22.
Die Wintermonate gingen ihren stillen Gang.
Das Wetter war, kürzere Frostperioden abgerechnet, Gerds Arbeiten günstig, und er nützte die Zeit denn auch nach Kräften aus. Mit leichtem, frohem Herzen stand er jetzt meistens bei seinem Tagewerk. Denn wenn ihn auch manchmal eine tiefe, schmerzliche Trauer aus Leidchens Augen anblickte, die dumpfe Starrheit war von ihrer Seele gewichen, und Ausbrüche wilder Verzweiflung kehrten nicht wieder. Nie kam ein Wort der Klage oder Bitterkeit über ihre Lippen. Still und unverdrossen tat sie ihre Arbeit und wurde geradezu erfinderisch, ihn durch kleine Überraschungen zu erfreuen. Seine Lieblingsgerichte erschienen so oft auf dem Tisch, daß er, um nicht mit ihnen überfüttert zu werden, bald andere Speisen dazu erklären mußte. Er hatte es jetzt gänzlich aufgegeben, sie zu schulmeistern und zu bevormunden. Die Art, wie sie ihr Schicksal trug, machte sie ihm fast verehrungswürdig, und vor ihrer Mutterschaft empfand er etwas wie heilige Scheu. Mit keinem Wort, ja kaum mit Gedanken, wagte er daran zu rühren. Die Verantwortung, die er für die Schwester fühlte, erstreckte sich auch schon auf das kleine Menschenwesen, das unter ihrem Herzen wurde.
Des Abends lasen sie sich meist abwechselnd vor.
Auch das dicke Buch in gepreßtem Schweinsleder mit Messingbeschlag, das die ersten Ansiedler von der Geest in die neue Heimat begleitet hatte, nahmen sie nicht selten vom Wandbrett. »Erst wenn man etwas durchgemacht hat,« sagte Gerd eines Abends, als er es schloß, »fängt man an, dieses Buch zu verstehen und lieb zu haben.« Und Leidchen nickte zustimmend.
Gerd brannte darauf, was er von der Wirkung künstlicher Düngemittel in seinem Lehrbuch gelesen hatte, gleich im ersten Jahre als selbständiger Landwirt zu erproben. So fuhr er denn Mitte Februar, als die Wasserläufe eben wieder frei geworden waren, zur Stadt, um sich eine Ladung zu holen, wie es für Moorland empfohlen wurde. Er war stolz darauf, daß er, der jüngste Besitzer des Dorfs, hiermit den Anfang machte. Im ganzen Kirchspiel war er der zweite; ein vorwärtsstrebender Landwirt auf der Südseite hatte schon im letzten Jahre mit Versuchen begonnen. Es hieß, daß die Moorversuchsstation in Bremen demnächst in der Sache vorgehen und die Königliche Regierung Beihilfen geben würde, um den vorsichtigen und mißtrauischen Bauern Mut zu machen. Jenen zuvorzukommen, freute ihn noch ganz besonders.
Als er seine Last den Schiffgraben hinaufschob, gesellte sich ein alter Torfbauer zu ihm, Jan Barrenbrock mit Namen, den Gerd aber nur als Barrenbrocks Opa kannte. Dieser pflegte sich zu rühmen, in seinem Leben mehr Torf gemacht zu haben, als die Brunsoder alle. Wenn man ihn ansah, konnte man das auch wohl glauben. Seine mittelgroße Gestalt schien stark der Torfkuhle zugekrümmt, und an der linken Hand saßen ihm taubeneigroße Gichtknoten. Daß er der weißen Rasse angehörte, konnte fast zweifelhaft erscheinen, da die Farbe seines Gesichts stark in die des wichtigsten Landesprodukts hinüberspielte. Spötter meinten, der Torfstaub säße ihm in der Haut wie dem Neger die schwarze Farbe; andere wollten wissen, der alte Wühler wüsche sich nur an den großen Festtagen, und auch dann mit viel Schonung, weil er dafür halte, die Schicht Torf um das Fell herum erspare ihn im Ofen. Ein Worpsweder Maler, der einmal einen rechten, echten Jan vom Moor aus der guten alten Zeit malen wollte, war glücklich, als er Barrenbrocks Opa entdeckte, und der Alte pflegte mit seinem pfiffigsten Lächeln zu erzählen, so leicht wie bei dem dummen Kerl hätte er in seinem Leben kein Geld verdient: drei Groschen die Stunde, und Tabak, soviel als er nur hatte schmöken können.
