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Geschwister Rosenbrock cover

Geschwister Rosenbrock

Chapter 15: 14.
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About This Book

The novel portrays life in a small moorland colony through detailed scenes of a village school, household routines, seasonal labor and social visits, following a pair of siblings whose daily struggles and community ties reveal local customs, domestic care, and moral choices. Vivid descriptions of weather, paths, and interiors frame episodes of youth, illness, hospitality and neighborly aid, while quiet observation and social detail illuminate changing relationships and the resilience of ordinary people.

14.

Gerd lag in der blühenden Heide, die den Rodenburger Damm säumte, unter einer Birke und hinter einem Weidenbusch. Die Birke hatte Saftfluß, und prächtige Trauermäntel waren bei ihr zu Gaste.

Um den Hals herum war's ihm etwas eng und unbequem. Er trug nämlich zum erstenmal in seinem Leben einen Kragen. Kaufmann Nolte hatte gesagt, das Ding wär' von Gummi, und er könnte es beliebig oft abwaschen und unter Umständen bis an seinen Tod damit langen. Das Vorhemdchen hatte Leidchen ihm mal aus der goldgestickten Strickmütze seiner Großmutter gemacht, und er hatte es heute ebenfalls zum erstenmal vorgebunden. Es war bunt genug, weshalb er keinen Schlips brauchte.

Von der Beengtheit des Halses abgesehen, war ihm aber sehr wohl zumute. Sine hatte eingewilligt, mit ihm und Becka heut einen Spaziergang durch das Große Moor nach Tennstedt zu machen, und er sah diesem Unternehmen mit frohen Hoffnungen und angenehmen Erwartungen entgegen. Geld hatte er beigesteckt, um, wenn alles gut ginge, gleich die Ringe kaufen zu können.

Er spähte wieder einmal um den Weidenbusch den Damm hinunter und entdeckte in der Ferne, etwa dort, wo die Schule liegen mußte, zwei schwarze Punkte von gleicher Größe. Das konnten sie sein.

Eine Weile sah er dem feierlichen Schweben der bunten Buttervögel zu, und ihrem gierigen Trinken am Birkensaftquell.

Die beiden Punkte hatten sich inzwischen vergrößert und waren bei keiner der zahlreichen Hofbrücken abgeschwenkt. Es wurde immer wahrscheinlicher, daß es die Erwarteten waren.

Die Punkte schienen unten breiter als oben, es waren also Frauensleute.

Nun hatten die beiden Frauensleute das Dorf hinter sich, und ein Zweifel war nicht mehr möglich.

Sie machten beide dieselben kurzen, munteren Schritte und wandten sich alle Augenblicke nach dem Dorf um, was den Beobachter hinter dem Weidenbusch jedesmal bannig högte und zum Schmunzeln brachte.

Nee, aber so was! So 'ne Ähnlichkeit! Er wollte sich die Augen aus dem Kopf gucken und konnte doch nicht erkennen, wer Becka und wer Sine wäre.

Als die beiden auf zwanzig Schritt herangekommen waren, sah er, daß die eine so recht behaglich vor sich hinlachte, während die andere etwas Unruhiges, Unsicheres in Gesicht und Auftreten hatte. Da wußte er Bescheid.

»Becka, wenn er nun mal nicht käme ...«

»Ach was, Deern, den hab' ich viel zu fest in der Schlinge. Er ist auch einer von den Ehrenfesten und Zuverlässigen.«

»Ich glaub', bei diesem Weidenbusch warten wir man ... Uch!«

»Den Deuker, da ist er ja!«

»Guten Tag, Deerns. Na, habt ihr euch eingestellt? Das ist man gut.«

Gerd, der sich langsam erhoben hatte, gab erst Becka die Hand, dann Sine, der er dabei schnell in das von einer Blutwelle purpurn übergossene Gesicht sah.

»Hm.«

»Na? Was nun?«

»Ich denk', wir gehn weiter.«

»Dann komm, wir nehmen dich in die Mitte. Zwischen zwei Schwestern, das soll Glück bringen.«

Sie setzten zu dritt die Wanderung fort. Indem einer auf den anderen wartete, sagte keiner etwas.

Aber lange hielt Becka dieses Schweigen nicht aus. Sie gab Gerd einen Rippenstoß: »Zu, sag' mal was, Junge!«

Nachdem er leise aufgeseufzt hatte, begann er: »Schön Wetter heut'. Pepers Heini wird bei seinem Ernteball den Saal wohl tüchtig voll haben.«

»Was geht uns Pepers Heini sein Ernteball an?« fragte Becka kichernd.

Gerd griff nach seinem Gummikragen und bereute, daß er ihn nicht eine Nummer weiter genommen hatte.

