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Geschwister Rosenbrock

Chapter 4: 3.
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About This Book

The novel portrays life in a small moorland colony through detailed scenes of a village school, household routines, seasonal labor and social visits, following a pair of siblings whose daily struggles and community ties reveal local customs, domestic care, and moral choices. Vivid descriptions of weather, paths, and interiors frame episodes of youth, illness, hospitality and neighborly aid, while quiet observation and social detail illuminate changing relationships and the resilience of ordinary people.

3.

Zum viertenmal schickte Herr Timmermann einen Jahrgang Brunsoder Jugend zur Einsegnung nach Grünmoor, und zwar einen guten, den er ungern aus den Händen ließ. Freilich, mit dem starken Geschlecht war kein Staat zu machen. Dessen einziger Vertreter, Jan Kassen vom Achterdamm, hatte in seinem welken Gesicht ein Paar starre, blöde Augen und war auch als Konfirmand nicht über die dritte Bank hinausgeklettert. Aber die Mädchen! Glatt und schier waren sie alle fünf, die am Gründonnerstagmorgen unbedeckten Hauptes, funkelneue Gesangbücher und gefaltete weiße Taschentücher in den Händen, die ungewohnten langen Festkleider hoch aufgerafft, an der schimmernden Birkenreihe des Kirchdamms entlang auf Grünmoor zuschritten. Und eine von ihnen war so rank und schlank gewachsen, schaute aus schmalem, rosig durchscheinenden Gesichtchen so frank und frei, hell und warm in die Welt, daß ein alter Heide- und Moorläufer mit jungen Augen und Beinen, den der Tag zur ersten Vorfrühlingswanderung verlockt hatte, abends in Bremen seiner Frau erzählte: »Du, heut' morgen bin ich unter den Moorbirken dem leibhaftigen Frühling begegnet.«

Die Kinder hätten sich für ihre Einsegnung keinen schöneren Tag aussuchen können. Ein herbfrischer Märzwind strich ihnen über die jungen Gesichter, spielte mit den losen Härchen, die den ordnenden Kämmen und Bändern entschlüpft waren, entführte die heut' nicht gesparten Haaröldüfte und jagte grüne Wellen über die junge Saat der Ackerbreiten. Die Luft war voll Sonnenglanz und von Lerchenjubel wie gesättigt. Über dem Dunkellila des Birkengezweiges lagen schon die zarten Schleier von grüner Seide, im ernsten Braun des Hochmoors loderten lichtbraune Inseln blühenden Gagels, die bewaldeten Höhenrücken der Geest standen in der Ferne tiefblau und scharfumrissen gegen die sanfte Bläue des wolkenlosen Himmels. Die Welt schien so groß und weit, und den Kindern war ein wenig eng und ängstlich ums Herz, aber auch wieder feiertäglich ernst und freiheitsfroh, standen sie nun doch vor der Tür, die sie aus der Schulstube in das Leben hinausführen wollte. Mochte dieses auch keinem von ihnen Großes und Außerordentliches zu versprechen haben, an solchem Tage macht es nun einmal jedem ein verheißungs- und geheimnisvolles Gesicht.

Eine halbe Stunde, nachdem Leidchen Rosenbrock das Haus verlassen hatte, machte sich auch ihr Bruder auf den Weg. Er trug die Weste hoch am Halse geschlossen und auf dem Kopf eine Tuchmütze mit blankem Schirm. Seine dunkelgrauen Augen blickten stetig und verweilend, harte Arbeit hatte die Züge seines langen, schmalen Gesichts, zumal um den strengen Mund herum, scharf herausgemeißelt. Mit weit ausgreifenden wiegenden Schritten folgte er anfangs einem wenig begangenen federnden Moorpfad. An Gesellschaft und Unterhaltung lag ihm heute nichts. Er war keiner von denen, die der Einsamkeit aus dem Wege gehen, und wollte die Schwester zum Abendmahlstisch geleiten.

Wer hätte das sonst tun sollen? Der Vormund wohnte in einem anderen Dorfe und kümmerte sich um nichts. Bruder Jan ging nicht ohne seine Frau, und die lag mit ihrem vierten Kinde im Bett. Beta Rotermund, die gute Nachbarin und Leidchens Patentante, hatte mit ihrer Frühjahrserkältung zu tun. »Sie hat keinen als dich,« hatte einst die Mutter gesagt, als sie sterben wollte, und so war's wirklich gekommen.

