WeRead Powered by ReaderPub
Geschwister Rosenbrock cover

Geschwister Rosenbrock

Chapter 20: 19.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The novel portrays life in a small moorland colony through detailed scenes of a village school, household routines, seasonal labor and social visits, following a pair of siblings whose daily struggles and community ties reveal local customs, domestic care, and moral choices. Vivid descriptions of weather, paths, and interiors frame episodes of youth, illness, hospitality and neighborly aid, while quiet observation and social detail illuminate changing relationships and the resilience of ordinary people.

19.

Es war wieder die Hauptzeit des Torfverschiffens. Auf der Hamme, ihren Lauf durch das breite Tal meilenweit bezeichnend, zogen die braunen Segel. Die heimkehrenden Dorfgenossen taten sich zusammen und koppelten ihre Schiffe in Reihen hintereinander, um sie, vornüber gebeugt an langem Tau gehend, mit vereinten Kräften die Klappstaue der Gräben hinaufzuschleppen. Aus den Kolonien, die gepflasterte Straßen in der Nähe hatten und in denen die mühsame Schiffahrt der bequemeren Fuhrwerkerei zu weichen begann, rumpelten um Mitternacht die schweren, auf sechs Kubikmeter geeichten Kumpwagen, indem die gespenstigen Schattenbilder der Vorderräder, zwischen denen die Windlaterne schaukelte, sich an den Birkenreihen entlang drehten. Auf der Lilienthaler Chaussee und dem Breiten Weg bildeten sich, zumal in den Nächten vor Montag und Donnerstag, den Haupttagen des Torfhandels, oft Wagenreihen von mehreren hundert Metern Länge. Die Gäule trotteten ihren ebenen Tritt, und von ihren Lenkern gab sich manch einer, vornüber gesunken, dem Schlaf hin, der aber hier und da einem teuer zu stehen kam. Denn weder auf der preußischen noch auf der bremischen Seite war die Polizei einer derartigen Nachtruhe hold.

Auch Gerd kam um diese Zeit zwei- oder dreimal die Woche mit seinem Schiff in die Stadt. Die Schwester zu besuchen, konnte er sich aber längere Zeit nicht entschließen. Neues in ihrer Sache gab es nicht zu berichten. Hermann hatte zwar einige Male um eine Stelle geschrieben, bislang aber nichts Passendes gefunden.

Endlich, im letzten Drittel des Oktober, machte er sich einmal wieder auf den Weg, sie zu besuchen, veranlaßt durch einen Brief, in dem sie gar herzlich und dringend darum bat.

Als er das Haus betrat, winkte Frau Marwede, die im Laden beschäftigt war, ihn in eine anstoßende kleine Stube, eine Art Kontor. Er mußte Platz nehmen, und sie stellte sich, die Hände in die Seiten gestemmt, breit vor ihn hin.

»Rosenbrock,« begann sie, »ich weiß nicht, was das in der letzten Zeit mit Ihrer Schwester ist. Sie ist so vergeßlich und träge und zu nichts recht zu gebrauchen. Ich habe da nun leider eine schlimme Vermutung. Als ich neulich aber mal so was andeutete, tat sie sehr empört und beleidigt. Deshalb wollte ich einmal mit Ihnen darüber sprechen.«

Gerd seufzte. »Sie werden wohl recht haben, Frau Marwede.«

Die Frau schlug die Hände zusammen. »Wirklich? Oh, wie mir das leid tut! Wir haben das Mädchen so gern gehabt. Wie lieb sie mit unserer seligen kleinen Olga war, das werden wir ihr nie vergessen. Da haben wir sie erst recht kennen gelernt und ins Herz geschlossen. Oh, der Leichtsinn bei der Jugend von heutzutage, und die Verführung! Ich hab' sie doch neulich noch so ernstlich gewarnt ... Es tut mir furchtbar leid, Rosenbrock; aber unter diesen Umständen nehmen Sie sie zum ersten November doch wohl lieber wieder mit.«