Da Torfstaub die Menge, Wasser aber wohl nie den Weg in seine Ohren gefunden hatte, war er recht schwerhörig und brüllte Gerd an, als ob er einen Stocktauben vor sich hätte:
»Was hast du da im Schiff?«
»Künstlichen Dünger!« brüllte Gerd zurück. »Kainit und Thomasschlacke!«
»Kainit? Kenn' ich nicht. Was noch?«
»Thomasschlacke!«
»Und damit willst du düngen?«
»Ja, Opa!«
»Ha! Da bin ich aber ein ungläubiger Thomas.«
»Kann sein, daß Ihr noch mal ein gläubiger werdet!«
»Ich? Na, da lauer' auf, mein Junge! Als du die ersten Windeln naß machtest, hatt' ich bald meine tausend Hunt Torf herausgemacht.«
»Das kann stimmen!«
»Als ich so'n Bursch war, wie du nun bist, mußten wir ihn noch mit bloßen Füßen pedden. Euch jungen Gästen heutzutage wird's schon in den warmen Hollschen zu viel.«
»Ja, Opa, die Welt ändert sich. Und hier bei uns im Moor wird sich noch vieles ändern. Wir wollen nicht ewig Torfbauern bleiben, können's auch gar nicht, denn der Torf wird bei kleinem alle. Wir wollen rejalige Landwirte werden und das Hochmoor kultivieren und zusehen, daß wir genug Grünland bei Hause kriegen und nicht die Tage und Nächte auf der Hamme zu liegen brauchen. Das läßt sich jetzt alles machen, denn mit dem künstlichen Dünger können wir größere Flächen in Kultur nehmen als mit dem bißchen Kuh- und Schweinemist. Ihr sollt sehen, Opa, wenn Ihr noch ein halb Stieg' Jahre kregel bleibt, es bricht eine ganz neue Zeit für unsere Gegend an!«
»Wo hast du die Weisheit her?«
»Aus Büchern.«
»Aus Büchern!« wiederholte der Alte in ehrlichster Verachtung und spuckte in schönstem Bogen, wie ihn nur die ältere Generation noch fertig bringt, in den Schiffgraben.
»Besucht mich mal im Julimond, dann sollt Ihr was zu sehen kriegen!«
»Hä, dazu tu' ich keinen Schritt aus dem Hause. Mit so 'nem neumodischen Kram will ich nix nich zu tun haben, hähä.«
Der Torfbauer alten Schlages ging höhnisch lachend und überlegen kopfschüttelnd seiner Wege, indes der junge Moorbauer arbeits- und hoffnungsfroh seinen Schatz, von dem er sich so große Dinge versprach, seinem Besitztum zuschob.
Die nächsten Tage fiel bei der Windstille ein weicher, warmer Regen. Da schritt er, einen Sack vor sich, die zubereitete Hochmoorfläche auf und ab, säte aus einem alten Fausthandschuh Kainit und Thomasschlacke gemischt und sah im Geist die Zeit kommen, wo seine achtzehn Morgen, von denen jetzt kaum der dritte Teil kultiviert war, in frischem Grün prangten und reichen Ertrag brachten. Er selbst würde diesen Tag wohl nicht mehr erleben, aber ihm für Kinder und Kindeskinder ein gut Stück entgegenzuarbeiten, dafür wollte er alle Kraft einsetzen.
So rückte die Osterzeit heran.
Am Sonnabend vor der stillen Woche trafen Gerd und Sine sich mit Becka und ihrem Bräutigam in Grünmoor, um zusammen in das Pfarrhaus zu gehen und das Aufgebot zu bestellen. Am Freitag der vollen Woche nach dem Fest sollte die Doppelhochzeit gefeiert werden.
Als der Pastor sich die nötigen Aufzeichnungen gemacht hatte, sagte er lächelnd: »Hoffentlich mache ich bei der Trauung nicht wieder solchen Kohl wie bei eurer Konfirmation.«
»Das Unglück wäre so groß nicht,« meinte Gerd. »Wo die eine mit gewaschen ist, da ist die andere mit abgetrocknet.«
Sine gab ihm einen Stoß in die Rippen, weil er so was in der Studierstube vom Herrn Pastor zu sagen wagte. Denn ihr hatte beim Eintreten das Herz stark gepuckert.
Der würdige Herr meinte gutgelaunt: »Na, wir wollen sehen, daß jeder zu dem Seinen kommt. Es ist am Ende doch besser.«
Als die vier gehen wollten, bat er Gerd, noch einen Augenblick zu bleiben.
»Wie geht es Ihrer Schwester?« fragte er, als sie allein waren.
»Danke, Herr Pastor ... jetzt geht es ... Ich habe allerhand mit ihr durchgemacht, aber jetzt hat sie mit Gottes Hilfe wohl das Schwerste überstanden.«
Der alte Mann sah ihm aufmerksam in die Augen. Er schien sich über den jungen Menschen, den er lange nicht mehr aus der Nähe gesehen hatte, zu wundern.
Mit leisem Aufseufzen fuhr er fort: »In einer so großen Gemeinde von fast fünftausend Seelen erlebt man ja allerlei. Aber selten ist mir etwas so nahegegangen ... Das liebe, schöne, hochbegabte Mädchen ...«
Gerd blickte stumm zu Boden.
»Was meinen Sie, wenn ich mal bei Ihnen vorspräche ...«
»Nichts für ungut, Herr Pastor, aber wenn's Ihnen einerlei ist, möcht' ich lieber, Sie besuchten mich mal, wenn ich erst verheiratet bin.«
»Hm ... ich meinte nur wegen Leidchen ...«
»Ich glaube, die hat ein anderer in Pflege genommen, und wir tun am besten, wenn wir den still gewähren lassen.«
Der alte Herr sah den jungen Bauern mit seinen großen dunklen Augen aufs höchste verwundert an. Und seine weißen, weichen Hände hielten die braune harte Arbeitshand ein Weilchen mit warmem Druck fest, indem er sagte: »Grüßen Sie Ihre Schwester herzlich von mir.«
»Danke, Herr Pastor,« antwortete Gerd froh überrascht, »das will ich gern tun, und Leidchen wird sich sehr darüber freuen.«
Am Nachmittag des zweiten Ostertages sprach Bruder Jan am Achterdamm vor.
