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Geschwister Rosenbrock

Chapter 17: 16.
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About This Book

The novel portrays life in a small moorland colony through detailed scenes of a village school, household routines, seasonal labor and social visits, following a pair of siblings whose daily struggles and community ties reveal local customs, domestic care, and moral choices. Vivid descriptions of weather, paths, and interiors frame episodes of youth, illness, hospitality and neighborly aid, while quiet observation and social detail illuminate changing relationships and the resilience of ordinary people.

16.

Frau Marwede vermied bei ihrem respektabeln Doppelzentnergewicht das Treppensteigen nach Möglichkeit. Als das Fräulein aber gar nicht erscheinen wollte und das Dienstmädchen auf ihr Rufen nicht kam, arbeitete sie sich doch einmal, mit der rechten Hand am Geländer sich emporziehend und mit der linken abwechselnd die Knie verstärkend, in das Dachgeschoß hinauf. Sie wäre wohl mit lautem Morgensegen und großem Hallo in Leidchens Kammer gebrochen, wenn der Atemmangel sie nicht gezwungen hätte, erst mal erschöpft und hachpachend auf den Stuhl vor ihrem Bett zu sacken. Inzwischen verrauchte ihr Zorn, nicht ohne Wohlgefallen betrachtete sie das schöne Kind und besorgte das Wecken durch zärtliches Kneifen in den auf der Decke liegenden Arm.

Leidchen fuhr in die Höhe und fragte erschrocken: »Wieviel ist die Uhr?«

»Gleich acht, du Langschläferin,« gab Frau Marwede zur Antwort. Dann hob sie warnend die dicke Hand mit dem kurzen Zeigefinger: »Mädchen, Mädchen, du bist diese Nacht wieder so spät nach Hause gekommen. Ich hab nach der Uhr gesehen, es war bald eins. Ich gönne dir dein Vergnügen ja von Herzen, aber nimm dich in acht. Du bist jung und unerfahren, und wenn eine denn auch noch so hübsch ist ...«

Leidchen war rot geworden. »Frau Marwede, Sie brauchen nichts Schlechtes von mir zu denken. Ich war mit einem aus meinem Dorf zusammen, wir beiden haben uns schon lange gern.«

»Und wollt euch heiraten?«

»Versteht sich.«

»Mädchen, du hättest man noch warten sollen. Eine wie du hätte mit der Zeit auch wohl einen in der Stadt gefunden.«

Leidchen versetzte eifrig: »Oh, Sie müssen nicht denken, daß mein Bräutigam ein gewöhnlicher ›Jan vom Moor‹ ist, wie man hier in Bremen sagt. Er bekommt mal die große Windmühle in unserm Dorf, er ist dem Müller sein einziger Sohn, und seine Mutter hat viel Geld gehabt.«

Frau Marwede zog die Augenbrauen hoch: »Ach so, das ist was anderes. Dann kannst du wohl lachen, und ich gratuliere dir vielmals. Aber nun rappel dich auf und mach', daß du an deine Arbeit kommst.«

Als die Frau gegangen war, blieb Leidchen noch einige Minuten, die Hände unter dem Kopf, liegen.

Da trafen Pfeifen- und Trommelklänge ihr Ohr. »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus,« kam es von den nicht weit entfernten Kasernen herüber. Also jetzt wurden die Reservisten zum Bahnhof geführt. Und Hermann stieg wohl bald auf sein Rad. In zwei bis drei Stunden konnte er zu Hause sein. Und heut' abend wollte er mit seinen Eltern sprechen ... In bangem Atmen hob und senkte sich ihre Brust über dem klopfenden Herzen.

Den Tag über wollten öfters bittere Gedanken gegen Hermann in ihr aufsteigen, die sie jedoch mit Gewalt niederzuhalten suchte. Die Hauptschuld hatten gewiß seine Kameraden. Ein bißchen leichtsinnig mochte freilich er auch wohl sein, das lag am Ende schon vom Vater her in ihm. Um so mehr brauchte er eine Frau, die ihn zu nehmen wußte.

