15.
Die Fünfundsiebziger waren ins Holsteinische gefahren, zu den großen Herbstübungen.
Leidchen entführte abends die Zeitungen auf ihre Dachkammer und las die spaltenlangen Manöverberichte nebst strategischen Betrachtungen mit Sorgfalt und Gründlichkeit. Dann nahm sie auch wohl eine Photographie aus der Kommode, auf der ein schmuckes Pärchen zu sehen war. Sie hatten das Bild einmal von einem ländlichen Schützenfest mitgebracht. Auch zwei Postkarten betrachtete und las sie oft genug; denn sie sandten ihr »1000 Gr. u. K.« Die eine zeigte eine hübsche ostholsteinische See- und Waldlandschaft. Die andere gefiel ihr weniger gut. Da drückte ein Mädchen mit der linken Hand die Schürze vor die weinenden Augen, während sie mit der rechten einen Soldaten zu halten suchte, der sich mit lachenden Augen und, wie es schien, leichten Herzens losmachte, um den Kameraden nachzueilen, die schon die Straßen hinabzogen. Bei diesem Bilde fühlte sie bald etwas wie Eifersucht, bald auch wunderliches Mißbehagen, über das sich Rechenschaft zu geben sie vermied.
Hermann hatte ihr vor dem Ausrücken ins Manöver versprochen, wenigstens jeden zweiten Tag zu schreiben, so daß sie eigentlich vom Morgen bis zum Abend in Erwartung des Briefboten lebte, der dreimal des Tags die Runde machte. Aber nur zwei Karten waren in vierzehn Tagen eingetroffen. Wenn die Hoffnung auf ein Lebenszeichen sie wieder einmal getäuscht hatte, war sie auf den Wortbrüchigen beinah etwas böse. Aber sie entschuldigte ihn jedesmal schnell. Er hatte ihr ja erzählt, wie's in so einem Manöver herging, und die Zeitung berichtete von langen Märschen bei Tag und bei Nacht und von großer Ermüdung der Truppen.
Eines Abends nahm sie ihr Myrtenbäumchen vom Fenster und stellte es vor sich auf die Kommode. Als sie die Blätter genauer betrachtete, machte sie auf einmal große erschrockene Augen. Die glänzend grünen Blättchen waren zusammengeschrumpft und gekräuselt, das Bäumchen schien dem Tode verfallen. Mit schmerzlichem Gesicht begoß sie es reichlich, um es dann schnell wieder an seinen Platz zu stellen und sich von dem vorwurfsvollen Anblick ihres vernachlässigten Pfleglings zu befreien.
Dann setzte sie sich auf den Bettrand und blickte starr vor sich hin.
Auf einmal kam eine angstvolle Unruhe über sie. Sie faltete und rang die Hände, streckte sie von sich und preßte sie gegen die Brust, fuhr steil in die Höhe und wanderte das Zimmer auf und ab, öffnete das Dachfenster und stieg auf ihren Stuhl, um die hereindringende frische Herbstluft an der Quelle zu schöpfen.
Wenn sie doch nur seine Adresse wüßte! Dann hätte sie sich hinsetzen und in einem Brief ihm ihr Herz ausschütten können ...
Plötzlich trat ein Ausdruck von Entschlossenheit in ihre Züge, sie wollte an seine Eltern schreiben, und in blitzschneller Folge drängten sich ihr die Gedanken und Sätze auf. Sie nahm einen Briefbogen, den sie sorgfältig mit Ort, Straße, Hausnummer und Datum versah. Aber schon die Anrede ließ sie scheitern. Wie sollte sie schreiben? »Geehrter Herr Vogt und Frau«? Das klang so kalt. »Liebe Eltern«? das ging doch auch nicht gut, solange Hermann nicht mit ihnen gesprochen hatte. Nächsten Montag wurde er ja zur Reserve entlassen, und dann mußte er das sofort tun.
