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Geschwister Rosenbrock

Chapter 21: 20.
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About This Book

The novel portrays life in a small moorland colony through detailed scenes of a village school, household routines, seasonal labor and social visits, following a pair of siblings whose daily struggles and community ties reveal local customs, domestic care, and moral choices. Vivid descriptions of weather, paths, and interiors frame episodes of youth, illness, hospitality and neighborly aid, while quiet observation and social detail illuminate changing relationships and the resilience of ordinary people.

20.

»Hier bring' ich dir unsere Zickmarie,« rief Gerd am Nachmittag frohgelaunt, als er der Schwester eine pfeffer- und salzfarbene, hörnerlose, langbärtige Ziege vorführte. »Was meinst du, ist sie sechs Taler wert?«

Leidchen sah dem Tiere nach dem Euter und sagte: »Och ja, das will ich nicht sagen ...«

»Du könntest sie wohl gleich mal melken, Deern.«

Während sie ein Gefäß holen ging, führte er die neue Hausgenossin mit freundlichen Willkommsworten in den Stall.

Bald strullte die Milch in die irdene Schale. »Wie schön weiß sie ist!« rief Gerd in der Freude an dem ersten eigenen Stück Vieh bewundernd, und Leidchen lächelte zu ihm hinauf: »Wie soll Milch denn anders aussehen?«

»Daß ich es nicht vergesse,« sagte Gerd nach einer Weile. »Ich soll dich auch grüßen.«

»Von wem?«

»Von Hermann.«

Sie sah erschrocken zu ihm auf und hielt, das Melken unterbrechend, den Euterstrich zwischen den zitternden Fingern.

»Hast du ihn gesprochen?«

»Ja.«

»Ich soll dich grüßen.«

»Sonst nichts?«

»Er würde dir bald mal guten Tag sagen, aber heut' hätte er noch keine Zeit, der Wind wär' zu günstig. Wind geht solchem Windmüller ja über alles ... Aber nun vergiß das Melken nicht ganz, das Tier wird schon ungeduldig.«

Die Milch zischte zweimal an der Schale vorbei und fand dann erst wieder den richtigen Weg.


Als Gerd am nächsten Mittag von der Arbeit im Freien zu Tisch kam, machte er große Augen. Leidchen hatte in Bremen einige Holzschnitte und bunte Bilder aus einer abgängigen Zeitschrift gerettet und nun die kahlen, getünchten Wände der Wohnstube damit geschmückt. »Wie ihr Racker von Frauensleuten einem das Haus gleich wohnlich und gemütlich machen könnt!« rief er froh verwundert, und sie führte ihn mit glücklichem Lächeln durch ihre kleine Galerie: »Das ist Barry, der berühmte Bernhardinerhund, wie er einen Verunglückten im Schnee findet ... hier schießen sie den treuen Andreas Hofer tot ... und hier spielen feine Damen Schäferin ... und dies ist die Schlacht bei Gravelotte ... und hier feiert Luther mit seiner Familie Weihnachten, dies ist seine Frau Käthe, das da wird wohl Magdalenchen sein, und der Mann mit dem Bart ist, glaub' ich, Philipp Melanchthon.« »Kuck bloß mal einer an, was bei uns nun alles zu sehen ist!« rief Gerd, über ihre Freude an den Bildern noch mehr erfreut als über diese selbst. »Sollst mal sehen, es wird ein gemütlicher Winter,« fügte er hinzu. Aber da trübte sich ihr Blick auf einmal, und sie schlug die Augen zu Boden.

Am Tage darauf sollte Gerd wieder für Jan eine Ladung Torf nach Bremen schaffen. Nachdem er die Schwester ermahnt hatte, auf alles gut zu passen und der reisenden Handwerksburschen wegen die Türen verschlossen zu halten, fuhr er auf seinem Rade davon.

