21.
Gerd war in der Nacht auf Dienstag zurückgekehrt.
Als Leidchen die Frühkost in die Wohnstube trug, war er noch dabei, sich anzukleiden. Sie nickte ihm stumm zu, und er wunderte sich, daß sie keine Frage stellte wie: »Na, bist du wieder da?« oder so ähnlich, wie ein Bremenfahrer das eigentlich doch verlangen kann.
Als sie am Tisch saßen, sah er ihr schärfer ins Gesicht. »Bist du krank?« fragte er nach einer Weile.
Sie schüttelte den Kopf, ohne ihn anzusehen.
»Ist jemand hier gewesen?«
Sie schüttelte wieder den Kopf.
Er wunderte sich über ihr sonderbares Benehmen, drang aber nicht weiter in sie ein und ging bald an seine Arbeit, die verschlammten Berieselungsgräben der Wiesen, Grüppen genannt, mit dem Spaten zu öffnen.
Beim zweiten Frühstück fiel es ihm auf, daß ihre Augen etwas Starres, an den Dingen vorbei Sehendes hatten. Da sie mit der Hausarbeit fertig war, nahm er sie mit auf die Wiese; denn es war milde, von leichtem Frost geklärte Luft. Sie tat die Arbeit, die er ihr anwies, wie eine Maschine, ohne die geringste Teilnahme. Wenn er sie einmal ansprach, hörte sie entweder gar nicht, oder er mußte seine Worte lauter wiederholen, und es wollte ihm scheinen, als müßte sie ihre Gedanken jedesmal erst aus der Ferne herbeirufen. Einmal, als er sie von der Seite heimlich beobachtete, erschrak er über den ins Ziellose irrenden Blick ihrer Augen. Doch er tröstete sich, das wären so Stimmungen, die bei den Frauensleuten kämen und gingen.
Aber dieser merkwürdige Zustand hielt die nächsten Tage an. Sie wandelte wie im Traum und erfüllte ihre Obliegenheiten fast wie ein Automat.
Gerd versuchte alles mögliche, sie aus diesem wunderlichen Zustand zu erwecken.
So brachte er eines Abends das Gespräch auf gemeinsame Jugenderlebnisse heiterer Art und lachte dabei mehr als sonst seine Weise war. Aber es gelang ihm nicht, ihr auch nur das leiseste Lächeln abzugewinnen. Wenn er, um sie zur Teilnahme zu zwingen, zwischendurch fragte: »Wie war dies, wie war das noch?« antwortete sie jedesmal in dem gleichen müden Tone: »Das weiß ich nicht mehr.«
Er kam auf allerlei Menschen ihres Bekanntenkreises zu sprechen und stellte über diesen und jenen Behauptungen auf, die zum Widerspruch reizen mußten. Aber sie, die ihm all ihre Lebtage so gern widersprochen hatte, ließ ihm jetzt auch das Törichtste hingehen.
Endlich fuhr er sein schwerstes Geschütz auf und fing von der Mühle und von Hermann an, ihr Gesicht heimlich dabei beobachtend. Aber in diesem veränderte sich keine Miene. Nicht einmal, als er erzählte, Tietjens wären Ende letzter Woche dort zu Besuch gewesen.
Da war er mit seinem Latein zu Ende, und es wurde ihm angst und bange.
In seiner Ratlosigkeit ging er zu Beta Rotermund, der treuen Nachbarin seines Elternhauses, und klagte ihr, wie er mit der Schwester zu Schick käme. Die gute Frau, die ihr Patenkind gleich in den ersten Tagen schon besucht hatte, versprach gern, noch einmal zu ihr zu gehen.
Als Gerd sich bei ihr erkundigte, was sie ausgerichtet hätte, sagte sie unter vielem Seufzen: »Leidchen war sehr verschlossen, ich konnte nicht viel aus ihr herausbringen. Aber ich glaube, sie hat kürzlich eine Aussprache mit Müllers Hermann gehabt und weiß nun, daß von ihm nichts mehr zu hoffen ist. Da muß sie sich erst hineinfinden, und das wird ihr nicht leicht werden, wo sie letzte Woche noch so voller Hoffnung war. Wir können ihr dabei nicht helfen, so was muß der Mensch allein mit sich und seinem Gott abmachen ... Ich hab' sie eingeladen, sie sollte mich mal besuchen und überhaupt mehr unter Menschen gehen. Aber da schüttelte sie nur den Kopf. Sie macht ganz den Eindruck, als ob in ihr etwas gestorben wäre.«
»Und was soll ich nun dabei tun, Rotermunds Mutter?« fragte Gerd.