»Gerd,« sagte er, »Bäcker Michaelis, unser bester Kunde, schreibt mir eine Karte, daß er morgen notwendig einen halben Hunt Torf haben muß. Ich hab' nicht mehr ganz so viel, aber Nachbar Rotermund will mir zuleihen. Du bringst das Schiff diese Nacht wohl eben hin ...«
Gerd brummte: »Mensch, heute ist doch noch Ostern.«
Jan zuckte die Achseln: »Deine Dienstzeit bei mir geht erst Donnerstag zu Ende. Ich bin dir doch auch oft zu Willen gewesen.«
Der andere sagte zögernd: »Eigentlich geh' ich heute überhaupt nicht gern aus dem Hause. Leidchen fühlt sich nicht ganz wohl.«
»Meinetwegen kannst du gern fahren,« mischte sich die Schwester ein. »Es ist bloß ein bißchen Kopfweh. Das hab' ich schon öfters gehabt.«
»Du hast auch einen heißen Kopf.«
Sie griff sich an die Backe: »Das kommt wohl davon, weil ich ein bißchen stark eingeheizt habe.«
»Deern,« sagte Jan, »Du kriegst doch nicht die Infallenzia? Die spukt jetzt wieder im Dorf herum.«
»Das wollen wir nicht hoffen,« rief Gerd erschrocken, die Schwester besorgt ansehend.
»Ach was,« sagte sie leichthin, den Kopf schüttelnd. »Heut abend vorm Zubettgehen koch' ich mir eine Tasse Fliedertee, und morgen bin ich fein wieder auf dem Damm.«
»Na,« meinte Jan, »wir wollen das Schiff wohl laden; denn kommst du also nachher.«
Sie aßen noch zusammen Abendbrot. Gerd mußte die Schwester immer wieder ansehen. Ihre zarten Wangen waren ein wenig gerötet, die großen braunen Augen glänzten, und er dachte: Was hat sie doch einmal für ein liebliches Gesicht!
Sie stand vom Tisch auf und holte zwei dicke Äpfel. »Es sind die letzten,« sagte sie, »ich habe sie für dich gespart, du kannst sie unterwegs aufessen.«
Er steckte den einen in die Tasche und nahm ihre Hand. Es war ihm auf einmal so weich ums Herz, und er sagte zärtlich, sie warm anblickend: »Leidchen ... es war eigentlich doch eine schöne Zeit, die wir beiden hier allein miteinander gewirtschaftet haben. Es tut mir beinahe leid, daß sie zu Ende geht.«
»Na, na?« sagte sie lächelnd. »Wenn das man wahr ist ...«
»Aber du sollst sehen, zu dreien wird es auch ganz gemütlich ... Weißt du noch? Früher war das zwischen uns beiden immer wie zwischen Hund und Katze.«
»Ach ja.«
»Das ist nun ganz anders ...«
»Ja, wenn die Katze so zahm gemacht wird ...«
»Ach nein, Leidchen, davon kommt das nicht allein. Wir haben beide etwas zugelernt. Wir haben uns jetzt erst recht miteinander eingelebt und verstehen einer den andern nun besser. Lieb gehabt haben wir uns im Grunde ja immer, auch früher, als es manchmal nicht so wollte. Nicht wahr?«
»Ja natürlich.«
»So können wir sagen: das Böse hat doch auch ein klein bißchen Gutes im Gefolge gehabt ... Und das ist wohl meist so ... Diesen anderen Apfel mußt du essen. Ich hab' an dem einen genug.«
Als er aufbrechen wollte, sagte er: »Soll ich nicht lieber Trina bitten, daß sie morgen früh mal nach dir sieht?«
Sie schüttelte lebhaft den Kopf: »Ach nein, die möchte ich hier nicht gern haben.«
»Oder Tante Rotermund?«
»Nein, nein, Gerd. Die ist so nicht die stärkste, und sie soll für nichts und wieder nichts zweimal den weiten Weg laufen? Sei nicht so albern, mir fehlt ja gar nichts. Mein Kopfweh ist schon weg, ich brauch' mir gar keinen Fliedertee mehr zu kochen.«
»Kind, noch immer der alte Leichtsinn? Das mußt du mir wenigstens versprechen, daß du dir tüchtig Fliedertee machen willst. Mutter selig half sich auch immer damit.«
»Na denn man zu, ich koch' mir einen großen Topf voll, bloß dir zu Gefallen.«
Er hatte die Türklinke schon in der Hand. Aber noch einmal begann er: »Nun geh auch gleich zu Bett und decke dich ordentlich zu. Du kannst morgen alles liegen lassen und tüchtig ausschlafen. Ja, meinetwegen kannst du den ganzen Tag im Bett bleiben, wenn du nur zwischendurch eben die Tiere versorgen willst. Schlaf schön, und gute Besserung! Auf fröhliches Wiedersehen übermorgen früh. Ein bißchen zu essen kannst du mir hinstellen, es wird wohl Mitternacht werden, bis ich heimkomme.«
Er nahm ihre Hand.
