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Geschwister Rosenbrock

Chapter 19: 18.
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About This Book

The novel portrays life in a small moorland colony through detailed scenes of a village school, household routines, seasonal labor and social visits, following a pair of siblings whose daily struggles and community ties reveal local customs, domestic care, and moral choices. Vivid descriptions of weather, paths, and interiors frame episodes of youth, illness, hospitality and neighborly aid, while quiet observation and social detail illuminate changing relationships and the resilience of ordinary people.

18.

Brunsode hatte Feierabend gemacht, auf allen Gehöften ziemlich gleichzeitig. Nur die Windmühle, deren Arbeits- und Ruhestunden zuzeiten nicht durch Tag und Nacht, sondern von Wind und Wetter bestimmt werden, drehte sich langsam vor einem schwachen West, und die kleinen Fenster waren erleuchtet.

Das bemerkte Gerd mit Genugtuung, als er mit festen Schritten den Birkendamm daherkam. Er trug Sonntagskleidung und Lederstiefeln. Im Munde hing ihm die Pfeife, die er jedoch nicht in Brand gesetzt hatte. Als er vom Damm abbog, schob er sie in die innere Rocktasche.

Er warf einen Blick in die offen stehende Tür der Mühle und sah in dem schwachen Licht einer Petroleumlampe den Gesuchten beschäftigt, einen Kornsack in den Mahltrichter zu entleeren. Eintretend rief er ihm durch das betäubende Geklapper die Tageszeit zu. »Wart' einen Augenblick, ich komme gleich,« wurde ihm hastig geantwortet.

Er setzte sich auf einen prallen Kornsack und sah auf einen Fleck. Als er nach einer Weile aufblickte, ob der Erwartete noch nicht käme, sah er ihn, die mehlbepuderte Mütze im Nacken, eine Treppe hinaufsteigen und in dem Kopf der Mühle verschwinden. »Das macht das böse Gewissen,« murmelte er bitter lächelnd vor sich hin.

Nachdem er eine gute Weile geduldig gewartet hatte, erhob er sich und stieg eine kurze Treppe von zehn Stufen hinauf. Gerade wollte er auf der höher führenden Leiter dem Verschwundenen nachsteigen, als dieser oben sichtbar wurde und langsam herunterkam.

»Wo können wir ein ruhiges Wort miteinander sprechen?« rief er ihm entgegen.

Der Müller öffnete eine Tür und ließ ihn auf den Umgang hinaustreten. Als er hinter sich zugemacht hatte, klang der Lärm des Mahlwerks gedämpft, und man hörte die gespenstisch durch das Dunkel fahrenden Flügel wie Riesenschwerter fauchen.

»Du kommst wegen Leidchen,« begann der Müller.

»Allerdings,« sagte Gerd, ein wenig überrascht.

»Hast du sie besucht? Wie geht es ihr?«

»Wie soll es ihr gehen ...«

»Sie hat wohl stark nach einem Brief von mir ausgesehen?«

»Das soll wohl sein.«

»Aber ich konnte ihr wirklich noch nichts schreiben.«

»Hermann, ich bin nicht gekommen, um ein bißchen mit dir zu schnacken. Erst mal eine Frage! Sag mal, hast du Leidchen bloß zum besten gehabt, ich meine, hast du bloß so deinen Spaß mit ihr haben wollen?«

»Gerd, das traust du mir doch wohl nicht zu.«

»Ich weiß nicht ... So genau kenne ich dich nicht. Also du hast ihr wirklich die Ehe versprochen?«

»Ja.«

»Gut, daß ich das nun erst mal weiß. Sonst, beim wahrhaftigen Gott, könnte ich dich packen und da in die sausenden Flügel hineinstoßen.«

»Hoho, man nicht so hitzig! Dabei hätt' ich auch noch ein Wort mitzureden.«

»Und wann soll die Hochzeit sein?«

»Wir hatten an November oder Dezember gedacht ... aber ...«

»Was aber?«

»Die beiden Alten haben dabei auch ein Wort mitzureden.«

»Ach nee! Und was sagen die?«

»Gerd, wenn man in der Fremde ist und vergnügt in den Tag hineinlebt, denkt man wohl: mit den Alten wirst du leicht fertig, die müssen, wie du willst, die werden einfach nicht gefragt. Bist du dann aber wieder zu Hause und streckst die Füße jeden Tag mit ihnen unter denselben Tisch, dann macht sich die Sache doch etwas anders.«