Sie stützte den Kopf in die Hände, Sorgen und quälende Gedanken umdüsterten ihre weiße Stirn. Auf einmal heiterte ihr Gesicht sich auf, sie griff schnell zur Feder und schrieb:
»Lieber Bruder!
Als Du das letztemal hier warst, habe ich mich sehr gewundert. Du warst knapp wiederzuerkennen, so hattest Du Dich verändert. Ja, mit der Liebe ist das ein wunderlich Ding.
Du denkst nun natürlich: Was weiß die dumme Deern davon? Lieber Bruder, ich weiß mehr davon als Du denkst. Denn auch meine Stunde hat geschlagen.
Du wirst dich sehr wundern, aber ich bitte Dich, behalte ruhig Blut und sei mir nicht böse. Vergiß nicht, was Du mir versprochen hast: in diesem Stück wollten wir uns beide ganz und gar zufrieden lassen. Ich freue mich mit Dir, freu Du Dich mit mir!
Du wirst nun gerne wissen wollen, wer es ist. Als ich im Sommer mal im Bürgerpark spazieren ging, traf ich unseren alten Schulkameraden Hermann wieder, und wir beide sind eins geworden, daß wir ein Paar werden wollen. Die Hochzeit soll noch vor Weihnachten sein, denn wir sind ja beide alt genug, er über dreiundzwanzig und ich bald neunzehn, und jung gefreit hat noch niemand gereut.
Du hast von Kindesbeinen an einen Pik auf Hermann gehabt, und das ist beinah das einzige, was ich nie an Dir leiden mochte. Du kannst doch nicht verlangen, daß alle Menschen genau so sind wie Du. Glaub mir, Gerd, ich kenne ihn besser als Du und weiß auch, daß er seine Fehler hat, gerade so wie ich und Du und alle Menschen. Aber im Grunde ist er nicht unrecht, und die Hauptsache ist, er hat mich schrecklich lieb, und ich ihn desgleichen. Wir beide haben uns gerade so lieb, wie Du und Sine euch habt, und darum darfst Du nun auch keine Widerworte machen. Lieber Bruder, Du hast mir viel Gutes getan und sozusagen Vater- und Mutterstelle an mir vertreten. Nun tu mir auch die Liebe an, daß Du mir hierzu Deinen Segen gibst. Ich kann nicht eher wieder ruhig werden, als bis Du mir geschrieben hast.
Ich freue mich so, daß Du Dir die Stelle am Achterdamm gekauft hast. Sie ist ja von unserer abgeteilt und hat vor vierzig Jahren noch dazu gehört, wie Hermann mir erzählt hat. Wie schön ist das, daß wir beide, die wir immer so treu zusammengehalten haben, wie man es bei Geschwistern nicht häufig findet, nun für das ganze Leben Nachbarn werden sollen! Und ich denke, wir wollen die beste Nachbarschaft halten. Dein Sinchen will ich tüchtig lieb haben, und wenn die beiden Alten mich mal ärgern, wutsche ich schnell zu Euch hinüber, und Ihr tröstet mich. Aber das wird wohl gar nicht nötig sein, ich gehöre nicht zu denen, die immer gleich den Kopf hängen lassen, ich will die alten Brummbären wohl zahm kriegen.
Hermann spricht immer sehr nett und lieb von Dir und trägt Dir gar nichts nach. Ihr müßt noch die besten Freunde werden, eher laß ich Euch keine Ruhe. Jetzt ist er im Manöver und hat mir schon zweimal geschrieben.
Schreibe bald wieder, oder noch besser ist's, Du kuckst mal vor, wo Du jetzt gewiß doch oft mit Torf in die Stadt kommst. Vor Frau Marwede brauchst Du keine Bange zu haben, die hat mich die längste Zeit geärgert. Die wird schöne Augen machen, wenn sie erst Bescheid weiß!