»Frau Marwede, wollen Sie nicht so gut sein und sie noch ein paar Wochen behalten? Wir hoffen, daß es noch vor Weihnachten zur Hochzeit kommt.«

»So gern ich es täte, es geht nicht, schon wegen der Kinder. Unsere beiden Ältesten sind schon höllischen aufgeklärt. Und bei ihrer jetzigen Gemütsverfassung haben wir ja auch so gut wie nichts mehr von ihr.«

»Wie Sie meinen ...«

»Gehen Sie nur auf ihre Kammer, ich schicke sie Ihnen gleich, sie ist augenblicklich im Keller.«

Gerd stieg langsam die Treppe zum Bodengeschoß hinauf und setzte sich in ihrem Stübchen auf den einzigen Stuhl.

Bald hörte er ihren eilenden Tritt. Sie erschien in der Tür und sah ihn mit großen fragenden Augen an.

»Bringst du was Neues?« fragte sie atemlos.

Er schüttelte langsam den Kopf.

Sie stampfte mit dem Fuß auf. »Wenn Hermann ernstlich will, sollte man denken, müßte er doch was finden können.«

Er zuckte die Achseln: »Ja, die Sache zieht sich gar zu sehr in die Länge ... Vielleicht nimmt er zuletzt doch die andere.«

»Welche andere?«

»Hab' ich dir das nicht geschrieben?«

»Nein. Mensch, welche andere?«

»Sein Vater hat ihm die Tochter von unserm Grasbauern zugedacht.«

»Hermine?«

Gerd nickte.

»Aber die hatte ja schon damals, als ich eben erst konfirmiert war, vor fünf Jahren, keine eigenen Haare mehr!«

»So eine nimmt man ja auch nicht ihrer Haare, sondern ihres Geldes wegen.«

»Gerd! ...«

»Leidchen ...«

»Ich weiß gewiß, wenn er die bloß sieht, nimmt er Reißaus. Dazu kenn' ich meinen Hermann zu genau. Nein, wegen der kann ich ganz ruhig sein.«

Er zuckte die Achseln ...

»Was soll nun werden?« fragte er nach einer Weile.

Sie hatte sich auf den Bettrand gesetzt und sah ihn an wie ein hilfloses Kind.

»Du mußt nämlich wissen, Frau Marwede hat eben zum ersten November gekündigt,« fuhr er fort.

Sie erschrak. »Hast du ihr was gesagt?«

»Sie redete mich darauf an, und lügen wollte ich deswegen nicht.«

»Wo soll ich denn aber so lange hin?«

»Ja, das möchte ich auch wissen ... Bei uns ist jetzt, wo die Kinder größer werden, nicht recht Platz ... Und überhaupt ...«

»Zu Trina möcht' ich auch nicht, die ist so schrecklich selbstgerecht ... und dann die ganze Nachbarschaft ...«

»Geh doch zu deinem Vormund. Er hat dich gegen meinen Willen hier hergeschickt und kann dir nun auch helfen, die Suppe auszuessen.«

»Ach Gerd, die Leute haben nie Kinder gehabt und denken bloß an sich ... Weißt du keinen besseren Rat?«

»Ja, nun heißt's: Gerd, du mußt Rat schaffen. Früher, als es noch Zeit war, wurde mein Wort für nichts geachtet.«

»Aber ich muß doch irgendwo bleiben!«

»Ja, ja. Da ist guter Rat teuer.«

Er hatte den Kopf in die Hände gestützt und sah lange nachdenklich zu Boden. Endlich richtete er sich auf, sein Gesicht hatte einen lebhafteren Ausdruck angenommen: »Hm. Das wäre vielleicht was ...«

Sie sah gespannt und erwartungsvoll zu ihm hinüber.