»Wir müssen zur rechten Zeit wieder zu Hause sein,« setzte er von neuem an. »Ich muß diese Nacht noch mit dem Schiff nach der Stadt ... der Torf ist gerade gut im Preise. Für den besten bezahlen sie ...«

Becka warf schnell den Kopf herum und unterbrach ihn: »Wir sind nicht gekommen, um mit dir über deinen Backtorf zu schnacken. Sag', was du vorhast! Raus damit!«

»Man nicht so glupsch, Deern,« stamerte er verlegen und ärgerlich. »Immer langsam und mit Sinnen.« Dann, nach der anderen Seite gewendet: »Sine, ich hab' so halb und halb vor, mir was zu kaufen.«

»Das hat Becka mir schon gesagt,« versetzte sie leise.

»Wie weit bist du mit dem Kauf?« fiel die Schwester ein.

»Hab' die Stelle an der Hand.«

»Nicht zu teuer?«

»Nee, hab' heruntergehandelt bis auf den Preis, den ich mir gesetzt hatte.«

»Na, Kinder, dann seht bloß zu, daß ihr miteinander klar werdet.«

»Becka,« sagte Gerd in vorwurfsvollem Tone, »ich mag dich heute gar nicht leiden, so naseweis wie du bist.« Darauf wandte er sich nach rechts, blieb stehen und sagte: »... Sine, was meinst du?«

Sie stand in der Dammrichtung, die Augen züchtig gesenkt, und sagte: »Gerd, ich kenne dich ja noch nicht ganz lange. Aber meine Schwester hat mir soviel Gutes von dir erzählt ... ich glaub', ich kann's wohl riskieren ...«

»Vater und Mutter,« krähte Becka dazwischen, »sind auch einverstanden, ich hab' sie letzten Sonntag gleich gefragt. Aber Kinder, wollt ihr euch denn nicht die Hand geben?«

Aus vier Augen wurden ihr böse Blicke zum Lohn, aber man tat doch nach ihrem Rat.

»Und ein lüttjer Kuß gehört auch dazu!« verfügte sie weiter.

Nun wurde es Sine denn doch zuviel. Sie trat mit empörten Augen vor die Schwester hin: »Becka! Ich will dir mal was sagen, und merk dir's: Du hast uns beiden ganz und gar nichts zu kommandieren. Wir sind mündig und wissen selbst, was wir zu tun und zu lassen haben. Du mußt dir bloß nicht einbilden, daß du hier heute die Hauptperson bist.«

Die Strafrede hätte wohl noch länger gedauert, aber Gerd fiel sanftmütig ein: »Sine, reg' dich man nicht auf; Becka hat's ja ganz gut gemeint ... Wir können uns auch dreist mal küssen.«

»Nein, nun grade nicht! Was zuviel ist, das ist zuviel. Ich bin die Älteste von uns beiden, und Becka hat das auch immer anerkannt. Bloß von dem Augenblick an, wo sie sich verlobt hatte, bildete sie sich auf einmal ein, sie wär' mehr als ich, und wurde frech. Aber jetzt laß ich mir das nicht mehr gefallen. Denn was du bist, das bin ich all lange, du!«

»Uijeh!« rief Becka in geheucheltem Entsetzen, »da hab' ich mir schön was eingebrockt, daß ich dir'n Bräutigam verschafft habe. Nun kann ich mich wieder unter dich ducken. Na, lüttje Schwester, sei man still, ich tu's ganz gern. Soll ich 'n bißchen zurückbleiben, damit ihr euch ungestört besprechen könnt?«

»Nee, geh' lieber hundert Schritt vorauf!«

»Auch gut,« sagte Becka, und schritt wacker fürbaß.

»Nun ist's Zeit,« flüsterte Sine, und hielt ihren roten Mund hin. Und Gerd drückte einen kernigen Kuß darauf. Dann nahm er sie so fest in die Arme, daß ein zartes, zimperliches Ding laut aufgekreischt haben würde. Aber von der Sorte war Sine Wischhusen nicht.

Becka war so diskret, sich nur einmal umzusehen. Sie paßte aber just den richtigen Augenblick ab und bedauerte, daß sie ihren Jan nicht da hatte, ihr ein Gleiches zu tun.

Als Gerd seine Braut freigelassen hatte, sagte er fröhlich: »So, nun gehen wir nach Tennstedt und kaufen uns die Ringe ... Aber Deern, wir kriegen am Ende heut gar keine!«

»Warum nicht?«

»Von wegen der Sonntagsruhe.«

»Ach was, das sind Liebeswerke, und die sind auch am Sonntag erlaubt.«

Gerd lachte und legte den Arm um sie. So schritten sie glückselig durch den leuchtenden Sommertag, eine gute Weile schweigend. Es war jetzt die Einsamkeit des wilden Heidemoores um sie. Kein Mensch oder menschliche Wohnung weit und breit zu sehen, nur hier und da eine verlorene Plaggenhütte, als Unterschlupf für Heidhauer und Torfgräber in die Einöde gesetzt. Die herrliche Bläue des Himmels, an dem weiße Schäfchenwolken ihr Wesen trieben, hob sich wundervoll ab gegen das von weißen Birkenstämmchen durchblitzte Blütenrot der üppig wuchernden Moorlandsheide. Die Luft war voll Honigduft und Bienengesumm. Schnurgerade zog sich der Damm durch das blühende Land, ihm treu zur Seite der blinkende Wasserlauf. Es hatte lange nicht mehr geregnet, und der Sand mahlte stark. Aber davon merkten die beiden rüstigen jungen Menschenkinder nichts. Auch der Gummikragen bedrückte Gerd jetzt nicht mehr, wie er so hochaufgerichtet und frei atmend dahinschritt.

