7.
Nachdem die Brunsoder wieder einmal Torf, Heu, Roggen und Kartoffeln geerntet, sieben Dorfgenossen zu Grabe und neun zur Taufe geleitet, vier grüne Hochzeiten nebst zwei silbernen und einer goldenen gefeiert hatten, war wieder ein Jahr herum.
Es war ein Abend zwischen Weihnachten und Neujahr, Rosenbrocks saßen in der Stube beieinander, Jan las die neueste Nummer der Hamme-Zeitung, die er soeben dem Kästchen an der Hofbrücke entnommen hatte, in die der Austräger sie zu stecken pflegte. Er begann regelmäßig mit den Ferkeln, Faselschweinen, Quenen, Starken und anderem Hausgetier, das auf den letzten Seiten sein Wesen trieb; auch ins Lokale warf er wohl mal einen Blick, zum Politischen und Allgemeinen drang er selten vor.
Plötzlich fing er an zu knurren und brummte vor sich hin: »Die vermuckten Jungens!«
Die anderen blickten neugierig auf, er aber schob die Zeitung zu Leidchen hinüber, indem er mit dem Finger in die untere Ecke der dritten Seite deutete.
Sie beugte sich hastig über das Blatt, und indem sie las, färbte eine lebhafte Röte ihr die Wangen, und der Atem ging schneller. Gerd, der auf der anderen Seite des Tisches saß und aus Zigarrenholz einen Kammkasten schnitzte, beobachtete sie verwundert, fragte aber in gleichgültigstem Tone: »Was hast du da?« »Rat' mal!«
»Da geb' ich meinen Kopf nicht zu her.«
»Ich steh' hier gedruckt!« rief sie mit glänzenden Augen.
»So? Lies mal vor!«
Sie schob die Ellbogen auf den Tisch, hielt das Blatt unter die Hängelampe und las, langsam, in geziertem, feierlichem Ton:
»Fräulein Leidchen Rosenbrock, der feinsten Deern im Dorf, zu ihrem am 29. Dezember stattfindenden siebzehnjährigen Wiegenfeste ein donnerndes Lebehoch, daß die Birken sich biegen und die ganze Dorfreihe wackelt. Wir stellen uns alle ein. Ob sie sich wohl was merken läßt?
Die böbersten Brunsoder Jungs.«
»Die könnten ihr Geld auch besser anwenden als zu solchem Narrenkram!« brummte Gerd, und der Bauer und die Frau nickten zustimmend. Aber das durch das Inserat geehrte Geburtstagskind zog die schwellenden roten Lippen kraus und sagte schnippisch: »Für'n guten Spaß muß auch mal'n Groschen übrig sein. Morgen geh' ich hin und lad' mir die Spinners ein, bin ja doch an der Reihe. Und was ich für die Jungs brauche, bring' ich gleich mit. Jan, gib mir fünf Mark von meinem Lohn!«
»Aber Deern!« rief Gerd erschrocken.
Sie blickte ihn fest und entschlossen an. »Was sein muß, das muß sein. Die Jungs sollen bei mir ebensogut ihr Recht haben wie anderswo. Ich komm' übermorgen schon in mein achtzehntes und bin kein Kind mehr. Jan, her mit dem Geld!«
Jan zögerte noch.
»Wem gehört das Geld, das ich mir verdient habe?« fragte sie spitz, »mir oder dir?«
Endlich rückte er mit einem Taler heraus, und da auch die anderen erklärten, das wäre überleidig genug, gab sie sich zufrieden.
Das Glückwunschinserat schnitt sie aus und klebte es mit Mehlkleister fein säuberlich in ihr Poesiealbum.
