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Geschwister Rosenbrock cover

Geschwister Rosenbrock

Chapter 3: 2.
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About This Book

The novel portrays life in a small moorland colony through detailed scenes of a village school, household routines, seasonal labor and social visits, following a pair of siblings whose daily struggles and community ties reveal local customs, domestic care, and moral choices. Vivid descriptions of weather, paths, and interiors frame episodes of youth, illness, hospitality and neighborly aid, while quiet observation and social detail illuminate changing relationships and the resilience of ordinary people.

2.

Vor der Brunsoder Schuljugend stand ein neuer Mann. Er war an der Weserkante zu Hause, kam frisch vom Seminar in Bederkesa, und die Kinder mußten ihn Herr Timmermann nennen.

Der junge Schulmann, noch in der ersten Begeisterung für seinen Beruf glühend, strengte die Stimme mehr als nötig an, war darauf bedacht, seine lang aufgeschossene Gestalt straff zu halten und gab sich redliche Mühe, aus den sanft blauen Augen energische Blicke zu schießen. Der rote Binsenarmstuhl, den sein wegen Kränklichkeit pensionierter Vorgänger schwarz und blank gesessen hatte, war für ihn nicht vorhanden, und dessen Schaubühne auf dem Fahrdamm hatte er noch nicht einmal entdeckt.

Aber heute ließ Herr Otto Timmermann doch des öfteren den Blick halbrechts über die Kinderköpfe zum Fenster hinausschweifen, jedoch weniger neugierig als träumerisch froh. Denn dort draußen war etwas sehr Hübsches zu sehen. Wo tagelang ein ödes, schweres Nebelgrau gedrückt hatte, da war heute auf einmal ein weißes, weiches, molliges Schweben. Der erste Schnee kam sachte zur Erde nieder, in so großen Flocken, wie der junge Mann sich nicht erinnerte, sie je gesehen zu haben, und so wunderbar weiß, daß die schönen glatten Birkenstämme drüben auf einmal schmutziggrau dagegen erschienen.

Herr Timmermann rieb sich voll Behagen die Hände. Nach den Jahren des kasernenartigen Seminarlebens zum erstenmal im eigenen Heim einzuschneien, so recht tief einzuschneien, mit dem Lieblingsschwesterchen, das ihm Haus hielt, und mit seinen Kindern, an denen er die mit redlichem Fleiß erworbenen pädagogischen Künste erproben sollte — er war der Mann danach, um so etwas zu schätzen.

Es traf sich gut, daß er sein Völkchen gerade nicht in allerhand Fernen und Höhen zu entführen brauchte. Der Stundenplan, der, säuberlich geschrieben, unter Glas und Rahmen an der Wand hing, schrieb nämlich Heimatkunde vor, und der junge Lehrer hatte am Abend vorher die Moorkolonie Brunsode, nachdem er ihre Belegenheit auf nachmittäglichen Spaziergängen erkundet, mit ihren Gehöften, Dämmen und Gräben fein rechtwinkelig und geradlinig, wie der Königliche Moorkommissarius Jürgen Christian Findorf sie vor vier Menschenaltern angelegt hatte, auf die Wandtafel gezeichnet. Dabei hatte er eigentlich nur an die jüngeren Jahrgänge gedacht, aber auch die Großen zeigten für das Kunstwerk seines Kreidestifts solches Interesse, daß er sie gern teilnehmen ließ und die Gelegenheit benutzte, ihnen den Unterschied zwischen den uralten, aus sagenhaftem Dunkel herüberkommenden Siedelungen der Geest und den jungen, künstlich und planmäßig angelegten Moorkolonien klarzumachen. Während der vier Wochen, die Herr Timmermann seines Schulamts waltete, waren seine Kinder noch niemals so Auge und Ohr gewesen, wie eben jetzt, und noch nie hatte ihm das Unterrichten solche Freude gemacht. Zuletzt stimmte er gar eine Art Hymnus auf das Moor an, das ihm nach den Lern- und Wanderjahren, wie es schien, schnell zur zweiten Heimat werden wollte. »Das Moor, liebe Kinder,« rief er begeistert aus, »hat noch eine schöne Zukunft. Wenn eure Urgroßväter, die als jüngere Bauernsöhne oder arme Häuslinge es wagten, in das wilde Sumpfland hinabzusteigen, einmal ihre Ruhekammern auf dem Kirchhof in Grünmoor verlassen könnten und die Dorfreihe mit den schmucken Häusern und den grünen Feldern dahinter entlang wanderten, was würden sie für Augen machen! Und wenn ihr Jungen die Hände nicht in den Schoß legt, sondern tüchtig weiter arbeitet, wird die Zeit kommen, wo das ganze einst so schaurige und verrufene Teufelsmoor in einen weiten, grünen, blühenden Gottesgarten umgewandelt ist. Ihr, Knaben und Mädchen, habt die schöne Lebensaufgabe, eure Heimat diesem Ziele näher zu bringen.«