»Hab' immer ein Auge auf sie, und sieh zu, daß sie genug zu tun hat und nicht zu viel grübelt. Vor allem aber mach' ihr keine Vorwürfe. Die macht sie sich selbst genug, und mehr als gut ist. Und sei immer freundlich und lieb mit ihr, das ist die Hauptsache.«
Gerd nickte und sagte: »Es paßt sich gut, daß wir den Torf so ziemlich los sind. Ich kann diese Zeit mehr bei Hause bleiben und brauche sie nicht so lange allein zu lassen.«
»Ja, das ist gut,« sagte Frau Rotermund.
Gerd widmete sich in den nächsten Wochen mit Eifer der Verbesserung seines arg verwahrlosten Besitzes, indem er die Entwässerungsgräben der Äcker reinigte und das Land mit der Hacke umriß, um es zu entquecken. Er nutzte die immer kürzer werdenden Tage nach Kräften aus, indem er, wenn es kaum tagte, mit der Arbeit anfing und sich erst Feierabend gönnte, wenn er nichts mehr sehen konnte.
Die Versuche, Leidchen umzustimmen und aufzuheitern, gab er, da einer nach dem anderen ergebnislos verlief, bald auf, indem er sich sagte: »Schließlich muß jeder seine Last selbst tragen.«
Einige Abende ließ er sich von ihr aus seinem Landwirtschaftsbuche vorlesen, dessen Lehren er ja nun auf eigenem Grund in die Praxis umsetzen wollte. Aber sie ging über Punkte und Kommas glatt hinweg, hielt mitten in den Sätzen inne, daß er den Sinn nicht fassen konnte, und las außerdem so eintönig, daß er, von der Arbeit im Freien ermüdet, meist nach zehn Minuten eingeschlafen war. Als sie eines Abends das Buch mechanisch wieder zur Hand nahm, sagte er: »Leg's man weg, wir wollen das lieber aufgeben. Ich merke ja, es macht dir doch keine Freude.«
So lebten sie einige Wochen nebeneinander hin. Zuletzt sahen sie sich fast nur noch bei den Mahlzeiten, die mit den abnehmenden Tagen immer kürzer wurden, und bei denen manchmal keine drei Worte gewechselt wurden. Gerd war, was das Schicksal der Schwester betraf, immer mehr in einen Zustand der Gleichgültigkeit und Teilnahmlosigkeit hineingeraten und sehnte die Zeit herbei, wo seine Hochzeit ihn von einer so unfreundlichen und undankbaren Hausgenossin befreien würde.
Zwischen Freimarkt und Weihnachten drängt sich die Gemeinde Grünmoor um den Abendmahlstisch. Das Brunsoder Jungvolk pflegt sich am zweiten Advent einzufinden.
Einige Abende vorher erinnerte Gerd seine Schwester daran und fragte, ihr ernst in die Augen sehend: »Nicht wahr, du gehst doch auch mit?«
Sie schüttelte stumm den Kopf.
»Es ist schon so lange her,« gab er zu bedenken, »daß du nicht mehr hingewesen bist.«
Leidchen schwieg.
»Ich glaube,« begann er noch einmal, mit einem werbenden Blick in ihre toten Augen, »es würde dir gut tun ... Und ich würde mich so freuen.«
»Bitte, Gerd, laß mich in Frieden,« sagte sie erregt, indem sie sich abwandte.
Da ließ er sie seufzend gewähren.
Am Sonntagmorgen trat er in seinem Abendmahlsrock vor sie hin und fragte: »Bin ich so ordentlich?«
Sie nahm mechanisch die Bürste vom Wandbrett und fuhr ihm damit einige Male über die Kleidung.
»Leidchen, noch wäre es Zeit ...«
Sie erwiderte nichts.
»Und wenn ich mal nicht lieb mit dir gewesen bin ...«
»Du hast dir nichts vorzuwerfen,« unterbrach sie ihn kurz.
Er ging. Sie setzte sich an das Fenster und blickte hinaus.
Auf dem Kirchdamm, der Gerds Stelle im Westen begrenzte, und von dem der Achterdamm und Hauptdamm rechtwinklig abzweigen, pilgerte die Brunsoder Jugend dem Kirchdorf zu, bald ein Trupp Burschen, bald ein Koppel Mädchen. Leidchen suchte ihre Schulkameradinnen, mit denen sie eingesegnet war, heraus. Es fehlte auch nicht eine. Ein Brautpaar hielt sich von den anderen gesondert. Als endlich noch jemand zu Rad angefahren kam, wandte sie sich jäh vom Fenster ab und ging mit erstarrtem Gesicht an häusliche Arbeiten.