Leidchen, die seit kurzem mit zum Spinnen ging und heute, an ihrem Geburtstag, das Koppel zum erstenmal bei sich haben sollte, hatte die Stube geschrubbt, zurecht gekramt und mit feinem weißen Sand gestreut. Nun saß sie am Fenster und erwartete die Mädchen. Vor ihr stand das Spinnrad, auf dem schon ihre Mutter als junges Mädchen gesponnen hatte. Es war kürzlich für sie aufrepariert und in frischem Rot gestrichen; das grüne Wockenblatt trug die Inschrift: »Schönes Mädchen mit dem Rädchen, spinn um mich das Liebesfädchen.«
Sie hatte das Reich heute allein. Jan und Trina waren nach Mittag, um dem jungen Volk aus dem Wege zu gehen, zum Besuch der Freundschaft nach Meinsdorf aufgebrochen, Gerd machte eine Schlittschuhfahrt über Land, und die Kinder spielten auf der Nachbarschaft.
Die Spinnerinnen ließen auf sich warten, und voll Ungeduld trat sie auf den Hof hinaus, um den Fußpfad, der sie herführen sollte, entlang zu spähen. Da hörte sie Stimmen, sah die hoch in den Armen getragenen Spinnräder über dem Buschwerk schwanken, und huschte wie ein Wiesel ins Haus zurück.
Die Mädchen reinigten ihre Füße auf dem ausgedienten Handmühlstein, der als Tritt vor der Seitentür lag, und traten dann auf das Flett, wo das Geburtstagskind sie empfing und ihre Gratulationen entgegennahm. Und bald saßen die Spinnerinnen, ihrer acht, im Halbkreis vor den roten, bunt gekrönten Rädern, die sofort ein lustiges Schnarren begannen, mit dem die Mundwerke, als sie erst einmal im Gang waren, erfolgreich wetteiferten.
Die meisten hatten am zweiten Weihnachtstag bei Heini Peper getanzt, und da war nicht viel los gewesen. Aber um so mehr wußten Anna Schnackenberg und Minna Siedenburg zu erzählen, die den Weihnachtsball im Kirchdorf mitgemacht hatten, wo's mal wieder hoch hergegangen war. Ein Besendorfer hatte einem Hasenweder auf den Fuß getreten, und da hatte es sofort eine tolle Schlägerei zwischen den Jungens der seit alters verfeindeten Dörfer gegeben, wobei die aus den anderen Ortschaften teils diesen, teils jenen beigesprungen waren. Die Mädchen hatten sich kreischend auf Tische und Stühle geflüchtet, dem Gendarm, der Frieden stiften wollte, war ein Bierseidel hart am Kopf vorbeigeflogen, er hatte aber eine ganze Menge aufgeschrieben, die nun gewiß nach Verden mußten, und der Doktor hatte in der Nacht drei flicken müssen.
Es war Minna Siedenburg, die als Augenzeugin hiervon berichtete und mit dem Seufzer schloß: »Die Jungens sind auch gar zu wild und hitzig.«
»Und dein Jakob ist der allerschlimmste,« sagte Anna Schnackenberg. Minna lächelte stolz verschämt und duldete es gern, daß Anna ihres Jakob Heldentaten ins helle Licht stellte, was selbst zu tun ihr die Bescheidenheit nicht erlaubt hatte.