Es grüßt Dich in Liebe
Deine Schwester Leidchen.«
Beim Schreiben wurde ihr leicht und froh ums Herz, und als sie den Brief noch einmal durchflog, gefiel er ihr sehr gut. Wehmütig lächelnd dachte sie daran, wie einst in der Schule Lehrer Timmermann, wenn er allerlei erdachte Fälle in Briefen behandeln ließ, unter die ihren fast immer eine schöne rote 1 setzen mußte.
Sie beschloß, den Brief, nachdem sie ihn mit Umschlag und Adresse versehen hatte, noch in den nächsten Postkasten zu stecken, und machte sich auf den Weg.
Aber auf der Straße kamen ihr Bedenken. Gerd hatte ja seine besonderen Pläne mit ihr, und sein Widerwille gegen Hermann war tief eingewurzelt. Wenn er sich zwischen sie und ihn steckte, konnte er das größte Unheil anrichten.
Ach was, sagte sie sich dann wieder, er weiß jetzt ja selbst, wie's verliebten Leuten ums Herz ist, und muß endlich wissen, wie die Dinge liegen, und schob den Brief in den Schlitz des blauen Kastens.
Aber auf einmal zog sie ihn wieder heraus. Es war am Ende doch besser, mit dem Absenden bis morgen zu warten.
Der Brief wurde aber am nächsten Tage nicht abgeschickt und auch die folgenden nicht. Es erschien ihr nun auf einmal wieder leichter und vorteilhafter, die Angelegenheit mündlich mit dem Bruder abzumachen. Er konnte ja jeden Tag mal wieder bei ihr vorsprechen, und so wartete sie fortan auch auf ihn.
Der schöne, warme Herbstsonntag hatte Scharen von Menschen ins Freie gelockt. Wie eine Völkerwanderung wogte es die breite Allee dahin, Schüler, Liebespärchen, junge Eheleute, ihren Erstling zwischen sich oder im Wägelchen schiebend, behäbige Bürgerfamilien mit allerlei Anhang, alles in behaglichster Sonntagnachmittagstimmung.
Da, wo die Allee den Bürgerpark erreicht, stand ein junges Mädchen mit suchenden Augen und ließ den Strom an sich vorüberziehen.
Hinter einer breit watschelnden Madam blitzten Uniformknöpfe auf. Die Wartende trat hastig ein paar Schritte vor, blieb dann aber enttäuscht stehen. Es war ein Fremder, der mit seinem glücklich zu ihm aufschauenden Mädchen daherkam.
Die Uhren in der Stadt schlugen halb. Es war töricht, jetzt schon so angestrengt zu warten. Sie hatten vor dem Manöver ja verabredet, sich um vier am Holler See zu treffen. Vor der ausgemachten Zeit war er nie gekommen, aber stets militärisch pünktlich auf die Minute.
Leidchen setzte sich auf eine Bank, die eben frei wurde, von der aus sie den Menschenstrom im Auge behielt. So oft eine Uniform auftauchte, klopfte ihr das Herz.
Ein bejahrtes Ehepaar kam angewandelt und ließ sich freundlich nickend zu ihr auf der Bank nieder.
»Sie warten wohl auf jemand, liebes Fräulein?« fragte der alte Herr nach einer Weile.
Leidchen sah in ein vertrauenerweckendes, gütiges Großvatergesicht, das ein kurzgeschnittener silberner Backenbart umrahmte. »Ja,« sagte sie erleichtert aufatmend, »mein Bräutigam muß jeden Augenblick kommen.«
Der alte Mann lächelte fein, wie aus glücklicher Erinnerung heraus, legte seiner greisen Lebensgefährtin die Hand aufs Knie und trällerte leise: »Im Rosengarten will ich deiner warten, im grünen Klee, im weißen Schnee.« Und in den umschleierten, tief in Falten eingebetteten Augen der würdigen Matrone erschien das gleiche erinnerungsselige, stille Lächeln. Es war Leidchen, als müßte sie die beiden Leutchen sehr lieb haben.
