern, was red'st du da nun wieder für dummes Zeug!«

»Junge, man muß mal was riskieren im Leben! Wer nichts wagt, nichts gewinnt. Meta Stelljes, die früher meine Freundin war, hat mal in der Lotterie gespielt. Eine Mark hat sie bloß eingesetzt und zwanzig gewonnen.«

»Da hat sie Schlump gehabt. Mehrstenteils geht der Einsatz flöten, und über den Gewinn lachen sich andere Leute ins Fäustchen. Nee Leidchen, in diesem Stück bin ich anders als du. Nicht so fürs Weitläufige und Flutterige, das wunder nach was aussieht, und nachher steckt nichts dahinter. Ich bin fürs Sichere und Solide, fürs Reelle und Ordentliche. Das gibt denn keine großen Überraschungen, aber der Mensch führt sich dabei auch nicht selber an. Sieh, Leidchen, das sind so meine Grundsätze, und mit ihnen bin ich so weit gekommen, daß ich mir schon bald was Eigenes kaufen kann. Das soll mir erst mal einer nachmachen, so jung wie ich noch bin. Nr. 1 a ist mein, wenn die Braut auch nur anderthalbhundert Taler zubringt ... Und die wird sie ja wohl haben.«

»Wer? Hast du schon eine auf dem Kieker?«

Er lächelte geheimnisvoll und nickte.

»Welche soll's denn sein?« forschte sie.

»Hm, ich kann dir das eigentlich noch nicht verraten. Die Sache ist noch nicht ganz so weit.«

»Ach was, ich bin doch deine Schwester. Zu! Ganz leise, ins Ohr, ich sag's gewiß keinem wieder.«

Sie näherte ihr Ohr seinem Munde, er schob sie aber sanft zurück und fragte: »Kennst du Becka Wischhusen?«

»Die bei Jan Wiechels dient?«

»Ja, kennst du die?«

»Och ja. Sie ist zwei Jahr vor mir aus der Schule gekommen und aus Webersdorf gebürtig. Sie hat eine Zwillingsschwester, Sine; wer die beiden nicht ganz genau kennt, kann sie überhaupt nicht unterscheiden.«

»So? Das wußte ich noch gar nicht mal. Na, was meinst du zu der Deern?«

»Och ... ich weiß nicht recht.«

»Ist sie kein nettes Mädchen? Weißt du was Schlechtes über sie?«

»Das nicht ... Ihr Vater macht Holzschuhe ...«

»Das will nichts schaden ... Deern, Deern, was hast du für Grappen! Wird höchste Zeit, daß du wieder aufs Land kommst, ehe sie dir hier in der Stadt den Kopf ganz verdrehen. Ich muß mich wirklich wundern.«

»... Gerd, hast du Becka schon was gesagt?«

»Nee. Es ist mir diese Nacht erst eingefallen, daß sie wohl die richtige sein könnte.«

»Denn will ich dir einen guten Rat geben, Gerd. Überleg' dir die Sache erst noch mal ganz gründlich! Manchmal meint man, man mag einen, und nachher mag man ihn doch nicht. Freierei ist kein Pferdehandel.«

»Das weiß ich selbst.«

»So was darf nicht übers Knie gebrochen werden.«

»Daran denk ich auch nicht. Wir brauchen ja nicht morgen Hochzeit zu halten.«

»Und dann vergiß nicht, daß unser Vater 'ne ganze Stelle gehabt hat, und daß wir von einem großen Geesthof stammen. Der Mensch ist seiner Familie auch was schuldig ... Gerd, wenn du dir bloß Zeit nehmen wolltest, ich glaube, du findest wohl noch was Besseres.«

»Du dumme Deern! Nun hör' aber auf mit deinem unklugen Schnack! In solche Sache laß ich mir von keinem hineinreden, und von dir am allerwenigsten. Ich dachte, du solltest dich mit mir freuen, und deshalb bin ich bloß gekommen. Und nun kommst du mir so und willst mich zweifelmütig machen. Aber warum halt' ich Schafskopf auch nicht meinen Mund? So was muß einer ganz mit sich allein abmachen.«

»Ganz meine Meinung!« rief Leidchen, in die Hände klatschend und lebhaft zustimmend. »Nimm, wen du willst; ich sag' keinen Ton mehr dagegen. Aber wenn ich mir nun mal einen aussuch', wie er mir nach der Mütze ist, dann sollst du mir auch nicht dazwischen kommen. Willst du mir das versprechen?«

»Hm ... der Fall liegt ein bißchen anders ...«

»Ganz und gar nicht! Was dem einen recht ist, das ist dem anderen billig.«

»Nee, Mannsleute und Frauensleute, das ist nicht ganz dasselbe ... Aber, na ja, du wirst ja wohl vernünftig und vorsichtig sein.«

Sie klopfte ihm die Schulter, streichelte seine Backen und sagte: »Kuck mal an! Endlich bist du zu der Einsicht gekommen, daß ich keinen Vormund mehr brauche. Es wurde aber auch höchste Zeit.«

»Na na, nun man sinnig,« brummte er, ihre Zärtlichkeiten, die ihn nicht gerade angenehm berührten, abwehrend.

»Wenn du erst am Achterdamm wohnst,« nahm sie wieder das Wort, »bist du ja auch Nachbar der Mühle ...«

»Das ist's, was mir am wenigsten bei der Sache gefällt,« entgegnete er stirnrunzelnd.

»Oh, ich denk', ihr werdet noch mal gute Nachbarn ..«

»Darauf leg' ich ganz und gar keinen Wert. Wir sind ja auch nur Landnachbarn, die Häuser liegen eine Viertelstunde auseinander, und ein gut Stück Hochmoor ist zwischen uns. Da kann man sich leicht aus dem Wege gehen ... Aber ich hör' draußen die Marwedesche, wie sie aufstampft. Das gilt mir. Adjüs, Leidchen, und halt' dich munter!«

Er gab ihr schnell die Hand und ging. »Nichts für ungut, wenn's ein paar Minuten länger gedauert hat,« rief er, am Laden vorüberschreitend, Frau Marwede zu, die gerade ein Pfund Käse abwog und an ihrem Kunden vorbei ihm einen strafenden Blick nachsandte.

Als er draußen war, biß er sich auf die Unterlippe. Es ärgerte ihn, daß er die Schwester ins Vertrauen gezogen hatte. Ihre Bedenken und Einwürfe hatten doch tieferen Eindruck auf ihn gemacht, als er vor sich selber wahr haben wollte, und es währte eine ganze Weile, bis er sie überwunden hatte. Erst auf dem Leinpfad neben dem Bürgerpark schreitend und das auf dem Torfkanal laufende Schiff vor sich her schiebend, war er endlich so weit, daß er die Zähne aufeinander beißen und zwischen ihnen hindurch murmeln konnte: »Es bleibt dabei!«

Als er mit seiner Sache im reinen war, fiel ihm auf einmal nachträglich auf, daß Leidchen doch heute ein ganz wunderlich Wesen an den Tag gelegt hatte. Sie hatte so keck und dreist hingeredet, wie es sonst eigentlich ihre Art nicht war. Aber wenn Mädchen vom Heiraten hören, dachte er, werden sie alle zappelig. Er machte sich Vorwürfe, daß er mit keinem Wort die Rede auf seine Gedanken und Hoffnungen für ihre Zukunft gebracht hatte. Heut' hatte er eben nur an sich selbst gedacht.