Von diesem Weihnachtsvergnügen kam das Gespräch auf die Söhne des Dorfes, die zurzeit den bunten Rock trugen. Zwei standen bei den Fünfundsiebzigern in Bremen. Der eine, Jan Monsees, gehörte mit zum Koppel, und man erwartete ihn diesen Abend mit den anderen Jungens. Der andere, Müllers Hermann, war erst im Herbst eingetreten und jetzt zum erstenmal auf Urlaub. Er wäre der hübscheste und strammste Jungkerl im Dorf, wollte jemand behaupten, aber es wurde auch lebhafter Widerspruch dagegen laut, und man sprach von ihm als von einem, der eigentlich zum Jungvolk des Dorfes nicht recht mit dazu gehörte, da er eben der Sohn des reichen Müllers war und die Jahre seit der Schulentlassung in der Fremde zugebracht hatte. — Drei Brunsoder verteidigten fern im Osten die Reichsgrenze gegen die Russen, die Ärmsten hatten diesmal keinen Urlaub bekommen. Man bedauerte sie und schalt auf die Heeresverwaltung. Thyra Kück, die Tochter des Schriftführers im Verein »Junghannover«, meinte, zu hannoverschen Zeiten hätten die Soldaten die Heimat näher gehabt, Deutschland wäre jetzt viel zu groß, woraufhin Dele Meyerdierks, deren Vater zum Kriegerverein gehörte und nationalliberal wählte, es für ihre Pflicht hielt, für des Vaterlandes Größe eine Lanze zu brechen. Als die Festung Thorn genannt wurde, kam Leben in Beta Mohlbrock, die sonst nicht viel sagte. Sie hatte dort einen Cousin, einen Luftikus und Aufschneider, dessen Windbeuteleien außer ihr kein Mensch ernst nahm. »In Thorn«, begann sie, sich wie vor Frost schüttelnd, »ist es beinah so kalt wie am Nordpol. Auf Wache ziehen sie immer drei Mäntel übereinander an, und doch finden sie am anderen Morgen oft genug welche totgefroren auf ihrem Posten. Zuweilen brechen auch Rudel ausgehungerter Wölfe über die russische Grenze, oder ein Bär kommt leise auf den einsamen Wachtposten zugeschlichen, und wehe dem Mann, der da nicht ruhig Blut behält und schlecht schießt. Aber Georg hat die Schützenschnur, und an seiner Uhrkette trägt er den blankpolierten Backenzahn von einer alten Bärenmutter, die er mitten in der Nacht, als sie ihn gerade in die Arme nehmen wollte, mitten durchs Herz getroffen hat« — Minna Siedenburg machte huh — »Es ist aber ganz gewiß wahr, Minna, Georg hat's mir selbst erzählt, und ich hab' den Zahn in der Hand gehabt. Ist man gut, daß seine Zeit bald herum ist. Das Essen ist auch man zeitlich in Thorn. Georg sagt, die Bauern in der Umgegend, wo auch viel Moorland ist, wie bei uns, nähren sich von Buttermilch, Torf und Talglichtern. Aber das kann ich mir nicht recht denken, das hat er sich wohl bloß vorschnacken lassen. Alles darf man auch nicht glauben.« Die andern sahen sich lachend an, und eine mitleidige Seele sagte: »Na, Beta, wenn Georg nächsten Herbst reinkommt, kannst du den armen Kerl man ordentlich herausfüttern und ihn recht fest in den Arm nehmen, daß er warm wird.« Beta steckte sich rot an und lächelte beglückt und hoffnungsselig vor sich hin.
Wie um diesem Thema einen würdigen Schluß zu geben, stimmte Meta Windeler, die eine scharfe, schneidende Stimme hatte, das Lied vom Soldatenabschied an: »Schatz, mein Schatz, reise nicht so weit von hier.« Der fernen Jungens gedachte man besonders noch mal bei dem Verse:
Und nun folgte Lied auf Lied: Ist alles dunkel, ist alles trübe — Es wollt' ein Mädchen früh aufstehn, dreiviertel Stund vor Tag — Leise tönt die Abendglocke — In des Gartens dunkler Laube — Es welken alle Blätter und fallen alle ab. Einmal schlug Leidchen vor: Am Brunnen vor dem Tore, aber da wurde sie ausgelacht: »Deern, das ist doch ein Schullied!« Und sie errötete, weil sie etwas sehr Dummes gesagt hatte.
Ob der Inhalt der Lieder derb, neckisch oder wehmütig, die Weise munter oder sentimental war, das machte für den Vortrag weiter keinen Unterschied: der behielt seine epische Ruhe und seinen Leierton gerade so, wie die Augen gleich ernst auf dem durch die Finger gleitenden Faden ruhten und die Räder gleichmäßig schnurrten.