Nach einer halben Stunde setzte sie sich wieder in die Stube, legte die Hände schlaff in den Schoß und sah wie abwesend vor sich hin.
Als sie so wohl eine Viertelstunde gesessen hatte, stand sie auf und holte sich aus der Kommode in der anderen Stube ihr Gesangbuch.
Sie legte es vor sich auf den Tisch und schlug es, den Kopf in die Hand gestützt, vorne auf.
Dem Titel gegenüber befand sich ein Bildchen. Der Herr saß mit den Elfen um den Tisch beim ersten Abendmahl. Judas ging eben zur Tür hinaus.
Sie hatte das Bild bisher kaum beachtet. Jetzt starrte sie es lange mit großen Augen an.
Dann schlug sie die Buß- und Beichtlieder auf und las ihrer eine ganze Reihe.
Alles, was in ihnen geklagt wurde von Sünde, Schuld und Strafe, wandte sie mit grausamer Wollust auf sich an. Über alles, was zum Preise der stärker sich erweisenden göttlichen Gnade und Vergebung gesagt und gesungen wurde, las sie mit dumpfen Sinnen hinweg.
Hin und wieder traf sie auf Verse, in denen eine aus dem Kerker befreite, von schwerem Druck erlöste Seele gar zu hell und freudig aufjubelte. Da war es ihr für Augenblicke, als wollte der Klang ein leises Echo in ihrer Seele wecken, als sähe sie in der Ferne eine Tür und schwaches Licht durch die Finsternis schimmern. Aber gewaltsam verschloß sie ihre Augen dagegen. Sie wollte in der dumpfen Starre, die seit Wochen, seit jener fürchterlichen Nacht, in der ihre letzte Hoffnung zusammenbrach, auf ihr lag und ihre Seele lähmte, verharren. Denn so war es am besten zu ertragen.
Gerd kam erst gegen drei Uhr, zurück. Sie waren ihrer an die fünfhundert Gäste um den Altar gewesen, und der bejahrte Pastor hatte im Austeilen von Brot und Wein eine Pause machen müssen, weil seine Kraft versagen wollte.
Er befand sich in befreiter, gehobener Stimmung und trat der Schwester mit warmer Herzlichkeit entgegen. Als er ihr aber in die kalten, toten Augen sah, erschrak er.
»Liebes Leidchen, so sag' mir doch endlich mal, was mit dir ist, ob ich dir nicht helfen kann.«
»Du kannst mir nicht helfen,« gab sie dumpf zur Antwort.
»Ach wärst du doch heute morgen mit mir gegangen!«
»Judas ging hinaus.«
Er sah sie entsetzt an: »Aber Kind, du bist doch kein Judas.«
»Kannst du das wissen?«
»Hast du denn ganz vergessen, was du gelernt hast? Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte und Treue.«
»Es gibt eine Sünde, die kann nicht vergeben werden, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt.«
»Aber Leidchen, Leidchen, was schnackst du da für schreckliches Zeug! Das ist doch bloß die Sünde wider den heiligen Geist.«
»Kannst du in mich hineinkucken? Kannst du wissen, ob ich die begangen habe oder nicht?«
»Oh, Leidchen, ich bitte dich, laß dir bloß nichts vorlügen vom bösen Feind. Wühl' dich nicht in einen solch schaurigen Wahn hinein!«
Er sah sie in heller Verzweiflung an.
»Komm, Junge, das Essen wird kalt,« sagte sie kurz.
Sie setzten sich an den Tisch. Gerd hatte einen tüchtigen Hunger mitgebracht. Aber jetzt war er ihm zum guten Teil wieder vergangen. Leidchen dagegen aß viel, und wie ihrem Bruder scheinen wollte, mit einer Hast und Gier, die ihr früher fremd gewesen waren.
Am Abend ging sie zeitig zu Bett. Gerd saß allein in der Stube, und auf einmal gewannen bittere Gefühle über ihn die Herrschaft. Er fragte sich, was er all die Jahre eigentlich von seiner Schwester gehabt hätte, und gab sich die Antwort: nichts als Arbeit, Sorge, Angst, Verdruß und Ärger. Als er sich dies mit Einzelheiten bewiesen hatte, fiel ihm plötzlich ein Wort ein, das der Pastor am Vormittag in seiner Beichtrede angeführt hatte: »Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen,« und er erneuerte die vor dem Altar gefaßten Vorsätze, der Schwester fortan wieder freundlicher und herzlicher zu begegnen, als in den letzten Wochen.