»Hm, wenn wir den Torf erst zur Stadt haben, könnte Jan mich für den Winter wohl entbehren. Dann wär' es am Ende möglich, daß ich schon bald in mein Haus zöge und anfinge, die Stelle tüchtig zu bearbeiten. Sie hat es ja bitter nötig ... Dann käm' ich nächstes Frühjahr mit Sine gleich besser in Gang ... Und wenn du mitgingest und mir haushieltest ...«

Sie sprang vom Bettrand auf, ergriff seine Hand und rief mit glänzenden Augen: »Oh, wie gern tu' ich das! Ja, Gerd, so geht es fein. Man zu, bitte, bitte!«

Er schüttelte den Kopf: »Eigentlich ist es ja Unsinn. Und ob Jan seine Zustimmung gibt? Und ob's Sine recht ist?«

»Oh, Gerd,« rief Leidchen, »die kriegst du leicht herum. Bedenk doch, dann bin ich auch näher bei Hermann. Wenn ich so weit von ihm weg bin, ist es mir manchmal, als ob ich die Gewalt über ihn verlöre. Er ist einer von denen, die man immer im Auge behalten muß.«

Gerd zuckte mit der Schulter. »Wie machen wir's nur mit dem Hausrat? Das ist noch das Schlimmste.«

»Oh, wenn's anders nichts ist! Ich hab' ja mein eigenes Bett, und du kannst das, worin du jetzt schläfst, bis Ostern wohl von Trina leihen, eher nehmen sie ja doch keinen Knecht wieder. Bettstellen brauchen wir nicht, denn da ist gewiß an jeder Stube eine Butze. Den Tisch und ein paar Stühle gibt Trina auch wohl her, oder sonst Tante Rotermund. Die Küchengerätschaften, Messer und Gabeln, Teller und Tassen will ich gern kaufen. Ich muß ja doch welche haben, für meine Aussteuer. Du mußt aber mit Jan abmachen, daß er dich wieder nimmt, wenn ich Hochzeit mache.«

Sie sprachen noch eine Weile über den Plan hin und her, und Leidchen, die auf einmal wie neu belebt war, hatte dabei die besten und praktischsten Gedanken. Zuletzt wurde abgemacht, wenn Gerd keine andere Nachricht gäbe, sollte er am ersten November kommen und die Schwester holen, die dann alles zur Abreise fertig haben wollte.

Als Gerd nach Hause kam, trug er Jan und Trina seinen Plan, und was diesen veranlaßte, vor. Sie waren über Leidchen weidlich entrüstet und gaben schließlich ihre Einwilligung unter der Bedingung, daß Gerd seinen Torf noch in die Stadt zu schaffen habe, je nach der Zeit, wann die Kunden ihn verlangten.

Sine weinte blanke Tränen, als Gerd ihr von Leidchen erzählte, und war sogleich bereit, einige Stücke ihrer Aussteuer schon jetzt herzugeben. Er freute sich ihres guten Herzens, und sie dachte, ein so treuer Bruder würde auch einen trefflichen Ehemann abgeben.

Um den Weg von Nr. 40 nach Nr. 1 a, für den ein Fußgänger fast dreiviertel Stunden gebrauchte, schneller zurücklegen zu können, kaufte Gerd sich ein Fahrrad für alt und machte sich mit Eifer daran, die Wohnung instand zu setzen. Er versuchte sich mit einem Geschick, über das er sich selbst wunderte, als Maurer, Zimmermann und Dachdecker, und brauchte Handwerker nur für wenige Tage zu Hilfe zu nehmen. Ende Oktober war das Haus soweit hergerichtet und mit Gerät, Feuerung und Lebensmitteln versehen, daß zwei Menschen zur Not in ihm ein paar Wintermonate überstehen konnten. Am Vormittag des Einunddreißigsten tat er das Kätzchen, das sich in seinem Asyl hübsch herausgemacht hatte, in ein Beutelchen, das er an die Lenkstange seines Rades hängte, und fuhr es in die alte Heimat zurück, wo es sofort auf die Herdstelle sprang und behaglich zu schnurren begann.

Am Nachmittag fuhr er nach Bremen, um die Schwester zu holen.