Da machte es sich nun recht unliebsam bemerkbar, daß in dem Gesang der jüngsten Spinnerin sich hier und da etwas Lyrisches, der Ausdruck eigenen Empfindens, hervorwagen wollte. Nachdem Leidchen deswegen schon einige verwarnende Blicke bekommen hatte, sagte Meta Windeler, die wegen ihrer schrillen Stimme als Gesangsmeisterin anerkannt wurde, unwirsch und verweisend: »Leidchen, was hast du da für 'ne wunderliche Singerei vor?«
Die etwas boshafte Anna Schnackenberg nahm ihr die Antwort ab: »Du mußt wissen, Meta, das soll was extra Feines sein. Sie singt ja immer mit dem Schullehrer.«
Leidchen blitzte die Spötterin zornig an: »Du lügst, Anna. Du weißt ganz gut, ich hab' nur das eine Mal, voriges Jahr zu Weihnachten, mit ihm gesungen.«
»So—o? Aber neulich war er doch erst wieder bei euch.«
»Ja, um Gerd zu besuchen.«
»Haha, das kennt man ... Warum besucht er denn die andern Jungens nicht?«
»Bei denen wird er wohl nichts zu suchen haben.«
»Nun hör' mal einer die Deern an! Sie trägt den Kopf bald ebenso hoch wie ihr Bruder, der unsereins überhaupt nicht mehr ankuckt!«
Leidchen stoppte ihr Rad, stieß es mit dem Fuß ein wenig von sich und sagte: »Anna, wenn du noch länger so'n dummes Zeug schnackst, werd' ich dir ganz böse.«
»Aber Deern,« lenkte diese ein, »du gehst ja nun in dein achtzehntes und mußt es bald lernen, daß du Spaß vertragen kannst.«
»Ich will erst den Kaffee aufgießen,« sagte Leidchen und ging ärgerlich hinaus. Minna Siedenburg, als die älteste des Koppels teilte einen Verweis aus: »Anna, du mußt ein bißchen mehr zu deinen Worten sehen. Das von Gerd und dem Schullehrer gehörte hier gar nicht her.«
Bald sammelte die Geburtstagsgesellschaft sich friedlich um ein braunes Wachstuch, das mit der Schlacht bei Gravelotte bedruckt war, um sich den Kaffeefreuden hinzugeben. Leidchen schenkte ein, und Anna Schnackenberg bekam zur Strafe die letzte Tasse. In der Mitte des Tisches stand ein Teller, der hoch mit weihnachtlichem Butterkuchen bepackt war.
Als dann die Räder wieder liefen, wollte die Unterhaltung nicht recht wieder in Gang kommen. Es lag wie erwartungsvolle Spannung auf dem Kreise, alle Augenblick wandte sich ein Kopf herum und dem Fenster zu. Aber draußen war einstweilen nichts zu sehen, als die schmale silberne Mondsichel, die ein schwaches Licht auf kahle Baumgerippe und lückenhaften Altschnee warf.
»Da kommen schon welche!« rief Beta Wöltjen, und alle Köpfe wandten sich wie am Faden gezogen dem Fenster zu. Richtig, da kamen zwei angeschlendert, die Hände fast bis an die Ellbogen in den Hosentaschen vergraben. Sie lehnten sich faul gegen die Brunnenumfassung, man sah den Tabak, wenn sie ansogen, in ihren Pfeifenköpfen glühen und die Rauchwolken im Mondlicht schimmern.
»Soll ich sie hereinholen?« fragte Leidchen aufgeregt.
»Immer sinnig, das hat noch Zeit,« sagte Minna, die als älteste die Verpflichtung fühlte, über dem guten Ton zu wachen, und auch ihren Jakob noch vermißte.
Die Spinnräder machten jetzt beträchtlich weniger Umdrehungen in der Minute, immer häufiger spazierten die Augen zum Fenster hinaus.
Endlich wurden draußen drei weitere Gestalten sichtbar, die langsam dem Brunnen zu bummelten und sich zu den anderen stellten. Hin und wieder flog von dorten auch ein Blick zum Hause hinüber.
In der Stube fand es im stillen jede an der Zeit, die Jungens nicht länger am Brunnen frieren zu lassen, sondern in die Wärme zu holen. Aber keine wollte das als die erste vom Munde geben, und so währte es noch eine geraume Weile, bis Minna Siedenburg aufstand, Leidchen am Arm nahm und sagte: »Komm Deern, wir beide wollen sie holen. Von alleine kommen sie doch nicht.«
Die sechs im Gang bleibenden Räder spannen jetzt wie wild.