»Das ist uns mal nett gelungen,« belobigte Herr Timmermann sich selbst und blickte, sich eine Pause gönnend, träumerisch in das Geschwebe der Schneeflocken, die sich weiß und weich auf das so zukunftsreiche, hoffnungsvolle Land legten.

»Nun wollen wir mal sehen, was ihr behalten habt,« begann Herr Timmermann, wieder zu den Kindern gewendet, und fing an, Wiederholungsfragen zu stellen. Aber da kam in die bislang so glatt und angenehm verlaufene Unterrichtsstunde plötzlich eine Störung.

»Adelheid, komm und zeig mir auf der Wandtafel mal unsere Schule!« hatte Herr Timmermann, seiner Zeichnung zugekehrt, gutgelaunt gerufen.

Aber es erschien keine Adelheid.

Sich herumwerfend, schoß er den schärfsten Pädagogenblick, den seine Augen zu versenden hatten, nach der dritten Mädchenbank hinüber: »Adelheid Rosenbrock! Schläfst du?«

Jetzt erhob sich, offenbar widerwillig, ein elfjähriges Mädchen und kam, das Mäulchen schief ziehend und die neuen Holzschuhe aus rotem Ellernholz über den Boden schleifend, langsam den Mittelgang daher.

»Zurück, marsch marsch, an deinen Platz! Ich will dir Beine machen.«

Trapp trapp — trapp trapp, machte das Ellernholz auf den Tannendielen.

»Wisch mir die ganze Schule nicht weg, du dumme Deern!« rief Herr Timmermann ärgerlich und fuhr sogleich mit der Kreide hinterdrein, um den Schaden, den die tappigen Finger angerichtet hatten, wieder gut zu machen. Dann sah er mit gestrenger Miene auf das vor ihm stehende Mädchen herab und sagte: »Was, Adelheid? Du willst dich hier auf den kleinen Trotzkopf hinaus spielen? Damit kommst du bei mir aber an den Verkehrten. Jetzt sagst du mir auf der Stelle, warum du nicht gleich kamst, als ich dich rief!«

»Weil ich überhaupt nicht Adelheid heiße!« stieß das Mädchen heraus.

Herr Timmermann hob die Hand mit dem Kreidestück ein wenig, um sie sogleich seufzend wieder sinken zu lassen.

»Ach, Mädchen, noch immer die alte Geschichte? Hast du denn ganz vergessen, wie ich dir das schon vor drei Wochen ausführlich erklärt habe? Leidchen ist überhaupt kein Name, sondern nichts als eine sinnlose Verstümmelung von Adelheid. ›Leidchen, Leid—chen‹, hör' doch nur, wie das klingt! Dagegen ›A—del—heid‹ ... was für ein Klang und Tonfall sitzt in diesem Wort! Und ist ein edler, altdeutscher Name, den schon die Gemahlin Kaiser Ottos des Großen führte, in der Geschichte bekannt als ›die schöne Adelheid‹.«

»Ich will aber doch Leidchen heißen,« erklärte das Mädchen verstockt und hartnäckig.