Nach schnellem, ungerührtem Abschied von den Milchhändlersleuten folgten die Geschwister einem Torfwagen, der zufällig des Weges kam und Leidchens Siebensachen zum Torfhafen mitnahm. Als sie aber die Große Weserbrücke überschritten hatten, trennten sie sich von ihm, um den Weg durch die innere Stadt zu nehmen und auf dem Freimarkt, der eben wieder im Gange war, noch einige Einkäufe für ihren jungen Hausstand zu machen. Zu Füßen des Riesen Roland erstanden sie ein paar Blechsachen, auf der Domsheide etwas irdenes Geschirr.

Als sie durch eine der Zeltreihen des Domhofes gingen, blieb Leidchen vor einer Kuchenbude stehen. »So was gibt's heute nicht,« sagte Gerd mit strengem Gesicht und ging weiter, aber sie hörte nicht darauf, und als sie bald nachkam, überreichte sie ihm ein großes rotes Kuchenherz. Er wollte schelten, als er aber das aufgeklebte Verschen las, schwieg er und sagte kurz: »Danke.« Die Inschrift des schmalen weißen Zettelchens lautete: »Ein getreues Herze wissen, ist des höchsten Glückes Preis.«

Langsam schlenderten sie die Budengasse hinunter.

Vor einem Karussell, auf dem allerlei Jungvolk vom Lande sich belustigte, blieb Leidchen wieder stehen. Als Gerd von der Seite ihr Gesicht beobachtete, sah er in ihren Augen ein feuchtes Schimmern. Da fiel ihm ein: hier war's gewesen, wo sie vor Jahren mit dem, der nun ihr Verhängnis geworden war, fröhlich lachend ihm davonfuhr und er ihr verdutzt und ärgerlich nachblickte.

Da Leidchen noch immer stand und alles um sich her vergessen zu haben schien, zupfte er sie leise am Ärmel. Sie fuhr wie aus einem Traum empor und folgte ihm langsam. Als sie aus dem Marktgedränge heraus waren, schlugen sie einen schnelleren Schritt an, der sie in kurzem zum Torfhafen brachte.

Sie trugen die Kommode und die anderen Sachen, die der Fuhrmann auf das Kaipflaster gestellt hatte, ins Schiff und machten alles zur Abfahrt fertig.

Als Gerd das Schieberuder nahm, fragte sie: »Soll ich an der Leine gehen und ziehen?« »Danke,« gab er zur Antwort, »hier auf dem Kanal kann ich's gut allein.«

Er schob an, und das Schiff setzte sich in Bewegung. Sie ging auf dem Leinpfad hinter ihm her. Eine Drehorgel spielte ihnen zum Abschied: Freut euch des Lebens. Die Klänge wurden schwächer und schwächer und gingen zuletzt in dem Brausen des Herbstwindes unter, der die Bäume des Bürgerparks schüttelte und entblätterte.

Der Wasserlauf machte eine Biegung nach links und zog sich in das freie, unter Wasser stehende Blocklander Feld hinauf, über das der Wind in langen Stößen hinfegte. Einmal wandte Leidchen sich um. Die Stadt, unter grauem Wolkenhimmel mit Regenstreifen, lag schon ein gutes Stück zurück. Sie zerdrückte eine Träne in den Augen. Von hier aus hatte sie das Ziel ihrer jugendlichen Wünsche und Träume vor vier Jahren im Goldglanz der Herbstmorgenfrühe geschaut.

Als sie die Hamme erreichten, brach der Abend herein. Der Himmel hing voll grauer, tiefziehender Wolken, die ein böiger Wind trieb, der zuweilen fast zum Sturm wurde. Leidchen zog sich bald in die Koje zurück. Gerd hatte mit seinem Stangenruder angestrengt zu arbeiten, denn der Wind kam scharf von der Seite und trieb das Schiff zum anderen Ufer hinüber.

Endlich machte der Fluß eine Biegung, und er konnte den Mast aufrichten und das Segel entfalten.