Nach kaum zwei Minuten erschien Minna wieder in der Tür, ihren im Bewußtsein seines Heldentums stolz lächelnden Jakob am Jackenknopf hinter sich herziehend. Leidchen hatte Klaus Rietbrock am Knopfloch, der, wie sie selbst, erst seit kurzem zum Koppel gehörte und seine Verlegenheit dadurch zu verbergen suchte, daß er die Beine trotzig verquer stellte und ein Gesicht machte, als ob er ein ganz schlimmer wäre. Die anderen drei folgten von selbst.
»Daß ihr erst mal warm werdet,« sagte Leidchen und kam mit einer Flasche, aus der sie jedem der Burschen das dicke Gläschen einmal füllte, die »Prost, Leidchen!« riefen und es auf einen Zug leerten. Dann setzten sie sich auf die Wandbänke, hinter die ein wenig mehr unter der Hängelampe zusammenrückenden Mädchen. Die Räder schnurrten und die Pfeifen qualmten.
»Au, er ist mir doch noch bannig steif,« stöhnte Jakob Kück, seinen Arm, wie es schien, mit Mühe ausstreckend.
»Wovon?« fragte Minna, die vor ihm saß und die Gelegenheit, sich schnell mal nach ihrem Liebsten umzusehen, wahrnahm.
Nun konnte Jakob erzählen. Seine Tat erschien nach seiner eigenen Darstellung noch erheblich heldenhafter und bewundernswürdiger, als nach dem Bericht der Augenzeuginnen, die doch auch kein Interesse daran gehabt hatten, sie zu verkleinern. Der Hauptspaß wäre, daß der Gendarm ihn nicht gefaßt hätte. Denn wenn einer nachher für solchen Spaß einige Monate Häcksel fressen müßte, das wäre nichts Genaues.
Jakob war noch im besten Gange, als auf dem Flett Schritte laut wurden, die offenbar nicht von Holzschuhen, sondern von Kommißstiefeln stammten, und Jan Monsees, der Weihnachtsurlauber, trat in die Stube. Aber nicht allein. Dem untersetzten, in schlotteriger Kommißkleidung steckenden Kriegsmann folgte auf dem Fuße ein Kamerad, dessen schlanke, ebenmäßige Gestalt eine gut sitzende funkelneue Extrauniform umgab.
Die Burschen, allen voran der in seinem Bericht unterbrochene Weihnachtsballheld, empfingen den zweiten der Ankömmlinge mit verwunderten und befremdeten Blicken. Aber Jan Monsees sagte: »Müllers Hermann, mein Kompagniekamerad, war gerade bei mir zum Besuch, da hab' ich ihn ein bißchen mitgebracht. Es wird wohl keiner was dagegen haben.« Inzwischen war dieser mit den knarrenden Extrastiefeln auf Leidchen zugeschritten, gab ihr, die Hacken zusammenschlagend, die Hand und sagte: »Ich hab' in der Zeitung gelesen, daß du heute Geburtstag hast, und wollte dir auch eben gern gratulieren. Darf ich 'ne halbe Stunde mit schnacken?«
»Von Herzen gern,« sagte Leidchen, durch den unerwarteten Besuch nicht wenig geschmeichelt, und sah sich nach einem Platz für ihn um. Da die Bänke ziemlich besetzt waren und die anderen keine Anstalt machten, zusammenzurücken, holte sie schnell einen Stuhl und bat, ihn halblinks hinter sich stellend, Hermann, damit vorlieb zu nehmen. Dann kredenzte sie ihm und seinem Kameraden den Bewillkommnungsschluck. Auch die übrigen bekamen der Reihe nach wieder ein Gläschen.