Zwei Tage später fand im oberen Dorf, auf Stelle Nr. 11, eine Zwangsversteigerung statt. Jan Brassen, ein Luftikus und Obenhinaus, einer von Heini Pepers besten Kunden, hatte sich in einem plötzlichen Anfall von Größenwahn ein Paar feuriger Rappen zugelegt und diese dann in einem halben Jahr zuschanden gejagt. Inzwischen war auch der Wechsel verfallen, und sein Hausrat sollte jetzt in die vier Winde gehen.
Gerd ging auch hin, in der Hoffnung, ein paar Stücke, deren Fehlen sich im Haushalt unangenehm fühlbar machte, billig kaufen zu können. An die hundert Menschen umstanden den Tisch des Auktionators, und da es halbjährigen Kredit gab und Schnaps soviel jeder trinken wollte, wurden wahnsinnige Summen geboten, für die man die meisten Sachen viel besser neu hätte kaufen können. Gerd ärgerte sich über den Leichtsinn der Leute und mußte im stillen dem Lehrer recht geben, der unter seinem lebhaften Widerspruch einmal behauptet hatte, in manchen Dingen wären die Moorleute noch die reinen Kinder, und die Unfertigkeit der Verhältnisse in den Kolonien im Gegensatz zu der Solidität der alten Geestdörfer träte oft erschreckend zutage. Er beteiligte sich deshalb überhaupt nicht am Bieten.
Ganz zuletzt hob der Ausrufer eine Handharmonika in die Höhe, und um etwaige Kaufliebhaber zu überzeugen, daß noch Töne drin saßen, spielte er schnell: »Ach du lieber Augustin, alles ist hin.« Die Leute lachten, Gerd aber, der ein solches Instrument längst gern besessen hätte, fing mit einem Taler an zu bieten, und bei fünf Mark wurde ihm der Zuschlag erteilt. Er bezahlte sofort und zog sehr erfreut mit seinem Schatz ab.
Unterwegs fiel ihm aus der biblischen Geschichte der junge David ein, wie der mit seinem Harfenspiel den bösen Geist von König Saul gejagt hatte. So ein böser Geist hatte ja auch seine Schwester besessen. Ob der am Ende vor dem Harmonikaspiel weichen würde? ... Das konnte ganz gut sein und wäre ja herrlich. Er zog schnell ein paar Akkorde und hatte mit solcher Hoffnung im Herzen an seinem Instrument noch einmal soviel Freude wie vorher.
Als er die Dorfreihe hinter sich hatte, fing er im Gehen an zu üben und wunderte sich, wie schnell die Töne sich unter seinen Händen zu Melodien formten. Zu Hause angelangt, brachte er das Weihnachtslied »O du fröhliche« schon fehlerfrei zustande und gab es seiner Schwester zum besten, sie dabei still beobachtend, und als er fertig war, fragte er: »Nicht wahr, es klingt doch schön?« Sie nickte, und dann spielte und übte er den ganzen Abend. Als sie eine Stunde nach dem Abendbrot aufstand, um zu Bett zu gehen, ärgerte er sich, daß sie ihm nicht länger zuhören wollte. Aber er suchte Trost in der Musik, indem er eine Elegie phantasierte und all seine Kümmernisse in den Harmonikaakkorden ausströmen ließ.
In der Nacht fiel Schnee und gleich so reichlich, daß er der Arbeit im Freien ein Ende machte. Gerd war sehr verdrießlich, denn nun konnte er bis Weihnachten nicht so weit kommen, wie er sich vorgenommen hatte. Er mußte jetzt die Tage untätig im Hause sitzen, worunter seine Laune sehr litt.
Eines Abends ärgerte er sich über das wunderliche Wesen der Schwester dermaßen, daß die Galle ihm überlief. Ich will doch mal sehen, ob es nicht möglich ist, den einen Teufel durch den anderen auszutreiben, sagte er zu sich, trat dicht vor sie hin, schlug mit der Faust dröhnend auf den Tisch und schrie ihr zu: »Ich lasse mir dies nicht länger so gefallen! Du häßliche, undankbare Deern, alles tue ich um deinetwillen, und du machst den ganzen Tag ein Gesicht, daß es nicht mehr anzusehen ist. Du hast es zehnmal besser, als du's verdienst. Wenn dir das hier bei mir nicht paßt, kannst du meinetwegen hingehen, wo du hergekommen bist, ich halte dich gewiß nicht. Was zu viel ist, das ist zu viel!«
Sie war zusammengezuckt, sah ihn mit großen entgeisteten Augen an und ging zur Tür hinaus.