Da infolge der Regengüsse der letzten Woche die Hamme aus den Ufern getreten war und ihr Tal einen weiten See bildete, durfte er es wagen, quer durch die überschwemmten Wiesen segelnd einige Krümmungen des Flußlaufs abzuschneiden. Er lag am Steuerruder und hatte das Segeltau nicht wie gewöhnlich am Tauhaken festgemacht, sondern mehrmals um seinen Arm gewunden, mit dessen sehniger Kraft Sturm und Wellen zu meistern ihm Freude machte. In solchen Nächten bekam die eintönige, mühselige Moorflußschiffahrt, zum Kampf mit den entfesselten Elementen werdend, eine gewisse Größe und brachte eine Aufrüttlung des inneren Menschen, die der junge Schiffer wohltuend empfand.

Für Augenblicke verbreitete der volle Mond, freiwerdend, Tageshelle und warf sein glitzerndes Licht über das Wellengewoge, um dann wieder von dunklen Wolkenungeheuern verschlungen zu werden, deren Schatten wie riesige Gespenster über die aufgeregten Wasser tanzten. In den pfeifenden, sausenden Schilfwäldern schnarrten die Enten, aus der Höhe kamen die Schreie der Wildgänse und schrille Wandervogelrufe.

Die Wogen planschten so stark gegen die dünnen Schiffsplanken, daß man jeden Schlag durch sie hin fühlte. Wenn der Sturm sich mit erneuter Kraft in das schwarze Segel warf, ächzte der Mastbaum in der Segelbank, und Gerd, der scharf und hell in das wilde Wesen hineinpfiff, fürchtete einige Male fast, er würde umknicken.

Plötzlich gab es einen Stoß und Krach, als ob das kleine Fahrzeug mitten entzwei bräche. Es saß fest, neigte zur Seite, eine Welle spritzte über Bord. Mit einem gellenden Schrei kam Leidchen aus der Koje gefahren; das Segel, das Gerd, um nicht zu kentern, schnell hatte flattern lassen, schlug ihr klatschend um das Gesicht. Unter ihm sich duckend, ging sie auf den Knien in die Mitte des Schiffs und sah den Bruder mit entsetzten Augen an.

»Keine Bange, mein Deern,« sagte er gelassen, indem er bereits mit dem Schieberuder arbeitete, »ich krieg' uns schon los.«

Nach einer Minute war das Schiff denn auch wieder frei. »Das Segel will ich doch lieber einholen,« fuhr er fort, »der Wind bringt uns zu weit aus der Kehr.«

Als er das wild sich gebärdende Tuch geborgen hatte, begann er mit dem Stangenruder zu arbeiten. Leidchen kauerte vor ihrer Kommode nieder und sagte schuddernd: »Eine schreckliche Fahrt!«

»Eine herrliche Fahrt!« gab er zurück, und es war ein den Sturm übertönendes Jauchzen in seiner Stimme. »Es wär' ein Jammer, wenn's nicht auch so was gäbe, zumal in so bedrückten Zeiten!«

Nach einer Weile hob sie sich ein wenig; der Mond, eben wieder aus dem Gewölk tretend, beleuchtete scharf ihr von einem schwarzen Umschlagetuch teilweise verhülltes Gesicht und verlieh den großen, tief in ihren Höhlen liegenden Augen einen fremdartigen Glanz: »Gerd, ich will dich mal was fragen.«

»Was denn, Kind?«

»Du darfst mir aber nichts vorschnacken, du sollst reden, wie es deine Überzeugung ist ... Glaubst du wirklich noch, daß Hermann sein Wort hält?«

Er schwieg.

»Gerd, gib mir Antwort!«

»... Ich habe keine Hoffnung mehr.«

Da schlug sie die Hände vor das Gesicht, sank in sich zusammen und wimmerte: »Dann wollt' ich, ich läge unten auf dem Grund der Hamme und wäre tot.«

Es dauerte nicht lange, so beugte er sich zu ihr nieder und rief leise ihren Namen.

»Leidchen,« rief er etwas lauter.