Frau Marwede begegnete heute ihrem Fräulein, als künftiger Mühlenbesitzersfrau, mit einer gewissen Achtung. Auch gab sie Ratschläge für einen jungen Hausstand und nannte Ausstattungsgeschäfte, in denen man nicht nur billig, sondern auch gut kaufe.

Als Leidchen am Nachmittag in der Stadt einiges zu besorgen hatte, beeilte sie sich möglichst, um eine Viertelstunde zu erübrigen, und trat in eins der ihr empfohlenen Geschäfte, wo das Ladenfräulein ihr vieles zeigen mußte. Den Stein ihres Ringes verbarg sie so in der Hand, daß man ihn für einen Verlobungsreif halten konnte, und beim Fortgehen versprach sie, nächstens mit ihrem Verlobten wiederzukommen.

Nach dem Abendbrot lud Frau Marwede sie ein, sich mit ihrer Handarbeit zu ihr zu setzen. Aber sie schützte Kopfweh vor und suchte ihre Kammer auf.

Jetzt eben sprach gewiß Hermann mit seinen Eltern. Der Gedanke verursachte ihr starkes Herzklopfen, und Angstwellen liefen ihr durch den ganzen Körper. Als die Unruhe immer größer wurde, dachte sie auf einmal an den lieben Gott. Sie war ihm bislang mit ihren Liebesangelegenheiten noch nicht gekommen. Zum letztenmal hatte sie am Bett der kleinen Olga ernsthaft seiner gedacht. Aber jetzt bat sie ihn mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen, er möchte ihr doch nicht böse sein und alles zum Besten wenden. Da sie merkte, daß sie dabei ruhiger wurde, nahm sie nach einer Weile ihr Gesangbuch aus der Kommode. Das in Leder gebundene und mit Goldschnitt versehene Buch war ein Geschenk ihres Bruders zur Konfirmation, und vorn hatte er hineingeschrieben: Dein Lebelang habe Gott vor Augen und im Herzen, und hüte dich, daß du in keine Sünde willigest, noch tust wider Gottes Gebot. Wie jetzt ihr Blick auf diese Worte fiel, warf sie das Buch ärgerlich hin und schalt den Bruder einen alten Schulmeister.

Aber die innere Unruhe schwoll aufs neue an, und sie nahm es wieder zur Hand, um die »Kreuz- und Trostlieder« aufzuschlagen. Sie las deren einige, die sich ihr durch die Anfangsworte empfahlen: Sei stille, müd' gequältes Herz ... Gib dich zufrieden und sei stille ... Wer nur den lieben Gott läßt walten ... Hei, diesen Gesang spielten daheim die Musikanten immer, wenn im Dämmer der Großen Diele die Brautleute vor dem blumengeschmückten, lichterbeglänzten Trautisch standen! ...


Am nächsten Morgen fing sie an, auf den Briefträger zu warten, obgleich sie sich sagte, daß unmöglich schon Nachricht kommen konnte. Und sie wartete den ganzen Tag. Und so den Mittwoch, und den Donnerstag, mit wachsender Ungeduld und Spannung.

Ob er wegen des Zuspätkommens am Sonntag doch vielleicht noch drei Tage eingesperrt war?

Oder hatte der Höker, der zu Hause die Posthilfsstelle verwaltete, den Brief liegen lassen? Rechter Verlaß war auf den Mann nicht.

Oder sollten die Müllersleute wirklich noch Schwierigkeiten machen?

Wenn die Briefbestellungszeit vorüber war, horchte sie, so oft die Ladentür klingelte, ob unten nicht jemand nach ihr fragte. Er hatte ja gesagt, vielleicht käme er auch selbst herüber.