Der junge Schulmann zuckte ratlos die Achseln und wandte sich zu dem zweitobersten Jungen, der schon während seiner schönen Belehrung aufgezeigt hatte und auch jetzt noch mit ruhig aufgehobenem Finger sich zum Wort meldete.

»Was willst denn du, Gerd?«

»Als unsere Eltern noch lebten,« begann der Gefragte, der in Haltung und Auftreten etwas auffallend Bestimmtes hatte, »haben sie meine Schwester immer Leidchen gerufen. Auch der alte Lehrer hat sie nie anders genannt. Und gestern nach der Konfirmandenstunde hab' ich den Herrn Pastor gebeten, mal im Kirchenbuch nachzusehen, da steht's auch so in.«

Er blieb, eine Gegenäußerung erwartend, aufgerichtet stehen.

Bruder und Schwester, mit der gleich zu Beginn des Winterhalbjahrs vorgenommenen Namensveredelung durchaus nicht einverstanden, waren eins geworden, heute die Sache zum Austrag zu bringen, und schienen, nach dem Ausdruck ihrer Gesichter zu urteilen, zum äußersten entschlossen. Die ganze Schuljugend befand sich in gespanntester Erwartung, wie dies Ding ablaufen würde.

Herr Timmermann trat von einem Fuß auf den andern, drehte die Kreide zwischen den Fingern, zupfte an seiner Oberlippe, sah wie hilfesuchend hinaus in den Schneeflockentanz. Endlich machte er hmhm, errötete ein wenig und sagte mit gezwungenem Lächeln: »Na, Leidchen, denn lauf' hin und bleib' meinetwegen, was du bist!«

Triumphierend klappten die Ellernholzschuhe bankwärts. Der wackere Bundesgenosse bekam einen froh dankbaren Blick. Die Nachbarinnen machten der siegreich Zurückkehrenden achtungsvoll Platz, und eine flüsterte ihr ins Ohr: »Leidchen, du bist 'n ganzen Lork.«

Von diesem Augenblick an waren die Geschwister wie ausgewechselt. Sie meldeten sich zu den Antworten mit einem Eifer, daß der Lehrer sich zusammennehmen mußte, um sie auf Kosten der anderen nicht gar zu häufig zu fragen. Hei, wie konnten die braunen Augen der Deern blitzen! Und wenn bei einer Frage, die tieferes Nachdenken erforderte, die anderen Gesichter starr wurden, fing es in den ruhigen Zügen ihres Bruders an zu arbeiten, und wenn er dann in seiner sicheren Weise aufzeigte, traf er fast stets den Nagel auf den Kopf.

Neben Gerd Rosenbrock saß, als Erster der Schule, Hermann Vogt, der einzige Sohn des Müllers auf Nr. 1 unten im Dorf. Es war ein großer, wohlgenährter Junge mit breitem, frischem Gesicht, das zu dem scharfgeschnittenen, schmalen und farblosen seines hageren Banknachbarn einen starken Gegensatz bildete. Er trug eine graugrüne Joppe mit Hornknöpfen, und statt der landesüblichen Holzschuhe Lederstiefel. Auch besaß er schon eine Taschenuhr.

Als er heimlich nach dieser sah, fuhr der Lehrer auf ihn zu: »Ich hab dich jetzt oft genug gewarnt, die Uhr ist mir für drei Tage verfallen, her damit!«

Nach einigem Sträuben trennte der Junge sich von seinem Stundenglas, und ein Blick auf dieses sagte dem Lehrer zu seinem Schrecken, daß er wieder einmal eine Stunde um zehn Minuten zu lang ausgedehnt hatte. Er stellte noch schnell ein paar Schlußfragen, um darauf die Kinder schnell zur Frühstückspause zu entlassen.