Leidchen setzte sich in die Wohnstube vor das Fenster und nahm des Bruders blaue Arbeitshose vor, um vor dem rechten Knie einen Flicken einzusetzen. Die Flügel der Mühle, die von hier aus über dem Birkenanflug des Hochmoores sichtbar waren, drehten sich noch immer, aber, wie es ihr wenigstens scheinen wollte, langsamer als die beiden letzten Tage, wo sie so oft nach ihnen ausgeschaut hatte. Richtig, der Wind hatte nachgelassen. Und sie wurden noch langsamer, und zuletzt standen sie still.

Da legte sie die Arbeit zur Seite, machte sich das Haar, zog ein besseres Kleid an und nahm voller Erwartung ihren Platz am Fenster wieder ein. Zum Flicken hatte sie keine Ruhe mehr, sie nahm einen angefangenen Strumpf und ließ die Stahlsticken mechanisch klirren.

Als die Dämmerung hereinbrach, stellte sie die Küchenlampe auf den Tisch, so, daß ihr lockender Schein zum Fenster hinausfiel.

Es wurde schnell dunkel, bald war draußen nichts mehr zu erkennen. Da ließ sie das Strickzeug in den Schoß sinken und begann zu horchen und zu lauschen.

Und sie hörte die Stille, die tiefe, lautlose Stille nächtlicher Mooreinsamkeit. Und sie erschrak vor ihr, wurde von ihr wie gebannt und gelähmt. Als endlich eine Fliege um die Lampe summte, empfand sie den Ton wie eine Erlösung und atmete befreit auf.

Plötzlich stand sie auf, hüllte sich in ihr Umschlagetuch, trat ins Freie und folgte dem Pfad, der durch Gerds Äcker zu seiner Hochmoorbank hinauflief. Bald stand sie vor dem schmalen Grenzgraben, der seinen Besitz von der Mühlstelle trennte. Mit Herzklopfen trat sie hinüber. Der Pfad führte hier durch junge Kiefern und Birkenanflug weiter. Scharf spähte sie ihn entlang und behielt auch den parallel laufenden Damm zur Linken im Auge, den der Erwartete ja ebensogut wählen konnte. Am Rande des Hochmoors blieb sie stehen. Jenseits der schwarzen Torfgründe schimmerte die junge Wintersaat durch das Dunkel, weiterhin waren die Umrisse des Mühlgehöftes zu erkennen, mit den erleuchteten Fenstern des Wohnhauses.

Drüben auf dem Damm ging jemand. Mit klopfendem Herzen eilte sie den Weg zurück, den sie gekommen war. Das Licht im Fenster blinkte ihr hell entgegen.

Sie stellte sich hinter das Schiffschauer und spähte zu dem nahe vorüberführenden Kirchdamm hinüber. Wenn die Gestalt, die langsam auf ihm dahergeschritten kam, doch zum Achterdamm abbiegen wollte! ...

Aber sie ging vorüber.

Die bitter Enttäuschte kehrte ins Haus zurück und nahm ihren Platz am Fenster wieder ein. Und wieder war die fürchterliche Stille um sie. Da rief sie das Kätzchen in die Stube, um etwas Lebendiges bei sich zu haben, und war dankbar, wenn es einmal schnurrte oder miaute.

Endlich ging sie in die andere Stube hinüber, um sich zur Ruhe zu begeben. Sie zog sich aber nicht aus, sondern stieg angekleidet in ihre Butze.

Sie hatte lange Zeit gelegen, erst horchend, dann grübelnd, zuletzt in einer Art Halbschlaf, als sie plötzlich in die Höhe fuhr und rief: »Ich komme!«

Auf den rechten Arm gestützt, horchte sie, mit angehaltenem Atem.

Sie hörte das wilde Klopfen des eigenen Herzens. Sonst war nichts um sie als tiefste Stille.

»Es hat doch geklopft,« murmelte sie, »ich hab's ja ganz deutlich gehört.« Und sie stand auf, öffnete das Fenster und lehnte sich spähend hinaus.

Der eben aufgehende Mond hing wie eine brandrote Scheibe in den Moorbirken. Mitternacht mußte längst vorüber sein.

Sie schloß das Fenster, warf schnell ihre Kleider ab und legte sich wieder in die Butze, deren Schiebetür sie jetzt fest hinter sich zuzog.