Jakob Kück fing noch einmal von seinem Weihnachtsball an, fand aber keine rechte Aufmerksamkeit mehr. Er ärgerte sich nicht wenig, daß er sein Pulver zu früh verschossen hatte. Um so leichter wurde es dem Eindringling, sich im Handumdrehen zum Helden der Situation zu machen. Er steckte von oben bis unten voll von Unteroffiziersanekdoten und Kasernenhofblüten, die er natürlich alle selbst erlebt haben wollte und geschickt vorzubringen wußte. Je lebhafter seine Zuhörerinnen Beifall spendeten, desto launiger und witziger wurde sein Erzählen. Den Stuhl noch ein wenig vorziehend, saß er bald an Leidchens Seite und im Kreise der Mädchen, die immer wieder von ihren Fädchen aufblickten und in das frische, lachende Gesicht des jungen Kriegers sahen, der nach jedem Geschichtchen selbstgefällig seinen unwiderstehlichen Schnurrbart drehte. Die Jungens auf den Bänken im Hintergrund fühlten sich sehr an die Wand gedrückt. Jakob Kück, der beim ersten Garderegiment gedient hatte und den Rekruten der Fünfundsiebziger von Grund seiner Seele verachtete, versuchte einige Male, ihm einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Aber der wußte ihn jedesmal so geschickt zu parieren und zurückzugeben, daß er selbst darüber stolperte und von den Mädchen ausgelacht wurde. Und sogar Minna Siedenburg lachte mit. Müllers Hermann war und blieb erster und einziger Hahn im Korbe. Krischan Wedderkopp ging bald heimlich hin und stibitzte die nach dem letzten Umtrunk wieder gefüllte Flasche, an der man sich schadlos hielt.
Endlich schien Hermanns Anekdotenschatz erschöpft zu sein, und Meta Windeler schlug vor, mal eins zu singen. Das geschah denn auch, und dabei konnten auch die an der Wand sich mal wieder hören lassen. Die meisten sangen »groff«, das heißt, eine Oktave tiefer als die Mädchen, einige versuchten aber auch etwas wie die zweite Stimme. Krischan Wedderkopp befand sich schon in dem Stadium, wo das Singen zum Gröhlen wird. —
Gerd, den die unsicheren Eisverhältnisse der Hamme zu Umwegen gezwungen hatten, kehrte später zurück, als in seiner Absicht lag. Er fand eine ziemlich fortgeschrittene Stimmung vor. Er nickte den gerade wieder Singenden grüßend zu und schritt durch die Stube, um das einzige Fenster, das zum Öffnen eingerichtet war, aufzumachen. Denn die Luft war in dem niedrigen tabaksqualmerfüllten Raum so heiß und dick, daß es einem, der von draußen kam, schier den Atem versetzen wollte. Dann begab er sich in die Ecke hinter den Ofen.
Als das Lied aus war, kam Müllers Hermann zu ihm, begrüßte ihn durch Handschlag und erzählte, auf welche Weise er hier unter das Koppel verschlagen wäre. Nachdem er noch einige Worte mit ihm gewechselt hatte, begab er sich an seinen Platz zurück. Die andern nahmen weiter keine Notiz von dem Ankömmling. Er galt ihnen nun einmal als Sonderling und Drögepeter, den man am besten sich selbst überließ. Doch schien es, als ob seine Anwesenheit auf die ausgelassene Lustigkeit lähmend wirkte.
Aber Krischan Wedderkopp ließ sich das weiter nicht anfechten, er hatte mehr getrunken als die anderen und war nun einmal in der Fahrt. Nachdem er schon allerhand Unfug gemacht hatte, brach er durch die Reihe der Spinnerinnen und näherte ein angebranntes Streichholz der Hängelampe, wie um es über ihr neu zu entzünden. Doch plötzlich knipste er es fort, hielt die flache Hand schräg hinter das Glas und blies scharf dagegen. Die Lampe erlosch, die Gesellschaft befand sich im Dunkeln, und das Kreischen der Mädchen verriet, daß einige Burschen sich sofort kleine Freiheiten erlaubten. Es drohte ein tolles Durcheinander zu werden.