»Du, deine Hand ist ja ganz heiß.«
»Aber Gerd, du machst es ja genau so wie die alten Weiber, die auch immer und immer noch wieder stehenbleiben.«
»Na, denn gute Nacht! Aber vergiß mir den Fliedertee nicht! Du mußt ihn so heiß trinken, wie du ihn nur eben herunter bringen kannst.«
»Kuck an! Du bist doch noch immer der gute alte Schulmeister und strenge Vormund. Was einmal im Menschen drin steckt, das kommt auch nicht heraus.«
Er drohte ihr lächelnd mit dem Finger und ging nun wirklich.
Um sich die langen Stunden der nächtlichen Fahrt zu kürzen, stellte Gerd allerhand Betrachtungen an. Er rechnete aus, daß er in seinen Dienstjahren an die dreihundert Bremerfahrten für Jan gemacht hatte. Die zurückgelegten Strecken reichten aneinandergefügt gewiß bis nach Amerika.
Wenn er nun wieder die Hamme hinabfuhr, ging es auf eigene Rechnung, mit dem Torf, den er und Sine in den Honigwochen herausgemacht hatten ... Alle Wetter, das sollte ein lustiges Torfbacken werden!
Leidchen paßte auf das Haus und bestellte das Gemüseland. Dann konnten sie beide die Tage ordentlich ausnützen und es wohl auf fünfzehn bis zwanzig Hunt bringen. Das brachte ein schönes Stück Geld, das dann wieder in die Verbesserung der Ländereien hineingesteckt werden konnte.
Später mußte die Huntzahl natürlich kleiner werden. Nur sich nicht von dem alten Schlendrian des Raubbaus auf Torf unterkriegen lassen! Nur ja keinen Betrieb wie der, auf den Barrenbrocks Opa stolz war! Aber erst galt es einmal, in Gang zu kommen. Aller Anfang ist schwer.
Im Bremer Torfhafen angelangt, wickelte er sein Geschäft so schnell ab, als es möglich war. Nachdem er sich darauf eine Stunde Ruhe beim Kaffee gegönnt hatte, trat er die Rückfahrt an.
Sie war recht mühsam, denn Wind und Strom arbeiteten entgegen. Als er den Giebel seines Häuschens gegen den blauen Himmel ragen sah, war Mitternacht längst vorüber.
Mit frohem Aufatmen trat er über die Schwelle.
Da kam Lustig angelaufen und sprang winselnd an ihm empor. Und alsbald meckerte die Ziege im Stall, und die Ferkel, die er vor kurzem gekauft hatte, stießen grunzend und quieksend gegen ihre Tröge.
Herr du mein Gott, die Tiere haben Hunger!
Mit zitternden Knien wankt er über die Diele und öffnet die Tür zu Leidchens Stube. Stehenbleibend horcht er mit angehaltenem Atem in die Finsternis hinein.
Von der Schlafbutze her kommt Stöhnen und wirres Reden.
Er greift sich an die Taschen und sucht Schwefelhölzer, findet aber keine.
Er greift sich an den Kopf, um sich zu besinnen, wo er welche finden kann. Mit bebenden Händen tastet er die Herdwand ab.
Endlich kann er eine Lampe anzünden.
Wie er sich der Butze nähert, gellt es ihm entgegen: »Weg, weg mit dir, du schlechter Mensch!«
Von Grausen gepackt, tritt er noch zwei Schritte vor.
Ein Anblick bietet sich ihm, der ihn zurückprallen und das Blut in seinen Adern erstarren läßt. Er muß mit beiden Händen zugreifen, um die Lampe nicht fallen zu lassen. Zwei Sekunden steht er regungslos starr.
Dann wendet er sich, läuft über die Diele, reißt das Rad aus dem Kuhstall, zündet die Laterne an.
Eine halbe Minute später saust er schon den Kirchdamm entlang durch die Nacht.
Vor der Häuslingskate von Nr. 10 springt er ab und pocht stürmisch an das Fenster. Gleich darauf wird dieses von einer jungen Frau in Nachtkleidung geöffnet.
»Ich bin ... nach der Stadt gewesen ... Leidchen hat ... ihre schwere Stunde gehabt ... Komm so schnell ... du kannst.«
»Ich komme auf der Stelle,« sagt die Frau und verschwindet.
Zehn Minuten später hämmert er gegen Beta Rotermunds Kammerfenster.
Die Frau kreischt hell durch die Nacht. Auch sie will sich sofort auf den Weg machen.
»Soll ich den Doktor holen?«
»Wart' damit noch. Wir wollen erst sehen, ob es nötig ist.«
»Aber Leidchen redet irre. Ich glaube, sie ist schwer krank.«
»Dann ist es doch wohl besser ...«
Die Birkenstämme des Dammes blitzen im Lichtschein der Laterne, die an ihnen entlang rast. Der Fahrer liegt keuchend auf der Lenkstange.
Der Arzt ist über Land geholt.