»Wollen wir jetzt Becka nicht rufen, daß sie wieder mit uns geht?« fragte er endlich.

»Och ja,« sagte Sine schnell, »allein wird es ihr leicht zu langweilig. Sie ist im Grunde gar keine schlechte Deern.«

»Nee, gewiß nicht,« stimmte Gerd bei. »Eigentlich wollte ich sie ja auch heiraten.«

»Ich weiß ...«

»Wir beide, Sine, passen aber doch noch besser zusammen, glaub' ich.«

»Das wollen wir hoffen ... Becka!«

Becka wandte sich sofort herum und erwartete die beiden.

»Na, alles klipp und klar?«

»Ja, du kannst jetzt wieder mit uns gehen.«

»Ist dankenswert,« sagte Becka, und nahm ihren alten Platz an Gerds grüner Seite wieder ein.

»Ich freu' mich bannig, Gerd,« begann Sine nach einem Weilchen, »daß wir beide gleich ein eigenes Dach über den Kopf kriegen. Jan und Becka wollen sich die ersten Jahre was pachten.«

»So—o?« fragte die Schwester spitz, »weißt du das so gewiß? Kann sein, daß wir noch eher zum Kauf kommen als ihr.«

»Aber Kinder, so vertragt euch doch,« legte Gerd sich lächelnd ins Mittel. »Sine, wir könnten nun wohl mal zusammenrechnen, was wir beide parat haben. Ich fang' an.«

Und er begann aufzuzählen: was er von der Mutter geerbt, was er in den einzelnen Jahren verdient, wie wenig er verbraucht und wieviel auf die Sparkasse getragen, und was es dort an Zinsen gebracht hatte. Zur Stunde beliefe sich sein Vermögen, ohne die Zinsen des laufenden Vierteljahres, auf sechshundertsiebenundachtzig Taler und dreiundzwanzig Groschen, das Geld im Portemonnaie noch nicht mal mitgerechnet.

»Junge, Junge!« rief Sine, von der Höhe der Summe freudig überrascht, und warf an ihm vorbei einen triumphierenden Blick nach ihrer Schwester hinüber. Die machte ein etwas verdutztes Gesicht; denn da kam ihr Jan doch nicht ganz mit.

»Na, Sine, denn red' du mal!« sagte Gerd gespannt.

Sie fing an aufzuzählen: ein Dutzend Hemden, die Hälfte noch gar nicht gebraucht, zwei bessere Kleider und drei für die Arbeit, drei Unterröcke, ein zweischläfernes Bett, und zweimal es zu überziehen, fünf Stück Leinen, eine Kommode, ein Spinnrad, sieben Schürzen ...

Sie verlor sich zuletzt so in Kleinigkeiten, daß er ungeduldig wurde und sie unterbrach: »Und Bargeld?«

»Ungefähr hundertundsechzig Taler.«

»Hm.«

»Ist dir das nicht genug?«

»Hm ... denn hat Becka ja doch 'n bißchen mehr.«

»Ja, die hat auch immer viel Geschenke von ihrer Dienstherrschaft gekriegt. Aber mit Zeug ist sie lange nicht so gut ausstaffiert als ich. Die ersten Jahre brauch' ich überhaupt kein neues Kleid, ausgenommen natürlich das zur Hochzeit.«

»Hast du noch was von deinen Eltern zu erwarten?«

»Das wohl nicht. Wir sind unser zu viele.«

»Na, Sine, das soll alles nichts schaden ... dann lassen wir die erste Hypothek von dreihundertundfünfzig Talern auf der Stelle stehen. Was meinst du, bis wann können wir die wohl heruntergearbeitet haben?«

»Oh ... wenn der liebe Gott Leben und Gesundheit schenkt, in 'n Jahrer sechs ... oder sieben ...«

»Sine, du bist 'ne lüttje famose Deern! Ich hatte an neun bis zehn Jahre gedacht; denn wir müssen ans Haus allerhand anwenden, und auch tüchtig was in den Boden hineinstecken. Der Kram ist bös heruntergekommen.«

»Schadet nichts. Das wollen wir beiden wohl kriegen. Wir sind ja keine, die vor der Arbeit weglaufen.«

»Deern, Deern, was bin ich froh!« rief er. »Ich glaube, der liebe Gott hat dich extra für mich gemacht.«

»Ist möglich, so soll das in 'm richtigen Ehestand ja auch wohl sein.«

Der schnurgerade Damm wurde am Rande der Geest zu einem gewöhnlichen Sandwege, der mit einer kleinen Biegung in das wohlhabend behäbige Bauerndorf Tennstedt einmündete.