Vier Uhr schlug's von den Türmen, und sie sandte einen langen Blick die Allee hinunter.
»Ihr Schatz scheint nicht recht pünktlich zu sein,« sagte der alte Herr, seine Uhr ziehend. »Als ich noch jung und schön war, hab' ich mein Lieb nicht so lange warten lassen. Nicht wahr, Oma?«
»Er ist Bursche bei einem Hauptmann,« sagte Leidchen, den Säumigen entschuldigend, »der hat ihn wohl nicht früh genug laufen lassen.«
»Ach so ... ja, ja ... und überhaupt die Herren Soldaten ...«
Sie unterbrach ihn schnell: »Wir beide sind aus einem Dorf und haben uns schon von der Schulbank her gern. Mein Bräutigam ist der Sohn von unserm Müller und erbt mal die Mühle, eine große, starke Windmühle, und eine Stelle von sechzig Morgen dazu.«
»Das ist was anderes,« sagte der Alte achtungsvoll.
»Und die Hochzeit,« fuhr Leidchen fort, »soll noch vor Weihnachten sein. Ich freu' mich mächtig, daß ich wieder in unser Moor komme, hier in der Stadt mag ich gar nicht sein.«
»Aber ich bitt' Sie, liebes Kind, unser Bremen! ...«
»Nee, nee, bei uns im Moor ist's viel schöner, zehnmal so schön!« Und sie berichtete vom Torfbacken daheim und vom Heuen an der Hamme und von der Spinnstube winternachmittags. Als sie mit klagender Stimme erzählte, daß beide Eltern ihr früh gestorben wären, sah die alte Dame sie mitleidig an, und da begann sie, ihrem Bruder Gerd ein Loblied zu singen. Er wäre so ganz anders als die anderen jungen Leute im Dorf, läse viel in Büchern, auch in sehr schweren; was er an ihr getan hätte, in kindlichen Jahren und auch später, das könnte sie niemals wieder gut machen. Jetzt wäre er auch verlobt und hätte sich vom Ersparten eine kleine Stelle von achtzehn Morgen gekauft. So plauderte sie drauflos, wie das Rieselwasser am Klappstau; denn wenn sie aufhörte, fürchtete sie, würden die beiden aufstehen und weitergehen, und ihr war doch lange nicht so wohl gewesen wie unter dem stillen Blick der gütigen alten Augen, und sie empfand es überaus wohltuend, daß sie sich nach den einsamen drei Wochen endlich einmal aussprechen konnte. Und die lieben alten Menschen lächelten, nickten, stellten Fragen, machten kleine Scherze und hatten viel Geduld, ihr zuzuhören.
Zuletzt war diese aber doch wohl zu Ende, sie erhoben sich, drückten ihr herzlich die Hand, wünschten vergnügte Hochzeit und glücklichen Ehestand und gingen. Leidchen sandte ihnen warme Blicke nach, bis sie um eine Rhododendrongruppe verschwanden, und dachte: wenn sie statt zu Marwedes zu solchen Leuten ins Haus gekommen wäre!
Da schlug's schon halb fünf! Warum in aller Welt mochte Hermann so lange auf sich warten lassen?
Sollte sie sich in Ort und Zeit geirrt haben? Unmöglich! Sie hatte sich beide ja fast stündlich wiederholt.
Und er konnte die Verabredung doch auch nicht falsch verstanden oder vergessen haben. Dann verdiente er ja ...
Vielleicht konnte er nicht abkommen, weil sein Hauptmann wieder mal Gesellschaft gab, wodurch früher einmal eine Verabredung hinfällig geworden war. Aber am Tag nach dem Manöver? Das war sehr unwahrscheinlich.
Oder? ...
Sie erschrak vor diesem Oder und taumelte davor zurück wie vor einem Abgrund.
Nein, und abermals nein, und tausendmal nein!
Lieber glauben, daß in einer Viertelstunde die Welt untergeht, als dies!