»Ach nee! ... Hast du schon ernsthaft mit ihnen wegen Leidchen gesprochen?«

»Versteht sich. Den ersten Abend ging's nicht gut, Vater war, ich denk', aus Freude, daß er mich wieder hat, so 'n bißchen aufgeheitert ... Aber Dienstag, so in der Schummerzeit, geh' ich hin und fädele die Sache nach meiner Meinung sehr fein ein. Aber Vater erklärt rundweg, von den kleinen Kötterdeerns wär' noch nie eine als junge Frau auf die Mühle gezogen, und solange er die Augen offen habe, bliebe das auch so, daß der Mühlerbe sich von anderswoher seinesgleichen hole.«

»Hast du ihm gesagt, was du meiner Schwester schuldig bist?«

»Ja. Da zuckte er aber nur die Achseln.«

»Und was soll nun werden?«

»Wenn ich das nur erst wüßte ... Die ganzen Tage zergrübele ich mir darüber den Kopf. Leidchen tut mir in der Seele weh, sie nimmt die Sache so schrecklich ernst.«

»Den Deubel auch! Darüber wunderst du dich?«

»Nein, nein, Gerd, ich wollte nur sagen, sie ist so furchtbar hitzig ... Sag' mal, kennst du Harm Tietjen, den Grasbauern an der Hamme?«

»Ja, wir haben Grünland von ihm in Pacht.«

»Kennst du auch seine Tochter Hermine?«

»O ja, sie muß so an die Dreißig sein, hat mehr Sommersprossen im Gesicht als Haare auf dem Kopf, und ist schon stark in Saat geschossen.«

»Denk' dir, Gerd, die soll ich mit Gewalt heiraten!«

»Junge! Seid ihr denn ganz des ...? Kennst du das Mensch?«

»Nein. Ist sie wirklich so schlimm?«

»Ich würde lieber die Wackelstine aus dem Armenhaus nehmen als die. Drei Jahre ist sie mit einem Postschreiber aus Bremen herumgezockelt, dann hat der sie laufen lassen. Da, wo sie zu Hause ist, nimmt jetzt der ärmste Knecht sie nicht mehr geschenkt. Wie können deine Eltern bloß so blind und so grausam sein!«

Hermann seufzte. »Vater hat die letzten Jahre schlecht aufgepaßt, und der Gesell, den wir nun weggejagt haben, hat sich das zunutze gemacht. Prozesse haben allerhand gekostet, die Mühle in Blankenmoor macht uns scharf Konkurrenz, und ich habe als Soldat auch ziemlich viel gebraucht; denn ich dachte, das Geld, das Mutter zugebracht hat, könnte gar nicht alle werden ... Wir brauchen notwendig Geld.«

»Und du willst dich verkaufen lassen?«

»Gerd, wie kannst du so was denken ... Ich sträube mich ja mit Händen und Füßen. Wenn mir nur einer da heraushülfe!«

»Selbst ist der Mann! Tritt doch vor die alten Seelenverkäufer hin, schlag mit der geballten Faust auf den Tisch, daß die Platte auseinanderspringt, und sag': Entweder ihr gebt mir Leidchen zur Frau oder ich nehm meinen Stock und geh meiner Wege!«

»So wird's auch wohl noch kommen, ich hab' mir das auch schon gedacht.«

»Hermann, wir beiden sind niemals gut Freund miteinander gewesen. Du warst mir immer zu leicht und zu großspurig. Aber für einen anständigen Kerl hab' ich dich im Grunde doch immer gehalten. Nun beweise, daß ich mich in dir nicht getäuscht habe. Komm, wir gehen zu deinen Eltern und sprechen mal ein ernstes Wort mit ihnen. Zeig ihnen die Zähne und laß sehen, ob du ein Kerl bist, der Ehre im Leibe und Muck in den Knochen hat und mehr kann, als unerfahrene Mädchen übertölpeln. Komm!«

»Gerd, ich kann die Mühle nicht allein lassen.«

»Stell sie ab, es schafft doch nicht mehr bei der Mütze voll Wind.«

Hermann sah prüfend nach den Flügeln, deren Umdrehungen sich noch mehr verlangsamt hatten. Er trat von einem Fuß auf den anderen, riß die Mütze vom Kopf, wühlte mit der Hand in seinen Haaren und sagte endlich: »Geh vorauf, ich komme gleich nach.«

Gerd schritt auf dem Fahrdamm, der Mühle und Wohnhaus trennte, unruhig hin und her. Nach einer Weile kamen die Flügel unter Knarren zum Stehen, und bald war Hermann an seiner Seite.