»Feine Höfe,« sagte Gerd, auf ein stattliches Bauerngut mit altem Eichenbestand hinweisend.

»Ich möcht' auf der Geest nicht sein,« versetzte Sine. »Wir können auf unserer Anbauerstelle am Achterdamm ebenso gemütlich leben.«

»Das ist gewiß!« sagte Gerd und legte mal schnell wieder den Arm um sie.

Herr Sauerhering, der Uhren flickte und zugleich mit Gold- und Silbergeschirr handelte, wurde glücklich zu Hause getroffen, und es bedurfte nicht langer Bitten, ihn zu dem gewünschten Liebesdienst willig zu machen. Nachdem er dem Pärchen artig zu seinem Vorhaben gratuliert hatte, breitete er einen großen, flachen Kasten voll der ewig bindenden Dinger vor ihm aus. Sine hielt ihre Hand hin, und Gerd verpaßte ihrem kurzen, dicken Ringfinger einen Goldreif. Darauf suchte Sine auch einen für ihn aus, wobei Becka ihr half. Das Anstecken besorgte sie aber allein.

»Was kostet das?« fragte Gerd und griff in die Tasche.

»Fünfzehn Mark,« sagte der Mann.

Gerd erschrak. »Gibt's keine billigere Sorte?« fragte er kleinlaut. »Solche Ringe müssen echt sein,« erklärte Herr Sauerhering ernst. »Sonst ist das eheliche Glück nachher auch nicht echt und von Bestand. Es ist ja auch nur eine einmalige Ausgabe.«

»Wir nehmen aber doch gleich zwei auf einmal. Da können Sie's wohl für zwölf Mark tun.«

»Diese Art verkaufe ich überhaupt nur paarweise,« erklärte Herr Sauerhering, und die Mädchen lachten. »Überhaupt ist das Handeln bei solchem Kauf keine Mode.«

Gerd legte mit schwerem Herzen ein Zwanzigmarkstück auf den Tisch. Als er die fünf Mark, die ihm zurückgegeben wurden, einstecken wollte, fragte Becka keck: »Was krieg' ich denn als Freiwerberlohn?«

»Vielleicht eine hübsche Brosche?« fragte Herr Sauerhering süß lächelnd, indem er eine andere Schublade herauszog und auf den Tisch stellte.

Becka musterte die glitzernden Schmuckstücke und hob eins heraus.

»Glaube, Liebe, Hoffnung,« sagte sie, »diese möcht' ich wohl leiden. Kostet?«

»Zwei Mark fufzig.«

Die beiden Mädchen sahen Gerd erwartungsvoll an.

»Na, denn man zu!« sagte er mit tapferer Selbstüberwindung und warf das Geld auf den Tisch. Becka steckte sich Kreuz, Herz und Anker sogleich vor.

Die drei Goldgeschmückten gingen darauf schräg über die Straße in eine Gastwirtschaft, die mit Bäckerei verbunden war. Hier bestellten sie sich zwei Portionen Kaffee nebst einem Teller Butterkuchen, und aßen und tranken nach Herzenslust. »Und wenn die zwanzig Mark heut' ganz draufgehen!« dachte Gerd, und ließ den schnell geleerten Teller noch einmal füllen.

»Schade, daß ich meinen Jan nicht herbestellt habe ...,« seufzte Becka. »Wir wollen ihm mal eine bunte Karte schicken,« sagte Gerd und ging hin, sich eine zu holen. Er wählte die mit dem Gasthaus, in dem sie ihre Verlobung feierten.

Während er saß und schrieb, fragte Becka: »Wann wollt ihr denn eigentlich Hochzeit machen, Sine?«

Sine gab die Frage weiter: »Was meinst du, Gerd?«

»Nächstes Frühjahr natürlich, gleich nach Ostern,« erklärte er.

»So früh schon?« rief Becka erschrocken. »Wir wollten eigentlich noch ein Jahr warten.«

»Ja, Kinder, das könnt ihr ja auch ruhig tun,« meinte die ältere Schwester.

»Nein, Sine, nein, das geht nicht,« rief Becka mit Nachdruck. »Voranlassen dürfen wir euch auf keinen Fall. Wir beide sind an demselben Tag geboren, aus einem Wasser getauft und Seite an Seite konfirmiert. Da hilft alles nichts, wir müssen auch miteinander Hochzeit halten. Ob Jan will oder nicht, er muß. Gerd, schreib' man gleich mit an meinen Jan, nächstes Frühjahr gäb's eine vergnügte Doppelhochzeit.«

Er nickte. »Gut,« sagte er, »ich will das bemerken.«

»Halt!« rief Sine, »dabei hab' ich doch auch wohl noch ein Wort mitzureden. Ich bin gegen die Doppelhochzeit.«

»Warum?« fragte Gerd, von seinem Schreibwerk aufblickend.