Sein Zorn verrauchte so schnell, als er gekommen war, und die harten Worte taten ihm bald leid. Er schlug sich mit der Hand vor den Kopf und grübelte, auf einem Stuhl an den Tisch hingesunken, dumpf vor sich hin.
Nach einer Weile fuhr er plötzlich in die Höhe. War da nicht eben die Seitentür gegangen?
Er lief über die Diele und riß sie auf.
Wahrhaftig, da hob eine vermummte Gestalt sich gegen den Schnee ab.
Er rief: »Leidchen! Leidchen!«
Sie wandte sich nicht um.
Er hinter ihr drein. Sie am Arm fassend, rief er: »Aber Kind, wo willst du denn hin?«
»Ich soll ja gehen, hast du gesagt,« klang es tonlos aus dem Umschlagetuch, das ihr Gesicht verhüllte. »Ich will Tante Beta fragen, ob sie mich haben will.«
»Aber so hab' ich das ja gar nicht gemeint, es ist mir nur der Kopf mal verglippt, vergib mir die bösen Worte, du weißt doch, wie gut ich es mit dir meine. Nun komm doch.«
Er legte den Arm um sie und führte sie mit sanfter Gewalt in das Haus zurück.
Als sie in der Wohnstube anlangten, wo Leidchen sich auf einen Stuhl fallen ließ, stellte er sich vor sie hin und bat: »Bitte, liebe Schwester, kuck mir mal in die Augen!«
Sie hielt den Blick gesenkt.
»Sag' mal, kannst du denn gar nicht ein bißchen wieder vergnügt sein?«
»Ich kann mich nicht anders machen als ich bin. Du solltest mich man gehen lassen. Dann brauchst du dich nicht mehr über mich zu ärgern.«
»Davon ist keine Rede, wir beiden halten treu zusammen. Wenn es gar nicht anders geht, muß ich schließlich auch so zufrieden sein,« sagte er seufzend. »Vergiß das von vorhin. Du sollst kein böses Wort wieder von mir zu hören kriegen.«
So kam Weihnachten heran. Gerd hatte nicht daran gedacht, das Fest, dem die Stimmung in seinem Hause so gar nicht entgegenkam, besonders zu feiern. Aber in einer stillen, weichen Stunde beschloß er doch, der Schwester eine Ueberraschung zu bereiten, und kaufte kleine Geschenke. Und als er auf seinem Hochmoor zufällig ein schneebelastetes Tännchen entdeckte, hieß er es mitgehen. Am Spätnachmittag vor dem Heiligen Abend ging er ins Dorf, um vom Höker die nötigen Lichte zu holen.
Als er, seiner Heimlichkeit froh, nach Hause kam, suchte er die Schwester überall und fand sie endlich in ihrer Butze.
»Was, Deern? Du bist schon ins Bett gekrochen?«
»Ja.«
»Aber es ist doch Christabend. Da hilft dir alles nichts, du mußt wieder heraus.«
»Ach, Gerd, laß mich.«
»Zehn Minuten geb' ich dir noch, aber dann mußt du hoch sein.«
Und schon war er hinaus.
Er holte das Bäumchen, das er hinter dem Hause im Buschwerk verborgen hatte, steckte den Fuß in einen quadratisch ausgestochenen Soden Moostorf und stellte es in der Wohnstube auf den Tisch. Ein paar Äpfel und Kringel hatte er schnell in die Zweige gehängt und das Dutzend roter, grüner und weißer Lichte hineingesteckt. Seine Geschenke breitete er unter der Tanne aus: eine Brosche von derselben Art, wie er seiner Schwägerin Becka am Verlobungstag eine hatte schenken müssen, eine schwarze Schürze, einen Kamm, in die Haare zu stecken, und einen Teller mit Äpfeln und Nüssen. Von Herzen froh überblickte er seine Gaben und rieb sich die Hände.
Dann nahm er ein Licht, das er zurückbehalten hatte, und zündete die anderen damit an. Öfters trat er einen Schritt zurück, um sich an dem immer heller werdenden Glanz, der sein bescheidenes Stübchen erfüllte, zu erfreuen.
Als das volle Dutzend brannte, bog er ein Zweiglein mit der Spitze zu einer der Flammen, daß es knisternd und zischend den niedrigen Raum mit süßem Weihnachtsdunst durchräucherte, den er voll tiefen Behagens einsog.
Darauf nahm er die Harmonika von der Wand und schritt spielend über das Flett. In der anderen Stube war es noch dunkel. »Was?« rief er enttäuscht, »du liegst noch immer im Bett? Nun aber 'raus! Christkind ist da!«
»Ach Gerd, nicht für mich,« kam es müde aus der Butze.