Die schöne, weiche Schneedecke des Schulhofs wurde von hundert Holzschuhen zerwühlt, indem die Kinder, in Gruppen umherstehend und von einem Fuß auf den andern tretend, hastig die Butterbrote hinunterstopften, um möglichst schnell die Hände für den ersten Schneeballkampf des Winters frei zu bekommen.

Da näherte Leidchen Rosenbrock sich heimlich ihrem Bruder, einen dicken rotbackigen Apfel in der Hand.

»Schenk mir den Apfel, schöne Adelheid!« rief Hermann Vogt lachend, indem er ihr breitbeinig den Weg vertrat.

Die Umstehenden lachten. Das Mädchen stieß, halb ärgerlich, halb belustigt, mit dem Ellbogen die ausgestreckte Hand zurück. Gerd aber blickte grimmig von unten auf und knurrte im Kauen: »Paß auf, Windmüller, gleich auf dem Damm will ich dir die ›schöne Adelheid‹ einreiben.«

Der also Bedrohte erhob ein Gelächter, während Gerd den letzten Bissen wegdrückte, den ihm geschenkten Apfel in die Tasche steckte und sich bückte, um zwischen den Knien den ersten Ball zu kneten.

Eine Minute später standen die Kämpfer der beiden Dorfhälften sich auf dem Birkendamm gegenüber, und die Geschosse sausten scharf durch das ruhige Flockengeschwebe, klatschten gegen die Birkenstämme, verfingen sich im hängenden Gezweige, fehlten oder trafen ihr Ziel. Unten kommandierte Hermann Vogt in seiner lauten prahlerischen Weise, die vom oberen Dorf führte Gerd Rosenbrock, der mit jedem Wurf auf jenen zielte. Der aber wußte geschickt auszuweichen und quittierte für jeden an ihm vorbeisausenden Ball mit höhnendem Zuruf.

»Laßt uns den großschnauzigen Müller mal waschen,« raunte Gerd, des ergebnisarmen Fernkampfes müde, seinen Getreuen zu, die dazu sogleich bereit waren. Man sammelte in der Stille Munition, vorwärts marsch! ertönte das Kommando, und im Sturmlauf ging's mit wildem Kriegsgeschrei auf den Feind. Eine Salve aus nächster Nähe brachte diesen zum Weichen, nur der Führer hielt stand. Aber schon hatten feste Fäuste ihn gepackt, die verzweifeltste Gegenwehr half nichts, er mußte längelangs an den Boden, reichlicher Schnee wurde ihm unsanft in Mund, Nase und Ohren gerieben, in Nacken, Ärmellöcher und Hosenbeine gestopft, und derbe Püffe gab's ungezählt überher. Es war keiner im oberen Dorf, der den Müller leiden mochte. Den ganzen Übermut der unteren wohlhabenderen Dorfhälfte, die im Bauernmal ihre Väter oft genug überstimmte, sahen sie in ihm verkörpert, und mit wahrer Wollust besorgten sie es ihm bei dieser Gelegenheit einmal gründlich.

Als Herr Timmermann Freund und Feind wieder friedfertig durcheinander vor sich auf den Bänken hatte, wandte er sich, nicht ohne ein wenig boshaft zu lächeln, an seinen Schulobersten, der prustend und triefend, mit krebsrotem Gesicht und zerzaustem Haar auf seinem Platz saß:

»Na, Hermann, sie haben dich wohl ordentlich gehabt? Ich glaube aber, es bekommt dir mal ganz gut.«

Gerd, der sich gerade unter dem Pult mit dem Hochgefühl des Siegers die Hände an den Hosen trocken rieb, warf einen dankbaren Blick nach dem Lehrer und einen triumphierenden auf seinen Widersacher, mit dem er nicht erst seit heute auf gespanntem Fuße lebte. Dieser hatte unter dem alten Lenz, der es mehr mit den Reichen hielt, gute Tage gesehen, aber der Neue benutzte zu Gerds Freude jede Gelegenheit, den übermütigen Bengel zu ducken, und hatte sogar schon einmal gesagt: »Eigentlich müßtet ihr beiden die Plätze tauschen; aber wir wollen es das letzte halbe Jahr lieber beim alten lassen.«