»Oh ... bei 'ner Doppelhochzeit lohnt es nicht so mit den Gaben. Für zwei auf einmal ordentlich was zu schenken, das wird den Leuten leicht zu viel.«

»Sine, du bist 'ne lüttje famose Deern. Daran habe ich noch gar nicht einmal gedacht. Du magst wohl recht haben ...«

»Da hört sich doch alles auf!« rief Becka empört, machte ihre grallsten Augen und legte die Arme vor sich auf den Tisch, »nun spielt ihr mir schon unter einer Decke. Aber das will ich euch man sagen, wenn ihr nicht für die Doppelhochzeit stimmt, ist unsere Freundschaft aus, ich stehe nicht bei euch Gevatter und besuche euch auch nicht. Das waren Meta und Metta Rodenburg in unserm Dorf, die auf einen Tag Hochzeit machten und nicht viel kriegten. Aber warum? Die Leute mochten sie und die ganze Familie nicht leiden, und schickten gar keinen, oder Knecht und Magd und Kinder, und da schaffte es natürlich nicht mit den Gaben. Aber das hat bei uns nichts zu bedeuten. Ich glaub', Sine, ich kann ruhig sagen, wir beide sind ganz beliebt, und auch unsern Vater haben sie gern in allen Häusern, wo er Hollschen macht. Denk' dir doch, Deern, wie schön das wird, wenn wir beide so im Myrtenkranz und Schleier da auf unserer Diele beieinander stehen, ich mit meinem Jan, du mit deinem Gerd; und unser guter alter Pastor gibt uns alle vier zusammen in den heiligen Ehestand, aber diesmal soll er's richtig machen, und nicht so Kuddelmuddel wie bei der Konfirmation. Ich glaube, dann kann ich vor Weinen knapp ja sagen. Denn du mußt wissen, Gerd, ich bin ein bißchen weich und hab' mich nicht so in der Gewalt wie Sine.«

»Was meinst du, Gerd, wollen wir ihr den Gefallen tun?« fragte Sine.

»Ja, man zu,« antwortete er lächelnd, »wir sind ihr ja auch etwas Dank schuldig, ohne sie hätten wir uns ja nie gekriegt.«

»Na gut,« wandte die ältere sich an die eine halbe Stunde jüngere, »denn kannst du mit uns Hochzeit halten. Das heißt, wenn Jan einverstanden ist.«

»Der?« rief Becka. »Der ist jetzt überstimmt: Drei gegen einen. Ob er will oder nicht, er muß!« — —

Als die drei den Heimweg angetreten hatten und aus dem Eichenschatten des Dorfes ins Freie kamen, mußten sie auf der Höhe der Geestdüne stehenbleiben. Denn der Himmel stand über ihrer Moorheimat in flammenden Gluten, so stark und tief in den Farben, daß selbst der Blick dieser Leutchen, die an die prächtigen Sonnenuntergänge über ihrem wasserdunstgeschwängerten Lande von Kind an gewöhnt waren, gebannt wurde. Ein leuchtendes Rot von Heideblüten und Abendglanz lag über dem weiten wilden Moor, der Wasserzug neben dem Rodenburger Damm lief wie eine Straße von funkelndem Gold zu den fernen Dörfern, deren baumumhegte Reihen klar und scharf gegen den purpurnen Himmelsgrund standen.

»Könnt ihr singen?« fragte Gerd, als sie eine Weile schweigend hingeschaut hatten.

»Oh, ein bißchen wohl,« sagte Sine.

Er schob die Hände unter die Arme seiner beiden Begleiterinnen und stimmte an: »Goldne Abendsonne, wie bist du schön.« Als die Mädchen einfielen, ging er schnell in die zweite Stimme über. Sie konnten nicht bloß den ersten Vers, sondern die anderen auch.

Als das Lied verklungen war, drückte er die beiden runden Mädchenarme an sich und rief hocherfreut: »Deerns, das geht ja fein. Ihr könnt's beinahe so schön, wie meine Schwester Leidchen. Schade, daß die heute nicht hier ist.«

»Und mein Jan,« fügte Becka hinzu.

Sie setzten ihren Weg fort und schritten in das Moor hinunter, über dem die Farbenpracht inzwischen stark verglüht war. Es währte nicht lange, so begann er: »Die Liebe macht glücklich, macht selig,« und die Mädchen jubelten mit: »Die Liebe macht arm und reich, die Liebe macht Bettler zum König, die Liebe macht alles gleich.« »Juhuhuh!« juchzte er, als das Liedchen aus war, packte zu und schwenkte sein zappelndes, kreischendes Sinchen mit starken Armen hoch in die Luft.