Warum hatte er aber sein Versprechen, jeden zweiten Tag einen Gruß zu schicken, so schlecht gehalten?
Und war er die letzten Wochen vorm Manöver nicht manchmal so ganz anders gegen sie gewesen wie im Anfang, gleichgültiger, kälter?
Ach nein, das schien ihr jetzt gewiß nur so, und er hatte ja damals auch alle Hände voll zu tun gehabt. Beim Abschied, wie hatte er sie da wieder geküßt und an sich gedrückt ...
Aber warum ließ er sie denn jetzt so warten, warum kam er nicht?
Die Turmuhren verkündeten eine Viertelstunde nach der anderen. Die wilden Tauben flogen zu ihren Schlafplätzen, auf dem Teich, der im Widerschein rosiger Abendwolken glänzte, zogen Schwäne ruhevoll ihre schimmernde Bahn. Die Mehrzahl der Spaziergänger war jetzt stadtwärts gewendet.
Ein junger Mann blieb fade lächelnd vor ihr stehen, drehte seinen Schnurrbart, lobte das hübsche Wetter und die weißen Schwäne und wollte sich vertraulich zu ihr setzen.
Da stand sie auf und befand sich bald in dem bunten Strom, der sich der Stadt zu bewegte.
Vor ihr pilgerten zwei tagenbarne Bürgerfamilien, die sich eben erst getroffen haben mochten und ihre Unterhaltung recht laut führten, wie Leute, die ihrer Gesinnungstüchtigkeit, Steuerkraft und sonstigen Bedeutung für das Gemeinwesen sich voll bewußt sind. Leidchen hörte zuerst nicht hin, bis der dickere der Väter, ein Mann mit rotem Gesicht und gutmütigen Kulpsaugen, bedauernd sagte: »Das arme Ding, es kann einem herzlich leid tun,« und eine blecherne Stimme, die unter einer spitzen weiblichen Nase hervorkreischte, entgegnete: »Sie ist selber schuld daran, sie hat's nicht besser haben wollen.«
Diese Worte brannten sich ihr wie glühendes Eisen in die Seele, es war, als wollten die Füße ihren Dienst versagen.
Hinter der Bahnunterführung teilte sich die Menge hierhin und dorthin.
Jetzt nach Hause? Mit der qualvollen Ungewißheit auf die enge Dachkammer, der langen Nacht entgegen?
Um alles nicht! Sich zusammenraffend schlug sie mit entschlossenen Schritten die Richtung nach dem südöstlichen Stadtviertel ein, wo in einer der Straßen, die rechtwinklig auf den Weserdeich stoßen, Hermanns Hauptmann seine Wohnung hatte. Er selbst hatte sie ihr einmal gezeigt.
Als sie nach längerem Suchen das Haus gefunden hatte, flog ihr Blick zu dem Fenster seines Mansardenstübchens hinauf, das geöffnet war. Dort oben war er heute nachmittag sicher nicht.
Im Kellergeschoß lag die schon erleuchtete Küche, durch einen dünnen Gazevorhang konnte man hineinsehen. Die Köchin stand am Herd und summte eine fremde Weise. Der Späherin schaffte es eine leise Genugtuung, daß die Person dick und häßlich war. Von dieser Seite drohte gewiß keine Gefahr.
Leidchen zweifelte nicht daran, daß Hermann in die Stadt gegangen war, und beschloß zu warten, bis er nach Hause käme. Morgen wurden die alten Mannschaften entlassen, und vorher wollte und mußte sie ihn sprechen, wenn sie auch die ganze Nacht hier warten sollte.