»Was soll ich?«

»Ein getreues Herze wissen ...«

Sie kam auf dem Boden des Schiffes herangekrochen und umschlang schluchzend seine Knie. Und er bückte sich, ihr wie einem kranken Kinde mit der harten Arbeitshand die weichen Wangen zu streicheln: »Liebes Leidchen, nun sei man still. Wir beide halten treu zusammen ... Es kommt auch wohl noch mal die Zeit, wo du wieder durchgrünst ... unser Herrgott wird dich ganz gewiß nicht verlassen ...«

Das Licht einer Hammehütte, das ihm als Richtepunkt diente, wollte und wollte nicht näher kommen, es gab ein schweres Arbeiten. Als er endlich vor der kleinen Herberge anlangte, war er wie in Schweiß gebadet und erklärte, er müsse sich ausruhen. »Willst du dich so lange in die Koje legen?« fragte er die Schwester. Sie schüttelte sich und sah ihn erschrocken an: »Allein graut mir.« Da legte er brüderlich den Arm um sie und schritt mit ihr der Hütte zu.

Eine gute Stunde saßen sie in der heißen, tabaksqualmerfüllten Schifferherberge. Gerd hatte nach seiner Gewohnheit den Kopf in die auf dem Tisch verschränkten Arme gelegt und war schnell eingeschlafen. Leidchen saß steif auf ihrem Schemel und blickte in das fremdartige Treiben. Die ankommenden Schiffer machten ihre Bemerkungen über Wind und Wasser, und ließen sich von dem Wirt, der ein mürrisch verschlafenes Gesicht zeigte, bedienen. An einem Tisch, wo junge Burschen Karten spielten, wurde gotteslästerlich geflucht, und einer von ihnen sah öfters zu Leidchen hinüber, mit frech vertraulichen Blicken. Sie war nur froh, daß sie keinen aus ihrem Dorf entdeckte. Bald schloß auch sie die Augen, aber ohne Schlaf und Vergessen zu finden.

Das erste Grau stand im Osten, als sie in den Brunsoder Schiffgraben einliefen und ausstiegen.

»Soll ich mich in die Leine legen?« fragte Leidchen.

»Nein,« sagte Gerd, »ich will das Schiff wohl ziehen, du kannst es mit der Stange vom Ufer halten.«

So arbeiteten sie sich langsam durch die Morgendämmerung die Reihe der Klappstaue hinauf.

Dicht vor der Mühle zweigte der Achterdammsgraben ab, in den Gerd sein Schiff hineinlenkte.

Klopfenden Herzens suchte Leidchen mit den Augen das stattliche Mühlgehöft ab, entdeckte aber nichts Lebendes außer dem großen Hund, der vor seiner Hütte lag und sich kratzte. Er schien noch nicht in der Stimmung zu sein, Schiffer anzubellen.

Die Wolken des östlichen Himmels zeigten jetzt goldige Säume.

»Da kuckt mein Busch über das Moor,« sagte Gerd, mit der Hand nach vorn weisend. »Wenn du scharf zusiehst, kannst du auch schon das Hausdach erkennen. Siehst du's?«

Leidchen nickte.

Nach einer Weile zeigte er auf einen durch üppig wucherndes Heidekraut blinkenden, tiefen und schmalen Graben und sagte mit frohem Stolz: »Dies ist die Grenze, hier fängt meine Gerechtsame an.«

Nach hundert weiteren Schritten hielt er den Kopf ein wenig schief und sagte: »Nicht wahr, ein feines Besitztum? Wie schön machen sich die beiden hohen Tannen rechts und links vom Hause, beinah wie ein Paar Schildwachen! Du kannst jetzt auch schon die gelben Flicken im Dach sehen, die ich selbst eingesetzt habe.«

Er blickte sich fragend um. Sie nickte mit erzwungenem Lächeln und sagte: »Ja, Junge, du kannst wohl lachen, wenn andere Leute weinen.«

Einige Minuten später führte Gerd von dem halb eingesunkenen Schiffschauer, wo sie angelegt hatten, seine Schwester an der Hand dem Hause zu.

Ehe sie durch die Große Tür eintraten, blieb er stehen und sagte, zur Oberschwelle aufblickend, indem er den Arm um ihre Hüfte legte: »Unsern Eingang segne Gott.«

»Unsern Ausgang gleichermaßen,« ergänzte sie leise mit zager Stimme.