»Für wen denn sonst? Grade für dich. Grade du hast es so nötig. Hu, hier ist's so düster und kalt, und drüben so warm und hell. Deern, was wirst du für Augen machen!«
»Gerd, bitte ... laß mich liegen.«
»Das wär' noch schöner!« rief er. Er holte ihre Hand unter der Decke hervor. »Wenn du nicht willig kommst, zieh' ich dich mit Gewalt heraus, und du mußt, wie du da liegst, im Hemde, mit. Leidchen, ich hab' mich so lange auf diesen Abend gefreut, du willst mir doch nicht die ganze Freude verderben? Nun komm aber schnell, die Lichter brennen sonst herunter.«
»Was für Lichter?«
»Die an unserem Christbaum natürlich.«
»Was? Du hast einen Baum?«
»Ja, für dich.«
»So—o? ... hm ... dann muß ich wohl kommen ...«
Er ging auf das Flett hinaus, setzte sich an den Herd und spielte Weihnachtslieder, den Blick träumerisch der geöffneten Wohnstube zugekehrt, aus der es weihnachtlich herüberglänzte.
Es dauerte nicht lange, so erschien die Schwester. Er legte den Arm leicht um sie und führte sie dem Lichterglanz entgegen. In der Tür blieben sie eine Weile schweigend stehen. Dann geleitete er sie an den Gabentisch.
»Hier hab' ich auch schöne Geschenke für dich,« sagte er froh. »Erst mal hier eine Brosche. Das Kreuz, weißt du, was das zu bedeuten hat?«
»Ja.«
»Und das Herz?«
»Natürlich weiß ich das.«
»Und der Anker?«
»Och, Gerd, wie sollte ich das nicht wissen?«
»Dann vergiß es auch nicht und denke immer daran: Ohne Glauben, Liebe, Hoffnung, kann kein Mensch das Leben zwingen. Halt her, ich stecke sie dir an ... Macht sich sehr fein, kuck mal in den Spiegel ... Oder magst du sie nicht leiden?«
Sie nickte traurig: »Doch, sie ist wunderhübsch.«
»Und dann ist hier eine Schürze. Kaufmann Nolte sagt, es wär' was extra Feines. Soll ich sie dir vorbinden?«
»Nein, danke, das kann ich selbst.«
»Und dann ist hier noch ein Kamm. Komm, ich steck' ihn dir selbst ins Haar ... Er sitzt wie angegossen. Und wie deine Haare auf einmal wieder glänzen ... wie gelbe Seide ... Und auch deine Augen haben wieder ihren alten Glanz ...«
»Das kommt wohl bloß von den Lichtern,« sagte Leidchen und wischte mit der Hand über ihre Augen.
»Laß es ruhig davon kommen, Deern, das schadet ja nichts ...«
»... Du hast mir so viel geschenkt, und ich habe für dich gar nichts. Ein Paar Strümpfe hatte ich angefangen, aber die letzten Wochen hab' ich sie liegen lassen.«
»Macht nichts. Wenn du dich bloß ein bißchen freuen willst, bin ich zufrieden.«
»Ja, das tu' ich ja auch ...«
»Mußt's aber auch wirklich und ordentlich tun.«
»Ach, Gerd, so mit Gewalt kann man das nicht. Das muß über einen kommen.«
»Ja, aber an diesem Abend, sollt' ich meinen, kommt es auch über jeden ordentlichen Christenmenschen. Und du bist doch kein Heidenkind ... Lang' mir erst mal unserer seligen Mutter ihre Bibel vom Wandbrett.«
Sie reichte ihm das ehrwürdige Buch, und er las das Weihnachtsevangelium, langsam und andächtig. Bei der Engelsbotschaft von der Freude, die allem Volk widerfahren soll, hob er die Stimme.
Eine Zeitlang schauten sie wieder still in das Lichtgeflimmer.
Dann griff er zu seiner Harmonika und sagte: »Nun wollen wir auch mal ein Lied singen. Welches möchtest du am liebsten?«
»Es ist mir einerlei.«
»Na, denn mal los: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit.«
Er zog ein paar Akkorde und setzte dann kräftig mit der zweiten Stimme ein. Aber die erste blieb aus.
»Du sollst mitsingen,« sagte er ärgerlich, Gesang und Spiel unterbrechend, »wir haben doch immer so schön zweistimmig gekonnt.«
»Fang' bitte noch einmal an ...«
Und nun stimmte sie mit ein, erst zag und leise, allmählich kräftiger werdend, und sie sangen alle drei Verse.