Am Freitag, als sie gerade vor der Haustür fegte, ging der Postbote nicht wie gewöhnlich vorüber, sondern rief verheißungsvoll: »Fräulein Leidchen Rosenbrock.« Sie riß ihm den Brief aus der Hand und flog klopfenden Herzens damit die Treppe hinauf.

Auf ihrer Dachkammer angekommen, zerriß sie mit zitternden Fingern den Umschlag und las:

Liebe Schwester!

Sie stutzte und sah nach der Unterschrift. Ach so—o, der Brief war nur von ihrem Bruder. Bitter enttäuscht ließ sie sich auf den Stuhl sinken.

Was mochte der ihr denn zu schreiben haben ...


»Eigentlich wollte ich heute nach Bremen und Dich auch besuchen, aber es ist was dazwischen gekommen. Nun muß ich Dir schreiben, was ich Dir bestellen soll. Sei nächsten Sonntag um vier Uhr am Holler See, vornan im Bürgerpark, die Stelle wirst Du wohl wissen, aber pünktlich! Hoffentlich geht alles gut.

Mit Gruß in Eile

Dein Bruder Gerd.«


Ein froher Glanz überstrahlte ihr Gesicht, tief aufatmend ließ sie die Hand mit dem Papier in ihren Schoß fallen.

Also mit Gerd hatte Hermann sogar auch schon gesprochen! Das war sicher ein gutes Zeichen. Und wie ruhig der die Sache nahm!

Warum er wohl nicht selbst geschrieben hatte? Nun, Gerd hatte ihm gewiß gesagt, daß er zur Stadt müßte und die Bestellung mitnehmen könnte.

Den Platz am Holler See hatte er natürlich gewählt, um es wieder gut zu machen, daß er sie am letzten Sonntag dort vergeblich hatte warten lassen.

Sie war überglücklich, schob den Brief in ihren Busen und las die kurzen Zeilen den Tag über wohl zehnmal. —

Der Sonntag kam und mit ihm ein anhaltender Landregen. Wie mit Mollen goß es vom Himmel, und es war ein Wetter, daß man keinen Hund zum Hause hinaus jagen mochte.

Als Leidchen am Nachmittag Frau Marwede fragte, ob sie ein bißchen ausgehen dürfte, sah diese sie mit maßlos erstaunten Augen an.

»Mädchen, bist du nicht recht klug? Bei dem Wetter?«

»Gerd hat mir geschrieben, ich muß ... Mein Bräutigam ist da.«

»Ach so, das ist was anderes. Aber sag' ihm, daß er ein andermal hierherkommt. Dieses dumme Versteckspielen hat jetzt doch keinen Zweck mehr. Nimm meinem Mann seinen alten Regenschirm mit, er ist größer als deiner und hält eher etwas aus.«

Es traf sich gut, daß sie an der nächsten Straßenecke auf die Elektrische stieß, die sie quer durch die Stadt an ihr Ziel brachte.

Und da stand er auch schon, unter einem Regenschirm, an dem das Wasser in blanken Bächen herunterlief. Sie sprang mit bebenden Füßen von dem noch nicht ganz haltenden Wagen und eilte, unter Marwedes Familienschirm geduckt, auf ihn zu.

Der andere Schirm hob sich. Sie prallte zurück.

»Guten Tag, Fräulein Rosenbrock ...«

»Guten Tag ...«

»Wie geht's Ihnen?«

»Oh ... gut ... Wie kommen Sie bei solchem Regen hierher?«

»Was einer sich vorgenommen hat, muß er auch ausführen ... Ich soll Sie auch vielmals grüßen.«

»Von wem?«

»Von Ihrem Bruder Gerd.«

»Ach so ... Danke.«

»Gehen wir vielleicht ein bißchen im Bürgerpark spazieren?«

»Bei solchem Wetter?«

»Hm, es gibt ja Schutzhütten, und wir könnten auch am Emmasee eine Tasse Kaffee trinken, oder auf der Meierei, wo Sie am liebsten wollen.«