»Becka meinte, du wärst einer von den Sinnigen,« sagte sie, sich die Kleidung zurecht zupfend, »du bist ja ein ganz Wilder.«

»Du kannst alle Jungens in Brunsode fragen,« rief er lachend, »die werden dir sagen, daß ich ein ducknackiger Drögepeter bin.«

»Na, die kennen dich aber schlecht.«

»Ist möglich.«

Und wieder klang ein Lied:

»Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten,
Schön ist die Jugend, ja, sie kommt nicht mehr.
Sie kommt nicht mehr, nicht mehr,
Kehrt niemals wieder her,
Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.
Ich hatt' einen Weinstock, und der trug Reben,
Und aus den Reben floß süßer Wein.
Drum sag ich's noch einmal: Schön ist die Jugend, ja,
Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.
Ich hatt' einen Rosenstock, und der trug Rosen,
Und aus den Rosen floß süßer Duft.
Drum sag ich's noch einmal: Schön ist die Jugend, ja,
Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.
Man liebt die Mädchen bei frohen Zeiten,
Man liebt sie nur zum Zeitvertreib.
Drum sag ich's noch einmal: Schön ist die Jugend, ja,
Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.«

»Man liebt euch Mädchen bei frohen Zeiten, man liebt euch nur zum Zeitvertreib!« rief Gerd. »Wißt ihr was, Deerns? Am liebsten heiratete ich euch alle beide!«

»Pfui, so'n Türke!« sagte Becka und gab ihm einen Stoß in die Rippen.

Er aber hob die Arme, schlug den linken um Beckas, den rechten um Sines Nacken, riß ihre Köpfe zusammen und küßte beide wahllos ab. Kreischend und lachend suchten sie sich ihm zu entwinden, aber seine stählernen Arme ließen nicht locker.

Als er sie endlich freiließ, sagte Becka, sich die zerzausten Haare ordnend: »Du bist ja 'n ganz Schlimmer. Sine, so einen nähm' ich nicht, um kein Geld!«

»Hast du noch nicht genug, lüttjer Satan?« rief er, auf sie zuspringend.

»Ja, Ja!« schrie sie, ihm entschlüpfend.

»Du kriegst'n paar überher,« sagte er, Sine in die Arme schließend. Es wurde aber noch ein halbes Dutzend draus.

»Wart' man,« drohte Becka mit der zur Faust geballten kleinen Hand, »wenn ich das meinem Jan sage, kommt der dir aufs Fell.«

»Haha,« lachte Gerd, »in der Familie darf man das so genau nicht nehmen. Er kann mein Sinchen dafür mal wieder küssen.«

»Ich wollt' ihm!« rief Becka. »Das hätt' ich bloß ahnen sollen, daß du so'n böser Bruder bist! Sine, willst du ihm seinen Ring nicht wiedergeben?«

»Werd' mich hüten!« kicherte sie und schmiegte sich zärtlich an ihn. »Es ist mir so lieber, als wenn er ein alter Drögbäcker wär'.« —

Sine wollte für die Nacht bei der Schwester mit unterkriechen und Gerd begleitete die beiden bis vor Beckas Haustür. Nach einer letzten Umarmung, bei der Becka jetzt aber leer ausging, schritt er eilig auf dem Fußpfad über die Gehöfte heimwärts, um zur Bremerfahrt zu rüsten. Nur vor dem weitgeöffneten Tor von Heini Pepers Tanzdiele blieb er einen Augenblick unter den halbwüchsigen Gaffern, die noch nicht hinein durften, stehen. Der Ernteball war in vollem Gange, die Musikanten strichen und bliesen für Gewalt, und die Mädchen des Dorfes und der Nachbarkolonien flogen schön geputzt und mit glühenden Wangen in den Armen ihrer Tänzer an ihm vorüber. Alles, was Lust zum Freien hat, dachte Gerd bei sich, ist hier versammelt. Ob nicht vielleicht eine drunter ist, die du am Ende doch lieber genommen hättest? Die Hände in den Hosentaschen vergraben, fragte er sich bei jeder, die vorüberwalzte, ob er sie gemocht hätte. Aber jedesmal hieß es in ihm Nee, das eine Mal leiser, das andere Mal lauter, und ein paarmal hätte er beinahe ausgespuckt. Seine Wahl bestand diese Probe auf das glänzendste, und sehr befriedigt wandte er Heinis Ernteball den Rücken. —

Drei Stunden später befand er sich auf der Hamme, die sich unter bewölktem Himmel mattgrau durch die Nacht wand. Wenn man aber genauer hinsah, zogen leichte Wellen über ihren Spiegel. So war es auch in der Seele des jungen Schiffers wie ein leises Wellenatmen, aber zuweilen gingen auch hohe Wogen, und dann faßte er die schwere Eichenstange fester, und stieß und schob, daß sein Schiff rauschend dahinflog. Und als endlich das schlafähnliche Dösen über ihn kam, blieb ganz in der Tiefe etwas wach. Das war die Freude. Sie war jetzt still geworden, ganz still, aber ganz einschlafen konnte sie nicht. —


Wie hätte Gerd es an diesem Montag aushalten können, der Schwester so nahe zu sein und sie nicht zu besuchen! Wenn Mutter Marwede auch brummte, da machte man eben ein dickes Fell.

Er hatte sich das so schön vorgestellt, Leidchen den gestrigen Nachmittag zu schildern und dabei alles noch einmal wieder zu durchleben. Als er aber in der Küche vor ihr saß, wollten ihm die rechten Worte nicht auf die Lippen, und mit Stocken und Drucksen kam nur ein ziemlich farbloser Bericht zustande.