Eine ganze Stunde muß Gerd warten. Erst sitzt er in dem Vorzimmer, in das ein Dienstmädchen ihn gewiesen. Dann geht er hinaus und schreitet die Straße vor dem Hause auf und ab. Im kühlen Hauch der Vorfrühlingsnacht ist es erträglicher.
Endlich Wagengerassel in der nächtlichen Stille.
Das Gefährt hält. Gerd tritt an den Schlag und spricht mit dem Arzt. Der murmelt einen Fluch und befiehlt dem Kutscher, die Pferde zu wechseln.
Gerd schwang sich wieder auf sein Rad. Er war jetzt ruhiger geworden und fuhr ein mäßigeres Tempo.
Als er zu Hause ankam, graute der Morgen.
Auf dem Flett traf er Beta Rotermund.
»Wie steht's?« fragte er mit Herzklopfen.
»Oh ... ziemlich gut. Leidchen ist aber sehr schwach. Geh nur hinein und sag' ihr Guten Morgen. Aber viel sprechen darfst du nicht.«
»Redet sie auch nicht mehr irre?«
»Nein, sie ist jetzt ganz vernünftig.«
Er trat auf Zehenspitzen in die Stube. In einem Steckkissen zwischen zwei Stühlen lag das Kind, das er mit einem schnellen Blick streifte.
Sie lag mit geschlossenen Augen, das schmale, bleiche, schöne Gesicht tief in den Kissen.
»Liebe, liebe Schwester ...«
Sie öffnete die Augen, sah zu ihm auf und hauchte: »Gerd ... Bruder ...«
Wie er ihr die Hand reichte, hielt sie diese einige Augenblicke mit leisem, warmem Druck fest.
Dann trat er von ihrem Lager zurück und verließ die Stube, um das Vieh zu versorgen. Den ersten Heißhunger der Tiere hatte Beta Rotermund schon gestillt.
Bald erschien auch der Arzt. Als er aus dem Zimmer der Kranken kam, fing Gerd ihn auf der Diele ab. Er war ein Mann von wenig Worten und murmelte, wie für sich, etwas von hochgradiger Herzschwäche, Influenza, wobei er die Schultern anzog und fallen ließ. Das Kind wäre gut einen Monat zu früh geboren, würde bei sorgfältiger Pflege aber wohl durchkommen.
Gerd wunderte sich über sich selbst, wie ruhig er die schlimme Nachricht aufnahm. Nach der furchtbaren Erschütterung der letzten Nacht konnte er einiges vertragen.
Er stieg noch einmal auf sein Rad, um die Arznei von der Apotheke zu holen.
Gegen Mittag war ganz Brunsode und Umgegend auf den Beinen. Eine solche Riesenhochzeit, wie Müllers Hermann sie heute mit der reichen Bauerntochter aus dem Hammetal feiern wollte, hatte Brunsode noch nicht gesehen. Ein brautväterlicher Ochse und drei fette Schweine bester Mühlenmast hatten ihr Leben lassen müssen. An die fünfzig Butterkuchen waren gebacken, sechs Hektoliter Bier angefahren. Drei Hochzeitsbitter hatten zu Rad die Gegend abgestreift und das ganze Dorf und in den benachbarten Kolonien alles, was zur Kundschaft der Mühle gehörte, zum Feste gebeten. Die beiderseitige Verwandtschaft bis ins dritte und vierte Glied, die Müller des Moores, die Kaufleute und Lieferanten, der Getreidehändler in Bremen, Pastor und Küster waren durch gedruckte Karten mit Goldrand geladen. Man erwartete an vierhundert Gäste. Über die Hofbrücke spannte sich eine Tannengirlande mit einer Papptafel, die mit weißen Buchstaben auf rotem Grunde »Willkommen zum frohen Feste« bot. Tür und Fenster der Mühle waren frisch und hell gestrichen, die würdige Matrone sah munter drein, als wollte sie den Festgästen zurufen: »Nun halte ich's erst mal wieder eine gute Weile aus.«
Um zwei Uhr fand auf der Großen Diele die Trauung statt. Die Leute, die dicht gedrängt bis über das Einfahrtstor hinaus standen, sangen tapfer zu den schmetternden Klängen einer zwölfköpfigen Musikkapelle: »Wer nur den lieben Gott läßt walten.« Der alte Pastor machte seine Sache ziemlich kurz und so wenig rührend, daß die etwas angejahrten Brautjungfern nicht einmal mit Schick die bereitgehaltenen Tränen los wurden. Der beleibte Brautvater meinte nachher, etwas mehr könnte man von einem studierten Mann für sein gutes Geld wohl verlangen.
»Sing, bet und geh auf Gottes Wegen« sang die Hochzeitsgesellschaft, und die Feier war beendet. Während das junge Paar die Glückwünsche entgegennahm, trat der alte Müller mit unterwürfiger Miene auf den Pastor zu und sagte: »Nicht wahr, Herr Pastor, Sie tun uns doch die Ehre an und essen einen Teller Suppe mit uns?«
»Ich danke,« sagte der Geistliche kurz, »es paßt mir heute nicht.«
»Aber Sie können uns doch nicht die Unehre antun, daß Sie gleich wieder wegfahren!«
»Ehre und Schande, Herr Vogt, tut ein jeder sich selbst an, mein' ich,« sagte der alte Mann ernst.