»Herr Timmermann, mir ist ganz wirr im Kopf ... ich begreif' nicht ... Ich muß hierbleiben ... ich warte hier auf jemand.«

»Nicht auf mich?«

»Auf Sie?«

»Ja, hat Gerd Ihnen denn nichts davon geschrieben?«

»Daß Sie hierher kommen wollten? Nein ... Ach, nun geht mir ein Licht auf ... Nichts für ungut, hier liegt ein Mißverständnis vor ... Gerd ist an allem schuld, da hält gerade die Elektrische, ich will lieber gleich mit in die Stadt fahren, es tut mir leid, aber es regnet wirklich schlimm. Adieu!«

Sie hatte den Wagen für sich allein und lief zweimal von einem Ende bis zum anderen, ehe sie sich niederließ.

Sie ballte die Hand zur Faust. Wenn sie den Bruder hier hätte! Was hatte der nun wieder für Unfug angerichtet, mit seiner unglücklichen Sucht, ihr Leben zu bestimmen. Mit den schönen Hoffnungen der letzten beiden Tage war's also mal wieder nichts gewesen. Morgen wurde es eine Woche, daß Hermann zu Hause war, und noch hatte er nicht das geringste Lebenszeichen gegeben. Es mußten sich da doch wohl Schwierigkeiten erhoben haben.

Die Frage des Schaffners: »Umsteigen?« stellte sie vor die Entscheidung, wie sie den Nachmittag zubringen sollte. Da die Elektrische gerade an einem Café vorüberfuhr, das sie früher einige Male mit Meta Stelljes besucht hatte, stieg sie an der nächsten Haltestelle aus, ging die kurze Strecke zurück und trat in das noch ziemlich leere Lokal, wo sie sich in ein Ecksofa warf. Der Kellner, bei dem sie eine Tasse Kaffee bestellt hatte, stellte auch den Aufsatz mit allerlei Gebäck vor sie auf das Marmortischchen.

Die Hände im Schoß, grübelte sie dumpf vor sich hin. Nach einer Weile fing sie auch an zu essen, fast ohne sich dessen bewußt zu werden. Der Magen, der am Mittag nicht zu seinem Recht gekommen war, ließ sich jetzt einfach durch die Hände zuführen, was er bedurfte.

Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, das Café füllte sich schnell mit lustigen Leuten, Männlein und Weiblein, die sich die gute Laune nicht hatten verregnen lassen. Auf dem Podium in der Mitte fand sich eine Kapelle zusammen, der sehr jugendliche Direktor trug lange schwarze Künstlerlocken und nahm sich ungeheuer wichtig.

Als die Musikanten ein ausgelassenes Operettenpotpourri spielten, kam auf einmal das Gefühl grenzenloser Verlassenheit und Einsamkeit über sie. Sie hielt es in diesem Getriebe nicht länger aus, klingelte mit dem Löffelchen den Kellner herbei, zahlte und ging.

Es hatte aufgehört zu regnen. Die Laternen brannten schon, ihr Licht spiegelte sich in dem feuchten Glanz der Straßen. Die Luft war voll Regendunst, die tief ziehenden Wolken schienen sich wie unförmige Säcke dicht über den Häusern hinzuwälzen.

Als sie eine Strecke gegangen war, trafen Glockenklänge ihr Ohr. Sie ging dem Schall nach und stand bald vor einer hohen alten Kirche mit bunten erleuchteten Fenstern. Nach kurzem Schwanken trat sie ein.

Vom Widerhall der eigenen Schritte erschreckt, drückte sie sich schnell in eine der ersten Bänke und hielt Umschau. Die Kronleuchter strahlten helles Licht aus, in den Wölbungen und Winkeln und auf dem Altarchor herrschte trotzdem Dämmerung.

Die Orgel setzte voll ein, und sie warf ihre ermattete Seele in das brausende Meer der Töne. Dann sang sie wacker mit, aus dem Gesangbuch, das der Kirchendiener ihr überreicht hatte.