Es war Mittag. Die Kinder bummelten heim, ein schneedurchpflügendes Holzschuhpaar nach dem anderen schwenkte nach rechts über die Hofbrücken ab. Zuletzt befanden sich nur die Geschwister noch auf dem Damm. Leidchen, die mit einer Freundin hinterher getrödelt war, holte laufend den Bruder ein, hing sich zärtlich an seinen Arm, und so stapften die beiden durch unbetretenen Schnee ihrem Hause zu, das unter der tief herabgezogenen weißen Kappe weg heute besonders lustig und freundlich aus den blanken Fensteraugen in die Welt guckte. —

Die Familie Rosenbrock hatte sich in den vier Jahren mehr als ergänzt, indem Jan bald nach dem Tode der Stiefmutter Trina Grotheer aus Meinsdorf als Frau ins Haus geholt und sich bereits zwei Kinder von ihr hatte schenken lassen. So sammelten sich denn jetzt ihrer sechs um den Mittagstisch. Jan, der Stammhalter, langte mit seinem Zinnlöffel schon wacker in die steife Bohnensuppe, während sein Schwesterchen Minna noch in der Wiege lag und an der Milchflasche sog.

Beta Rotermund war mit Jans Wahl zufrieden. Gerd und ihr Patenkind Leidchen wurden zwar bei der Arbeit tüchtig mit herangenommen, aber so war's im Moor überall, und das ging auch nicht anders. Wer im Torf jung geworden ist, muß sich so ungefähr vom achten Jahre an des Lebens Nahrung und Notdurft selber verdienen. Jedenfalls wurden die Kinder nicht unfreundlich behandelt, bekamen satt zu essen und behielten Zeit für die Schularbeiten. Mehr konnte man billigerweise nicht verlangen.

Es war schulfreier Mittwoch-Nachmittag, und nach dem Essen erhielten die beiden den Auftrag, mit dem Schiff einen Haufen Heidestreu vom Hochmoor ans Haus zu schaffen, ehe er gar zu tief einschneite.

Das flache, braungeteerte Fahrzeug, das hauptsächlich zur Verschiffung des wichtigsten Landesproduktes, des Backtorfs, nach der Freien Reichs- und Hansestadt Bremen diente, lag dreißig Schritt vom Hause in einem kleinen Hafen, den ein auf Eichenpfählen ruhendes Strohdach, das Schiffsschauer, gegen Regen und Sonnenbrand schützte. Es hatte vorn eine Art Verdeck, Koje genannt, die dem Schiffer zum Übernachten dienen kann, und weiterhin eine feste, zur Aufnahme des Segelbaums durchbohrte Bank. Meist lag jener jedoch, mit dem torffarbigen Segeltuch umwickelt, samt dem Steuer unten im Schiff, und dieses wurde mit dem langen, schwertförmigen, eisenbewehrten Schieberuder gestakt oder vom Leinpfad aus geschoben.

Gerd lud Segel und Steuer, die von Jans letzter Bremerfahrt her noch im Schiff lagen, aus und stieg mit der Schwester hinein. Während sie unter einem ausgedienten Regenschirm, dem der Griff fehlte und zwei Rippen durch den altersgrünen Bezug starrten, auf der Segelbank Platz nahm, handhabte er mit Kraft und Sicherheit das Schieberuder, und das Schiff glitt mit ziemlicher Schnelligkeit im Graben hinauf, der die Grenze zwischen den Stellen 40 und 39 bildete und sich schnurgerade zum Hochmoor hinzog.