Es machte sich ganz von selbst, daß er eine kleine Rechnung darüber aufstellte, was er schon alles für seine Schwester getan hatte.

Einen angenehmeren und besser bezahlten Dienst, der ihm angeboten war, hatte er ausgeschlagen, um als Knecht des Bruders ihr nahe zu bleiben, ein Auge auf sie zu haben und sie anzuleiten. Wie manche Arbeit hatte er ihr abgenommen, damit sie ungestört die Schularbeiten machen konnte!

Ob sie am Palmsonntag bei der Konfirmandenprüfung so gut bestanden und besonders gelobt worden wäre, wenn er an den Abenden des letzten Winters ihr nicht immer die Lektionen abgehört hätte?

Warum hatte er sich mehr und mehr von der Wildbahn zurückgezogen, so daß er den Erwachsenen mit seinen achtzehn Jahren als der solideste und vernünftigste Bursch des Dorfes, dem Jungvolk dagegen als Duckmäuser und Drögepeter galt? Der Schwester wegen! Um sie, die sehr lebenslustig war und mit ihrer Ausgelassenheit ihn manchmal fast bange machte, vermahnen zu dürfen und in Schranken halten zu können, hatte er sich selbst je länger desto mehr in acht genommen und zurückgehalten.

Dafür hatte er nun aber auch so viel im Sparkassenbuch, wie wohl keiner seiner Altersgenossen. Im Grunde war das Solide doch wohl das Beste, wenn einer sich nur erst daran gewöhnt hatte.

Gerd nickte ein paarmal wohlgefällig, er war recht mit sich zufrieden. Und der liebe Gott, bei dem er heute zu Gast gehen wollte, war es gewiß auch.

Der einsame Moorpfad mündete endlich auf den belebteren Damm, der die Kirchgänger der nördlichen Kolonien des Kirchspiels sammelte.

Eine Strecke war Gerd auf diesem dahingeschritten, als plötzlich eine Klingel hinter ihm schrillte. Er trat in die Birkenreihe, um den Radfahrer, der sich auf solche Weise bemerklich machte, vorbei zu lassen. Aber dieser sprang neben ihm ab und sagte munter: »'n Morgen, Gerd.«

»Ach so, du bist das, Hermann ...«

Gerd hatte den alten Schulkameraden, der seit Jahren auf einer Windmühle vor den Toren Bremens arbeitete und selten nach Hause kam, lange nicht mehr gesehen. Er wunderte sich, wie der Mensch sich herausgemacht hatte. Ein Paar übermütige Augen lachten ihm aus dem frischen, gebräunten Gesicht, das sogar schon der Anflug eines Schnurrbärtchens schmückte, und dem der kecke grüne Hut mit dem Spiel eines Birkhahns vortrefflich stand.

Der junge Müller schritt, das Rad schiebend, an Gerds Seite.

»Wie die Zeit hinläuft! Wir beiden sind nun schon vier Jahr aus der Schule und müssen nächstens zur Musterung. Und euer lüttjes Kinkindiewelt wird auch schon konfirmiert.«

»Ja,« sagte Gerd kurz und trocken.

»Die Leute sagen, sie wär' eine bannig schmucke Deern geworden. Kann's mir wohl denken, daß aus dem gralläugigen Leidchen mit den Jahren 'ne ›schöne Adelheid‹ geworden ist. Weißt du noch?«

»Hast du dein leeges Maul noch immer nicht abgelegt?«

»Mensch, was machst du für ein Gesicht? ... Ach so, du willst heute fromm sein. Na, denn will ich nicht länger stören. Grüß Leidchen von mir, und ich gratulierte ihr vielmals. Adjüs.«

Er sprang lachend auf sein Rad, riß den Hut ein wenig in den Nacken und fuhr in gemächlichem Bummeltempo, die linke Hand in die Seite gestemmt, davon.

Über das winzige Kirchdörfchen — nur aus Pfarre, Schule, einigen Gastwirtschaften und Kaufläden, sowie einem knappen Dutzend kleiner Anbauerstellen bestehend, ist es eins der kleinsten des Landes, während das Kirchspiel eins der größten ist — schaute die frischvergoldete Turmuhr her und zeigte an, daß bis zum Beginn des Gottesdienstes noch eine gute halbe Stunde blieb, weshalb Gerd seinen Schritt verlangsamte. Aber plötzlich schlug er ein sehr schlankes Tempo an, das ihn nach wenigen Minuten ins Dorf brachte.