Als der Pastor auf der schön geschnitzten Kanzel erschien, wartete sie, wie sie es von den gottesdienstlichen Feiern in Grünmoor her gewöhnt war, auf den Bibeltext. Es wurde jedoch keiner verlesen, was sie nicht wenig befremdete. Dann wartete sie, daß der Herrgott oder der Herr Christus einmal mit Namen erwähnt werden möchte, aber vergeblich. Von dem, was der Prediger, unter reichlicher Anwendung von Goethesprüchen, über Persönlichkeit und Persönlichkeitsbildung vortrug, verstand sie nicht das mindeste, sodaß sie das Hinhören bald aufgab und die quälenden Gedanken in ihr wieder die Oberhand gewannen. Als sie aber die Kirche verließ, grüßte aus einem dämmerigen Winkel eine vertraute Gestalt, in Stein gebildet, herüber, und das Wort: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid« huschte wie ein erquickender Lichtstrahl durch ihre im Dunkeln zagende Seele.

Des Abends auf ihrer einsamen Dachkammer fühlte sie plötzlich den Zwang in sich, in ihrer Sache irgend etwas zu tun. Nach einigem Hinundherüberlegen erbrach sie den Brief, den sie vor anderthalb Wochen an ihren Bruder geschrieben hatte, und nachdem sie ihn gelesen, beschloß sie, einen neuen zu schreiben. Sie schob das Zierdeckchen auf ihrer Kommode zurück und begann:


Lieber Bruder!

Du hast mir mal wieder einen schönen Streich gespielt. Schreibst mir da einen Brief, aus dem kein Mensch klug werden kann, ich bin so dumm und geh hin, und Du schickst mir so mir nichts dir nichts den Lehrer über den Hals. Er ist dadurch in große Ungelegenheit gekommen, wofür er sich bei Dir bedanken kann. Hab' ich Dir nicht hundertmal gesagt, daß ich nichts von ihm wissen will? Warum glaubst Du mir denn nicht? Kannst Du Dich denn gar nicht daran gewöhnen, daß ich keinen Vormund mehr brauche?

Ich habe immer gedacht, Du kucktest mal bei mir vor; denn Du kommst in dieser Zeit doch gewiß oft mit Torf in die Stadt. Aber jetzt, wo Du 'ne Braut hast, bin ich natürlich Nebensache.