»Sag' aber um Gottes willen nichts von Hermine Tietjen,« bat er, indem sie dem Hause zuschritten, »davon weiß sonst noch kein Mensch, und das würde den Alten fuchsteufelswild machen.«

»Laß mich man gewähren und steh du deinen Mann,« sagte Gerd.

Sie gingen über eine geräumige, gegen das Viehhaus abgeschorene Diele, die von einer roten Ampel beleuchtet wurde, und traten in die Wohnstube, wo die Müllersleute um eine grünbeschirmte Lampe saßen, die Frau mit einem Strickstrumpf, der Mann über seinen Zeitungen, ein dampfendes Glas Grog neben sich.

»Warum bist du nicht in der Mühle?« herrschte der Vater den Sohn an.

»Der Wind ist alle geworden, ich hab' Feierabend gemacht,« sagte Hermann und ließ sich auf einen Stuhl unweit der Tür nieder.

»Was willst du denn?« wandte der Müller sich darauf an den Besucher.

»Mit Verlaub,« sagte dieser gelassen, »ich darf mich wohl erst mal setzen.« Er zog einen Stuhl heran und pflanzte sich recht mitten in die Stube, den beiden am Tisch gegenüber, den Sohn halbrechts hinter sich. Die ein wenig in den Nacken geschobene Mütze behielt er nach Landessitte auf dem Kopf. Auch spuckte er, wie es so Brauch war, einmal zwischen seinen Knien hindurch auf den Fußboden. Das war sonst gerade nicht mehr seine Art, seit Freund Timmermann es sich einmal verbeten hatte, aber heute kam es ihm darauf an, dem stiernackigen Mann mit dem roten, höhnischen Gesicht zu zeigen, daß er dessen Anspruch, eine höhere Art Mensch zu sein als die anderen Moorbauern, nicht anerkannte.

Der Müller riß die Augen weit auf und wollte etwas sagen.

Aber Gerd kam ihm zuvor. »Ich bin gekommen,« begann er, den Blick seinem Gegenüber voll zuwendend, »um mit Euch wegen meiner Schwester Leidchen zu sprechen.«

»Was scheren mich deine Familienangelegenheiten!« polterte der andere.

»Es sind ebensosehr die Euren. Hermann hat meiner Schwester in Bremen die Ehe versprochen. Nicht wahr, Hermann, so ist es doch?« wandte er sich nach diesem um.

Der nickte.

»Und nun wollte ich anfragen, wann die Hochzeit sein soll. Ihr wißt, die Sache hat Eile.«

»Hohoho,« lachte der Müller, indem er mit der einen Hand die Zeitungen zurückschob und sich mit der anderen auf das Knie schlug, »du bist ein famoser Kerl, der gleich auf das Ganze geht.«

In Gerds Gesicht zuckte es. »Zum Lachen ist bei so ernsten Dingen ganz und gar keine Ursache,« sagte er, finster blickend, mit mühsam gebändigter, bebender Stimme. »Es handelt sich nicht bloß um uns. Es handelt sich ebensoviel und beinah noch mehr darum, daß Euer Hermann nicht als meineidiger Schuft Schande über Eure Familie bringt.«

»Für die Ehre unserer Familie zu sorgen, kannst du getrost uns überlassen, dazu brauchen wir dich nicht,« gab der Müller mit spöttischem Lächeln zur Antwort. »Was Hermann in Bremen für dumme Streiche gemacht hat, weiß ich nicht und will ich auch nicht wissen. Was so 'n Mädchen in ihrem Leichtsinn sich einbrockt, muß sie auch ausessen.«