Den schwarzen Wasserlauf zwischen den weißen Ufern, der die jetzt vor dem Winde lustig tanzenden Schneeflocken unbarmherzig verschluckte, begleiteten anfangs die beschneiten Felder der benachbarten Stellen, um nach einer Weile tiefer liegenden, von schmalen Gräben durchschnittenen Wiesen Platz zu machen. Diesen folgten, wieder zu beiden Seiten, wüste abgetorfte Flächen, aus denen schwarze Lachen gähnten und regelrecht gesetzte Torfhaufen, an der Schlagseite mit Strohschirmen geschützt, ebenfalls schwarz gegen die weiße Umgebung sich erhoben. Dahinter stand in anderthalb Mannshöhe die senkrecht abgestochene Wand des Hochmoors, auf dem der Schnee in niedrigem Birkenanflug, üppigem Heidekraut und sperrigem Gagelgesträuch hing. Eine Gruppe älterer Föhren schloß endlich die hintere Schmalseite des Rechtecks, das Jan Rosenbrocks Stelle bildete, gegen die nächste Kolonie hin ab. Sonst prangten sie in sattem Dunkelgrün, aber heut' erschienen sie tiefschwarz, wie denn der Schnee alles, was er nicht weiß machen konnte, schwarz gefärbt hatte. Die winterliche Öde war wie ausgestorben. Nur eine Elster schunkelte, hungrig schackernd, von einer Föhre zu einer Birke. Auch sie, wie alles, weiß und schwarz.

Die Streuheide, die Jan Rosenbrock im Spätsommer mit der Lee gehauen hatte, lagerte am Saum des Föhrengehölzes. Auf Forken trugen die Kinder sie, oftmals hin und her gehend, an den zwanzig Schritt entfernten Graben, um ihre Last die steile Moorwand hinab ins Schiff zu werfen.

Als dieses beladen war, kletterten sie hinunter und hockten zu kurzem Ausruhen unter Leidchens Regenschirm aneinandergeschmiegt auf der Segelbank.

Gerd war durstig geworden und nahm sich vom Bordrand eine Prise Schnee.

»Hast du den Apfel, den ich dir geschenkt habe, schon aufgegessen?« fragte Leidchen, indem sie in seine Tasche langte. »Nein, hier ist er noch!« rief sie erfreut und brachte ihn zum Vorschein.

Gerd holte sein Dreigroschenmesser aus der Hosentasche, teilte die Frucht und reichte der Schwester die größere Hälfte. Sie aßen auch das Kerngehäuse mit, denn Äpfel gab's in diesem Jahr nicht viele, und es war der letzte Prinzenapfel.

Als er verschwunden war, griff Leidchen in ihre Rocktasche, machte ein verheißungsvolles Gesicht und sagte: »Ich hab' auch noch was Feines.«

Ein Weilchen ließ sie seine Neugierde zappeln, dann zog sie eine Tafel Schokolade heraus.

— »Feine Gewürzschokolade, mit Zusatz von feinstem Weizenmehl,« las sie lüstern, ihren Schatz sich unter das Näschen haltend. Dann durfte auch der Bruder dran riechen.

»Wo hast du das her?« fragte dieser mit strenger Miene.

»Wird nicht verraten,« antwortete sie, geheimnisvoll lächelnd.

»Von Tante Beta?«

»Nicht so neugierig, mein Junge! Da, nimm!«

»Erst will ich wissen, wo das herkommt.«

»Denn nicht,« sagte sie und führte das Stück, das sie ihm angeboten hatte, zum eigenen Munde. Aber er griff schnell zu und packte ihre Hand.

»Laß mich los!« rief sie und suchte sich frei zu machen.

Aber seine Hand hielt die ihre wie ein Schraubstock umklammert.

»Wenn du nicht auf der Stelle losläßt, beiß' ich,« schrie sie und zeigte ihre Zähne.

Er lachte kurz und spöttisch auf. Aber im nächsten Augenblick sprang er mit einem Schrei in die Höhe, das Schirmdach mit sich emporreißend. Sie hatte die kleinen Beißer recht herzhaft in seinen Daumenballen geschlagen.