Aber die Schwester kannte den Bruder.

»Lieber Junge, du bist wohl sehr glücklich ...« sagte sie bewegt.

Da blickte er auf, und all das, was in die Worte nicht hatte hinein wollen, strahlte und jubelte ihm aus den grauen Augen. Und er sprang auf die Füße, schloß sie in seine Arme und küßte sie.

»Nicht wahr, Leidchen, du freust dich mit mir?« rief er, indem er sie losließ. »Aber Deern, was ist das? Du weinst? Was ist dabei denn zu weinen? ... Gönnst du mir das nicht?«

»Oh, von Herzen,« schluchzte sie, das Gesicht in der Schürze bergend.

»Aber was heulst du denn? Aha, du denkst: wenn ich man auch erst so weit wär'! Aber Deern, du bist ja noch so jung ... Nun laß das Weinen aber und spar deine Tränen, bis du sie nötiger brauchst ... Ich denk', lang' wird er dich auch nicht mehr zappeln lassen. Bei Gelegenheit will ich ihm mal 'n kleinen Wink geben.«

Leidchen stampfte mit dem Fuße auf und rief leidenschaftlich: »Um Gottes Willen, Gerd, komm mir nicht immer mit der alten Geschichte! Ich werd' dir sonst wirklich böse.«

Er lachte über das ganze Gesicht.

»Ihr Frauensleute seid ein wunderlich Volk. Ihr stellt euch immer, als ob ihr uns Mannskerls nicht ausstehen könntet. Und doch tut ihr nichts als auskucken, ob wir noch nicht kommen. Laß ihn nur erst ernsthaft kommen! Ich seh' schon, wie meine lüttje widerhaarige Schwester sich ihm an den Hals wirft und ruft: ›O wie gern! O wie gern!‹«

»Gerd!« stieß sie gequält heraus.

»Du weißt, Leidchen,« fuhr er fort, »ich bin ein ruhiger Mensch, ein Drögepeter, wie du früher manchmal sagtest. Ich hätte niemals gedacht, daß es mich so packen und unterkriegen könnte. Ich weiß wirklich nicht: ist die Welt auf den Kopf gestellt, oder bin ich's, oder sind wir beide umgekrempelt? Wie es eigentlich ist, kann ich dir überhaupt nicht beschreiben. Na, du lernst das ja auch wohl noch mal kennen. Wenn's erst über dich kommt, Leidchen — da mag ich überhaupt nicht an denken. Du hast viel mehr Lebenslust als ich und viel hitzigeres Blut. Wie es dir gleich in die Backen schießt! Aber wir wollen den Teufel lieber nicht an die Wand malen.«

Er hatte sich wieder gesetzt und erzählte, vor sich hinsehend, wie er sein künftiges Heim gefunden, was es kosten sollte, welche Aufwendungen er machen müßte, um es leidlich instand zu setzen, und was für Arbeiten die dringendsten wären. Nach Ostern sollte es dann eine Doppelhochzeit geben, nicht allzu groß, aber sehr gemütlich. Ein gewisser Jemand, der flott tanzen könne, würde natürlich auch eingeladen, fügte er, mit den Augen plinkernd, noch hinzu.

Als er sich darauf erhoben hatte, um zu gehen, hielt Leidchen ihn an der Jacke fest und bat, er möchte noch einen Augenblick bleiben.

»Wozu?« fragte er, sie verwundert ansehend.

Sie wich seinem Blick aus.

»Deern, du machst ein Gesicht, als ob du mir noch was sagen wolltest. Denn man heraus damit! Ich komm fürs erste doch wohl nicht wieder.«

»Och geh man. Es ist nichts Besonderes.«

»Na denn adjüs, Leidchen!« Er hatte ihre Hand genommen, die er kräftig drückte, und sagte, unter behaglich breitem, herzfrohem Lachen: »Leidchen, sonst warst du von uns beiden immer die vergnügteste. Es scheint, nun bin ich erst mal an der Reihe, und das ist ja auch nicht mehr als recht und billig. Aber darüber brauchst du dir keine graue Haare wachsen lassen. Das kommt auch noch mal wieder herum. Bleib hübsch munter.«

Als er, nach einem langen zärtlichen Blick, zur Tür hinaus war, lief ein Zittern über ihre Gestalt. Sie sank auf einen Stuhl und starrte ein paar Sekunden vor sich hin. Dann raffte sie sich auf, fuhr mit der Hand über das Gesicht und ging an ihre Arbeit.


Am nächsten Tage nach Feierabend ging Gerd in das Schulhaus, wo er die Geschwister in der Wohnstube fand und sich zu ihnen an den Tisch setzte.

Er begann mit dem Wetter, sprach dann vom Wasserstand der Hamme und von dem Unglück in einem Nachbardorf, wo ein Knecht die Hand in die Häckselmaschine gekriegt hatte, und sagte endlich auch so beiwegelang, er hätte sich vor zwei Tagen verlobt. Da wurden von beiden seine Hände gepackt und tüchtig gedrückt, und als er Sine Wischhusen nannte, ging's noch mal wieder los; denn Mariechen Timmermann kannte ihre Schwester Becka und schätzte sie sehr.