Gerd brachte von der Stadt einen kurzbeinigen, langschwänzigen, braungelben kleinen Köter mit, der auf den Namen »Lustig« hörte. Er hatte ihn von einem Torfkunden geschenkt bekommen, der wegen des Tierchens mit seinem Hauswirt Ungelegenheiten gehabt hatte. »Ich dachte,« sagte er, als er ihn Leidchen vorstellte, »ich wollte ihn man nehmen, wo wir so einsam wohnen und ich dich oft allein lassen muß. Er frißt sich wohl sacht mit durch. Mit 'm Hund, das ist doch immer geselliger als mit 'ner Katze.«

»Junge, wie du doch an alles denkst!« sagte Leidchen verwundert und bewillkommnete den neuen Hausgenossen mit einem Teller verdünnter Ziegenmilch.

Musch und Lustig konnten sich anfangs nicht gut riechen. Als aber beide ihre Tracht Prügel weg hatten, kam schnell eine Art Einvernehmen zustande, korrekt, wenn auch ohne Herzlichkeit.


Am Sonntagnachmittag war Gerd eben mal ins Dorf gegangen, während Leidchen nach dem Aufwaschen des Geschirrs auf dem Flett saß und die bei Tisch gebrauchten Messer und Gabeln putzte, wie sie es bei Frau Marwede gelernt hatte.

Da ging die Große Tür auf, ein Mädchen kam über die Diele und mit kurzen munteren Schritten gerade auf Leidchen zu. Ihre Hand nehmend, sagte sie, indem die kleinen runden Augen etwas verlegen dreinschauten: »Guten Tag, Leidchen, ich bin Sine. Ist Gerd zu Hause?«

Leidchen warf schnell einen prüfenden Blick auf die Schwägerin und sagte, ihr Bruder wäre eben ins Dorf gegangen, würde aber in einer Viertelstunde wohl wieder da sein. Sine möchte nur ablegen und näher treten.

Mit einer kurzen, lebhaften Bewegung nahm Sine die dunkelrote Wollkappe vom Kopf, strich sich mit den Händen glättend über das Haar und trat vor Leidchen in die Stube.

Hier nahmen die beiden Mädchen sich gegenüber Platz und musterten einander abwechselnd. Wenn die eine hinsah, blickte die andere weg.

Leidchen wunderte sich im stillen, daß so eine das Herz ihres Bruders hatte erobern können. Nach seinen Schilderungen und dem Maß seiner Verliebtheit hatte sie sich die Braut viel stattlicher und hübscher vorgestellt. Die war ja einen guten Kopf kleiner als sie selbst; ein »Buttaars«, wie die Leute zu sagen pflegten. Ihr Gesicht strotzte wohl von Gesundheit, aber für ihren Geschmack war es etwas zu rot und viel zu rund. Die Augen guckten ja wohl ganz grall, waren aber weder schwarz noch braun, sondern graublau, wie die meisten Augen. Daß die Deern niemals aus dem Moor herausgekommen war, verriet schon der Schnitt ihrer Kleidung.

Als Leidchen dies alles, nicht ohne eine gewisse Genugtuung darüber zu empfinden, festgestellt hatte, nahm sie der künftigen Schwägerin gegenüber etwas damenhaft Geziertes an, wie sie es einst ihrer Freundin Meta Stelljes abgeguckt hatte. Zur zweiten Natur, wie dieser, hatte es ihr aber in dem einen Jahre noch nicht werden können, sie mußte es von Fall zu Fall, wenn sie es nötig zu haben glaubte, annehmen.

»Bist du zu Fuß gekommen?« brach sie das allmählich drückend werdende Schweigen.