Wieder schauten sie schweigend in den Glanz der Kerzen, eine lange Zeit ...
Endlich fragte sie leise, den Blick zu Boden gesenkt: »Weißt du noch? ... heute vor drei Jahren? ...«
Er sandte einen schnellen Blick zu ihr hinüber und sagte ebenso leise: »Ja ... daran habe ich auch schon gedacht ...«
Plötzlich barg sie ihr Gesicht in die Schürze und fing an zu weinen. Bald warf ein wildes Schluchzen ihren Körper hin und her, das zuletzt wieder in ein leises Weinen überging.
In Gerds feucht schimmernden Augen war der Widerglanz einer großen, stillen, tiefen Freude.
Als sie endlich ihre Augen getrocknet hatte, begann er:
»Liebe Schwester, ich habe mich oft gefreut, wenn du fröhlich lachtest. Aber über dein Lachen habe ich mich niemals so gefreut, wie eben über die Tränen, die du da geweint hast ... Ich hab' mal in einem Buch gelesen, in der heiligen Weihnacht fingen Glocken, die mit versunkenen Städten tief unten im Meer liegen, leise an zu klingen. Das mag wohl sein ... Du sprachst vorhin von heute vor drei Jahren ... Da wollen wir wieder anknüpfen, und was dazwischen liegt, als einen bösen, häßlichen Traum ansehen ...«
»Wenn das nur so ginge ...«
»Es geht, Leidchen. Ganz gewiß, es geht! Ich meine doch, dazu ist der Heiland ein Kind geworden, daß wir auch wieder Kinder werden können. Nein, laß mich ruhig ausreden. ›Christ ist erschienen, uns zu versühnen‹, haben wir vorhin gesungen. Und ich meine, das sollen wir einfach glauben ... Du hast's diese Zeit mit Grübeln, Sorgen und Grämen versucht. Und was ist dabei herausgekommen? Du hast dich damit nur immer tiefer in dein Elend hineingearbeitet, und mir ist manchmal angst und bange um dich gewesen. Nun versuch's doch mal auf die andere Art. Glaub' ganz einfach dem Heiland, der zu einer, die es viel schlimmer getrieben hatte, gesagt hat: ›Sei getrost, meine Tochter, deine Sünden sind dir vergeben.‹ Das fasse tief in dein Herz, und dann quäl' dich nicht länger, sondern fang' frisch von neuem an.«
Sie wandte den Kopf nach dem Fenster, ihre Augen suchten das Dunkel. Aber in den unverhangenen Glasscheiben spiegelte sich derselbe Lichterbaum, den sie in Gerds Augen hatte glänzen sehen, und die ganze Stube füllte er mit seinem wunderbaren Licht. Es war gar nicht möglich, seinem Glanze auszuweichen.
Nach einiger Zeit nahm sie des Bruders Hand und sagte: »Weißt du was, Gerd? Ich glaube, es war gut, daß ich mal tüchtig geweint habe.«
Er nickte: »Hab' ich's nicht gesagt?«
»Das hab' ich nämlich lange nicht gekonnt. Es lag mir hier über dem Herzen immer wie ein Mühlstein. Ich fühl' wohl noch, wo er so lange gedrückt hat, aber ich glaube beinahe, jetzt ist er da nicht mehr. Es ist mir auf einmal so leicht ...«
»Gott sei Dank!« sagte er mit leuchtenden Augen, indem er selbst wie von zentnerschwerem Druck befreit aufatmete.
Nach einer Weile sprang er auf seine Füße, sah sie überglücklich an und rief:
»Weißt du, Leidchen, wozu ich beinah Lust hätte?«
»Na?«
»Noch einmal mit dir rund um den Baum zu tanzen, wie vor Jahren!«
Sie lächelte trübe. »Das wollen wir doch lieber lassen.«
»Na ja, man kann ja auch so vergnügt sein. Deern, ich bin jetzt beinah fröhlicher als vor drei Jahren. Ich glaube, der Mensch muß erst mal tief in die Hölle hinab, um zu wissen, was rechte Freude ist.«
Er reckte und streckte die Arme von sich, und seine Augen glänzten, nicht bloß vom Christbaum, so recht von innen her.
»Aber Deern,« sagte er dann, »einen Gefallen mußt du mir tun: mir mal meine Pfeife stopfen!«
Sie sprang auf und ging mit leichtem, schwebendem Schritt in die Stubenecke, wo Pfeife und Tabaksbeutel hingen. Mit frohen, lächelnden Augen sah er ihr zu, wie sie den Pfeifenkopf reinigte und füllte.