Sie schritt die vornehm ruhige Straße auf und ab, Bedacht nehmend, daß sie sich nicht weiter als drei oder vier Häuser von dem, dessen Tür sie bewachte, entfernte. Wenn einmal ein Schritt durch die Stille klang, blieb sie stehen und spähte in die Richtung, woher er kam. Eine Weile horchte sie, an ein Eisengitter gelehnt, auf das Klavier, das in einem der Nachbarhäuser mit großer Fertigkeit gespielt wurde und ihr leichter über eine halbe Stunde Wartens hinweghalf. Einmal stieg sie den nahen Osterdeich hinan, und der kühle Hauch, der von drüben wehte, der Blick auf den in der Tiefe ziehenden Strom und zum jenseitigen Ufer hinüber, wo auf den Weiden Kühe im Nebel ruhten, taten wohl und belebten ein wenig ihr Hoffen.
Die Uhr der nicht weit entfernten Friedenskirche rief die Stunden aus. Eine Haustür nach der anderen wurde abgeschlossen. Fenster um Fenster verdunkelte sich. Ein Schutzmann ging vorüber und sah der Wartenden prüfend scharf ins Gesicht. Die Straße wurde immer einsamer und stiller.
Vom Stehen und Gehen, von Hunger und Durst, von der stets neu aufflackernden Hoffnung, wenn ein Schritt erschallte, und den darauf folgenden Enttäuschungen wurde sie zuletzt so müde, daß sie sich kaum noch auf den Füßen halten konnte. Durch das fiebernde Hirn jagten sich Erinnerungen und Bilder: Die Bootfahrt durch die lichtgrünen Hallen ... das Hünengrab ... die schwüle Gewitternacht im Bürgerpark ... die gütigen alten Augen vom Holler See ... die blecherne Stimme: sie hat's nicht anders gewollt ... bis endlich eine große Öde und bleierne Müdigkeit über sie kam und sie nach nichts mehr verlangte als nach körperlicher Ruhe. Langsam, auf wehen, schwankenden Füßen, verließ sie ihren Posten.
Aber die nächste Straßenecke hatte sie noch nicht erreicht, als sie zusammenzuckte, stehenblieb und vornübergeneigt horchte. Schwere Schritte klangen laut durch die mitternächtliche Stille. Im Schein einer Laterne blitzen Uniformknöpfe und der Beschlag eines Seitengewehrs.
Sie vertrat dem Ankommenden den Weg.
»Hermann!«
»L..l... leidchen, du hier?«
»Darüber wunderst du dich? Von halb vier an hab' ich auf dich gewartet.«
»Pst, schrei doch nicht so, hier wohnen überall L... leute.«
»Gleich sagst du mir, wo du gewesen bist!«
»Pst, Deern, man sinnig, immer ruhig Blut. Du weißt doch, es ist heut' der letzte Tag, daß ich Soldat bin. Morgen reisen meine Kameraden in alle Welt auseinander. Da haben wir natürlich ein bißchen A... abschied[*spacing?] gefeiert.«
»Und du hast so viel getrunken, daß du kaum sprechen kannst.«
»Was? So'n kleines Vergnügen gönnst du einem nicht mal und lauerst mir hier die halbe Nacht auf, um mich auszuschimpfen?«
»Oh, Hermann, wenn du wüßtest, wie ich mich nach dir gesehnt habe!«
»Das ist alles ganz gut und schön, aber jetzt mußt du mich vorbeilassen. Es ist schon über die Zeit, ich fliege sonst zu guter Letzt noch drei Tage in den Kasten.«
Sie gab ihm aber den Weg nicht frei. »Hermann ... ich muß dir ... noch was sagen,« kam es abgerissen und stoßweise über ihre bebenden Lippen.
»Denn raus damit, aber fix!«
Sie näherte ihren Mund seinem Ohr und flüsterte hastig ein paar Worte.
Er lachte heiser auf: »Deern, du glaubst wohl, daß altes Militär sich noch ins Bockshorn jagen läßt?«
Ihre Augen wurden groß und starr: »Es ist so gewiß wahr, als ich hier vor dir stehe.«
Sein nägelbeschlagener Stiefelabsatz schlug auf die Steinfliesen, daß der Schall die Straße hinabsprang und von einer Ecke zurückgeworfen den gleichen Weg noch einmal machte. »Verdammte Bescherung!« knirschte er zwischen den Zähnen und stieß sie unsanft von sich. Sie taumelte, tastete nach dem Eisengitter und brach vor seinen Füßen zusammen.