Da donnerte es aus der Ofenecke: »Steckt das Licht wieder an!« Aber niemand gehorchte.
Gerd fand Schwefelhölzer in seiner Westentasche und riß eins an der warmen Ofenplatte in Brand. Aber ehe die bläulich schwelende Flamme das Holz recht ergriff, wurde es ihm in der Hand ausgeblasen.
Ein zweites hatte das gleiche Schicksal.
»Nehmt euch in acht!« rief Gerd, ein drittes in den hohlen Händen schützend. Eben wollte er es zur Lampe emporheben, als es wieder erlosch.
Es fing an, in ihm zu kochen, und als auch das vierte Zündholz, das er, unter der Lampe stehend, am Hosenboden angerissen hatte, ausgeblasen wurde, schnellte er die rechte Hand scharf zur Seite und traf jemanden nicht eben sanft auf den Mund und Backe. Es gab einen dumpfen Klapp und gleich darauf ein wildes Gejohle.
Mit dem fünften Streichholz brachte er unter dem Schutz seiner geballten Faust die Lampe glücklich in Brand.
Die Mädchen strichen sich die verwirrten Haare glatt, banden die aufgelösten Schürzenbänder zu und setzten sich ehrbar wieder an ihre Spinnräder.
»Muß mir doch mal die Schnuten ankucken, wen's getroffen hat,« sagte Krischan Wedderkopp und sah mit seinem Faungesicht den einzelnen scharf auf den Mund, bis er vor dem Müller stehen blieb und mit schadenfrohem Lachen rief: »Hier hat's eingeschlagen!«
Hermann leugnete und stellte eine unbefangene Miene zur Schau. Aber die gerötete Backe verriet ihn.
Es erhob sich ein helles Gelächter, in das auch die Mädchen mit einstimmten. Hermann fühlte, daß er etwas tun mußte, um seine schwer gefährdete Soldaten- und Burschenehre zu retten.
Er trat vor Gerd hin, der sich in seinen Winkel zurückgezogen hatte und lässig gegen den Ofen lehnte.
»Gerd, du hast mich geschlagen!«
»Warum hältst du deinen Schnabel hin?« fragte der gelassen.
Die Burschen zogen eine Mauer um die beiden. Die Mädchen, sich im Hintergrund haltend, sahen ängstlich und neugierig zwischen ihnen durch; die kleineren waren auf Stühle gestiegen. Jan Monsees suchte den Kameraden mit gütlicher Zusprache zu beruhigen, während Krischan Wedderkopp hetzte: »Hiß, hiß! Wer sich aufs Maul schlagen läßt, ist kein Kerl.«
»Ich verlange, daß du auf der Stelle Abbitte tust,« stieß der Müller in heiserer Stimme heraus.
Gerd schwieg und verharrte in seiner lässigen Haltung.
Da langte der Kriegsmann, sich hoch aufrichtend, mit großer Gebärde nach dem Seitengewehr. Jedoch bevor er es ziehen konnte, war Gerd zugesprungen, hatte ihn mit Untergriff gepackt und streckte den langen Menschen der Länge nach in den Streusand des Fußbodens. Dann ließ er ihn aber sofort los, steckte beide Hände in die Hosentaschen und lehnte sich wieder gegen den Ofen.
Die helle Wut im Gesicht, sprang der andere auf die Füße, zog blitzschnell seine Waffe und wollte auf den Gegner eindringen. Aber Leidchen, die Kette der Burschen durchbrechend, warf sich ihm mit einem gellenden Schrei entgegen, und zugleich packten ein paar kräftige Arme den Rasenden. »Was? Der will uns mit seinem Käsemesser zu Fell?« »Was hat der großschnauzige Kerl überhaupt in unserem Koppel zu suchen?« »Raus mit ihm!« schrie es durcheinander, und obgleich Jan Monsees kameradschaftlich Einspruch erhob und Leidchen bat und flehte, beförderten die erhitzten, eifersüchtigen Burschen den ungebetenen Gast, so sehr er sich mit Händen und Füßen wehrte, erbarmungslos zur Stube und zum Hause hinaus.