Damit packte er seinen Chorrock in die Tasche und schritt durch die sich bildende Gasse auf die Große Tür zu, vor der sein Wagen wartete.
Als er am Achterdamm vorüberfuhr, stand Gerd Rosenbrock in schwarzer Kleidung und mit traurig-ernstem Gesicht am Wege und bat ihn, in sein Haus zu kommen und der Schwester Kind zu taufen.
Während sie dem Hause zuschritten, fragte er: »Herr Pastor, Sie haben wohl nicht zufällig Ihre Abendmahlssachen bei sich?«
Der alte Herr nickte: »Die führe ich auf solchen Fahrten immer mit mir, für alle Fälle.«
»Das ist gut,« sagte Gerd erfreut, »meine Schwester wollte nämlich auch gern das Heilige Abendmahl feiern. Aber sie ist sehr schwach ...«
»Dann werden wir es ganz kurz machen,« versetzte der Pastor.
»Darum wollte ich eben gebeten haben,« sagte Gerd.
In dem sauber gekehrten und mit weißem Sand gestreuten Krankenzimmer hielt Gerd das Kindchen über das weiße Schälchen mit braunem Moorwasser. Außer ihm walteten als Paten Beta Rotermund und die junge Hebamme. Der Täufling erhielt den Namen »Gerd«.
Darauf wandte der Pastor sich der Mutter des Kindes zu. Mit leiser Stimme richtete er an sie ein paar herzliche Worte, stellte eine Frage, auf die sie ein Ja hauchte, sprach ein Vaterunser und die Einsetzungsworte, reichte ihr Brot und Wein und hob die Hände über sie zum Segen.
Bald nachdem er das Zimmer verlassen hatte, fiel die Kranke in einen Schlaf, der bis gegen Abend anhielt.
Als sie erwachte, verlangte sie nach dem Kinde.
»Wir dürfen es dir nicht geben, der Arzt hat es verboten.«
»Aber sehen darf ich es doch ...«
Da holten sie es aus der andern Stube, zeigten es ihr, und die Hebamme erklärte mit Kennermiene, es wäre ein fixer und kerngesunder Junge.
Als die Frauen ihn wieder wegbrachten, sagte die Kranke: »Bitte, lieber Bruder, laßt das arme Kind nicht für seine Mutter büßen.«
»Aber Leidchen, wie kannst du so was bloß denken ... Dein Kind ist mein Kind ...«
»O Gerd, was bist du gut, was bist du gut ... Ich habe aber noch etwas auf dem Herzen.«
»Was denn, Kind?«
»Daß du kein Geld nimmst ...«
»Och Leidchen ... ich weiß nicht recht ...«
»Wenn du einen Groschen nimmst, muß ich mich im Grabe umdrehen.«
»Aber Kind, doch nicht so hitzig!«
»Sein Geld ist verflucht! Ich hab' ja noch dreihundert Taler, dafür kriegst du das Kind wohl beinahe schon groß ... Gerd, du hast so viel Gutes an mir getan. Nun erweise mir noch die eine große Liebe: gib mir die Hand darauf, daß du keinen Pfennig annimmst.«
Ein paar Sekunden zögerte er noch und sah ihr in die brennenden Augen. Endlich reichte er ihr stumm die Hand.
Die junge Frau ging nach Hause, Beta Rotermund wollte die Nacht über wachen helfen.
In den späten Abendstunden stellte sich Fieber ein.
»Es ist hier so heiß wie in der Hölle,« stöhnte die Kranke. »Macht doch mal ein Fenster auf.«
»Es wird wohl nicht ziehen,« sagte Beta Rotermund. Da stand Gerd auf, ihren Wunsch zu erfüllen.
»Mir ist immer, ich höre Musik,« sagte Leidchen nach einer Weile, »Gerd, spielst du da auf deiner Harmonika?«
»Ach, Leidchen, wie kannst du so was denken ...«
»Aber es ist ganz gewiß wahr, ich höre Musik.«
»Deern, Deern, das bildest du dir wohl bloß ein,« sagte Beta Rotermund beschwichtigend. »Das kommt einem manchmal so vor, und ist bloß ein Sausen in den Ohren.«
»Wenn ich es nicht ganz deutlich hörte! Seid ihr denn alle beide taub? Da ist irgendwo Musik, ganz lustige Musik ... tralala hopsasa ... Man könnte fein danach tanzen ... Gerd, tanz' doch mal ein bißchen, mit Sine. Ich hab' heut' keine Lust. Und mit mir will auch keiner tanzen ... kein einziger ...«
Die Kranke streckte die nackten Arme in die Höhe und warf sich dann zur Wand herum.
»Das machen die Fieber,« flüsterte Beta Rotermund, Gerd starrte entsetzt ins Leere.