Als Du vor fünf Wochen hier warst, wollte ich Dir etwas sagen. Aber Du hattest keine Zeit und gingst zu früh weg. Weil Du nun gar nicht kommst, kann ich es Dir meinetwegen ja auch schreiben. Du mußt nämlich wissen, daß ich auch verlobt bin, und zwar mit Müllers Hermann. Weißt Du noch, auf dem Freimarkt? Damals habe ich ihn schon gern gehabt; ja, ich glaub' beinahe, sogar schon in der Schule. Diesen Sommer haben wir uns zufällig wieder getroffen und verlobt. Die Hochzeit soll noch vor Weihnachten sein, und ich will Dir auch ehrlich gestehen, daß wir nicht länger warten dürfen. Nun wirst Du natürlich wieder böse und fängst an zu schimpfen, und hast ja auch wohl ein bißchen Grund dazu, und mir ist es selbst nicht ganz recht, wie das alles gekommen ist. Aber die Liebe ist stark und das Fleisch schwach, und was geschehen ist, ist nun mal geschehen. Wir sind alle Menschen und fehlen mannigfaltig. Darum behalt Deine Strafrede man für Dich und sieh lieber zu, wie Du mir helfen kannst. Du mußt nämlich wissen, daß ich augenblicklich in ziemlicher Angst und Sorge bin. Hermann ist letzten Montag nach Hause gereist und wollte gleich am selbigen Abend mit seinen Eltern sprechen und mir dann sofort schreiben. Aber bis jetzt ist sein Brief nicht gekommen. Es kann ja sein, daß er irgendwo liegen geblieben ist, was ich beinah glaube; dann kommt er am Ende morgen früh, denn heute war nur einmal Bestellung, wegen der Sonntagsruhe. Es kann aber auch einen anderen Grund haben, nämlich den, daß die alten Müllers erst noch Sperenzien machen. Hermann sagt freilich, es hülfe ihnen alles nichts, sie müßten einfach. Aber er nimmt den Mund manchmal etwas voll. Er ist ein grundguter, treuherziger Mensch, aber wohl ein bißchen leicht, und nicht ganz so ehrenfest wie Du — das darf ich ja ruhig schreiben, so lieb ich ihn auch habe. Heute nachmittag kam mir sogar mal der Gedanke, es wäre nicht unmöglich, daß nicht er die Eltern, sondern die Eltern ihn herumkriegten. Auf so dumme Ideen kann der Mensch kommen, wenn er sich allein überlassen ist, jetzt lache ich natürlich schon wieder darüber. Weißt Du, was ich mir da nun gedacht habe? Wenn Du mal hingingst und mit ihm sprächest und ihm den Rücken ein bißchen steif machtest — ich glaube, das könnte er brauchen. Du darfst ihn aber ja und ja nicht merken lassen, daß ich Dich hierum gebeten habe. Daß ich überhaupt schon einmal daran gedacht habe, er könnte mich sitzen lassen, das darf er um Gottes willen nicht wissen. Lieber Gerd, nimm's mir nicht übel, daß ich dies alles ...

Der Bogen war voll, sie las ihn durch, nickte befriedigt, korrigierte einige Schreibfehler und nahm einen zweiten, auf dem sie fortfuhr: Dir so schreibe. Aber ich hab' ja sonst keinen als Dich, und wenn der Mensch in guten Tagen seine besten Freunde auch manchmal gering achtet, in den bösen erkennt er, was er an ihnen hat. Du brauchst vor Hermann gar nicht bange zu sein, er trägt Dir nichts nach, er hat immer anständig von Dir gesprochen und hält große Stücke auf Deinen Charakter. Überhaupt ist er ein lieber Mensch, und ihr müßt noch mal dicke Freunde werden, eher laß ich Euch beiden keine Ruhe. Wenn Du mir den Gefallen tust, werd ich Dir in alle Ewigkeit dankbar sein. Wir sind hoffentlich bald Nachbarn, und dann wird sich wohl eine Gelegenheit finden, das wieder gut zu machen. Ich habe neulich schon einen Brief geschrieben, hab' ihn aber nicht abgeschickt. Denk' Dir, ich hatte auf einmal Angst vor Dir. Ist das nicht komisch, Angst zu haben vor einem so lieben Bruder, wie Du bist? Aber in der Einsamkeit kommt der Mensch leicht auf allerhand dumme Grappen. Du sollst den ersten Brief auch haben, ich lege ihn bei, wenn ich dann auch zwanzig Pfennig aufbacken muß. Heute nachmittag bin ich auch mal in der Kirche gewesen, es war da sonst sehr schön, aber sie predigen hier zu hochstudiert, und unsereins hat nicht ganz viel davon. Ich freue mich, wenn ich erst in Grünmoor wieder hin kann, denn es gehört doch so 'n bißchen mit dazu, wir werden wohl meistens fahren, und Du und Sine könnt dann mit aufsteigen. Grüße Hermann herzlich von mir und schilt ihn aus, daß er mir noch nicht geschrieben hat, aber mach's auch nicht zu schlimm. Und dann komm bald mal vor, daß wir mal vernünftig über alles sprechen können. Mit Dir kann man doch immer noch am meisten anfangen.

Es grüßt Dich

Deine Schwester Leidchen.


Als sie den Doppelbrief in den Postkasten fallen hörte, atmete sie erleichtert auf und sagte sich, nun wäre ihre Sache in den besten Händen.