Entsetzt und plötzlich ernüchtert beugte er sich zu der am Boden Liegenden: »Aber Leidchen ... was machst du für Geschichten ... steh' doch auf ... wenn jemand käme!«
Da sie kein Lebenszeichen von sich gab, ließ er sich zu ihr auf die Steine nieder, hob ihren Kopf auf sein Knie, streichelte ihr Stirn und Schläfen und rief sie beim Namen.
Nach einer Minute erwachte sie aus der Ohnmacht und schlug die Augen auf.
»Aber Leidchen, mein liebes, süßes Leidchen, was hast du mich verjagt! Vergib mir tausendmal, du mußt bedenken, das viele Bier ... die Verführung ist zu groß in der Welt. Aber nun steh' auf ... wenn uns einer hier sähe ... ich helf' dir. So—o ... siehste, es geht schon wieder, stütz dich man fest auf mich, ich steh' jetzt schon wieder ganz fest auf den Füßen und bringe dich nach Hause. Wir gehen über den Osterdeich, da weht immer ein frischer Wind, der wird dir gut tun ... Und was du mir da erst gesagt hast, bleib' ruhig, Kind, das ist ja gar nichts Schlimmes, und ich bin darüber nur so erschrocken, weil es so unverhofft kam, und weil ich ein bißchen zuviel getrunken habe. Dann weiß der Mensch nicht, was er sagt und tut ... Ah! die frische Luft von der Weser her ... nicht wahr, Kind, die tut dir wohl? ... Mir auch, woll'n mal den Brustkasten ordentlich voll nehmen ... Kuck mal, da fährt noch ein kleiner Dampfer, hat zwei Schleppkähne hinter sich, kommen wohl von Minden, oder auch schon von Hameln ... Morgen früh geht's ja nach Hause, das heißt, wenn ich nicht erst noch drei Tage zu Vater Philipp muß, aber werd' man nicht bange, es hat ja noch immer, immer gut gegangen. Was blinkt so freundlich in der Ferne? Es ist das liebe Elternhaus. Sie werden sich erst wohl ein bißchen sperren, aber das kann ihnen nun alles nichts mehr helfen. Weißt du, was so 'n richtiger alter preußischer Militärsoldat ist, der steht auf seinem Stück: Vorwärts mit Gott für König und Vaterland! Anders gibt's da nichts, und wird nicht mit der Wimper gezuckt.«
»Hermann, Hermann, du machst so schrecklich viele Worte.«
»So? Ja, aber du hast mich auch zu schlimm verjagt. Ich hatte dich doch man eben angetippt und pardauz lagst du da. Wenn das einer gesehen hätte!«
»Und wann willst du mit deinen Eltern sprechen?«
»Natürlich gleich morgen abend.«
»Dann mußt du mir aber gleich schreiben.«
»Versteht sich. Oder ich komm' per Rad. Wie's gerade paßt.«
»Oder soll ich lieber übermorgen nachgereist kommen?«
»Nee, Leidchen, lieber nicht, mach' bloß keine Geschichten! Du bist viel zu hitzig, und die Sache mit meinen Alten, weißte, die muß fein eingefädelt werden, das muß einer kennen.«
»Und dann könntest du auch wohl gleich zu meinem Bruder gehen.«
»Ja, ja, wird gemacht.«
»Aber du sagst ihm bloß, daß wir uns verlobt haben und bald Hochzeit halten wollen ... Alles braucht er nicht zu wissen.«
»Das mein' ich auch. Was er nicht weiß, das macht ihn nicht heiß.«
»Und wann soll die Hochzeit sein?«
»Wenn Vater und Mutter nur erst ja gesagt haben, kann die Sache gleich vorwärts gehen. Ich denk', im November, oder sonst im Dezember. Das ist ja wohl noch früh genug. Dann kannst du bei der Trauung auch noch dreist 'n Kranz aufsetzen ...«