Die Kranke wälzte sich auf die andere Seite und ihre Augen suchten den Bruder: »Ach, da bist du ja, Gerd. Das ist man gut ... Ich weiß jetzt wohl, was das für Musik ist ... schweigt man stille ... jaja, ja, ja ... 's ist 'ne wunderliche Welt.«
Nach einiger Zeit begann sie wieder: »Gerd, du hast mir immer so schön was vorgespielt. Bitte, nimm deine Harmonika und spiel mir noch ein einziges Mal ein bißchen vor, so schön wie du kannst ...«
»Ach Leidchen ...«
»Ich bitt' dich darum, den kleinen Gefallen kannst du mir wohl tun. Setz' dich man draußen an den Herd, dann klingt es nicht so laut ... Wie Christabend, als du mich zum Weihnachtsbaum holtest ...«
»Ach Leidchen ...«
»Ich möcht' gern ein bißchen Ruhe haben, und ich glaub', dabei kann ich schön einschlafen.«
Beta Rotermund bedeutete ihm mit den Augen, ihr zu Willen zu sein. Da stand er auf und ging.
Das Flett lag im Dunkel, und er zündete auch kein Licht an. Auf dem Herd glühten noch ein paar Kohlen, in deren Schein die Metallteile seines Instruments schimmerten.
Und er spielte mit langgezogenen, weichen Akkorden: Stille Nacht, heilige Nacht ... Nun sich der Tag geendet ... Wenn ich einmal soll scheiden ... Und legte, wie nie zuvor, seine ganze Seele in das einfache Spiel.
Die Stubentür ging auf, Beta Rotermund trat, mit der Lampe in der Hand, auf die Diele. Sie sah so tiefernst aus, daß er jäh im Spielen innehielt. Die Frage, die er über die Lippen zu bringen sich scheute, legte er in seine Augen. Und sie nickte stumm.
Er sprang in die Höhe. Aber sie sagte leise: »Laß uns lieber noch etwas warten und ihr die Ruhe gönnen.«
Da setzte er sich wieder hin, und die Frau zog sich einen Stuhl an den Herd. So saßen sie und schauten regungslos in die verglühenden Kohlen, wohl eine Viertelstunde lang.
Endlich rührte sich Beta Rotermund, und Gerd fragte: »Was meint Ihr, Mutter, soll ich hin und Euch jemand zur Hilfe holen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Laß nur, Gerd. Wen wolltest du holen? Sie sind alle auf der Hochzeit. Und dann gibt es hier so'n Gekakel und Geschnacke, das kann ich diese Nacht nicht gut haben. Ich bin allein wohl Manns genug, mein Patenkind anzukleiden.«
Die gute Frau machte sich an die Vorbereitungen, Gerd ging, nach einem kurzen Besuch im Sterbezimmer, in die Wohnstube.
Eine Weile starrte er mit den trockenen, rotumränderten Augen, die tief in ihren Höhlen lagen, vor sich hin ... bis es sich in ihnen löste und ein heißer Strom von Tränen sich über seine Wangen ergoß.
Aus der Ferne klang das Gejohle und Gekreische angezechter Hochzeitsgäste.
Als der kleine Gerd in seinem Steckkissen anfing zu wimmern, stand der große Gerd auf, machte ihm die Milchflasche zurecht, probierte und steckte sie ihm ins Mündchen. —
Lehrer Timmermann, der gleich bei seinem Amtsantritt mit der Gepflogenheit seines Vorgängers, bei den Begräbnisfeierlichkeiten rührselige Reden zu halten, gebrochen hatte, ließ einen Choral singen und las den neunzigsten Psalm. Warum seine Stimme heute so bedeckt und rauh klang, das wußte in der großen Trauergemeinde nur ein einziger.
Ein guter Teil von denen, die vor vier Tagen auf der Nachbarschaft die seit Menschengedenken großartigste und lustigste Hochzeit gefeiert hatten, weinten jetzt reichliche Tränen in die Sacktücher hinein.
Unter dem herrlichsten Frühjahrshimmel wurde Leidchen Rosenbrock zu Füßen des dunkelgrünen Wacholders, an der Seite des schon eingesunkenen Grabhügels ihrer Mutter, zur Ruhe gebettet. Den Gesang der Kinder und die Worte des Geistlichen übertönten fast die Jubellieder der Lerchen hoch oben in der lichten Bläue.
Gerd, Sine, Becka und ihr Bräutigam verließen zusammen den Friedhof. Vor dem Tore blieben sie stehen, und Gerd sagte: »Wollen wir die Hochzeit nicht lieber um ein paar Wochen hinausschieben?«
»Das wird wohl nicht gehen, es ist schon zu viel vorgerichtet,« sagte Becka.
Und ihr Ebenbild, zu Gerd gewendet: »Wir beide können ja gleich nach der Mahlzeit aufbrechen.«
Da nickte er langsam und sagte nichts weiter dagegen.
Es war nur eine Kaffeehochzeit mit knapp sechzig Gästen. Vor die lange, aus Wagenbrettern gebildete, mit Hausmacherlinnen gedeckte Festtafel hatte man quer einen Tisch gestellt, an dem die beiden jungen Ehepaare nebeneinander saßen. Vor jedem brannte ein Paar Lichter und stand ein Teller mit einem Zweipfundstück Butter, die aber nicht angeschnitten wurde; denn es gab ja kein Butterbrot, sondern Butterkuchen, ganze Berge.