An den Gruppen von Konfirmanden, die auf der Straße vorm Pfarrhause sich bereits gesammelt hatten, hinschreitend, suchte er seine Schwester heraus und winkte sie zu sich. Sie kam nur zögernd und, wie es schien, widerwillig. Als er ihr aber einige Worte zuflüsterte, nickte sie zustimmend, trat an seine Seite, und sie gingen schweigend die Dorfstraße hinunter. Durch ein eisernes Tor bogen sie nach rechts auf die Lindenallee des Friedhofs ab, umschritten die Kirche und folgten einem Nebenweg, der sie zu einem hochragenden Wacholder führte. Vor dem halb eingesunkenen, von dichter Grasnarbe überzogenen Hügel zu seinen Füßen blieben sie stehen. Gerd zog seine Schirmmütze und hielt sie vor die Brust. Leidchen hatte die in schwarzen Wollhandschuhen steckenden Hände über dem Gesangbuch gefaltet. So standen sie wohl eine Minute. Dann setzte er räuspernd die Mütze wieder auf, sie fuhr sich mit einem Zipfel des weißen Einsegnungstaschentuches über beide Augen, und schweigend gingen sie den Weg zurück, den sie gekommen waren.

Die Holzschuhe der Läuter polterten auf den Treppen des Turmes, und kaum war der zehnte Schlag der Uhr verhallt, da setzte die kleine Glocke, etwas vorlaut, auch schon ein, und bald ließ auch die große ihre tiefen, vollen Klänge vernehmen.

Aber die Menge, die den breiten Lindenweg vom Friedhofstor bis zur Kirche besetzt hielt, hörte weniger auf das Geläute, das aus der Höhe kam, als auf das Singen, dessen Klang der Frühjahrswind vom Pfarrhause herüberwehte, und das sich langsam näherte.

Nicht weit von Gerd Rosenbrock stand die eheverlassene Trina Kassen vom Achterdamm, die mit Heidquesten durch die Dörfer ging. Als ihr Jan mit dem unförmlichen Kopf und dem welken Gesicht, die Augen starr im Gesangbuch, in der letzten Knabenreihe vorüberstolperte, schossen ihr die Tränen in die Augen, die sie dann mit dem verrunzelten Handrücken in ihren grüngrau verschossenen Rock wischte.

Gerd hatte die Frau stets ehrlich verachtet. Denn ihren kleinen Hausierhandel benutzte sie als Deckmantel für eine recht unverschämte Bettelei, durch die sie dem Dorf in der Umgegend Schande machte. Aber wie er jetzt die Freudentränen aus ihren blöden Augen stürzen sah, da wallte es warm in ihm auf. Und als er bald darauf seine Schwester so ernst und lieblich in dem feierlichen Zuge vorüberwallen sah, als er ihre klare, schöne Stimme aus dem Gesang heraushörte, da lief es ihm schnell hintereinander kalt und heiß über den Rücken, und er mußte ein paarmal mit den Augenlidern zwinkern, um etwas zwischen ihnen zu verdrücken.


Wenn die Brunsoder zweimal den weiten Kirchweg gemacht haben, gehört es für sie mit zur rechten Sonntagsruhe, daß sie sich nach dem Mittagessen ein Stündchen lang legen.

»Du willst dich jetzt wohl ein bißchen ausruhen?« fragte Gerd seine Schwester, als sie vom Tisch aufstanden.

Sie schüttelte den Kopf: »Ach was, ich bin nicht ein Spierchen müde.«

»Dann schlage ich vor, wir machen ein paar Schritte zusammen über Feld. Wir beide haben heut' noch keine fünf Minuten miteinander gesprochen.«

Leidchen war gern dazu bereit.

Festlich umstrahlte Gerd das saubere Weiß der Hemdsärmel, während von unten das Rot funkelneuer Ellernholzschuhe heraufleuchtete. Die zur Feier des Tages mit besserem Tabak gefüllte Sonntagspfeife, auf deren Kopf eine lachende Sennerin himmelblaue Augen, kirschrote Wangen und schneeweiße Zähne zeigte, ließ er nicht, wie sonst wohl, faul im Munde hängen, sondern so oft er ein paar Züge getan hatte, nahm er sie heraus, um sie am Daumen in das Armloch seiner Weste zu hängen.