»Müllers Vater, Ihr sprecht von Leichtsinn und Dummheiten, und ich will die beiden gewiß nicht in Schutz nehmen. Ein Sohn, der seinen Eltern eine Tochter ins Haus bringen will, soll sie früh genug fragen, ob die, auf die er sein Auge geworfen hat, ihnen paßt, und überhaupt soll alles ordentlich und ehrlich zugehen. Ich kann das begreifen, daß Ihr böse seid, und habe selbst gestern meiner Schwester gehörig den Text gelesen. Aber nun wollen wir uns doch auch sagen: Was geschehen ist, das ist geschehen, auch der beste Mensch kann von einem Fehl übereilet werden; denn wir sind allzumal Sünder. Die Hauptsache ist, daß die beiden sich wirklich von Herzen lieb haben. Für Leidchen kann ich garantieren, und Hermann hat es mir eben erst draußen versichert. Wenn Ihr sie jetzt noch auseinanderreißen wolltet, tätet Ihr eine viel größere Sünde als die ist, die sie begangen haben. Bitte, seid so gut und laßt mich ausreden! Wenn Ihr meine Schwester kenntet, würdet Ihr keine andere als Schwiegertochter haben wollen. Laßt sie erst acht Tage in Eurem Hause sein, Ihr sollt sehen, dann mögt Ihr sie um kein Geld mehr missen. Sie ist eins von den Menschenkindern, denen alle Herzen zufliegen. Fragt auf unserer Nachbarschaft, bei Rotermunds, bei Frerks, bei Böschens und bei allen, und Ihr werdet euch wundern, wie alle sie lieb haben. Geld bringt sie ja leider nur an die dreihundert Taler mit, aber einen fröhlichen Sinn und Gesundheit und Lust zur Arbeit, und ich meine, das sind alles Dinge, die auch etwas wert sind. Die Leute sagen, Ihr hättet jetzt schwere Zeiten mit Eurer Mühle, aber die gehen vorüber, wo der Gesell, der Euch viel Schaden getan hat, weg ist und Hermann sich der Sache annimmt, der ja lange genug gelernt hat und seinen Kram gewiß gut versteht. Manche Kunden, die jetzt in Blankenmoor mahlen lassen, werden Euch wiederkommen; mit einigen, die ich besser kenne, will ich selbst sprechen, und die anderen folgen dann wohl nach, denn wenn sie selbst keinen Schaden dabei haben, sind die Leute dafür, daß das Geld im Dorfe bleibt. Und Leidchen ist für das Sparen und Zusammenhalten, dazu hab' ich selbst sie von klein auf angelernt. Für jüngere Kinder habt Ihr nicht zu sorgen, deshalb könnt Ihr Eurem einzigen Sohn gut zu Willen sein. Eine so große und starke Mühle mit drei Mahlgängen, die wenig Reparaturen kostet, nährt leicht mit Euch Alten die Jungen, und auch noch einen guten Trupp Kinder. Wir sind ja gegen Euch wohl kleine Leute, aber eine Hergelaufene ist Leidchen doch auch nicht. Wir Rosenbrocks stammen von einem großen Geesthof und haben uns unter den ersten hier angesiedelt. Und was unserem Großvater sein Bruder war, der hat als Knecht in Hangstedt einen Bauernhof von vierhundert Morgen befreit ... Müllers Vater und Ihr, Müllers Mutter — ich weiß, Ihr habt Euren Hermann lieb, und Ihr seid doch auch mal 'ne junge Deern gewesen — Ihr solltet man ein Einsehen haben und den beiden helfen, daß sie bald im heiligen Ehestand zusammenkommen.«

Der Müller hatte aufmerksam zugehört und einige Male sogar genickt. Daraus hatte Gerd Hoffnung geschöpft und sich deshalb in einen immer wärmeren Ton hineingeredet. Jetzt wagte er es sogar, ihm seine Hand entgegenzustrecken.

»Bist du nun fertig?« fragte der Mann.

»Ja. Ich wüßte nicht, was sonst noch zu sagen wäre.«

Der andere sah ihm mit einer gewissen Achtung und nicht ohne Wohlgefallen in das schmale, scharfgeschnittene Gesicht. »Gerd,« begann er, »du bist soweit ein ganz fixer Mensch. Schade, daß du nicht als Advokat studiert hast, aus dir hätte was werden können. Aber, weißt du, hierzu langt deine Kunst noch lange nicht.« Und wieder spielte ihm das böse Lächeln um den sinnlichen Mund.