Sine zog ihr rundes Gesicht in die Breite und lachte: »Jaha, meinst du, es wär' ein Kutschwagen vorgefahren und hätte mich abgeholt?«

»Du könntest ja auch per Rad gekommen sein. Viele Fräuleins haben heutzutage ein Damenrad.«

»Ha, für so'n neumodischen Spielkram hab' ich kein Geld übrig. Wo ich was zu suchen hab', kann ich genug zu Fuß hinkommen.«

»Bist du mal in der Stadt in Stellung gewesen?«

»Nee. Ich bin mein Lebtag nicht aus dem Kuhstall herausgekommen.«

»Hm, das ist eigentlich schade.«

»Warum?«

»Es ist für unsereins ganz gut, wenn er mal ein bißchen umlernt.«

»Warum? So wie ich's hier gelernt hab', soll ich's ja doch mein Lebenlang gebrauchen.«

»Na ja, aber es schadet doch nichts ...«

»Ha, das ist nun zu spät. Die Hauptsache ist, daß ich 'n ordentlichen Bräutigam gekriegt hab'.«

Leidchen blickte peinlich berührt zur Seite.

Nach einer Weile begann sie wieder: »Ich hatte dich mir eigentlich größer vorgestellt.«

Sine lachte lustig auf: »Das kommt wohl davon, weil ich und Becka Zwillinge sind. Da mußten wir beide uns in die richtige Länge teilen, und dabei ist für jede nicht so viel geblieben. Aber ich bin groß genug, die meiste Arbeit ist für unsereins ja doch an der Erde.«

Auf der Diele wurden Schritte laut.

»Verrat mich nicht!« rief Sine und huschte hurtig wie ein Kathekerchen hinter den Ofen.

Gerd trat ein, die Sonntagspfeife im Munde, und setzte sich an den Tisch, um eine Zeitung zu lesen, die er sich aus dem Dorf mitgebracht hatte. Er interessierte sich für das, was in der Welt vorging, an müßigen Winterabenden sogar für die Reden, die zum Fenster des Reichstags hinaus gehalten wurden, hatte sich selbst aber noch kein Blatt bestellt, weil das Vierteljahr schon zu weit vorgeschritten war.

Plötzlich wurden ihm beide Augen von hinten zugehalten.

»Laß den Unsinn, Leidchen!« rief er unwillig, und packte die Hände. Da merkte er, daß sie für die Schwester zu kurz und dick waren, sprang auf und drückte seine Sine so fest an sich, daß sie kreischte. Er hatte sich nämlich im stillen den ganzen Tag nach ihr gesehnt und sich vorgenommen, wenn er sich in den Weltbegebenheiten umgesehen hätte, schnell auf das Rad zu steigen und sie noch zu besuchen.

Als er sie losgelassen hatte, sahen die Brautleute einander glückstrahlend in die Augen. »Sie ist doch gar nicht häßlich,« mußte Leidchen sich jetzt gestehen.

Diese fühlte bald, daß sie hier überflüssig war. Denn die beiden fingen an, von der Zukunft zu plaudern, und es schien ihr, als ob sie sich ihretwegen dabei einen gewissen Zwang auferlegten.

Sie stand auf und ging in die ungeheizte andere Stube, wo sie sich auf den Stuhl, der außer ihrer Kommode hier die ganze Ausstattung bildete und nachts ihre Kleider trug, an das Fenster setzte.

Was die beiden da drüben für ein Leben machten! Man sollte nicht glauben, daß Gerd, der auf einmal so lachen konnte, derselbe Gerd war, den sie von kindauf kannte.

Nach einer Weile ließ Sines muntere Stimme sich auf dem Flett hören. Leidchen hob horchend den Kopf.

»Da kocht sie sogar schon Kaffee!« brummte sie ärgerlich vor sich hin. »Na, meinetwegen gern. Ich bin hier ja doch bloß geduldet. Ich wollt', ich wär' überhaupt nicht erst hergekommen.«

Bald rief's hell von draußen: »Leidchen! Kaffee trinken!«

Leidchen rührte sich nicht vom Fleck und sah finster nach der Tür.