Als er endlich sein Teil empfangen hatte, sagte Herr Timmermann lächelnd: »Du kannst uns auch gratulieren.«

Gerd machte ein erschrockenes Gesicht und fragte: »Auch zur Verlobung?«

Der Lehrer nickte: »Ja, meine Schwester hat sich Sonntag mit dem Kollegen Brinkmeyer in Asendorf verlobt.«

»Ach so ... denn gratulier' ich auch viel-, vielmals,« sagte Gerd, die kleine Hand der glücklichen Braut zwischen beide Pranken nehmend.

Der andere hatte sich erhoben. »Solche Doppelverlobung muß würdig gefeiert werden,« rief er, »wir wollen unseren Weinkeller austrinken.«

»Weinkeller ... wie das großartig klingt!« lachte hinter dem Hinausgehenden die Schwester. »Der gute Junge hat mal als Seminarist in Bederkesa dem unbegabten Sohn eines Kaufmanns Rechenstunden gegeben, fünf Groschen die Stunde, und zum Abschied hat der dankbare Vater ihm drei Flaschen Mosel geschenkt. Davon ist noch eine übrig geblieben.«

Sie stand auf und holte drei dicke Wassergläser, die sie mit den Worten auf den Tisch stellte: »Richtige Weingläser muß die Aussteuer erst bringen.«

Bald klappten dieselben auf das Wohl der beiden Brautpaare hart und klanglos gegeneinander. Und alle drei schmeckten andächtig zu, machten Gesichter, als ob sie alte Weinkenner wären und nickten sich wohlgefällig an. »Ein guter Tropfen,« lobte der Spender.

Der Wein war stark sprithaltig, und es dauerte nicht lange, so hatten sie alle drei rote Köpfe.

Da bekam Gerd auf einmal Courage und fragte, zu Fräulein Mariechen gewandt: »Will Ihr Bruder denn nicht auch bald Anstalt machen?«

Sie lachte: »Nun, wo ich mich verlobt habe, soll er wohl müssen. Wissen Sie keine für ihn?«

Er wurde noch roter und stamerte: »Das ist nicht so leicht. Für 'ne Lehrerfrau paßt sich längst nicht jedes Mädchen.«

»Ich wüßte wohl eine,« sagte sie, und der Schelm lachte ihr aus den Augen.

»Daß du mir reinen Mund hältst!« rief ihr Bruder, mit aufgehobenem Finger drohend.

»Ach Otto, warum sollen wir Gerd nicht ins Vertrauen ziehen? Die Sache muß ja doch endlich mal in Fluß kommen.«

Da er sich drein zu ergeben schien, wandte sie sich wieder zu Gerd und sagte flüsternd, die Hand schräg gegen den Mund haltend: »Mein Bruder hat Ihre kleine Schwester gern, und ich kann mir auch keine nettere Frau für ihn denken. Was meinen Sie, könnte daraus wohl etwas werden?«

Gerd strahlte über das ganze Gesicht.

»Von Herzen gern.«

»Und Leidchen?«

»Oh, so ganz von gestern bin ich auch nicht. Ich hab' schon länger Mäuse gemerkt und sie sogar mit ihm aufgezogen.«

»Und sie?«

»Och, sie ist noch'n bißchen jung und hat für die Liebe noch keinen rechten Sinn. Aber wenn er Ernst macht, sagt sie gewiß nicht nein. Dazu ist sie viel zu vernünftig ... Soll ich sie mal 'n bißchen vorbereiten?«

»Um alles nicht!« rief Herr Timmermann entsetzt.

»Na ja, es ist am Ende auch am besten, ihr macht die Sache unter euch ab. Leidchen ist 'ne ganz komische Deern, wie ich noch keine getroffen habe. Wenn ich etwas von ihr will, tut sie meist just das Gegenteil. Sie wär' imstande und sagte nein, bloß um mir'n Tort anzutun.«

»Ja, ja, das kommt davon. Du hast sie zu lange unter der Fuchtel gehalten ... Kommt sie wohl bald mal nach Hause?«

»Was ich weiß, nein.«

»Nun, dann reise ich im Lauf der nächsten Wochen vielleicht mal hin.«

Gerd rieb sich vor Freude die Hände. »Wenn's kommt, kommt's auf den Haufen, und diesmal ist's das Glück. Ich glaube, jetzt stoßen wir auch noch auf das dritte Brautpaar an.«

»Halt, so weit sind wir noch nicht.«

»Vivat hoch!« rief Gerd, und die Gläser klappten zusammen. »Daß die Sache wird,« meinte er großartig, »dafür kann ich garantieren.« »... Glaub' ich wenigstens,« fügte er dann etwas bescheidener doch hinzu. »Die Deern müßte ja doll und dumm sein, wenn sie nicht mit beiden Händen zugriffe.«