Leidchen hatte sich im Sonnenwinkel hinter der Scheune ein Veilchensträußchen gepflückt und erfreute sich bald an dem süßen Duft, bald an der lieblichen Farbe. Das lange Einsegnungskleid, in dem das Gehen ihr noch unbequem war, trug sie hoch aufgerafft, so daß die blanken Schnürstiefelchen und ein gut Teil des rotgesäumten weißen Flanellunterrocks frei wurden.

So schlenderten sie feiertäglich gemächlich den Weg dahin, der die Rosenbrocksche Stelle der Länge nach durchschneidet.

»Die Saat steht über Jahr gut. Eine Krähe kann sich schon drin verstecken,« sagte Gerd mit einem Kennerblick über die Roggenbreiten und mit dem Behagen des Landmanns, der seiner Mühe schönen Lohn winken sieht. Leidchen nickte und ließ den warmen Glanz ihrer braunen Augen still und träumerisch auf dem leuchtenden jungen Grün ruhen. Viel zu reden spürte sie keine Lust. Die Eindrücke des Vormittags wirkten leise nach, und eine leichte Abspannung und Mittagsmüdigkeit machte sich doch auch geltend.

Vom Ackerland senkte der Weg sich zu den abgetorften Gründen, die zu einem Teile in Wiesen verwandelt waren, zum größeren aber schwarz und öde in gelbem vorjährigem Riedgras und spärlichem Birkenanflug lagen.

Gerd war stehen geblieben, tat ein paar nachdenkliche Züge aus seiner Pfeife, beschrieb mit ihr in der Luft ein Quadrat und sagte:

»Ein schönes Loch, was unsere Vorweser da schon ins Moor hineingewühlt haben ... Als der erste Rosenbrock — er hieß auch Gerd, hat Großvater, den du nicht mehr gekannt hast, mir erzählt — von der Geest hierher kam und da, wo jetzt unser Haus steht, seine Erdhütte hinsetzte, fing er mit einer Ziege und einem halben Dutzend Hühnern an. Wir sind gut vorwärts gekommen. Manche hundert Taler haben wir hier aus dem Moor herausgequält.«

»Wie manchen Tropfen Schweiß das wohl gekostet hat ...« sagte Leidchen nachdenklich.

»Tropfen? Ich sage dir, Deern, viele hundert Eimer voll.«

»Na, na!«

»In hundertundzwanzig Jahren? Ganz gewiß!«

Schweigend standen sie und schauten auf die Arbeitsstätte ihres Geschlechts.

»Weißt du noch,« fragte nach einer Weile das Mädchen leise, »wo Vater und Mutter ihren Torf gemacht haben?«

Er maß die schwarze Fläche mit den Augen ab. Dann zeigte er mit dem Mundstück seiner Pfeife schräglinks hinüber:

»Das muß daherum gewesen sein, wo der alte Kienstubben liegt. Ich mußte bei dir bleiben und dir was vormachen. Du warst ein schrecklich unruhiges Kröt. Einmal bist du mir direktemang in einen Graben gelaufen, und ich hatte Not, daß ich dich wieder herausfischte. Puh, wie du da aussahst! ... Wenn du dich gar nicht mehr zugeben wolltest, kam Mutter, setzte sich auf die Schiebkarre oder auf einen Torfhaufen und gab dir die Brust. Du nahmst sie noch, als du bald drei Jahr alt warst. Deern, Deern, was konntest du lutschen! Man wurde beinah selbst durstig vom Zusehen. Darum bist du auch so groß und stark geworden. Ich muß mich ganz gerade machen, sonst kuckst du schon über mich weg.«

Er richtete seine Gestalt, die gewöhnlich ein klein wenig dem Torf zu geneigt war, stramm auf und betrachtete die Schwester an seiner Seite mit Wohlgefallen und nicht ohne Stolz. Indem es wie ein Schatten über sein herausgearbeitetes Gesicht flog, fuhr er leise fort: »Wenn Mutter diesen Tag noch mit erlebt hätte ... wenn sie uns hier so sehen könnte ...«

Leidchen schaute still und ernst in die sonnigen Weiten des Frühlingsnachmittags.