Da wurde diese aufgerissen, und Sine steckte ihr lachendes Gesicht herein. »Huh, was für 'ne leere Stube! Und wie kalt! Hast du nicht gehört? Ich hab' dich zum Kaffee gerufen.«

»Och, trinkt man immerzu ... Ihr seid doch wohl lieber allein.«

»Was schnackst du da für dummes Zeug?« rief die andere verwundert, kam hereingesprungen, legte den Arm schwesterlich um die Schwägerin und ließ ihr mit Bitten und Drängen keine Ruhe, bis sie aufstand und sich in die Wohnstube an den gedeckten Kaffeetisch führen ließ. Sine spielte die Wirtin und schenkte ein. Etwas Butterkuchen hatte sie auch mitgebracht, für jeden zwei Streifen. Sie war in der frohesten Laune und erzählte ein lustiges Stückchen nach dem andern. Gerd lächelte glücklich vor sich hin und sah immer wieder seine Schwester an, als wollte er sagen: »Nicht wahr? Das ist eine!« Und diese war liebenswürdig genug, sich zusammenzunehmen und zuweilen gequält mitzulächeln.

Nach solchem Plauderstündchen um die Kaffeekanne gingen die beiden Liebesleute ins Freie, wo Gerd der Braut seinen Bepflanzungsplan für das kommende Frühjahr darlegen wollte. Leidchen hielt sich zurück und wurde auch nicht zum Mitgehen aufgefordert.

Als sie die Kaffeetassen aufgewaschen und sich in der Wohnstube ans Fenster gesetzt hatte, sah sie die beiden jenseits der Felder zum Hochmoor hinansteigen. Die Gestalten hoben sich scharf gegen den grauen Novemberhimmel ab, Gerd nach seiner Art ein wenig vornüber gebeugt, und an seiner Seite das kurze, dicke End, das ihm kaum an die Schultern reichte. Sie trieben keine Zärtlichkeiten, gaben sich weder den Arm noch die Hand, aber die Einsame am Fenster empfand: das war ein Paar, das in herzlicher Zuneigung für gute und böse Tage sich treu und unzertrennlich verbunden fühlte.

Und gerade hinter den beiden drehten sich die Flügel der Mühle.

Ein bitteres Gefühl des Neides stieg in ihr auf, und sie empfand die eigene Lage schmerzlich weher denn je. Verzweifelt rang sie die Hände im Schoß.

Aber auf einmal biß sie die Zähne aufeinander, und ihre Züge nahmen den Ausdruck fast wilder Entschlossenheit an. Und ihr Gesicht hielt diesen noch fest, als sie bald darauf sich erhob, die Ziege besorgte und das Abendbrot richtete.

Als die beiden wiederkamen, streckte Sine Leidchen die Hand hin, um Abschied zu nehmen. Aber diese lud bestimmt und freundlich zum Abendbrot ein, und auch Gerd bestand darauf, daß sie nicht ungegessen fortginge.

»Graut dir nicht manchmal?« begann Sine, als sie um den Tisch saßen, zu Leidchen gewendet.

»Warum?« fragte diese leichthin.

»Oh, ich meine, wenn Gerd tagelang weg ist ... Bis zum nächsten Nachbarn sind's doch beinahe zehn Minuten.«

Leidchen hob die Schultern ein wenig.

»Du dumme Deern,« fiel Gerd ein, »das fehlt grad' noch, daß du mir das Kind bange machst. Du mußt's später auch allein hier aushalten, wenn ich über Land bin.«

»Oh,« sagte Sine, »wenn man verheiratet ist, ist das was anderes.«

Leidchen nagte an ihrer Unterlippe. Gerd warf seiner Braut einen strafenden Blick zu, den sie auch verstand, worauf sie mit den Augen um Verzeihung bat.

Als es anfing zu dämmern, machte Sine sich auf den Weg. Gerd wollte sie ein Stück begleiten und dann, ohne zu Hause noch wieder anzukehren, nach Nr. 40 fahren, um in der Nacht ein Schiff Torf zur Stadt zu bringen. Er hatte sich zu dem Zweck schon in sein Arbeitszeug gesteckt und schob das Rad neben sich her.

Eine Stunde, nachdem die beiden das Haus verlassen hatten, hüllte Leidchen sich in ihr Umschlagetuch und schlug mit festen Schritten den Fußpfad nach dem Dorfe ein. Ohne sich zu besinnen, trat sie über den Grenzgraben, und ohne Schwanken stieg sie vom Hochmoor in das bebaute Land hinab. Die Mühle wuchs immer größer vor ihr auf. Bald hörte sie auch das Sausen und Knarren der Flügel. Da blieb sie stehen und preßte die Hand auf das ungestüm pochende Herz.