So hatte der Erbauer des Hauses es in den Eichenbalken graben lassen.

Auf dem Flett kam ihnen das Kätzchen entgegengesprungen, rieb sich an Gerds Schienbeinen und wuschelte sich in Leidchens Rock.

»Kuck an,« rief er munter, »etwas Lebiges ist auch schon da,« und sie bückte sich froh überrascht und streichelte dem Tierchen das seidige Fell.

Als sie alle Räume besehen und darauf die Kommode und übrigen Sachen hereingeholt hatten, rieb der Hausherr sich behaglich die Hände und sagte: »So mein' Deern, nun koch' uns mal 'n schönen Kaffee. Da in dem Kasten findest du Kaffee und Zichorien. Einen Gasherd hab' ich hier nicht, mußt sehn, wie du mit so 'ner altmodischen Feuerstelle fertig wirst.«

Das unter dem berußten Kessel bereitliegende Sprickerholz knisterte und rauchte, flammte auf, die Funken sprangen, das Wasser begann zu singen, dampfte, brodelte, und es dauerte nicht lange, so saßen die Geschwister und schlürften mit spitzem, vorsichtigem Munde den heißen Trank, der ihnen nach der rauhen Sturmnacht wohltat. »Wir müssen ihn diesmal noch schwarz trinken,« sagte Gerd, »die Ziege hol' ich heute nachmittag.« Dazu aßen sie Schwarzbrot mit Butter und Schinken, die Gerd einem unbehobelten Kasten entnahm, der einstweilen den Vorratsschrank ersetzte. Er schlug eine wackere Klinge und nötigte, mit vollem Munde kauend, immer wieder: »Zu, Leidchen! Lang' dreist zu! Du kannst so viel essen wie du magst ... Hier auf dem Lande muß der Mensch ordentlich essen ... So kommodig wie in der Stadt mit dem bißchen Fegen und Wischen kriegst du's bei mir nicht, das mußt du dir ja nicht einbilden. Hier wird gearbeitet! ... Nimm dir man noch 'n ordentliches Stück Schinken, den Speck kannst du mir geben, wenn er dir zu fettig ist ... Ach, im eigenen Hause schmeckt's einem doch zehnmal so schön, als an anderer Leute Tisch ... Kuck mal, da kommt auch schon Besuch!«

»Wer?« fragte Leidchen erschrocken, indem sie mit hastigen Blicken das Gesichtsfeld vor dem Fenster absuchte.

»Die liebe Sonne,« sagte er lächelnd, und fügte mit Paul Gerhardt hinzu: »Voll Freud' und Wonne.«

Das freundliche Himmelslicht hatte sich siegreich durch die Wolken gekämpft und strahlte hell durch die bleigefaßten grünlichen Scheiben auf den rotgestrichenen Tisch.

»Nun geht sie schon wieder weg,« sagte Leidchen, als eine Wolke das Sonnenlächeln schnell auslöschte.

»Sie kommt bald wieder,« tröstete Gerd.

Dann reichte er der Schwester über den Tisch die Hand und sagte: »So Leidchen, wenn du satt bist, gehst du erst in die andere Stube und kriechst in deine Butze. Bis Mittag kannst du ordentlich ausschlafen, dann weck' ich dich, und du machst uns eine Pfanne Eierbutter.«

Sie nickte, stand auf und ging.

Auch er gedachte ein wenig zu ruhen. Aber vorerst steckte er sich ein Pfeifchen an, um ein paar Züge zu tun, und ging, mit Genuß die graubraunen Wolken vor sich her blasend, noch einmal durch alle Räume seines Hauses. Dann trat er auf den Hof hinaus und ließ die stillfrohen Augen über sein kleines Königreich wandern. Die Sonne brach gerade einmal wieder durch. Da lehnte er sich an den Türpfosten, schlug das eine Bein über das andere und blinzelte und paffte, seiner Sine gedenkend, in das gelbe Licht des Herbstmorgens.