Sine hatte den würdigen Pfarrherrn zum Tischnachbarn. Der war heute sehr aufgeräumt, trank erst drei Tassen Kaffee, dann ein Glas St. Julien Fasson und brachte mit diesem sogar ein Hoch aus. Auch seine Traurede hatte allgemein befriedigt. Es waren Tränen mehr als genug vergossen, und die glücklichen Bräute hatten tüchtig geholfen. Alle Frauen von Herz und Gemüt fanden es auch gar zu rührend, daß die guten Kinder, die jedermann gern hatte, an einem Tag die Myrtenkrone trugen.
Als die Tafel aufgehoben wurde, rüstete das eine Paar zum Aufbruch.
»Bleibt noch eine Stunde,« bat der Brautvater.
Aber Sine, mit einem Blick nach den Augen ihres Eheherrn, sagte: »Laßt uns man reisen. Es ist meinem Mann so lieber.«
Von der ganzen Hochzeitsgesellschaft begleitet, gingen sie zum Nachbarhof hinüber, wo ein Einspännerwägelchen bereit stand. Als sie aufgestiegen waren, drängte sich alles heran, ihnen noch die Hände zu drücken. Indem das Jungvolk ein halbgedämpftes Juhuhu hören ließ, ermunterte der Fuhrmann seinen Gaul zu einem Zuckeltrab, der sich jedoch schnell zu einem sehr gemächlichen Schlenderschritt beruhigte.
Als der Wagen nach zweistündiger Fahrt hielt, saß hoch oben in der höchsten der beiden das Haus schirmenden Tannen eine Amsel und begrüßte das Einzug haltende Pärchen mit dem süßesten Willkommenssang. Ihr Besitztum, das sie sich durch Fleiß und Sparsamkeit erworben hatten, lag im Glanz des schönsten Frühlingsabends vor ihnen. Ehe sie durch die Große Tür eintraten, legte Gerd den Arm um sein Weib und las, wie bei dem ersten Einzug, aber mit einem anderen Klang der Stimme: »Unsern Eingang segne Gott.«
Damit die jungen Eheleute mit der Arbeit erst mal tüchtig in Gang kämen, hatte Beta Rotermund den kleinen Gerd für den Sommer zu sich genommen. Sie sagte, es machte ihr Freude, nach so langer Pause sich mal wieder mit solch lüttjem Wurm abzuplagen. So 'ne alte Frau würde dabei wieder ein bißchen jung mit.
Auf keiner Stelle in Brunsode wurde diesen Frühling und Sommer über so tüchtig, ernst und froh gearbeitet, wie auf der kleinen am Achterdamm. Als die Jahreszeit fortschritt, erschienen viele Leute, um Gerds Kulturerfolge zu bewundern. Auch Barrenbrocks Opa kam eines Tages angetöffelt. Wie Gerd ihm das üppige, blaugrüne Kleefeld auf seinem Hochmoor zeigte, brüllte er: »Du willst mir vorschnacken, der Klewer kommt von dem Dreckzeug, das du um Lichtmessen in deinem Schiff hattest? Dazu mußt du dir 'n Dümmeren suchen, hä hä.« Gerd lachte und gab sich weiter keine Mühe, den alten Bock herumzukriegen.
Nach der ersten Heuernte kamen zwei wackere Kühe in den Stall. Im Laufe der Jahre ist der Viehbestand stetig gewachsen, zurzeit bis auf sechs Kopf.
Eine große Freude bereitete es Gerd, als er, kaum siebenundzwanzig Jahre alt, zum Gemeindevorsteher von Brunsode gewählt wurde. Heini Peper hatte stark gegen ihn agitiert, der junge Müller aber, worüber viele sich wunderten, für ihn gestimmt. Seine Wahl war um so bemerkenswerter, als er nicht in der Hauptreihe saß.
Er hat es in seiner neuen Würde nicht nötig, sich wie sein Vorgänger die Schriftstücke und Steuerberechnungen im Schulhause anfertigen zu lassen. Aber mit dem Lehrer Timmermann, der eine Küstertochter aus einem benachbarten Kirchspiel geheiratet hat und nicht daran denkt, sich versetzen zu lassen, verbindet ihn nach wie vor treue Freundschaft. Die Leute sagen: »Der Schulmeister und Vorsteher regieren zusammen das Dorf.« Aber sie wissen auch, daß sie sich dabei nicht schlecht stehen. Es wird auf Zucht und Ordnung gehalten, Dämme und Wasserstraßen sind in bestem Stand, und wenn eine hohe Staatsregierung mal etwas für die armen Moorgemeinden tun will und Gelder flüssig macht, wissen die beiden so darum zu schreiben, daß für Brunsode jedesmal ein erklecklicher »Bischuß« zu den Lasten abfällt.
Vor dem Hause am Achterdamm, das längst durch Anbau vergrößert ist und ein neues Strohdach, statt des von Ratten zernagten und geflickten, bekommen hat, und hellblauen Fachwerkanstrich dazu, spielen sorglos heiter ein stämmiger kleiner Gerd, ein süßes braunäugiges Leidchen, ein dicker pummeliger Jan, ohne den eine Moorfamilie ja nicht vollständig wäre, und noch ein paar blau- und braunäugige Flachsköpfe ... Bis das Leben auch sie an die Arbeit ruft und in den Kampf reißt. Möchten sie dann sich wacker tummeln und glücklich zurechtkommen!