Auf einmal sprang etwas an ihr auf, sie erschrak und stieß einen leisen Schrei aus. Es war Lustig, der den Ziegelstein, den sie vor das Hühnerloch gelegt hatte, wohl mit den Pfoten zur Seite gearbeitet hatte und ihr nachgelaufen kam.

Sie versuchte mehrmals, das Hündchen zurückzuscheuchen, aber wenn sie sich eben gewandt hatte, war es immer wieder bei ihr. Sie überlegte, ob sie es nach Hause bringen sollte. Aber schließlich sagte sie: »Meinetwegen komm mit,« und setzte ihren Weg fort.

Sie schlich jetzt auf den Zehen und näherte sich, das Wohnhaus im Bogen umgehend und links liegen lassend, der Mühle.

Plötzlich schrie Lustig gellend auf, ein großes dunkles Etwas hatte sich auf ihn gestürzt. Es gelang dem Kleinen aber, sich frei zu machen und unter einen Haufen Gerümpel zu flüchten.

»Wer da?« klang es soldatisch kurz von der Tür der Mühle her.

Da trat Leidchen schnell vor und in den Lichtschein, der von dort in das Dunkel fiel.

»Du hier, Leidchen?«

»Ja, du kommst ja nicht, ich hab' lange genug gewartet.«

»Ich habe wirklich noch keine Zeit gehabt. Aber wart', ich will erst die Bestie zur Ruhe bringen.«

Er packte die Dogge am Halsband und zerrte sie, mit Fußtritten nachhelfend, in die Mühle, deren Tür er hinter ihr schloß.

»Wo können wir ein ruhiges Wort miteinander sprechen?« fragte Leidchen, als er wieder zu ihr trat.

»Wir machen wohl am besten ein paar Schritte durch das Feld,« gab er zur Antwort. »Da sind wir am sichersten.«

Er schlug die Richtung ein, aus der Leidchen gekommen war. Vorsichtig schlichen sie am Hause vorüber.

Als sie dieses an die hundert Meter hinter sich hatten, blieb Leidchen stehen und tat einen tiefen Seufzer.

»Hermann ... Hermann ...«

»Ach ja, Leidchen ...« sagte er kleinlaut.

»Warum hast du mir nicht geschrieben? ...«

»Was sollte ich schreiben?«

»Und warum bist du nicht gekommen? Du hast es Gerd doch versprochen.«

»Es hat sich immer noch nicht recht gepaßt.«

»Tag und Nacht hab' ich auf dich gewartet.«

»Das tut mir wirklich leid. Wenn du wüßtest, was ich diese Zeit durchgemacht habe ...«

»Du? Wenn ich das sagte! ...«

»... Es tut mir alles so furchtbar leid.«

»Was?«

»Daß wir so leichtsinnig gewesen sind.«

»So redest du nun? Weißt du nicht mehr, was du mir früher gesagt hast?«

»Ach ja. Das war eben mein Leichtsinn. Ich hab' die Verhältnisse nicht bedacht.«

»Hermann ...«

»Ja, du hast allen Grund, böse auf mich zu sein.«

»Ich böse? ... Ich hab' dich noch immer lieb.«

Sie griff mit beiden Händen leidenschaftlich nach seiner Rechten, die er ihr nur widerstrebend überließ.