Mit dem Spinnen war es jetzt natürlich vorbei, obgleich Leidchen dringend bat, wieder Platz zu nehmen. Eine Weile stand ihre Geburtstagsgesellschaft noch in der Stube durcheinander, das Vorgefallene leidenschaftlich besprechend, dann nahmen die Mädchen ihre Spinnräder in den Arm, und das Koppel zog aufgeregt zum Hause hinaus.
Gerd hatte schon vor den anderen die Stube verlassen und sich hinten auf der Diele bei dem Vieh zu schaffen gemacht.
Als er auf das Flett zurückkam, begegnete ihm Leidchen, die soeben ihre Gäste zur Seitentür hinausgeleitet hatte.
»Na, sind wir das rüde Volk endlich aus dem Hause los?« fragte er arglos.
Wie eine fauchende Katze, als ob sie ihm an den Kopf wollte, kam sie auf ihn zugefahren, ihre Augen schossen Blitze, der ganze Körper zitterte vor Erregung, und mit zornerstickter Stimme rief sie:
»Das vergess' ich dir mein Lebtag nicht, was du mir heut' abend angetan hast!«
»Ich? Dir?« fragte er verwundert.
»Nun stell' dich auch noch dumm! Du hast mir meinen ganzen Geburtstag ausgeschändet. Wir waren alle so vergnügt und lustig ... bis du kamst. Da war's mit einemmal vorbei. Du gönnst mir ja keinen Spaß, das weiß ich schon lange.«
»Leidchen!«
»Ich hatte mich so gefreut, daß Müllers Hermann sich auch mal bei uns sehen ließ. Denn das war eine große Ehre für mich; und er hat uns so spaßige Geschichten erzählt. Und nun muß er so aus dem Hause kommen! Schämen muß'n sich vor den Leuten wegen so 'nem Bruder!«
»Wenn du dich wegen sonst nichts zu schämen brauchst, dann sei froh. Ja, schämen solltet ihr euch wirklich, ihr großen Mädchen, so im Dunkeln mit den Jungens herumzutoben! Daß eine, wie Anna Rickers, dazu Lust hat, nimmt mich nicht wunder. Aber daß dir das Spaß macht, Leidchen, das tut mir in der Seele weh ... Pfui, sich von einem Kerl, wie Krischan Wedderkopp, anfassen zu lassen!«
»Mich hat kein Krischan angefaßt! Nur die Schleife vom Schürzenband hat mir einer aufgezogen, und was ist da groß bei? Aber so bist du schon immer gewesen: aus der Mücke machst du einen Elefanten und aus einem kleinen Spaß gleich 'ne große Sünde. Mit jedem Tag wirst du ducknackiger, das sagen die anderen auch. Ich glaube, das kommt davon, daß du so viel mit dem Schulmeister läufst, worüber alle Leute sich wundern. Von dem lernst du wohl das Schulmeistern und Aufpassen. Aber ich lasse mir das nicht länger gefallen, ich hab's jetzt gründlich satt ... Was du mir heut' abend angetan hast, das vergess' ich dir so leicht nicht. Warte, ich spiel' dir noch mal einen Streich, daß du auch dran denken sollst!«
Sie hatte die Hand zur Faust geballt und sie drohend gegen ihn erhoben.
»Man sachte, man sachte!« klang es begütigend von der Seitentür her, durch die Jan und Trina soeben eingetreten waren. »Deern, was hast du denn bloß?« fragte die letztere, »du bist ja wohl nicht recht klug.«
Leidchen war jäh verstummt und mit einem feindseligen Blick auf den Bruder ging sie in ihre Kammer.
»Was hat sie denn?« fragte Trina, ihr Kopftuch lösend und von dem langen Weg ermüdet auf einen Stuhl sinkend.
»Nichts Besonderes,« sagte Gerd, »die Deerns kriegen manchmal so ihren Rappel.«
Damit wandte er sich und suchte seine Schlafkammer auf, die an der Großen Diele lag.