Gerd sah ein, daß hier jedes weitere Wort verschwendet war. Er setzte die Mütze, die er vor einer Weile abgenommen und über das linke Knie gezogen hatte, wieder auf den Kopf, fuhr steil in die Höhe und sagte: »Gut, denn verkauft Euren einzigen Sohn an die alte gelbsüchtige Trudje, die da, wo sie bekannt ist, der kümmerlichste Knecht nicht geschenkt nimmt.«

Der Müller sah dem kühnen jungen Menschen bestürzt ins Gesicht.

»Die Leute,« fuhr dieser fort, »reden viel Böses über Euch. Aber was für einer Ihr in Wirklichkeit seid, davon haben sie noch gar keine Ahnung. Wo andere das Herz haben, da habt Ihr einen Mühlstein.«

»Packan!« kreischte der Müller, heiser vor Wut.

Eine mächtige Dogge kam verschlafen unter dem Tisch hervor und reckte laut gähnend die ungeschlachten Glieder.

»Soll der hier dich auf den Weg bringen, du unverschämter Lümmel?«

»Ich gehe schon von selbst,« sagte Gerd, mit einem etwas unsicheren Blick nach dem Hund, unter dessen blutunterlaufenen Augen sein Rückzug nicht eben heldenhaft ausfiel. Sobald er aber zur Stube hinaus war, riß er die Tür mit donnerndem Krach hinter sich ins Schloß.

Als er draußen war, sagte er sich, es würde gut sein, wenn er Hermann noch spräche. Vielleicht kam dieser ihm bald nach, oder er ging noch einmal zur Mühle hinüber. Er lehnte sich an das Geländer der Hofbrücke, um ihn zu erwarten.

Es währte auch nicht lange, bis sein weißes Müllerkleid durch das Dunkel schimmerte. Gerd trat ihm einige Schritt entgegen.

»Du hast ja doch was von der anderen gesagt,« warf Hermann ihm mit kläglicher Stimme vor.

»Das ist mir in der Wut so herausgefahren,« versetzte Gerd ärgerlich. »Es ist ja auch einerlei.«

»Es ist längst nicht einerlei. Ich hätte deswegen beinah noch Prügel gekriegt.«

»Hermann! Du willst ein Mann sein und läßt dir solche Behandlung gefallen? Hast du denn gar keine Ehre mehr im Leibe?«

»Was soll ich machen?«

»Es gibt nur eine Rettung. Du mußt bei Nacht und Nebel ausrücken. Je eher, desto besser, am besten gleich diese Nacht! Wenn du hier bleibst, bist du verloren. Gegen den anzukommen, dazu gehört ein ganz anderer Kerl, als du bist. Hermann, entschließ dich!«

»Ich habe diese Tage auch schon öfters daran gedacht ... Aber leicht ist es nicht, ein so schönes Vatererbe zu verlaufen, es hängt einem doch mächtig an ... Wenn ich ihm zu Willen bin, zieht er aufs Altenteil, und ich bin hier Herr.«

»Mensch, laß dich nicht auslachen! Du Herr, solange der noch einen kleinen Finger rühren kann? Du Herr, wenn Hermine Tietjen hier ihren Einzug hält? Die zieht sich sofort die Hosen an, und du kriegst die Nachtmütze auf .. Wenn du jetzt auch gehst, dein Erbe bleibt dir ja.«

»Oder auch nur das Pflichtteil.«

»Ach was. Du hast ja keine Geschwister. Wer weiß, wie bald sie Euch wieder holen!«

»Aber wenn Hof und Mühle unter den Hammer kämen?«

»Ach was, solch ein Besitztum hält erst was aus. Weg mit so kleinen Bedenklichkeiten!«

»Das sagst du wohl ... Heute wurde in unserer Fachzeitung für die Mühle in Langwedel bei Verden ein Gesell gesucht.«

»Mensch, greif zu! Schreib noch heute abend, telegraphiere gleich morgen früh!«

»Hat wohl keinen Zweck. Es melden sich gewiß Unverheiratete genug, und die haben den Vorzug.«