»Ich habe mehr als einmal um eine Stelle geschrieben,« begann er, »aber es ist nicht geglückt ... Und nun weiß ich, ich kann hier überhaupt nicht weg. Laß mich ausreden! Vater hat mir alles schwarz auf weiß gezeigt: Wenn ich fortmache, kommt die Mühle unter den Hammer ... und wenn ich dich nehme, ist's dasselbe.«

»Aber eure Mühle ist doch bloß ein totes Ding, da hängt das Glück und die Seligkeit nicht von ab.«

»Sie ist altes Familienerbe.«

»Wie oft kommt das vor, daß Menschen das aufgeben müssen und werden doch wieder glücklich und zufrieden! Dorten steht der Lichterschein von Bremen am Himmel. Da finden viele Tausende ihr ehrliches Brot, die nicht halb so gesund und stark sind als wir beiden. Hier bist du noch lange ein Knecht, dort vom ersten Tage an ein freier Mann. Reiß dich los, mach dich frei! Du sollst es nicht bereuen. Weißt du nicht mehr, wie wir letzten Sommer so glücklich waren ... als wir uns trafen im Bürgerpark und in dem Kahn saßen ... und in dem schönen Buchenwald ... und ... und ... Das kommt dann alles, alles wieder und wird noch viel, viel schöner ... Was hattest du damals für ein frohes, lachendes Gesicht! Es ist zu dunkel jetzt, ich kann dein Gesicht nicht sehen, aber das weiß ich so: jetzt sieht es aus wie das böse Gewissen. Komm, du sollst dein gutes Gewissen und deine lachenden Augen wieder haben. Komm, wir wandern die Nacht durch. Aber so komm doch!«

Sie hatte aufs neue seine Hand ergriffen und zog mit Gewalt an ihr, aber sie brachte ihn keinen Schritt vorwärts.

»Leidchen,« sagte er, »nicht so furchtbar hitzig! Laß doch los, du reißt mir ja den Arm aus. Was du da eben gesagt hast, das hab' ich selbst mir alles ja schon hundertmal überlegt ... Aber es geht nicht.«

»Du brauchst bloß zu wollen, dann geht es auch.«

»Es ist unmöglich ... Ich kann nicht ... Und ich will auch nicht ...«

»Sooo ... Du willst nicht ... Das ist was anderes ... So so so ... Du willst Tietjens Hermine nehmen.«

»Die Verhältnisse sind manchmal stärker als wir Menschen.«

»Die keine Haare mehr auf dem Kopf hat.«

»Woher weißt du das?«

»Ich hab' mal in der Heuzeit mit in ihrem Bett geschlafen. Aber sie hat die ganze Kommode voll Gold- und Silbergeschirr, und den Schrank voll seidener Kleider und viel, viel Geld. Ha, du kannst wohl lachen.«

»Leidchen, du glaubst doch wohl selbst nicht, daß ich es gern tue! Muß ist eine bittere Nuß.«

»Ja, ja, es ist 'ne wunderliche Welt. Ich kenn mich bald nicht mehr in ihr aus ... Was soll denn nun aus mir werden?«

»Du kannst mir glauben, es tut mir in der Seele weh ... Aber, Leidchen, du bist jung und von leichtem, frohem Gemüt. Du kommst da wohl über hinweg.«

»Ja, ich komm' ... da wohl ... über hinweg ...«

»Und ich will tun, was ich kann, und mehr, als die Gesetze verlangen, und alles freiwillig ...«

»Ach, kuck mal einer an! Das ist ja nett, daß wir uns nicht erst vor dem Amt gegenüberzustehen brauchen. Wieviel denkt ihr denn ungefähr, daß ihr anlegen wollt?«

»Das können wir später sehen, die Sache soll jedenfalls auf das nobelste geregelt werden. Es freut mich, Leidchen, daß du so vernünftig bist und so ruhig über den Fall denkst. Das ist ja auch das beste. So'n kleines Malheur hat manche, und wer jung und hübsch ist, findet immer noch eine anständige Unterkunft, vor allem, wenn auch etwas Geld da ist. Und hier bei uns im Moor wird so was ja auch nicht so genau genommen.«

»So! Nun endlich kenn' ich dich! Und da spuck' ich hin! Pfui, was du für ein schlechter, niederträchtiger Kerl bist! Pfui, pfui!«

Sie wandte sich, schlug ihr Tuch um den Kopf und rannte den Pfad dahin wie ein gehetztes Wild. Lustig humpelte auf drei Beinen hinterher.

Nach einer Weile drehte sie sich um, und noch einmal gellte es durch die Nacht: »Pfui, pfui, pfui!«