»... Was meinst du zu der Aussteuer? Bei uns im Moor sind in diesen Monaten so viel Hochzeiten, und die Handwerksleute kommen nicht dagegen an. Ich glaube, wir kaufen sie am besten fertig, im Kloster oder auf dem Weiher Berg.«
»Wie du schon an alles gedacht hast!«
»Woran hat unsereins denn sonst zu denken? ... Beinahe dreihundert Taler hab' ich von Mutter selig geerbt. Dafür ist schon allerhand zu haben. Und einen Schrank voll Leinen hab' ich auch, von Mutterseite her, und was ich mir selbst dazu gewebt habe.«
»Ja, das ist 'ne ganze Masse.«
»Viel ist's ja nicht für Leute, wie ihr seid, aber du hast ja immer gesagt, ich brächte sonst allerlei mit, was für kein Geld zu kaufen wäre. Sag' deinen Eltern, ich würde ihnen jeden Wunsch an den Augen ablesen. Und du mußt auch immer nett gegen sie sein, Hermann, mußt auch mal nachgeben und nicht immer mit dem Kopf durch die Wand wollen. Es gibt nichts Schrecklicheres, als wenn in einem Hause die Alten und Jungen nicht miteinander auskommen können, und dies Trauerspiel wollen wir nicht aufführen ... Wenn du heut' nachmittag gekommen wärst, hätten wir das alles viel ruhiger und gründlicher durchsprechen können. Jetzt sind wir beide zu aufgeregt, ich von dem schrecklichen Warten, und du? ... ach, es ist ja einerlei ...«
Sie war stehengeblieben und fuhr fort: »So, nun kann ich allein nach Hause gehen.«
»Soll ich dich doch nicht lieber ganz hinbringen?« fragte er unsicher.
»Nein, du kannst gleich umkehren, meinetwegen sollst du nicht in Arrest. Aber komm hier noch eben mit unter diese Laterne ... ich möchte dir gern mal in die Augen sehen ... So ... Ach wenn ich dir doch bloß ins Herz kucken könnte! ... Hermann, wenn du in deinem Herzen beschlossen hast, mich in meiner Not zu verlassen, dann bitt ich dich nur um eins: mach' gleich ganze Arbeit. Hier bei der Großen Weserbrücke haben sie vorige Woche ein armes Mädchen aus dem Wasser gezogen, das hatte auch ein schlechter treuloser Mensch in den Tod getrieben. Hermann, wenn du deine Eidschwüre nicht halten willst ... hier steh' ich und wehr' mich nicht, nimm das Messer, das du da an der Seite hängen hast, und stich mich durchs Herz und wirf mich da hinein!«
»Leidchen, Leidchen,« rief er in fast weinerlichem Tone, »was schnackst du da von Totstechen! Wie kannst du bloß so was von mir denken? So bist du doch sonst nicht gewesen.«
»Nein, du bist sonst nicht so gewesen ...« sagte sie traurig. »Wir haben uns drei Wochen nicht gesehen, und du hast mich noch nicht mal geküßt.«
»Och Leidchen, das hab' ich ganz vergessen.«
»Ja, das hast du ganz vergessen ...«
»Aber wir können das ja nun zum Abschied nachholen.«
Sie schüttelte den Kopf: »Ach, laß man.«
»Leidchen, kannst du nicht vergeben? Hast du mich gar nicht mehr lieb?«
Da warf sie sich ihm stürmisch an die Brust und küßte ihn leidenschaftlich. Dann sahen sie sich noch einmal mit langem Blick in die Augen, ihre ineinander verschlungenen Hände lösten sich, und jeder ging seinen Weg. Er in der Richtung, aus der sie gekommen waren, sie über die Große Weserbrücke und den glitzernden Strom der Neustadt zu.