»Wie hat Mutter eigentlich ausgesehen?« fragte sie nach einer Weile. »Ich kann mich gar nicht recht mehr besinnen.«

»Das glaub' ich dir gern,« versetzte er. »Als sie von uns ging, warst du noch zu klein und dumm ... Die braunen Augen hast du von ihr ... die runden Kuhlen in den Backen auch ... Aber sie war besinnlicher als du und nicht so flüchtig. So in der ganzen Natur hab' ich wohl mehr von ihr abgekriegt ...«

Sie hatten den abgetorften Grund inzwischen durchschritten und kamen an die senkrecht abgestochene, oben hellbraune und nach unten zu allmählich in Schwarz übergehende Wand des Hochmoors. Ein aus dieser vorspringendes Rechteck war bereits von der Heidedecke befreit und für den Abbau vorbereitet.

»Hier wollen wir nach dem Fest wohl Torf machen?« fragte Leidchen.

»Stimmt,« sagte Gerd, an seiner fast erloschenen Pfeife jetzt wieder kräftig saugend, »und du mußt tüchtig mit 'ran. Trina hat sich das mal wieder höllschen schlau eingerichtet, daß sie grad jetzt im Bett sitzen geht, wo's an den Torf soll. Du sollst sehn, du mußt für zwei pedden.«

Sie zertrat lächelnd einen im Wege liegenden aufgeweichten Torfsoden.

»Wenn das Torfpedden mit so lüttjen Füßen man ordentlich schafft ...« meinte er bedenklich.

Sie streckte den linken Fuß vor, und indem sie ihn zierlich kokett um den Enkel drehte, fragte sie: »Nicht wahr? Ich hab' niedliche Füße.«

»Wie 'n Kind von zehn Jahren,« meinte er trocken, ohne die geringste Bewunderung.

»Kleine Füße sind aber was Feines.«

Er zuckte mit den Achseln: »In Bremen auf der Sögestraße wohl. Aber hier ins Moor gehören feste, breite Hüften und ein Paar reelle Füße. Diesen weichen Weg zum Hochmoor hinauf kannst du mit solchen Dingern, die in solchen Stiefeln stecken, zum Beispiel überhaupt nicht gehn. Du bleibst einfach im Matsch stecken.«

»Dann mußt du mich hinauftragen, in deinen breiten Hollschen. Nach unseren Fuhren möcht' ich zu gern mal wieder. Ich bin den ganzen Winter nicht hingekommen. Bitte, pack' zu!«

»Die Zeiten haben wir gehabt,« meinte er lächelnd.

Aber sie drängte sich ihm lachend in die Arme, und endlich tat er ihr zögernd den Willen. Tief sanken die schönen roten Holzschuhe in den braunen Brei des steil hinaufführenden Weges und rissen sich nur schwer unter hohlem Glucksen wieder los.

Als er seine Last oben auf festen Grund stellte, atmete er tief auf: »Deern, ich hätte nicht gedacht, daß du so klotzig schwer wärst.«

»Hundertundsieben Pfund Lebendgewicht,« lachte sie, wobei die Grübchen ihrer Wangen sich vertieften und zwischen den frischroten Lippen die weiße Perlreihe ihrer Zähne blitzte. »Du meintest wohl, ich wär' noch immer ein Kind?«

»Aus Kindern werden Leute,« sagte er gelassen und sah sie an. Die knospenden jungfräulichen Formen, die er gefühlt hatte, als sie eben in seinen Armen lag, verrieten sich auch schon dem Auge.

Erfreut beugte Leidchen sich zur Erde und pflückte zu dem Veilchenstrauß in ihrer Hand einige Stengel der eben aufblühenden Rosmarienheide, deren zartes Rosa den Rand des Hochmoors schmückte. Ihrem Bruder steckte sie ein Sträußchen in ein Knopfloch der Weste.

Der Weg führte jetzt durch wucherndes Heidekraut, blühenden Gagel, mit silbernen Kätzchen übersäte Zwergweiden und grünumsponnenen Birkenanflug auf eine waldartige Gruppe von Kiefern zu. Die Bäume waren für ihre Art niedrig geblieben, weil der zähe Moostorf keine Pfahlwurzeln aufnahm, hatten aber in langsamem Wachstum starke Stämme, schön geformtes rotes Astwerk und breite, reichbenadelte, dunkelgrüne Kronen gebildet. Ein erfrischender Harzduft erfüllte in ihrem Bereich die warm durchsonnte Luft, in der schon allerhand kleines Getier fast sommerlich durcheinander schwirrte.