Als sie ihm den fertigen Brösel brachte und ein schwelendes Zündholz dazu, sagte er: »Das pust' man wieder aus. Dies ist 'ne Friedenspfeife, 'ne Freudenpfeife, die steck' ich mir an unserem Weihnachtsbaum an.«
Bald mischte sich mit dem Tannen- und Kerzenduft der seines Knasters, das Pfund zu fünf Groschen. Der Torf im Ofen glühte, die Lichter strahlten Wärme, dem Munde des Schmökers entquollen braungelbe Wolken. Das alles ergab eine Temperatur und Atmosphäre in dem niedrigen Raum, die nicht ganz einwandfrei waren. Aber niemand dachte daran, Tür oder Fenster zu öffnen. Grad' so war es sehr weihnachtlich und über die Maßen gemütlich.
Sie hatten längere Zeit geschwiegen, als Leidchen mit schmerzlicher Wehmut sagte: »Gerd, wieviel hast du doch mein ganzes Leben durch an mir getan ... Und von mir hast du nichts gehabt als Sorge und Mühe und Verdruß ...«
Er sog nachdenklich an seiner Pfeife. Seine Augen schauten zwar in den Lichterglanz, schienen aber noch mehr nach innen geöffnet zu sein.
»Das kannst du doch wohl nicht sagen,« begann er nach einer Weile. »Was Menschen einander geben und voneinander nehmen, das kann man doch wohl nicht so glatt ausrechnen wie ein Rechenexempel ... Das Beste, was einer von dem anderen hat, glaub' ich, kennt er am Ende selbst am wenigsten ...«
Er stützte den Kopf über dem Tisch in die Hand und fuhr aus tiefem Sinnen heraus fort: »Wenn ich so über mein Leben nachdenke ... es war doch nicht bloß Torfbacken und Solospielen ... es war ein Zug in die Höhe darin, glaub' ich ... Und ich möchte sagen: der Faden, der mich führte und zog, der ging durch deine Hand ...«
Sie sah ihn verwundert und ungläubig an. Er nahm ihre Hand und zog sie sanft auf seine Knie herüber.
Nach längerem Schweigen fuhr er mit seinem Lächeln fort: »Ja ja, ihr Frauensleute! Was meine Sine ist, die hat mich sozusagen erst richtig zu einem Menschen gemacht ... Aber als ich sie noch nicht kannte, da hatte ich dich ... Wenn ich dich nicht gehabt hätte, ich glaube, dann wäre nichts Rechtes aus mir geworden ... Für mich mußtest du wohl auch gerade so sein, wie du warst und bist, und nicht anders ... Ich glaube wirklich, ich habe viel mehr von dir gehabt als du von mir ...«
Sie schüttelte lächelnd den Kopf und wollte etwas erwidern. Aber er sagte, ihr tief in die Augen sehend: »Leidchen, darüber wollen wir uns nicht weiter streiten. So was läßt sich wirklich nicht auf der Wage abwiegen. Und es bleibt ja auch in der Familie.«
Die Lichter brannten allmählich nieder, die größere Hälfte war schon erloschen.
Als wieder einmal eins sterben wollte, sagte Leidchen wie im Traum: »Übers Jahr ... wie es dann hier wohl aussieht?«
Gerd malte sich das Bild mit frohen, bunten Farben aus. Dann saß Sine hier mit ihm unter dem Christbaum. Wenn die Lichter sich in ihren grallen Augen spiegelten, das mußte eine Lust sein. Was er ihr wohl schenken würde? Und sie ihm? ... Vielleicht um Weihnachten herum schon so was ganz Liebes, das ein Jahr später dann mit süßen Äugelein in den Lichterglanz blinzelte und mit runden Patschhändchen nach den Kringeln langte, die Sine ihm in die Zweige gehängt hatte ...
Plötzlich dachte er an seine Schwester und erschrak.
Er sah zu ihr hinüber.
Sie saß, die Hände im Schoß gefaltet, und ihre großen braunen Augen schauten in das zuckende Licht. Aber sie schienen weit, weit darüber hinaus zu irren.
Er legte seine Hand zart und leicht auf die ihren. Sie schien es nicht zu merken.
Da zog er ihre Linke auf sein Knie und drückte sie, erst sanft, dann etwas stärker.
»Leidchen ...« sagte er mit großer Wärme und Innigkeit.
Da wandte sie sich ihm zu und sah ihn groß an.
»Lieber Bruder,« kam es wie ein Hauch von fernher über ihre Lippen.
»Wo warst du eben?«
»Ich? ... Ich weiß nicht ... Ich glaube, weit, weit weg ...«