»Du bist ja 'n ganzer Satan!« knirschte er und hob die Hand zur vergeltenden Backpfeife. Da sie sich aber schnell unter den Schirm duckte, stapfte er mit großen Schritten über die Ladung weg auf die andere Seite des Bootes und setzte es mit dem Schieberuder in Bewegung. Er hatte sein bitterbösestes Gesicht aufgesteckt und sah mit Ausdauer an der Schwester vorbei.

Diese saß schmausend auf der Segelbank, lugte unter ihrem graugrünen Dach hervor und liebäugelte nach dem Bruder hinüber. Sie hätte jetzt gern wieder Frieden gemacht.

Das Schiff glitt seine Bahn dahin. Das Planschen des Moorwassers gegen den Bug und die engen Ufer war mit dem Reiben des Stangenruders an der Bordwand das einzige Geräusch in der Stille der winterlichen Welt.

Als Leidchen einsah, daß sie mit Äugeln die Aufmerksamkeit seines in die Schneelandschaft starrenden Leichenbittergesichts nicht auf sich lenkte, kletterte sie ebenfalls über die Streuheide und suchte, indem ihre Augen ein verführerisches Lächeln spielen ließen, ihm ein Stück Schokolade zwischen die Lippen zu schieben. Aber er hielt diese fest geschlossen. Da kitzelte sie ihm mit den Fingern der linken Hand unter dem Kinn. Und plötzlich schnappte er zu. Doch sie hatte, dies erwartend, die Hand blitzschnell zurückgezuckt und nur die Schokolade blieb zwischen seinen Zähnen.

Lustig sprang sie über die Heide zu ihrer Bank zurück, streifte die Schneeflocken aus dem Haar und lugte triumphierend unter dem wieder aufgenommenen Schirm hervor.

»Na, wie schmeckt's?«

»Oh ... nicht schlecht ... Deern, du bist 'ne kleine Hexe!«

Dabei lächelte er und sah nicht mehr an ihren schalkhaften Augen vorbei.

»Gut, daß du wieder artig bist. Nun sollst du auch wissen, wo die Schokolade herkommt. Müllers Hermann hat mir die Tafel geschenkt.«

»Müllers Hermann?« wiederholte Gerd gedehnt.

»Ja, ja, dein Freund Hermann.«

»Mein Freund

»Ja, meinetwegen auch dein Feind.«

»Leidchen, das wundert mich, daß der dir Schokolade schenkt. Und noch mehr, daß du sie annimmst.«

»Hahaha, kneifst du die Hände zu, wenn dir einer was schenken will?«

»Ja, das wär' möglich. Von jedeinem ließ' ich mir nichts schenken ... Aber sag', wie kommt der dazu?«

»Gestern abend mußte ich doch Sirup holen, weißt du, für unsern Buchweizenpfannkuchen. In Bollmanns Laden traf ich Hermann, und er hatte sich gerade drei Tafeln Schokolade gekauft. Draußen gab er mir dann eine ab und sagte, ich sollte es nicht weiter sagen. Und ich sag's sonst auch zu keinem.«

»Leidchen, ich wollte, du hättest das Geschenk nicht angenommen. Ich hätte dir dafür gern zwei Tafeln gekauft.«

»Haha, das kannst du jetzt leicht sagen. Du hast mir überhaupt noch keine Schokolade geschenkt.«

»Schokolade wohl noch nicht, aber hab' ich dir nicht neulich erst von der Konfirmandenstunde 'ne dicke Apfelsine mitgebracht? ... Drei Groschen auf einmal für solche Schnökerei ... Wo er das viele Geld wohl her hat?«

»Der? Och Junge, das wissen doch alle Leute, daß seine Eltern gräsig reich sind. Meta Kück hat mir erzählt, als sie Hochzeit gemacht hätten, hätte der große Tewesbauer von Drömstedt ihnen die harten Taler man so scheffelweise zugemessen. Und Anna Meyerdierks sagt, es gäbe nicht viele im Dorf, die dem Müller kein Geld schuldig wären, und wenn der Gerichtsvollzieher käme, hätte er ihn beinah immer kommen lassen.«

»Die Leute schnacken allerhand dummes Zeug,« sagte Gerd trocken, indem er mit der rechten Hand an den Fingern der linken zog und ein bedenkliches Gesicht dazu machte.