Die Geschwister schlenderten, vom Wege abbiegend, in das Gehölz hinein und kamen bald zu einem Baum, der vor Jahren vom Sturm geworfen war, aber bei einem getreuen Nachbarn Halt und Stütze gefunden hatte. Da der Moostorf ein gut Teil seiner Wurzeln festhielt, war er grün geblieben, weshalb Axt und Säge ihn einstweilen verschont hatten. Manches liebe Mal war Leidchen den breiten schrägen Stamm, die Zweige als Leitstangen benutzend, hinangestiegen und hatte von einer Art grüner Kanzel aus, die beide Bäume in einiger Höhe bildeten, in die weite, offene Landschaft hinausgeschaut.

Sie setzte den Fuß auf den Stamm, wiegte den Oberkörper nach vorn und sah den Bruder schelmisch an: »Soll ich?«

»Du bist kein Kind mehr,« sagte er trocken.

»Aber auch lange noch keine alte Großmutter,« lachte sie klingend. »Es ist so klare Luft; ich glaube, heut' kann man oben die Türme von Bremen sehen.«

Sie schwankte noch, ob sie hinaufsteigen sollte oder nicht, und hätte sich wohl dagegen entschieden, wenn Gerd ihr nicht mit vernünftigen Gründen, unter Erinnerung an den Ernst des Tages und ihr schönes schwarzes Kleid, vom Aufstieg abgeraten hätte. Das aber gab der Sache den Reiz des Verbotenen, und sie kletterte, mit der einen Hand sich an den Zweigen haltend, mit der anderen ihr Kleid in acht nehmend, den Stamm hinan.

Als sie glücklich auf ihrem Luginsland angekommen war, lachte sie mit übermütigen Augen auf den unten Stehenden herab: »Steig mir doch nach, Junge! Hier oben ist Platz für zwei.«

Er stieß verdrießlich mit der Spitze seines Holzschuhs gegen den Stamm und brummte irgend etwas.

Leidchen richtete sich auf, um über einen Zweig, der sich in Augenhöhe vorüberzog, hinweg den freien Ausblick zu gewinnen.

Plötzlich rief sie jauchzend: »Oh, oh! Die Türme von Bremen! So groß und klar hab' ich sie von hier noch nie gesehen.«

Gerd schaute zu der schlanken, von grüngoldigem Licht umflossenen Mädchengestalt auf, die sich schützend die Hand über die Augen hielt und die Blicke wie sehnsüchtig in die Ferne sandte.

»Flieg mir bloß nicht weg, du da oben!«

»Oh, das möchte ich wohl!«

Sie hob die Arme, als ob es Flügel wären.

»Ein Glück, daß du keine richtigen Flünke hast,« spottete er.

»Schade, schade! Wenn ich ein Vöglein wär! ... Aber in die Welt hinausfliegen kann einer auch ohne Flügel.«

»Nun schnack man bloß kein dummes Zeug und komm wieder 'runter!«

Noch einmal durchmaßen ihre Augen die lichte, lockende Ferne. Dann begann sie mit großer Vorsicht den Abstieg.

Gerd freute sich ihrer Schwierigkeiten und priesterte, er hätte ja gleich gesagt, sie sollte unten bleiben, aber sie hätte natürlich mal wieder nicht hören wollen.

Bis über die Mitte des Stammes war die Sache gut gegangen. Aber da glitt sie plötzlich aus und kam ins Fallen. Gerd, mit schneller Geistesgegenwart hinzuspringend, fing sie in seinen Armen auf, wurde aber von der Wucht des Falles mit zu Boden gerissen.

Keiner hatte sich Schaden getan, und als sie das festgestellt hatten, lachte Leidchen auch schon wieder, bis Gerd mit strengem Gesicht auf ihr Kleid hinzeigte: »Kuck mal da!«

Erschrocken hielt die die Ränder eines ansehnlichen rechteckigen Risses gegeneinander.

»Ja, so hat's gesessen,« spottete er, »du großes Mädchen solltest dich tüchtig was schämen.«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, während er noch eine Weile fort moralisierte. Aber bald, als er sah, wie ihr das Unglück zu Herzen ging, fing er an zu trösten. Sie hätte im Handarbeitsunterricht bei Fräulein Timmermann das Flicken und Stopfen ja gründlich gelernt und letzten Winter ihm den Riß in seiner Sonntagshose so fein zugemacht, daß man ihn überhaupt nicht wiederfinden könnte.