»Aber du kannst's doch versuchen.«

»Will mal sehen ... Vielleicht findet sich auch noch was Besseres, in jeder Nummer stehen Annoncen, kann ja um mehrere Stellen schreiben ... Leicht wird's einem ja nicht, noch wieder als Gesell anzufangen.«

»Aber wenn's nicht anders ist? Hermann, um eine Frau wie Leidchen kann ein rechter Kerl wohl etwas tun und auch ein kleines Opfer bringen.«

»Hm, ja ... Das wohl.«

»Junge, das Herz im Leibe muß dir hüpfen und springen, wenn du bloß an sie denkst. Wenn es nicht so gekommen wäre, glaub ja nicht, daß du sie gekriegt hättest!«

»Hm, bin ich dir nicht gut genug für sie?«

»Wo du so direkt danach fragst ... nein, eigentlich nicht. Aber ich bin ja nun einmal übertölpelt und jetzt mit allem zufrieden. Hermann, ich hab' mich diese Tage öfters gefragt, sollt' ich dich hassen oder von Grund aus verachten. Jetzt, wo ich mit dir gesprochen und deinem Alten mal den Puls gefühlt habe, tust du mir von Herzen leid. Aber an dem Tage, wo du dich hier losreißest, da will ich Respekt vor dir haben. Grad weil ich nun weiß, wie fest sie dich knebeln ... Ich schreibe heut' abend noch an Leidchen. Was soll ich ihr bestellen?«

»Grüß sie vielmals und schreib ihr, sie möchte vor allem den Kopf hochhalten, es würde noch alles gut. Und sie sollte nicht erschrecken, wenn ich eines guten Tages auf einmal vor ihr stände.«

»Bravo, Hermann! Nun bloß nicht aufschieben, das macht nur schwächer. Jetzt kannst du dich mit einem starken Ruck noch losreißen. Legst du dich aufs Warten, geht's dir wie der Fliege im Spinngewebe. Du wirst so eingewickelt, daß du dich nicht rütteln und rühren kannst. Gut' Nacht!«

Nachdem er die weiche, mehlstaubtrockene Hand des Müllers kräftig gedrückt und geschüttelt hatte, ging er. Die in ihm wogende Erregung zu meistern, steckte er jetzt das gestopfte Pfeifchen an, und als er ein Dutzend Züge getan hatte, waren die anfangs so kurzen, stoßartigen Schritte fast wieder so lang und wiegend wie gewöhnlich.


Am nächsten Abend erhielt Leidchen mit der letzten Bestellung folgenden Brief:


Liebe Schwester!

Es wird mir beinahe schwer, Dich noch so anzureden, denn lieb und gut bist Du durchaus nicht gewesen; aber ich will darauf heute abend nicht weiter eingehen, denn es ist schon nach zehn Uhr.

Der Müller hat mir mit seinem Packan gedroht und hätte ihn sicher auf mich gehetzt, wenn ich nicht von selbst gegangen wäre.

Hermann hat Dich doch wohl ein bißchen lieb, und er gefällt mir jetzt besser als früher. Er scheint mir nicht mehr so großspurig zu sein, was ich immer am wenigsten bei ihm leiden konnte.

Wir haben abgemacht, daß er sich aus seinem Müllerblatt einen Platz als Gesell sucht, und daß Ihr darauf dann heiratet. Ob er den guten Worten und Vorsätzen die Tat folgen läßt, muß die Zeit ausweisen. Du schreibst, er wäre ein bißchen leicht und wankelmütig. Das stimmt ganz genau.

Was er mir für Dich gesagt hat, schreibe ich wörtlich hierher: Grüße Leidchen vielmals und schreib ihr, sie sollte den Kopf hochhalten, es würde noch alles gut. Und Du solltest Dich nicht verjagen, wenn er eines Tages auf einmal vor Dir stände.

Du kannst also vorderhand nichts tun, als Dich gedulden, und ich kann auch nicht mehr tun. Es kann aber sein, daß ich nach ein paar Tagen mal wieder hingehe und so 'n bißchen nachstökere. Das kann jedenfalls nicht schaden.

Mit Gruß

Gerd Rosenbrock.