Ihre braunen Augen blitzten.

»Willst du damit sagen, er hätte sich das Geld genommen?«

Als er die Achseln zuckte, rief sie empört: »Du, das finde ich gar nicht schön von dir, daß du anderen Leuten so was Schlechtes zutraust!«

»Müllers Hermann traue ich nicht von da bis da,« sagte er, indem er mit der Hand von einem Ufer des schmalen Grabens zum andern zeigte.

»Ich glaube, du bist bloß neidisch, weil er über dir sitzt,« meinte sie lauernd.

Er schüttelte langsam den Kopf: »Das ist mir einerlei. Es ist ja auch nur, weil er dem Müller sein Sohn ist. Was der alte Lenz für einer war, das wissen wir doch wohl ... Leidchen, glaub' mir, ich habe die ganzen Schuljahre bei ihm gesessen und kenn' ihn: der Junge ist nicht echt. Ja, den Leuten die Augen zu verblenden, das versteht er. In der Konfirmandenstunde sitzt er so andächtig da und macht so'n scheinheiliges Gesicht, daß der Pastor ihn gewiß für den frömmsten von uns allen hält. Na, der sollte bloß wissen, was er unterwegs manchmal für Reden führt! ... Wir andern müssen alle tüchtig mit an die Arbeit. Aber der? Die ganzen Nachmittage läuft er mit der Vogelflinte herum und schießt nach den kleinen Lerchen, wenn sie zum Himmel aufsteigen wollen, und auch sonst nach allem Lebendigen, was ihm in die Quere kommt. Sein Vater kümmert sich um nichts, und die Mutter ist in ihr einziges Kind rein vernarrt. Darum ist er auch so bodenlos frech ... Ich freue mich, daß er's heut' morgen mal ordentlich gekriegt hat.«

»Ihr habt es reichlich schlimm gemacht. So viele auf einen, das ist auch nicht gerade nett.«

»Warum haben die anderen ihm nicht geholfen! Er soll dich nur noch einmal ›schöne Adelheid‹ schimpfen, dann lernt er mich erst kennen. So was einem Mädchen anzuhängen! ...«

Sie lachte hell auf.

»Wenn einer mir nichts Schlimmeres anhängt, als das, bin ich zufrieden ... Kuck mal!«

Aus dem Stanniol der Schokolade hatte sie sich einen breiten Fingerreif gefaltet und gebogen und hielt nun die Hand mit dem silberglänzenden Schmuck in die Höhe.

»Was ist an solchem Narrenkram zu kucken ...« sagte er verdrossen, den Gegenstand ihres Entzückens kaum eines halben Blickes würdigend, während sie, das Köpfchen schief haltend, noch eine Weile mit ihm liebäugelte.

Es wehte plötzlich ein kälterer Lufthauch über das Land, der die spärlichen Schneeflocken, die noch fielen, vor sich hertrieb. Das Mädchen schauerte leicht zusammen, stand entschlossen auf und sprang von der Koje auf das Ufer hinüber. »Wo willst du hin?« fragte Gerd verwundert. »Es wird kalt, ich lauf',« sagte sie kurz und lenkte durch einen kleinen Obstkamp dem Hause zu.

Gerd sah mit nachdenklichen Augen hinter ihr her. Sie schritt wie eine, die ihren eigenen Weg gehen will und nicht sonderlich geneigt ist, sich gängeln und leiten zu lassen.