Aber ihre gute Laune war dahin. Den Blumenstrauß, den sie vor der verunglückten Kletterei zur Seite gelegt hatte, nahm sie nicht wieder auf, obgleich Gerd sie daran erinnerte. Die Hand an dem Riß, trat sie mit ärgerlichem Aufstampfen der kleinen Füße den Rückweg an.

Eine Strecke waren sie stumm nebeneinander geschritten, da sagte sie verdrossen: »Das ist viel zu wenig, was ihr mir als Lohn geben wollt.«

Gerd fand fünfundzwanzig Taler für das erste Jahr ganz anständig. Später müßte Jan natürlich auflegen und würde es gewiß auch tun.

»Später? Es soll nicht lange dauern, so geh' ich in die Stadt.«

»Wie kommst du mit einemmal auf solche Grappen?« fragte er verwundert.

»Von den Mädchen, die heute mit mir konfirmiert sind, gehen sechs schon zum ersten Mai hin.«

»So—o?«

»Gerkens Minna aus Moorwede fängt mit vierzig Talern an und braucht dafür bloß ein bißchen wischen und fegen. Und Meyerdierks Line aus unserem Dorf hat im dritten Jahr schon fünfundsechzig.«

»Und 'n lüttjen Vogel dazu, sagen die Jungens.«

»Pah, was fragt die nach euch Jungens!«

»Na, ich denk', freien will sie am Ende doch auch mal.«

»Das kann sie in der Stadt grad so gut haben als hier. Ja, noch viel besser! Rugens Beta hat 'n Schaffner an der Elektrischen gekriegt, und Lachmunds Minna ihr Mann ist sogar Angestellter an der Eisenbahn.«

»Dann ist er auch recht was. Mir ist ein Stellbesitzer, der seine sechzig Morgen eigenen Grund und Boden unter den Füßen hat, zehnmal so lieb wie einer, der den ganzen Tag auf der Elektrischen mit den Groschen klötern oder auf dem Bahnhof die Eisenbahnräder schmieren muß. Überhaupt, Deern, du kannst von der Stadt noch gar nicht mitschnacken, hast ja von ihr noch nichts gesehen als die Türme, von dem alten schiefen Fuhrenbaum aus. Ich bin wohl hundertmal in Bremen gewesen, und jedesmal, wenn ich meinen Torf verkauft habe und mein Schiff wieder aus dem Torfhafen hinausstaken kann, bin ich von Herzen froh. Das Stadtleben ist für unsereinen nichts.«

»Du könntest mich im Herbst wohl mal mitnehmen, zum Freimarkt.«

»Hm, das will ich mir überlegen ... Ja, wenn du schön artig und folgsam bist, und den Sommer über ordentlich fleißig, darfst du mal mit,« sagte er etwas gönnerhaft. »Du sollst sehen, wie schnell unsereinem die engen Straßen und die vielen Menschen über werden.«

»Das wollen wir erst mal abwarten,« meinte sie.

Zu Hause angelangt, fanden die Geschwister die Stube voller Nachbarsleute, die zum Gratulieren gekommen waren. Die Frauen benutzten zugleich die Gelegenheit, der Wöchnerin ihren pflichtmäßigen Besuch abzustatten. Die üblichen Wochengeschenke an Butter, Gebäck und Zucker hatten sie mitgebracht.

Leidchen setzte sich still und sittsam, wie es einer neukonfirmierten jungen Christin ziemt, auf einen Stuhl und gab sich Mühe, das Loch in ihrem Ehrenkleide zu verbergen. Aber Meta Frerks hatte zu gralle Augen, die entdeckten es bald, und es erhob sich ein großes Hallo. Zuletzt sorgte Beta Rotermund für eine Ablenkung, indem sie ihres Patenkindes Gedenkblatt herumreichte. Dieses zeigte in Schwarzdruck das Bild des guten Hirten und in roten Buchstaben den Spruch Phil. 4, 8: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich, was wohl lautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denket nach.

Die Frauen fanden Bild und Spruch sehr schön, meinten, Leidchen sollte man recht danach tun, und Tischler Kortjohann in Worpswede würde das Gedenkblatt gut und billig einrahmen.

Als die Nachbarn fort waren, kleideten Bruder und Schwester sich schnell um, die Kühe zu melken. Ritterlich kroch Gerd unter die schwierigsten Tiere, und in dem warmen, dämmerigen Dunst des Stalles zischte die Milch unter gleichmäßigem Stripp-Strull in die Eimer.